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Claire, eine geheimnisvolle Frau, mordet als Halbengel für ihren Herrscher aus Eden. Dabei verliebt sie sich in den 20er Jahren in ihren Boss, Edgar Hicks. Doch diese Liebe ist verboten. In ihren verschiedenen Lebensphasen wird sie begleitet von Schmerz und Tod, bis sie schließlich ihre wahre Bestimmung erkennt.
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Seitenzahl: 523
Veröffentlichungsjahr: 2022
In ewiger liebe, für Tobias
© 2022 Xenia Holthaus
ISBN Softcover: 978-3-347-56005-5
ISBN E-Book: 978-3-347-56021-5
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany
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TOD
Das Schicksal eines Halbengels
Urban Fantasy
Science Fiction
Xenia Holthaus
Phase I
Schmerz
I
Ein gedämpfter Knall zwängte sich aus der kleinen dunklen Gasse heraus in die Nacht und breitete sich über die Straße aus. Die Straßenlaterne am Ende der Gasse flackerte kurz vor Schreck. Ein leises dumpfes Geräusch folgte dem Knall. Nach einiger Zeit floss ein kleines Rinnsal dunkler Flüssigkeit hervor und berührte zuerst vorsichtig und dann unaufhaltsam den Lichtkegel der Straßenlaterne. Wieder flackerte diese auf, als die dunkle Flüssigkeit sich rot färbte im Licht.
Eine schwarze Katze mit zerzaustem Fell betrat ebenfalls den Lichtkegel von der anderen Straßenseite und beschnupperte neugierig die Flüssigkeit. Plötzlich sträubte sich ihr Fell und ihre Ohren legten sich zurück. Sie duckte sich und blickte angespannt in die dunkle Gasse.
Die Schatten schienen sich zu bewegen. Es klickte einmal und zwei kristallblaue Augen leuchteten aus dem Dunklen heraus. Konzentriert sahen diese Augen die Katze an. Ein stummes Gespräch schien zwischen ihnen zu entstehen. Die Katze entspannte sich wieder. Nachgiebig drehte sich die Katze um und verließ wieder den Lichtkegel und rannte schnell wieder über die Straße. Dort sprang sie auf einen Fenstersims, und beobachtete aufmerksam die Gasse.
Eine dunkle zierliche Frau verließ die Sicherheit der Dunkelheit. Im Lichtkegel sah die Frau kurz auf das Rinnsal und ging ebenfalls auf die andere Straßenseite. Die Katze saß noch immer dort. Die Frau blieb vor ihr stehen. Unter der Fedora, ihrem weichen Filzhut, zeigten sich einzelne rote Strähnen. Die kristallblauen Augen taxierten wieder die Katze.
Die Frau berührte kurz ihre rechte Seite, darunter fühlte sie die Halbautomatik. Sie streckte die Hand aus und streichelte der schnurrenden Katze den Kopf.
Anschließend ließ sie von ihr ab und ging die Straße weiter entlang. Die Katze folgte ihr mit einigem Abstand.
Bald würde die Nacht sich dem Ende neigen und die Geschäfte würden wieder öffnen. Die Angestellten würden die Läden vorbereiten und den Müll in die kleine Gasse hinausbringen. Dabei würden sie einen völlig ausgebluteten Mann, mit aufgeschlitzter Kehle und einer Schusswunde zwischen den Augen, hinter den Mülltonnen finden.
Ein alter blauer Pickup raste über den brüchigen Asphalt. Die Farbe blätterte an diversen Stellen ab und Rost hatte sich angesetzt. Es war Nacht und die Straße wurde von vereinzelten Straßenlaternen erhellt. Ein Polizeiauto verfolgte den rasenden Pickup. Die Sirene erschall laut und erfüllte den leeren Raum. Die Straße war verlassen und dunkel vor den beiden Wagen. Rechts und links säumten sich Bäume, deren Schatten tief über dem Asphalt hingen.
„Al, beeil dich,“ brüllte der junge rothaarige Mann neben Al. Al war ein stämmiger stiller junger Mann. Seine Gedanken waren konzentriert auf die Straße gerichtet. Er wusste, dass bald eine Biegung kommen würde. Dahinter würde er die Bullen endlich abwimmeln, dachte er sich. Jimmys Brüllen machte ihn nervös. Seit einigen Meilen wagte er nicht mehr in den Rückspiegel zu schauen. Auf ihrer Ladefläche transportierten sie kostbaren und mühselig hergestellten Whiskey. Warum hatte er sich von Jimmy nur zu so einen Quatsch überreden lassen? Seine Frau erwartete ihr zweites Kind und das Holzfällen warf schon lange kaum noch was ab. Er wusste genau, warum er sich diesen Gefahren ausgesetzt hatte. Sie hätten nur nie gedacht, dass der alte Bud sie verpfeifen würde. Vor einigen Tagen hatte er sie vor ihrer selbstgezimmerten Hütte im Wald vorgefunden, wie sie betrunken ihren selbstgebrannten Whiskey probiert hatten. Er war jagen. Leidvoll erinnerte er sich daran. Sie hatten ihn verprügelt und verjagt. Ihr Gelächter klingelte noch immer in seinen Ohren.
Jimmy beugte sich vor und sah in den Seitenspiegel. Seine roten Locken wischten über das Armaturenbrett. Er hatte seine löchrige Fedora nach hinten geschoben, um besser sehen zu können. „Wir wimmeln sie ab,“ brüllte er jauchzend. Endlich erreichten sie die Kurve. Schnell schaltete Al das Licht aus und bog riskant in die Seitenstraße. Sie war noch immer wild überwuchert, wie in seiner Erinnerung. Er stoppte augenblicklich und schaltete den Motor aus. Nervös sah er in den Rückspiegel. Jimmy zappelte ungeduldig auf seinem Sitz und sah immer wieder zurück. Plötzlich schnellte das Polizeiauto mit aufgedrehten Sirenen an der Seitenstraße vorbei, der Hauptstraße weiter folgend. Jimmy und Al atmeten sichtlich erleichtert aus. Al startete wieder den Motor und das Licht. Beide erschraken. Im Lichtkegel stand eine schmale dunkle Gestalt, eingehüllt in einem schwarzen Mantel. Sie stand ruhig da. Über den Kopf trug sie eine Kapuze. Die beiden Männer konnten das Gesicht nicht erkennen. Plötzlich setzte sich die Gestalt in Bewegung und ging auf den Pickup zu. Schließlich an ihnen vorbei und verschwand hinter der nächsten Abbiegung. Keines Blickes hatte sie ihnen gewürdigt. Einfach so verschwand sie aus ihrem Blickfeld. Al und Jimmy saßen noch eine lange Weile vor Angst erstarrt im Wagen. Endlich fuhr Al los, um bei der nächsten Gelegenheit zu drehen. Die überwucherte Straße wurde bereits nach einigen Metern breiter. Al blieb stehen. Die beiden Männer starrten panisch und ängstlich auf das Blutbad, dass sich ihnen bot. Es waren mal zwei Männer gewesen. Sie waren entzweit worden. Ihre Gedärme lagen verstreut um die Leichenteile. Al konnte ihre Gesichter nicht erkennen. Er wollte es auch nicht. Jimmy öffnete die Tür und übergab sich. Schnell drehten sie den Wagen und verschwanden in die entgegengesetzte Richtung der dunklen Gestalt. Al war sich sicher gewesen, dass er kristallblaue Augen unter der Kapuze gesehen hatte, und er war sich sicher, dass es eine Frau war. Ein eisiger Schauer lief ihm über den Rücken.
Sie folgten der Straße eine lange Zeit, bis Jimmy nach einigen Meilen seine Stimme wiederfand. „Wir werden das vergessen. Wir denken jetzt nur an die Mäuse. Fahr jetzt in die Stadt zum vereinbarten Treffpunkt. Mr. Hicks wartet nicht lange. Vergiss nicht er sagte sein Club bräuchte dringend wieder Drinks,“ sprach Jimmy ernüchternd. Al nickte lediglich. „Das waren die Taten der Mafia, da bin ich mir sicher. Das geht uns nichts an. Irgendwas aus der Stadt. Vergiss es einfach,“ wiederholte er sich. Al konnte die Verunsicherung aus seiner Stimme heraushören. Die dunkle Frau würde er jedoch nie wieder vergessen.
Kristallblaue Augen sahen sie aus dem Spiegel an. Trauer und Einsamkeit lag in dem Blick. Ihre Gesichtszüge verrieten nichts von dem, was in ihr vorging und nichts davon, wer sie selbst war, sie wusste es ja nicht einmal selbst. Ihre Entscheidung stand noch immer aus. Für Claire stellte sich heraus, dass eine Entscheidung hinsichtlich des Lebens von Edgar ihr schwerer fiel als alles Bisherige.
Manhattan war nicht mehr sicher für Edgar. Claire musste sich eingestehen, dass sie zu weit gegangen war. Immer wieder fragte sie sich, wie sie nur in diese Situation kommen konnte. Den Auftrag hatte sie bereits erledigt, wollte aber nicht weg. Die Arbeit im Club gefiel ihr. Singen und Tanzen war besser als das ganze Blut. Zudem war da noch ihr Boss, der Unterweltboss von Manhattan Edgar Hicks. Wie konnte sie ihn einfach seinem Schicksal überlassen? Sie konnte sich noch erinnern, als er lediglich Clubbesitzer war und nicht viel zu sagen hatte. Durch ihre Hilfe gelangte er bis ganz an die Spitze, nur wusste er das nicht.
Edgar war groß und hatte eine schmale Figur. Er hatte ein sehr markantes Gesicht, das durch die spitze Nase auffiel. Sein Aussehen erweckte den Eindruck, er wäre schwach. Unter seinem Hemd zeichneten sich jedoch starke Muskeln ab. Eine Deformierung seines rechten Fußes verlieh ihm einen schleifenden Gang. In seiner Jugend wurde er von anderen Jungs verprügelt, wegen der zweifelhaften Beziehungen seiner Mutter. Durch seine dunklen Augen und seinen schwarzen Anzügen wurde das Bild eines rachsüchtigen und brutalen Menschen vervollständigt. Seine schwarzen Hosen waren ihm wegen seiner Größe immer zu kurz. Bei guter Laune trug er bunte Socken. Er entschied bereits nach dem Aufwachen, welche Laune er bevorzugte. Claire hatte viel Zeit damit verbracht, ihn zu beobachten und hatte nach all der Zeit eine Freundschaft zu ihm aufgebaut.
Damals suchten sie eine Sängerin für den Club. Für ihren Auftrag musste sie in dem Club arbeiten, daher war es wichtig aufzufallen. Sie wusste, dass sie einen besonderen Reiz auf Männer und Frauen ausübte. Daher entschied sie sich für ein knallrotes Kleid, welches tiefe Einblicke auf ihren Rücken ermöglichte. Ihre weiße Haut strahlte unter dem Rampenlicht und ihre roten Haare fingen Feuer im Licht. Als sie ihre rot bemalten Lippen öffnete, um zum ersten Klang des Klaviers zu singen, durchbrach ihre Stimme die Stille des Saales. Edgar starrte wie gebannt zu ihr auf. Seine Augen hingen an ihren Lippen. Die Zeit schien still zu stehen. Diese Augen, die so viel Wahnsinn in sich hatten, doch Claire wusste auch die Einsamkeit darin zu lesen. Sie kannte dieses Gefühl sehr gut. Er musste immer kämpfen für das, was er wollte, um auf den Moment seiner Rache zu warten. Seine Liebe zu seiner Mutter machte ihn zu dem, der er war. Sie war keine Schönheit und wurde von Männern immer schlecht behandelt. Edgar sah sich als ihren Beschützer. Ein Leben in Angst und Schrecken vor der Gewalt eines Mannes hatten nicht nur seine Mutter begleitet, nein - auch ihn. Ein Mann speziell hatte es ihm angetan. Die Rache an seinem Vater, nachdem er seine Mutter einfach in Stich ließ, hatte ihn den größten Teil seines Lebens begleitet. Misshandelt und missbraucht hatte er sie mit einem Säugling zurückgelassen. Es hatte lange gedauert, doch schließlich bekam Edgar seine Rache. Er tötete ihn hinterrücks und wurde der mächtigste Mann in Manhattan.
Edgar und seine Mitarbeiter waren begeistert von ihrem Aufritt. Sie wurde engagiert. Noch am selben Abend hatte sie Premiere und füllte den Saal mit ihrer wunderschönen Stimme und geheimnisvollen Aura. Edgar wusste, dass er mit Claire einen ganz besonderen Fang gemacht hatte und ermöglichte ihr immer mehr Privilegien. Darunter zählte das Singen im engen Kreis bei Edgar im Haus für seine Gäste, begleitet von ihm selbst am Klavier. Nachdem er endlich Aufstieg, seine Macht in Manhattans krimineller Unterwelt ausbreitete und sein Name Angst und Schrecken verbreitete, stieg auch Claire in seiner Gunst. Jeden Abend füllte sie seinen Club und nach kurzer Zeit waren Prominente, Politiker und andere hochrangige Kriminelle seine Stammgäste. Die Kassen klingelten. Claire wusste, dass der Fall bald kommen würde und machte sich bereit. Bereit dazu eine Entscheidung hinsichtlich Edgar zu treffen.
Claire hatte bereits mehrere Attentate auf ihn verhindert. Heimlich und unsichtbar, denn sie musste aufpassen, dass man nicht entdeckte, wer sie war. Sie zögerte dadurch nur das Vermeintliche hinaus. Schließlich geschah es, wie es geschehen musste. Ein gelangweilter Millionär aus Europa siedelte über nach Manhattan und versuchte, die Stadt an sich zu reißen. Er kandidierte bei der Bürgermeisterwahl. Hierzu versuchte er Edgar als sein Werkzeug zu benutzen und durch ihn unliebsame Rivalen aus dem Weg zu räumen. Er benötigte einzig ein Druckmittel hierfür. Michael Holden entführte Edgars Mutter und erpresste ihn nun mit ihrem Leben.
Seit Tagen versuchte Edgar seine Mutter ausfindig zu machen und erledigte zusätzlich die Aufträge von Holden. Edgar musste ihm unliebsame Gegner aus dem Verkehr räumen. Boris, Edgars engster Vertrauter, wurde in die Organisation von Holden infiltriert, um den Standort seiner Mutter herauszufinden, doch es war gescheitert. Edgar wusste das nicht, doch Claire schon. Zudem wusste sie, dass Edgars Mutter bereits vor Tagen durch Holdens eigene Hände ermordet wurde. Und da wären wir bei der unglücklichen Situation, in die sie sich manövriert hatte.
Sie mochte Edgar gerne, er war für sie über all der Zeit wichtig geworden und sie befürchtetet ihm nicht helfen zu können. Wie sollte sie das Schicksal aufhalten? Er hatte sie öfter aus unliebsamen Situationen gerettet und hatte für sie öfter Kunden vergrault, einzig um ihre Ehre zu schützen. Sein Mitgefühl und seine Zuneigung zu ihr rührten sie. Claire hätte sich aus jeder dieser Situationen selbst befreien können, er sprang so oft zwischen ihr und den aufdringlichen Männern. So einem Menschen war sie noch nie begegnet, der zwei Gesichter hatte. Den eines skrupellosen Gangsters, der auch über Leichen ging, um seine Ziele zu erreichen und den eines mitfühlenden und fürsorglichen Mannes, der sich um seine Familie und Freunde kümmerte, ohne eine Gegenleistung. Jedes weitere Einmischen ihrerseits überstrapazierte immer mehr ihren Aufenthalt hier.
Nun befahl er ihr heute Morgen, sie sollte ihn zu dem Treffen mit Holden begleiten, in der Erwartung Rückendeckung von seinem Vertrauten Boris zu bekommen. Er wusste nicht, dass dieser bereits die Seiten gewechselt hatte, und Claire musste sich entscheiden Manhattan wieder zu verlassen und zu ihrem alten Leben wieder zurückzukehren oder aber Edgar bis zum Schluss zu helfen. Doch sie befürchtete, dass mehr dahintersteckte. Die Gefühle, die sie für ihn empfand, waren ihr fremd und sie wusste nicht, was sie eigentlich noch bei ihm wollte. Die Neugier war es, die es ihr schwer machte, sich zu entscheiden. Sie war schon vielen Männern begegnet, doch so hatte sie noch nie gefühlt. Zudem gab ihr diese Aufgabe das Gefühl frei zu sein und dieses Gefühl war ihr bis vor einiger Zeit völlig unbekannt gewesen. Sie beschloss nach langem hin und her bis zu dem Treffen bei ihm zu bleiben und anschließend zu entscheiden.
„Miss de Fleur! Wo bleiben Sie. Es geht los. Verdammt - bin ich hier nur von unfähigem Personal umgebe,“ schrie Edgar im Foyer. Claire stand immer noch oben im Badezimmer und begutachtete sich im Spiegel. Sie hatte sich entschieden, die Haare seitlich zu einem geflochtenen Zopf über die Schulter zu legen. Dazu legte sie lediglich roten Lippenstift auf. Sie hatte ein weißes Kleid mit bunten Blumen am Saum gewählt. Es war vorne bis über die Brust geschlossen. Schlichte Schwarze Schnürschuhe rundeten alles ab. Nun fehlten nur noch der beige Mantel und das Messer seitlich am Oberschenkel an einem Gurt befestigt. Auffallen würde sie auf jeden Fall, rein nur wegen ihrer roten Haare und der weißen Haut.
Schnell kam sie die Treppe hinunter und stellte sich neben Edgar, der bereits den linken Arm seitlich anwinkelte, damit sie einhacken konnte. In der rechten Hand stützte er sich auf seinen Gehstock.
„Können wir also endlich gehen?!“ fragte er sie. Er sah ihr tief in die kristallblauen Augen. Claire fiel überrascht auf, dass seine dunklen Augen unglaublich erfreut aussahen. Da begriff sie es erst: Edgar dachte Boris hätte seine Mutter gefunden und bereits in Sicherheit gebracht.
„Miss de Fleur, erhalte ich auch eine Antwort?“ fragte er sie erneut. „Aber natürlich, Mr. Hicks,“ antwortete sie schnell.
„Also, der Plan ist, dass wir gemütlich bei diesem Hurensohn sitzen und ein Drink zu uns nehmen werden, während Boris die Männer rein lässt. Sie brauchen sich daher keine Sorgen zu machen,“ versuchte er Claire zu beruhigen, denn man konnte ihr die Sorgen im Gesicht ablesen. Allerdings wusste er nicht, dass er sich um weitaus mehr Sorgen machen sollte als um sie.
Sie stiegen in den Rolls-Royce Phantom und fuhren in die Innenstadt. Claire musste sich entscheiden, denn der Moment zu Handeln stand kurz bevor. Das konnte sie spüren. Edgar hielt die ganze Fahrt siegessicher ihre Hand und schilderte ihr sein Vorhaben. Er wollte Holden Leiden sehen. Der Chauffeur pendelte sich in den belebten Straßenverkehr ein. Immer wieder musste er Kutschen ausweichen.
„Mr. Hicks, was für eine Aufgabe habe ich eigentlich in Ihrem Plan?“ fragte sie zögernd. Überrascht wandte er sich zu ihr und lachte, als wenn er so klar durchschaubar wäre. Claire war bewusst, dass er nur nach Rache sehnte und dabei sein Vertrauen auf die falschen Personen setzte. Jedoch verstand sie noch nicht genau, was sie darin zu suchen hatte. Lieber wäre es ihr gewesen, Edgar verborgen im Hintergrund zu helfen, so aber würde es unvermeidbar sein, sich ihm zu offenbaren.
„Sie, meine Liebe, werden einfach hübsch dasitzen und Holden durch ihre Erscheinung ablenken,“ meinte er lächelnd.
Tatsächlich fiel Claire soeben auf, dass er nie jemanden so anlächelte wie sie. Zögernd lächelte sie zurück. Er hielt noch immer ihre Hand. Sie konnte ein überraschtes Aufleuchten in seinen Augen erkennen, doch wandte er schnell sein Gesicht ab und sah aus dem Fenster des Wagens. Hatte er etwa das Mitgefühl in ihren Augen erkannt? Nach einigen Sekunden der Stille fing er erneut an darüber zu sinnen, was er alles Holden antun würde. Ihm würde bald die Lust auf das Sinnen vergehen, wenn er erfuhr, dass seine Mutter bereits tot war.
Der Wagen hielt 149 Broadway, Ecke Liberty Street vor dem Singer Building an. Dort wurden sie bereits von Holdens Sekretärin sowie Bettgespielin Hilde erwartet. Sie trug ein blaues Kleid mit Spitze um den Kragen. Um ihren Hals trug sie eine lange weiße Perlenkette. Ein blauer Topfhut, unter dem sich schwarze kurze Haare versteckten, rundete das Outfit ab. Noch immer verdrängte Claire den Gedanken an eine Entscheidung.
Erst als sie im Fahrstuhl waren, um hoch in die 30. Etage zu fahren, überlegte sie sich, ob sie ihn nicht warnen sollte. Doch da Hilde mit im Fahrstuhl stand, würde es nicht gehen. Verstohlen sah sie zu ihm hoch. Sie war wieder in seinem linken Arm eingehackt und Hilde stand mit dem Rücken zu ihnen.
Sie drückte leicht seinen Arm. Er wandte sich zu ihr und sah ihr mit einem ausdruckslosen Blick in die Augen. Beinah konnte sie spüren, dass er alles wusste. Wusste wer sie war, was sie tat und dass er seine Mutter nie wiedersehen würde. Er schien um Hilfe zu schreien, doch bevor er etwas sagen konnte, öffnete Hilde die Fahrstuhltüren und sie blickten in einen langen hell erleuchteten Flur. Am Ende war ein raumhohes Fenster, durch das sie über Manhattan blicken konnten. Die Aussicht war atemberaubend.
Hilde lotste sie den Flur vor ihnen voran bis ganz an das Ende und öffnete die große Doppelflügeltür zu ihrer Rechten. Holden hatte sie bereits erwartet und kam grinsend auf Edgar zu. „Guten Abend!“ begrüßte er Edgar mit einem breiten Lächeln.
„Was haben Sie uns da nur für eine Schönheit mitgebracht… Herzchen was machst du nur am Arm dieses Freaks?“ richtete er sich ohne Umschweif an Claire. Missmutig sah sie ihn an.
Der Raum, in dem sie geleitet wurden, hatte einen traumhaften Ausblick auf Manhattan. Von so weit oben konnten sie am Horizont bereits das Meer glitzern sehen. Die Sonne ging unter. Es war alles schlicht in dunklen Tönen eingerichtet. Seltsame Statuen standen auf der Kommode, die dieser Mann sicher als Kunstwerke bezeichnen würde und Claire eher als ein Klumpen Beton. Ein schwarz glänzendes Klavier stand zur rechten Seite von Edgar und am anderen Ende des Raumes standen ein großer Schreibtisch aus einem dunklen Holz, sowie zwei schlichte Stühle davor.
„Dieser Arm ist stärker, als Ihr denkt und daher bevorzuge ich diesen,“ antwortete Claire bissig und drückte sich zur Bestätigung enger an Edgar heran. Edgar musste grinsen und zwinkerte ihr einmal zu. Missmutig senkte Holden wieder seinen Arm.
„Ich dachte mir, ich bringe Miss de Fleur mit, damit sie uns was vorspielt, nachdem wir das Geschäftliche geklärt haben, denn schließlich soll heute alles zu Ende laufen und das muss gefeiert werden,“ schmeichelte Edgar verlogen. Das war nie gut, wenn er so freundlich wirkte, dachte sich Claire. In der Vergangenheit hatte sich oft gezeigt, dass Edgar leicht seinem Gegner Leichtfertigkeit vorspielen konnte, nur um brutaler und schneller zu zeigen, wie viel Macht er besaß.
„Das ist ein guter Einfall gewesen und was die Geschäfte angeht, da sehen wir mal weiter. Setzen wir uns erst mal hin. Hilde begleitest du Miss de Fleur bitte zu den Sesseln? Edgar und ich werden uns an meinen Schreibtisch begeben,“ dirigierte Holden. Edgar nickte Claire einmal böse grinsend zu und ging bis zum Ende des Raumes. Claire und Hilde setzten sich nahe beim Klavier in zwei Sessel. Verwundert sah sich Claire eine Peitsche auf dem kleinen Tischchen neben ihrem Sessel an. Hilde sah sie verschmitzt an.
Jetzt wurde es langsam brenzlig für Claire, die Entscheidung rückte immer näher und Edgar saß weit weg von ihr. Wenn es zum Kampf kommen würde, müsste sie schnell und gezielt handeln.
Hilde schien ihrem Arbeitgeber gehörig und willenlos. Claire wusste, dass sie sich oft und gerne vor ihm erniedrigt hatte. In ihren Augen gehörte sie zu der Sorte von Frauen, die lieber dumm blieben und sich führen lassen, als Stärke und Macht zu besitzen. „Du bist also der Singvogel von diesem Vogel,“ stellte sie arrogant fest. Claire sah sie lange eindringlich an. Einfach nur ekelhaft und widerlich war sie in ihrem Inneren, die Seele war verkommen. Claire wusste nicht warum, aber sie konnte all dies einen kurzen Moment lang sehen. Manhattan war voll von diesen Gestalten. Die Stadt triefte vor klebrigem Ekel und es haftete fast an jedem. Eigentlich eine Menge Arbeit für Claire, aber den Auftrag hatte sie erfüllt und mehr durfte es nicht sein. Claire blinzelte kurz, um die Eindrücke wieder loszuwerden. Wieder kehrten ihre Gedanken zu Edgar zurück. Was wird er tun, wenn er erfährt, dass seine Mutter nicht mehr am Leben ist? Kein guter Tag für Claire. Das Singen und Tanzen würde nun enden, doch nach Hause wollte sie auch nicht, da herrschte nur Blut, Hass und Gewalt.
Sie konnte das Ticken der Uhr hören und den ruhigen Atem von Hilde. Diese sah sie verführerisch an und leckte sich dabei über die Lippen. Es vergingen nur einige Minuten und ihre Gedanken wurden durch ein jähes Schreien beendet. Edgar weiß es.
„Wie konntet Ihr das tun! Ich habe doch alles getan, was Ihr verlangt habt!“ schrie er. Holden lachte nur.
„Das war es wohl für dich,“ flüsterte Hilde, nun plötzlich ganz nah bei Claire am Ohr. Claire sah wie Holden einen Revolver aus einer Holzkiste auf seinem Schreibtisch zog. Kurz blickte sie Hilde direkt in die Augen. Ihre Nasen waren lediglich um eine Haaresbreite voneinander entfernt. Sie war schön, jung und in der Blüte ihrer Sexualität. Claire konnte das auf ihrer Haut spüren. So schnell, dass sie es kaum mit verfolgen konnte, zog Claire ihr Messer und stach es unterhalb des Kinnes durch den Kiefer ins Gehirn von Hilde. Die Spitze des Messers ragte ein Stück oberhalb des Hutes heraus. Claire konnte die Verwunderung in ihrem letzten Blick sehen. Schnell zog sie das Messer heraus. Bevor diese zu Fall ging, packte Claire die Peitsche, stand auf und machte einen schnellen Satz in Richtung des Schreibtisches und benutze die Peitsche, um das Stuhlbein von Edgar zu packen. Sie zog diesen zu sich, so dass Edgar zu Boden fiel. Ein Schuss erklang. Nun musste es schnell gehen. Sie rannte zum Schreibtisch. Im Vorbeigehen packte sie die klobige Betonstatue und schleuderte sie in das überraschte Gesicht von Holden. Er war zu erschrocken, um schnell auszuweichen und bekam die Betonstatue direkt zu spüren. Er fiel zu Boden.
Schnell umrundete Claire den Schreibtisch und durchschnitt Holdens Kehle. Sie ließ ihn verblutend liegen. Holden röchelte nach Luft, doch diese würde ihm bald ausgehen. Sie kam zurück und kniete sich vor Edgar auf den Boden.
Er rührte sich nicht. „Edgar, steh auf, wir müssen so schnell es geht hier raus. Boris und die anderen Männer von Holden werden sofort da sein,“ rief sie ihm zu, doch er lag nur da mit dem Rücken zu ihr und zitterte am ganzen Körper. Sie hörte ihn leise weinen. Drehte seinen Kopf zu sich und zog ihn dabei ein wenig hoch.
„Sie ist tot. Sie ist nicht mehr da, einfach so,“ flüsterte er bitterlich. Da sah er verwundert in ihre Augen. „Was soll ich jetzt nur tun?“ fragte er sie mit tränenvollen Augen. „Erst mal, stehst du jetzt auf und dann müssen wir hier raus,“ sprach Claire mit ruhiger Stimme. Edgar nickte und richtete sich mühsam auf. Da bemerkte Claire, dass die Kugel ihn doch getroffen hatte. Sein weißes Hemd unter dem Sakko färbte sich rot. Die Wunde schien nicht lebensbedrohlich zu sein. Darum muss ich mich nachher kümmern, dachte sie sich. Schnell nahm sie den Revolver, der auf dem Boden lag und stütze Edgar ab, was ein wenig kläglich aussah, denn sie war gerade mal 1,65 Meter und er beinah zwei Kopf größer als sie. Trotzdem nahm er die Stütze dankend an. „Bist du bereit?“ fragte sie ihn und er nickte, nicht auffallend, dass Claire ihn plötzlich duzte. Er warf noch einen vernichtenden Blick auf Holdens Leiche. Um die Leiche von Hilde hatte sich eine große Blutlache gebildet. Ihre Perlenkette lag völlig eingeschlossen darin und glitzerte in seiner neuen Farbe. Beim Herausreißen des Messers, musste die Kette gerissen sein.
Sie gingen in den Flur. Zielstrebig auf den Fahrstuhl zu. Plötzlich kamen von rechts und links jeweils Männer mit angelegten Tommy-Guns. Sie trugen schwarze Anzüge und ihre Hüte hingen tief in ihre Gesichter. Sie mussten die Auseinandersetzung zwischen Holden und ihr mitbekommen haben. „Edgar, du musst dich eben mal an der Wand stützen. Ich kümmere mich schnell um die Beiden,“ flüsterte Claire ihm zu, dabei drängte sie ihn bereits zur Wand und löste sich aus der Umarmung. „Du? Meine Männer müssten doch gleich kommen?“ rief er irritiert. Claire war schon auf dem Weg sich den Männern in den Weg zu stellen. „Meine Herren ich bräuchte kurz ihre Waffen, denn mein Boss und ich würden nun gerne gehen,“ sagte sie zu den Beiden gefährlich freundlich. Die Männer grinsten sich nur an und zielten auf sie. Claire machte eine seitwärts Bewegung und sprang behänd über ihre Köpfe hinweg. Die Männer drehten sich erschrocken zu ihr um, doch sie stach bereits mit ihrem Messer dem Rechten durch sein Auge und dem anderen trat sie heftig in die Magengrube, so dass dieser gegen die Wand prallte. Als er die Augen öffnete starte er in die Mündungsöffnung des Revolvers. Es krachte einmal laut auf und Rauch stieg aus der Mündungsöffnung. Das Blut spritze in alle Richtungen und besprenkelte Claires weißes Kleid mit kleinen Blutstropfen. Sie roch das Blut und verspürte wie immer das Gefühl von Befriedigung.
„Wer bist du?!“ rief Edgar überrascht vom Ende des Flurs zu Claire rüber und hinkte in ihre Richtung. Sie wusste es so oft selbst nicht. Die Antwort würde sie ihm aber noch schuldig sein, wenn das alles vorbei war. Claire sah, dass er nicht viel Blut verlor, jedoch hinkte er schlimmer als sonst. Er musste schlimme Schmerzen haben, dachte sie sich. „Nur dein Singvogel,“ antwortete sie, dabei zog sie ihr Messer aus dem Auge des Toten und wischte die blutverschmierte Klinge an dessen Anzug ab. Sie zog ihren Rock ein wenig hoch und steckte das Messer wieder in seine Halterung. Edgar beobachtete sie dabei aufmerksam. Claire konnte seine Blicke auf sich spüren und es gefiel ihr, zu ihrer eigenen Verwunderung. Sie hob die beiden Tommy-Guns auf und warf den Revolver weg. Mittlerweile war Edgar bei ihr angekommen und nahm sich eine der Waffen. Claire umschlang mit dem einen Arm seine Hüfte und legte sich seinen Arm um die Schulter. Beide hielten nun in ihren freien Händen eine Waffe und gingen so weiter auf den Fahrstuhl zu.
Vom Fahrstuhl zweigte rechts und links jeweils ein Flur ab. Vorsichtig schauten die Beiden jeweils in die entgegengesetzte Richtung. Claire konnte sehen, wie einige Männer bereits um die Ecke pirschten. Edgar und Claire schossen und hinkten schnell zum Fahrstuhl. Die Kugeln flogen um sie herum, doch keine traf sie beide. Claire erschoss zwei Männer auf der einen Seite des Flures und schwenkte um auf Edgars Seite. Edgar drückte schnell auf den Knopf des Fahrstuhls, der noch oben war und die Türen öffneten sich augenblicklich. Schnell schoben sich die Beiden rein. Claire schoss weiter auf die Männer. Die Holzvertäfelung sprenkelte ab und füllte die Luft mit Holzsplittern. Claire schloss schnell die Türen. Augenblicklich wurde es still um sie. Der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung.
Claire konnte den Atem von Edgar im Nacken spüren. Er atmete sehr schwer. Sie warf ihre Waffe auf den Boden und tastete seine Seite ab. Sie betastete die Schusswunde. Es war ein glatter Durchschuss an der Seite. Keine lebensnotwendigen Organe waren getroffen. „Da hast du aber Glück gehabt,“ stellte sie erleichtert fest. „Aber nur dank dir,“ erwiderte er. Sie blickte auf und sah ihm direkt in die Augen. Ihre Nasenspitzen berührten sich beinah. Sie konnte seinen schweren Atem auf ihren Lippen spüren.
Edgar hielt sich mit seiner freien Hand an der Wand, damit Claire nicht sein ganzes Gewicht tragen musste. Der Fahrstuhl hielt im Foyer. Sie hob ihre Waffe wieder auf, Edgar war zu schwach und noch voller Kummer, um daran zu denken, seine auch aufzuheben. Die Tür glitt auf und sie sahen in das hell erleuchtete Foyer. Anscheinend wusste noch keiner, dass die Beiden geflohen waren. „Verdammt noch mal, wo sind meine Männer?“ fragte Edgar wütend. „Die kommen nicht, Boris hat sie zurückgeschickt,“ klärte sie ihn kurz angebunden auf. „Woher weißt du das?“ fragte er sie. „Ich weiß es einfach,“ antwortete sie genervt und humpelte mit ihm weiter zu seinem Rolls-Royce, der noch immer geparkt vor dem Gebäude stand. Edgar lehnte sich an den Wagen. Claire umrundete den Wagen. Der Fahrer war verschwunden. Lediglich Blutspuren erinnerten an sein Dasein. Claire verschwendete keinen Gedanken an den Mann. Schnell stieg sie ein und versuchte den Motor zu starten. Edgar rief zu ihr rüber, während er versuchte in den Wagen zu steigen: „Claire, beeil dich, der Fahrstuhl fährt zu uns runter, sie kommen!“
„Ja, ich beeil mich ja schon,“ antwortete sie gestresst. Endlich sprang der Motor an. „Steig ein!“ schrie sie ihm zu. Er plumpste auf den Sitz. Schnell zog er die Tür zu. In dem Moment öffneten sich die Fahrstuhltüren und vier schwer bewaffnete Männer stiegen aus. Claire gab Gas und schon waren sie außer Sicht- und Schussweite.
Es war still im Wagen. Claire schaute nicht mal in den Rückspiegel, denn sie wusste, dass man sie nicht finden würde. Jetzt war Edgar sicher und sie selbst hatte sich entschieden. Nun musste sie ihn an einen sicheren Ort bringen. Gut, dass sie ein Haus auf dem Festland an der Küste hatte. Sie hatte bei jedem Auftrag immer noch ein weiteres sicheres Haus. Bei diesem Auftrag hatte sie es bisher nicht gebraucht.
Zögernd sah sie zu Edgar rüber, er war still und lehnte seinen Kopf an die Fensterscheibe. Sein leerer Blick ging nach draußen auf die dunklen Straßen.
„Wo fahren wir hin?“ fragte er plötzlich, als sie über die Brücke zum Festland fuhren.
„Ich habe ein sicheres Haus,“ erklärte die zögernd.
„Sicheres Haus, wofür?! Es ist vorbei, sie ist tot,“ gab Edgar trostlos von sich.
„Wir werden sehen Mr. Hicks!“ waren Claires einzige Worte. Es wurde wieder still.
Sie fuhren über einen langen Sandweg durch einen Nadelbaumwald. Vorher hatten sie mehrere Abzweigungen genommen. Edgar war sich sicher, dass man sie nicht finden könnte, da er selbst bereits die Orientierung verloren hatte. Sicher war er dann anscheinend wirklich, vor allem als er das versteckte Haus erblickte, auf das sie zuhielten.
Es war ihm alles egal. Sollte sie ihn umbringen. Es wäre egal. Auch wenn sie ihn gerettet hatte, traute er ihr nicht. Es waren einfach zu viele Fragen. Im Augenblick interessierte ihn das auch nicht mehr. Seine Mutter war tot und schuld daran war dieser Holden. Er hatte ihn reingelegt.
Es würde sich zeigen zu wem Claire gehörte, zu ihm, Holden oder gar einem anderem. Mit ihrer Stimme hatte sie ihn vor so langer Zeit bezaubert und ihre ruhige und stille Art hatte sie bis in sein Herz geführt. Er dachte sie würde ihm gehören. Sie sang, wenn er es befahl und tanzte, wenn er es wollte. Sie war schön und aufregend. Wenn sie tanzte, konnte er seinen Blick nicht von ihr abwenden. Ihre hellen kristallblauen Augen strahlten so viel Kühle und zugleich so viel Güte aus. Schmerzlich erinnerte er sich, dass seine Mutter sie geliebt hatte. Gemeinsam hatten die beiden so manche Abende im Club gesungen und die Tische gefüllt. Anschließend brachte sie sie immer nach Hause und kümmerte sich so liebevoll um Miss Hicks. Aber vielleicht war das nur eine Strategie gewesen, um in seiner Gunst aufzusteigen. Seine Mutter glaubte, dass Claire ihn genauso lieben würde, wie er sie, doch er wusste es besser. Seine Mutter meinte es nur gut mit ihm, doch er war nicht begehrenswert. Durch seine Deformierung im rechten Fuß hinkte er und sein restliches Aussehen machte es nicht besser. Seine Nase war spitz und die Haare standen seitlich ein wenig ab. Nie trug er einen Hut, wie es derzeit Mode war. Das wollte er so, er war ein skrupelloser Unterweltboss, vor dem man sich fürchten sollte. Er konnte tragen was er wollte. Jetzt war er ein Nichts. Seine Männer wussten nicht, was geschehen war und würden ihn bald für tot halten. Er wollte auch nicht mehr leben. Holdens Einfluss hatte an seiner Autorität gekratzt.
Sie waren angekommen. Die trübseligen Gedanken wollten nicht schwinden. Seine Wunde und sein Fuß, wie eigentlich immer, schmerzten. Er sah wie Claire ausstieg und um das Auto herum ging. Sie öffnete die Tür und half ihm raus. Wieder legte sie einen Arm um seine Hüfte und legte seinen Arm auf ihre Schultern.
„Kommen Sie Mr. Hicks, ich habe im Haus Verbandszeug und alles, was ich brauche für die Wunde,“ versuchte sie ihn zu motivieren, doch Edgar wollte eigentlich nur sterben.
Sie mussten ein paar Stufen hoch auf eine Veranda. Claire lehnte Edgar an die Wand und kramte unter den Blumentöpfen, die auf der Veranda verteilt standen und suchte die Schlüssel.
„Da sind sie ja! Ich habe das Haus vor über drei Jahren gekauft und muss gestehen, ich war noch nie hier,“ gestand sie und lächelte ihn verlegen an. Er konnte das Mitleid in ihren Augen sehen und auch, stellte er verwundert fest, Trauer. Irrte er sich, oder trauerte sie ebenfalls um seine Mutter? Vielleicht war sie auch aus einem anderen Grund bei ihm, vielleicht… nein. In dieser Situation zu hoffen war falsch.
Er schaute wieder betrübt weg. Kurz konnte er die Enttäuschung in ihrem Gesicht sehen. Sie war ihm ein Rätsel. Wer war sie nur?
Claire öffnete die Tür und bugsierte Edgar hinein. Das Haus war nicht sehr groß. Im Erdgeschoss waren von links orientiert die Räume aufgeteilt. Abstellraum, Wohnzimmer und gegenüber, die Küche und ein kleines Esszimmer. In der Mitte ging es über eine Treppe nach oben zu zwei Schlafräumen und einem Bad. Um das Haus herum war eine Veranda und vom Wohnzimmer konnten sie auf das Meer und einen Sandstrand blicken.
Es war gelinde gesagt „blumig“ eingerichtet, konnten sie durch das trübe Licht der Außenbeleuchtung im Inneren erkenne. Das war im Moment aber egal. Ihr Notfallgepäck war direkt im Eingangsflur abgestellt worden, darunter war auch ein kleiner Teil medizinischer Versorgung dabei. Das gehörte zu ihrem Notfallequipment, auch wenn sie es tatsächlich nun zum ersten Mal benötigte.
Das Mondlicht erhellte den Flur zum Wohnzimmer. Claire schleppte Edgar zum Sofa und legte ihn dort hin. „Interessanter Einrichtungsstil,“ stellte er sarkastisch fest.
„Ich habe es mit Einrichtung gekauft,“ erklärte Claire etwas verlegen. „Ich hole schnell etwas für Ihre Wunde und sorge für etwas Licht.“ Schnell verschwand sie aus dem Raum. Sie suchte im Abstellraum nach dem Schaltkasten und fand ihn schließlich. „Und es werde Licht,“ flüsterte sie, während sie den Schalter umlegte. Das Licht ging zuerst flackernd an. Claire begann in ihren Sachen zu kramen, auf der Suche nach Nadel, Faden und Wundverband. Nun fehlte noch Alkohol.
Sie kehrte in das Wohnzimmer zurück. Edgar hatte sich bereits angefangen auszuziehen, besser gesagt hatte er es versucht, doch es schien, dass er schwächer war als gedacht. Claire fand im Schrank eine Flasche Wodka und kam schnell zu Edgar.
„Sie haben sehr viel Blut verloren,“ rief sie erschrocken auf.
„Das fällt Ihnen erst jetzt auf? Sehen Sie sich doch mal Ihr Kleid an.“
Claire blickte an ihrer linken Seite runter. Das ursprünglich weiße Kleid mit Blumenmuster war an der Seite und am Saum komplett rot. „Oh, das habe ich in der Aufregung nicht bemerkt, verdammt.“ Erschrocken ging sie in die Knie vor Edgar und begann sein Sakko auszuziehen und die Knöpfe seiner Weste und die seines Hemdes zu lösen, welches sich mit Blut vollgesogen hatten.
„Sehe ich da Wodka auf dem Tisch?!“ während Edgar dies sagte, griff er bereits nach der Flasche und öffnete diese umständlich. Schon hatte er die Flasche am Mund und kippte es mit einem Ruck runter. „Mr. Hicks, das ist eigentlich für ihre Wunde,“ „Ich habe aber mehr davon, wenn ich es trinke!“ zischte er zurück. Claire schüttelte den Kopf und schaute sich vorsichtig die Wunde an. Sie griff hinter Edgar, um zu fühlen, wie groß die Wunde am Austrittsloch war. Erleichtert stellte sie fest, dass es nicht sehr groß war, jedoch musste es schnell genäht werden, sonst würde er zu viel Blut verlieren. Mit Alkohol, wobei Edgar nicht gerne die Flasche hergab, reinigte sie schnell die Wunde und begann diese dann von beiden Seiten zuzunähen. Edgar verzog kaum eine Miene. Das überraschte Claire nicht sonderlich, schließlich hatte er im schnellen Zug die halbe Flasche in sich eingeführt. „Meine Mutter, Meine Mutter,“ wimmerte er lediglich unter Tränen. Der Alkohol begann zu wirken. Das ist nicht gut, dachte sich Claire. Er muss wieder zu Kräften kommen.
Nachdem die Wunde versorgt war, brachte Claire Edgar mit einigen Anlaufschwierigkeiten nach oben in eines der Schlafzimmer. Die blumige Einrichtung verfolgte sie bis nach oben. Sie legte ihn in das große Bett und zog ihm seine Schuhe aus. Beim rechten Fuß zuckte er zusammen. Er hatte Schmerzen im Fuß, immer noch, stellte sie überrascht fest. „Claire… Bwleiwen Siiie bitte wei miirr… heute Naccchhht!“ lallte Edgar. Claire sah in traurig und mitfühlend an. „Mr. Hicks, ich muss mich umziehen. Ich bin voller Blut und ich muss noch ihr Hemd waschen,“ wimmelte sie ihn ruhig ab. „Schlafen sie einfach,“ und ging schnell aus dem Zimmer.
Was war das nur für ein seltsames Gefühl? Sie wollte bei ihm bleiben, doch das ging zu weit. Das war nicht gestattet.
Am nächsten Tag wachte Edgar in einem Blumenmeer und sehr starken Schmerzen an verschiedenen Stellen auf. Sein Fuß, seine rechte Seite und sein Kopf pochten vehement, um sein Versagen als Sohn zu unterstreichen. „Claire!“ schrie er wütend.
Er hörte jemanden die Treppe aufsteigen. Kurz darauf öffnete sich die Zimmertür. Claire kam strahlend mit einem kleinen Tablett herein, auf dem Wundverband und eine Paste lag. „Sie sind wach!“ Sie trug eine weiße kurzärmelige Bluse, dazu einen knielangen schwarzen Rock. Die Haare hatte sie nach hinten zu einer Hochsteckfrisur gesteckt. Eine gewellte Strähne hing im Nacken raus und schmiegte sich auf ihre Elfenhaut. Wie immer kein Schmuck oder Make-Up. Die Sonne strahlte auf ihr Gesicht, als sie um das Bett herumkam. Ihre Haare leuchteten wie Feuer und Edgar dachte sich nur, dass sie wie eine Elfe aus einem Märchen schien. Er musste sie einfach anlächeln. Plötzlich fiel ihm auf, dass er bis auf seine Socken und seine Unterwäsche völlig nackt war und sie dabei dümmlich anstarrte.
„Ich habe unten Frühstück vorbereitet. Wir müssen aber erst mal ihr Verband wechseln,“ sagte sie, während sie das Tablett auf dem Nachttisch abstellte und sich auf die Bettkante setzte. Edgar konnte sich nicht erinnern, dass sie sich je so nah waren - na ja bis auf letzte Nacht. Sie zog die Decke behutsam zur Seite und sein Oberkörper wurde freigelegt. Er wurde rot. Sie konnte ihm sein Unbehagen ansehen. „Mr. Hicks, Sie brauchen sich nicht zu schämen. Sie sind sportlicher, als einer denkt. Außerdem ist da nichts, was ich nicht letzte Nacht schon gesehen habe,“ sagte sie lächelnd.
Ja, Sport trieb er, und ja einige Muskeln zeigten sich schon, doch das änderte nichts an seinem Unbehagen einer so schönen Frau gegenüber zu sitzen.
„Machen sie einfach schnell, Miss de Fleur,“ gab er missmutig von sich. Vorsichtig besah sich Claire den Verband, jetzt nicht mehr so strahlend. Konnte sie es nicht einfach so schnell wie möglich machen und wieder gehen? Es bereitete ihm Unbehagen, ihr so nah zu sein, denn er musste sich eingestehen, dass er in sie verliebt war. Aber es war undenkbar, dass sie die Gefühle erwiderte, denn er sah sich selbst im Spiegel und wusste, wie das aussah. Außerdem konnte er ihr nicht vertrauen. Sie hatte ihm letzte Nacht Seiten an sich gezeigt, die dafürsprachen, dass sie Geheimnisse vor ihm hatte, die ihm gefährlich werden könnten. Ihm und seinem Geschäft.
Claire wechselte schnell den Verband und gab die Paste darauf. Edgar beobachtete sie genau dabei und besah sich die Naht, die andere konnte er seitlich hinten nicht sehen. Sah sehr gut aus. Das machte sie nicht zum ersten Mal, dachte er sich. Claire stand auf und ging zur Tür mit dem Tablett in der Hand. Sie blieb stehen und drehte sich zu ihm um. „Mr. Hicks, ich bin letzte Nacht, nachdem ich sie versorgt hatte, wieder in die Stadt gefahren und habe Boris gefunden. Er ist jetzt bei ihren Männern und wartet auf sein Urteil. Ihre Männer sind informiert, dass es Ihnen gut geht. Ich soll Ihnen von Victor ausrichten, dass die Geschäfte wie bisher gut laufen und das sie auf weitere Instruktionen Ihrerseits warten.“ Sie wollte sich schon umdrehen, da fiel ihr noch was ein: „Wenn Sie sich nicht wohl genug fühlen, um runter zum Frühstück zu kommen, dann bringe ich es Ihnen hoch.“ Edgar überlegte einen Moment, dass er sie wohl gekrängt haben musste, doch es war ihm so recht. Sollte sie ruhig denken, er sei kalt. Sie hatte aber gute Arbeit geleistet, sowohl bei seiner Rettung als auch bei der Beschaffung von Boris. Auch wenn er nicht wusste, wie sie das angestellt hatte. Er misstraute ihr immer noch. Warum sollte sie ihm helfen? Welchen Vorteil hatte sie davon? Er hatte nicht mitbekommen, dass sie bereits den Raum verlassen hatte. Zu spät, um zu antworten.
Edgar sah sich in dem Raum um. Zu seiner rechten Seite war ein großes bodentiefes Fenster, durch das er den Nadelbaumwald sehen konnte und über eine Glastür gelangte man auf einen Balkon. Gegenüber seinem Bett stand ein Schrank. Am Türblatt hingen sein Sakko, Weste, Fliege und Hemd. Davor standen seine polierten Schuhe und seine Hose hing über das Bettende. Alles frisch gewaschen und gebügelt. Er fragte sich, wann sie geschlafen hatte.
Die Wände im Raum waren übersät mit Blumen, genauso wie seine Bettwäsche und an der rechten Wand neben der Tür hing, ein Bild von einer malerischen Landschaft mit Schafen. Widerlich blumig, dachte er sich.
Er hatte ihr nicht geantwortet wegen dem Frühstück, doch langsam machte sich ein bekanntes Gefühl in seinem Magen bemerkbar. Sollte er sich doch anziehen und runter gehen oder versuchen sich zu Tode zu hungern? Seine Mutter würde das nicht billigen. So hatte sie ihn nicht erzogen. Dieses Tonband würde er nie wieder vergessen, dass dieser Wichser Holden ihm vorgespielt hatte, und sein Lachen würde er auch nie mehr vergessen. Es war die falsche Zeit für Selbstmitleid. Er musste Boris bestrafen und herausfinden, wer Claire war. Eines hatte ihn seine Mutter gelehrt: Vertraue niemanden und vernichte alles, das dich vernichten kann.
Claire ging die Treppe runter und dann in die Küche. Den Verband schmiss sie weg und sah sich traurig den Toast und die Marmelade an mit der Kanne Kaffee. Was auch immer das für Gefühle waren, die sie empfand, sie durfte sie nicht zulassen. Doch es war so enttäuschend für sie, dass er sie so ablehnte. Ja, er wusste nun, dass sie ein Geheimnis hatte, doch es hatte ja nichts mit ihm zu tun und außerdem war das schon lange erledigt, dachte sich Claire.
Sie überlegte einen Augenblick und entschied sich doch dafür, ihm das Frühstück hochzubringen. Sie stellte alles auf ein großes Tablett, das sie in der Küche gefunden hatte und ging die Treppe hinauf. Ohne anzuklopfen, öffnete sie die Tür. Edgar saß auf der Bettkante und zog sich sein Hemd an. Er war gerade dabei vorsichtig die Knöpfe zu schließen, doch es sah ziemlich gequält aus, denn er verzog dabei ein schmerzerfülltes Gesicht. Seine Seite schmerzte und jede Bewegung zog an der Naht. Claire stellte das Tablett auf dem Bett ab und kam zu Edgar herum. Sie ging in die Hocke vor ihm und begann seine Knöpfe zu schließen. Seine Hände glitten auf das Bett und er sah ihr dabei zu. Die Hose hatte er schon an, doch alles andere würde etwas schwierig werden. Der Rock rutschte ein wenig hoch und gab ihre Beine frei. Claire wurde rot. Sie merkte, wie ihr warm wurde.
Nachdem sie ihm das Hemd zugemacht hatte, half sie ihm noch in die Weste und in sein Sakko. Er steckte sich das Hemd in die Hose und Claire band ihm die Fliege um. Bei seinen Schuhen wollte er keine Hilfe. Er schämte sich zu sehr für seinen rechten Fuß. Es durfte ihn niemand anfassen. Während dieser Zeit sprachen die Beiden kein Wort miteinander. Schließlich war Edgar fertig und Claire nahm das Tablett wieder auf. Sie verließ den Raum, ohne ein Wort gesagt zu haben. Unten stellte sie alles wieder ab und ging hinaus auf die Veranda. Ihr Blick richtete sich auf das aufschäumende Meer. Sie zog ihre Pumps aus und ging barfuß die paar Stufen runter zum Strand, zielstrebig zum Wasser. Es war angenehm die Füße ins Wasser zu stellen und zu spüren, wie der Sand unter den Füßen weggespült wurde und sie immer weiter einsank. Sie wusste, dass er sie jetzt sicher beobachtete und sie wusste nun auch, dass er ihr nicht traute. Claire hatte sich falsch entschieden. Sie hätte es nie so weit kommen lassen dürfen.
Liebe, was war das? Sie hatte es noch nie so empfunden, außer die Liebe, die sie für Virginia empfand. Ihre Mutter war grausam und hatte sie immer nur gequält und versucht ihr die gleiche Grausamkeit aufzudrücken. Claire blieb jedoch weiterhin in sich gekehrt und verbarg ihre wahren Gefühle. Sie war in ihrem Inneren von so viel Leid gefüllt. Leid, dass ihr zugefügt wurde, ob mit Absicht oder unabsichtlich. In ihrem Inneren hatte sie verloren und ergab sich ihrem Schicksal, ohne sich zu fragen, was sie von ihr verlangten. Sie mordete und tötete, doch quälen würde sie niemals. Schnell und einfach tötete sie. Das war ihre Stärke. Auf diese Weise stieg sie in der Gunst des Herrschers auf und durfte sich einiges erlauben. Unter anderem so lange fortzubleiben.
Claire wusste, dass sie zurückkehren musste, auch wenn sie sich in Edgar verliebt hatte. Das war ihr nun klar. Es war ein schönes Gefühl, doch er fühlte anscheinend nicht so wie sie und selbst wenn er auch so empfand, so traute er ihr nicht und daran konnte Claire nichts ändern. Ihm alles zu erzählen, wäre sein Tod. Abgesehen davon war die Liebe verboten für sie. Edgar würde sie umbringen wollen, wenn sie ihm nicht die Wahrheit gestand. Sie wusste, dass nun ihr Aufenthalt enden musste.
Es war schon später Nachmittag, als Claire wieder in das Haus kam. Sie war gerade dabei sich den Rock und die Füße vom Sand zu befreien, da hörte sie Edgar rufen: „Miss de Fleur, kommen Sie jetzt bitte endlich rein.“ Sie betrat das Wohnzimmer und sah Edgar auf dem Sofa vor dem Kamin sitzen. Er sah sie gestresst an und gestikulierte mit den Armen, dass sie sich setzen sollte. Sie ging um das Sofa herum und setzte sich auf den Sessel links von Edgar. „Also, ich habe das Telefon im Flur gefunden und mit Victor gesprochen. Morgen früh fahren wir wieder zurück nach Manhattan. Ich bin schon viel zu lange fort,“ stellte er ungehalten fest.
„Ich bereite dann alles vor, Mr. Hicks,“ sprach Claire tonlos.
„Schön… Ich habe da noch so einige Fragen an dich, doch die müssen erst mal warten. Zuerst muss ich wieder zurück zu meinem Anwesen und Boris bestrafen. Es dürstet mich nach Blut!“ sagte er. In seinen Augen glomm so viel Wut, dass es Claire grauste. Er würde sie umbringen, doch das wusste sie verhindern. Vorher würde sie verschwinden.
„Nun, könntest du mir etwas zu essen machen,“ bat er sie, diesmal etwas freundlicher als zuvor. Claire nickte nur und ging in die Küche.
Nachdem Edgar etwas gegessen hatte, nahm er sich aus dem Schrank im Wohnzimmer eine Flasche Whiskey und ging auf sein Zimmer. Er ließ sich den Rest des Abends nicht mehr blicken. Claire ging zum späten Abend ebenfalls hoch und wusch sich schnell. Sie zog sich ein luftiges Nachthemd an.
Die Zeit verging, doch sie konnte nicht schlafen, obwohl sie die letzte Nacht gar nicht geschlafen hatte. Claire nahm sich eine Decke und wickelte sie sich um. Barfuß schlich sie sich wieder runter in das Wohnzimmer. Sie machte Feuer im Kamin und sah sich die Bücher an, die im gesamten Raum an den Wänden aufgereiht waren. Die Vorbesitzerin musste eine leidenschaftliche Leserin gewesen sein. Links neben dem Kamin im Regal fand sie schließlich ein interessantes Exemplar. Es war Alice im Wunderland. Sie setzte sich auf das Sofa und begann zu lesen. Sie stellte sich vor genau wie Alice einfach in eine Fantasiewelt zu fallen und zu vergessen. Plötzlich schrak sie auf. Das Buch war ihr aus der Hand geglitten. Sie musste eingeschlafen sein. Da sah sie ihn. Er saß im Sessel und beobachtete sie mit einem seltsamen Blick. „Mr. Hicks, können Sie nicht schlafen?“ fragte sie zögernd und begann an ihrem Nachthemd zu ziehen, um die nackte Haut, so gut es ging, zu verdecken. Die Decke lag ihr zu Füßen am Boden. „Wer bist du?“ fragte er. Ein Hauch von Whiskey kam ihr entgegen. Er schien nicht stark betrunken zu sein. Die halbvolle Flasche hielt er in der Hand.
„Ich bin Ihr Singvogel, Mr. Hicks!“ gab sie zögernd vor.
„Rede kein Unsinn, du bist mehr als nur die Sängerin und Tänzerin, die du vorgibst zu sein.“ Claire sah ihn wütend an. Verstand er denn nicht, dass sie alles riskierte, nur um bei ihm bleiben zu können?
„Das mag sein, aber ich bin hier, weil ich es will,“ gestand sie aufgebracht.
„Warum?“ fragte er zweifelnd.
Claire stockte, ja warum? Die Wahrheit war ihr unangenehm und eine Lüge fiel ihr auf die Schnelle nicht ein. „Ich… ich weiß es nicht!“ aufgebracht stand sie auf. Claire wollte den Fragen entkommen. Die Antworten auszusprechen, geschweige denn zu denken, würden einem Tabu gleichen. Doch Edgar hielt sie am Arm fest. „Wenn du es nicht weißt, werde ich dir nicht helfen können.“ Nun klang er traurig, beinah enttäuscht, wenn sich Claire nicht irrte. „Dann wirst du mir halt nicht helfen können. Ich bringe dich morgen zurück und das wird meine letzte Tätigkeit für dich sein,“ kündigte sie an und riss ihren Arm weg. Sie ging nach oben. Claire war wütend und enttäuscht. So dankte er ihr also. Sie tat mehr, als sie sollte oder sogar durfte und dann das. Aber was hatte sie schon anderes erwartet. Claire selbst wusste, dass sie niemanden trauen durfte. Hatte sie nicht in ihrer Ausbildung gelernt, wie sie Gefühle verbarg, sogar löschte. Wie sie schöne Dinge, an denen sie hängen könnte, vergaß und begrub und hatte sie nicht gelernt, dass Liebe verboten war. Trotzdem stiegen ihr Tränen in die Augen.
Den Rest der Nacht packte sie ihr Notfallgepäck zusammen. In den kommenden Tagen würde sie in Auftrag geben, das Haus zu verkaufen und die Abholung ihres Gepäckes beordern. Schließlich legte sie sich bereits fertig angezogen auf das Bett und wartete auf den Morgen.
Edgar stand am frühen Morgen bereits an der Haustür. Er schien ebenfalls nicht geschlafen zu haben. Claire ging schnell an ihm vorbei, keines Blickes würdigend und öffnete die Haustür. Sie öffnete die Beifahrerseite des Rolls-Royce und wartete bis Edgar bei ihr war, um einzusteigen. Er schien ebenfalls wütend zu sein, doch Claire wusste nicht, ob auf sie oder einfach auf die gesamte Menschheit. Sie schloss die Tür und lief um das Auto herum und stieg ein.
Sie fuhren nicht lange, da bemerkte Claire, dass Edgar sie beobachtete. Sie roch seine Fahne, doch sie ignorierte ihn weiterhin. Sollte er sie doch so lange anstarren, wie er wollte. Claire begrüßte die Stille und empfand sie als willkommene Ruhe.
Nach einer Stunde erreichten sie endlich sein Anwesen, ein wenig außerhalb von Manhattan. Edgar stieg aus und seine Männer kamen ihm bereits entgegen. Kaum hatte er das Auto verlassen, fuhr Claire schon wieder los. Einen Drink brauchte sie jetzt, und zwar einen großen.
Claire kam spät in dieser Nacht in ihre kleine Wohnung. Sie brauchte nicht mehr, denn sie war nie lange an einem Ort oder Planeten. Es war ein großer Raum, der lediglich durch Stützen getrennt war. Im hinteren Teil stand ihr Bett. Wenn sie in die Wohnung kam, stand sie direkt vor einem Tisch. Dem Tisch gegenüber befand sich die Küche. Es war nur eine kleine Kochzeile. Links war ein kleines Sofa und vereinzelt standen kleine Schränke. Den einzigen Luxus an dieser Wohnung, den sich Claire gegönnt hatte, war das Bad mit Fenster, zu welchem sie gelangte, wenn sie rechts um die Stütze im Schlafbereich ging. Ein perfekter Ausgang, wenn sie schnell die kleine Wohnung verlassen musste.
Sie betrat ihre Wohnung. Ihr fiel augenblicklich der Geruch nach Aftershave auf. Claire war zu betrunken, um schnell nach ihrer Waffe, aus der Schublade direkt neben der Tür, zu greifen. Sie ging einfach weiter in Richtung ihres Bettes. Sie blieb abrupt stehen. Jemand saß im Dunklen dort. Es gab lediglich zwei Fenster beim Sofa, auf der anderen gegenüberliegenden Seite des Bettes, so dass nur spärlich Licht nach hinten viel. Schemenhaft konnte sie erahnen, wer es war.
„Du kommst persönlich, um mich umzubringen?“ fragte Claire überrascht und konnte ein Kichern nicht unterdrücken. Sie vertrug viel Alkohol, doch diesmal hatte sie ihre Grenze überschritten. Sie schwankte und beschloss, ihre Schuhe auszuziehen. Claire drehte sich um und hielt sich am Stuhl fest. Zuerst den einen Schuh, dann den anderen. Sie hörte Edgar schwer atmen, während er zu ihr humpelte. Er umschloss ihre Taille und drückte sie zu sich. Claire schloss die Augen. Es fühlte sich so gut an, ihn so nah bei sich zu haben. Sie durfte nicht, doch sie war zu betrunken, um sich zu wehren. Sie richtete sich auf und lehnte sich an ihn, sie konnte das schnelle Schlagen seines Herzens in ihrem Rücken spüren. Er roch an ihren Haaren.
Plötzlich spürte sie einen Mündungslauf an ihrer Schläfe. „Sag mir, warum?“ fragte er. Seine Stimme zitterte. Vor Aufregung? Vor Wut? Oder gar Angst? Es klickte einmal laut. Er hatte die Waffe entsichert.
„Ich weiß es nicht,“ erklärte sie tonlos.
Edgar schubste sie zu Boden und richtete die Waffe auf sie. Wütend schrie er: „Wie kannst du nicht wissen, warum du bei mir bist. Du verheimlichst mir etwas und darum kann ich dir nicht mehr trauen! Also warum? Ich frage ein letztes Mal!“ stellte er sie zur Rede.
Spätestens seitdem Claire mit der Peitsche das Stuhlbein weggezogen hatte, bereute sie es. Wenn er sie jetzt erschießen würde, müsste sie so einiges erklären. Wie zum Beispiel, dass ihre Wunde sich sofort wieder schließen würde. Sie war zu betrunken, um einen Versuch zu starten, ihn zu überwältigen und zu fliehen. Mittlerweile hatte der Whiskey ihr auch die Zunge lockerer gemacht, also sagte sie das, was sie nicht sagen wollte. Sie legte ihren Kopf auf den Boden und erzählte der Decke die Wahrheit.
„Ich hatte einen Auftrag hier in Manhattan, denn habe ich aber bereits vor über einem Jahr abgeschlossen. Die Arbeit in deinem Club sollte mich dem Auftrag näherbringen und es hat auch funktioniert. Niemand hat etwas geahnt oder ihn vermisst. Ihr denkt alle Russo hätte sich zur Ruhe gesetzt. Na ja, Ruhe hat er jetzt auf jeden Fall. Eigentlich hätte ich danach zurückkehren müssen und einen neuen Auftrag annehmen müssen, doch dieses Leben wurde so verlockend für mich. Es hat mir gefallen, so zu sein, wie ich sein wollte und dann warst ja auch noch du da… Das alles aufgeben, wollte ich nicht, zumindest nicht so schnell… Ich habe zum ersten Mal, seit ich existiere, Dinge gefühlt, die vorher nie da waren. Ich dachte, ich würde mich selbst finden und stellte mir vor, nicht mehr allein zu sein, wenn du bei mir bist…,“ sie stockte, unfähig ihm auch den Rest zu gestehen. Edgar sah sie lange an. Es war still. Totenstill. Das sperrige Licht reichte nicht aus, um sein Gesicht zu erkennen, geschweige um eine Mimik daraus zu lesen.
„Russo ist also tot,“ stellte Edgar fest. Claire nickte, war sich aber nicht sicher, ob er das sehen konnte. Es war wieder still. „Das ist auf jeden Fall eine Antwort auf mein warum, doch das ist nicht alles. Wer hat dich geschickt und warum Russo?“ fragte er, doch da hörte er Claire flach atmen. Er ging umständlich in die Knie. Sie war eingeschlafen. Edgar legte die Waffe auf den Tisch und hob Claire vorsichtig auf. Dabei riss seine frische Naht auf und mit seinem verkrüppelten Fuß wurde es nicht einfacher. Er schaffte es nur mühselig Claire in ihr Bett zu tragen. Er zog ihr umständlich den Mantel aus. Nachdem sie da so lag, setzte er sich neben ihr auf die Bettkante und schaltete die Nachtischlampe an. Er sah sie eine Zeitlang an. Schließlich wollte er aufstehen und gehen, doch Claire öffnete kurz die Augen. Sie hielt seinen Arm fest. „Bleib hier,“ flüsterte sie.
„Schlaf! Wir sprechen uns morgen in meinem Haus,“ sagte er leise und strich ihr liebevoll eine Strähne aus dem Gesicht und da war wieder dieses Lächeln, welches er nur ihr schenkte.
Am nächsten Morgen erwachte Claire mit einem mulmigen Gefühl in ihrem Magen. Sie stand auf, zog sich aus und stieg unter die Dusche. Edgar würde sie sicher schon erwarten, also musste sie sich eine Strategie überlegen. Wollte sie wirklich gehen oder blieb sie bei ihm? Liebe war verboten. Das, was sie verbreiteten, hatte nichts mit Liebe gemein. Wie sollte das funktionieren? Sie konnte nicht sterben und er schon. Er würde altern und sie nicht. Zu was sollte das alles führen? Fragte sie sich und musste dabei lächeln. Da blieb die Frage immer noch, ob er sie auch liebte. Sie hatte noch nie das Bedürfnis gehabt, jemanden so nah zu sein wie ihm. Wenn sie ehrlich zu sich war, dann hätte sie auch nie gedacht, dass jemals zu wollen. Jemanden in ihr Leben zu lassen, war schier undenkbar, vor allem einen Sterblichen.
Claire entschied sich für das schwarze Kleid. Die Haare ließ sie offen. Die roten Pumps vervollständigten das Outfit. Nun der schwarze Mantel und roter Lippenstift. Es konnte losgehen.
Als sie zur Straße hinaustrat, stand bereits der Rolls-Royce direkt vor dem Gehweg und einer von Edgars Männern hielt die Tür auf. Man hatte sie überwacht für den Fall, dass sie fliehen wollte. Claire musste grinsen. Sie fuhren durch die Stadt zu Edgars Anwesen. Claire fühlte nach ihrem Messer am Oberschenkel. Sie kannte alle seine Männer, es waren alles sehr gute Freunde geworden. Sie wollte ihnen nichts antun. Der Tag war heute dunkel und bedeckt. Die Sonne konnte sich durch die dichten Wolken nicht durchsetzen.
Schließlich kamen sie an. Einer der Männer öffnete die Tür und Claire stieg aus. Vor ihr war der prächtige Eingang mit der großen Eichentür. Hinter ihr war die runde Grünfläche mit dem Eichenbaum in der Mitte. Der Baum verlor bereits seine Blätter. „Miss de Fleur, der Boss erwartet Sie bereits!“ Claire sah den großen Kerl an und lächelte. Er zwinkerte ihr zu. Die Tatsache, dass sie Edgar gerettet hatte, war ihnen allen schon bekannt und sie konnte sehen, wie ehrfurchtsvoll sie nun betrachtet wurde. Frauen waren in dieser Zeit nur zur Zierde da. Der freie Wille und die Unabhängigkeit würden noch einige Jahrzehnte auf sich warten lassen.
„Aber sicher doch.“ Mit diesen Worten stieg sie die Marmorstufen hoch und kam in das große Foyer, welches sie vor drei Tagen das letzte Mal betreten hatte, ebenfalls mit einem mulmigen Gefühl. Die gebogene Treppe führte hinauf zu den Privaträumen. Rechts gelangte sie zu den Versorgungsräumen und links in den Loungebereich und in das große Esszimmer mit dem großen Kamin.
Der große Kerl führte sie in das Esszimmer. Mehrere Männer saßen an der großen Tafel. Zu ihrer Linken stand das Klavier. Edgar erhob sich von seinem Stuhl am Kopfende. Hinter ihm war der Kamin. Seine dunklen Augen strahlten sie liebevoll an. Hatte sie vielleicht
