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Die Bachwiler Honoratioren wissen, was für das Dorf gut ist, und mit ruhiger und sicherer Hand steuern sie die Entwicklung der ländlichen Gemeinde – bis eine junge Gemeinderätin anfängt, Fragen zu stellen. Nach und nach tauchen Wahrheiten auf, die das Idyll beschädigen.
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Seitenzahl: 110
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Gemeindepräsident
Felix Stauffer
Gesamtführung, Kommunikation
Tel.: 031 555 93 44
Mail: gemeindeprä[email protected]
Gemeindeverwaltung
Nettikoferstrasse 4
Tel.: 031 555 50 50/51
Öffnungszeiten:
Täglich 10 – 12, 14 – 17 Uhr, freitags bis 18 Uhr
Gemeindeschreiber
Alois Graf
Mail: [email protected]
Gemeinderätinnen und Gemeinderäte
Georg Schäubi
Vizepräsident, Planung und Bauten
Tel.: 031 500 97 77
Mail: [email protected]
Helmut Wismer
Finanzen
Tel.: 031 500 94 14
Mail: [email protected]
Elsbeth Widmer
Soziale Dienste
Tel.: 031 500 93 54
Mail: [email protected]
Hans Friedrich
Bildung und Kultur
Tel.: 031 500 96 98
Mail: [email protected]
Willy Gubler
Bevölkerungsschutz und Sicherheit
Tel.: 031 5000 96 39
Mail: [email protected]
Rudolf Hofmann
Infrastruktur
Tel.: 031 500 97 14
Mail: [email protected]
Gemeinderatssitzung
Unfall?
Mord
Wer war Elsbeth Widmer?
Volkes Stimme
Schatten der Vergangenheit
Frau Schüpbachs Töchter
Des Pflegers Albtraum
Fall gelöst?
Bäuerliches Bodenrecht
Im Séparée
Die Vernehmung
Der Auerhof
Bühler Werkstattbuch
Ende der Fahnenstange
Der Artikel
Korrupter Dorfpolitiker an Mord beteiligt?
Wer war mit R. W. im Séparée?
Dubiose Handwechsel von Landwirtschaftsland
Flucht in den Tod
Gemeindeversammlung
Nachruf
Ein strahlender Herbsttag neigte sich dem Ende zu, die Dämmerung kroch das Auerental herauf nach Bachwilen. Gemeindeschreiber Graf schloss die Türe zum Sitzungszimmer auf und machte sich daran, die Unterlagen für die bevorstehende Gemeinderatssitzung bereitzulegen. Er genoss diese ruhige Zeit zwischen den oft aufreibenden Schalteröffnungszeiten und den Sitzungen, die zwar meist recht friedlich, doch manchmal bemühend wortreich abliefen, und liess seine Gedanken von einem Mitglied des Kollegiums zum nächsten schweifen, als er die Papiere auf die fest zugeordneten Plätze legte.
Den grössten Stoss erhielt naturgemäss Gemeindepräsident Stauffer. Felix Stauffer, Pflegedienstleiter im ALB - dem Alters- und Leichtpflegeheim Bachwilen - war integer, fleissig, freundlich - und stand überall unter der Fuchtel. Im ALB schwang Käthi Beutler, die resolute Heimleiterin, das Szepter. Daheim verstand es seine zarte und kränkliche Frau meisterlich, ihn subtil durch Gewähren und Verweigern von Zuneigung zu manipulieren. Und hier im Gemeinderat gab er zwar einen brauchbaren Sitzungsleiter ab, und er tat sein Bestes, um sich hin und wieder zu einer eigenständigen Meinung durchzuringen. Aber letztlich lief es meist so, wie der Bachwiler Dorfkönig es sich vorstellte und mit seinen Mitläufern auch durchbrachte.
Der Dorfkönig, das war Vize Schorsch Schäubi. Damit keine Zweifel aufkamen, liess er periodisch den Spruch "Mir ist egal, wer unter mir Gemeindepräsident ist" von Stapel, vorzugsweise im Beisein von Felix Stauffer und begleitet von einem dröhnenden Lachen und einem jovialen Schulterklopfen, unter dem Stauffer regelmässig zusammenzuckte. Seit urdenklichen Zeiten war Schäubi im Gemeinderat, nur unterbrochen durch kurze Pausen, die ihm die Amtszeitbeschränkung auferlegten. Schäubis waren eine der "einheimischen" Familien und seit Menschengedenken im Besitz des Betriebes an der Aueren, ursprünglich eine Sägerei. Sie hatte, zusammen mit den ausgedehnten Wäldern im Osten an den Flanken der Auerenfluh, schon früh zu einem gewissen Wohlstand im Dorf beigetragen. Die Nutzung der Wasserkraft und das Sägen waren inzwischen aufgegeben worden, aber Schäubis verstanden es geschickt, als "Holzige" - Schorsch war Zimmermeister - das einheimische Baugewerbe zu dominieren. Denn die älteren Häuser im Dorf waren Riegbauten, und als die Ansiedlung eines Lebensmittel verarbeitenden Betriebs der Migros im Tal drunten dem Dorf einen kleinen Wachstumsschub bescherte, entstanden als erste Neubauten Chalets. Schorsch wurde selten laut. Er hatte das auch nicht nötig. Seine tragende, tiefe Stimme, die an der stämmigen, aber bierbauchlosen Gestalt einen üppigen Resonanzkörper hatte, zeugte von der Gelassenheit des Mächtigen und davon, dass er wusste, was gut für die Bachwiler war.
Mittlerweile waren alle Papiere für die Gemeinderatssitzung an ihrem Platz, und das Mineralwasser stand bereit. Vielfach erschien der Gemeindepräsident etwas früher, um mit Graf allfällige letzte Entwicklungen die Traktanden betreffend zu besprechen. Aber heute erschien Hans Friedrich als erster.
Niemand hatte sich getraut, Schulleiter Hans Friedrich nicht zu wählen, als er von einer Elterngruppe vorgeschlagen worden war. Nicht dass er unbeliebt war, aber den typischen Gemeindeversammlungsgängerinnen und -gängern waren das, was sie "Intellektuelle" nannten, eher suspekt. Er war tatsächlich so etwas wie das Gewissen des Gemeinderats geworden, weniger in ethischer als in juristischer Hinsicht, denn niemand - natürlich abgesehen vom Gemeindeschreiber - war in Sachen Gesetzen und Reglementen so sattelfest wie er. Gerade damit stiess er immer wieder auf Widerstand. Es wurde ihm Formalismus vorgeworfen, wenn er auf der Durchsetzung der Bestimmungen beharrte, ja sogar Beschwerden bei übergeordneten Stellen androhte. Man hätte sich gerne nach den eigenen Bedürfnissen über das, was die in Bern meinten, hinweggesetzt. War Friedrich in der ersten Zeit unnachgiebig - natürlich nannte Schorsch Schäubi das "stur" -, so verlor er, je näher seine Pensionierung kam, langsam Lust und Kraft zu kämpfen. Der letzte grosse Kampf, den er für sich entschieden hatte, lag schon ein paar Jahre zurück. Die Gewerbetreibenden des Dorfes hatten auf der grünen Wiese ein neues Schulhaus mit allem Drum und Dran aus dem Boden stampfen wollen und behauptet, die Sanierung des Hubelschulhauses lohne sich nicht mehr. Friedrich bezeichnete das als Grössenwahnsinn. Er hätte sich wohl auf die Länge nicht durchsetzen können, aber immerhin gewann er Zeit, bis sich die Umstellung auf das neue Schulmodell abzeichnete. Nun gingen die älteren Schüler ins Oberstufenzentrum in Markingen, und ein Neubau war dadurch obsolet geworden. Das Hubelschulhaus war saniert und mit einer Mehrzweckhalle vervollständigt worden, und im neuen Dorfteil gab es jetzt einen zweiten Kindergarten.
Die beiden Bauern – wie in den meisten ländlichen Berner Gemeinden waren sie auch im Bachwiler Gemeinderat übervertreten – hatten das Sitzungszimmer gemeinsam betreten. Hubelbauer Willy Gubler schien aufgebracht und erzählte Ruedi Baumann gestikulierend etwas von einer Sch..-Melkmaschine und einem Sch..-Mechaniker, und die Sch..-Kühe hätten geschrien, aber wer könne die denn noch von Hand melken im Notfall, die mit ihren Melkmaschinen kompatiblen Kurzzitzen!
Der eine mit ungesund roter Gesichtsfarbe und offenbar mit hohem Blutdruck, der andere ruhig grinsend: Die beiden Bauern konnten auch sonst nicht gegensätzlicher sein. Willy Gubler ging es eigentlich gut, denn sein Vater hatte noch vor der Raumplanungsära im Auerenried Land verkaufen können, als der erste Schub Einfamilienhäuser gebaut wurde. Leidenschaftlicher Landwirt, der er war, hatte er den Ertrag grösstenteils in die Modernisierung und Mechanisierung des Hofes gesteckt. Sohn Willy konnte später für die Häuser am Friedhofweg auch einen schönen Batzen einstecken, aber die kostspielige und luxuriöse Sanierung des Wohnteils, ein 7er BMW, die Sorglosigkeit der Jungmannschaft im Umgang mit Geld und die Entwicklung des Milchpreises brachten mit sich, dass Willy nun zu einem der begabtesten Kläger über GATT, WTO, die im Amtssitz Grafenstadt, in Bern und sowieso die in Brüssel geworden war. Trotzdem: Dank des stattlichen Ausmasses seines Hofes und weil kein Nachholbedarf an Investitionen bestand, war ihm die Härte wirklicher existentieller Bedrohung eigentlich fremd.
Auch Ruedi Baumann konnte nicht klagen, und er tat es auch nicht. Er war der einzige Bauer im Dorf, der auf Bio umgestellt hatte. Die Bachwiler Bauern hatten ihm Misserfolg mit dem Biozeugs prophezeit - und neideten ihm jetzt den Erfolg. Sie redeten sich damit heraus, dass Ruedi dies nur der Lage seines Hofs zu verdanken habe, denn er lag auf dem Nettiger Feld und schloss an die neuen Quartiere an, dort, wo die Pendler und jungen Familien wohnten. Hofmanns Direktverkaufs-Kiosk war auf einem gäbigen Feldweg erreichbar, entlang der Weide mit den schottischen Urviechern, den zwei Eseln, den freilaufenden Hühnern und Schweinen. Einkauf und Hundeoder Kinderspaziergang waren damit ideal und attraktiv miteinander zu verbinden.
Felix Stauffer und Schorsch Schäubi waren nun in Schäubis Range Rover vorgefahren und eingetreten. Graf schaute auf die Uhr und stellte fest, dass nur noch ein, zwei Minuten auf acht Uhr fehlten. Wie meistens trudelte Helmut Wismer kurz vor dem Stundenschlag ein. „Trudeln“ war insofern wörtlich zu verstehen, als dass er vermutlich auch heute direkt aus dem „Rössli“ kam und sein Gang nicht mehr fadengerade war. Immer öfter und intensiver versuchte er dort die Erkenntnis wegzuspülen, welch Duckmäuser er geworden war. An ihm zeigten sich exemplarisch dörfliche Abhängigkeiten: Sein Elektro-Geschäft lief nicht besonders. Je länger je mehr Bachwiler kauften ihre Waschmaschinen und Kühlschränke beim Discounter im Amtshauptort Grafenstadt, und so war Wismer auf jeden Auftrag angewiesen, bis hin zur Wartung der öffentlichen Beleuchtung und der Beschallung der Mehrzweckhalle bei den Lottos der Dorfvereine. Und natürlich auf die in letzter Zeit eher rar gewordenen Neubauten, aber um diese Aufträge zu erhalten, musste er katzbuckeln, wofür er nach seinem eigenen Dafürhalten nicht geschaffen war. Lieber hätte er sich selber in der Rolle des Dorfkönigs gesehen. Die Reste seines Selbstbewusstseins hielt er mit seinem Outfit aufrecht: Selten sah man ihn anders als im dezenten Zweireiher. Und nach etlichen spendierten Runden im „Rössli“ kam er sich tatsächlich ein bisschen wie ein Dorfkönig vor - bis der Kater folgte.
Ausser Wismer, der sich schwer auf seinen Stuhl hatte plumpsen lassen, hatte sich noch niemand gesetzt, denn es fehlte immer noch eine Person: Elsbeth Widmer, die Exotin im Kollegium, nicht nur, weil sie hier die einzige Frau war. Sie lebte mit Stefan Trachsel zusammen im Auerengraben hinten und arbeitete als Sekretariatsangestellte beim regionalen Sozialdienst in Markingen. Dass sie in den Gemeinderat gewählt worden war, hatte sie dem Zusammenspiel einiger Zufälle und dem jugendlichen Übermut ihres Lebensabschnittspartners zu verdanken: Elsbeth und Stefan, politisch zwar interessiert, aber mit den lokalen Gegebenheiten noch nicht so vertraut, wollten wenigstens einmal im Leben an einer Gemeindeversammlung teilnehmen. Zwar musste ein Gemeinderatssitz neu besetzt werden, aber am gleichen Abend stand eben auch ein WM-Ausscheidungsspiel der Fussball-Nati auf dem Programm, das durch die spezielle Tabellensituation plötzlich wegweisende Bedeutung erhalten hatte. Die einzige Ortspartei hatte Aschi Schnegg, Automech in Bühlers Garage und eigentlich nur daran interessiert, in Motorblöcken zu wühlen, zur Kandidatur überredet. Er und seine Promotoren hielten es nicht für nötig, an der Gemeindeversammlung teilzunehmen, durfte man doch annehmen, dass die Wahl eine Formsache sein würde. So kam es, dass Stefan bei der Nachfrage des Sitzungsleiters, ob die Vorschläge zur Wahl eines neuen Gemeinderatsmitglieds vermehrt würden, Elsbeth mit dem Ellenbogen anstiess und sie fragte, ob sie nicht wolle. Sie hob eigentlich nur die Augenbrauen, aber Stefan meldete sich und improvisierte eine Rede von wegen Vertretung der jungen Generation und so. Weil die Versammlung wegen des Fussballmatches sowieso nur bescheiden besucht war und die Zusammensetzung des Publikums zudem etwas vom Üblichen abwich, weil eine Vorlage über den Vertrag mit der Markinger Jugendarbeitsstelle auf der Traktandenliste stand, wurde Elsbeth zur Überraschung der An- und – vor allem – Abwesenden gewählt.
Niemand war in der Regel so pünktlich, keiner der Gemeinderäte bereitete sich so gewissenhaft auf die Sitzungen vor wie Elsbeth. Als Präsident Stauffer die Herren an den Tisch rief und sagte, nun fange man halt ohne sie an, war einigen bedeutungsschwangeren Gesten trotzdem zu entnehmen, dass man von einer Frau ja nichts anderes als Unpünktlichkeit erwarten könne.
Ueli Hubers Hof lag auf der Sonnseite, nördlich des Auerengrabens. Deshalb hatte er nach dem Znacht auch im Herbst noch genügend Tageslicht, um Zäune zu flicken. Genau das tat er an diesem Abend. Dabei fiel sein Auge auf einen farbigen Flecken drunten im Bachlauf der Aueren, vielleicht einen Haufen Kleider. Oder war es gar eine menschliche Gestalt? Er eilte auf den Hof zurück, holte das Handy und den Feldstecher – und sah seinen Verdacht bestätigt. Einige Meter weiter oben hing verbogenes Metall, das vielleicht einmal ein Fahrrad gewesen war. Ueli griff zum Handy und wählte 117.
Es sollte später einen grausamen Rüffel absetzen für die Streifenpolizisten Wacker und Dummermuth, weil sie auf dem Bachweg so nahe wie möglich an den angegebenen Ort gefahren waren. Aber wie hätten sie zu diesem Zeitpunkt schon ahnen sollen, dass sie dadurch mögliche Spuren niederwalzten? Dummermuth stieg mit dem Notarzt ins Tobel runter und funkte wenig später hinauf: „Da ist nichts mehr zu machen. Es handelt sich um eine junge Frau. Es liegen Papiere umher, vermutlich handelt es sich um eine Elsbeth Widmer. Schick die Ambulanz heim.“
In der Zwischenzeit hatte sich Wacker droben umgesehen und versucht, sich ein Bild vom Unfallhergang zu machen. Die Verunglückte musste in Richtung Dorf gefahren sein. Da der Weg ein ziemliches Gefälle aufwies, war die Geschwindigkeit wohl recht hoch gewesen. Hinter einer unübersichtlichen Linkskurve dann war das morsche Geländer rechts auf der Seite des Tobels durchbrochen. Sie hatte, wie es im Verkehrspolizisten-Jargon hiess, offenbar die Herrschaft über ihr Fahrzeug verloren. Aber es gab da etwas, was Wacker irritierte: Unterhalb der Unfallstelle lag eine junge Fichte quer über dem Strässchen. Sie war unten sauber abgesägt, also nicht einfach so runtergefallen, und vor allem waren daran Spuren erkennbar, die von der gleichen Farbe wie der des Fahrrads waren, das weiter unten am Tobelrand hing. Die Velofahrerin, die mit Tempo um die Kurve kam, hatte sich kaum dagegen wehren konnte, ins Tobel zu stürzen. Und da stellte sich natürlich die Frage: Wie war der Baum hierhin gelangt? Zufällig? Beabsichtigt?
Über diese Frage hatte ein Streifenpolizist nicht zu entscheiden. Deshalb funkte Wacker zurück: „Lasst alles liegen, da ist etwas nicht sauber, ich verständige das Dezernat Leib und Leben.“ Er leitete das in die Wege, und dann begannen er und Dummermuth unverzüglich damit, den Tatort zu sichern. Nachdem sich die Ambulanz auf den Rückweg begeben hatte, zogen sie auch den Streifenwagen vor die Einmündung in den Bachweg zurück und sperrten diesen mit Plastikbändern und einem Fahrverbot ab.
