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Ein deutscher Tourist stürzt am Piz Beverin zu Tode. Das Ereignis beschäftigt die Einwohner des winzigen Weilers auf dem Glaspass, zumal sich der Deutsche nicht beliebt gemacht hat und ein Verbrechen nicht ausgeschlossen werden kann. Was hat Frank, der Wirt des Berggasthauses, zu verbergen? Warum sind die Rucksäcke der österreichischen Touristen so schwer, und weshalb macht eine junge Schweizerin alleine Ferien hier am Ende der Welt? Als der eigenartige und eigensinnige Dorfbewohner Pulit in den Fokus der Ermittler gerät, werden die einheimischen Rentner Toni und Annamaria Hunger aktiv, um ihren Freund zu schützen und zur Klärung des Falles beizutragen.
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Seitenzahl: 289
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Rita Juon
Tod am Piz Beverin
Rita Juon
Tod am Piz Beverin
Kriminalroman
orte Verlag
Autorin und Verlag danken nachstehenden Institutionen
für ihre Druckkostenbeiträge:
– Gemeinde Masein
– SWISSLOS/Kulturförderung, Kanton Graubünden
– GKB BEITRAGSFONDS, Graubündner Kantonalbank
– Naturpark Beverin
– Gemeinde Tschappina
© 2018 by orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und
Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger,
elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck,
sind vorbehalten.
Umschlaggestaltung: Janine Durot
Satz: orte Verlag, Schwellbrunn
eBook-Herstellung und Auslieferung: HEROLD Auslieferung Service GmbH, www.herold-va.de
ISBN: 978-3-85830-236-6
ISBN eBook: 978-3-85830-238-0
www.orteverlag.ch
Prolog
Das Wasserflugzeug hatte ihn zurück nach Dawson City gebracht, wo ihn der Kulturschock lähmte. Vierzehn Tage hatte er in der nordkanadischen Wildnis verbracht, allein, und doch in bunter Gesellschaft. Fauna und Flora, Landschaft und Wetter hatten ihm unbeschreibliche Momente beschert, die er mit seiner Kamera eingefangen hatte. Er brachte einige Tausend Bilder mit, die er in den kommenden Wochen sortieren und klassifizieren, von denen er viele verwerfen und manche für sich behalten würde. Er hatte genug Material, um seine Auftraggeber zufriedenzustellen: die Journalistin, die über die heutigen Goldgräber am Yukon zu berichten hatte; den Veranstalter, der Reisen mit dem Wasserflugzeug in die sogenannte Wildnis verkaufte. Für ihn aber war Wildnis erst da, wo dessen Kunden der Mut verliess. Da, wo ihn das Wasserflugzeug abgesetzt und ihn seinem Schicksal überlassen hatte.
Zu Fuss ging er zehn Minuten durch die Stadt bis zu seiner Pension. Leute, Autos, Lärm und Lichter nahm er wahr, als wäre er umschlossen von einem Luftballon und gehöre nicht dazu. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn er für die Menschen unsichtbar gewesen wäre. Erleichtert verschwand er in seiner ruhigen Unterkunft, wo er zwar Dusche, Frottiertücher und das weiche Bett zu schätzen wusste, aber noch immer auf Radio, Telefon und Internet verzichtete.
Nach drei Stunden Schlaf fühlte er sich dem Unterfangen gewachsen, aus seinem Ballon herauszutreten und in die Stadt zu gehen, insbesondere deshalb, weil sein Magen laut knurrte und vor seinem geistigen Auge Früchte, Gemüse und Kartoffeln vorbeizogen. Er ass für zwei, und erst, als er den letzten Rest Sauce mit einer schlabbrigen Brotscheibe aufgetrocknet hatte, schaltete er endlich sein Handy ein.
Hunderte von Nachrichten, die allermeisten bedeutungslos. Er wechselte in den Posteingang, las flüchtig die Betreffzeilen der Mails, blätterte rasch weiter.
Als er mehrere Schreiben vom Auswärtigen Amt entdeckte, hielt er inne. Was man wohl von ihm wollte? Mit jedem Mail wurde er dringender geben, sich mit dem Absender in Verbindung zu setzen. Er schaute auf die Uhr, rechnete. Noch ein Bier, dann würde das Büro in Deutschland geöffnet sein.
Kurz nach elf trat er aus dem Lokal hinaus in die Dunkelheit, um zu telefonieren. Sofort wurde er weiterverbunden zu einem Mann, der ihm in endloser Folge Fragen zu seiner Identität stellte.
«Aber was ist denn eigentlich los?», wiederholte er ungeduldig.
Eine junge Frau, die das Restaurant verliess, lächelte ihn freundlich an, aber er beachtete sie nicht.
«Dieter?», fragte er verwirrt. «Ja, Dieter Falk ist mein Bruder. Ja, wir wohnen zusammen in Frankfurt.» Wieder lauschte er der Stimme.
«Tot?», rief er entsetzt. Die junge Frau wandte sich erschrocken um. Leichenblass liess er sich an der Hauswand niedersinken. Die Frau beugte sich besorgt über ihn, während er der Stimme aus Deutschland zuhörte.
«Mein Bruder Dieter Falk ist in den Schweizer Alpen ums Leben gekommen», wiederholte er dumpf die Worte, die er soeben gehört hatte. Er lauschte dem Klang seiner Stimme nach, als würde die Information glaubhafter, wenn er sie selber aussprach.
Erster Teil
Wieder dieser Traum. Während einiger Nächte hat er mich in Ruhe gelassen, doch heute früh war er wieder da. Immer der gleiche. Ich sitze dort, an einem schönen See, in der aufgehenden Sonne. Das Motiv würde für eine Postkarte taugen, wären da nicht die schweren, dunklen Wolken direkt über mir, welche die Sonne so unerreichbar fern erscheinen lassen. Ich sitze vor einer Höhle, einem rabenschwarzen Loch. Ich weiss, dass ich mich nicht umdrehen darf, um keinen Preis, ich muss nach vorne schauen. Hinter mir die undurchdringliche Dunkelheit, vor mir, aber weit, weit entfernt, das fahle Licht der Morgensonne.
Ich kann keine Träume deuten, will mich gar nicht darin versuchen. Ich warte bloss sehnlich darauf, dass sich die Wolken verziehen, dass mich die Sonnenstrahlen erreichen, dass die Höhle hinter mir sich verwandelt in ein lichtdurchflutetes Zimmer. Dass mich die Wärme der Sonne erreicht.
Manchmal scheint mir, ich funktioniere einfach. Ich spreche, höre zu, lächle, lache sogar. Ich arbeite, unternehme das eine oder andere in der Freizeit, bin mit anderen Leuten zusammen. Aber immer bin ich ausgefüllt von dieser riesigen Leere, von der unermesslichen Kälte, die aus meinem Innern kommt und mich bis in die Zehenspitzen zu durchdringen scheint.
Werde ich je wieder Wärme fühlen?
1950
Von den nächsten Minuten hing ihre Zukunft ab. Sie konnte es nicht mehr länger hinausschieben. Ganz bewusst atmete sie seinen leicht schweissigen Geruch ein, kostete das Spüren seiner regelmässigen Herzschläge unter ihrer Hand aus, genoss das Kitzeln seiner Brusthaare an ihrer Nase. Sollte es das letzte Mal in ihrem Leben sein, dass sie seine nackte Haut spürte, wollte sie die Erinnerung für alle Zeiten bewahren.
«Ich bin schwanger.»
Jetzt war es draussen. Sie spürte, wie sein Herz einen Satz machte. Bange wartete sie auf seine Reaktion. Würde er aufstehen und heimgehen zu Frau und Kindern?
Langsam liess er den Atem entweichen, den er angehalten hatte. Dann drückte er sie an sich.
Ein erleichtertes Lächeln schlich sich in ihre Züge. Das konnte alles bedeuten: Wir schaffen das. Ich halte zu dir. Ich freue mich trotz der widrigen Umstände. Ganz sicher aber hiess es nicht: Das war’s dann. Schau selber, wie du damit zurechtkommst. Das ist das Ende.
Sie erlaubte sich den Traum, er würde sich von seiner Frau trennen, seine Kinder zurücklassen, mit ihr weggehen, ein neues Leben anfangen an ihrer Seite. Wohl wissend, dass das eine Illusion war.
Am nächsten Morgen stand sie wie gewohnt in der Gaststube, arbeitete flink im Service, scherzte mit den Gästen. Sie brauchte bloss etwas zu plappern in ihrem Tiroler Dialekt, der Schalk in ihren leuchtenden Augen sprühend, und schon hatte sie die Gäste im Sack. Im abgelegenen Dorf im Prättigau nahmen die einheimischen Restaurantbesucher, fast ausschliesslich Männer, das frische Blut aus dem Montafon mit offenen Armen auf.
Im wörtlichen Sinne hatte sie sich in die offenen Arme von Joggel sinken lassen. Seit geraumer Zeit besuchte er sie heimlich in ihrer Kammer über der Gaststube. Trotzdem dauerte es nicht lange, bis im Dorf Vermutungen aus dem Kraut schossen, es wurde gemunkelt und getratscht.
So war niemand erstaunt, als sich einige Monate später ihr Bauch deutlich rundete. Der ganzen Einwohnerschaft, seiner Frau eingeschlossen, war klar, dass da Joggels Kind heranwuchs. Niemand verlor ein lautes Wort darüber.
Als der kleine Johanngeorg schliesslich im Zivilstandsregister eingetragen wurde, hiess es anstelle eines Männernamens nur: Vater unbekannt.
2014
Freitag
Leise stöhnend streckte er seinen Rücken, rollte die Achseln und atmete tief durch. Seine Schulter rechts tönte, als wäre sie mit Sandpapier gepolstert. Zwischen dem sechsten und dem siebten Rückenwirbel spürte er ein Ziehen, das sich, wenn er nicht Acht gab, zu Rückenschmerzen steigern könnte, die sich nur mit einem heissen Bad würden lindern lassen. Und sollte er sein Kreuz zu wenig schonen, drohte ihm ein Erkältungsschmerz, der ihn aufs Sofa zwingen würde. Dann konnte er seine Pläne fürs Wochenende begraben.
Das musste er allerdings auch dann, wenn er den Korb nicht füllte, der an seinem linken Arm baumelte. Er war noch nicht einmal halb voll, mit so wenig Ausbeute durfte er sich zu Hause nicht blicken lassen. Toni Hunger seufzte und ging ein paar Schritte weiter aufwärts, um seine Arbeit fortzusetzen.
Wie viele ungeschriebene Gesetze bestimmten das Leben nach bald vierzig Ehejahren! All die Vereinbarungen, Abkommen, Kompromisse hatten sich über die Jahrzehnte zu einem Regelwerk angesammelt, welches das Zusammenleben der Eheleute umrahmte. Es gab ihnen die Gewissheit, sich voll und ganz aufeinander verlassen zu können.
Viele Worte waren dazu nicht nötig. Mit seiner stillen Frau waren auch nicht viele möglich. Trotzdem führten sie lebhafte Gespräche, wenn man ihre Körperhaltung und ihre Blicke, ihre Runzeln und ihr Schmunzeln mitberücksichtigte. Ihre nonverbale Ausdrucksweise war vielfältig, und nach all den Jahren konnte er die Tiefe ihrer Stirnfalte, wenn sie etwas kritisch beurteilte, die Verengung ihrer Augen, wenn sie sich ärgerte, die Höhe ihrer Mundwinkel, wenn sie liebevoll, spöttisch oder amüsiert lächelte, genau zuordnen und deuten. Das war ein ungemein gutes Gefühl.
Halbvoll, immerhin. Wären diese Beeren bloss etwas grösser, dann bräuchte er weniger Zeit, um den Korb zu füllen. Die Blaubeeren im Laden waren dick wie Kirschen, während die Heidelbeeren, die er zu pflücken hatte, nur halb so gross waren. Hingegen wiesen sie bei halber Grösse ein Aroma von gleicher Intensität auf, weshalb sie sich zu schmackhaften Desserts verarbeiten liessen. Rein rechnerisch könnte man zur Vanilleglacé hier oben halb so viele heisse Heidelbeeren servieren wie im Tal, um das gleiche Geschmackserlebnis zu erzeugen. Dann könnte er jetzt aufhören.
Er stellte sich kurz seine Frau vor, wenn er mit dem halbvollen Korb und seinen Argumenten nach Hause käme. Augenbraue rechts himmelwärts, Mundwinkel links talwärts, Arme verschränkt. Worte erübrigten sich.
Er streckte seinen Rücken und machte weiter. Wenigstens konnte er am Hang pflücken, in fast aufrechter Haltung. Unten auf der Hochebene des Glaspasses hätte er sich bücken müssen, was ihm nicht gerade leicht fiel. Ob die Heidelbeeren wohl absichtlich Rücksicht nahmen auf Grossväter und deshalb lieber am Hang wuchsen?
Drei Viertel voll. Bald hatte sich Toni Hunger sein Wochenende verdient.
Annamaria Hungers Blick folgte dem Weg vom Glaspass hinauf zum Heidbüel. Nicht weit über der Hochebene entdeckte sie ihren Mann, der fleissig Heidelbeeren sammelte. Gut so, dachte sie, und wandte sich wieder dem Bildschirm zu. Die Zahlungen waren erledigt, Toni und die Beeren noch miteinander beschäftigt, ihr verblieben geschätzte zwanzig Minuten, um im Internet zu surfen.
Während Toni die neuen Medien als notwendiges Übel hinnahm, nutzte sie Annamaria mit grosser Freude. Er mochte der Zeit nachtrauern, als er mit dem Gelben Büchlein, den Einzahlungsscheinen und dem Notenbündel auf die Post in Obertschappina gegangen war, um die Zahlungen zu erledigen und ein Schwätzchen mit der Pöstlerin zu halten. Sie war dankbar, dass sie auf solch komplizierte Vorgänge verzichten und dasselbe von zu Hause aus erledigen konnte. Die Poststellen am Berg waren inzwischen ohnehin alle aufgehoben worden. Sie trauerte ihnen keine Minute nach, worin sie sich deutlich von der Mehrheit der Bevölkerung ihrer Altersgruppe unterschied.
Das Wohlwollen gegenüber den Informationstechnologien war nicht das einzige, was die Eheleute unterschied. Bereits vor Jahrzehnten hatte jemand am Stammtisch sinniert, man könnte aus Toni und Annamaria ein völlig durchschnittliches Paar bilden, wenn man sie addieren und danach zweiteilen würde.
Einzeln betrachtet bildeten sie jedoch gewisse Extreme, nicht nur in Bezug auf ihre Redseligkeit und ihre Affinität zu modernen Technologien. Auch optisch. Annamaria war kaum mehr als einen Meter sechzig gross und von drahtiger Statur. Toni hingegen war ein stattlicher Mann, er trug seinen Bauch mit Stolz und ergänzte seine imposante Erscheinung mit einem graublonden Vollbart, den er liebevoll pflegte.
Abgesehen davon waren die beiden jedoch gar nicht so unterschiedlich. Beide schätzten das Bauerndasein auf beinahe zweitausend Metern Höhe und das Zusammenleben mit den wenigen andern Familien auf dem Glaspass. Beide fielen ihren Bekannten wegen ihrer Redegewohnheiten bisweilen auf die Nerven, trotzdem waren sie gern gesehene Kameraden. Ihre Ehe hielt nicht nur der Form halber oder aus Bequemlichkeit, oder weil sie es nicht besser wussten. Sie waren tatsächlich ganz zufrieden miteinander.
Stunden später hatten sich beide ihren Feierabend verdient und läuteten, jeder auf seine Weise, das Wochenende ein. Annamaria lag auf dem Sofa, eingekuschelt in eine karierte Wolldecke, mit einem dicken Roman in den Händen und leichter Klassik aus der Musikanlage in den Ohren. Toni sass im Gasthaus auf dem Glaspass, vor sich ein Glas Wein, um ihn herum seine drei Jasskollegen.
«Schneller ist ein Idiot!» Karl Riedi nickte weise und hob sein Kaffeeglas, ohne jedoch zu trinken. Daran hinderte ihn die Pfeife, die in seinem Mundwinkel hing. Er schien nicht zu bemerken, dass Emanuele Santacaterina die Augen verdrehte und Toni resigniert mit den Schultern zuckte. Er stellte das Kaffeeglas wieder ab und nahm die Pfeife aus dem Mund, um zu einem längeren Monolog anzusetzen.
«Schneller ist nicht einmal im Stande, seine Hecke zu pflegen! Jeder Idiot weiss doch, dass man junge Sträucher zurückschneiden muss, damit sie buschig werden und die Hecke dicht wächst, nur Schneller, dieser Idiot, lässt die Büsche wachsen, und jetzt? Ha?» Wütend zeigte er mit der Pfeife auf Walter Buess, den vierten, etwas jüngeren Mann am Tisch.
«Jetzt reg dich doch ab, Karl! Lass doch Schnellers Hecke Hecke sein und gib die Karten aus», sagte dieser in beruhigendem Ton.
«Schnellers Hecke ist gar keine Hecke, das sag ich ja!», ereiferte sich Karl, dessen Gesicht hinter der herumfuchtelnden Hand mit der Pfeife inzwischen zwei rote Flecken zierten. «Schneller ist ein so riesengrosser Idiot, dass er nicht einmal das Unkraut zum Wachsen bringen würde! Seine Hundsrosen sehen aus wie nackte Storchenbeine, der Idiot hat …»
«Komm schon, Karl», tönte Toni amüsiert aus den Tiefen seines hellen Barts, «gib endlich zu, dass du Schnellers Sträucher vergiftet hast, dann kann dich Walter verhaften, und Emanuele und ich können in Ruhe unseren Roten trinken!»
«Hä? Ich habe doch Schneller nicht vergiftet, diesen Idioten!»
«Nicht Schneller, die Heckenrosen hast du vergiftet, porca miseria!», donnerte der glatzköpfige Emanuele.
«Ich vergifte doch nicht schnell die Heckenrosen! Wenn überhaupt würde ich den Idioten selber vergiften, das wäre bereits vor dreissig Jahren das klügste gewesen, damals, als er …»
«So, jetzt reicht es aber!», sagte Walter Buess bestimmt. «Teil endlich die Karten aus! Mit einem vierfachen Match würden wir gewinnen, also mach vorwärts!»
Karl steckte die Pfeife in den Mund und griff brummend nach dem Kartenstapel. Toni wollte aufatmen, aber Emanuele hatte nicht die Absicht, das Thema ruhen zu lassen.
«Du kommst mir vor, als hättest du selber von dem Gift für die Sträucher geschluckt!», fing er an. «Du trinkst Kaffee im Glas – aber ohne Schnaps drin. Du hast die Pfeife im Mund – aber du zündest sie nicht an. Du trägst deinen Hörapparat – aber du schaltest ihn nicht ein. Du hast das Gift selber ausprobiert, und jetzt spinnst du!»
«Ihr Tschinggen habt damit angefangen, dass man in den Beizen nicht mehr rauchen darf, und wir Bündner wissen nichts Besseres, als euch diesen Mist nachzumachen. Du selber hast den Verstand verloren, wenn du sagst, ich habe Schneller vergiftet, diesen …»
«Fertig jetzt, genug geschwatzt, gib endlich die Karten aus!», rief Toni, worauf sich Karl auf die Jasskarten konzentrierte, die er in der Hand hielt.
Am späten Abend verliessen die vier Männer gut gelaunt das Berggasthaus in Glas. Toni Hunger strich sich zufrieden über den Bart und hob den Blick zum sternenklaren Himmel. Einen kurzen Moment lang dachte er mit leisem Bedauern an all die Leute in den Städten, die einen solchen Himmel nie zu Gesicht bekamen, weil die vielen künstlichen Lichter keinen Blick bis ins All erlaubten. Bald kommt der Herbst, dann sehen sie da unten im Mittelland sowieso nur noch Nebel, dachte er, atmete die kühle Nachtluft tief ein und dankte dem Himmel dafür, dass er nicht in der Stadt leben musste. «Das war ein Jass!», sagte er zufrieden und klopfte seinem Spielpartner Emanuele Santacaterina auf die Schulter. «Mit dem Dreifärber am Schluss hätte es auch schief gehen können.»
«Zum Glück war die Eckendame bei dir, sonst hätte es schlecht ausgesehen für uns», lachte Emanuele und schlug den Kragen hoch. «Walter, kann ich mit dir fahren? Ich sollte nicht mehr selber hinters Steuer.»
«Klar, steig ein», antwortete Walter Buess und öffnete die Beifahrertür. Mitfahren ist gut, dachte er, heimchauffieren ins Tal müsste es heissen. Einmal mehr hatte sein Kamerad seinen Vorsatz gebrochen, nur ein Glas Roten zu trinken, weil er das Auto dabei hatte. Immerhin war er vernünftig genug, den Wagen stehen zu lassen. Falsch, korrigierte sich Buess, von Vernunft konnte man eigentlich nicht sprechen. Diese Einsicht war ihm mit einer hohen Busse und ein paar Monaten Ausweisentzug vor Jahren gnadenlos eingebläut worden.
«Bis zum nächsten Freitag!», rief Karl Riedi seinen Kameraden zu, «und dann wird das Glück auf meiner Seite sein. Drei Mal trumpfen mit dem Nell zu dritt, Walter, so schlecht kann es uns gar nicht mehr gehen das nächste Mal!» Er stieg ebenfalls zu Buess ins Auto. Im Gegensatz zu Emanuele Santacaterina hatte er den Fahrausweis freiwillig abgegeben und seinen alten Opel gegen ein Mofa eingetauscht, das ihm gute Dienste leistete. Zur Jassrunde liess er sich jedoch gerne von Walter Buess von Obertschappina nach Glas mitnehmen.
Als das Auto im Wald unterhalb der Siedlung verschwunden war, genoss Toni Hunger die Stille. Kein menschlicher Laut war zu hören mit Ausnahme seiner eigenen Schritte und seiner Atemzüge. Trotzdem war die Luft von Geräuschen erfüllt. Die Glocken der Kühe, die erst vor Kurzem von der Alp zurückgekehrt waren und sich im Schlaf regten. Ein Käuzchen, das unten am Waldrand rief. Der Wind, der die Hänge streichelte und die Blätter, Halme und Stauden flüstern liess. Der Bach, der leise durch die Hochebene des Glaspasses gluckste. Vor der Haustür streifte er ordentlich die Erde von den Sohlen ab und betrat leise das alte Bauerhaus, um Annamaria nicht zu wecken.
1959
Erleichtert stellte Johanngeorg seinen Schulsack in eine Ecke. Wäre es nach ihm gegangen, hätte man die Schule nicht erfinden müssen. Was der Lehrer erzählte, interessierte ihn kaum, und mit seinen Klassenkameraden verstand er sich nicht besonders. Von Zeit zu Zeit wurde er gehänselt, weil er sich nicht an ihren Spielen und Streichen beteiligte, sondern lieber für sich blieb. Das war ihm egal. In der Regel dauerte es nicht lange, bis die andern ihren Spass daran verloren. Sie nahmen ihn gar nicht mehr wahr, was ihm recht war.
Auf dem Tisch in der winzigen Stube standen noch die Reste des Mittagessens, das seine Mutter aus dem Restaurant mitgebracht hatte. Lecker. Er verputzte den Rest, bevor er in den Holzschopf hinter dem Restaurant ging. Dort sass er oft, spielte mit den Holzscheiten, baute Dörfer daraus, schnitzte Figuren hinein.
Als es dunkelte, räumte er auf und ging wieder hinauf in ihre Kammern über der Gaststube, wo er seufzend und stöhnend seine Hausaufgaben erledigte. Seine Mutter kam normalerweise zwei-, dreimal vorbei, wenn es der Betrieb im Restaurant erlaubte. So auch heute. Sie herzte ihren Sohn, erzählte ihm von ihrem Tag, liess sich von ihm seine neusten Schnitzereien zeigen. Sie versprach Johanngeorg, ihm die Reste der gebrannten Creme mitzubringen, sofern etwas davon übrigblieb.
Seine Augen leuchteten. Er liebte es, wenn ihn seine Mutter mitten in der Nacht weckte, damit sie gemeinsam von den Überbleibseln der Süssspeisen naschen konnten. Wenn es kalt war, sassen sie aneinander gekuschelt unter der Bettdecke und assen gemeinsam direkt aus dem Topf.
Er ging beizeiten ins Bett in der winzigen Nebenkammer. Dort wartete die Holzfigur auf ihn, die ihm der alte Schorsch, der oft im Restaurant sass, geschenkt hatte. Jeden Abend schliefen sie gemeinsam ein. Stolz hatte er das Männchen seiner Mutter gezeigt und erklärt, es heisse Joggel. Seine Mutter hatte ihn prüfend angeschaut, fast schon erschrocken. Er konnte sich nicht erklären, weshalb. Jedenfalls hatte seine Mutter so lange gedrängt, einen anderen Namen für die Figur zu suchen, dass er zuletzt nachgegeben hatte. Jetzt hiess der Joggel halt Franz, was soll’s.
2014
Samstag
Annamaria Hunger sass an der Nähmaschine, umgeben von einem hübschen, bunten Stoff mit Entenmuster. Sie freute sich darauf, aus diesem zwei gleiche Jäckchen für ihre zwei- und dreijährigen Enkeltöchter zu nähen, die auf dem Hof wohnten. Eine Weste für den etwas älteren Enkel plante sie ebenfalls, mit einem aufgenähten Traktor, aber dazu würde die Zeit heute nicht mehr reichen.
Toni betrat die Stube und streckte sich, um nach dem Mittagsschläfchen wieder in Schwung zu kommen. Jetzt noch den Nacken lockern, dann war er bereit. «So, dann schauen wir mal, wer heute alles eintrifft», sagte er voller Vorfreude. «Frank sagte gestern, er erwarte Gäste aus Deutschland, Österreich, Zürich und Graubünden. Bin gespannt, ob ich wieder richtig rate.»
Wieso wieder?, dachte Annamaria, meistens liegst du weit daneben.
«Obwohl … Wieder kann ich eigentlich nicht sagen, meistens liege ich weit daneben», bemerkte Toni. Er schenkte sich aus dem Krug, der auf dem Fenstersims stand, ein Glas Sirup ein.
«Ich stelle den Krug weg, dann hast du von der Nähmaschine aus freien Blick auf die Zufahrt», sagte Toni eifrig. Er war überzeugt, dass seine Frau eine wesentlich höhere Trefferquote hätte als er, wenn sie sich an seinem Gastspiel, wie er es nannte, beteiligen würde. Jeden Samstag bei schönem Wetter beobachtete er die Gäste, die im Berggasthaus eintrafen, um ein paar Tage oder eine Ferienwoche auf dem Glaspass zu verbringen; wandernd, Velo fahrend, Beeren pflückend,
Kristalle suchend, Motorradtouren unternehmend. Sie den spärlichen Angaben von Frank, dem Wirt, zuzuordnen, machte Spass. Toni war auf der Bank vor dem Fenster noch damit beschäftigt, es sich bequem zu machen, als seine Frau ihn blitzartig herumfahren liess.
«Schau», sagte Annamaria.
Er setzte sich kerzengerade auf die Bank und kniff die Augenbrauen zusammen, um die Ankunft des ersten Autos besser sehen zu können.
«Aha, eine Frau. Allein. Jung. Hübsch», kommentierte Toni.
Hübsch? Das siehst du doch gar nicht auf diese Distanz, dachte Annamaria.
«Diese Brille ist nichts mehr wert», wetterte Toni, «ich sehe kaum, ob sie hübsch ist oder nicht. Aber diese Beine! Donnerwetter.» Unwillkürlich streckte er seinen Rücken, als er beobachtete, wie die Frau zum Kofferraum ging, um eine grosse Reisetasche auszuladen. «Was macht denn eine junge Frau allein auf dem Glaspass? Bestimmt trifft sie hier jemanden und reist am Abend wieder ab.»
Annamaria schüttelte den Kopf, als sie den Faden verknüpfte. Kaum, mit so viel Gepäck.
«Nein, das kann nicht sein», überlegte Toni, «mit so viel Gepäck wird sie eine Weile bleiben. Ob sie wohl jemanden besuchen kommt?»
Ohne dass wir davon gehört haben? Annamaria hob zweifelnd die Augenbraue.
«Was jedoch unwahrscheinlich ist, denn dann wüsste seit Tagen das ganze Dorf Bescheid. Also weiter. Ob sie wohl bei Frank im Gasthaus arbeiten wird?»
Kurz vor dem Saisonende?
«Auch nicht besser. Die letzten paar Wochen der Sommersaison wird Frank es auch noch zusammen mit seinen bisherigen Helfern schaffen, wenn das bereits seit Monaten auf diese Weise funktioniert hat. Oh!», unterbrach er sich aufgeregt. «Jetzt schaut sie sich um. Soll ich ihr zuwinken? Wenn ich nur sähe, ob sie in unsere Richtung blickt. Ein herzerfreuender Anblick, solche Beine in so kurzen Hosen, braungebrannt und kerzengerade. Ob ich ihr die Tasche tragen soll?»
Mach dich nicht lächerlich, kommentierte Annamaria im Geiste, bis du oben an der Strasse bist, hat sie längst ausgepackt.
«Ach, das Alter! Bis ich die Strasse erreicht hätte, wäre sie längst im Gasthaus verschwunden. Ah, jetzt schaut sie aber wirklich zu uns!» Toni winkte der jungen Frau freudig zu, die sich rasch umwandte und den kurzen Anstieg zum Gasthaus in Angriff nahm.
«Die ist bestimmt aus einer deutschen Grossstadt», maulte Toni enttäuscht. «Sie hat bis anhin so viele schlechte Erfahrungen gemacht, dass sie ein freundliches Winken schon für aufdringlich hält. Ich tippe auf Berlin, Hannover oder Rostock. Sie studiert Geologie und hat vermögende Eltern, die ihr einen Studienurlaub in den Alpen finanzieren. Zu Hause hat sie einen Freund, der ihr …»
Der Rest ging im Rattern der Nähmaschine unter. Annamaria beendete die Naht und blickte kurz aus dem Fenster. Falsch, dachte sie. Das Fräulein hat einen schleppenden Gang, das liegt nicht nur am Gewicht der Tasche, da ist etwas, das sie bedrückt.
«Irgendwie fehlt der Tatendrang», sinnierte Toni. «Sie ist vielleicht doch nicht so unbelastet. Hat sie eine Prüfung nicht bestanden? Kranke Eltern? Annamaria, was denkst du?»
«Liebeskummer», antwortete Annamaria.
«Liebeskummer? Ja!», freute sich Toni, «ein ehemaliger Ossi hat sie sitzen gelassen!»
Wenn schon, wäre es ein Sohn von einem ehemaligen Ossi, korrigierte Annamaria für sich. Für eine Nord- oder Ostdeutsche ist sie aber zu zierlich.
«Gibt es überhaupt so kleine deutsche Frauen?», überlegte Toni. «Schöne Beine gibt es tatsächlich auch in Deutschland, aber im Übrigen stimmt die Machart einfach nicht. Graubünden? Macht eine Bündnerin allein Ferien auf dem Glaspass?»
Annamaria schüttelte den Kopf.
«Zürich!», rief Toni mit voller Überzeugung.
Bingo, dachte Annamaria und drückte aufs Pedal ihrer Maschine.
Sandra Studacher, die so eingehend beobachtete junge Frau, hatte ihre Klischeevorstellungen von einem Bergdorf erfüllt gesehen, als sie die Fraktion Ausserglas erreicht hatte. Jahrhunderte alte, dunkelbraun gebrannte Holzhäuser, Kühe, deren Glocken fröhlich bimmelten, Alpenrosen- und Beerenstauden, sogar kleine Wölkchen am blauen Himmel – alles war da. Einzig der Sonderling, der am Dorfeingang vor seinem Haus sass und Selbstgespräche führte, schien das Bild zu stören. Sandra fühlte sich stark an die obdachlosen Alkoholiker erinnert, die in Zürich-Oerlikon, wo sie wohnte, an den Bushaltestellen sassen und unverständliches Zeug brabbelten, zwischen den Knien eine Papiertüte, deren Inhalt leicht zu erraten und häufig auch zu riechen war. Beim Alten hier in Glas, dessen graublonder Bart bei seinem Gemurmel nach allen Richtungen tanzte wie Wäsche an der Leine, hatte sie zwar weder Tasche noch Flasche bemerkt, doch hatte er seinen Vorrat bestimmt hinter dem geöffneten Fenster in seinem Rücken gelagert, so dass er für den nächsten Schluck bloss den Arm auszustrecken brauchte. Allzu genau wollte sie es gar nicht wissen, vielmehr wandte sie sich dem Gasthaus zu, das vor ihr lag. Dort also würde sie die kommenden Tage verbringen.
Eine Woche Ferien auf dem Glaspass. So ein Mist. Sie liebte die Berge, das Wandern, das Biken. Ihren Freund hingegen liebte sie nicht mehr. Oder vielleicht doch? Oder vielleicht war er ihr Exfreund? Verdammter Mist.
Nach drei gemeinsamen Jahren standen sie nun vor der Trennung. Oder nach der Trennung? Vielleicht am ehesten im Trennungsprozess. Drei Jahre! Drei glückliche Jahre. Na ja, drei einigermassen glückliche Jahre, sicher drei nicht schlechte Jahre. Auf jeden Fall drei bequeme Jahre. Er war immer da, stand zur Verfügung für gemeinsame Ausflüge in die Berge, Ausgang in Zürich, Ferien in Alaska und zum Überstehen öder Familientreffen.
Und jetzt warf er ihr drei gemeinsame Jahre vor die Füsse, wie der gallische Häuptling seinen Schild Cäsar hingeschmettert hatte, und meldete sein Bedürfnis nach Abstand an. Ausgerechnet vor den Ferien, die sie eigentlich gemeinsam in den Bündner Bergen hatten verbringen wollen, in die sie nun aber notgedrungen allein aufgebrochen war. Verdammter … Sie wiederholte sich. Sie öffnete die Tür zum Gasthaus und wandte sich praktischeren Dingen zu.
Toni Hunger sass träge in der Sonne, längst nicht mehr kerzengerade. Die Tagesausflügler, die er unterdessen beobachtet hatte, weckten seine Neugier nur schwach. Unschwer teilte er sie seinen nicht vorurteilsfreien Kategorien zu, die sich immer wieder bestätigten und die Annamaria längst auswendig kannte. Er unterschied Wandervögel und Bereifte. In der ersten Gruppe begegnete er ehrgeizigen Angebern mit Verachtung, geniesserischen Naturliebhabern mit Offenheit und jungen Draufgängern sowohl mit Anerkennung als auch mit Sorge. Unter den Touristen, die den Glaspass mit Fahrzeugen heimsuchten, machte er zahlreiche Mountainbike- und Motorradfahrer aus sowie Ausflügler, die ein Reisecar auf den Glaspass gebracht hatte.
«Oh, die Beine!» Toni richtete sich behände auf und schüttelte seinen schläfrigen Dämmerzustand ab. Mit eingezogenem Bauch beobachtete er, wie die mutmassliche Zürcherin ein Mountainbike bestieg und die Zufahrt vom Berggasthaus herunterrollte. Offensichtlich musste sie die Einstellungen erst testen, sie schien sich eines der Räder, die im Gasthaus bereit standen, ausgeliehen zu haben. Toni freute sich an ihrem Anblick, während sie in seine Richtung fuhr, und liess ein triumphierendes «Hahaaa!» vernehmen, als sie direkt oberhalb seines Hauses vom Sattel stieg und dessen Höhe verstellte.
«Schau nur, Annamaria, was für ein erfreulicher Anblick!», röhrte Toni begeistert ins Hausinnere. Er begann zu winken und rief der jungen Dame zu: «Brauchen Sie Hilfe? Soll ich Werkzeug bringen?»
Die Radlerin zuckte zusammen. Sie stand rasch auf, schüttelte den Kopf in Tonis Richtung, schwang sich aufs Rad und fuhr eilig davon.
Mein lieber Mann, auf einen AHV-Bezüger scheint sie nicht erpicht zu sein, dachte Annamaria.
Sandra Studacher fluchte. Schon wieder dieser alte Spinner, und schon wieder war sie fast zu Tode erschrocken! Irgendetwas von Werkzeug hatte er gerufen. Als ob sie Werkzeug brauchen würde, um die Sattelhöhe einzustellen. Vermutlich hatte er in seinem Keller noch ein Militärvelo aus dem Aktivdienst stehen, eine Tonne schwer und mit nur einem Gang. Was wusste der von einem Mountainbike, er konnte doch nicht einmal das Wort aussprechen. Nie im Leben hätte sie sich eingestanden, dass sie sich weit mehr über sich selbst und ihre Ängstlichkeit ärgerte als über den Alten. Sie warf den Gedanken an ihn im Geiste über die Schulter. Das spöttische Grinsen ihres Beziehungspartners im Trennungsprozess, das sich vor ihr inneres Auge drängte, schmiss sie energisch hinterher. Entschlossen reckte sie die Nase in die Höhe und legte noch etwas Tempo zu auf der Hochebene, bevor sie sich genussvoll der Talfahrt über die enge Bergstrasse nach Obertschappina hinunter hingab.
«Dieses Hilfsangebot scheint bei der Radfahrerin nicht gut angekommen zu sein!» Vor Toni stand ein nicht mehr ganz junges Pärchen, dessen Herkunft Toni bei den ersten Worten der lächelnden Frau unschwer erraten konnte.
«Tatsächlich, ein Rat zum Rad war nicht willkommen.» Toni lachte die Österreicherin an und bedeutete den beiden, neben ihm auf der Bank Platz zu nehmen.
«Der Rat mit dem Gerat fürs Rad war wohl etwas unbeholfen …»
«Auch nicht schlimmer als dieses Wortspiel. Ä-Punkte weglassen gilt nicht! Gerat, also bitte. Mögt ihr einen Sirup?»
«Ja, gerne!»
Toni holte zwei Gläser und reichte sie den beiden Wanderern, die sich als Georg und Petra Steingruber vorstellten.
«Ja, Österreicher», bestätigte Petra Tonis Vermutung.
Treffer, dachte Toni, und schaute seine Frau triumphierend an.
Gemogelt, du hast sie sprechen gehört, antwortete Annamaria mit einem Blick.
Sandra Studacher war nach ihrer rasanten Abfahrt verschiedenen Alpwegen gefolgt, so dass sie in einem weiten Bogen über den Heinzenberg bis zur Obergmeind aufgestiegen war. Die kleine Siedlung bestand hauptsächlich aus Ferienhäusern, meist ehemaligen Bauernhäusern, und Touristenlagern und lag direkt an der Mittelstation der Skilifte, die ihre Zugseile über zurzeit noch grünbraune Hänge spannten. Eines der Restaurants hatte geöffnet. Sie wischte sich mit dem Ärmel ihres T-Shirts den Schweiss von der Stirn, als sie die Treppe zur Terrasse hinaufstieg.
«Herrlich ist es hier», sagte sie aus tiefster Seele zu der Frau und den beiden Kindern, die auf der Laube sassen. Die Mädchen, vielleicht zehn Jahre alt, schauten sie mit grossen Augen an.
Die Frau lächelte. «Ja, das ist es, nicht wahr?», antwortete sie.
Sandra setzte sich an den Tisch neben der kleinen Gruppe und begann zu plaudern.
Die Mädchen löffelten beide einen grossen Coupe mit viel Schlagrahm und schienen sich etwas über die Redseligkeit der Fremden zu wundern, wandten sich aber bald wieder ihrem Gespräch und Gekicher zu. Die Frau hingegen freute sich über die Gelegenheit zu einem Schwatz.
«Wo wohnen Sie in Glas?», fragte sie Sandra, nachdem diese ihren Ferienort genannt hatte.
«Im Berggasthaus Beverin. Kennen Sie es?»
«Aber ja. Wir wohnen auch dort.»
«Sie machen dort Ferien? Ich hätte gedacht, Sie seien einheimisch hier. Die Kinder sprechen doch Bündner Dialekt, oder nicht?»
«Wir wohnen in Chur. Die Kinder haben am Montag schulfrei, so habe ich sie eingeladen, drei Tage mit mir in Glas zu verbringen.»
«Ist eines der Mädels ihre Tochter?»
«Nein, ich habe keine Kinder. Jana ist die Tochter einer guten Freundin, Julia ist ihre Kameradin. Sie gehen zusammen zur Schule.» Die Mädchen nahmen keine Notiz davon, dass von ihnen die Rede war, sondern unterhielten sich angeregt über irgendwelche Grössen der Musikszene.
Bald duzten sich die beiden Frauen. Angela Oberhofer, erfuhr Sandra, arbeitete als Pflegerin im Kantonsspital in Chur, war Mitte vierzig und alleinstehend. Ansonsten sprach sie nicht gerne von sich, lieber von den Kindern, oder hörte Sandra zu. Bereitwillig erklärte sie ihr das Panorama und zeigte ihr einige bekannte Bergspitzen, die von der Obergmeind aus zu sehen waren.
«Die Fernsicht ist grandios», staunte Sandra.
«Ja, bei diesem Wetter ist die Sicht atemberaubend. Das liegt am Föhn. Wenn Südwind bläst, ist die Luft besonders klar und die Berge erscheinen einem viel näher als sonst.»
«Wenn das so ist, hoffe ich, dass der Föhn die ganze Woche aktiv ist, denn so lange bleibe ich hier.»
«Das wird kaum der Fall sein», dämpfte Angela ihre Hoffnungen. «Er bricht bald zusammen, danach wird es regnen.»
Genau dieselbe Auskunft hatte Toni Hunger seinen neuen österreichischen Bekannten gegeben, und genau wie Sandra Studacher waren diese in keiner Weise geneigt, sich mit dem Gedanken an schlechtes Wetter zu beschäftigen.
Petra Steingruber streckte die Beine, stöhnte wohlig und liess den Blick über die Hochebene schweifen. «Das Bächlein hier oben ist beneidenswert. Jung, fröhlich sprudelnd, unbelastet von Schmutz oder schlechten Erfahrungen. Es kommt mir vor wie ein junger Hund, voller Tatendrang und gespannt, was die Zukunft alles zu bieten hat. Der Fluss bei uns zu Hause hingegen ist alt, träge, eingeengt durch Dämme, mit wenig Hoffnung, dass die Zukunft noch Gutes bringen kann.»
Ihr Mann Georg widersprach. «Aus dir spricht eine, die das Landleben liebt. Der Fluss bei uns ist ein Städter! Er braucht kein sauberes Wasser, viel lieber ist ihm seines, das angereichert ist mit Erfahrungen, Erlebnissen, Eindrücken, die er alle auf Hunderten von Kilometern gesammelt hat. Er möchte nie wieder klein, einsam und unwissend hoch oben in den Bergen sein, gewürzt höchstens mit Kuhfladen und Hühnerpisse.»
Toni lachte. «Es sind aber genau die ersten Erfahrungen mit Kuhfladen und Hühnerpisse, die das Bächlein prägen. Der Fluss bei euch daheim hat auch so angefangen und führt die Erinnerung daran immer noch mit sich, angereichert mit allem anderen, was danach gefolgt ist. Wer weiss schon, ob er sich mit Wehmut oder mit Abscheu an die ersten Fäkalien erinnert.»
«Jedenfalls muss das Bächlein sich keine Gedanken über den Sinn seines Daseins machen», sinnierte Petra. «Von der Quelle an ist das Ziel bekannt, der Endpunkt der Reise ist das Meer.»
«Na, das ist ja nun auch keine bestimmtere Aussage, als dass der Endpunkt des Lebens der Tod ist», widersprach ihr Mann. «Meine liebe Petra, diese Aussage ist zu wenig differenziert. Entscheidend ist doch, womit man die Reise ausfüllt, die zwischen Quelle und Meer liegt.»
«Stimmt», lenkte Petra ein. «Genau betrachtet ist das Leben eines Flusslaufs unglaublich hart, denn von den Wassertropfen, die hier oben starten, erreicht wohl kein einziger das Meer. Sie werden lange vorher auf Felder verteilt, in Häuser geleitet, in Fabriken verarbeitet, werden verkocht, getrunken …»
«… finden sich wieder in Kuhfladen und Hühnerpisse …», warf Toni schmunzelnd ein.
«Genau! Die machen tausend Umwege, bevor sie ins Meer gelangen, wenn sie es überhaupt schaffen, die Wahrscheinlichkeit ist verschwindend klein. Die Wassertropfen hier oben müssten völlig hoffnungslos und deprimiert sein. Warum scheint dieses Bächlein nur so fröhlich?»
Das Schweigen, mit dem sich alle dieser Frage widmeten, wurde schliesslich von Annamaria gebrochen.
«Weil das Ziel der Himmel ist, nicht das Meer», sagte sie.
Georg und Petra musterten sie verblüfft.
«Das Ziel des Flusses mag das Meer sein», fuhr Annamaria fort. «Aber das Ziel jedes einzelnen Wassertropfens ist es, zu verdunsten und zum Himmel aufzusteigen.»
«Klug», bemerkte Georg.
