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Erstklassiger Wirtschaftsthriller! Wer Jeffery Deaver mag, wird Caroline Feith lieben. Der charismatische CEO der Swissphon, Christian Saumer, gerät nichtsahnend in ein perfides Spiel um Macht, Intrigen und Schmiergelder. Seine Macht beginnt zu bröckeln als er mit Lüscher, dem neuen Firmenpräsidenten, aneinandergerät. Als er beschließt zu expandieren, nimmt das Verhängnis seinen Lauf… "Ich frage mich wie ein Mann wie sie, Familienvater, und Geschäftsmann dies hier beurteilen würde". Er schiebt ihm eine kleine, blaue Mappe über den Tisch. Mateo lehrt den Espresso in einem Zug, stellt ab, und schaut auf die Mappe. "Sie haben doch Kinder", sagt der kleine Italiener etwas zerstreut. Mateo hebt den Kopf und sieht ihn an. "Kinder sind teuer". Er fuchtelt mit der Hand: "Privatschulen, später ein Studium. Es wäre jammerschade wenn sie das nicht könnten", er zieht die Stirn in Falten, macht ein bekümmertes Gesicht, "oder Gott behüte sie erst gar nicht bis dahin kämen. Ihre kleinen Kinder, meine ich". Die Männer prägen sich das Gesicht ein. Lassen die Fotos von Hand zu Hand wandern. Der hartnäckige, junge Bursche, der Bauernsohn aus der Provinz mit dem rücksichtslosen Ehrgeiz und den etwas derben Manieren, reibt sich die Hände. Jetzt kann er sich endlich beweisen. Er nimmt das Teilchen.
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Seitenzahl: 405
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Caroline Feith
Tod eines Managers
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Der 12-te Wandertag - Tafers
Der 13-te Wandertag
Dienstag, 23 Juli 2013, Villars-sur-Glâne
Saint-Germain-en-Laye
Das Lycée International – 1973
Résidence d’Hennemont
Eine französische Geschichtsstunde
Schloss Monte Christo
Ferien
Université Paris-Dauphine
Ferien
Mercedes Benz
Der Antrag
Flitterwochen
Mailand
Umbruch
Swissphon
Mailand
Kleine Turbulenzen
Expansion
Eine Unterredung
Kick
Die große Stunde, Zürich
Saumer, der CEO
Marktanalyse
Mailand
Erstes Auskundschaften
Zürich
Der Visionär
Mailand
Verhandlungen 1
Verhandlungen 2
Pläne und Erklärungen
Annabell Vibier
Die Hotels
Trennung
Annabell
Davos 2009
Annabell Vibier
Saumer, der Vater
Unruhen
ProntoItalia
Mailand
Wandelkunden
Der Wurm
Freitag in Mailand
Pour le Sport
Tortour, August 2010
Martinique
Patrouille des Glaciers, April, 2010
Geschieden
2011 Karfreitag
Juni 2011
Max Lüscher, der neue Präsident der Swissphon
Der Strategiechef
PDG 2012
Hustei
Der Vize
Projekt Snowboard
Der Querschießer
Juli 2012, Villars-sur-Glâne
Tortour, 2012 August
Das Interview
Intrige
Mailand
Eine Frage der Ehe
Der Papiertiger
Rückkehr
Ein gewonnener Krieg
Plati, Kalabrien, Italien
Der Orden
Interviews
Walter Voss
Die Leiche
Bestandsaufnahme
Das Sommerfest
Juli 2013, Guarda Val
Pietro Arnoaldi
Montag 22 Juli
Gebhardt
Gebhardt, der Schütze
ENDE
Kick
Epilog
Links von Interesse
Impressum neobooks
Dies ist ein Unterhaltungsroman. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen, Firmen oder Schauplätzen ist rein zufällig.
Zur Entstehung dieses Romans haben allerdings zahlreiche Artikel und Bücher inspirativ beigetragen, und so ein Abbild unterschiedlicher Realitäten ermöglicht.
Die ViaJacobi, wie die Schweizer den Jakobsweg nennen, hat inmitten der Schweiz eine besondere Qualität. Der Mann und die Frau die an diesem Morgen hier vorbei kommen sind in Herisau gestartet. Sie gehen einen steilen Hang entlang, auf dem mittelalterlichen Weg, der früher zur alten Torenöli Ölmühle geführt hat, die unten, im Sensegraben gelegen hat. Über den Graben spannt eine Holzbrücke. Sie treten beherzt auf die grauweiß, verwitterten, alten Holzplanken, die von tausenden von Schritten ausgetreten sind. Schritte anderer Pilger die den gleichen Weg genommen haben, und das gleiche Unbehagen empfanden wie sie, wenn sie in die tiefen Ritzen des senkrecht aufragenden, schroffen Felsen blickten, der jetzt, auf diesem Wegstrich, zu ihrer Rechten aufragt. Der Abstieg, ein in Sandstein gehauener schmaler Pfad, ist mit Fluss-Kieselsteinen gepflastert. Wenn es geregnet hat, gefährlich rutschig und uneben. Die tiefen Radnabenkanten alter Fuhrwerke sind in Fels und Boden eingegraben. Zur Senke hin, ist der Weg von mächtigen, glatten Steinquadern abgegrenzt. Dann schlängelt er sich gemächlich, durch die leicht hügelige Landschaft und führt sie nach Tafers.
Hier, in Tafers, machen sie halt. Bei einer kleinen Kapelle, wie es seit alters her Brauch ist.
Es ist die Kapelle mit dem Hühner und Galgenwunder. Oberhalb des Eingangsportals ist das Wunder in einer bunten Freske festgehalten. Hand in Hand stehen sie davor und lesen die kurze Erläuterung. Ein Vater und sein Sohn sind unterwegs nach Santiago de Compostela und machen Station in Tafers. Der perfide, gehässige Wirt, bei dem sie Quartier genommen haben, nimmt einen goldenen Becher und versteckt diesen im Gepäck seiner Gäste, um sie dann des Diebstahls zu beschuldigen. Der Sohn wird noch am gleichen Tag gehängt; der Vater setzt seinen Weg nach Santiago bekümmert und voller Schwermut fort, und klagt dort dem Heiligen seine Pein. Als er auf dem Rückweg durch den Ort kommt, am Galgen vorbei, findet er seinen Sohn lebendig vor. Als die Geschichte dem Richter, der über den Sohn geurteilt hat, zu Ohren kommt, ist er gerade dabei ein Hühnchen zu braten. "So wenig wie dieses Huhn hier wegflattern kann, kann der Gehängte wieder lebendig werden" sagt er.
Kaum hat er die Worte ausgesprochen, da erhebt sich das Huhn aus dem Topf und fliegt davon. Jetzt ist auch er überzeugt dass der verleumderische Wirt, in böser Absicht gehandelt hat, und lässt ihm hängen.
Eine schöne Geschichte. Sie lächeln sich zu, sehen sich um, gehen zur Seitenwand der Kapelle und lassen sich auf dem Boden nieder. Den Rücken gegen die Wand gelehnt. Das soll ihnen Glück bringen, wenn ihnen auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela Unrecht widerfahren sollte. Sie trinken Kaffee aus der Thermoskanne und lassen das Wunder, in Frömmigkeit, ihren Geist durchdringen. Eine Stunde später nehmen sie ihre Wanderung wieder auf und erreichen am späten Abend Fribourg. Sie gehen die Treppe der Stadtmauer hinunter und durch das Bern Tor. Im Gasthof Zum Engel, unterhalb der letzten gedeckten Brücke Fribourgs, essen sie zu Abend. Die Nacht verbringen sie in einer Jugendherberge.
Am nächsten Morgen, gehen der Mann und die Frau, einen langen Feldweg hinab. In der Stille und Dösigkeit des anbrechenden Morgen, sind die Wege noch schlecht auszumachen. Der Mond wird blasser und eine diesige Sonne hebt sich auf der anderen Seite, über die Horizontlinie.
Ein wütendes Hundegebell wird aus dem Dorf über das Feld getragen. Ein Pferd bäumt sich auf einer Koppel auf und wiehert. Sie überholen einen Traktor mit Anhänger, der einsam, am Feldrand steht. In aller Frühe sind sie heute aus Fribourg aufgebrochen. Ohne gefrühstückt zu haben. Ihr Weg führt sie als Erstes nach Villars-sur-Glâne.
Am Chemin des Auges steht die kleine Kapelle Sainte-Apolline. Sie schmiegt sich in die Quere des kleinen Platzes, von dem aus eine schmale, mittelalterliche Brücke über den Zusammenfluss von Glâne und Saane führt. Den Zehntplänen nach, waren hier, an diesem kleinen Platz, bis ins 18. Jahrhundert hinein, ein Galgen und eine Herberge. Eine ungewisse, rätselhafte Mystik umhüllt die Örtlichkeit. Das hellgrüne Laub der Bäume und Sträucher überschattet die Brücke. Der blaugraue Stein, aus dem sie gehauen ist, glänzt.
Es ist der dreizehnte Tag ihrer Wanderung und es ist Dienstag.
Bevor sie ihn sieht, spürt sie ihn. Zuerst ein Unbehagen. Dann richten sich ihr die Nacken- und Armhärchen auf und sie bekommt eine Gänsehaut. Er ist hinter ihr. Unwillkürlich beschleunigt sie den Schritt. Auf der Mitte der steinernen Brücke dreht sie den Kopf, sieht nach hinten, ohne sich ganz umzudrehen. Sieht, nur dem Verlauf der Wölbung des Weges nach. Neben der Kapelle, im dunklen Wasser, spiegelt sich unter einer gelben Kapuze, das Gesicht eines Mannes. Grau und verhuscht. Ihr Begleiter spürt ihre Unruhe. Er nimmt ihren Arm, sagt:
»Was ist dir«, dann wendet er sich ebenfalls um.
»Nichts, … nichts«, sagt sie.
»Ist nur ein Jogger«, sagt er und lacht gekünstelt.
»Ja«, sagt sie, aber sie hat seinen säuerlichen Schweißgeruch in der Nase. Der Geruch wird überlagert von einer tieferen Absonderung. Die Ausdünstung der Angst. Die Duftintensität bereitet ihr Brechreiz. Sie geht weiter rechts, zum Rande, um aus der Duftwolke herauszutreten.
»Lass uns rasten«, sagt der Mann, drückt leicht ihren Arm und lenkt sie weg von der Brücke, die Böschung hinunter, auf einen schmalen Kiesstreifen.
Sie ist noch ein bisschen fahrig, hat das Unbehagen noch nicht ganz abgeschüttelt, dreht sich noch einmal um.
Sie gehen schnell. Die blasgrünen Weiden die den Verlauf der Sarine säumen, bieten spärlichen Schutz. Sie ist erhitzt, teilt die Weiden mit einer Hand und rutscht auf dem feinen Kies nach unten, zum Wasser. Sie hält die Hände ins Wasser. Das Wasser ist kalt und klar. Sie benetzt sich das Gesicht, und sieht in die Richtung aus der sie gekommen sind. Die Kapelle ist nicht zu sehen. Das Unbehagen lässt nach. Hand in Hand gehen sie weiter. Sie gehen Richtung Matran, zu einem kleinen Wald. An der Wegscheide sehen sie das Schild. Bois des Morts 650 Meter. Sie lacht nervös auf, drückt sich an ihren Gefährten und sagt:
»Schaurig ist das, nach diesem Mann«.
An der Stelle an der sie den Wald betreten ist er dicht und dunkel. Ein Käuzchen schreit aus der Höhe der Baumkronen und das Laub und die feinen, abgebrochenen Zweige, rascheln unter ihren Wanderschuhen.
Vor ihnen, weiter vorn, lehnt ein Mann an einem Baum. Eine blasse, schmächtige Gestalt mit tiefliegenden Augen. Er trägt einen gelben Jogginganzug. In Unruhe und mit Herzklopfen, blicken sie abwechselnd auf den Boden und auf den jungen Mann. Als sie das nächste Mal den Blick heben, sehen sie wie auf seiner Stirn, oberhalb der Nasenwurzel ein rötlich dunkler Punkt erscheint. Noch während sie hinsehen, sinkt der Mann am Baumstamm nach unten, und aus dem Punkt ist eine rote Blume entkeimt, aus der sich ein dünner, roter Faden die Nase hinabschlängelt.
Der Mann begreift sofort was geschehen ist. Seine Sinne schärfen sich augenblicklich und sein Wissen und der primitivste Lebensinstinkt seiner Gattung, lassen ihn sofort handeln. Er fasst den Arm der Frau und zieht sie nach rechts, ins Gebüsch. Mit einer Hand nimmt er das Handy aus der Tasche, mit der anderen zerrt er hektisch die Karte aus der Seitentasche seiner Lederweste heraus. Dann wählt er die 117. Hält das Handy direkt an den Mund.
»Hallo«, flüstert er, »wir sind im Wald Bois des Morts, haben die Markierung 7/12 passiert. Vor uns liegt ein toter Mann. Erschossen. … Nein, wir sehen und hören nichts«. Er dreht den Kopf hin und her … »Bitte, kommen sie schnell«.
Aber etwas hört er doch. Steine die leise aneinander klicken und dann ein leises Rascheln, ein Knacken im Geäst. Von daher; und das Käuzchen schreit wieder.
Die Ambulanz fährt schnell, still und ohne Licht die gewundene Straße entlang. Es ist 6:06 als sie langsam wieder wegfährt.
Die Putzfrau kommt nach 7 Uhr. Als der Krankenwagen mit heulender Sirene vorfährt ist es 7:48.
Der Notruf, bei der Polizei, geht kurz vor acht Uhr ein. Um 8:09 kommt der erste Polizeiwagen. Danach weitere. Auf der Kiesauffahrt zum Haus und die gewundene Straße entlang, stehen die Polizeifahrzeuge. Die Beamten sperren die gebogene Straße unterhalb und oberhalb des Hauses ab. Bis 8:25 Uhr sind ungefähr 15 Polizisten im Einsatz. Um 8:38 ist die Straße, mit Polizeiband, in beiden Richtungen gesperrt. Die Einbiegenden werden kontrolliert. Müssen sich ausweisen.
Der Kommissar ist übermüdet, als er vor Haus Nummer 19 eintrifft. Er hat schlecht geschlafen, nicht gefrühstückt und hat das Haus verlassen ohne sich von seiner Frau zu verabschieden. Sie haben gestritten. Heute kommt ihm keiner dumm, sonst geht’s rund. Dass die Person die in diesem Haus wohnt, landesweit bekannt ist, trägt auch nicht zur Steigerung seiner Laune bei. Wenn er Pech hat, gibt es Probleme. Er geht durch die offene Tür und durch die Diele in das Wohnzimmer.
»Grüezi allerseits«.
Er fummelt an seinem obersten Hemdknopf, fragt: »Wer hat ihn gefunden«.
Markus, sein junger Mitarbeiter, der dritte der am Tatort eingetroffen ist, sagt:
»Seine Putzfrau. Sie hat auch den Notruf abgesetzt«.
Der Kommissar fährt sich mit der Hand über das Gesicht: »Wo ist sie jetzt«?
»Drüben, in der Küche«.
»Habt ihr mit ihr gesprochen«?
»Nur ganz kurz, sie steht unter Schock. Sie hat ihn übrigens schon identifiziert. Ansonsten sagt sie nur immer wieder: Ich habe geschrien. Geschrien«!
»Hat er eine Fische«?
»Natürlich. Werdegang, Freunde, Bankkonten, Reisen…
»Wohnt er hier alleine«?
»Er lebt in Konkubinat. Mit seiner Lebensgefährtin. Annabell Vibier. Soll erst vor kurzem von einer Weltreise zurück sein. Hat aber das Wochenende woanders verbracht. Er selbst war gestern noch am Leben. Hat geschäftliche und private Gespräche geführt«.
»Gut, was haben wir konkret«?
»Die Putzfrau hat um 7 Uhr die Vordertür aufgeschlossen. Hat die Alarmanlage ausgeschaltet. Ist dann zuerst in die Küche, hat ihre Sachen abgelegt. Hat sich einen Kaffee rausgelassen und in Ruhe getrunken. Hat aus der Abstellkammer, gleich daneben, Staubsauger, Putzlappen und Eimer geholt. Will ins Wohnzimmer um die Terrassentür aufzumachen. Sie sieht die Treppe nach oben, als sie daran vorbeigeht, und blickt direkt in seine toten Augen«.
Er zeigt nach oben und fährt fort:
»Das Haus war abgeschlossen. Die Fenster sind alle zu. Die Alarmanlage war eingeschaltet. Es gibt keine Einbruchspuren. Alles ist an seinem Platz. Nichts fehlt«.
»Habt ihr Befragungen gemacht«?
»Jep. Das Haus liegt ungünstig. Direkt in der Biege. Es können nur zwei, oder drei, die angrenzen, Beobachtungen machen. Niemand hat etwas gesehen oder gehört, bis auf einen alten Mann am Anfang der Straße. Er will einen Krankenwagen gesehen haben«.
Der Kommissar dreht sich um, sieht ihm an:
»Was für einen Krankenwagen«?
»Am frühen Morgen. Noch bevor unserer ankam«.
Der Kommissar blickt ihn verständnislos an.
Der Assistent räuspert sich, schmunzelt, sagt:
»Die Putzfrau hat die Ambulanz und die Polizei angerufen. Der Alte meint, dass vor diesem Krankenwagen schon ein anderer da war. Etwa eine Stunde früher. Schnell rauf, langsam runter. Keine Sirene«.
»Wer hat den Krankenwagen bestellt«?
»Das weiß keiner. Wir haben alle befragt. Niemand weiß wo der Wagen gehalten hat. Der Alte wohnt vor der Straßenbiege, so dass er nicht sagen kann wo der Wagen Halt gemacht hat. Er ist allerdings ungefähr eine Stunde später wieder weggefahren«.
Der Kommissar zupft an den Einweghandschuhen die an seinen feuchten Fingern kleben, bückt sich und kneift die Augen zusammen:
»Was ist das«? Er fasst mit beiden Händen je eine Ecke und hebt die Blätter auf, die auf einen schmalen Tisch, am Fuße der Treppe liegen. »Was steht da«?
»Seine beiden Abschiedsbriefe, an Frau und Lebensgefährtin«.
»Ich denke so einer simst nur, und jetzt schreibt der zwei altmodische Briefe? Was steht drin«?
Sein Assistent schnaubt, dann sagt er mit unverkennbarer Ironie: »Er will niemandem zur Last fallen«.
Der Kommissar runzelt die Stirn und sein Blick erfasst den toten Mann. Ein Meter weiter hinten, liegt die Leiche, ordentlich, auf dem Boden. In Rückenlage. Der Gerichtsmediziner Mehlstein kniet daneben. Das weiße Haar, fällt ihm wellig auf die Stirn. Das pockennarbige Gesicht ist hochkonzentriert. Der Kommissar blickt etwas mitleidig auf ihn herab:
»Können sie schon etwas sagen. Gibt es Fragezeichen«?
In seinem dunklen Bass, mit seinem kühlen medizinischen Berichtston, sagt er:
»Seine Temperatur ist nur leicht gefallen. Todeszeitpunkt also, vor ungefähr drei Stunden. Maximal drei und ein halb«.
Nach kurzer Überlegung, fügt er hinzu: »Könnten auch vier sein. Die Klimaanlage ist aus. Die Wärme hat sich angestaut. Kann ich also nicht mit Bestimmtheit sagen. Nun wie auch immer«, er wedelt die Ungewissheit mit der Hand fort:
»Die Strangmarke ist sehr ausgeprägt. Da, sehen sie«, er deutet auf die braun-ledrige Vertrocknung an der Haut des Halses, »Und hier, eine deutliche Abrinnspur von Nasensekret«.
Er nimmt den Kopf in beide Hände und bewegt ihn sacht hin und her.
»Das allerdings ist ungewöhnlich«.
»Was ist ungewöhnlich«?
»Er hat einen Bruch der Halswirbel. Bei einem Selbstmord unüblich«.
»Üblich nicht üblich. Wir haben zwei Abschiedsbriefe«.
Mehlstein zuckt die Achseln, sagt:
»Dann muss er in die Schlinge hineingefallen sein. Ich habe keine Hinweise auf Gewalteinwirkung oder Fremdeinwirkung«.
»Also Selbstmord«? fragt der Assistent.
»Selbstmord«, sagt der Kommissar und nickt bekräftigend.
Mehlstein steht auf, sagt:
»Kommt er in die Gerichtsmedizin«?
»Wahrscheinlich nicht«, sagt der Kommissar.
»Gut, dann bin ich jetzt weg, wir sehen uns im Bois des Morts. Dort liegen drei Tote. Erschossen«.
Das Festnetztelefon klingelt zum wiederholten Male. Bis jetzt hat das keiner beachtet. Kaum dass es aufgehört hat, ertönt ein Lied zur Gitarre. Unwillkürlich sind alle kurz zusammengezuckt.
»Was ist das denn«? fragt der Kommissar empört.
»Springsteen«!
»Was«?
»Bruce Springsteen mit „Working On a Dream”. Obama Lied im Wahlkampf 2008«.
»Sein Natel« sagt der Spurensicherer, klopft dem Kommissar auf die Schulter und geht nach draußen.
»Verdammt aber auch« der Kommissar drückt die Handballen gegen die geschlossenen Augenlieder. Heute ist eindeutig nicht sein Tag.
»Wen informieren wir jetzt«? fragt der Assistent, »er lebt mit seiner Konkubine und hat eine geschiedene Frau und drei Kinder«.
»Da muss man vorsichtig sein, da wird der Bundesrat auch etwas wissen wollen« er sieht sich prüfend um.
»Geht noch einmal alles von oben bis unten durch. Dann schaut euch die Terrasse und den Garten an«. Er geht zu den großen Terrassentüren und deutet auf einen Anbau der am Haus angrenzt:
»Schaut euch auch das an«.
Auf der ausladenden, obersten Terrassentreppe, stehen zwei Paletten gebrannter Ziegel.
»Baut er um«?
»Oben, wird in einem der Zimmer eine Wand eingezogen«.
»Gut, ich sehe mich auch noch einmal um. Dann muss ich weiter«.
Es ist Vorsicht geboten. Der Tote ist kein Bürger der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Er ist deutscher Staatsangehöriger, ohne Schweizer Bürgerrecht, aber er bekleidet eine hohe Position in der Wirtschaft und ist landesweit bekannt.
Um 9:39 fährt die Staatsanwältin vor. Die Presse trifft ein. Drei Fahrzeuge parken am Ende der Straße, mit vier Fotografen und drei Reportern. Sie sprechen mit den aufgeschreckten Nachbarn die sich in ihren Gärten zu schaffen machen. Was ist passiert? War es ein Einbruch? Gibt es Verletzte? Er oder sie? Ratlos und besorgt zucken diese mit den Schultern.
Der Kommissar ist flink durch sämtliche Räume gegangen, hat das Gras, die Büsche und Bäume an der Grundstücksbegrenzung und die Kübel mit Kräutern auf der Außentreppe, genau geprüft, und nirgends frische Spuren, geknickte Äste oder verrückte Töpfe entdeckt. Er bespricht sich mit der Staatsanwältin. Die Staatsanwältin informiert sofort Bundesrätin Marie LeCler. Die Bundesrätin bleibt kryptisch, spricht von Ursachenbündelung. Schwieriges Arbeitsklima. Familiäre Separation. Uneinigkeiten überall. Gründe kann es viele haben. Wer kann schon in die Seele eines Menschen blicken. Oberstes Gebot: Ruhe bewahren. Das Aufsehen auf ein Minimum reduzieren. Beschwichtigen wenn nötig!
»Gut«! sagt die Staatsanwältin zum Kommissar, »wenn die Presse das Brennglas anlegt, bedeckt halten. Die offizielle Version lautet vorbehaltlich, erst einmal, Selbstmord«.
Man einigt sich darauf vorgängig, die geschiedene Ehefrau zu informieren. Im Haus selbst klingeln noch immer alle Telefone.
Die Staatsanwältin informiert als nächstes Lüscher, den Präsidenten der Swissphon: Sein CEO, Christian Saumer, ist in den frühen Morgenstunden, freiwillig aus dem Leben geschieden. Wie aus dem Abschiedsbrief zu entnehmen, aus privaten Gründen. Lüscher schweigt einen Augenblick, dann sagt er:
»Der Laptop! Es spricht in diesem Falle doch nichts dagegen wenn ich den abholen lasse. Darauf befinden sich äußerst sensible Firmendaten«.
»Nein, da spricht im Moment nichts dagegen, aber die Versiegelung sollte vorerst, maximal zwei tagelang, nicht gebrochen werden«, antwortet die Staatsanwältin, sieht sich nach Markus, dem Assistenten um und macht eine Wickelbewegung aus dem Handgelenk Richtung Laptop.
»In circa einer Stunde wird er abgeholt«. Lüscher bedankt sich und legt auf.
Der Kommissar, im Gehen begriffen, blickt zu seinem Assistenten und hebt die Brauen.
»Tocken gesichert«, sagt dieser und klebt ein dünnes weiß-rotes Bändchen über den Verschluss.
Der Kommissar verlässt das Haus und fährt zum Bois des Morts, wo die Spurensicherung abgeschlossen worden ist. Auch die Staatsanwältin verlässt das Haus.
Lüscher, der Präsident der Swissphon, beruft die Geschäftsmitglieder zu einer außerordentlichen Besprechung ein. Uhrzeit: 11:30. Es besteht Anwesenheitspflicht. Gleichzeitig ruft er persönlich die Verwaltungsratsmitglieder an, die nicht im Hause sind. Videokonferenz. Zuschaltung Pflicht. Als Letztes geht er hinüber zu Schütti. Unverzüglich, auf der Stelle, ist der geschiedenen Ehefrau Saumers, persönlicher Beistand und monetäre Großzügigkeit anzubieten. In allen Lebenslagen, zu allen Fragen, über alle Kosten. In zehn Minuten. Er wird als erster mit ihr sprechen.
»Wieso, was ist geschehen«?
»Saumer ist tot. Selbstmord«.
Der Kommissar, auf dem Weg zum Bois des Morts, bekommt eine SMS. Eine Weiterleitung aus dem Justizministerium zur Polizeidirektion, und vom Polizeidirektor an seinen direkten Vorgesetzten. Der Text lautet: „Bois des Morts: Tatort sichern. Keine weiteren Aktivitäten. Anderer Zuständigkeitsbereich.“ Wundert ihn und wundert ihn nicht. Ihm soll es recht sein. Er wird dann eben nur Präsenz zeigen. Sollen sich die „Zuständigen“ doch kümmern!
Für die in ihren Gärten eifrig werkelnden Nachbarn, ereignet sich das suspekteste Ereignis, als um elf Uhr der Leichenwagen und um elf Uhr fünfundzwanzig ein Leichnam aus dem Haus heraustransportiert wird. Nun ist jedem Anwohner klar: in Haus Nummer 19 hat es einen tödlichen Unfall gegeben oder es ist ein Verbrechen geschehen!
Kurz nach 12 Uhr wird die Straßensperre aufgehoben und die wartenden Reporter, werden offiziell informiert.
Zwei Sekunden später laufen die ersten Newsticker. Eine Stunde später geht die Nachricht um die Welt. Auf fünf Kontinenten bringen die Nachrichtenagenturen die Meldung. Die Redaktionen laufen heiß. Aus Rücksicht auf die Familie, werden keine näheren Angaben zu der Art wie Saumer aus dem Leben geschieden ist, gemacht. Nur so viel: er hat die Trennung von seiner Familie nicht verkraftet. Klassischer Fall eines Burnout Syndroms, sagen andere. Viele sagen: Lüscher hat ihn aus dem Unternehmen und in den Tod getrieben. Eines sagen alle: es war Selbstmord.
Kurz vor 12 Uhr, senden die in allen Swissphon Betrieben und Räumen, angebrachten Lautsprecher, das schwermütige Adagio in g minor, von Tomaso Albinoni. Traurig, hoch und lent, klagt die Violine, untermahlt vom Generalbass der Orgel, als auf allen Monitoren der Swissphon, eine per Intranet verschickte Meldung aufpoppt. Auf schwarzem Grund, steht in weißer Schrift, dass der Präsident, der Verwaltungsrat, die Mitglieder der Geschäftsleitung, mit Bedauern und in tiefer Trauer bekannt geben, dass der CEO, Christian Saumer, aus dem Leben geschieden ist.
Die Blicke aller Mitarbeiter sind auf die Monitore gerichtet. Die weiße Schrift auf schwarzem Grund leuchtet in den Eingangshallen auf, rollt mit quälender Langsamkeit auf den Informationsbänder oberhalb der Türen, in den Think Tanks, in der Kantine, in den Call Centern, in den Besprechungsräumen. Zwanzigtausend Menschen legen die Arbeit nieder. Der Betrieb steht vollkommen still. Die Gesichter sind zunächst ungläubig. Einige lachen kurz auf, andere flüstern sich Fragen zu. Dann werden sie ernst. Dann wird es sehr still. Dann werden die Augen feucht und es fliesen die Tränen. Frauen seufzen, liegen sich in den Armen, schluchzen, wehklagen. Wie? Was ist geschehen?
Lüscher reagiert schnell: ab 15 Uhr ist eine interne Hotline der Seelsorge, für sie aktiviert. Die Art des Ausscheidens wird weiterhin euphemistisch umschrieben, bis einige die Newsticker aufrufen.
Am Haupteingang, rechts und links der Tür, brennen zwei ewige Feuer. Hinter den Fackeln, auf einem Tableau, auf gerüschtem, schwarzem Samt: der breit lächelnde Saumer. Darunter, seine Lebensdaten.
Um 15.04 Uhr, versiegeln Beamte die Terrassentür von Nummer 19, dann die Haustür. Annabell Vibier wird von einem Beamten telefonisch davon in Kenntnis gesetzt, dass sie „bis auf Weiteres“ zu Haus Nummer 19 keinen Zutritt hat.
Im Wald Bois des Morts, stellt der Kommissar Fragen, kratzt sich am Kopf, balanciert auf den Fußballen, befragt oberflächlich zwei Pilger die den ersten Mord gemeldet haben, und am zweiten Tatort, ein altes Ehepaar das einen Krankenwagen gesehen hat.
»Schnell oder langsam«?
»Sehr schnell«.
Dann eine ganze Gruppe Wanderer die den dritten Toten gemeldet haben. Diese haben sehr vieles gesehen. Auch einen Krankenwagen? Nein. Ja. Nein. Doch! Die Sonne hat sich im Spiegel verfangen. Ist durch das Geäst immer wieder aufgeblitzt. Deshalb ist er ihnen aufgefallen.
»Schnell oder langsam«?
»War sehr langsam«.
Der Kommissar seufzt und nickt befriedigt. Er schlendert noch ein bisschen umher und stellt fest, dass alle drei Personen einen Rucksack bei sich hatten. Spärlich bestückt. Zwei dunkle Hosen, zwei Hemden, Unterwäsche, Windjacke, Toilettenartikel, Ferngläser bester Qualität und Kameras.
»Waren wohl auf dem Weg« sagt er beiläufig. Bekommt keine Antwort. Tja, auch gut! Jedenfalls ist es mittlerweile drei Uhr. Zeit für heute Schluss zu machen! „Die Zuständigen“ sind an allen drei Tatorten gleichzeitig am Werkeln, und können sicher auf ihn verzichten. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag!
Die Stadt Saint-Germain-en-Laye, im Westen von Paris gelegen, hat eine bewegte Geschichte und entsteht als Sühne gegen ein Verbrechen. Einer Marterung, begangen an Saint Léger, aus der Familie der Saint Erembes. Er wird des Verrats beschuldigt, gerädert und gevierteilt, und auf der blanken Erde der Verwesung preisgegeben. An diesem unseligen Ort seines Martyriums, wo seine Seele gen Himmel gefahren ist, wird ihm später, ein bescheidener Totenschrein errichtet. Darum herum werden im Laufe der Zeit, kleine unscheinbare Hütten erbaut. Ein armseliges Dorf entsteht. Dann, 1020, errichtet König Robert II., an der Stelle der heutigen Kirche von Saint-Germain, ein Kloster, um für sein Jagdglück das er in den umliegenden Wäldern hatte, Dankbarkeit zu zeigen.
1124, befiehlt König Ludwig VI den Bau einer königlichen Residenz. Zu Beginn des Hundertjährigen Krieges, ist das Schloss zerstört, wird aber von König Karl V wieder aufgebaut. Heute steht aus jener Zeit nur noch die Kapelle. Die Kapelle, die an der Stelle errichtet worden ist, an der Saint Léger gemeuchelt wurde. Sie überlebt jeden Krieg und jede Verwüstung. Auch der Verfall hält sich hier merkwürdigerweise in Grenzen. Heinrich II, Karl IX, Heinrich IV, Ludwig XIII, Ludwig XIV werden hier geboren. Ludwig XIV unterzeichnet hier Friedensverträge, feiert Hochzeiten, weicht aus, wenn Paris ihm Überdruss bereitet. Er überlässt das Schloss seinem Cousin Jakob II von England als dieser ins Exil muss, und seine Tochter Marie-Louise Stuart wird hier geboren. Nach Jakobs Tod schenkt der König es seinem Bruder, dem Grafen von Artois. Später wird das Schloss zum Museum. Während der Revolution Gefängnis, dann Krankenhaus, dann eine Kavallerieschule, dann Kaserne, dann Militärgefängnis.
Nach dem Ersten Weltkrieg wird hier der Vertrag von Saint-Germain geschlossen, der das Ende der Donaumonarchie besiegelt. Österreich muss auf den Anschluss an das Deutsche Reich verzichten, und verliert große Teile seines Gebiets an Ungarn, der Tschechoslowakei, Polen und Jugoslawien. Während des Zweiten Weltkriegs ist die Stadt das Hauptquartier der deutschen Armee. Danach, 1951, wird in Saint-Germain-en-Laye das Hauptquartier der NATO eingerichtet, und zu guter Letzt erbaut diese sich das Lycée International.
1973, bringt der fünfundvierzigjährige, deutsche Elektroingenieur, Joachim Saumer, mit Fachrichtung Nachrichtentechnik, beschäftigt bei der NATO, seine Familie in dieses Städtchen, das nur 22 Kilometer von Paris entfernt ist. Sein Sohn, Christian Saumer, ist noch keine zehn Jahre alt.
Das Lycée International, im Westen von Saint-Germain-en-Laye, liegt auf dem ehemaligen Schlosspark des Château d’Hennemont. Das Schloss, erbaut von einem Pharmazeuten, erworben von einem Maharadscha, der darin rauschende Feste feierte, dann von den Deutschen als Administrationsgebäude bestimmt und genutzt, ist von ausgedehntem Wald umgeben. Die ehemaligen Empfangsräume und das Amphitheater des Schlosses, sind in die Schule integriert worden. Zum Lycée gehört auch ein Kindergarten.
Das Lycée International hat kein Internat.
Trotz des alten Schlosses das es sich einverleibt hat, hat das Lycée International eine kurze Geschichte. Das NATO Hauptquartier „SHAPE“ (Supreme Headquarters of the Allied Powers in Europe), das hier seinen Sitz hatte, brauchte für die Kinder der 1500 Offiziere und Unteroffiziere, die nur einen Steinwurf entfernt, in der Siedlung Hennemont lebten, eine Schule, die dem internationalen Kreis der hier tätigen, gerecht werden konnte. Ausgestattet mit einem Mitspracherecht bei der Lehrer- und Professorenauswahl – eine Notwendigkeit um die Unbedenklichkeitsprüfung vorzunehmen – gründete die NATO im Jahre 1962, offiziell, das Lycée International. Das Lycée umfasst im Jahre 1973, die Abteilungen: Deutsch, Niederländisch, Britisch, Amerikanisch, Dänisch, Italienisch, Schwedisch und Portugiesisch. Die Fächer: Sprache und Literatur, sowie Geschichte und Geographie, werden jeweils sechs Stunden, in der jeweiligen Muttersprache unterrichtet. Die Lehrer für diese Fächer kommen aus dem jeweiligen Herkunftsland des Muttersprachlers. Ansonsten ist die Verkehrssprache Französisch.
Der kleine, blonde Junge, mit dem brav gescheitelten und akkurat nach links gekämmten Haar, sitzt ernst und besorgt im Fond des Fahrzeugs. Sein Herz rast vor Angst aber auch vor Entzücken. Bang ist ihm zumute, obwohl sein Vater neben ihm sitzt.
Die Fahrt ist kurz. Der Wagen hält an. Der Vater steigt aus und öffnet die schwere, halbgepanzerte Beifahrertür des Wagens. Der kleine Junge steigt ebenfalls aus und sieht hoch zu seinem Vater. Der Vater legt die Hand auf seine Schulter und drückt kräftig zu.
»Bewähr dich, mein Sohn« sagt er.
»Ja, Vater«.
Vor ihm erhebt sich die hohe einschüchternde, rote Fassade des Schlosses. Die Ornamentik ist mit weißem Backstein abgesetzt. Davor, an zwei Seiten, erhebt sich eine hohe schützende Glasscheibe. Das breite schmiedeeiserne Tor mit Goldornamentik, steht offen.
Eilig, strebt der Junge dem großen Tor zu. Um seine knochigen Knie, schlackern die kurzen, dunkelblauen Hosen um die schlaksigen Beine. Kinder laufen auf dem Schulhof umher. Er hört ihre Stimmen. Die unterschiedlichen Sprachen. Einen Sprachfluss aus dem er keine einzige Silbe verstehen kann. Er hört das Klappern der Schuhe auf dem Weg. Sie rempeln ihn an und ganz unversehens bekommt er einen Ellenbogen in die Rippen gerammt, stolpert und geht zu Boden.
»He«! sagt er.
»Was«, kommt die rasche, etwas barsche Antwort, »was ist«?
Ein Junge, so groß wie er selbst, steht vor ihm. Ihre Blicke treffen sich. Er blickt dem Jungen fest in die Augen bis sie beide den Blick senken.
»Neu hier«? fragt der Junge und reicht ihm die Hand um ihm aufzuhelfen.
Er rappelt sich schnell auf, klopft sich ab.
»Ja«, sagt er.
»Wo kommst du her«? fragt der Junge.
»Aus Frankfurt«.
»Hmm, ich auch. Welche Klasse«?
»Vier D«.
»Da hinten, siehst du die Reihe, wo der Dicke das Schild hochhält«? Er zeigt mit dem Finger und wartet einen Moment ab, bis der Junge die Reihe erblickt hat, dann geht er davon.
Er strebt in die gewiesene Richtung. Er bemerkt kleine Grüppchen die sich in einem Halbkreis zu formieren beginnen. Weiter links sieht er das Schild mit der Vier D. Er stellt sich dazu und blickt nach vorne. Drei Reihen vor sich, steht der Junge der ihn angerempelt hat. Der Junge dreht sich um, bemerkt ihn und zwängt sich, rüde, zu ihm durch.
»Wie heißt du«?
»Christian«.
»Ich bin der Gebhardt. Gi«! Dann mit einem breiten Grinsen »hast du verstanden Si«?
Zuerst versteht er gar nichts. Si? Was soll das sein. C!
Er grinst zurück. Ja, er hat verstanden! Die Klingel schrillt und sie verstummen und stehen stramm. Vor jeder Klasse, wendet sich je ein Lehrer, in der Muttersprache der Kinder, an sie.
Sie werden willkommen geheißen. Der Deutschlehrer, ist untersetzt und kahlköpfig. Ohne Umschweife beginnt er zu sprechen:
»Unser Schuljahr beginnt heute, am 15-ten September und wird Anfang Juli enden. Für uns gilt die französische Ferienordnung der Zone Paris-Versailles. Der Unterricht wird sich von Montag bis Freitag erstrecken, über den ganzen Tag, von 8:00 bis 17:00 Uhr. Um 12 Uhr gibt es eine einstündige Mittagspause. Der Mittwochnachmittag ist frei.
Ein verhaltener Jubel, Lachen, Flüstern und Füßescharren, weht durch die Reihen.
Der Lehrer hebt die Hand.
»Silentium«, sagt er. »Im Französischunterricht ist die Zusammensetzung der Klasse international. Ist das soweit klar«?
»Jawohl« erschallt es im Chor.
»Dann folgt mir«.
Die Zweierreihen bilden sich automatisch und die Schüler folgen dem Lehrer über den Hof, zum Haupteingang, einen langen Korridor entlang, zweigen dann in einen anderen ab, steigen eine Treppe hoch, und strömen in einen Raum an der Stirnseite des Gebäudes.
Gi und Si teilen sich ein Pult. Den dritten am Fenster. Dafür sorgen sie beide. Nach Willkommensgruß, dem Aushändigen der Bücher, dem Auspacken von Stiften, gehen sie alle gemeinsam, den Korridor entlang. Zuerst zeigt man ihnen die Toiletten dann geht es ins Erdgeschoß. Der Speisesaal den sie durch eine hohe, dunkle Doppeltür betreten, ist hoch und gewölbt, im oberen Viertel mit dunklen, überkreuzten Holzbalken abgesetzt. Wie in einem Rittersaal, ruht der Holzteil auf mächtigen, quadratischen Steinblöcken. Das Wappen, die Säbel, die Rüstung in der Ecke, die langen blankpolierten, hölzernen Tische und Bänke, und der Kamin an der Stirnseite, unterhalb des Wappens, machen einen mächtigen Eindruck auf sie.
Die Residenz d’Hennemont wurde in den fünfziger Jahren erbaut und beherbergt die Wohnungen der NATO Offiziere. Die langgestreckten Gebäude sind zwei bis dreistöckig und enthalten 263 Wohnungen. Es ist eine unansehnliche Siedlung aus Betonfertigteilen. Aufgestellt in Rekordzeit. Der Zuschnitt der Appartements entspricht dem amerikanischen Stil. Sie sind großzügig geschnitten, haben mehrere Bäder und einen Balkon. Kein Marmor, kein Stuck, wie in den alten französischen Palais. Schlicht und einfach. Amerikanisch. Kalt und reizlos. Aber das Esszimmer hat eine offene Durchreiche zur Küche und einen runden breiten Bogen zum Wohnzimmer. Das Rosenholzparket hat ein Schachbrettmuster. Die Residenzen grenzen im Osten an den Schlosspark des Lycée International, und sind im Süden und Westen von Wald umgeben. Die Kinder der NATO Angehörigen nutzen einen schmalen Fußpfad um zum Lycée zu gelangen. Hierdurch begleitet Christian seine Schwester Laura. Clelia, die kleinste, wird von seiner Mutter, später, auf dem gleichen Weg in den Kindergarten gebracht. Gebhardt kommt jeden Morgen mit einer kleinen Verspätung und schert sich nicht um die Blicke und Anmahnungen des Lehrers. Was kann man ihm schon tun? Nichts! Denn sie alle, sind dabei Grenzen auszuloten. Strecken und dehnen den eigenen Raum immer weiter. Sie stählern sich in Unbezwingbarkeit, eifern den Vätern nach, diesen abwesenden Helden mit undurchsichtiger Tätigkeit. Der unbedingte Wille zu gewinnen, Widrigkeiten zu überwinden, zu den Ersten zu gehören. Es schaffen. Immer und alles. Das ist ihr Mantra.
In Frankreich hat Ludwig der XIV, der Sonnenkönig, der Stolze und Hochmütige, und gleichzeitig der, der nie eine Gefühlsregung zeigte, ein anderes Gewicht als in einer deutschen Geschichtsstunde. Für die Welt repräsentiert er den absolutistischen Feudalismus. Für Frankreich ist er derjenige, der zu einer Zeit als Zollschranken die einzelnen Provinzen voneinander trennen und Paris in einem schwarzen, schlammigen, stinkenden Morast versinkt, der Meilen vor der Stadt dem Reisenden den Atem raubt, und Cour des Miracles das Zentrum der Verbrecher ist, sich der Gesamtproblematik des Landes annimmt, und selbst zu regieren beginnt. SELBST! Die Minister und Steuereintreiber verschwenden das Geld des Staates. Die Hälfte der Landbevölkerung verhungert, ernährt sich von Gras und Eicheln. Er, der erste Diktator, bemächtigt sich der Steuern, der Finanzen, der Innen- und Außenpolitik, des Militärs, ist der höchste Geheimnisträger und Baumeister. Der begnadete Tänzer, der bei einem Ball mit einem goldenen Strahlenkranz um sein Haupt erscheint, und hierdurch als der Sonnenkönig in die Geschichte eingeht, das Arbeitstier, der Unermüdliche, über dessen Schreibtisch jedes Papier wandert das eine Entscheidung erfordert, weiß alles, und entscheidet immer erst wenn alle Informationen zum Thema vorhanden sind. Während der großen Hungersnot, senkt er die Steuern um die Wirtschaft anzukurbeln, und nimmt als erster einen Lastenausgleich vor, indem er erfolgreiche Provinzen dazu zwingt, den weniger erfolgreichen finanziell beizustehen. Er sammelt die Bettler ein und gibt ihnen Arbeit, indem er Wege ausbaut, Festungen und Befestigungen anlegt die ein ganzes Jahrhundert standhalten, und das kleine, unscheinbare Versailler Schloss zu dem macht was es heute ist. Glas, Gobelin, Tuch, Tapisserien, erfüllen höchste Ansprüche und werden über neu gebaute Straßen und Häfen in alle Welt exportiert. Die außergewöhnlichen Werke französischer Handwerkskunst erobern die Welt. Haben ihresgleichen nirgends sonst. Ganz Europa blickt nach Frankreich. Übernimmt Lebensart, Mode, Gesprächsführung, Ideen, Galanterie und Manieren des französischen Hofes. Dem Volk geht es besser, die Sümpfe werden trockengelegt, das Volk hat mehr Licht, mehr Luft, ist weiniger Krank und glaubt an die Zukunft. Handlaternen erhellen die Pariser Straßen, und ermöglichen es den Damen, am Abend, die Oper oder eine Soiree zu besuchen. Das Polizeiwesen ist ausgebaut. Die Kriminalität wird eingedämmt. Er gründet die Comédie-Francaise, die Akademie der Wissenschaften und der Musik. Molières, La Fontaine, Racine, La Rochefoucauld, zu seiner Zeit, und sehr große Weitere danach, sind von seinen Jahrzehnten geprägt. Die Tuileriengärten, Place Vendome, Invalidenhospital, die Tore Saint-Martin, Saint-Denis, die Salpetrie, der Pont-Royal, das Observatorium und die Champs Elysées gehen auf sein Konto. Er schafft die Inquisition ab. Er und der Staat sind ein und dasselbe. L'État, c'est moi!
Das Böse? Er verfolgt, als guter Katholik, genau wie seine Vorgänger, die Hugenotten. Treibt die, die er nicht ermordet, außer Landes. Gerüchte und Geheimnisse ranken sich um den Mann mit der eisernen Maske, den er 30 Jahre lang gefangen hält. Er hat nie Mitleid gezeigt und war nie wirklich ein guter Mensch. Nach seiner Auffassung hat ein König keine Schwächen zu zeigen. Gefühle machen einen schwach. Als er stirbt beträgt die Staatsschuld drei Milliarden! Die Zensur ist eingeführt.
Und trotzdem ist er ein großer Geist und ein aufrechter Charakter. Er nimmt den Misserfolg seines letzten Krieges auf sich, obwohl er nicht die geringste Ahnung hat, wie es dazu gekommen ist, dass er verloren ging.
Als im Louvre, in der Nähe der Gemächer des Kardinals Mazarin, ein starkes Feuer ausbricht, nimmt er diesen Brand zum Anlass um nach Saint-Germain-en-Laye auszuweichen. Der Adel, den er an sich gebunden hat, folgt ihm. Die Stadtpalais die sie sich errichten, säumen bis heute die Straßen der Stadt. Er verfügt über eine ausgeprägte Libido, hat ungezählte Affären und über die Zeit hinweg, drei offizielle Mätressen: Madame de La Vallière, Madame de Montespan, und Madame de Maintenon, die er nach dem Tode der Königin ehelicht, und der er dann in christlichem Glauben treu bleibt.
Als er im Versailler Schloss stirbt, begleitet den nach Paris zurückkehrenden Leichnam, ein lachender, grölender Mob, der Posen reißt und Schmähungen brüllt.
Warum beide, Gi und Si, in dieser Geschichtsstunde besondere Aufmerksamkeit aufbringen, können sie nicht sagen. Aber die Begriffe: Aufrecht, keine Blöße, Charakterstärke, Information, alles selbst machen, alles können, bleiben ihnen.
Es ist die Geschichtsstunde die sein Charisma, seine Kontrollsucht, seine Ich-Sucht erzeugt. Seine Antriebskraft hin zum Erschaffen kanalisiert.
Kurz nach Weihnachten besichtigen sie in einer Französischstunde das Schloss Monte Christo das sich Dumas, als die Tantiemen reichlich flossen, gebaut hat, und das er später, von Geldmangel gebeutelt, nicht imstande für die Kosten aufzukommen, wieder verloren hat. Das Schloss liegt in der Innenstadt, auf einer kleinen Insel, in einem Park, umgeben von alten Bäumen, Grotten und Wasserläufen. Hinten, gegenüber dem Schloss liegt ein weiteres, das kleinere Château d'If, in dem sich im Erdgeschoß, sein Arbeitskabinett befindet. An der Außenmauer sind auf Gipsplatten, seine Werke aufgeführt. Links, zwischen Treppenaufgang und Mauer, hat er seinem treuen und geliebten Hund, ein kleines Denkmal errichtet. In Stein gehauen, klebt die Hundehütte samt Hund zwischen Wand und Treppe. Der Hund, den Kopf, brav, zwischen den Pfoten, bewacht auf immerfort, das Reich seines Herren. Cave Canem, „Hüte dich vor dem Hund!“ steht auf der Stirnseite der Hüte.
Aber sie sind nicht nur wegen der Besichtigung des Schlosses hier. Sie haben noch etwas anderes vor. Sie wollen ein Bündnis schließen und es mit ihrem Blut besiegeln.
Kurz bevor die Anlage schließt, verstecken sie sich unter den nördlichen Bögen der gewölbten Untermauerung. Verborgen in ihrem Versteck, harren sie aus. Ihre Klassenkameraden sind schon seit einer Weile gegangen. Sie sehen die Lichter erlöschen, hören die sich entfernenden Schritte der Angestellten und letztendlich hören sie die Schließanlage klappern. Langsam kommen sie aus ihrem Versteck. Gehen beherzten Schrittes durch die Grotten, zittrig von der Kälte, um den Springbrunnen, nach vorne zum Kabinett, an dessen Aufgang der treue Hund seine steinerne Hütte hat. Da, legen sie die Hände auf die Hundeschnauze und schließen ihren Geheimpakt.
Wenn sie ein Treffen vereinbaren wollen, ist die Parole „Dienstag um 17 Uhr“. Was dann bedeutet, am nächsten Tag um 18 Uhr, an dem Ort an dem sich der befindet der anruft. Warum Dienstag? Weil sich am Dienstag ihre Mütter zum Bridge treffen. Führen die Tradition fort. Die Tradition die die englischen Ehefrauen mitgebracht haben, und die Fuß gefasst hat. Eine Tradition über die sie nur lachen können.
Wenn sie eine wichtige, geheime Mitteilung füreinander haben die Top Secret ist, ist die Parole „Arthur“. Denn Arthur ist der Petzer der Schule. Wenn sie in Gefahr sind, wenn es um Leben und Tod geht, ist die Parole „Speck“. Denn keiner von Ihnen würde jemals freiwillig ein Stück Speck essen. Gebhardt ritzt mit einem kleinen Taschenmesser seinen Handballen, dann tut es ihm Christian gleich. Sie legen die Handballen aneinander, drücken kräftig zu, reiben die Hand kräftig aneinander und schwören sich ewige Treue. EWIGE TREUE!
Und wo, wenn nicht dort wo die Geschichten der Musketiere und ihre Heldentaten ersonnen wurden, sollte ein solcher Pakt Ewigkeitscharakter und absolute Gültigkeit erhalten. In übermütiger Ausgelassenheit, rennen sie zu dem hohen schmiedeeisernen Zaun. SI GI schreien sie in die Nacht. Aus einem verschneiten Haselnussstrauch, brechen sie sich je einen kurzen, dünnen, blattlosen Ast. Hüpfend, fuchteln sie damit durch die Luft, vertreiben böse Geister und die leise Angst. Am Zaun angekommen ist es ihnen ein Leichtes darüber zu klettern und auf den erleuchteten Gehweg zu springen. Unter ihren Stiefeln knirscht der Schnee, die glücklichen Gesichter sind von der Kälte gerötet, der geritzte Handballen klebt an der Wolle des Handschuhs. Die Zehen in den wattierten Stiefeln und die Fingerspitzen sind taub vor Kälte, aber sie schreien ihre Unbesiegbarkeit in die Nacht. SI GI und die Stöcke ratschen über den Zaun. SIGI! Ratsch, ratsch. SIGI!
Im Lycée, wenn der Schulgong ertönt und die Pause einleitet, formieren sie sich schon auf dem Korridor zu einer Einheit. Sie sind Krieger. Der Schotte Arthur Kilgarc, der Engländer George Gradis, der Spanier Francesco Linea werden auf ihrem Hügel belagert. Der Franzose Gerard Favre, der Amerikaner John Harper, Si und Gi leiten die Offensive. Sie stürmen den Hügel. Arthur ist meistens der Kundschafter. So kann man ihn gefangen nehmen und foltern. Foltern bis er alles preisgegen hat, was er seit der letzten Gefangennahme gepetzt hat. Gebhardt ist ein guter Kämpfer. Stark, schnell und geschickt. Er stellt es unter Beweis wenn er sich mit drei oder vier anderen anlegt, und sie alle mit gezielten Schlägen vom Platz fegt. Christian ist ein guter Vermittler und Schlichter. Manchmal werden sie besiegt. Es geschieht selten, aber wenn es geschieht, muss verhandelt werden.
Die blutigen Nasen, Kratzer, blauen Flecken und zerschrammten Knie und Ellenbogen und die unvermeidlichen Tränen des einen oder anderen, ruft die Lehraufsicht auf den Plan. Sie werden beide gerügt. Mehrmals. Am Ende des Trimesters steht in der Rubrik Betragen: Insubordination! Was ist denn das? Und in der Rubrik Charakter: unbeugsam und geradlinig.
Die Jahre der Unbeschwertheit fliegen dahin auch wenn sie ihnen erst zähflüssig, und manchmal im langweiligen Unterricht, lang vorkommen.
Es ist Hochsommer und es sind die letzten Ferien. In der Oberstufe haben sie sich für eine mathematisch- naturwissenschaftliche Ausrichtung entscheiden. Sie haben die Prüfungen abgelegt, und das Baccalauréat général S mit Bestnoten bestanden. Im Herbst werden sie auf die Universität gehen. Sie sind zu jungen gutaussehenden, wortgewandten Männern herangewachsen. Durchtrainiert und abenteuerlustig. Gewissenlos, mit gröblich-herbem männlichem Charme, erobern sie unschuldige Herzen und wechseln ihre Partnerinnen alle zwei Wochen.
Zu viert brechen sie im Morgengrauen in die ersehnten Ferien auf. Auf dem Motorrad. Christian mit Victorine. Gebhardt mit Valerie. Von Paris Richtung Lyon und weiter in den Süden Frankreichs.
Es ist ein schwüler Sommerabend und sie liegen auf einer kleinen Lichtung, in einem kleinen Wald, auf einer kleinen Anhöhe oberhalb von Menton. Der alte, große Ghettoblaster wummert den hohen Schallpegel auf die Lichtung und der Bass der Boomboxen erschüttert die Erde. Sie fühlen den Bass über den Boden, in die Zehenspitzen kriechen. Sie hören nicht nur, sie spüren! Träge kreist die Weinflasche, im Takt brechen sie das Baguette, schneiden Tomaten und Paprika, Wurst und Käse. Unvergleichlich ist ihr Glück, im Licht des Südens, mit dem kräftig pulsierenden Blut in den Adern, dem Geruch der Erde und der zertretenen Feldblumen. Auf dieser Wiese gibt es keine Sterblichkeit. Und die Liebe? Das faire l'amour? Ein Erlebnis von unvergleichlichen Wert. Mit allen Sinnen und Poren, spüren sie dabei, das Gras wachsen. Sie spüren es mit den Härchen der Beine und Brust. Mit dem Flaum auf dem Gesicht, und dem Haar auf dem Kopf.
Das Band geschichtlich belasteter Orte, dehnt sich weiter. Die Wirtschafts- und Handelsuniversität Paris-Dauphine, 1968 gegründet, hat zwei getrennte Universitätsgelände. Der Porte Dauphine Campus ist im 16. Arrondissement, im ehemaligen NATO-Palast, in der Nähe der berühmten Avenue Foch und dem Bois de Boulogne. Der zweite Campus, ist der La Défense Campus. Angesiedelt in der Nähe des französischen Geheimdienstes.
Im Porte Dauphine Campus befindet sich die Administration im Erdgeschoß, hinter hohen Glaswänden, offen zum Entree hin. Hier erfolgt die Immatrikulation. Er füllt den Studienantrag für Betriebswirtschaft aus, und legt zwei Passfotos bei. Eins für die Unterlagen und eins für den Studentenausweis den er dann in der Mensa vorzeigen kann, um in den Genuss des preisreduzierten Essens zu kommen, und die hauseigene Bibliothek nutzen zu dürfen.
Als nächstes muss er eine Kursauswahl treffen. Erfahrene Studenten raten ihm, sich bei so vielen Kursen wie möglich einzutragen. Zurücktreten kann er später. Hinzunehmen nicht. Alles wird restlos ausgebucht sein. Zusammen mit anderen steigt er dann die Treppen rauf und runter. Die Kurse für LSO (Licence Sciences des Organisations) hängen auf der dritten Etage, für MSO (Master Sciences des Organisations) auf der vierten und für MIDO (Mathématiques et Informatique de la Décision et des Organisations) auf der fünften Etage. Er trifft seine Auswahl, nimmt Informatik erst einmal hinzu. Ein Schauer durchfährt ihm und ein kurzer Schwindel erfasst ihn, als er das Kästchen mit einem dicken Kreuz versieht. Er schüttelt den Kopf und geht in die Grätsche, atmet einmal tief durch, dann geht er etwas langsamer, nach unten und lässt sich alles in der Administration bestätigen. Noch immer ein bisschen benommen, was sehr merkwürdig ist, muss er noch einmal auf jeder Etage, beim jeweiligen Bereich, den Kurs fest belegen und bestätigen lassen. Für die ganze Prozedur braucht er sechs Wochen. Die Bereiche müssten besetzt sein, sind es aber nicht. Der Schweiß perlt auf seiner Stirn, während er hingefläzt auf einem Stuhl, auf die Rückkehr des Bereichssekretärs wartet. Jeden Tag auf einer anderen Etage. Die Mattigkeit, geschuldet der Hitze des Hochsommers, macht seinen Körper träge und die Gedanken lau. Er hat es nicht eilig. Er hat noch ein ganzes Leben Zeit. Er steht erst am Anfang.
Zwischendurch, wenn der Hunger an ihm nagt, geht er in eine der zwei Cafeterien. Trinkt Automatensuppe und wässrigen Kakao. Isst Nougatriegel und gesalzene Nüsse. Die große Mensa im Erdgeschoß ist geschlossen. Träge, schlendert er umher. Im Untergeschoss hat es eine große Sport- und Fitnessanlage. Er blickt durch die Milchglasscheiben in den gut ausgestatteten Raum, und ist mit dem was er sieht zufrieden. Später, während des Studienjahrs wird er hier trainieren.
Und dann ist er endlich eingeschrieben, hat alle Unterlagen und kann anfangen. Auch hier herrscht Internationalität. Einige Schüler des Lycée International erkennt er wieder. Andere nicht. Plötzlich steht Arthur neben ihm. Es ist eine Weile her, dass er das letzte Mal Prügel bezogen hat. Mittlerweile sind sie beste Freunde.
Die Vorlesungssäle sind meistens klein. Als einstige NATO-Büros sind sie nüchtern, zuweilen sogar bedrückend. Weiß-grelles Neonlicht trifft auf nackte Betonwände. Die Fenster in den unteren Etagen, haben einen milchigen Sichtschutz der die Sonne aussperrt. Die Einrichtung ist prosaisch. Die quadratischen Tische sind aus hellem Holz, die Stühle unbequem.
Ihrem Stundenplan gemäß, stehen sie auf der ersten Etage vor Raum 21, bis Gebhardt den Korridor entlangschlittert.
»Hoch mit euch. Wir müssen in die dritte Etage«!
»Wer sagt das«?
»Der Stundenplan den sie uns ausgehändigt haben taugt nur für die Vorlesung. Die Räume die dort angegeben sind, sind alle falsch«.
»Wer sagt das«?
»Der Aushang«.
Er geht bis zur Stirnseite des Korridors und zeigt auf eine ganze Reihe von Aushängen. Davor eine Traube Studenten.
»Was stimmt denn jetzt«, fragt Arthur.
»Der Aushang« sagen die älteren Semester. »Der Aushang«. Und sie täten gut daran jeden Morgen einen Blick darauf zu werfen, wenn sie ihre Vorlesung wirklich besuchen wollen.
»Merdre«!
Jeden Morgen, und nicht nur morgens, das gleiche Spiel. Die Aushänge auf den Gängen, und im Erdgeschoß, sind zu allen Zeiten belagert. Alle suchen nach Raum und Uhrzeit. Das müssen sie organisieren. Nach jeder Stunde prüft ein anderer wo und wann. Manche Seminare werden kurzfristig gestrichen. Aber was solls? C'est la vie francaise! Und es ist schön!
Die ausgefallenen Vorlesungen verbringen sie im Bois de Boulogne. Sie liegen im Gras und schauen in den Himmel. Sie schäkern mit den Mädchen und balzen herum. Das Leben ist ein einziges Fest. Sie sind von einer verträumten Nüchternheit, sie sind schnoddrig, kurz angebunden und gleichzeitig sentimental empfindlich. Seinen Platz im Gefüge der Welt hat noch keiner von ihnen gefunden.
Die Vorlesungen die stattfinden, sind dreistündig. Dazwischen eine kurze Pause. Es besteht Anwesenheitspflicht! Wer mehr als zweimal fehlt, wird nicht mehr bewertet. Da heißt es: sputen! Präsent sein! Bei den Informatikstunden ist er sogar omnipräsent.
Nach den Vorlesungen ist er, wie viele andere im Trainingsraum. Abends, auf dem Fahrrad, im warmen Licht der Straßenbeleuchtung, saust er über das alte, graue Kopfsteinpflaster. Er liebt das spätabendliche Rasseln der Rollläden, die Schlösser die hurtig durch die Bügel gezogen werden und ihr Einschnappen. Das Signal dass die kleinen Tabakläden, Boulangerien und Charcuterien den Arbeitstag beendet haben und schließen. Er liebt die Pariser Cafés in denen der Zigarettenrauch wabert. Die Mädchen und die französischen Frauen bei denen einem die Scham das Gesicht rötet, wenn sie einen ansehen. Wissend ansehen.
Es ist der vorletzte Vorlesungstag des Semesters und er ist spät dran. Als er vor seinem Vorlesungsraum steht, sieht er gleich oberhalb der Klinke den Zettel. An der Tür, klebt ein DIN-A4 Blatt.
Die Vorlesung fällt heute aus.
Der Dozent: Pierre-Louis Lions
Der Mathematiker, Pierre-Louis Lions, der den Anwendungsbereich nichtlinearer partieller Differentialgleichungen, auf nichtlinearer entartete elliptische partielle Differentialgleichungen zweiter Ordnung, erweitert hat. Ein Gott. Heute aber krank. Nichts zu machen! Er eilt in den Telefonraum, denn keiner ist da. Der Raum ist angefüllt mit Hochpulten auf denen kleine Geräte stehen. Das Minitel. Das Wunder! Die PTT stellt jedem Telefonanschlussbesitzer, der dies möchte, ein kleines quadratisches Gerät zur Verfügung das an die Telefonbuchse angeklemmt wird. Klappt man das Quadrat auf, kommen ein kleiner Bildschirm und eine Tastatur zum Vorschein, die einem ermöglicht Text über die gewöhnliche Telefonleitung zu versenden. Der Text den der eine auf seiner Tastatur eingibt, wird auf den Bildschirm dessen übertragen, dessen Rufnummer angewählt worden ist. Das Minitel ist ein rudimentärer Vorläufer der heutigen E-Mail. Das System hat einen durchschlagenden Erfolg. In aller kürzester Zeit steht in jedem Haushalt ein Minitel. Plötzlich sind das Vereinbaren von Rendezvous und der Austausch zärtlicher Worte auch im Beisein des Gatten – oder Gattin - möglich. Als am 30. Juni 2012 das letzte Gerät vom Netz genommen wird, gibt es französische Gazetten die mit nostalgisch, wehmütiger Stimme die Schlagzeile "3615 ne répond plus" (3615 antwortet nicht mehr) mit Trauerflor umranden.
Er wählt die Einwahlnummer 3615 für die Minitel-Nutzung und dann den Anschluss von Gebhardt.
»Was ist mit dir«? schreibt er.
