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»Hier steckt alles drin.« George R.R. Martin Zelu ist am Tiefpunkt angekommen: Während in ihrer nigerianischen Familie anscheinend alle ihren Platz im Leben gefunden haben, hat sie keinen Verlag für ihr Manuskript, keinen Job und keine Hoffnung, je wieder laufen zu können. Sie zieht sich zurück und schreibt ein Buch nur für sich selbst. Rusted Robots entführt in eine ferne Zukunft, in der androide Roboter und körperlose KIs den Planeten bewohnen. Als Rusted Robots überraschend zum Bestseller wird, verändert sich nicht nur Zelus Leben, sondern auch die Welt um sie herum. Sie droht, die Kontrolle über ihre eigene Geschichte zu verlieren. Okorafor erzählt von einer Frau am Rande der Gesellschaft, die alles riskiert – und von der Macht des Erzählens die Welt zu verändern.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Tod der Autorin
NNEDI OKORAFOR ist die Autorin mehrerer New-York-Times-Bestseller, darunter die Binti-Trilogie und Wer fürchtet den Tod. Sie hat jeden bedeutenden Preis der spekulativen Literatur gewonnen, darunter den World Fantasy Award, mehrere Hugo Awards sowie den Wole-Soyinka-Preis für Literatur in Afrika. Geboren in Cincinnati als Kind nigerianischer Einwanderer mit Igbo-Wurzeln, lebt sie heute mit ihrer Tochter in Phoenix, Arizona.CORINNA RODEWALD studierte Literaturübersetzen in Düsseldorf.Seit 2009 lebt sie als Übersetzerin aus dem Englischen und Französischen sowie als freie Lektorin in Berlin.
DIE ZUKUNFT DES GESCHICHTENERZÄHLENS IST DA.Zelu steckt in einer Krise: Während in ihrer nigerianischen Familie alle ihren Platz im Leben gefunden haben, verliert sie ihren Job und bekommt als Autorin nur Absagen von Verlagen. Also schreibt sie einen Roman nur für sich: über eine Zukunft, in der Roboter und KI die Erde bevölkern. Doch diese Welt steht vor der Zerstörung und allein der Geschichten sammelnde Android Ankara kann sie retten. Als Rusted Robots überraschend zum Bestseller wird, verändert sich nicht nur Zelus Leben, sondern auch die Welt um sie herum. Sie droht, die Kontrolle über ihre eigene Geschichte zu verlieren.Von Chicago über Lagos bis in die Weiten des Weltalls: ein visionärer Roman der preisgekrönten Bestsellerautorin Nnedi Okorafor
Nnedi Okorafor
Roman
Aus dem Englischen von Corinna Rodewald
Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein.de
© 2025 by Nnedi Okorafor© 2026 der deutschsprachigen Ausgabe:Ullstein Buchverlage GmbH, Friedrichstraße 126, 10117 BerlinDie Originalausgabe erschien 2025unter dem Titel Death of the Author bei William Morrow.Alle Rechte vorbehalten.Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an [email protected]: zero-media.net, MünchenUmschlagmotiv: unter Verwendung eines Designs von Jet Purdie und Rachael Lancaster / The Orion Publishing CompanyIllustration © Dan FunderburghAutorinnenfoto: © Mark PetermanE-Book powered by pepyrus
ISBN 9783843737289
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Das Buch
Titelseite
Impressum
1
INTERVIEW
2
DIE
HOCHZEIT
3
GELEHRTE
4
ZIEGENFLEISCH
5
INTERVIEW
6
DIE
SCHRECKLICHE
NACHRICHT
7
AUTONOMIE
8
DER
ANFANG
9
KLINGELINGELING
10
INTERVIEW
11
VORABREZENSIONEN
12
UNERWÜSCHTES
UPDATE
13
POSTEINGANG
14
DER
BAUM
15
INFEKTIÖSE
PERSÖNLICHKEIT
16
WO
STECKT
DEINE
ABENTEUERLUST
?
17
REIS
UND
EINTOPF
18
AEROGRAPHEN
19
ÜBERRASCHUNG
!
20
INTERVIEW
21
LOYALITÄT
22
ZEIT
23
INTERVIEW
24
DAS
ENDE
EINER
ÄRA
25
WER
BIN
ICH
?
26
VORHANG
AUF
!
27
JETZT
WIRD
GECANCELT
28
WÜSTENWIND
29
BESTÄUBT
30
EIN
JAHR
SPÄTER
…
31
INTERVIEW
32
VERGEHEN
33
TOTENWACHE
34
NOCH
NICHT
35
CROSS
RIVER
CITY
36
NAIJA
37
INTERVIEW
38
PALMÖL
39
VERSAMMLUNG
40
WAHALA
DEY
41
HEIMKEHR
42
ALLE
WARTEN
43
NICOLE
SIMMONS
44
VORBEREITUNG
45#
ADVENTURE
46
INTERVIEW
47
KRIEG
48
FAMILIENBANDE
49
SONNENUNTERGANG
50
MACHT
’S
GUT
,
UND
DANKE
FÜR
DEN
FISCH
51
TOD
DER
AUTORIN
VON
ANKARA
DANK
Social Media
Vorablesen.de
Cover
Titelseite
Inhalt
1INTERVIEW
Für meine wunderbare Schwester
Ngozi Chijioke Okorafor, Anwältin, 1973–2021
Was für eine Story wollen Sie denn hören?
Ganz ehrlich, ich habe da nichts zu erzählen. Selbst nach allem, was passiert ist, wird Zelu für mich einfach Zelu bleiben. Das, wofür Sie sie halten – alles nur erfunden. Das Leben ist kurz. Glück ist flüchtig. Ruhm: nichts als aufgewirbelter Staub. Die Leute träumen und meinen, wenn sie deinen Namen sagen, würde er greifbar. Aber das stimmt nicht. Ein Name ist nur ein Name. Ein Laut.
Was tatsächlich etwas bedeutet, ist Familie. Ohne Familie bist du nichts. Nichts als Trümmer, die durchs All taumeln. Ungesehen, unverbunden, unerfasst, ungekannt, ganz gleich, wie berühmt du bist.
Zelu wird immer Teil unserer Familie sein. Sie wird immer meine Schwester bleiben. Komme, was wolle.
Oh, es war hart. Zelu hat sich nämlich nie viel aus Familie gemacht. Sie musste immer ihr eigenes Ding durchziehen. Die anderen durften sich dann um das Chaos kümmern, das sie angerichtet hatte. Wir werden Zelu immer lieben. Für sie halten wir durch. Aber sie hat es uns nie leicht gemacht.
Ich heiße Chinyere. Ich bin die Älteste. Also ein Jahr älter als Zelu, obwohl die meisten sie früher für wesentlich jünger gehalten haben. Ich bin Herzchirurgin. Chefärztin der Chirurgie am Advent Hospital. Mein Leben lang habe ich in Chicago gelebt, und ich liebe es hier. Ich bin mit einem wunderbaren Mann namens Arinze verheiratet. Er ist Igbo, wie ich, auch wenn in seinem Fall beide Elternteile Igbo sind und bei mir nur einer. Interessant ist, dass er im Tschad geboren wurde. Lange Geschichte. Wir haben zwei Söhne.
Unsere Familie ist, für amerikanische Verhältnisse, ziemlich groß. Es wird sich also immer seltsam anfühlen, wenn man mich nur nach der einen Schwester fragt. Aber sie ist eben diejenige, über die alle reden. Und zwar die ganze Zeit.
Und wer ist daran schuld? Sie alle sollten sich schämen. Die Ironie, die anscheinend alle übersehen, liegt darin, dass Zelu immer die Labilste von uns gewesen ist. Damit meine ich nicht ihre Behinderung. Sie ist nicht die Erste mit einer Behinderung. Mir ist ja klar, dass die Gesellschaft voreingenommen ist, aber jede:r von uns bewegt sich auf seine Weise durch die Welt. Wir alle haben unseren eigenen Weg.
Dann erzähle ich eben eine Story …
Vor ein paar Jahren, bevor das alles hier passiert ist, war ich eine junge Mutter. Mein erster Sohn war gerade mal drei Monate alt. Zugegeben, besonders glücklich war ich nicht. Ich bin Chirurgin, und plötzlich musste ich monatelang zu Hause bleiben. Mein Sohn schlief nicht; ich schlief nicht. Mein Mann rettete sich ständig auf die Arbeit. Aber darüber regte ich mich nicht auf; ich hätte es genauso gemacht, hätte ich gekonnt. Frau zu sein, ist schwer. Vor allem, wenn man auch noch Mutter ist. Nicht alle sind für die Häuslichkeit gemacht, selbst wenn wir unsere Kinder lieben.
Es war etwa zehn Uhr abends, und ich war zu Hause mit Baby Emeka. Draußen regnete es. Sturzbäche. Und es blitzte und donnerte. Emeka weinte ununterbrochen, er hatte Blähungen. Ich lief den Flur auf und ab, schaukelte ihn und klopfte ihm den kleinen Rücken. Ich war todmüde. Da vibrierte mein Telefon. Es war Zelu, sie klang wie eine verlangsamte Schallplatte. Sie lallte, und was sie sagte, ergab kaum Sinn.
»Zelu? Bist du das?«, fragte ich.
»Echt jetzt? Türlich bin ich das. Siehsdu doch aufm Display.«
»Oh Mann, was soll das?«
»Hastu schon mal deine Hand angeguckt und gedacht, du hättest sechs Finger statt fünf?«, flüsterte sie.
»Was?«
»Ich muss abgeholt werden, Chinyere. Ich vertrau Uber nicht.«
Was sie sonst noch von sich gab, war eine Mischung aus Gekicher, Gegacker und Gepruste. Es war spät. Ich war allein mit einem weinenden Säugling. Und jetzt musste ich los, um meine Schwester einzusammeln. Wir teilten alle unseren Standort miteinander, so wusste ich also, wo sie war. Ich zog mich an, packte das Baby warm ein und machte mich auf den Weg.
Mein BMW ist ein Zweitürer (zwei Jahre zuvor hatten wir noch nicht gedacht, dass wir mal Kinder haben würden – tja, so nimmt das Leben einem manche Entscheidungen ab), es dauerte also ein paar Minuten, bis ich Emeka auf dem Rücksitz angeschnallt hatte. Er kreischte inzwischen wie am Spieß. Aber ich blieb konzentriert und bekam es hin. Niemand hatte etwas davon, wenn ich jetzt auch noch durchdrehte. Zelus Standort führte mich aus Hyde Park den Lake Shore Drive entlang bis nach North Side. Ich fand sie in einem 24-Stunden-Diner. Sie saß in einer Sitznische und sah mich durch das Fenster direkt an, als ich vorfuhr. Selbst aus der Entfernung konnte ich erkennen, dass ihre Augen glasig und gerötet waren.
Emeka schlief tief und fest. Endlich. Die Autofahrt hatte Wunder bewirkt, und diesen Trick würde ich noch das ganze kommende Jahr über anwenden, um ihn zu beruhigen. Dafür musste ich mich wohl bei Zelu bedanken, bei ihr und ihrem Wahala. Ich parkte direkt vor dem Diner und entschied mich, Emeka im Auto zu lassen, natürlich bei laufender Heizung. Draußen herrschten Minusgrade. Als ich das Diner betrat, kam eine Kellnerin auf mich zu. Eine kleine weiße Frau mit stachelig abstehenden pinken Haaren. »Bitte sagen Sie, dass Sie hier sind, um die Frau da abzuholen.«
»Das bin ich.«
»Gott sei Dank!«
Zelu blickte grinsend zu mir auf. Sie trug einen Ankara-Hosenanzug; westafrikanische Waxprints waren ihr am liebsten. Ihr gefielen die Farben, und sie sagte, dass Waxstoffe immer so aussähen, als würden sie »irgendwohin wollen«, was auch immer das bedeuten mochte. Dazu trug sie rote High Heels. Es spielte für Zelu keine Rolle, dass sie nicht laufen konnte – ihre Schuhe mussten phänomenal sein. Ihr Outfit war nicht schlecht. Darauf kann man sich bei meiner Schwester immer verlassen: Wenn sie will, und meistens will sie, kann sie sich richtig in Schale werfen.
»Schwester«, sagte sie und legte den Akzent unserer Mutter darauf. »Bawo ni.«
Ich verdrehte die Augen.
Sie holte einen dick gerollten Joint und ein Feuerzeug aus ihrer Brusttasche. Als sie versuchte, den Joint anzuzünden, hörte ich, wie die Kellnerin hinter mir scharf die Luft einsog.
»Zelu, lass das.« Ich schnappte mir den Joint und das Feuerzeug und legte die Hände auf die Griffe ihres Rollstuhls. Zelu war nicht betrunken, aber sie war extrem high. So high, dass man selbst auch high wurde, wenn man nur an ihr schnupperte. Ich trinke auch gern mal ein Glas Wein oder sogar einen Brandy, aber ich habe mich unter Kontrolle. Zelu? Rein gar nicht.
Das ist meine Schwester. Diese Frau, die Sie alle kennen und lieben. Was müssen sich unsere Ahnen an diesem Abend geschämt haben. Irgendwie gelang es mir, Zelu auf den Beifahrersitz zu bugsieren, dann verstaute ich ihren Rollstuhl im Kofferraum. Die ganze Zeit kriegte sie sich vor Kichern nicht ein, als wäre nichts auf der Welt kitzeliger, als wenn ich sie berührte. Und ich geriet ins Schwitzen, obwohl es so eiskalt war. Ich dachte daran, dass es kürzlich geregnet hatte, und fragte mich, ob die Straßen glatt sein würden. Dann schob ich den Gedanken beiseite. Ich musste mich konzentrieren. Emeka wachte nicht auf, was ein Glück.
Zelus Tür war noch geöffnet, als ein Typ aus einem Mercedes-SUV stieg, der neben mir parkte.
»Zelu! Komm schon! Wo willst du hin?« Er war ein bildschöner Schwarzer Mitte zwanzig und trug einen sehr teuer aussehenden, aber zerknitterten hellbraunen Anzug. Der Mann machte nicht den Eindruck, als würde er üblicherweise in zerknitterten Anzügen herumlaufen.
»Echt jetzt?«, rief Zelu. »Verzieh dich!«
»Wer ist das?«, wollte ich wissen.
»Irgendso’n Typ.«
»Baby«, sagte der Typ, »ich habe in der Eiseskälte auf dich gewartet!«
»Weil sie dich rausgeschmissen haben! Checkst du’s nich? Ich hab kein Bock auf dich.«
»Gib mir einfach noch eine Chance.«
Er stand jetzt fast neben mir, und ich sah ihn direkt an.
»Seid ihr zusammen?«, fragte er mich.
»Ich bin ihre Schwester.«
»Ah, Gott sei Dank. Sag ihr einfach, dass ich mit ihr reden will.«
Er schien weder betrunken noch bekifft oder sonst wie zugedröhnt zu sein, und das machte mir Sorgen. Das hier war nüchterne Verzweiflung.
»Sie kann dich hören«, erklärte ich.
»Hau ab!«, lallte Zelu. »Wir sind fertig miteinander. So was nennt sich … One. Night. Stand.«
»Ich habe keine One-Night-Stands«, blaffte er.
»Offenbar doch«, sagte ich. »Hey, ich habe ein schlafendes Baby im Auto. Kannst du nicht einfach … leiser sprechen oder, noch besser, uns in Ruhe lassen? Du hast doch bestimmt ihre Nummer …«
»Hab ich nicht! Sie hat mir eine falsche gegeben. Deswegen musste ich ihr bis hierher folgen!«, fauchte er. Er machte einen Schritt auf mich zu. »Los, geh mir einfach aus dem Weg, damit ich deine Schwester zur Vernunft bringen kann.«
Ich rührte mich nicht von der Stelle. Die Tür konnte ich nicht zumachen, ich hatte nicht genug Bewegungsfreiheit. Der Typ wurde immer wütender, das sah ich ihm an. Während meiner Zeit auf dem College war ich mal mit jemandem ausgegangen, der … na ja, sagen wir einfach, dass das Verhalten dieses Typen mir nicht unbekannt war. Ich würde sicher nicht hier herumstehen und ihn an sein erklärtes Ziel gelangen lassen. Er stand ohnehin schon viel zu nah. Mein Baby lag im Auto. Es reichte mir. Ich griff in meine Tasche, schnappte die kleine Dose Pfefferspray, löste den Verschluss und zielte genau in sein Gesicht. Ich drückte auf den Auslöseknopf und sprühte wie wild auf ihn los. Ich! Seit Jahren trug ich das Spray nachts mit mir herum, manchmal auch tagsüber. Ich wusste bis eben nicht einmal, ob das Ding funktionierte. Trotzdem hatte ich mich damit ein kleines bisschen sicherer gefühlt. Aber ich hatte mir nie wirklich vorgestellt, dass ich es einsetzen würde. Dass ich mich dazu überwinden konnte, es einzusetzen.
Während der Typ schrie und sich panisch übers Gesicht fuhr, gackerte Zelu, und die besorgte Kellnerin drinnen rief wahrscheinlich schon die Polizei. Ich schlug die Autotür zu, hechtete zur Fahrerseite, sprang hinein und fuhr los. Mehrere Minuten lang waren Zelu und ich still … bis auf unser Husten. Wenn man jemanden mit Pfefferspray besprüht, muss man die Konsequenzen tragen, wenn auch in geringerem Maße. Emeka auf dem Rücksitz war trotz alldem nicht aufgewacht. Glücklicherweise hatte er auch nichts vom Spray abbekommen.
»Was hast du dem Kerl angetan?«, fragte ich meine Schwester.
Sie zuckte nur die Schultern. Der Vorfall schien sie ernüchtert zu haben. »Ihn gevögelt. War vor ein paar Semestern Student bei mir. Ein Jurist, der gern Schriftsteller wäre. Ich hatte aber schon am nächsten Morgen genug von ihm.«
»Und das hast du ihm gesagt.«
»Klar«, sagte sie. »Schon komisch. Typen wie er haben ja immer das Gefühl, dass ihnen alles zusteht. Aber es ist noch schlimmer, wenn man nicht laufen kann. Sie finden, man muss dann so was von dankbar sein.« Sie kicherte wieder, noch heftiger.
Das ist Zelu. Sie tut etwas, und wenn es vorbei ist, hakt sie es ab. Auf der Stelle. Da stellt sie dir komplett das Leben auf den Kopf, aber weil sie so um sich selbst kreist, kriegt sie das gar nicht mit. Sie lässt dich einfach stehen, mit schwirrendem Kopf und der Frage: Warum?
Vielleicht lieben Sie alle ja genau das so an ihr.
Zelu dachte an Wasser.
In Trinidad und Tobago gab es die tollsten Strände, die sie je gesehen hatte. Endlos zogen sie sich hin, ohne eine Menschenseele, und das Wasser war unglaublich warm. Am Tag nach ihrer Ankunft war Zelu mit ihrem Schwager in spe und dreien seiner Trini-Freunde schwimmen gegangen. Sie alle bewegten sich wie Fische im Wasser … aber natürlich schwamm keiner so gut wie sie selbst. Sie musste nur die Elastikbänder über ihre Beine und Knöchel schieben, dann bewegte sie sich kraftvoll und selbstbewusst mit ihren starken Armen, Rücken, Schultern und Bauchmuskeln durchs Wasser. Sie schwamm, seit sie fünf war. »Ach, ich bin da einfach so … reingerutscht«, erzählte sie, wenn man sie danach fragte. Kaum jemals legte sie nach, wie wörtlich sie das im Grunde meinte: Eines Tages hatte sie sich mit Absicht ins Wasser fallen lassen. Ihre Familie hatte angenommen, es sei ein Versehen gewesen, aber tatsächlich hatte sie nur nicht gewusst, wie sie ihnen, und auch sich selbst, sonst beweisen sollte, dass sie schwimmen konnte. Sie hatte sich fest vorgenommen, nach der Hochzeitszeremonie schleunigst an diese menschenleeren Strände zurückzukehren und weiterzuschwimmen. Diesmal am liebsten allein. Bis dahin würde sie das ganze Stylen, Stolzieren und Parfümieren in der Hochzeitssuite über sich ergehen lassen.
»Ich sehe so hot aus!«, verkündete Zelus jüngere Schwester Amarachi. Sie vollführte eine Pirouette und posierte vorm Spiegel. Amarachis Brautkleid war wie von einem anderen Stern, und Zelu fand es umwerfend schön. Natürlich hatte sie ihrer Schwester bei der Auswahl geholfen. »Zelu, du bist ein Genie.«
Zelu warf sich ihre langen Braids über die Schulter und grinste selbstgefällig. »Ich weiß.«
Ihre Schwestern – Chinyere, die älteste von allen, Bola, die jüngste, und Uzo, die zweitjüngste – lachten, während sie ihrem Make-up vor dem großen Spiegel den letzten Schliff verliehen. Zelus Kleid war butterblumengelb, und es bauschte sich über ihrem Rollstuhl, sodass sie tatsächlich der Blume glich. Sie fand es grottenhässlich, aber es war nun mal nicht ihr Tag. Ihrer Schwester würde sie jeden Wunsch erfüllen. Allerdings hatte sie zwei schmale Ankara-Armbänder an ihr linkes Handgelenk gemogelt, um sich selbst treu zu bleiben. Bolas Kleid war zart babyrosa und Uzos fliederfarben. Zelu musste zugeben, dass die Farben atemberaubend aussahen in Kombination mit Amarachis spektakulärem Technicolor-Sci-Fi-Brautkleid.
»Soll ich dir mit deinem Make-up helfen, Zelu?«, erkundigte sich Bola.
»Nee«, antwortete Zelu. »Ich brauche keins.«
»Das wirst du bereuen, wenn du die Fotos siehst«, erklärte Uzo, die ihren ohnehin schon perfekt sitzenden mittelgroßen Afro zurechtzupfte. Sie hatte eine lavendelfarbene Schmetterlingsspange hineingesteckt. »Unser Feed wird voll davon sein.«
»Ach, ich bin doch nicht die Braut. Heute geht es nicht um mich. Und Social Media wird schon damit fertig, wenn ich aussehe wie ich selbst.«
»Wusstet ihr nicht, dass Zelus innere Schönheit von Make-up nicht verstärkt werden kann?«, fragte Chinyere.
Alle lachten. Chinyeres Make-up war natürlich makellos. Ihr himmelblaues Kleid sah beinahe so prachtvoll aus wie Amarachis, aber das lag eher daran, wie sie es trug. Es war zwar Amarachis Tag, aber Chinyere war und blieb die Königin.
»Also, ich finde, das ist eine faule Ausrede dafür, unscheinbar auszusehen, Zelu«, sagte Amarachi.
»Du wirst es überleben«, sagte Zelu mit einem Grinsen. »Die Ehe ist nichts für mich, also muss ich auch keine Hochzeit über mich ergehen lassen. Aber ich kann dir sehr gern dabei zusehen.«
Das war die Wahrheit. Zu heiraten war für sie nie eine Option gewesen. Sie genoss ihre Freiheit und Unabhängigkeit zu sehr, und sie konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass jemand sie »meine Frau« nannte. Es kam ihr einfach lächerlich vor. Nicht, dass sie keine Gelegenheit dazu gehabt hätte; es hatten bereits zwei wunderbare Männer um ihre Hand angehalten: Einer hieß Zelu, genau wie sie, der andere Obi, und er war ihr kreativer Zwilling gewesen; drei Jahre ging ihre leidenschaftliche Beziehung … bis er sich in den Kopf gesetzt hatte, sie heiraten zu wollen, und damit alles ruiniert hatte.
»Ach«, bemerkte Chinyere, »erspar uns deinen Vortrag, Zelu. Heute wird geheiratet. Akzeptier es.«
Omoshalewa, ihre Mutter, kam mit einer großen Schachtel ins Zimmer. Darin lagen eine dicke orangefarbene Halskette aus Korallenperlen und dazu passende Ohrringe.
»Oh weh«, sagte Zelu. »Jetzt geht’s los.«
Die Halskette war ein kleines Vermögen wert. Als ihre Mutter Amarachi die Kette anlegte, versammelten sich die Schwestern um sie. »Jetzt siehst du aus wie die wahrhaftige Prinzessin, die du bist«, sagte Omoshalewa. Die Kette ruinierte Amarachis Sci-Fi-Kleid. Genervt verdrehte Zelu die Augen.
»Es gibt keine erlesenere als diese Korallenart«, erklärte ihre Mutter. »Nur die Mächtigsten im Palast dürfen sie tragen.«
Zelu blähte die Nasenflügel und bemühte sich, nichts zu sagen. Es stimmte leider tatsächlich: Ihre Mutter war eine Prinzessin und stammte von einer langen, starken Linie stolzen (und nutzlosen, wenn man ihrem Vater glaubte) Yoruba-Adels ab. Das machte Zelu und ihre Schwestern ebenfalls zu Prinzessinnen und ihren Bruder Tolu zu einem Prinzen, ein Detail, das Zelu lieber unerwähnt ließ, auch wenn ihre Mutter darauf bestand, dass sie sich als »Prinzessin« oder »Prinz« anreden ließen, wann immer sie zu Besuch in Omoshalewas Heimatstadt waren und ihre Verwandtschaft mütterlicherseits besuchten. Als nigerianische Amerikanerin nach Nigeria zu kommen und das noch mit dem Privileg des Adels zu toppen, widerte Zelu an.
Heute würde es völlig mit ihrer Mutter durchgehen. Drama war also vorprogrammiert, denn ihr Vater stammte aus einer sehr stolzen Igbo-Familie, die von Adelstiteln nichts hielt und nur an Bildung, Aufstieg und den Herrn Jesu glaubte. In der Familie ihres Vaters machte jeder sein eigenes Ding, aber alles stets zum Wohle der Familie. So kam es, dass sämtliche Geschwister ihres Vaters einen Doktor oder ein Pendant dazu gemacht und es zu Wohlstand gebracht hatten. Sobald sie jemanden über Prinzessinnen und Prinzen und Könige und Königinnen reden hörten, verkündeten sie jeweils laut und deutlich, was für ein Schwachsinn das doch war.
»Die ist echt schwer«, sagte Amarachi und lachte, als sie die gigantische Kette um ihren Hals zurechtrückte.
»Eine Prinzessin kann so etwas tragen«, sagte ihre Mutter. »Erinnere dich nur daran, wie Chinyere sie getragen hat.«
»Als wäre es gestern gewesen«, bemerkte Chinyere.
»Wie ein pink-orangener Reifen«, murmelte Amarachi.
»Wir sind eben adelig«, erklärte ihre Mutter.
Zelu sah weg. Ihr Blick fiel auf ihr Telefon. Sie hatte es auf lautlos gestellt und neben sich auf den Tisch gelegt. Ausnahmsweise hatte sie es komplett vergessen. Bis eben. Denn jetzt vibrierte es. Sie nahm es und rollte vors Fenster am anderen Ende des Zimmers. Es war ihre Vorgesetzte, Brittany Burke, Leiterin des Instituts für Englische Literatur an der Universität.
»Hallo?«, sagte Zelu und legte dabei die Stirn in Falten.
»Hi, Zelu. Ich weiß, dass du in Trinidad bist.«
»Tobago.«
»Oh. Klar. Ich verwechsle das immer.«
»Das Land heißt Trinidad und Tobago, aber ich bin gerade auf der Insel Tobago«, erklärte Zelu. Sie seufzte und schob ihre Gereiztheit beiseite. Was wollte Brittany von ihr?
»Ich bin überrascht, dass ich dich überhaupt erreichen konnte.«
»Ich habe ein gutes Auslandspaket in meinem Handyvertrag.«
»Ha, clever.« Schweigen.
»Ähm … alles in Ordnung?«
Als Brittany zu reden anfing, blickte Zelu aus dem Fenster und über die mit üppigen Bäumen und Büschen bedeckten Hügel. Auf der anderen Seite, direkt hinter dem Hotel, lag der Ozean. Zelu gluckste – nur so konnte sie verhindern, dass sie ihr Handy auf dem Fenstersims kaputt schlug und womöglich ihrer Schwester ihren großen Tag versaute. In ihren Ohren dröhnte es, aber nicht laut genug, um die gottverdammte Stimme dieser Frau zu übertönen, die aus den gottverdammten Vereinigten Staaten bis hierher Gift und Galle spuckte.
Es war unwirklich, kam aber nicht überraschend. Lehrbeauftragte zu sein, war ein Scheißjob, in dem man scheiße behandelt wurde. Sie war dauerhaft genervt von ihren Studierenden für Kreatives Schreiben, aber dieses Semester war es besonders grauenvoll gewesen. Jedes Mal war sie mit einem aufgesetzten Lächeln im Gesicht zum Unterricht gekommen – und mit Fantasien darüber, wie sie jedem und jeder mit einem Exemplar von Unendlicher Spaß – dem Hardcover natürlich – eins über den Kopf zog. In diesem Semester war ihr Kurs voller PhD-Anwärter:innen, die sich selbst und einander davon überzeugt hatten, dass die beste Art von Storytelling keinen Plot hatte, endlos um den eigenen Nabel kreiste und voller verkopfter und weinerlicher Figuren steckte.
Vor vier Tagen war sie schon völlig in Rage zum Unterricht gekommen, weil der Student, dessen »Geschichte« sie an dem Tag behandeln sollten, fünfundzwanzig Seiten verfasst hatte, auf denen sich kein einziger Satz auf einen anderen bezog. Es steckten weder ein System noch irgendeine Logik dahinter. Nichts. Es war reinstes Kauderwelsch. Als hätte ein Roboter versucht, kreativ zu sein, obwohl er überhaupt keine Ahnung davon hat, was das bedeutet. Und Zelu hatte den Text trotzdem aufmerksam genug lesen müssen, um diesem Studenten anständiges Feedback geben zu können. Zu allem Überfluss war der auch noch ein verwöhnter weißer Bengel, der ihre Autorität seit Beginn des Semesters infrage gestellt hatte, weit mehr als alle anderen. Oh, sie konnte ihn ohnehin schon nicht ausstehen, aber dieser Text war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Nachdem ihre Studierenden der Reihe nach aufgesagt hatten, was sie von dem Text hielten (»So anspruchsvoll«, »Er hat mich total herausgefordert«, »Genial! Ich wünschte, ich hätte das geschrieben!« etc.), hatte Zelu sich ehrlich bemüht, nützliches Feedback zu geben. Doch als sie ihn schließlich einfach gefragt hatte, was die Geschichte seiner Meinung nach erzählte, hatte er geantwortet: »Warum sagen Sie es mir nicht? Was ich selbst von meinem Werk halte, spielt doch keine Rolle. Der Leser entscheidet doch, worum es geht, oder? Haben Sie nicht gesagt, genau das bedeutet Der Tod des Autors? Dann hatte er ein sehr ätzendes, süffisantes Lächeln aufgelegt.
Was für ein kleiner Scheißer, hatte Zelu gedacht. Sie hatte innegehalten und versucht, sich zu sammeln, sich zurückzuhalten. Aber es war ihr nicht gelungen. Es war zu spät. Also hatte sie ihm gesagt, was die Story ihrer Meinung nach bedeutete. Er hatte sie schließlich danach gefragt. »Das hier sind fünfundzwanzig Seiten selbstverliebtes Geschwafel. Reine Zeitverschwendung. Werfen Sie es in den Müll, und wenn Sie bereit sind, mit dem Schwachsinn aufzuhören und tatsächlich eine Geschichte zu erzählen, fangen Sie noch mal von vorne an und haben Sie etwas Vertrauen in die Kraft des Erzählens. Das Privileg, Ihre Leser:innen hiermit zu foltern, hatten Sie nur, weil das hier ein Seminar ist und wir alle lesen müssen, was Sie uns vorsetzen.«
Stille.
Studierende, die sich Blicke zuwerfen. Große Augen. Geschürzte, aber geschlossene Lippen. Nervöse Unruhe. Noch mehr Stille.
Dann war dieser Student, der sie das ganze Semester lang schon so herablassend angestarrt hatte, der sich bei einer ihrer Schreibübungen sogar geweigert hatte mitzumachen, weil er es seiner als nicht »würdig« erachtet hatte, in heiße Tränen ausgebrochen. Und jetzt, Tage später, als sie außer Landes war, war der versammelte Kurs im Büro der Institutsleiterin aufgetaucht, um sich über diesen »traumatischen« Zwischenfall zu beschweren und darüber, wie »unsensibel«, »toxisch«, »verbal gewaltvoll«, »unprofessionell«, »problematisch« und »unhöflich« Zelu als Mensch war.
All das gab Brittany ihr jetzt übers Telefon weiter. Sie erwähnte ebenfalls, dass die Studierenden sich beschwert hatten, weil Zelu in diesem Semester zwei Mal früher Schluss gemacht hatte, um an ihrem eigenen Roman arbeiten zu können. Zelu war ein Trottel gewesen und hatte angenommen, sie würde auf Empathie stoßen, wenn sie den Grund nannte. Sie waren doch alle aufstrebende Schriftsteller:innen, oder? Sie würden es doch verstehen.
Dann verkündete Brittany, Zelu werde gekündigt, mit sofortiger Wirkung.
»Zählt es denn gar nichts, dass ich seit fünf Jahren der Fakultät angehöre?«
»Aber ja nur als Lehrbeauftragte. Und muss ich deine Akte vorholen? Trotz zahlreicher Beschwerden haben wir dich weiterbeschäftigt –«
»Weil ich gut schreiben und gut unterrichten kann; es haben alle was davon!«, fauchte sie. »Und das steht genau so in meiner Akte.«
»Das mag sein, Zelu, aber das Institut hat beschlossen –«
»Ach, du kannst mich mal.« Sie legte auf. »Arschloch! Und seit wann sind Studierende eigentlich solche selbstgerechten Petzen?!«
»Alles in Ordnung?«, fragte Chinyere vom anderen Ende des Zimmers.
Zelu sah über die Schulter. »Alles gut. Nur Unizeug.« Sie rollte zur Tür. »Ich gehe eben … Ich bin gleich wieder da. Muss mal kurz an die frische Luft.«
Im Flur roch es süßlich nach Räucherstäbchen. Die Tapete war hell gemustert mit Fuchsiablüten und kräftigen olivfarbenen Blättern, und der dicke, dunkelgrüne Teppich war ein Albtraum für Rollstühle. Dennoch fühlte Zelu sich besser, als sie etwas Abstand von den anderen gewonnen hatte. Sie kniff die Augen zusammen, wischte die Tränen weg und blähte die Nasenflügel. Mit erhobener Faust sog sie die räucherstäbchengeschwängerte Luft ein.
»Okay«, flüsterte sie und öffnete und ballte ihre Faust. »Verdammte Kackscheiße.« Sie rollte weiter den Flur entlang.
Sie war zum ersten Mal in Trinidad und Tobago, aber es würde definitiv nicht ihr letztes Mal bleiben. Und dieses Strandhotel mit seiner alten, hellorange leuchtenden Fassade im Kolonialstil würde sie sich merken. Es war klein und billig genug, sodass Amarachi und ihr Verlobter es sich für drei Tage leisten konnten. Zelu wollte gerade aus der Eingangstür rollen, als sie aus einem Raum rechts von ihr laute Stimmen hörte. Sie lächelte. Laute Stimmen unter Nigerianern waren normalerweise nichts Schlechtes. Ihr Verdacht bestätigte sich, als sie unter dem Rufen auch Gelächter vernahm.
Sie lugte durch die angelehnte Tür. Dahinter befand sich ein Konferenzraum, und es schien, als hätten sich sämtliche Männer der Hochzeitsgesellschaft darin versammelt, vom Teenager bis zum Ältesten, Nigerianer und Südafrikaner, von Igbos über Yorubas bis hin zu Zulus. Sie drängten sich alle um Jackie, Amarachis Verlobten, der mit seinem Vater, Zelus Vater und einigen der Ältesten vor einem Tisch stand. Der am betagtesten Aussehende von ihnen war dark-skinned, groß und hager und trug einen reich verzierten weißen Kaftan und Hosen. Er hielt eine Handvoll Halme hoch. Jackies Vater nahm zwei davon und legte sie auf den Tisch, und alle im Raum fingen an zu rufen.
»Ah! Jetzt ist der Eimer angemessen«, rief Zelus Vater, »aber noch nicht voll!«
Die Männer lachten.
Jackies Vater und die Ältesten steckten die Köpfe zusammen, und sie flüsterten und winkten und stampften mit den Füßen. Als sie sich wieder zu Zelus Vater umdrehten, überreichte einer von ihnen Jackies Vater noch ein paar mehr Halme. Ein Raunen ging durch den Raum. Zelus Vater klatschte strahlend vor Freude in die Hände. Zelu lachte leise in sich hinein. Ob es sich um Schläuche voll Palmwein, Yamswurzeln, Rinder oder symbolische Strohhalme handelte, das Aushandeln des Brautpreises und die Freude, die Männer daran hatten, war nur noch mehr Schwachsinn.
»Afrikaner«, murmelte Zelu und verdrehte die Augen. Sie rollte nach draußen und war dankbar, als sie auf den Beton im Eingangsbereich stieß. Glatt. Und sie war froh, dass sie sich nicht geschminkt hatte, denn hier draußen war es heiß und schwül. Sie rollte am Gebäude entlang dorthin, wo alles für die Zeremonie aufgebaut war. Die Stühle am Mittelgang waren bis zum Podium, auf dem Amarachi und Jackie sich ihre Eheversprechen geben würden, mit Blumenkränzen und Ankara-Stoff geschmückt. Ein paar der Gäste hatten bereits Platz genommen und warteten.
Hinter dem Podium erstreckte sich der Ozean dunkel und blau bis zum Horizont. Zelu hielt an und lauschte dem rhythmischen Rauschen der Wellen in der Ferne. »Grandioser Freund«, flüsterte sie. »Einer der besten Geschichtenerzähler, die es gibt.« Sie ließ sich nach hinten rollen und fuhr dabei einem Mann über den Fuß, den sie nicht hinter sich bemerkt hatte.
»Autsch!«, zischte er.
Sie musste sich nicht umdrehen, um zu erkennen, wer es war. Onkel Vincent trug stets den unverkennbaren würzig-holzigen Duft, den sie irgendwie mochte, Tom Ford Tobacco Oud. »Oh, entschuldige, Onkel Vincent!«
»Keine Sorge, keine Sorge«, winkte er ab. Er deutete auf die Stuhlreihen. »Hier findet es also statt?«
»Ja.«
Er stellte sich neben sie. »Wie geht es dir?« Auf seinen Lippen lag ein verhaltenes Lächeln. Sein grauer Bart war wie immer tadellos gestutzt.
Zelu biss sich auf die Lippe. Seine Frage erinnerte sie an den Schwachsinn, den die Institutsleitung verzapft hatte. »Oh, ganz gut.«
»Unterrichtest du noch Schreiben an der Uni?«
»Ich schlage mich so durch«, sagte sie und ballte eine Faust.
»Gut, gut. Und sehen wir dich demnächst auch zum Altar rollen?«
Sie lachte. »Nein. Ich glaube nicht an die Ehe. Nicht für mich.«
»Du musst nur den Richtigen finden«, sagte er.
Nein, ich glaube ganz einfach nicht an die Ehe, dachte sie. Sie lächelte und zuckte die Schultern.
»Du schwimmst doch gern«, sagte er. »Warst du schon im Meer?«
Das munterte sie auf. Ihr Lieblingsthema. »Oh, ja! Es ist magisch hier. Das Wasser trägt einen nahezu! Und es ist so warm!«
»Genau, als wäre es lebendig«, sagte er. »Ich war heute Morgen schwimmen. Chey! Dein Vater und ich sind immer in den Flüssen im Dorf schwimmen gegangen, auch in den Bächen, und sogar im Meer bei Port Harcourt. Nirgendwo war das Wasser so ruhig wie hier. Tja, es freut mich, dass ich nicht der Einzige bin, der das genießt.« Er zupfte an seinem kurzen Bart und betrachtete sie. »Du musst nicht immer so tough sein, Zelu«, sagte er. »Und lächle doch öfter. Männer mögen etwas Sanftheit. Du bist eine schöne junge Frau.«
Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Ich gehe mal wieder zurück zu meiner Schwester.«
»Ja! Sie braucht dich an ihrem großen Tag.« Er spazierte zurück zu den Stuhlreihen.
Ihr großer Tag? So wie die Leute reden, könnte man meinen, nach der Hochzeit würde es nur noch bergab gehen, dachte sie.
Als sie in die Hochzeitssuite zurückkam, waren ihre Schwestern stark geschminkt, und im Zimmer roch es nach teurem Parfüm, Puder und Nervosität.
»Zelu!«, rief Amarachi. Ihr Gesicht strahlte und schimmerte makellos. »Komm her. Lass uns zumindest Eyeliner auftragen. Bitte.«
Die nächsten zehn Minuten ließ Zelu die Tortur über sich ergehen. Es war unangenehm, hätte aber schlimmer sein können. Sie tröstete sich mit dem Wissen, dass sie alles wieder abwaschen konnte, sobald die Hochzeit vorbei war. Es klopfte an der Tür, und ihr Vater steckte seinen Kopf herein. »Bereit?«
Amarachi sah ihre vier Schwestern an. »Sind wir bereit?«
»Immer«, sagte Chinyere.
»Ja!«, sagte Bola.
»Du bist wunderschön«, sagte Uzo lachend.
»Das bin ich!«, stimmte Amarachi ihr zu.
Alle gingen zur Tür, da vibrierte Zelus Telefon. Sie wandte sich wieder zum Fenster und kniff die Augen zu, als die Erinnerungen an den Anruf der Institutsleiterin zurückkamen. Tränen stiegen auf. »Scheiße«, flüsterte sie.
»Kann ich dir helfen?«, fragte ihr Vater.
Normalerweise hätte sie abgelehnt – sie hasste es, Hilfe anzunehmen –, doch sie bekam kaum Luft. »Ja«, presste sie gerade so hervor. Ihr Vater war gedanklich zu beschäftigt, um sich darüber zu wundern, dass sie plötzlich seine Hilfe annahm, und sie war froh. Mit seinen starken Armen schob er sie zügig, sodass sie die anderen im Nu wieder eingeholt hatten. Zelu nutzte die Gelegenheit, um einen Blick auf ihr Handy zu werfen. Eine Mitteilung wies sie auf eine neue E-Mail ihres Literaturagenten hin. Sie wischte übers Display, um sie zu öffnen. Ihr Roman war zum zehnten Mal abgelehnt worden. Diesmal von einem kleinen Verlag, der sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, ihren Agenten anzurufen oder zumindest eine persönliche Absage zu verfassen. Eine Standardabsage? An ihren Agenten? Ernsthaft?
Eine Welle der Übelkeit überkam sie, und sie lehnte sich zur Seite, um wieder zu Atem zu kommen, erleichtert, dass sämtliche Aufmerksamkeit auf ihre Schwester gerichtet war.
Es war so viel los, dass Zelu für eine Weile tatsächlich ihre eigenen Probleme vergaß. Amarachi und Jackie feierten gern groß. Jackie war in Südafrika geboren, Arzt, stolzer Zulu, Atheist und tief verwurzelt im Afrikanischen Nationalkongress. Amarachi war Christin, Assistenzärztin der Neurologie und Tochter nigerianischer Immigranten mit weit zurückreichenden Wurzeln in Yoruba-Adel und Biafra. Amarachi und Jackie liebten sich und ihre jeweiligen Familien, doch beide kamen aus einer starken, stolzen, dominanten Kultur. Trafen bei einem solchen Anlass alle mit voller Wucht aufeinander, würde ein einziger Wettstreit beginnen. Dennoch wollten Amarachi und Jackie nur eine Feier abhalten, es sollte alles aus einem Guss sein. So kam es, dass ein Pastor, ein Richter und zwei Älteste gemeinsam die Zeremonie abhielten, um das Paar auf ewig zusammenzuschweißen.
So etwas hatte Zelu noch nie erlebt, und sie fand es fantastisch. Als alle nach der Zeremonie in den aufwendig dekorierten Bankettsaal zogen, betrachtete sie die Gäste, die aus der ganzen Welt, hauptsächlich aus Afrika, nach Trinidad und Tobago gereist waren, um die Vermählung zu feiern. Der Saal sah prachtvoll aus: glitzernde Kronleuchter, pfirsichfarbene Wandleuchten mit roten LED-Lampen und auf den unzähligen runden Tischen gestärkte Tischdecken und riesige Rosenarrangements. An den Wänden hingen außerdem afrikanische Masken, die alles überblickten; in den Ecken standen Zulu-Körbe, und farbenfrohe Zulu-Stoffe verzierten die Tische.
Während der Festsaal sich füllte, kam der nächste Stich von ihrer Verwandtschaft. »Du hast wirklich Glück, eine Schwester wie sie zu haben, so rundlich und schön«, sagte ihr Onkel Jonah zu ihr. »Jetzt, wo sie verheiratet ist, sieht ja vielleicht auch jemand über deine Behinderung hinweg, hm?« Er grinste und klopfte ihr auf die Schulter, als er weiterging.
Zelu verzog nur das Gesicht zu einem spöttischen Lächeln. Geboren und aufgewachsen war sie zwar in den Vereinigten Staaten, aber sie war schon öfter in Nigeria gewesen, als sie zählen konnte. Sie kannte ihre Landsleute. Sie waren unverblümt, und auch wenn sie manchmal Mist von sich gaben, taten sie das normalerweise nicht aus Böswilligkeit. Außerdem wusste Zelu, dass es sinnlos war, mit ihnen zu streiten, wenn der Zeitpunkt nicht der richtige war. So wie jetzt. Sie beobachtete, wie ihr Onkel Jonah selbstsicher davonstolzierte, wie er es immer tat, wie er lachte und jedem, an dem er vorbeikam, die Hand schüttelte und den Frauen Komplimente zu ihren Kleidern machte. Während Zelu sich durch die Menge schob, richtete sie sich in der vertrauten Unsichtbarkeit ein, die sie unter den meisten ihrer Verwandten in der Regel empfand.
Nigerianer:innen wussten nicht, wie sie mit Anomalien umgehen sollten, und Zelu hatte davon jede Menge. Sie war eine 32-jährige querschnittsgelähmte Frau mit einem Master in kreativem Schreiben. Ihr Vater war pensionierter Ingenieur und ihre Mutter pensionierte Krankenschwester, und ihre Geschwister waren Chirurgin, angehende Neurologin, Ingenieurin, Anwalt und Medizinstudentin. Dass von ihr nie viel erwartet wurde, lag hauptsächlich an ihrer Behinderung. Sie hatte schon viele Theorien über Familienflüche, Juju und Zauber über sich ergehen lassen müssen. Ihre Verwandten interessierte es mehr, wer schuld war, als dass sie sich für Zelus Leben interessierten. Bei Anlässen wie diesem schauten die Leute lieber weg. Und wenn sie doch das Wort an Zelu richteten, behandelten sie sie, als wäre sie weniger intelligent – es war sogar schon vorgekommen, dass ihr das jemand unabsichtlich gesagt hatte. Andere entschuldigten sich ständig bei ihr. Und viele beteten für sie.
Doch ab und zu fiel sie jemandem auf. Wie dem jungen Mann zu ihrer Linken im blau-weißen Ankara-Anzug. Er stand mit zwei ihrer Cousins zusammen, aber sie war sich sicher, dass er nicht zu ihrer Seite der Familie gehörte. Sie lächelte in sich hinein und hielt seinen Blick länger, als ihm wahrscheinlich lieb war. Dann rollte sie zu ihrem Tisch.
Sie saß mit ihren Geschwistern und deren Partnern und Partnerin zusammen. Von allen war sie die Einzige, die niemanden mitgebracht hatte.
Ihr Bruder Tolu, Bolas Zwilling, blickte gebannt auf die Tanzfläche. Er war groß, gut aussehend und ein hervorragender Tänzer, und er ließ keine Gelegenheit aus, sich in Szene zu setzen. Und seine Frau Folashade war genauso. »Ich hoffe, sie spielen etwas Dancehall!«, sagte sie.
»Unbedingt«, sagte Tolu. »Wir sind in Tobago!« Sie klatschten sich grinsend ab.
»Nicht, bevor sie nicht zehnmal ›Sweet Mother‹ gespielt haben«, sagte Bola.
»Und ein paar obligatorische Hits von Miriam Makeba, weil Jackie sie so liebt«, fügte Zelu hinzu.
»Wo ist das Puff-Puff? Ich bin am Verhungern«, jammerte Uzo und hielt ihr Handy hoch, um noch ein Foto von sich zu machen.
Alle verstummten beim Gedanken ans Essen. Auch Zelu hatte Hunger. Seit dem Morgen hatte sie kaum etwas zu sich genommen, so unruhig war sie wegen der Hochzeit gewesen.
»Oh Mann, ich hoffe, dass es auch trinidadisches Essen gibt, nicht nur südafrikanisches und nigerianisches«, sagte Chinyeres Mann Arinze. »Ich hatte gestern Abend etwas, das sich Callaloo nannte, und dazu Dumplings, verdammt, war das lecker. Dabei war gar kein Fleisch drin. Könnt ihr euch das vorstellen?«
»Klingt gut, aber ich hoffe vor allem auf viel Jollof-Reis und Rindfleisch«, sagte Tolu.
»Und Kochbananen«, fügte Arinze hinzu.
»Nur bloß keine Ziege!«, riefen alle Geschwister gleichzeitig. Sie lachten schallend.
»Ugba«, fügte Zelu hinzu. Sie schnupperte. »Obwohl ich nichts rieche, also eher unwahrscheinlich.«
»Glaubt ihr, dass sie das alles hierhertransportiert haben?«, fragte Uzo. »Wahnsinn.«
»Wer behauptet, dass sie es hierhertransportieren mussten?«, fragte Zelu. »Ich bin sicher, dass es hier einige nigerianische Läden gibt.«
»Auf jeden Fall«, stimmte Bola ihr zu.
Zelu legte den Kopf schief und sah Shawn an, Bolas afroamerikanischen Freund. »Was ist mit dir, Shawn?«, fragte sie.
»Oh, ich esse, was es gibt«, sagte er achselzuckend. »Für mich klingt alles gut.«
Von irgendwoher ertönte ein lautes Scheppern, und alle richteten sich auf. Eine Flöte begann, eine gespenstische Melodie zu spielen; sie wurde so verstärkt, dass es klang, als käme sie von überall im Raum. Tolu sprang grinsend auf und rief: »Jaaa! Jetzt aber!«
Uzo stand auf und eilte kichernd zu Bola. Sie hielt schon ihr Handy bereit. Zelu sah sich um und fragte sich, wie sich der Auftritt wohl gestalten würde. Alle im Saal drehten die Köpfe und tuschelten. Aber man konnte kaum etwas hören, so laut waren die pulsierenden Töne der Flöte.
Dann sah Zelu es.
»Heilige Scheiße!«, rief sie. »Das ist ja ein Riesenvieh!«
Das Wesen bewegte sich tanzend, schüttelnd und in Wellenbewegungen in den Saal. Es sah aus wie ein gigantischer Ballen Raffiabast, gelb und stachelig, und war rundum mit weichen, langen Tüchern in vielen Farben behangen. Es tanzte zur Flötenmusik und legte sich dann unvermittelt flach auf den Boden. Dann sprang es wieder auf, wogend und ausladend, und tanzte weiter durch die Hochzeitsgesellschaft. Fünf Männer hielten das Wesen mit dicken Tauen davon ab, sich auf die Gäste zu stürzen. Dahinter folgten drei Männer mit Trommeln und einer, der auf seiner Schilfrohrflöte in ein Mikro spielte.
Die Maskerade kam bei den ersten Tischen hinten an. Die meisten der dort sitzenden Gäste waren schon aufgestanden und auf die andere Seite des Saals geeilt. Ein paar Männer waren jedoch geblieben und tanzten furchtlos mit. Während sich das Wesen durch den Saal bewegte, machte es auf jede Frau, die zu nahe stand, einen Satz zu und wurde lediglich durch die Taue zurückgehalten. Die Frauen eilten schnell in sichere Entfernung und lachten nervös. Waren keine Frauen in der Nähe, auf die das Wesen sich stürzen konnte, suchte es sich auch hin und wieder einen Mann aus, den es angriff. Als es sich dem vorderen Teil des Saals näherte, standen alle an Zelus Tisch auf. Zelu wollte aber nicht zurückrollen. Sie nahm ohnehin nicht an, dass die Maskerade überhaupt so nah an ihr vorbeikommen würde, warum sich also die Mühe machen und sich wegbewegen? Sie blieb, wo sie war.
Sie sah zu, wie der Flötenspieler und die Trommler an ihrem Tisch vorbeizogen. Es gefiel ihr gar nicht, wie der Flötenspieler sie anblickte – als würde sein Stirnrunzeln sagen: »Bist du blöd?« Sie spürte ein leichtes Unbehagen, aber er wäre ja jeden Augenblick an ihr vorbei, oder? Falsch. Der Mann blieb stehen. Mist. Er drehte sich zu ihr um. Verdammt. Er spielte die Flöte so, dass unmissverständlich Zelu damit gemeint war und die Aufmerksamkeit der Maskerade auf sie gelenkt wurde. Sie war fast an ihrem Tisch vorbeigezogen, doch jetzt blieb sie stehen. Sie drehte sich um.
Zelus Herz machte einen Satz. Wiesooo? Maskeraden machten sie immer nervös. Klar, es steckten bloß Männer unter den verrückten, monströsen Kostümen, aber sie waren unberechenbar. Es hieß, wer das Kostüm trug, verwandele sich in den Geist oder den Urahnen, den das Kostüm darstellte. Frauen durften niemals das Kostüm einer Maskerade anziehen (es sei denn, man zählte die wenigen Frauengeheimbünde für Maskeraden dazu, was Zelu nicht tat). Das Wesen vor ihr zuckte und bewegte sich in Wellen, angetrieben vom Flötenspieler. Und jetzt trieben auch die Trommler es an.
Zelus Hände legten sich auf ihre Rollstuhlreifen, als das Wesen sich auf sie stürzte. Die Männer an ihren Tauen legten sich richtig ins Zeug. Sie mussten sich tatsächlich anstrengen!
»Ah!«, rief sie und rollte sich vom Tisch weg. Die gesamte Feiergesellschaft lachte. Das schien die Maskerade und den Flötenspieler zufriedenzustellen. Sie ließen von ihr ab und zogen weiter. Zelu schäumte vor Wut. Sie fühlte sich so überrumpelt und gedemütigt, dass sich eine Träne aus ihrem linken Auge stahl. Egal, wie sehr sie sich bemühte, sie konnte es nicht kontrollieren. Wütend funkelte sie die Kreatur an und stellte sich vor, wie sie das elende Ding in Brand steckte.
»Mann, bist du mutig«, sagte Uzo hinter ihr, als sie an ihren Platz zurückkehrte. »Das poste ich aber so was von. Die ganzen Naija-Typen unter meinen Follower:innen werden dich Hexe nennen.«
Zelu drehte sich nicht zu ihrer Schwester um, damit die nicht mitbekam, wie sie rasch die Träne wegwischte. »Das wird nicht das erste und auch nicht das letzte Mal sein«, murmelte Zelu.
»Du hast keinen Respekt, Zelu«, verkündete Tolu, als er sich wieder setzte. Aber er grinste dabei.
»Immer ganz die Harte«, sagte Chinyere.
»Aber unklug«, kommentierte Arinze.
Zelu sog nur die Luft durch die Zähne ein und sah zu, wie die Maskerade vor ihrer Schwester und ihrem neuen Schwager ihren Tanz aufführte und dann vor den Eltern von Braut und Bräutigam. Verdammter Geist, dachte Zelu.
»Wo ist die Bar?«, wollte Shawn wissen, der vollkommen desinteressiert an der Unterhaltung hinter seinem Stuhl stehen geblieben war.
Chinyere stand unvermittelt auf. »Ich komme mit.« Arinze sah sie mit einem Stirnrunzeln an, sagte aber nichts.
»Cool. Willst du auch was, Bola?«, fragte er.
»Wenn es Champagner gibt, dann ja«, erwiderte sie beschwingt.
»Für mich auch«, sagte Zelu.
»Und für mich«, stimmte Uzo mit ein.
Shawn gluckste. »Ihr seid alle so …« Er schüttelte den Kopf. »Gehen wir, Chinyere.«
Zelu hatte Mitleid mit Chinyeres Mann. Sie wussten alle, was jetzt bevorstand. Und als die Feier erst richtig in Schwung gekommen war, tanzten nicht nur Tolu und seine Frau zu den pulsierenden Dancehall-Beats, auch Bola rekelte sich auf der Tanzfläche … und eine sehr betrunkene Chinyere. Chinyere tanzte nicht einfach nur, sie wand ihren Körper, twerkte und rieb sich an jedem Mann, der in ihre Nähe kam, einschließlich dem Frischvermählten ihrer Schwester. Normalerweise war Chinyere sehr verklemmt. Sie trank nur auf Hochzeiten, und dann befreite der Alkohol sie von allen selbst auferlegten Zwängen. In Momenten wie diesen war Chinyere ein Wirbelsturm, den niemand aufhalten konnte, also ließ man es gleich bleiben. Man überstand es einfach. Zelu wünschte, ihre Schwester würde sich öfter erlauben, frei zu sein.
Sie selbst hingegen wollte nur noch ins Bett, ihr Bauch war viel zu voll von Jollof-Reis, Pfeffersuppe, gebratenem Hähnchen und Happen aus einer Vielzahl schwerer afrikanischer und karibischer Gerichte. Außerdem hatte sie mehrere Gläser Champagner getrunken, den Brautstrauß nicht gefangen, weil sie es gar nicht erst versucht hatte, tausend Fotos mit Amarachi und ihren anderen Geschwistern gemacht, mit den Ältesten alte Yoruba-Lieder gesungen und sich mit Shawn in eine hitzige Diskussion darüber verwickelt, warum sie glaubte, dass eines der schlimmsten, aber auch totgeschwiegenen Probleme Amerikas die weiße Schuld sei.
Und dann war da noch all der Klatsch und Tratsch, den es nachzuholen galt. Sie musste sich nicht besonders anstrengen, um ihn mitzubekommen. Sie saß neben ihrer Mutter und beobachtete die Leute auf der Tanzfläche, als sie zufällig ein solches Gespräch mithörte. Omoshalewa unterhielt sich mit einem Cousin aus ihrer Heimat, und Zelu hörte nur halb zu. Ihre Mutter war den ganzen Abend über in bester Stimmung gewesen, so stolz darauf, dass die nächste ihrer »Prinzessinnen« verheiratet und nun »Königin« war.
»Eh, wo steckt eigentlich Funmilayo? Ist sie gar nicht hier?«, fragte Zelus Mutter.
Richard trat einen Schritt näher, bevor er antwortete, und das ließ Zelu aufhorchen. Ihre Verwandtschaft war so geheimniskrämerisch, dass sie schon früh gelernt hatte zu erkennen, wenn ein Geheimnis kurz davorstand, gelüftet zu werden. »Hast du noch nicht davon gehört?«, fragte Richard.
»Wovon gehört?«, fragte ihre Mutter zurück. »Wo ist sie denn?«
»Nicht hier.«
»Aber wieso nicht? Ich weiß, dass meine Tochter sie und ihren Mann eingeladen hat.«
»Wann hast du zum letzten Mal etwas von Funmilayo gehört?«, wollte Richard wissen.
Ihre Mutter überlegte. »Ich weiß es nicht. Ist schon eine Weile her. Ich habe versucht, sie anzurufen; ich glaube, sie war in Lagos. Habe ihr Nachrichten hinterlassen. Das war vor ein paar Monaten.«
Richard nickte. »Ihr Mann ist gestorben. Ganz plötzlich.«
»Was?!«
»Sie wohnten doch in diesem Haus, na, du weißt schon. Ihr Mann hatte seinen Job in der Fabrik verloren. Seitdem geht sie allen aus dem Weg.«
»Oh nein!«
»Sie haben ihn zügig beerdigt. Aber die Leute dort, die wollen sich trotzdem wie Dorfleute aufführen. Wenn du Funmilayo jetzt sehen würdest, sie sieht aus wie eine Frau von der Straße. Sie hat sich den Kopf kahl rasiert, ist vollkommen abgemagert und läuft wie benebelt herum. Chey!«
Zelus Mutter starrte ihren Cousin ungläubig an. Zelu schüttelte den Kopf und rollte davon, um mehr Champagner zu holen.
Sie. War. So. Müde. Dann entdeckte sie den Typen, den sie zuvor schon gesehen hatte. Er sah ihr wieder tief in die Augen, und sie sah ihm tief in die Augen. Er war klein, schlank und light-skinned, hatte hohe Wangenknochen und wissende Augen, schien Mitte zwanzig zu sein, und nach dem Leopardenmuster an seiner Kragenweste zu urteilen, die er über seiner Anzugjacke trug, gehörte er zu Jackies Familie. Zelu und er trafen sich auf halbem Weg zwischen ihren Tischen. Er kniete sich auf ihre Höhe, was nicht schwer für ihn war, und grinste. »Hi.«
»Hi.«
»Du siehst aus wie deine Schwester.«
Sie lachte, beeindruckt von seiner nuancierten Bemerkung. An jedem anderen Tag hätte diese Aussage seltsam geklungen, denn eigentlich sah sie Amarachi nicht besonders ähnlich, aber heute war ihre Schwester die Braut, was bedeutete, dass sie die schönste Frau im Saal war … und er hatte gerade gesagt, dass Zelu ihr ähnlich sah.
»Danke«, sagte sie. »Bist du einer von Jackies Cousins?«
»Natürlich bin ich das.« Er lachte.
»Es ist so offensichtlich«, sagte sie.
»Warum hast du dir überhaupt die Mühe gemacht zu fragen?«
Sie grinste. »Small Talk ist ein blödes Ritual.«
»Ich bin Msizi.«
»Zelu.«
Sie schüttelte seine Hand, und er ließ sie nicht los.
»Willst du raus ans Wasser?«, fragte er.
Natürlich wollte sie das.
Sie ließ sich von ihm auf den weitläufigen Strand hinter dem Hotel rollen, und als es zu schwierig wurde, erlaubte sie ihm, sie zu tragen, damit sie näher ans Wasser kommen konnten. Einige andere Gäste hatten ebenfalls die Feier verlassen, um am Strand spazieren zu gehen, sie waren also nicht allein. Aber in der nächtlichen Dunkelheit hätten sie es genauso gut sein können. Als sie nah am Wasser angekommen waren und sich außer Sichtweite des Hotels befanden, legten sie sich auf den kühlen Sand. Die Kleidung war ihnen egal.
»Ich werde dieses verdammte Kleid sowieso nie wieder anziehen«, sagte sie.
»Ich werde diesen Anzug auf jeden Fall wieder tragen, aber Sand wird ihn nicht ruinieren«, sagte er.
Er hatte weiche Lippen und starke Hände, und er war nicht schüchtern, als er sie berührte. Die Dunkelheit vermittelte ein Gefühl von Privatsphäre, also entspannte sich Zelu, und für eine Weile war sie ganz woanders. Es war gut. Er war gut. Und auch er war ganz woanders. Sie wusste, wie sie dafür sorgte, dass er sich wie im Himmel fühlte.
»Spürst du das?«, hauchte er ihr ins Ohr.
Wie sehr sie diese Frage hasste. Nicht das, was dahintersteckte – die Frage an sich. Denn sie konnte es eben nicht spüren. Nicht auf körperlicher Ebene. Da war nichts, nur ihr Leib, getrennt von ihr auf eine Art und Weise, die sie auch noch nach zwanzig Jahren zutiefst verärgerte. Sie schloss die Augen und reiste tiefer in Gedanken, während ihre Muskeln sich entspannten. Normalerweise konnte ihr Körper trotz dieses Abgeschnittenseins reagieren, und über die Jahre hatte sie gelernt, damit umzugehen. Und sonst gab es andere Wege. Aber heute Abend, wenn man Msizi glaubte, sprach ihr Körper darauf an. Er mochte Msizi … und sie mochte Msizi auch.
»Pst!«, machte sie und konzentrierte sich. Auf seinen flachen Atem, darauf, wie kratzig sich seine kurzen Haare anfühlten, auf seinen Namen, darauf, dass ihm der Sand in seinen Anzug rieselte, auf seinen schneller werdenden Puls, auf seine vollen Lippen, auf seine feste Brust. Sie seufzte, und er stöhnte. Ja, Msizi.
Danach blieben sie eine Weile liegen und schauten in die Sterne. Stumm. Ungezwungen. Sie hörten den Wellen zu und dem Gelächter am anderen Ende des dunklen Strands. Irgendwo hinter ihnen wurde weiter getanzt, die Gäste johlten, als der DJ einen Track von Fela auflegte.
»Früher wollte ich Astronautin werden«, sagte sie. Sie berührte seine Halskette, ein einfacher Obsidian in Form eines Stoßzahns.
»Früher?«
»Sieh mich an«, entgegnete sie und deutete auf ihre Beine.
Er zuckte die Schultern. »Es ist nie zu spät.«
Sie verdrehte die Augen und lachte. »Ein Delfin sollte nicht danach streben, ein Leopard zu sein.«
Er musterte sie intensiv, und sie wartete ab.
»Ich glaube, die Karibik gefällt mir«, sagte er.
Sie lächelte, froh, dass er das Thema gewechselt hatte. Kluger Mann. »Mir auch«, sagte sie. »Vor allem hier.«
»Bis vor drei Tagen bin ich noch nie woanders gewesen als in Südafrika.« Er rieb sich die Schläfen und schüttelte den Kopf. »Was habe ich nur mit meinem Leben angefangen?«
»Gab es einen bestimmten Grund?«
»Na ja, es ist teuer«, sagte er. »Jackie hat mir den Flug hierher bezahlt. Ich habe gerade ein Tech-Start-up gegründet, und ich mache gerade erst meinen Abschluss. Ich hätte es mir sonst nicht leisten können.«
»Jackie ist so ein guter Mensch.«
»Ja, das ist er.«
In der dann folgenden Stille ging irgendetwas schief. Eigentlich gab es keinen Grund dafür. Da war nichts Schlechtes. Sie lagen draußen unter einem offenen, klaren Himmel, und die Sterne über ihnen zogen Zelu an, zogen sie zu sich. Es war echt, genau wie es war. Als Zelu sich aufrichtete, sog sie die Luft tief in ihre Lungen ein. In diesem Moment jedoch beging sie den Fehler, sich selbst aus ihrer erhöhten Perspektive zu betrachten, und diese Perspektive war scharf und unerbittlich. In dem Moment, als sie am wenigsten darauf vorbereitet war, stürzte der zerbrechliche Teil von ihr, der eben noch durch die Lüfte geflogen war, zu Boden. Sie zuckte zusammen.
»Alles in Ordnung?«, wollte Msizi wissen. Zelu spürte, dass er jemand war, der einem nichts vormachte und einen nicht verurteilte.
Ihr Brustkorb fühlte sich an, als würde jemand darauf stehen; ihr Hals war wie zugeschnürt. Irgendwie krächzte sie: »Können wir zurückgehen?«
Er nahm sein Handy und machte die Taschenlampe an, um sie besser ansehen zu können. Aufs Neue erstaunte es Zelu, wie tief dieser Mann, den sie kaum kannte, in sie hineinblicken konnte. Jackie, der frischgebackene Ehemann ihrer Schwester, war genauso. Ja, Msizi war definitiv mit Jackie verwandt. Sie waren einfach gute Menschen. »In Ordnung«, sagte er. Und das war alles. Er trug sie zu ihrem Rollstuhl. Die ganze Zeit über musste sie sich darauf konzentrieren, nicht loszuschreien. Sie hielt einen Tsunami in sich zurück.
»Danke«, flüsterte sie.
»Hast du genug für heute Abend?«
»Ja.«
»In welchem Zimmer schläfst du?«
Er brachte sie zurück ins Hotel. Als sie an ihrer Zimmertür ankamen, fragte er sie, ob er seine Nummer in ihrem Telefon speichern dürfe. Sie reichte es ihm. »Ich gehe zurück zur Feier«, sagte er. »Ruf mich an, wenn du mich brauchst.« Dann gab er ihr einen Kuss zum Abschied.
Als er fort war, schloss sie die Tür, warf ihre Jacke ab und rollte zum Bett. Dort blieb sie einfach sitzen. Und schließlich überflutete sie der Tsunami. Sie war gefeuert worden. Sie war nicht einmal eine »richtige Professorin«, trotz ihres Masters. Aber dennoch. Gefeuert. Und ihr Manuskript abgelehnt. Dabei hatte sie zehn Jahre an diesem Scheißroman gesessen. Die Figuren aufgebaut, die Ideen. Alles recherchiert: Gemälde, Architektur, Stadtpläne, selbst die Bäume. Überarbeitet. Überarbeitet. Noch mehr überarbeitet. Zusammengebrochen. Neu geschrieben. Nochmals überarbeitet. Sie hatte Toni Morrison, Jamaica Kincaid, Audre Lorde heraufbeschworen. Zumindest hatte sie das angenommen. Es schien ihr genau passend. Und doch war der Roman abgelehnt worden. Er war alles, was sie hatte.
Ihre Schwester war so wunderschön gewesen heute Abend.
Sie spürte, wie die nächste Mauer einstürzte, wie ihr Fundament bröckelte. Sie war eine »alte Jungfer«, »männerlos«, »beinlos«, ein »Krüppel«. Und wieso? Wegen ihrer eigenen Dummheit. Vielleicht war sie von den Göttern verflucht worden, das Ergebnis eines Zaubers, mit dem ihr Onkel, ein König, ihre Mutter belegt hatte. Spielte es eine Rolle? Sie war eine zerbrochene Prinzessin, von der Welt getrennt. Losgelöst.
Sie stürzte. Der Boden raste auf sie zu, und sie wusste, der Aufprall würde sie zerstören. Sie glaubte, ein Zweig würde ihr ins Gesicht peitschen. Tränen strömten ihr über die Wangen, und sie wimmerte. »Oh Gott, nein.« In ihrer Vorstellung kam sie auf dem Boden auf. Dort, in der drückenden Dunkelheit, wand sie sich unter Schmerzen. Ihre Lider wurden schwer, aber sie hielt die Augen offen. Die Welt vor ihr verschwamm, und sie hustete, als salzige Tränen ihr in die Mundwinkel liefen.
»Fuck«, zischte sie. »Hör auf. Hör auf. Hör auf.«
Es war nichts als Selbstmitleid. Sie schlug das Biest nieder. Und nach und nach weitete sich ihre Brust, entspannte sich ihr Hals. Die Last ließ nach. Ihre Gedanken wurden wieder klar. Die Welt war gar nicht so schlecht. Die Menschheit existierte noch. Und Zelu war stark. »Ich bin stark«, flüsterte sie. Sie weinte immer noch, und ihre Hände zitterten. Immer noch saß sie am Rande eines Abgrunds. Sie müsste sich nur ein wenig nach vorne lehnen, und das wäre es gewesen. Erneut überlief sie ein Schaudern, und sie überlegte, ob sie Jackie anrufen sollte, dessen schöner Gesang sie bei einer Panikattacke immer beruhigte … Aber er würde noch auf der Feier sein. Von seinem Glück eingenommen. Vielleicht sollte sie ihre Mutter anrufen. Irgendjemanden. Dann fiel ihr Blick auf ihre grün-weiße Ankara-Jacke, die zerknüllt auf dem Boden lag. Zelu kramte in der Innentasche und holte den Rest Gras heraus. Auf der Kommode drehte sie gekonnt einen Joint. Dann rollte sie zum Fenster und öffnete es. Sie hatte vor, das Ding komplett zu rauchen.
Eine Weile starrte sie in die Nacht, in den tintenschwarzen Himmel und auf den Ozean, die sich zu einem Schwarz vermischten und verschmolzen. Sie gluckste in sich hinein. »Was für ein Leben«, murmelte sie, die Stimme schwer vor Rauch. »Der reinste Scherbenhaufen.«
Zumindest bin ich gerade verdammt high, dachte sie. Sie hatte keine Arbeit mehr, warum also nicht das letzte Gras genießen, das sie sich in nächster Zeit leisten konnte? Sie lachte, während ihr Tränen über das Gesicht liefen.
Schließlich wandte sie sich vom Fenster ab. Ihr Blick fiel auf ihren Laptop, der zugeklappt auf ihrem Bett lag.
Sie rollte hinüber und brachte ihn zum Schreibtisch auf der anderen Seite des Zimmers. Die Welt um sie herum wogte sacht. Hier in Tobago war das Weed klebrig, rein, frisch. Sie klappte den Laptop auf. Als sie ihr Passwort eingab, Conan (eine Figur, die sie für ihre muskelbepackte Unvernunft und Kraft liebte), tauchte der Strand von Tobago als Bildschirm-Hintergrund auf. Das Foto hatte sie am Vortag gemacht.
Ihr Gesicht war verkrustet und juckte von den getrockneten Tränen, ihr Mund fühlte sich nach dem Joint an wie Watte, mit einem säuerlichen Nachgeschmack der Ablehnung darin, und ihr Geist war so weit aufgebrochen worden, dass all ihre Dämonen hineingeflattert waren. Zelu begann zu schreiben.
Diesmal war es anders. Sie wollte nicht über gewöhnliche Leute mit gewöhnlichen Problemen schreiben, nur um wieder zu hören zu kriegen, ihre Figuren böten kein Identifikationspotenzial. Sie wollte nicht jahrelang für eine Welt recherchieren, nur um sie in Flammen aufgehen zu sehen. Also tat sie es auch nicht. Sie schrieb über die, die nicht Mensch waren. Sie erschuf eine Welt, in der sie gern herumtollen würde, wenn ihr alles zu viel wurde, die es aber bisher nicht gab. Sie schrieb etwas anderes, etwas Neues.
Sie schrieb von rostenden Robotern.
Die Erde hatte schon so viel hinter sich. Geschichte. Aufstiege. Niedergänge. Wiederkehr. Pflanzen, Erde, Bäume, genetische Veränderungen, Spleiße. Lebendige Farben, natürliche Fasern. Öl und Plastik. Konsum, Kämpfe, Verbrennung, Rauch, Abgase. Blumen, die blühen und verwelken.
Als ich auf dem von Rissen durchzogenen Parkplatz stand und der heiße Beton das Metall meiner Füße erwärmte, war ich mir sicher: Die Erde hatte noch Großes vor sich, trotz allem.
Eine Zeit lang war die Erde ein trauriger Ort. Heiß und trocken und dunkel. Die Menschheit hielt durch, so lang sie konnte. Sie schuf uns und schickte uns über den ganzen Planeten. Aber sie ließ uns allein zurück.
Unsere Schöpfer:innen, unsere Meister:innen, unsere Eltern, unsere Autor:innen … fort.
