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In einer apokalyptischen Zukunft giert der teuflische Herrscher Bernard Lambkin mithilfe seiner Armee aus Dämonen nach der mystischen Waffe Mortifer, die ihm Macht über Leben und Tod verleihen würde. Um sich aus den Fängen ihres sadistischen Dienstherrn freizukaufen, scheut die junge Leibeigene Shira vor keiner Gelegenheit zurück. Etwas, das jede Finsternis besiegen kann, schlummert in ihr und verleiht ihr die intuitive Kraft, Dinge vorherzusehen. Als Shira im Verlies landet, wird sie deshalb von Trajan, einem Krieger mit übernatürlichen Fähigkeiten, befreit, der ebenfalls auf der Suche nach dem Mortifer ist. Er liefert ihr die Gelegenheit, Vergeltung an ihrem Peiniger zu üben und weckt ungeahnte Gefühle in ihr. Gemeinsam stellen sie sich Bernard Lambkin in einem blutigen Kampf um die Zukunft des Landes.
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Seitenzahl: 421
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Über die Autorin
Stopp, geh noch nicht!
Tochter des Feuers E-Book-Ausgabe 04/2020 Copyright ©2020 by Eisermann Verlag, Bremen Ein Imprint der Eisermann Media GmbH Umschlaggestaltung: Jaqueline Kropmanns Satz: André Piotrowski Lektorat: Sarah Strehle Korrektur: Daniela Höhne http://www.Eisermann-Verlag.de ISBN: 978-3-96173-189-3
»Lass mich los! Ich werde das verdammte Ding nicht anrühren!«
»Nimm es, Fredegar. Bitte. Denk daran, wie oft ich deine Haut gerettet habe.«
»Damit wird’s vorbei sein, wenn du deinen irren Plan durchziehst, Andrea!«
»Ich muss es tun.«
»Du verrennst dich in was. Flavus Bolger ist tot.«
»Es gibt jemand anders. Die Kaosu organisieren sich. Sie haben einen neuen Herrn. Etwas regt sich im Untergrund.«
»Dann vernichte die verdammte Disk doch! Da, wirf sie ins Feuer!«
»Ich kann nicht schlafen, Tante Andrea.« Das kleine Mädchen mit den dunklen Locken gähnte. Sein Blick fiel auf die Frau und den wuchtigen Mann, in dessen Handfläche ein grüner Samtbeutel lag.
»Geh wieder ins Bett, Shira, ich bin gleich bei dir.«
Die Frau schloss die Faust des Mannes um den Gegenstand. »Eines Tages wirst du verstehen, warum ich die Disk nicht vernichten kann. Bitte hilf mir, Fredegar. Niemand wird dich verdächtigen. Niemand.«
»Eines ist klar. Wenn ich das Ding mitnehme, dann sind wir quitt.«
»Das sind wir.«
Der Samtbeutel wanderte in die Tasche des Mannes.
Das kleine Mädchen rieb sich die Augen, bis sein Blick sich trübte.
Eines Tages bringe ich das Schwein um.
Die Bambusrute landete hart auf Shiras Rücken.
Einmal. Zweimal. Dreimal.
Mit jedem Schlag brannte ihre Haut stärker. Sie spürte, wie das Blut in feinen Rinnsalen ihren Rücken hinabfloss. Shiras Finger krümmten und streckten sich abwechselnd im Rhythmus der Hiebe, die auf ihren Körper niederfuhren. Sie roch Blut. Doch sie würde ihren Schmerz nicht hinausschreien wie ein waidwundes Tier. Diesen Gefallen würde sie ihm nicht tun.
Shira beobachtete Malcolm Gungers aus den Augenwinkeln. Er starrte sie an, als wäre sie ein Kunstwerk. Wann immer ihr Rücken sich nach unten bog und ihr Kopf lautlos nach hinten schnellte, fuhr seine Zunge über die wulstigen Lippen. Die Genugtuung, die sie in seinen Augen las, ließ Shiras Blut kochen. Mehr als jeder einzelne Hieb, der ihre Haut zum Platzen brachte, traf sie Gungers’ gieriger Blick. Mit verschränkten Armen schaute er auf sie herab, auf sein Eigentum, das er demütigte, wann immer es ihm beliebte. Er atmete hektisch durch seinen leicht geöffneten Mund. Schweiß stand ihm auf der Stirn, als hätte er Fieber. Die Erregung in Gungers’ Gesicht ließ Shiras Magen schmerzhaft zusammenkrampfen. Diese Bestie.
Shira senkte den Kopf und wartete auf den nächsten Schlag. Er kam mit einer Wucht, die ihr die Luft aus den Lungen presste. Doch kein Laut drang aus ihrem Mund.
Tief in ihr lag eine Stärke, die sie alle Schmerzen und alle Ungerechtigkeiten erdulden ließ.
»Lass es gut sein!« Gungers’ leise Stimme jagte Shira eine Gänsehaut über den wunden Rücken. Er nahm die Bambusrute aus der Hand des Folterknechts. »Die Diebin hat ihre Lektion gelernt.«
Er umrundete Shira mit wenigen Schritten, bis er direkt vor ihr stand.
Sie senkte den Blick auf seine blank polierten Stiefel. Speichel sammelte sich in ihrem Mund. Nur der Gedanke an Ben hielt sie davon ab, ihn auf Gungers’ Schuhe zu spucken.
»Sieh mich an, Sklavin.«
Shira hielt den Kopf gesenkt. Ich werde dich töten. Mit meinen eigenen Händen werde ich dich töten.
Das Atmen über ihr wurde langsamer. Die Stiefelspitze näherte sich ihrem Kinn, hob es an, sodass sie gezwungen war, Gungers anzusehen. Selbst jetzt noch, als er auf sie herabschaute, fiel Shira auf, wie klein er war. Ein Zwerg, der sich hinter Mächtigeren versteckte, um sich selbst zu erhöhen.
Seine blonden Haare waren streng nach hinten gekämmt, gepflegt, wie es sich für seinen Stand gehörte. Die Lippen glänzten feucht vor Speichel. Er beugte sich ein Stück vor, so weit, dass sein Atem Shiras Stirn streifte, wenn er mit ihr sprach.
»Ich werde für heute gnädig sein mit dir. Weißt du, warum? Weil du hübsch anzusehen bist. Und vielleicht möchtest du es ja auch wiedergutmachen?«
Shira ballte die Hände zu Fäusten, als sie das lüsterne Funkeln in seinen Augen sah. Unwillkürlich drang ein Grollen aus ihrer Kehle. Niemals würde sie in sein Bett steigen. Niemals. Eher würde sie sterben, als sich von diesem Tier anfassen zu lassen.
Gungers schien ihren Widerwillen zu spüren. Sein Blick verfinsterte sich. »Wenn du mich noch mal bestiehlst, werde ich es mir anders überlegen. Ich werde dich zermalmen wie Fliegendreck.« Er zog den Stiefel unter ihrem Kinn hervor und holte aus. Sein Tritt traf sie hart in die Seite.
Eine Welle aus Schmerz überrollte Shira. Ein spitzer Schrei entfloh ihrer Kehle. Sie biss sich auf die Zunge, doch es war zu spät. Scheiße. Verdammt noch mal! Sie hatte es der Bestie erlaubt, ihr eine Gefühlsregung zu entlocken.
Gungers’ Schatten fiel über sie, als er an ihr vorbeiging und die Kammer verließ.
Sie rollte sich stöhnend zur Seite. Der Folterknecht packte ihre Arme und zog sie auf die Beine. Shira wusste, was nun geschehen würde. Er würde sie im Gesindezimmer abladen wie einen Sack Kartoffeln.
So, wie er es mit all den erbarmungswürdigen Untertanen Gungers’ tat, die seine Rute zu spüren bekamen.
Doch Shira hatte den meisten anderen etwas Entscheidendes voraus. Sie würde die Kammer lebendig verlassen.
Tante Andrea hatte weniger Glück gehabt.
Der Palast von Emerald Dogus lag auf einer Anhöhe unweit des alten Krankenhauses. Der Schatzmeister hatte das Gebäude vor wenigen Stunden verlassen. Und er würde heute Nacht nicht mehr zurückkehren.
Wenn Kros bloß die Wahrheit gesagt hat, dachte Shira.
Kros war keine vertrauenswürdige Quelle, doch die einzige, die Shira geblieben war, seitdem sie Fredegar aus dem Weg ging.
Shira versicherte sich mit einem raschen Blick, dass sie allein war, und kletterte dann an den Mauervorsprüngen des Palastes hoch bis zu einer Plattform, die Dogus als Sonnenterrasse nutzte. Mit Schwung zog Shira ihren Körper über das Geländer. Die dicken Sohlen ihrer Stiefel dämpften ihre Schritte, dennoch hallte der dumpfe Klang ihrer Tritte in ihren Ohren wider, als wären ihre Schuhe aus Holz. Shira presste ihren Körper eng an die Wand und lauschte in die Nacht. Eine Minute verging, vielleicht auch zwei. Eine weitere. Noch eine.
Sie war allein.
Shira löste sich aus dem Schatten der Wand und fuhr mit der Hand die Ränder der Glastür ab, die in Emerald Dogus’ Schlafzimmer führte. Die linke Ecke gab unter ihrem Druck nach, so, wie Kros es vorhergesagt hatte. Shira presste ihre Hand stärker auf die Stelle, bis sie sich nach innen bog und einen Spalt freigab.
Leise schob Shira einen der Stühle auf der Plattform vor die Glastür und stieg hoch.
Eins, zwei, drei.
Sie zwängte ihren Körper durch die Lücke und landete auf der anderen Seite hart auf ihrem Rücken. Der Aufprall drückte ihr die Luft aus den Lungen. Sie presste die Lippen fest aufeinander, um den Schrei zu unterdrücken, der in ihrer Kehle lauerte. Ihr Rücken tat höllisch weh. Sie spürte noch jeden Schlag der Bambusrute. Dieser Folterknecht hatte ihr die Seele aus dem Leib geprügelt.
Shira schloss ein paar Sekunden lang die Augen und überließ sich der Stille. Nur ein bisschen. Nur ganz kurz.
Mit neuem Schwung zog sie sich auf die Beine und tastete sich in der Dunkelheit an der Wand des Schlafzimmers entlang. Sie wusste instinktiv, wonach sie suchte; die Mechanismen, mit denen die Privilegierten ihre Schätze versteckten, unterschieden sich kaum voneinander. Ihre Hand ertastete eine unauffällige Erhebung an der Wand, so unschuldig, dass ein Unerfahrener sie nicht wahrgenommen hätte. Nach wenigen Handgriffen schob Shira einen Deckel zur Seite und legte ein Ziffernfeld frei. Sie kannte den Code nicht, der den Safe öffnen würde. Aber das musste sie auch gar nicht. Dank der Tricks, die Fredegar und später Kros ihr beigebracht hatten, lag der schwierigste Teil – das Einsteigen in das Gebäude – bereits hinter ihr.
Shira holte den Destabilisator aus der Tasche ihres Mantels und befestigte ihn an der Wand neben dem Ziffernfeld. Destabilisatoren waren eigenwillige mechanische Apparaturen. Sie waren darauf programmiert, Codes zu knacken, und wandelten die Zahlenfolge in eine Abfolge von verschieden Tönen um, die für ein ungeschultes Ohr wie ein Meeresrauschen klangen. Wurde die Zahl falsch eingetippt, explodierte der Destabilisator – und der Unglückliche, der die falsche Zahlenkombination eingegeben hatte, mit ihm.
Er summte, als er seine Arbeit aufnahm. Shiras Finger verharrten nur wenige Zentimeter über den Tasten, bereit, jeden Moment den Code einzugeben, sobald der Destabilisator ihn geknackt hätte.
Ein helles Licht blendete Shira für einen Augenblick. In diesem Moment wusste sie, dass sie den Destabilisator nicht mehr benötigte. Denn da war es wieder. Eine Erinnerung an ein Ereignis, dessen Zeugin sie niemals gewesen war. Wie in einem Traum sah Shira den alten Emerald Dogus vor sich, der den Safe öffnen wollte. Er drückte die Tasten – Fünf, Drei, Fünf, Sieben. Die Sonne schien.
Es musste am Vormittag gewesen sein, heute Vormittag, dachte Shira. Ihre Finger tippten die Zahlenkombination. Der Destabilisator summte den Code erst, als Shira den Safe längst geöffnet hatte.
»Was ist das für Kleinkram?« Shira hatte bisher noch nicht das Glück gehabt, auf ein Versteck voller Reichtümer zu stoßen, doch die Gegenstände, die sich in Emerald Dogus’ Geheimfach verbargen, scheuten jeden Vergleich. Der Safe war leer bis auf eine Handvoll Münzen und eine silberne Uhr, die – dem fehlenden Glanz nach zu urteilen – ihre besten Jahre bereits hinter sich hatte.
Erschöpft lehnte Shira ihre Stirn gegen die Wand. War das das Risiko wert gewesen? Sicherlich, Emerald Dogus weilte nicht im Haus. Doch die Gefahr, von einem seiner Dienstboten überrascht zu werden, war nicht zu vernachlässigen. Zudem brachte ihr wunder Rücken sie fast um den Verstand. Sie verfluchte Kros stumm dafür, sie hierhergeschickt zu haben, und entschied sich, die Münzen im Safe als Trost für sich zu behalten.
Soll Kros mir doch den Buckel runterrutschen.
Shira packte die silberne Uhr, löste den Destabilisator von der Wand und verließ das Zimmer auf die Art, wie sie hereingekommen war.
Wasser löste sich von der Höhlendecke und tropfte auf den Boden. Shira rieb sich die Hände, während Kros die silberne Uhr durch seine Finger gleiten ließ. Morgens war es weniger gefährlich auf dem Schwarzmarkt. Die Höhle, die den Schwarzhändlern als Unterschlupf diente, hatte sich deutlich gelichtet. Die meisten der zwielichtigen Kunden schliefen zu dieser Zeit ihren Rausch oder ihren Trip aus.
Der blonde Händler drei Tische entfernt zwinkerte Shira grinsend zu. Seine athletische Statur ließ auf einen jungen Mann schließen, die tiefen Falten in seinem Gesicht sprachen jedoch eine andere Sprache. Shira wandte sich rasch von ihm ab.
Der Schwarzmarkt war kein Ort, an dem Shira sich zu Hause fühlte. Sie war nur aus einem einzigen Grund hier: Der Schwarzmarkt gab ihr Hoffnung. Wenn ich dabei nur nicht meine Seele verkaufe.
Kros hob den Kopf und schwenkte die Uhr vor Shiras Gesicht, als wollte er sie hypnotisieren. »Dreißig Sen«, sagte er.
»Was?« Shira drehte sich um, als sie ein Räuspern hinter sich vernahm. Sie hatte die Aufmerksamkeit einiger Kunden erregt, in Tüchern verhüllte Gestalten, deren Augen sie interessiert musterten.
»Für die letzte Uhr hast du mir Sechzig Sen gegeben!«, flüsterte sie schließlich, um nicht aufzufallen. Kros wollte sie reinlegen, diese Ausgeburt eines Fuchses. Doch sie würde sich nicht auf seine Spielereien einlassen.
»Die Zeiten werden härter, Kleine«, sagte Kros gedehnt. »Außerdem ist das Ding nicht astrein.« Er deutete auf den feinen Riss, der das Ziffernblatt in zwei Hälften teilte.
Das Malheur musste geschehen sein, als Shira mit der Hüfte gegen die Tür gestoßen war, während sie sich durch den Spalt auf die Terrasse gequetscht hatte.
»Sie funktioniert, oder etwa nicht?«, sagte Shira, nicht bereit, sich von Kros einschüchtern zu lassen.
Der blonde athletische Händler nebenan beugte sich über seinen Tisch und kaute auf einem Kräuterstängel. Die Diskussion schien ihn zu interessieren. Auch das noch.
»Na schön, ich gebe dir fünfunddreißig. Mehr is’ nicht drin.« Kros schloss seine Faust um die Uhr und wartete auf Shiras Reaktion.
Sie zögerte. Auf diese Weise würde es noch Jahre dauern, bis sie das Geld beisammenhätte, um Ben und sich freizukaufen. Doch Jahre hatten sie nicht mehr. Ben war schwach, gezeichnet vom Leben. Shira hatte einst Stärke besessen. Doch vieles hatte sich geändert. Seit Tante Andreas Tod vor ein paar Wochen hatte sich ein Gefühl der Hilflosigkeit ihrer bemächtigt, das sich nicht mehr abschütteln ließ. Es saß ihr im Genick und entzog ihr Energie, wann immer ihre Stärke gefordert wäre. Gungers hatte Tante Andrea auf dem Gewissen. Und jede Sekunde, die Shira in seinen Diensten verbrachte, erstickte die letzten Funken Leben in ihr.
Dann nicht. Shira streckte die Hand nach der Uhr aus. »Gib sie her. Ich werde sie woanders verkaufen.«
»Hey, warte doch mal!« Kros zog den Arm zurück. »Nicht so schnell, Shira. Ich geb dir noch mal fünf Sen dazu. Wenn du mir noch eine Kleinigkeit mehr anbietest.« Kros leckte sich über die Lippen, während er Shira von Kopf bis Fuß musterte. Diese Ratte.
Shira wusste nur zu gut, welche Bilder durch seinen Kopf geisterten. Ihr Gesicht unterschied sich nur wenig von dem anderer Frauen Anfang zwanzig, aber es waren ihre Größe und ihre drahtige Figur, die sie aus der Masse der Mädchen hervorstechen ließen. Kros würde nur allzu gern seine Hände an ihre hochgewachsene Gestalt legen und ihre braunen Locken zwischen den Fingern zwirbeln. Shiras Magen verkrampfte sich. Mit Mühe unterdrückte sie die aufkommende Übelkeit beim Gedanken daran, Kros nahezukommen. Ganz egal, was er ihr anbot, sie würde nicht so tief sinken. Sie würde sich ihm nicht hingeben.
Nicht noch einmal.
»Gib mir die Uhr zurück«, sagte Shira und beugte sich über den Tisch. »Mach schon, Kros.«
»Ein besseres Angebot wirst du nicht kriegen, Kleine.« Kros rührte sich nicht vom Fleck. Sein Blick wanderte von Shiras Gesicht abwärts. Sie streckte die Brust ein Stück weiter heraus und beobachtete, wie Kros’ Augen glänzten. Shira nutzte die Ablenkung, die ihr Körper ihm bot, packte mit der linken Hand sein Handgelenk und entriss ihm die silberne Uhr. »Es gibt Hunderte von deiner Sorte«, flüsterte sie ihm ins Ohr, »ich krieg die Uhr los, ohne meine Hände in deine stinkende Hose zu stecken.« Mit einem selbstgefälligen Grinsen drehte Shira sich von ihm weg.
»Für die beschissene Uhr kriegst du nie mehr als zwanzig Sen!«, rief Kros ihr nach.
Sie winkte ab und schüttelte den Kopf.
Der blonde Händler, der die Szene beobachtet hatte, stieß einen schrillen Pfeifton aus, als sie an ihm vorbeischritt. Obwohl der Kerl es nicht der Mühe wert war, sich näher mit ihm zu beschäftigen, hielt Shira inne. Sie wusste nicht, warum. Vielleicht tat sie es aus dem Gefühl heraus, das Unvermeidliche ein Stück hinauszögern zu können, das ihr blühte, sobald sie die Höhle verlassen und ihren Dienst antreten würde. Obwohl sie den Schwarzmarkt und seine zwielichtigen Gestalten verabscheute, war es hier besser als im Palast von Gungers.
»Mädchen«, säuselte der blonde Händler, »ich bin frei. Du kannst auch mit mir Geschäfte machen.« Er hatte ein Glucksen in der Stimme, das Shira die Nackenhaare aufstellte. Seine Zunge leckte über seine Unterlippe.
Shira schlug mit einer Hand gegen seine Nase. Blut spritzte auf den Tisch. Ein klägliches Jammern, das einem Schwarzmarkthändler nicht würdig war, drang aus seinem Mund. Er stülpte beide Hände über seine ramponierte Nase und trat ein paar Schritte zurück. »Nichts für ungut, Mädchen.«
Die vermummten Gestalten, die letzten Kunden, die die Nacht übrig gelassen hatte, steckten die Köpfe zusammen und tuschelten untereinander.
Nur nicht auffallen. So viel dazu.
Shira verstaute die Uhr in ihrem Beutel und trat ins Freie. Sie blinzelte ein paarmal, um sich an das Licht zu gewöhnen, und sog die frische Morgenluft ein.
Es schnürte ihr stets die Kehle zu, wenn sie den Schwarzmarkt betrat. Wie oft hatte sie sich schon geschworen, nie wieder mit den Schwarzhändlern Geschäfte zu machen? Doch immer war sie zurückgekehrt. Was hätte sie auch anderes tun sollen? Es hatte Tage gegeben, ganze Nächte, an denen sie sich ihr Gehirn zermartert hatte auf der Suche nach einer Lösung, ihrer Misere zu entkommen. Sicher, sie könnte einfach abhauen in ein Viertel am Rande der Stadt. Sie würde überleben. Sie hatte schon so vieles überlebt. Doch was geschähe dann mit Ben? Er war weder bei Kräften noch besaß er Shiras Durchhaltevermögen. Nein, mit ihm zusammen würde sie nicht weit kommen. Gungers’ Häscher würden sie viel zu schnell schnappen. Und was dann? Davonlaufen wurde mit dem Tod bestraft.
Die Sonne stieg höher. Shira beschleunigte ihre Schritte und marschierte die mit Unkraut überwucherten Schienen entlang, die seit Jahrhunderten nicht mehr benutzt worden waren. Niemand konnte heute mehr sagen, wann die letzte Bahn durch diese Gegend gefahren war.
Shira war nicht die Einzige, die sich frühmorgens auf den Weg in das Stadtzentrum machte. Ein paar zerlumpte Gestalten gingen ihr mit hängenden Schultern voran. Ihre Mäntel starrten vor Dreck, genauso wie ihre Gesichter. Zwei Männer und eine Frau, alle drei höchstens Mitte zwanzig, bahnten sich ihren Weg durch das hohe Gras. Doch die Augen, die Shira unter den Lumpen heraus anstarrten, waren fahl und strahlten eine Vergänglichkeit aus, die Shira nur aus den Gesichtern der Alten kannte. Sie grüßte die drei knapp. Keiner von ihnen antwortete.
Nach und nach wichen die verwilderten Wege breiteren Straßen, mehr und mehr machten die abgenutzten Hütten mehrstöckigen Gebäuden Platz.
Die Schienen endeten im Nirgendwo. Damals, vor dem Stillstand, hatten die Züge Scharen von Menschen in die Stadt befördert. Bevor Bomben aus der Luft und tödliche Dämpfe die Welt zum Nullpunkt zurückgedreht hatten. Wie so vieles andere, das einst das Leben der Menschen erleichtert hatte, gehörten sich selbst bewegende Fahrzeuge der Vergangenheit an. Nur wenige von ihnen, Privilegierte natürlich, verfügten über Technikwissen der Vergangenheit. Sie statteten ihre Villen teils mit Überwachungskameras aus, teils verfügten sie über Automobile oder verständigten sich per Funkgeräten miteinander. Es war ihr Privileg, das wenige Wissen zu nutzen, das ihnen in alten Büchern überliefert worden war. Und geheimzuhalten vor dem Rest. Ihren Sklaven.
Auf der anderen Seite der Straße saß der blinde Max wie jeden Tag und bettelte um Almosen. Früher hätte man ihn einen Arzt genannt, hieß es. Denn er hatte die alten Schriften der Medizin studiert. Doch in dieser Welt war kein Platz mehr für Ärzte. Die Kranken suchten einen Faker auf – oder wurden in der Grube am Rande des Tores verscharrt.
Shira überquerte die Straße mit schnellem Schritt. Sie nahm keine Rücksicht darauf, dass ihre Beine sich wie Blei anfühlten. Sie hatte kaum geschlafen und die vielen Kilometer, die sie zurückgelegt hatte, taten ihr Übriges. Eine Kutsche rauschte an ihr vorbei. Shira steckte eine Hand in ihren Beutel und ließ die Münzen aus Dogus’ Safe in ihre Hand gleiten.
Tu’s nicht.
Sie würde ihre wertvollen Sen nicht dafür verschwenden, sich zu Gungers’ Palast kutschieren zu lassen wie die Privilegierten. Denn sie war keine von ihnen. Sie war nichts anderes als Dreck, den die Erde ausgespuckt hatte. Shira schnaufte schwer und ballte die Hand zur Faust.
Ein Windhauch kühlte ihr überhitztes Gesicht. Für einen Augenblick genoss Shira das Spiel des Windes, das sie von den zerstörerischen Gedanken an Gungers und den Schwarzmarkt ablenkte. Sie schloss die Augen und fühlte neue Kraft in sich. Eine Energie, die von ihren Händen Besitz ergriff und ihre Arme hochkletterte, legte sich über ihre Brust und ihren Bauch und erfasste schließlich ihre Beine. Ihre Zehen regten sich, ihre Waden strafften sich, als wollten sie einen Marathon laufen.
Shira öffnete die Augen und gab dem Impuls nach, den ihre Beine aussandten. Sie verfiel in einen leichten Trab, der sich steigerte, je näher sie dem unförmigen Gebäude am Rande des Stadtzentrums kam.
Nach nicht einmal zehn Minuten rannte sie durch das schmiedeeiserne Tor, das in den Hof des Palastes führte. Gungers hatte sich in den Trümmern des alten Parlamentsgebäudes angesiedelt und es mit dem Schweiß und dem Blut seiner Sklaven wieder aufgebaut. Nun hob sich sein Palast in Größe und Pracht von den Häusern der Umgebung ab. Nur die Villa Bernard Lambkins, dessen rechte Hand Gungers war, ähnelte diesem Prachtbau.
Früher – hieß es – war alles besser gewesen. Früher hatte nicht ein einzelner Mann wie Lambkin regiert, für den die Bürger der Stadt nicht mehr als Ameisen waren, die er zertreten konnte, sobald sie ihm lästig wurden. Früher, vor dem Nullpunkt, hatten die politischen Angelegenheiten noch in der Hand der Bürger gelegen.
Doch wen interessierte das Geschwätz über politische Angelegenheiten heute noch? Shira scherte sich einen feuchten Kehricht um Politik!
Mit einem flauen Gefühl im Magen lief sie die Stufen zur Tür hinauf, die in die Gesindekammer führte, und steuerte das große windschiefe Regal in der Ecke an. Sie drückte den Beutel in die unterste Schublade, die ihr gehörte, und versperrte sie mit einer Haarnadel. Sie atmete ein paarmal tief durch, bevor sie die Treppe zum Keller hinunterstieg, wo sie sich in eine Reihe von Mädchen stellte und Wäsche in Körbe sortierte.
Es dämmerte bereits, als Shira den Palast verließ. Sie band sich den Beutel fest um die Schulter und marschierte im Laufschritt Richtung Marktplatz. Sie musste sich durch die Leiber der Umstehenden förmlich zwängen. Sie wunderte sich wenig über die Menschenmassen, die sich vor den Verkaufsständen drängten. Die Händler in den ersten Reihen boten immer die besten Waren an.
Shira wich einem Mann aus, der ein Schwein an der Leine vom Platz führte. Ihr rechter Fuß trat in eine Lache mit gelber Flüssigkeit. Angewidert rümpfte sie die Nase und drängte sich, ihren Beutel fest umklammert, weiter an den Menschen vorbei. Ihr Ziel war die hintere Ecke des Marktplatzes, wo die Menge sich lichtete.
Ein Bein stellte sich ihr in den Weg. Zu spät erkannte sie das Hindernis und knallte auf den Boden.
»Tschuldigung.« Der Besitzer des Beines, ein bärtiger Mann, der, seinem Wanken nach zu urteilen, seine Sen in Form von Alkohol angelegt hatte, deutete eine missratene Verbeugung an.
»Geh mir aus dem Weg.« Shira rappelte sich vom schmutzigen Boden auf und wischte ihre Hände am Mantel ab.
»Tut mir leid, Lady. Allergnädigste.« Er kicherte wie ein altes zahnloses Weib und schwankte unkontrolliert.
»Verpiss dich.« Shira rempelte den Säufer zur Seite und setzte ihren Weg fort. Sie beschleunigte ihre Schritte, als sie Ben an seinem Verkaufsstand in der Ecke erkannte. Er machte Anstalten, sich von seinem Platz zu erheben, doch Shira kam ihm zuvor. Sie legte ihre Arme um ihn und drückte ihn zurück auf seinen Schemel. Sie sog seinen vertrauten Geruch in sich auf. Seit sie sich erinnern konnte, duftete Ben nach Lavendel. Er lächelte sie an und nahm ihr Gesicht in beide Hände. »Geht es dir gut? Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.«
Es war drei Tage her, seit sie das letzte Mal hier gewesen war. Sie hatte mit sich gerungen, zu ihm zu gehen, und sich schließlich dagegen entschieden. Zu frisch waren ihre Wunden gewesen, zu gebeugt ihr Rücken von den Schlägen des Folterknechts. Er hatte sie so nicht sehen dürfen. Sie musste stark sein für Ben.
Shira nahm seine Hände in ihre. »Mach dir keine Sorgen um mich. Ich habe Geld«, sagte sie mit fester Stimme. »Bald. Halte noch ein bisschen durch.«
Das stumme Versprechen, ihn von hier wegzuholen, ihm ein besseres Leben zu schenken, hing über ihnen wie die Klinge eines Schwertes.
Ben lächelte, doch ein Schatten legte sich über seine Augen. Die Lüge stand Shira ins Gesicht geschrieben. »Ist schon gut, Shira.« Er zog sie näher zu sich heran und flüsterte: »Tu nichts Unüberlegtes, hörst du? Wenn Gungers dich erwischt …«
»Ich tu nichts Unüberlegtes, Ben.« Sie klopfte mit einem Finger gegen ihre Schläfe und fuhr fort: »Alles, was ich mache, ist bis ins Detail geplant.« Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie daran dachte, welche Wege sie eingeschlagen hatte, um ihn befreien zu können. Nicht nur, dass sie bei jeder Gelegenheit, die sich ihr bot, stahl, nein, sie hatte sich mit Kros eingelassen – und mit einem Kerl mit Augenklappe, dessen Namen sie nicht einmal kannte. Ihre Wangen glühten vor Scham.
Sie ließ ihren Blick rasch über das Gemüse und Obst auf Bens Verkaufsstand gleiten, um ihre Gedanken in andere Bahnen zu lenken. Braune, runzelige Äpfel lagen in der ersten Reihe. Die fleckigen Tomaten dahinter hatten ihre besten Tage schon lange hinter sich. »Was hast du für mich?« Shira setzte ein Lächeln auf, von dem sie hoffte, dass es den Widerwillen verbergen konnte, den seine Ware in ihr erweckte.
»Das Übliche, Shira, das Übliche«, sagte Ben leise. »Ich fühle mich heute nicht besonders.«
Shira warf ihm einen raschen Blick zu. Seit Tante Andrea ihr Ben vorgestellt hatte, waren viele Jahre vergangen. Der Bart, der den Großteil seines Gesichtes verdeckte, machte es den meisten Menschen schwer, sein Alter zu erraten. Heute erschien ihr Ben gebrechlicher als sonst. Die weißen Strähnen in seinen schwarzen Haaren hatten sich vervielfacht und ließen ihn älter erscheinen als die vierundvierzig Jahre, die er zählte. »Gib mir drei Äpfel. Sie sehen gut aus.«
Ben lächelte Shira zu. Die Äpfel waren ungenießbar. Er wusste es. Sie wusste es. Für die Münzen, die sie in seine Hände wandern ließ, könnte sie gut und gern frische Ware an den Ständen in den vordersten Reihen erstehen. Doch Shira verzichtete auf ihr eigenes Wohl, denn sie wusste, was für ihn auf dem Spiel stand. Von den Sen, die er am Marktplatz einnahm, würde die Hälfte an Gungers gehen. Und Gungers duldete keinen Ausfall.
Sie ließ drei Münzen in Bens Handfläche fallen und steckte die Äpfel in ihren Beutel. »Ich komme morgen wieder«, sagte sie und drückte seine Hand.
Ben sah zum Himmel und verzog das Gesicht, als hätte er Schmerzen. »Es wird dunkel. Sieh zu, dass du nach Hause kommst.« Er deutete auf die gegenüberliegende Ecke. Shira folgte seinem Blick zu der Gestalt in der roten Uniform. Noch stand der Soldat still und beobachtete das Geschehen rund um ihn. Doch sobald die Sonne verschwunden war, würde er in Aktion treten. Nachts durfte niemand durch die Straßen wandeln. Zu groß war Lambkins Furcht vor Verschwörungen. Der letzte Anschlag auf sein Leben lag nur wenige Tage zurück.
»Ich kann auf mich aufpassen«, sagte Shira.
»Ich weiß.«
Shira stutzte. Etwas in Bens Tonfall ließ sie aufhorchen. Ein leiser Hoffnungsschimmer lag in seiner Stimme.
»Bis dann, Ben.« Shira winkte ihm zum Abschied zu und machte sich auf den Weg. Nach Hause. Zu den winzigen zwei Zimmern im vierten Stock eines heruntergekommenen Gebäudes. Seit Tante Andrea gestorben war, verband Shira nichts mehr mit diesem Ort. Er war leer. Er hatte keine Seele.
Als Shira den Platz verließ und die Ecke umrundete, trat ihr ein Soldat in den Weg. Ein Blick in seine Augen ließ sie unmerklich zusammenzucken. Für einen Moment leuchteten sie rot auf. Als sie ihn ein weiteres Mal ansah, waren seine Pupillen graublau, so wie der Himmel, der im Begriff war, sich zu verdunkeln.
Ben bückte sich und verstaute die restlichen Äpfel in der Kiste unter seinem Marktstand. Sein Gesicht verdüsterte sich, als er in den Himmel blickte. Es war Zeit, die Zelte abzubrechen. Er fröstelte und zog die ausgeblichene Weste fester um sich. Als er sich wieder aufrichtete, stand ein bärtiger Mann vor ihm, der – dem wankenden Gang nach zu urteilen – mehr getrunken hatte, als gesund für ihn war.
»Hast du noch’n Bier für mich?«
»Nein, tut mir leid.« Ben verstaute seine restlichen Habseligkeiten in dem großen Beutel am Boden und wandte dem Betrunkenen seinen Rücken zu.
Doch er spürte dessen Bewegungen hinter sich. Der Bärtige torkelte um den Stand herum und stellte sich breitbeinig vor Ben. Sein Schatten fiel auf ihn. »Ich hab Geld. Also gib mir Bier.« Seine Stimme war fester, als sein Äußeres vermuten ließ.
Ben sah ihm gerade ins Gesicht. Der Kerl war ihm fremd. Er hob abwehrend die Hände, um ihn von sich wegzuscheuchen. »Hör zu, du bist betrunken. Du solltest nach Hause gehen. Es ist schon spät.«
»Hier, nimm das Geld.« Der Bärtige packte Bens Arm und drückte ihm einen Schein in die Hand. Für einen Augenblick blitzte Wachsamkeit in den Augen des Betrunkenen auf. Er nickte Ben zu und verschwand ohne ein weiteres Wort in der Menschenmenge. Als Ben langsam seine Faust öffnete, lag dort ein zusammengefaltetes Stück Papier anstelle eines Geldscheines.
Ben sah sich prüfend um. Der Soldat, der seinen Stand beobachtet hatte, war inzwischen ein Stück weitergezogen und scheuchte die Menschenmenge in den vordersten Reihen auf. Als Ben sich versichert hatte, dass er unbeobachtet war, rollte er das Papier auseinander. Die gekreuzten Stäbe, die Insignien von Sereno Grandes, prangten in roter Farbe in der Mitte des Scheines. Ben warf einen letzten Blick zur Seite. Niemand schenkte ihm Beachtung. Er atmete tief durch und las schnell die handgeschriebenen Zeilen unterhalb der Insignien.
Das Spektakel, das sich vor Sereno Grandes entfaltete, war nichts anderes als eine billige Farce. Eine perfekt einstudierte Inszenierung von Lambkin, um auch die lautesten Kritiker und die schärfsten Gegner auf seine Seite zu ziehen. Lambkins Büro, der Audienzsaal, wie Sereno es heimlich nannte, war bis unter das Dach gefüllt. Sereno hatte sich an einen Platz an der Seite des Tisches gezwängt, wo er zwischen Roy Handlington, Vertreter der Bauernzunft, und Rafael Mordanes, seinem eigenen Kammerherrn, saß.
Er straffte den Rücken, als einer von Lambkins Handlangern seinen massigen Bauch von hinten gegen ihn drückte, und stützte die Ellbogen auf dem Tisch auf. Die Mahagonioberfläche fühlte sich kalt und glatt an wie immer. Nur eine einzige Kerbe, unsichtbar für die meisten Menschen, hatte sich in die Seite des Tisches gebrannt. Sereno streckte einen Finger aus und fuhr an der unauffälligen Einbuchtung entlang. Dunkel erinnerte er sich an die Zeit, als dieser Tisch ihm gehört hatte. Als dieser Raum mit Ratsmitgliedern gefüllt gewesen war, die eine Stimme gehabt hatten. Die keine bloßen Marionetten gewesen waren, deren Strippen der Regent zog. Zu seiner Zeit war dieser Raum erfüllt gewesen von heftigen Diskussionen und Stimmengewirr. Gefühlsausbrüche hatten das ein oder andere Gespräch überschattet, zu heftig hatte einer von ihnen argumentiert.
Heute herrschte Stille im Saal.
Großfürst Bernard Lambkin hatte seinen Stuhl am Kopf des Tisches seiner Ehefrau überlassen, einer blassen blonden Frau von etwa dreißig Jahren. Lambkin ragte hoch über ihr auf und ließ die Frau in seinem Schatten verschwinden.
Lambkin spiegelte mit jeder Faser seines Körpers das privilegierte Haus wider, aus dem er stammte. Die schwarzen, seidig glänzenden Haare, zwischen die sich nur wenige graue Strähnen wagten, eisig blaue Augen und eine helle Haut, die keine Sonne kannte, waren seine Markenzeichen. Was seine Erscheinung anging, so war er das Ebenbild seines Vaters.
Edwin, wenn du bloß wüsstest, spukte es Sereno durch den Kopf.
Es war ein Segen, dass Edwin tot war. Der Gedanke hinterließ einen kleinen Stich in Serenos Herz. Edwin Lambkin würde dem Wahnsinn verfallen, müsste er die Taten seines Sohnes mitansehen.
Roy Handlington richtete sich auf. Sereno spürte die Veränderung in dessen Körper, die Anspannung, die entwich, als er seiner Besorgnis freien Lauf ließ. »Mein Herr, bei allem Respekt, die Exekution der Aufständischen ohne vorherige Verurteilung durch das unabhängige Gericht ist ein fragwürdiger Akt.« Röte schoss ihm ins Gesicht, als Lambkin sich ihm zuwandte, den Blick starr auf ihn gerichtet. Stoisch. »Ein Akt … der … der Akt widerspricht der Verfassung. Es ist …«
»… ein Akt des gesunden Menschenverstandes«, vollendete Lambkin Roy Handlingtons Satz.
Sereno warf seinem Kammerherrn einen langen Blick zu. Nun denn, so sei es. Die Farce steuerte auf ihren Höhepunkt zu. Lambkin war ein Meister des Dramas, ein Maître des Scheins. Wie kein anderer trieb er es zur Spitze, sich selbst als Opfer und gleichzeitig als Retter aus der Not zu inszenieren. Dies war seine Methode, um auch die leisesten Kritiker auf seine Seite zu ziehen. Offener Widerstand gegen Lambkin wurde mit dem Tod bestraft. Gerichte, was zählten Gerichte? Was galten unabhängige Richter, wenn Lambkin die Stadt absolut regierte? Offene Kritik vermochte Lambkin nicht aus der Ruhe zu bringen. Es waren die subtilen Angriffe, die verdeckten, die unterschwelligen, die Lambkins Alleinherrschaft wackeln ließen. Dort eine schlechte Ernte, da eine Differenz im Kreditwesen. Ob er wollte oder nicht, Lambkin brauchte die Unterstützung der Ratsmitglieder, die ihren Sektor – sei es die Bank, sei es die Landwirtschaft – unter Kontrolle hielten.
Denn er war nicht allmächtig.
Er konnte sie nicht alle töten.
Lambkin verschränkte die Hände und schritt den Raum entlang. Ein Schauer lief Sereno über den Nacken, als er Lambkins Präsenz in seinem Rücken spürte. Eine drückende Stille legte sich über die Anwesenden wie die Schwingen eines riesigen Vogels. Sereno blickte in blasse Gesichter und auf zittrige Hände, die sich mit fahrigen Bewegungen Wein in die Gläser schenkten. Bis auf Malcolm Gungers. Natürlich.
Lambkins Schoßhund, schoss es Sereno durch den Kopf. Gungers, der Meister der Gilde der Kaufleute, war all das, was Lambkin nicht war. Zügellos, impulsiv und dumm. Er trug ein dämliches Grinsen zur Schau, das Lambkins gespielte Besorgnis Lügen strafte. Er biss in die Hühnerkeule, die er sich Minuten zuvor geangelt hatte. Fett troff über seine Lippen, während er mit offenem Mund kaute.
»Eine Bande von Aufständischen hat sich zusammengerottet in der Absicht, mich heimtückisch zu ermorden«, fuhr Lambkin fort, als er erneut seinen Platz am Kopfende des Tisches eingenommen hatte. Er stützte seine Hände auf Lady Lambkins Schultern ab. Sie kniff die Augen zusammen, die einzige Reaktion auf seine Berührung.
»Hätte es nicht meinen getreuen Diener Ypson gegeben, so wäre ich nun tot. Gemeuchelt. Dahingerafft von Menschen, die sich als die Retter unserer Stadt sehen.« Lambkins Blick verdüsterte sich. »Doch wie könnten sie dies sein? Wie könnten sie – diese Mörder – Retter sein? Sie pervertieren unsere Ordnung. Sie stellen die Sicherheit auf den Kopf, die wir gemeinsam geschaffen haben. Ihr einziges Ziel ist Chaos. Dies, verehrte Ratsmitglieder, dies ist Anarchie.« Lambkin ließ seinen Blick über die Anwesenden schweifen. Eine bedrückende Stille folgte.
Erst nach einer Weile erklang ein zustimmendes Murmeln. Zuerst kaum vernehmlich schwoll es schließlich an. Selbst Roy Handlington nickte von Zeit zu Zeit betreten.
Lambkin war die Ausgeburt eines Fuchses. Falsch bis auf die Knochen, ausgestattet mit einer Aura der Überzeugungskraft, die es ihm ermöglichte, Stimmungen binnen Minuten umschwenken zu lassen.
Und daran bin ich schuld, schalt Sereno sich. Die Toten, die Leidenden, alles seine Schuld. Er hatte zugelassen, dass Lambkin das Ruder übernommen hatte. Er hätte es kommen sehen müssen.
Damals, vor dem Nullpunkt, war die Stadt der Nabel der Welt gewesen. Das Zentrum der Vordenker. Der Sitz der Philosophen, der Kunst, des Reichtums. Sereno erinnerte sich an das frische Gefühl des Aufbruchs, das durch seine Adern geströmt war, als er die Regentschaft über die Stadt übernommen hatte. Diese unbändige Energie, die ihn erfasst hatte; ein Gefühl von Unbesiegbarkeit hatte ihn übermannt. Er hatte gehofft, dass er die Zeit würde zurückdrehen können. Doch rascher, als ihm lieb gewesen war, hatte er erkennen müssen, dass andere Mächte in der Stadt herrschten. Mächte des Stillstandes, der Resignation, des Chaos. Mächte, denen er hilflos ausgeliefert war. Mächte, denen er nicht bieten konnte, was sie forderten.
Bernard Lambkin war als Mann aufgetaucht, der seinen Pfeil ins Herz der Bevölkerung geschossen und ihre Sehnsüchte befeuert hatte. Er war der Anführer einer Generation von Träumern, die davon sprachen, die Stadt zu ihren Ursprüngen zurückzuführen. Sie zu dem zu machen, was sie einst gewesen war: reich, privilegiert, ein Zentrum des Wissens und der Macht. Zu spät hatte Sereno erkannt, wonach die Menschen gierten. Zu spät hatte er erkannt, wem die Menschen zujubelten.
Erst als er seinen Platz geräumt hatte, erst als er von seinem Thron gestiegen war, war ihm klar geworden, dass er falsch gehandelt hatte. Dass er mit seiner Unentschlossenheit den Weg geebnet hatte für einen Mann, der die Stadt unter seinen Stiefeln begrub, der die Menschen bluten ließ und diejenigen ausradierte, die sich gegen ihn stellten.
Die Menschen waren einem Traum hinterhergelaufen. Doch sie hatten einen Albtraum erhalten.
Was ist mit Lambkin geschehen?, fragte Sereno sich nicht zum ersten Mal. Als sein Vater Edwin gestorben war, war Bernard Lambkin von der Bildfläche verschwunden. Schwache Geister flüsterten, er hätte sich einem Zirkel angeschlossen. Einer Sekte, die über Kräfte verfügte, die nicht natürlich waren. Gerüchte machten die Runde. Gerüchte von dunklen Gestalten, die des Nachts einsame Gassen heimsuchten.
Sereno war ein Mann der Tat, der mit beiden Beinen fest auf dem Boden stand. Er würde den Teufel tun und die abergläubischen Gedanken mancher schwacher Geister nachplappern! Dennoch ertappte selbst er sich manches Mal dabei, sich im Bett zu wälzen und in der Dunkelheit nach Stimmen zu lauschen.
Erneut legte Lambkin seine Hände auf die Schultern seiner Ehefrau. Sie starrte geradeaus, ihre Augen schimmerten feucht. »Wir müssen auf der Hut sein«, sagte Lambkin leise. Das erste Mal, seit Sereno sich an diesen Tisch gesetzt hatte, fand Lambkins Blick den seinen.
Sereno fröstelte, er sah zur Seite. Doch wie von einer unsichtbaren Macht angezogen, kehrte sein Blick zurück zu Lambkin. Mit einem flauen Gefühl im Magen starrte er in dessen Gesicht, in seine eisigen Augen, die keine Spur von Lebendigkeit zeigten.
Er weiß es, schoss es Sereno durch den Kopf. Die Umgebung verblasste, die Gesichter rund um ihn erloschen. Lambkins Stimme glich einem Flüstern, als spräche er allein zu Sereno. »Es ist an uns, diesem Chaos Herr zu werden und diejenigen zu entwaffnen, die es verursachen. Ich werde keinen neuerlichen Aufstand mehr dulden.«
Rafael Mordanes’ Finger bohrten sich in Serenos Oberarm. Eine Warnung, ein Ausdruck des Entsetzens. Er weiß es. Er weiß es …
Ein Wink von Lambkin beendete die Farce, die als Sitzung getarnt gewesen war. Sereno erhob sich von seinem Stuhl und verließ wortlos den Raum. Er eilte den Gang entlang, vorbei an den Skulpturen einstiger Würdenträger, die er hatte errichten lassen. Rafael beeilte sich, um mit ihm Schritt zu halten. »Sollen wir die Sache abblasen, mein Herr?«, flüsterte er ihm zu.
Sereno legte einen Finger an seine Lippen. Sie waren nicht allein. Drei der Ratsmitglieder liefen mit wehenden Mänteln an Sereno und Rafael vorbei. Sie gestikulierten mit den Armen und schienen in ein Gespräch vertieft. Doch Sereno traute dem Frieden nicht. In einer Zeit wie dieser wusste er Freund nicht mehr von Feind zu unterscheiden.
Die Stufen führten Sereno und Rafael in das Erdgeschoss des Rathauses hinunter. Ein leiser Seufzer entfuhr Sereno, als er am Platz der Einkehr vorbeihastete. Seine Schritte verlangsamten sich unwillkürlich, sodass Rafael gegen ihn prallte, überrascht über Serenos Innehalten. Serenos Blick huschte über den mit rotem Stoff überzogenen Stuhl in der Nische, auf dem er viele Stunden verbracht hatte. Ganze Nächte, um seine Gedanken zu sammeln. Staub bedeckte den Stoff des Stuhles.
»Ist Euch nicht wohl, Herr?«
Sereno hob eine Hand. Mit einer leichten Bewegung seines Handgelenks verscheuchte er die Nebelschlieren aus seinem Kopf, die letzten Erinnerungsfetzen an eine Zeit, die schon lange hinter ihm lag. Was hätte er tun müssen, um Lambkins Aufstieg zu verhindern?
Der Gedanke, dass er versagt hatte, hallte wie ein leiser Vorwurf in seinem Geist wider. Ja, heute wüsste er es besser. »Lasst uns gehen, Rafael.« Er warf einen letzten Blick auf den staubigen Stuhl und durchquerte die Vorhalle. Rafael überholte ihn und öffnete die Tür. Dunkelheit umfing beide, als sie das Rathaus verließen. Eine Dunkelheit, die selbst der Tag nicht mehr würde vollends vertreiben können.
Der Kutscher, der am Straßenrand gewartet hatte, sprang vom Bock und öffnete ihnen die Tür.
Das Licht der Gaslampe fiel durch die Scheibe ins Wageninnere und spiegelte sich auf Rafaels kahlem Kopf. »Ich fürchte um Eure Sicherheit, mein Herr. Lambkin hat Euch in Verdacht, so viel steht fest.«
Sereno wischte den Einwand beiseite. Sie mussten handeln. »Habt Ihr das Treffen arrangiert, Rafael?«
Rafael nickte, doch sein Gesicht drückte tiefe Besorgnis aus. »Ich fürchte, dass unsere Verbündeten uns nicht helfen werden. Nicht mehr. Nicht nach der Exekution.«
»Ihr fürchtet?«, fragte Sereno. Seine Stimme zitterte. »Ihr fürchtet zu viel. Wir bleiben bei unserem Plan.«
Eine Weile herrschte Stille im Inneren der Kutsche, bevor Rafael die Stimme erneut erhob. »Herr, bitte überdenkt meine Worte. Ihr dürft nicht persönlich in Erscheinung treten. Ihr seid die einzige Hoffnung für diejenigen, die es satthaben, für Lambkin zu bluten.«
Sereno lehnte sich zurück. Für einen Moment schwieg er, für einen Augenblick ließ er Rafaels Worte auf sich wirken. »Ihr habt recht«, sagte er. »Wie viele Leute haben wir noch?«
»Maximal zwanzig.«
Die Bedeutung dieser Aussage hing in der Luft wie eine schwarze Wolke, die kurz davor stand, sich über ihren Köpfen zu entladen.
»Zwanzig …« Sereno kostete den Geschmack der Zahl aus. Sie schmeckte herb, ungenießbar.
Rafael beugte sich zu ihm vor und spielte mit den Enden seines Bartes. »Was ist mit den Sapienti? Wenn wir sie um Hilfe bitten?«
»Die Sapienti sind tot.« Sereno unterbrach Rafael scharf. Er wischte den Gedanken an diese uralte Sekte beiseite, deren Ursprünge im Dunkeln lagen. Einer Sekte, der auch Lambkin einst angehört haben sollte. »Selbst wenn sie noch am Leben wären, wüssten wir nicht, auf welcher Seite sie stehen.«
Die Nacht hatte die Stadt in ihrem eisernen Griff und trieb Lambkins Soldaten aus ihrem Versteck. Ausgangssperre. Wehe denen, die es wagten, zu dieser Zeit die Straßen zu überqueren.
Eine junge Frau in einem zerlumpten Kittel stach Sereno ins Auge. Sie stakte auf knochigen Beinen über die Straße direkt in die Arme eines der in Rot gekleideten Soldaten. Er holte aus, und der Schlag hob sie von den dürren Beinen. Mit einem heftigen Knall prallte ihr Körper auf dem Boden auf und blieb reglos liegen. Der Soldat hob ihre Beine an, die Arme rollten zur Seite, und schleifte sie hinter sich her.
Sereno presste die Hand vor den Mund. Der Kerl würde sie töten.
Rafael sprang auf. Mit hektischen Bewegungen drückte er Sereno zurück auf den Sitz, zurück ins Dunkle.
Serenos letzter Blick aus dem Fenster galt der langen Spur im Staub der Straße, die der leblose Körper der Frau nach sich gezogen hatte.
Nebelschlieren hingen in der Luft. Der aufkommende Wind ließ Trajan frösteln und den Mantel enger um sich ziehen. Er blickte auf Edison, der nur wenige Meter von ihm entfernt auf dem Dach kauerte. Er sah Anspannung auf dessen Gesicht. Und Vorfreude. Trajan kannte diese elektrisierende Kombination nur zu gut. Angst und Berauschung lagen in ihrem Leben so nah beieinander. Trajan erinnerte sich bruchstückhaft an das letzte Mal, als das Adrenalin durch seine Adern geströmt war. Brennend und erregend zugleich. Seine heutigen Empfindungen waren ein bloßes Abbild, eine Verzerrung ihrer einstigen Stärke.
Er schloss die Augen und öffnete sich dem Wind, der an seinen Haaren zupfte und versuchte sie aus der Umklammerung des Bandes zu befreien, das sie in seinem Nacken zusammenhielt.
Er hatte das Wesen gespürt, lange bevor er es sehen konnte. Trajan hob die Hand, um Edison auf die Gestalt aufmerksam zu machen, die schlurfend um die Ecke bog, und kroch näher an den Dachvorsprung heran.
Edison folgte ihm. Fragend deutete er auf sich und wartete auf Trajans Reaktion. Trajan nickte ihm zu. Langsam, keine unüberlegten Aktionen, formten seine Lippen lautlos. Doch Edison hatte den Kopf bereits von ihm abgewandt. Er stieß sich vom Dach ab und segelte mehrere Meter in die Tiefe. Sein Mantel blähte sich im Wind und legte sich wie ein Schleier um ihn, als er auf Knien am Boden landete. Edison sah hoch zu dem rot uniformierten Soldaten, der unwillkürlich einen Schritt zurück machte.
Der Geruch von Schweiß stieg Trajan in die Nase. Aufs Neue verblüffte es ihn, dass auch Wesen wie diese Angst verspüren konnten. Der Soldat blickte sich um. Als seine Augen nach oben huschten, duckte Trajan sich in die Schatten der Nacht. Er hatte genug gesehen. Sie waren auf der richtigen Spur. Keine dunkle Kraft der Welt war in der Lage, Trajans geschärfte Sinne zu täuschen.
Auf den ersten Blick war der Soldat bloß einer von vielen Häschern in der Garde von Bernard Lambkin. Ein roter Schimmer, der zuweilen in seinen Augen aufglomm, war der einzige Hinweis darauf, dass hinter der Fassade des Soldaten etwas brodelte, was das gewöhnliche Auge nicht erfassen konnte. Trajan allerdings war alles andere als gewöhnlich. Er kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich auf den Soldaten. Wie schmelzendes Wachs zerflossen dessen Umrisse unter Trajans wachsamem Blick. Für den Bruchteil einer Sekunde gelang es ihm, die Seele der Kreatur zu sehen. Eine Seele, die schwarz war wie die Nacht, die sie umgab, und Zähne hatte, die nur darauf lauerten, unschuldiges Fleisch zu zerreißen. Ein Kaosu. Trajan hatte sich nicht getäuscht. Er tastete nach dem Griff seines Katanas, das sich an seinen Körper schmiegte.
Edison erhob sich und stemmte die Hände in die Hüften. »Wo geht es hin, geschätzter Soldat? Seid Ihr vom Weg abgekommen?«
Trajan rollte mit den Augen. Weniger reden, mehr tun, Trajans Credo, hatte bei Edison sein Ziel verfehlt.
Die Antwort des uniformierten Kaosu war ein heftiger Schlag mit der flachen Hand, der Edison von den Füßen riss. Mit einem Aufschrei prallte er gegen die Mauer hinter sich. Die Augen des Kaosu glommen rot auf, ein hämisches Grinsen legte sich über seine Lippen, als er auf Edison zumarschierte, der sich vom Boden aufrappelte.
»Trajan?«, rief Edison. »Wenn du mich fragst, jetzt ist der richtige Augenblick für eine Heldentat …« Seine letzten Worte gingen in einem Keuchen unter. Die Hand des Kaosu packte seine Kehle und drückte zu.
Trajan richtete sich auf, atmete ein letztes Mal tief durch, bevor er die Augen schloss und sich in die Luft hob. Er wurde eins mit dem Wind, der ihn in einer innigen Umarmung hielt wie ein Liebender seine Geliebte.
Trajan landete in aufrechter Haltung hinter dem Kaosu. Er tastete nach dem Gürtel unter seinem Mantel, seine Finger umfassten den Griff des Katanas. Eine Bewegung, die ihm so geläufig war wie das tägliche Frühstück. Mit einem Sirren erwachte das Katana zum Leben.
Der Kaosu wandte den Kopf zu Trajan um. »Ach so. Bist du einer von denen?« Er öffnete die Faust und ließ Edison frei, dessen Hände unwillkürlich seinen Hals betasteten.
Manchmal wünschte Trajan sich, dass er schlagfertiger wäre, wortgewandter. So wie sein alter Sensei, dem es gelungen war, mit einem bloßen Verbalabtausch seine Gegner aus dem Konzept zu bringen. Trajan durchstöberte rasch seinen Geist nach einer Erwiderung, die er dem Kaosu an den Kopf werfen konnte. So etwas wie: Ich bin dein schlimmster Albtraum. Seine Zunge aber blieb stumm.
Als der Kaosu sein Kurzschwert aus der Scheide zog, gab Trajan ihm die einzige Antwort, die er kannte. Er hob das Katana hoch über seinen Kopf und ließ es auf seinen Widersacher niederschnellen. Die Klinge traf mit Wucht das Schwert des Kaosu. Trajan umfasste das Katana mit beiden Händen und stieß erneut zu, kräftiger diesmal. Sein Gegner taumelte ein paar Schritte zurück, überrascht von der Kraft, mit der das Katana seine Klinge getroffen hatte. Dies war die Öffnung, auf die Trajan gewartet hatte. Er hob die linke Hand, spürte den Wind an seinen Fingern, die Luft, die mit den feinen Haaren an seinem Handrücken spielte, und schleuderte den Kaosu, ohne ihn zu berühren, einige Meter von sich.
Auf einen Fingerzeig Trajans hin packte Edison den Kaosu und drückte ihn an die Wand. Mit der freien Hand fasste er unter seinen Mantel und zog ein silbern glänzendes Drahtgestell hervor. Es vibrierte, als Edison es um den Arm des Kaosu schlang. Dessen Augen leuchteten rot auf, ein Knurren wie von einem verwundeten Tier entrang sich seiner Kehle.
»Das Ding funktioniert ja wunderbar«, sagte Edison zu Trajan. Der Kaosu wand sich unter Edisons Griff, doch jede Bewegung verstärkte die Vibrationen des Drahtgestells und jagte Wellen von elektrischer Energie durch seinen Arm.
Mit verschränkten Armen trat Trajan auf ihn zu. »Wonach suchst du?«
»Nach Streunern«, antwortete der Kaosu heiser. »Nach Ausgangssperre darf niemand mehr auf den Straßen sein.«
Diese Tour wieder einmal. So fing es stets an. Wann immer sie einen Kaosu schnappten, versuchte der Feigling sich aus seiner Misere herauszureden.
»Ach so? Dann bist du also kein Kaosu?« Trajan beugte sich tiefer zu dem Wesen hinab. Der Feind keuchte vor Angst. Diese Kreaturen waren alle gleich. Blutrünstig und erbarmungslos vor gewöhnlichen Menschen, doch bibbernd vor Furcht, sobald sie auf einen Ebenbürtigen trafen.
»Da ist noch mehr, nicht wahr?«, sagte Trajan. Seine Stimme klang rau. Für einen Moment fühlte er die Erregung, die die Jagd mit sich brachte. Doch sie war abgeklungen, bevor er sie festhalten konnte.
»Ich hab keinen Dunst, wovon du sprichst. Töte mich, wenn du willst.«
Edison verstärkte den Druck des Gestells. Der Kaosu schrie auf. Der Geruch von versengtem Fleisch hing in der Luft.
»Wir werden dich nicht töten«, sagte Trajan dicht an das Ohr des Kaosu gepresst. »Wir lassen dich bloß ein Stück schmoren. Wir wollen uns ja noch mit dir unterhalten.«
»Ophelia Paffet«, keuchte der Kaosu. Sein Gesicht verzog sich vor Schmerzen. Dunkles Blut quoll aus seinem Mund und tropfte über das Kinn. »Sie hat … sie hat die Disk gestohlen. Sie hat sie mitgenommen …«
»Das ist Jahre her. Warum sucht ihr ausgerechnet jetzt nach Ophelia Paffet?«
»Was weiß ich schon davon.« Der Kaosu drehte den Kopf langsam in Trajans Richtung. Seine Augen waren grün wie die eines Menschen. So wie seine. Seltsam, wie wenig sich ein Kaosu doch von ihm unterschied, wenn er sich in einer ausweglosen Situation befand. Trajan sah den Schmerz in dessen Augen glimmen. Ein Flehen, ihn zu erlösen. Trajan gab Edison mit einem Blick zu verstehen, den Druck des Drahtes zu reduzieren. Der Atem des Kaosu ging pfeifend, doch seine Worte waren nun deutlicher zu vernehmen. »Sie hat die Anleitung zur Herstellung der Waffe gestohlen. Wir haben Befehl, das Weib zu finden und zu Lambkin zu bringen.«
Trajan blickte Edison scharf an. »Er sagt die Wahrheit. Dasselbe hat uns der andere Kaosu vor zwei Wochen bereits verraten.«
Edison wiegte den Kopf und zog die Augenbrauen fragend in die Höhe. Er schien von der Antwort nicht überzeugt zu sein. »Hör mal«, sagte er, drehte den Kopf des Kaosu in seine Richtung und zwang diesen, ihn anzusehen. »Was soll denn das für eine Waffe sein, die der Großfürst mit solchem Aufwand sucht?«
