Tod im Allgäu - Gunter Lennert - E-Book
Beschreibung

Ein alter Schulfreund des Augsburger Hauptkommissars Florian Stocker wird in Griechenland tot aufgefunden. Und auch im idyllischen Allgäu häufen sich die Leichen. Stocker und seine Katze Kassandra stehen vor einem Rätsel. Zweifelsohne besteht eine Verbindung zwischen den Taten – doch wo liegt das Motiv? Als schließlich ein zwielichtiger Großindustrieller vor der Kulisse von Schloss Neuschwanstein ermordet wird, überschlagen sich die Ereignisse.

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Seitenzahl:387

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Gunther Lennert, geboren in München und im »Nebenberuf« beratender Ingenieur in der freien Wirtschaft, hat erst jenseits der fünfzig die Lust am Schreiben entdeckt. Inspiriert von seinem eigenen Haustier schuf er die Figur des introvertierten Augsburger Kommissars Florian Stocker, der nicht nur mit seiner Katze kommuniziert, sondern durchaus auch autobiografische Züge trägt. So teilt der Kommissar mit dem Autor die Liebe zum Allgäu, wohin auch die Spur der Verbrechen führt.

Die Inhalte dieses Buches sind eine Verschmelzung von Realität und Fiktion. Ähnlichkeiten zu den agierenden Personen sind rein zufällig, aber auch nicht ausgeschlossen. Die Ereignisse sind konstruiert, aber jederzeit möglich.Im Anhang findet sich ein Glossar.

© 2017 Emons Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv: derProjektor/photocase.de

Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch

Lektorat: Susanne Bartel

eBook-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-96041-222-9

Originalausgabe

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Jeder ist käuflich,maßgeblich ist nur der Preis.

frei nach Sir Robert Walpole (1676–1745)

Personen

Florian Stocker – Polizeihauptkommissar, Kommissariat K1, Mord, Sexualdelikte, Brand und Erpressung, Polizeipräsidium Schwaben Nord

Kassandra – Stockers Katze

Johann Göttler – Gerichtsmediziner und Stockers Freund

Ina Schatz – Polizeikommissarin, Assistentin von Stocker

Jens Meier – Polizeikommissar, Assistent von Stocker

Erwin Wörner – Polizeirat, Kommissariat K1, Stockers Vorgesetzter

Detlef Horn – Staatsanwalt

Marco Cavalcone – Besitzer des »Restaurante Poccini« und Freund Stockers

Wolfgang Götzke – Bordellbesitzer, Spitzname: der Rammler

Melina – griechische Journalistin

Hajri Elizaj – albanischer Geschäftsmann und Freund Stockers

Baron von Sperling – CEO der AGeKon

Dr. Robert Leitz – Justiziar der AGeKon

Jannis Papadopoulos – griechischer Polizeioffizier

Vasílis Makris – Maschinenmeister der AGeKon in Griechenland

Siggi Römer – Journalistin und Bekannte Stockers

Am Anfang steht der Tod

Allgemein wird der Tod als das Ende irdischer Angelegenheiten gesehen. Doch ist es irrig, dies zu generalisieren. In Ausnahmen bedeutet er den Anfang einer Entwicklung, in deren Verlauf Dinge offenbart werden, die weitaus schlimmer sind als der Tod.

Als Vasílis Makris an diesem Sonntagvormittag seine Unterkunft zum zweiten Mal verließ, stand die Sonne bereits hoch über den Olivenbäumen. Die Landschaft und das Meer lagen ruhig vor ihm, und am Horizont konnte er die Küstenlinie der Insel Euböa erahnen. Schwitzend bewegte er seine einhundertvierzig Kilo den schmalen Pfad hinunter in Richtung Kläranlage. Als Maschinenmeister der Fabrik war er auch für diesen Teil der Anlage verantwortlich. Seine Katze lief mit trippelnden Schritten voraus.

Ihr plötzliches Fauchen riss Makris aus seinen Gedanken. Irritiert sah er auf sie hinunter. Mit gesträubtem Fell stand sie am Rand des zweiten Klärbeckens. Sie hatte die Lefzen zurückgezogen und starrte auf den teilweise von gelbbraunen Schaumblasen bedeckten Wasserspiegel, über den sich ein kleiner dreieckiger Kopf bewegte. Die gelben Augen der Wasserschlange starrten ausdruckslos auf die Neuankömmlinge. Ein weiterer Schlangenkopf tauchte auf und umrundete ein schwarzes Etwas, das in dem schmutzigen Wasser trieb. Vasílis Makris schirmte seine Augen mit der linken Hand gegen das grelle Sonnenlicht ab, um besser sehen zu können.

Das, was er sah, ließ ihn zusammenfahren. Er machte einen Schritt auf den flachen Beckenrand zu, hielt dann jedoch mitten in der Bewegung inne. Eine der Wasserschlangen schwamm direkt auf ihn zu.

Er wusste, wie giftig diese circa sechzig Zentimeter langen Biester waren, und gab seine ursprüngliche Absicht, in das Becken zu steigen, schnell auf.

Stattdessen wandte er sich um und lief, so schnell sein Körperumfang es ihm erlaubte, in Richtung Kompressorenhaus. Dort riss er den Reinigungsrechen aus der Wandhalterung und hastete keuchend wieder zurück zum Beckenrand. Erst beim dritten Versuch, indem er die Stange am hinteren Ende fasste, gelang es ihm, das im Wasser treibende Etwas mit dem circa acht Meter langen Rechen zu erreichen und diesen zügig einzuholen. Mit einer kleinen Bugwelle kam das Bündel auf ihn zu und strandete im seichten Wasser des Beckenrandes.

Makris beugte sich vor, griff danach und zog es auf den Weg, der entlang der drei Klärbecken verlief, um sich dann weiter unterhalb im hohen Gras zu verlieren.

Ungläubig blickte der Grieche auf den Körper, der mit dem Gesicht nach unten vor ihm lag. Er packte dessen rechte Schulter und drehte ihn auf den Rücken. Zwei weit aufgerissene Augen starrten ihn leblos an.

Lothar Sallinger war tot.

Kassandra

Die kleine graue Katze lag auf dem Fensterbrett des Büros im Polizeipräsidium Schwaben Nord. Lediglich ihre Augen bewegten sich, als sie der Sekretärin nachsah, die Florian Stocker gerade die Post auf den Schreibtisch gelegt hatte und nun das Zimmer wieder verließ.

Stockers Blick ging kurz zum Fenster, und er musste unweigerlich lächeln, als er auf die kleine Katze fiel. Sie war das erste Wesen, das er nach seiner Scheidung vor mehr als zehn Jahren an sich herangelassen hatte. Kassandra hatte ihn sich damals regelrecht ausgesucht. Nach einer Woche Urlaub in Italien war er auf dem Rückweg bei einem Unwetter im Allgäu hängen geblieben.

Gezwungenermaßen musste er die Nacht in der Scheune eines Bauernhofes im Auto verbringen. Als er vom ersten Vogelgezwitscher, das durch das offene Fahrerfenster drang, erwachte, lag eine kleine grauhaarige Kugel auf seinem Schoß. Erst auf den zweiten Blick waren die beiden Ohrspitzen und das leichte Heben und Senken eines atmenden Wesens zu bemerken. Vorsichtig streckte Stocker die Hand aus, um dieses Etwas zu berühren. Ein leichtes Vibrieren ging durch den Körper, bevor er sich langsam und genüsslich streckte. Das Köpfchen drehte sich zu ihm, blinzelte gähnend und begann, mit der rosa Zunge seine Hand abzuschlecken.

Später frühstückte Stocker auf dem Ferienhof und mietete ein gerade frei gewordenes Zimmer. Das Kätzchen wich nicht mehr von seiner Seite.

Als er zwei Tage später nach Hause aufbrach, sah er sich nochmals nach der kleinen Katze um. Doch vergeblich, sie war wie vom Erdboden verschwunden.

Zu Hause in Augsburg holte er seine beiden Taschen vom Rücksitz seines Wagens und fuhr mit dem Lift in seine Penthousewohnung in der Maximilianstraße.

Die Sonne schien durch die hohen Terrassenfenster und tauchte alles in einen goldenen Schimmer. Stocker stellte eine Tasche gleich ins Bad vor die Waschmaschine und trug die andere ins Schlafzimmer. Danach ging er in die Küche, um die Kaffeemaschine anzustellen. Als er kurz darauf ins Schlafzimmer zurückkam, traute er seinen Augen nicht. Auf seinem Bett lag die graue Fellkugel und schlief friedlich.

Damals hatte er noch nicht geahnt, was ihm dieses kleine Etwas noch an Überraschungen bereiten würde, die ihn an seinem Verstand zweifeln ließen und selbst nach einem Jahr noch ab und an den Anflug einer Paranoia hervorriefen.

»Was Neues?«, fragte die Katze.

Da war sie wieder, die kurze Panik, wenn er ihre Stimme hörte. Doch sie verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Er hatte inzwischen gelernt, mit dieser Fähigkeit zu leben. Auch sein bester Freund Johann Göttler und seine Assistentin Ina Schatz lebten mit dem Wissen über diese für sie kaum wahrzunehmenden Kommunikation, zweifelnd, aber ohne ihn dies allzu stark spüren zu lassen. Im Kommissariat hatte man die Katze anfangs verwundert zur Kenntnis genommen, aber schließlich als eine von Stockers Marotten abgetan.

»Kassandra, woher soll ich das wissen, wenn ich die Briefe noch nicht gelesen habe«, erwiderte er.

Er begann, den Papierstapel zu sichten. Er enthielt Aktennotizen, Rundschreiben, Laborberichte und Mitteilungen der Staatsanwaltschaft. Zuletzt kam ein an ihn persönlich adressierter verknitterter Umschlag ohne Briefmarke zum Vorschein. Sein Name war fahrig mit Kugelschreiber direkt auf den Umschlag geschrieben worden. Stocker drehte den Brief nach allen Seiten und tastete dessen Kanten ab, stieß jedoch auf keine Auffälligkeiten. Schließlich nahm er den Brieföffner und schlitzte das Kuvert auf. Das Blatt, das er herauszog, war ähnlich verknittert wie der Umschlag, der kurze Text wohl hastig hingeworfen.

Hallo, Florian!

Ich schreibe dir diesen Brief im vollen Besitz meiner geistigen Kräfte. Er wird dir persönlich von einer Person meines Vertrauens zugestellt, da inzwischen vermutlich jedwede Postsendung und auch die elektronischen Medien überwacht und kontrolliert werden. Durch Zufall habe ich Kenntnis von Dingen erlangt, die mit meiner Firma zusammenhängen und so ungeheuerlich sind, dass ich Details nicht zu nennen wage, um den Überbringer dieses Briefes nicht zusätzlich zu gefährden. Bitte setze dich unter einem Pseudonym mit mir in Verbindung, um einen sicheren Weg der Kommunikation zu vereinbaren.

Dein Lothar

Livanates, Griechenland

Hauptkommissar Stocker ließ den Brief auf seine Schreibtischplatte sinken. Mit zusammengekniffenen Augen blickte er in Richtung der gegenüberliegenden Wand, ohne sie wahrzunehmen.

Lothar Sallinger. Sie waren zusammen zur Schule gegangen. Er, Florian Stocker, Lothar Sallinger, Johann Göttler und Hannes Nadler waren in ihrer Jugend unzertrennlich gewesen.

Lothar Sallinger hatte als Erster das Quartett verlassen, später hatte er irgendwo im Ausland einen Job angenommen.

Sein letztes Lebenszeichen war aus Griechenland gekommen. Stocker hatte ihn vor einigen Jahren dort besucht und die Gelegenheit genutzt, um sich die bekannten Metéora-Klöster anzusehen. Er war nach Athen geflogen und von dort aus mit einem Mietwagen weiter nach Norden gefahren. In Livanates Beach nahm er sich dann ein Hotelzimmer direkt am Strand und rief am nächsten Morgen seinen Freund an. Abends wurde in der Taverne des sogenannten »Einäugigen« das Wiedersehen mit Fisch, Wein und Ouzo gefeiert. Erst als Vasílis Makris zufällig dazustieß, lief die Sache aus dem Ruder. Makris, ein Bulle von einem Kerl, konnte Unmengen an Ouzo vertragen. In jungen Jahren war er Schiffsingenieur gewesen und hatte die halbe Welt bereist, jetzt hauste er zusammen mit seiner Katze in einem der Bungalows unweit der Fabrik, für die er und Sallinger arbeiteten. Der Unterschied zu Sallinger hätte gar nicht größer sein können: Lothar stets in Schale geworfen und trotz seiner deutschen Herkunft mit griechisch-römischem Profil, Makris dagegen stets schmuddelig, in abgerissenen Klamotten und mit einem enormen Wanst, der zwischen Hosenbund und T-Shirt ins Freie quoll und einen Nabel präsentierte, ähnlich dem von einer Neunzig-Pfund-Bombe verursachten Krater. Trotzdem war eine Art Seelenverwandtschaft zwischen den beiden zu spüren gewesen, ein stilles Einvernehmen und Vertrauen.

Stocker blieb noch einen Tag, da der Restalkohol am Morgen selbst für griechisches Rechtsempfinden für eine Weiterfahrt eindeutig zu hoch gewesen war.

Gegen Mittag ging er zum Strand, um sich zwischen Seetang, Plastikflaschen und blauen Müllbeuteln einen Weg ins Wasser zu suchen. Das Meer war schon recht kühl und hatte eine ernüchternde Wirkung auf ihn.

Nachmittags führte Sallinger ihn durch die Getränkefabrik. In Plastikflaschen wurden Bergwasser und Erfrischungsgetränke in den unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen abgefüllt.

»Ein ganz gutes Geschäft. Trotzdem habe ich bis heute nicht verstanden, warum die die Fabrik gekauft haben. Bei den Deckungsbeiträgen dürfte es ungefähr zehn Jahre dauern, bis die Investition wieder erwirtschaftet ist«, hatte Sallinger damals angemerkt.

»Wer sind die?«, wollte Stocker wissen.

»Ach so, entschuldige. Der Konzern sitzt in Deutschland, mit mehreren Quellen im Allgäu und der Zentrale in Augsburg. ›Allgäuer Mineralwasser‹. Müsstest du eigentlich kennen.«

»Und was, glaubst du, steckt dahinter?«

»Hinter was?«

»Hinter dem Kauf.«

»Keine Ahnung«, erwiderte Sallinger und massierte sich dabei seine Nase, so wie schon damals in der Schule, wenn er die Unwahrheit gesagt hatte.

Stocker ließ die Sache auf sich beruhen.

Beim Abschied hatte er sich erkundigt: »Wie lange willst du das hier eigentlich noch machen?«

»Nächstes Jahr komme ich zurück nach Deutschland. Ich soll dann einen der Mineralwasserbetriebe im Allgäu leiten«, war die Antwort gewesen.

Stocker betrachtete noch einmal den Brief, und ein ungutes Gefühl beschlich ihn. Spontan suchte er Sallingers Eintrag auf seinem Handy und wählte die gespeicherte Nummer. Es dauerte lange, ehe sich eine Stimme meldete.

»Kalimera.«

»Kalimera. May I talk to Mister Sallinger?«, sagte Stocker.

»Who is this?«, kam es zurück.

»Florian Stocker.«

»Oh, Mister Stocker, here is Vasílis Makris. Mister Lothar is dead. I would like to …« Dann brach die Verbindung ab.

Stocker wählte erneut, aber es ging nur die Mailbox ran.

Lothar ist tot? Aber warum geht Makris an sein Telefon?, ging es Stocker durch den Kopf. Er nahm das Schreiben wieder zur Hand und las nochmals die eilig hingekritzelten Zeilen. Dann stand er mit einem Ruck auf, zog sein Sakko von der Stuhllehne und stopfte den Brief in dessen Innentasche.

Kassandra hatte sich bereits erhoben und wartete auf dem Fensterbrett.

»Wir fahren zum Leichenfledderer. Ich muss mit jemandem reden.«

Die Katze sprang zu Boden. »Tut mir leid um deinen Freund«, schnurrte sie.

Stocker sah sie irritiert an. »Mir auch«, antwortete er, »und hör auf, meine Gedanken zu lesen.«

»Du weißt genau, dass ich das nicht kann. Damit aufhören, meine ich«, maunzte sie zurück.

Stocker öffnete die Bürotür und ließ Kassandra vorbei. Seine Sekretärin unterbrach ihr Telefongespräch, legte die Hand auf den Hörer und sah ihn fragend an.

»Bin beim Leichenschnipsler«, sagte er und war schon an ihr vorbei.

Der alte, unter Denkmalschutz stehende Backsteinbau hinter dem Strafjustizzentrum war einst Artilleriedepot gewesen und diente heute als Heimat der Gerichtsmedizin. Stocker stellte seinen Dienstwagen auf den Besucherparkplatz und stieg aus, gefolgt von Kassandra.

Göttlers Assistent kam die Treppe vom Untergeschoss herauf.

»Hallo, Schenk«, grüßte ihn Stocker.

»Hallo, Commissario. Wollen Sie zum Chef?«

Die meisten, die dienstlich mit Stocker zu tun hatten, nannten ihn hinter vorgehaltener Hand seiner Vorliebe für Italien wegen nur »Commissario«. Doch die wenigsten trauten sich auch, ihn so anzusprechen.

Ohne die Antwort abzuwarten, drückte Schenk Stocker einige Berichte in die Hand. »Nehmen S’ ihm das gleich mit, dann kann ich mir den Weg sparen. Zurzeit haben wir nämlich Hochkonjunktur. Jetzt schicken uns die Kemptner auch noch ihr Gammelfleisch. Bald hab ich keine freien Kühlfächer mehr.« Er machte kehrt und stieg wieder ins Reich der Toten hinab.

In krassem Gegensatz zu dem alten Backsteinbau von 1870 war Göttlers Büro hypermodern eingerichtet. Ein riesiger Schreibtisch aus Chrom und Glas dominierte den Raum. In den schwarzen Regalen dahinter wechselten sich Fachbücher mit diversen Kunstobjekten ab, die der Gerichtsmediziner von seinen zahlreichen Auslandsreisen mitgebracht hatte.

Göttler selbst war auch im Sitzen eine stattliche Erscheinung. Sein dunkles Haar war straff nach hinten gegelt. Der leichte Bauchansatz wurde von einem blütenweißen T-Shirt kaschiert, das er über der Hose trug. Das Sakko eines dunklen Einreihers hing über der Stuhllehne.

»Commissario, wie geht es dir? Und mein kleines Wollmäuschen ist auch dabei. Komm her, Kassandra, ich habe etwas für dich.« Er stellte seine Kaffeetasse auf die Seite und goss etwas Sahne aus einem silbernen Kännchen in die Untertasse.

Sofort sprang die Katze auf den Schreibtisch, rieb sich kurz an Göttlers Hand und begann dann, die weiße Flüssigkeit zu schlabbern.

»Sahne! Du hörst wohl nicht auf, bevor sie deine Figur hat«, sagte Stocker, während er sich in den Besucherstuhl fallen ließ.

Kassandra sah kurz auf und warf ihm einen bösen Blick zu.

»Gib dir keine Mühe, Florian, ich lass mir den Tag von dir nicht versauen«, erwiderte Göttler.

»Ich glaube doch.« Wortlos schob Stocker ihm den zerknitterten Brief über den Schreibtisch.

Göttler senkte den Kopf und sah sein Gegenüber über die Lesebrille hinweg kurz an. Dann richtete er seinen Blick auf das Schreiben.

Als er seinen Kopf hob, war seine Miene ernst und der Schalk in seinen Augen verschwunden. »Hast du schon versucht, ihn zu erreichen?«

»Natürlich. Der Maschinenmeister ist an Lothars Handy gegangen. Er faselte etwas von ›Mister Lothar is dead‹.«

»Und weiter?«

»Was weiter?«

»Was hat er sonst noch gesagt?«

Stocker stand auf. »Nichts, die Verbindung wurde unterbrochen. Aber weißt du, was seltsam ist? Der Brief kam nicht mit der Post, sondern wurde in den Briefkasten vom Präsidium geworfen.«

»Entschuldige bitte, aber langsam verkalkst du. Was ist daran seltsam? Hier steht doch eindeutig, dass dir der Brief überbracht werden sollte.« Göttler hielt ihm das Blatt Papier hin. »Jemand hat ihn in Lothars Auftrag in euren Briefkasten geworfen, um unerkannt zu bleiben.«

»Moment mal. Aber der Eingangsbereich des Präsidiums wird videoüberwacht. Niemand bleibt da anonym.«

»Vermutlich war das dem Überbringer nicht klar, oder er wollte sogar, dass du ihn auf diese Weise ausfindig machen kannst.«

»Aber selbst wenn jemand auf der Aufzeichnung zu sehen sein sollte, wird er sich wohl kaum seinen Namen auf die Stirn tätowiert haben.«

Göttler tippte sich an ebenjene. »Sag mal, bist du jetzt Kriminalhauptkommissar oder geistig behindert?«

Kassandra, die noch immer auf dem Schreibtisch saß, schielte zu Stocker hinüber. Ein Grinsen schien sich in dem kleinen Gesicht breitzumachen, doch Stocker bemerkte es nicht.

Göttler fuhr fort: »Wenn jemand den Brief bei euch eingeworfen hat, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass er ihn auch von Lothar persönlich bekommen hat. Ich hoffe, du kannst mir folgen?«

»Jetzt hör aber auf, mich wie einen Deppen zu behandeln«, fuhr Stocker ihn an.

Doch Göttler redete ungerührt weiter. »Also war dieser Jemand bei Lothar in Griechenland. Daraus wiederum lässt sich folgern, dass es sich um einen Kollegen aus seiner Company handelt.«

»Company«, äffte ihn Stocker nach. »Mensch, red deutsch mit mir. Aber vielleicht hast du recht.«

»Nicht nur vielleicht, sondern ganz sicher, weil das die einzig schlüssige Erklärung ist. Außerdem solltest du versuchen herauszufinden, ob tatsächlich ein Deutscher in Griechenland zu Tode gekommen ist, und wenn, ob es sich bei ihm definitiv um Lothar handelt. Das kann ja wohl nicht so schwer sein.«

»Sei mir nicht böse, aber ich weiß selbst, wie ich an solche Informationen herankomme. Dazu brauche ich keinen Leichenfledderer, der mir auf die Sprünge hilft. Komm, Kassandra, wir gehen. Dem Herrn hier fehlt es wie immer an Respekt gegenüber der Staatsmacht.« In der Tür drehte sich Stocker nochmals um. »Ich halte dich auf dem Laufenden.«

Luftpost

Zurück im Präsidium stellte Stocker den Wagen auf den hinteren Parkplatz und ging dann links um das Gebäude herum zum Haupteingang Ecke Gögginger und Schertlinstraße. Er blickte zu der Kamera hinauf, die sowohl den Vorplatz wie auch den Eingang mit Postkasten und Gegensprechanlage überwachte. Langsam näherte er sich dem Briefkasten. Das Kameraauge immer im Blick, simulierte er den Einwurf eines Briefes.

Der wachhabende Beamte am Empfang war auf ihn aufmerksam geworden und betrachtete ihn argwöhnisch durch die Glasfront. Hauptkommissar Stocker war bekannt für seine Extravaganzen, und auch an die ihn begleitende Katze hatte er sich mittlerweile gewöhnt, aber der Sinn des simulierten Briefeinwurfs erschloss sich dem Polizeiobermeister nicht.

»Probleme, Commissario?«, fragte der Beamte, als Stocker das Gebäude betrat.

»Kann man so sagen, ja, der Commissario hat ein Problem«, wobei er das Wort »Commissario« betonte.

Der Polizeiobermeister bekam einen roten Kopf und murmelte: »Entschuldigung.«

»Können Sie auf Ihrem PC die Kameraaufzeichnungen der letzten Nacht abspielen?«

»Natürlich. Aber wozu wollen Sie die sehen?«

Stocker blickte ihn an. »Weil die im Gegensatz zum Fernsehprogramm sicherlich spannender sind. Oder finden Sie den ›Musikantenstadl‹ besonders sehenswert?«

»Ich nicht«, der Beamte errötete, »aber meine Frau. Ich schau viel lieber Krimis.«

»Na prima, dann sehen wir uns doch gleich mal einen gemeinsam an.«

Der junge Beamte verstand gar nichts mehr und starrte Stocker mit weit aufgerissenen Augen an. »Herr Hauptkommissar, wir dürfen hier keine DVDs anschauen.«

»Oh Gott!« Stocker verdrehte die Augen. »Zum Mitschreiben: Ich brauche die Aufzeichnungen der Kamera dort von den letzten vierundzwanzig Stunden. Lässt sich das einrichten?«

»Jetzt gleich?«

Stocker war kurz davor, auszurasten. »Natürlich gleich. Übermorgen nützen sie mir nichts mehr.«

Der Beamte rutschte auf den Stuhl vor dem Bildschirm und klickte mit dem Cursor auf das Icon für die Überwachung. Wenige Sekunden später erschien das Bild der Eingangskamera auf dem Monitor. »Ab wie viel Uhr wollen Sie die Aufnahmen anschauen?«

»Wann wird der Postkasten geleert?«, fragte Stocker.

»Einmal am Vormittag, so gegen elf, wenn die Post da war, und dann noch mal gegen sechzehn Uhr dreißig, kurz vor Dienstschluss.«

»Okay, dann ab halb fünf.«

Der Polizeiobermeister klickte auf »Review« und gab die Uhrzeit ein. Die Aufzeichnung sprang um.

»Und jetzt bitte auf Schnelldurchlauf. Ich habe heute Abend nämlich noch etwas anderes vor.«

»Gehen wir ins ›Poccini‹?«, vernahm er Kassandra von unten.

Stocker blickte seine Katze an, die das Köpfchen schief hielt und ihn mit ihren gelben Augen fixierte, dann wandte er sich erneut dem Bildschirm zu.

Kassandra sprang auf den Schreibtisch, setzte sich neben den Flachbildschirm und starrte wie gebannt auf die durchlaufenden Bilder. »Halt!«, maunzte sie plötzlich.

Der Beamte hörte natürlich nur das Miauen, verstand nichts und reagierte somit auch nicht.

»Anhalten!«, rief Stocker. »Spulen Sie etwas zurück und lassen Sie die Aufnahmen langsamer laufen.«

Von links kam eine Gestalt ins Bild, die zielgerichtet auf den Briefkasten zuging und einen Umschlag einwarf.

»Noch mal zurück, und dann möchte ich jedes Bild einzeln sehen.«

Die unbekannte Person bewegte sich nun im Viertelsekundentakt. Als sie direkt vor dem Briefschlitz stand, war sie im Halbprofil zu sehen.

»Wie würden Sie die Person beschreiben?«, forderte Stocker seinen jungen Kollegen auf.

»Männlich. Schlank. Eher klein, maximal eins fünfundsechzig. Kurzes dunkles Haar, etwas schütter. Vermutlich ovales Gesicht. Schlanke Hände, würde ich sagen. Wirkt fast wie eine Frau.«

»Okay. Besser hätte ich es auch nicht gekonnt. Können Sie das Gesicht und das Kuvert noch etwas heranzoomen und mir dann einen Ausdruck machen?«

»Aber klar doch, Herr Hauptkommissar«, antwortete der junge Mann, offensichtlich von dem Lob beflügelt. Wenige Sekunden später fischte er zwei Kopien aus dem Drucker und überreichte sie Stocker.

Dieser drehte sich in der Tür nochmals um. »Sorgen Sie bitte dafür, dass diese Sequenz archiviert und nicht überschrieben wird. Und machen Sie mir eine Kopie. Danke.« Damit verließ er den Glaskasten und war auf dem Weg ins Büro.

Ina Schatz, Stockers Assistentin, stand mit einer Kaffeetasse in der Hand in der Tür zum Büro ihres Kollegen Meier.

»Komm schnell mit, ich brauche dich«, sagte Stocker und war schon an ihr vorbei. Im Allgemeinen pflegte Stocker seine Mitarbeiter beim Vornamen zu nennen, jedoch nicht zu duzen. Ina war die Ausnahme. »Mach die Tür zu«, sagte er in seinem Büro. »Es muss nicht jeder mitkriegen, zumindest vorerst nicht.«

Ina hatte kurze blonde Haare, Sommersprossen und eine zierliche, aber sportliche Figur. Sie sah ihn fragend an.

Wortlos hielt er ihr den zerknitterten Brief entgegen.

Mit der Tasse in der Rechten lehnte sie sich gegen die Wand und begann zu lesen. Als sie fertig war, gab sie Stocker den Brief zurück, setzte sich auf das Fensterbrett neben die Katze, zog einen Fuß nach oben, so wie sie es auch bei Besprechungen immer tat, und begann, Kassandra hinter den Ohren zu kraulen. »Wer ist dieser Lothar Sallinger?«

»Ein Schulfreund von Johann und mir. Er ist als technischer Leiter für diesen Augsburger oder Allgäuer Getränkekonzern seit drei Jahren in Griechenland.«

»AGeKon!«

»Wie bitte?« Stocker sah sie leicht irritiert an.

Ina lächelte. »Allgäuer Getränke…konzern.«

»Ach so, ja. Also, er hat für diesen Verein gearbeitet. Und ist offensichtlich auf etwas gestoßen, das ihn nach meinem jetzigen Kenntnisstand das Leben gekostet haben könnte.«

»Er ist tot? Das hast du mir nicht gesagt.«

»Entschuldige. Nachdem ich heute den Brief erhalten hatte, habe ich versucht, ihn auf seinem Handy zu erreichen. Sein Maschinenmeister war dran und sagte, Lothar sei tot. Ach ja, und hier ist ein Foto vom Überbringer des Briefes. Einwurf letzte Nacht um null Uhr dreiundzwanzig.«

»Glaubst du, dass Lothar Sallinger tatsächlich tot ist?«

»Ich gehe davon aus.«

»Okay. Was soll ich tun?«

»Setz dich mit der deutschen Botschaft in Athen in Verbindung und versuche herauszufinden, ob den Mitarbeitern eine Meldung über den Tod eines Deutschen vorliegt. Aber halte dich bedeckt. Und wegen unseres unbekannten Postboten: Besorge dir die Passagierlisten der letzten drei Tage von allen Maschinen, die von Athen oder Thessaloniki aus nach München gingen. Vielleicht haben wir Glück, und der Name eines Kollegen der AGeKon ist drauf zu finden.«

»Was soll ich Wörner sagen, wenn er rumschnüffelt?«, fragte Ina, während sie vom Fensterbrett rutschte.

»Zu dem gehe ich gleich. Nicht dass er mir noch dazwischenfunkt. Ina, danke.«

»Wofür?« Sie lächelte und zog die Tür hinter sich zu.

»Was denkst du, Großer?«, ließ sich Kassandra vernehmen und rieb ihr Köpfchen, nachdem sie mit einem Satz auf den Schreibtisch gesprungen war, jetzt an Stockers Hand.

»Das weißt du doch ganz genau, du scheinheilige Nuss.«

»Ach komm, nur weil ich ein bisschen Gedanken lesen kann. Und ich meine nicht das, was du eben über Inas süßen Hintern gedacht hast, sondern das, was den Tod deines Freundes betrifft.«

»Ganz einfach: Ich finde den Verantwortlichen.«

»Und dann?«

»Nagle ich ihn mit dem Arsch an die Wand. Komm, jetzt gehen wir zum Dicken.«

Wörner saß in seinem Sessel, oder besser: Er hing zwischen den beiden Armlehnen, denn es war nicht ersichtlich, ob sein Hinterteil überhaupt die Sitzfläche berührte, obgleich das Gesetz der Schwerkraft in Kombination mit seinen einhundertzwanzig Kilogramm eigentlich dafür sorgen müsste.

Der Kriminalrat war ein korpulenter Endfünfziger mit Halbglatze. Er selbst hatte, abgesehen vom Essen, nur ein Ziel vor Augen: unbeschadet seine Pensionierung zu erreichen. Demzufolge versuchte er alles, um keinen Staub aufzuwirbeln und niemandem auf die Füße zu treten – eine Einstellung, die diametral zu der von Florian Stocker stand.

»Stocker, was gibt’s? Wenn Sie freiwillig bei mir hereinschauen, ist es sicherlich etwas Unangenehmes.« Er sah seinen Hauptkommissar mit schief gelegtem Kopf und einem zugekniffenen Auge an.

»Ich weiß nicht, was für Sie unangenehm ist, Herr Polizeirat. Aber wahrscheinlich alles, womit wir irgendwo anecken können.«

»Ich bin nicht wie Sie finanziell unabhängig. Mein Vater hat mir kein Vermögen und kein Penthouse in der Maximilianstraße hinterlassen. Auch wenn ich mich wiederhole: Ich habe eine Frau mit, gelinde gesagt, überzogenen Ansprüchen und zwei pubertierende Ableger, die mir die Haare vom Kopf fressen. Darüber hinaus habe ich noch einige Jahre bis zur Pensionierung, die ich auch zu erreichen gedenke, und zwar bei vollen Bezügen. Und dass das, was wir hier ab und an veranstalten, ein Eiertanz ist, brauche ich Ihnen auch nicht zu sagen. Deshalb richtet sich mein Rechtsempfinden manchmal nach dem Wind, der gerade weht. Zumindest nach außen mag es diesen Anschein erwecken, auch wenn mir das selbst nicht gefällt und mir ab und an schlaflose Nächte bereitet. Werfen Sie mir bloß kein schiefes Rechtsempfinden vor.« Wörner richtete sich im Sessel auf. »Wie Sie an Ihre Informationen kommen, ist auch nicht immer ganz legal. Glauben Sie, ich weiß das nicht, oder, präziser formuliert, ich würde das nicht ahnen? Denn wissen will ich es tatsächlich nicht. So, und jetzt rücken Sie schon raus mit Ihrer Hiobsbotschaft.« Er machte eine einladende Geste hin zu einem der freien Stühle vor seinem Schreibtisch.

Wortlos und mit einer unschuldigen Miene hielt ihm Stocker den zerknitterten Brief hin.

Der Polizeirat grapschte danach, holte seine Lesebrille von der spiegelnden Glatze und überflog das Schreiben. Dann sah er Stocker an und sagte ein einziges Wort: »Und?«

»Ich vermute, dass er tot ist. Das entnehme ich zumindest einem kurzen Telefonat, das ich mit Griechenland über sein Handy geführt habe.«

»Stocker, dies ist weder unser Zuständigkeitsbereich noch unser Fall und geht uns auch nichts an. Also lassen wir die Finger davon. Verstanden?«

»Ich hatte auch nicht vor, daraus einen Fall zu machen, zumindest nicht, bis ich mehr weiß.«

Wörner lief rot an. »Und wie wollen Sie mehr erfahren? Ich kenne Sie doch: indem Sie herumschnüffeln und schlafende Hunde wecken. Nein!«

»Ich will nur wissen, ob Sallinger tatsächlich tot ist, und wenn ja, warum. Würden Sie das nicht auch erfahren wollen, wenn es Ihr Freund wäre?«

Wörner blies die Backen auf und raufte sich wie immer, wenn ihm die Argumente fehlten, seinen spärlichen Haarkranz. »Aber wehe, ich bekomme von irgendjemandem einen Anruf, dass einer meiner Beamten in irgendwelchen Schweinereien herumwühlt, die ihn nichts angehen. Dann gnade Ihnen Gott.« Damit drückte er Stocker den Brief in die Hand.

Zurück in seinem Büro fand dieser einen Zettel auf seinem Schreibtisch vor.

»Hab Neuigkeiten. Ina«

Er griff zum Telefon und wählte die Durchwahl seiner Assistentin.

Keine Minute später trat sie ins Zimmer und sah ihn ernst an.

»Er ist tot?«, fragte Stocker.

»Ja. Ich habe mit der deutschen Botschaft in Athen telefoniert. Gestern wurde offiziell der Tod eines Deutschen gemeldet. Bei der Person handelt es sich um Bernd-Lothar Sallinger. Als Todesursache gaben die griechischen Behörden einen Unfall an. Die deutsche Botschaft wurde gebeten, alles zur Überführung des Leichnams nach Deutschland zu veranlassen und die Angehörigen zu informieren. Die Freigabe der Leiche wird noch im Laufe des Tages erwartet.«

»Die sind aber schnell. Komisch. Normalerweise dauert so etwas doch mehrere Tage«, entfuhr es Stocker. Und dann: »Scheiße! Ich muss seiner Schwester Bescheid sagen, wenn nicht schon einer unserer einfühlsamen Kollegen vorher bei ihr war. Seine Eltern sind schon lange tot. Kümmere du dich in der Zwischenzeit um die Passagierlisten und gleiche sie ab. Interessant sind alle, die in und um Augsburg wohnen.« Damit erhob er sich von seinem Schreibtischstuhl. »Komm, Kassandra, wir müssen los.«

Die Katze sprang vom Fensterbrett und trippelte mit kleinen Schritten hinter ihm her. Kurz streifte sie Inas Bein, dann verschwand sie mit einem Maunzen um die Ecke in Richtung Treppenhaus.

Stadtauswärts herrschte reger Verkehr. Karin, Sallingers Schwester, war vorletztes Jahr nach der Scheidung von ihrem Mann und Michis Vater von Augsburg in den nördlichsten Zipfel des Allgäus nach Kaufbeuren gezogen, wo sie im Klinikum als Krankenschwester arbeitete. Seitdem hatte Stocker nur noch sporadischen Kontakt zu ihr gehabt.

Erst als er auf die B 17 fuhr, nahm der Verkehr spürbar ab. Bei Buchloe wechselte er auf die A 96, um anschließend auf die B 12 abzubiegen.

Gern wäre er schneller gefahren, wollte aber nicht geblitzt werden. Kurz war er versucht, das Blaulicht einzusetzen, verwarf die Idee aber wieder, da die Fahrt keinen offiziellen Grund hatte.

Am Kreisverkehr der Ausfahrt »Kaufbeuren« nahm er die zweite Abfahrt, fuhr hinunter in Richtung Zentrum, dann aber rechter Hand an der Altstadt vorbei. Am sogenannten Anstaltsberg bog er in die Kemnater Straße ein, die zum Klinikum hinaufführte. An einem kleinen Wertstoffhof ließ er den Wagen stehen und lief den Schönblick entlang.

Als er das Gartentor zu Karins neuer Bleibe öffnete, sah ihn ein Junge, der auf den Stufen vor der Haustür saß, neugierig an.

Stocker ging in die Hocke. »Hallo, Michi, ist die Mama da?«

»Ja, aber die weint ganz fürchterlich«, erwiderte der Kleine.

»Scheiße«, entfuhr es Stocker zum zweiten Mal an diesem Tag.

»Das darf man nicht sagen.« Der Junge blickte sein Gegenüber aus blauen Augen treuherzig an.

»Wahrscheinlich hast du recht«, murmelte Stocker, als er sich erhob und Karins Sohn durch das strohblonde Haar wuschelte, während er, gefolgt von Kassandra, die zwei Stufen zum Haus hinaufging und auf die Klingel drückte.

Der Gong hallte im Inneren wider, und es vergingen endlose Sekunden, bis sich die Haustür endlich öffnete.

Karin wirkte zerbrechlich, als sie vor ihm stand, das Gesicht vom Weinen aufgequollen.

»Du weißt es schon?«, fragte er leise.

Sallingers Schwester nickte stumm.

»Darf ich reinkommen?«

»Natürlich. Ich verstehe das alles nicht.«

Wie in Trance ging sie vor ihm her ins Esszimmer und setzte sich auf den äußersten Rand eines Stuhls.

Kassandra war ihnen gefolgt, wobei sie sofort den Geruch nach Kater wahrgenommen hatte, der im Raum hing. Eine Katzenklappe in der Terrassentür bestätigte ihre Befürchtung.

Karins Hände lagen in ihrem Schoß und zerrten permanent an einem Stofftaschentuch.

»Karin, ich …« Stocker versuchte, etwas Sinnvolles zu sagen. Doch als sie ihn unverwandt anstarrte, konnte er nicht weitersprechen.

»Woher …?« Auch sie vollendete den Satz nicht.

Wortlos hielt er ihr das zerknitterte Schreiben ihres Bruders hin.

Sie nahm es mit zitternden Händen und begann zu lesen. Eine Träne rann über ihre Wange, als sie wieder aufsah. Sie wischte sie trotzig mit dem Handrücken fort. »Was weißt du, was ich nicht weiß?«, fragte sie dann mit unerwarteter Bestimmtheit.

»Nur, dass es einen deutschen Toten gibt, bei dem es sich nach Aussage der griechischen Behörden gegenüber unserer Botschaft um deinen Bruder handeln soll, der bei einem Unfall ums Leben gekommen ist.«

»Und was glaubst du?«, fragte sie.

»Vorerst noch gar nichts. Weder weiß ich, wer der Tote wirklich ist, noch habe ich einen Anhaltspunkt, dass es sich um einen gewaltsamen Tod handeln könnte.«

Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Stocker brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen. »Und genau das ist der Grund, warum du mir jetzt zuhören musst. Wenn etwas an dem Schreiben von Lothar dran ist und er tatsächlich ermordet wurde, aus welchen Gründen auch immer, dann brauchen wir Beweise.«

»Hilfst du mir?«, fragte sie mit tränenverschleiertem Blick.

»Das weißt du doch.«

Sie nickte und blickte erneut auf das Schreiben ihres Bruders. »Was soll ich tun?«

»Du fährst zur Staatsanwaltschaft und forderst eine Identifizierung und eine Obduktion von deutscher Seite, um die genaue Todesursache festzustellen. Die Obduktion steht dir zu und kann nicht verweigert werden. Gleichzeitig beantragst du eine Überführung nach Kaufbeuren, um Lothar hier bestatten zu können. Ich werde dafür sorgen, dass Johann den Sarg gleich am Flughafen in München übernimmt und die zweite Obduktion vornimmt. Wenn es auch nur das geringste Anzeichen für einen gewaltsamen Tod gibt, dann habe ich die Möglichkeit, aktiv zu werden.«

»Bist du das nicht schon?« Ein Lächeln huschte für den Bruchteil einer Sekunde über ihr blasses Gesicht.

»Du kennst mich immer noch sehr gut«, erwiderte er das Lächeln, wurde aber sofort wieder ernst. »Hast du irgendwelche Informationen von Lothar, die darauf hindeuten, dass er sich bedroht fühlte? Oder hast du Files, Dokumente oder sonst irgendetwas von ihm bekommen? Auch der kleinste Anhaltspunkt ist jetzt wichtig.«

»Du kanntest doch Lothar, der hat mit seinem Hund und seinem Papagei wahrscheinlich mehr gesprochen als mit uns. Nein, ich habe nichts. Nicht mal eine Vermutung. Zu Weihnachten kam die übliche Karte. Ach ja, und zu Michaels Geburtstag vor vier Wochen hat er einen Teddy geschickt. Nicht besonders passend für einen Sechsjährigen, oder?«

»Keine Mail, kein Telefonat?«, bohrte Stocker nach.

»Nein, Florian, wirklich nicht.«

»Ich glaube dir ja. Wenn tatsächlich jede Art von Kommunikation überwacht wurde, wollte er dich sicherlich nicht auch in Gefahr bringen.«

»Was willst du damit sagen?« Sie sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an.

»Nur so ein Gefühl. Melde dich bei der Staatsanwaltschaft Augsburg und sag mir Bescheid, sollte es Probleme geben oder dir irgendetwas Seltsames auffallen, was nicht im Bereich des Normalen liegt. Versprochen?«

Sie nickte und stand auf. »Ich bring dich raus.«

An der Haustür klammerte sie sich kurz an Stocker, ließ ihn jedoch gleich wieder los. Lediglich ein nasser Fleck blieb auf seinem Hemd zurück.

Er strubbelte dem Kleinen wieder durch die Haare, als er die Treppe hinunterstieg, zog sachte die Gartenpforte hinter sich zu und ging zurück zum Wagen. Er ließ Kassandra auf den Rücksitz springen, doch bevor er selbst einstieg, wandte er sich um und blickte den Hang hinter dem Haus hinauf, wo in einer Entfernung von etwa eineinhalb Kilometern die »Skihütte« auszumachen war. Hier hatte er Skifahren gelernt. Er erinnerte sich an sein erstes Paar Ski und an seinen Vater, der an einem ersten Weihnachtsfeiertag im Schneeregen mit ihm bis zur Hütte hinaufgelaufen war.

In Gedanken versunken setzte sich Stocker ins Auto und spürte plötzlich ein kleines Schnäuzchen wie zum Trost an seiner Wange.

Plasmolyse

Als die Frachtmaschine der Olympic Air, Flug OA 177, vor dem Frachtterminal des Franz-Josef-Strauß-Flughafens zum Stehen kam, rollte ein Leichenwagen aus dem Schatten der Halle langsam auf den Airbus A 320 zu. Fünf Minuten später wurde ein einfacher Zinksarg auf einem Förderband aus der Maschine gefahren und von zwei schwarz livrierten Mitarbeitern des Bestattungsunternehmens in den Fond des Mercedes-Leichenwagens geschoben. Nahezu geräuschlos setzte sich das schwere Fahrzeug anschließend in Bewegung und verließ das Rollfeld.

Niemand nahm die Person in einem Wartungsoverall der ASS Aviation Services wahr, die keine hundert Meter entfernt im Schatten eines Gebäudes die Szene interessiert verfolgte und sich dann, nach einem kurzen Telefonat, schnell entfernte.

Gegen dreizehn Uhr dreißig desselben Tages klingelte Stockers Telefon. Kassandra lag wie immer auf dem Fensterbrett seines Büros und drehte ein Ohr in Richtung Schreibtisch, um besser hören zu können.

»Hier ist Johann. Die Fracht aus Athen ist eben eingetroffen. Es ist tatsächlich Lothar. Kannst du Karin verständigen, damit sie ihn offiziell identifiziert, bevor ich ihn nochmals aufschneide? Den Anblick würde ich ihr lieber ersparen.«

Sie trug ein schwarzes Kostüm und ein schwarzes Kopftuch. Begleitet von Florian Stocker und Johann Göttler schritt sie langsam die Treppe in den Keller hinunter. Auf dem Edelstahltisch lag, mit einem grünen Tuch abgedeckt, ein menschlicher Körper. Als sie neben dem Tisch standen, nickte Göttler seinem Assistenten Schenk zu, der das Tuch am Kopfende anhob und bis zum Hals des Toten zurückschlug.

Karin Sallinger krallte sich mit ihrer rechten Hand so fest in Stockers Arm, dass dieser ob ihrer Kraft beinahe aufgeschrien hätte. Sekundenlang starrte sie auf das blasse leblose Gesicht ihres Bruders. Dann nickte sie und wandte sich ab. Auch Stocker drehte sich um und berührte sachte ihre Schulter. Mit Tränen in den Augen sah sie ihn an, bevor ihre Miene hart wurde. »Finde heraus, wer es war und warum er es getan hat. Das sind wir ihm schuldig.«

Stocker nickte stumm, der Kloß im Hals wollte nicht weichen.

Es war spät, Karin war bereits wieder nach Kaufbeuren zurückgefahren, als der Commissario, gefolgt von Kassandra, in die Gerichtsmedizin zurückkehrte.

Göttler hatte die Obduktion selbst vorgenommen, der Bericht war bereits fertig.

Stocker fand seinen Schulfreund in dessen Büro.

»Magst du einen Grappa?«

»Lieber einen dreifachen Espresso.«

Das Geräusch des Mahlwerks der Kaffeemaschine zerriss die angespannte Stille.

Während Stocker an seinem Espresso nippte, sah er Göttler fragend an.

»Ich habe ihn also nochmals aufgemacht. Der griechische Kollege hat intensiv vorgearbeitet, dabei aber auch wichtige vorhandene Spuren verwischt. Ob das unabsichtlich oder absichtlich geschah, kann ich im Moment nur vermuten.«

»Was spräche für absichtlich?«

»Entweder ist der Typ sagenhaft dämlich oder sehr geschickt. Die Lungen wurden gespült, aber verbliebene Salzkristalle auf der Kopfhaut hat er vergessen. Deshalb tendiere ich eher zu Letzterem. Eines steht jedoch zweifelsfrei fest: Lothar ist ertrunken. Zeichen äußerer Gewalteinwirkung waren, außer einigen Hämatomen, die aber postmortalen Ursprungs sind, nicht festzustellen. Dennoch bleibt die Frage, ob Lothar tatsächlich in dem Klärbecken oder Vorfluter ertrunken ist, wie es im Bericht heißt, oder doch vielleicht im nahe gelegenen Mittelmeer. In ersterem Fall hätten in der Lunge Reste dieser Brühe gefunden werden müssen, aber kein Meerwasser. Unter Ertrinken versteht man nämlich den Tod durch Einatmen von Flüssigkeiten, eine spezielle Form der Asphyxie, eine Unterform des äußeren Erstickens.«

»Halt mir keine Vorlesung, sondern komm auf den Punkt.«

»Verzeihung, ich habe nur deinen Bildungsnotstand berücksichtigt. Dann eben das Ganze für Hauptkommissare: Soweit ich auf dem Laufenden bin, wird für die Produktion von Getränken immer noch Süßwasser eingesetzt. Folglich muss auch das Abwasser der Fabrik aus Süßwasser bestehen. Richtig?«

Stocker wollte wieder etwas sagen, doch Göttler unterband den Einwurf mit einer Handbewegung.

»Ich weiß, aber spar dir deine geistigen Ergüsse für später auf. Jetzt bin erst mal ich dran. Pathologisch unterscheidet man das Ertrinken in Süßwasser von dem in Salzwasser. Beides hat verschiedene Folgen für den Körper. Während diesen Prozessen früher viel Beachtung geschenkt wurde, ist man heute der Ansicht, dass die resorbierten Wassermengen und die daraus resultierenden Elektrolytstörungen meist nicht relevant sind. Folglich werden sie auch nicht untersucht.

Beim Ertrinken im Meer gelangt zwangsläufig Salzwasser in die Lunge, wodurch sich die Konzentration der Ionen gegenüber dem anliegenden Gewebe erhöht, sodass ein Konzentrationsausgleich stattfindet. Da Biomembranen semipermeabel, also für Ionen undurchlässig, aber für Wassermoleküle durchlässig sind, muss der Konzentrationsausgleich mit Hilfe der Diffusion von Wassermolekülen erfolgen. Bei Meerwasser in der Lunge ist die Konzentration der Wassermoleküle in der Lunge geringer als im anliegenden Gewebe, sodass es zur Plasmolyse kommt. Sprich, Wasser strömt aus den Gewebezellen aus und füllt die Lunge weiter.

Auch beim Ertrinken im Süßwasser gelangt Wasser in die Lunge. Dort ist die Konzentration der Wassermoleküle aber höher als in den Zellen des anliegenden Gewebes. Um diesen Unterschied auszugleichen, diffundieren Wassermoleküle aus dem Lungengewebe in die Erythrozyten, die roten Blutkörperchen, welche dadurch letztendlich platzen. Der Vorgang wird Deplasmolyse genannt.

In dem vorliegenden Fall stellt sich die Frage: Haben wir es mit einer Plasmolyse oder mit einer Deplasmolyse zu tun? Oder, um es auch Hauptkommissaren verständlich zu machen: Finden sich bei Lothar geplatzte oder ganze rote Blutkörperchen?«

Stocker hatte gebannt zugehört. »Und? Sind sie jetzt geplatzt oder nicht?«

»Das wissen wir erst, wenn wir sie unter dem Elektronenmikroskop sehen. Die Proben habe ich schon in die Uni geschickt. Die Vorbereitung für die Untersuchung dauert drei Stunden, und leider kann sich eine arme Gerichtsmedizin wie wir eine Apparatur, die dafür notwendig ist, nicht leisten. Wir müssen also raus zur Uni fahren. Professor Rausch hat uns für heute Abend einen Termin eingeräumt.« Göttler sah auf die Uhr. »Wir sollten uns beeilen. Er ist nur bis zwanzig Uhr verfügbar.«

Sie fuhren die Gögginger Straße stadtauswärts und dann weiter die Friedrich-Ebert-Straße hinunter. Kurz nach der Autobahnbrücke bogen sie auf das Gelände der Uni ab und hielten wenig später vor dem Gebäude des Physikalischen Institutes.

Professor Rausch, ein kleiner, unscheinbarer und wortkarger Mann, empfing sie in seinem Büro. Göttler erklärte ihm kurz ihr Anliegen und die Hintergründe. Rausch stand wortlos auf und bedeutete ihnen, ihm zu folgen. Die kleine graue Katze schien er gar nicht wahrgenommen zu haben. Durch eine Vielzahl von Gängen führte er sie in einen Raum, der von einem Transmissionselektronenmikroskop beherrscht wurde.

Während der Wissenschaftler die vorbereitete Schnittprobe entnahm und in das Transfersystem der Probenkammer einbrachte, ließ er sich zu einer Erklärung hinreißen. »Betrachtet man eine lichtmikroskopische und eine elektronenmikroskopische Aufnahme von Erythrozyten, so stellt man sehr schnell fest, dass bei der Lichtmikroskop-Aufnahme auch bei maximaler viertausendfacher Vergrößerung kaum Details erkennbar sind. Bei der Elektronenmikroskop-Aufnahme erreicht man bei gleicher Vergrößerung eine viel höhere Auflösung. Bei einem Mikrometer ist es dann eindeutig möglich, eine Deformation der roten Blutkörperchen festzustellen.« Er machte Platz, um Göttler einen Blick durch das Okular zu ermöglichen.

Als sich dieser aufrichtete, spiegelte sich etwas wie Genugtuung in seinem Gesicht wider. »Sie sind ganz. Die roten Blutkörperchen sind tatsächlich ganz. Ich hatte recht, Lothar ist nicht im Süßwasser ertrunken. Meine Fresse, Florian, das ist der Beweis.«

Kurz darauf saßen sie in Stockers Dienstwagen und starrten auf das vor ihnen liegende Gebäude, wo in einigen Labors schon die ersten Lichter angingen. Der Commissario dachte angestrengt nach, Göttler, der diesen Gesichtsausdruck seines Freundes kannte, schwieg. Kassandra hatte sich auf dem Rücksitz zusammengerollt, beobachtete Stocker jedoch aus einem Auge. Mehrere Minuten vergingen, bis dieser das Schweigen brach. »Und jetzt?«

»Ich habe Hunger«, sagte Göttler.

Stocker drehte sich mit einem Ruck nach rechts. »Kannst du eigentlich nur ans Fressen denken?«

»Entschuldige bitte, aber ich habe seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. Und du weißt ganz genau, dass ich bei schlechten Nachrichten immer Hunger kriege.«

Stocker schüttelte den Kopf. »Der Kerl ist unmöglich! Okay, fahren wir ins ›Poccini‹.« Er griff zum Handy, rief eine Nummer aus dem Verzeichnis auf und drückte die Wähltaste. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sich Ina meldete. »Was machst du gerade?«

»Ich sitze mit einem Buch und einem Glas Wein auf der Couch.«

»Lothar Sallinger ist vermutlich ermordet worden.«

Ina atmete hörbar ein.

»Wenn du mehr wissen willst, komm ins ›Poccini‹. Johann ist nämlich gerade kurz davor, den Hungertod zu sterben.«

»Bis gleich«, sagte sie und legte auf.

Pomodori al parmigiano

Stocker parkte direkt vor seinem Haus in der Maximilianstraße. »Wir gehen zu Fuß runter. Nachher bin ich garantiert nicht mehr nüchtern, und du pennst ja sowieso bei mir.«

»Warum sollte ich nüchtern bleiben, wenn du dir einen lötest?«

Sie wandten sich nach links und gingen die Maximilianstraße entlang. Kurz darauf bogen sie in das Kaffeegässchen, querten die Dominikanergasse und liefen schließlich das Butzenbergele hinunter, wo sich Stocker wie üblich über die Graffiti an den Häuserwänden des engen Gässchens aufregte. An dessen Ende ließen sie Nikos »Tavernaki« rechts liegen. Wie immer herrschte dort Hochbetrieb. Zwischen Olivenbäumen saßen die Augsburger, die es geschafft hatten, sich einen Platz an den wenigen blau gestrichenen Tischchen zu erobern, und genossen griechische mezés. Stocker und Göttler liefen weiter durch das Gewirr von Klein-Venedig bis zum »Poccini«. Der Italiener war ein Geheimtipp. Ganze luftgetrocknete Schinken und Würste hingen von der Decke des Lokals. Ein Duft von Kräutern, Knoblauch, Brot, Sugo und Wein erfüllte den Raum.

»Buonasera, commissario. Buonasera, Johann. Come stai?«

»Nella merde«, antwortete Göttler.

Marco Cavalcone sah irritiert von ihm zu Stocker. Dann fuhr er sich mit den Fingern durch sein halblanges pomadisiertes Haar und ging in die Hocke, um Kassandra zu streicheln. »Ciao, ragazzina. Heute brauchste du keine Angst um deine Unschuld zu haben, meine Kater iste unterwegs auf Tour.« Als er sich wieder aufrichtete, sah er in die ernsten Gesichter von Göttler und Stocker. »Ihr guckte aus die Wäsche, als wäre jemande gestorben.«

»Und damit hast du den Nagel auf den Kopf getroffen.«

»Oje. Setzt euch dahinten hin. Ich bringe zwei Grappa.«

»Lieber gleich die ganze Flasche.«

»Santa Maria e dodici Apostoli.« Marco Cavalcone bekreuzigte sich und eilte hinter die Theke.

Als er sich kurz darauf zu ihnen an den Tisch setzte, hielt er drei Wassergläser in der rechten und eine kleine bauchige Flasche in der linken Hand. Wortlos schenkte er ein und prostete den beiden Männern zu. »Also, was iste passiert, eh?«, flüsterte er.

»Erzähl du, Florian. Aber mach es kurz, ich hab Hunger«, warf Göttler ein, worauf ihn ein böser Blick seines Freundes traf.

Dieser brachte im Telegrammstil den Italiener auf den aktuellen Stand.

»Merda«, war dessen einziger Kommentar.

Als Göttler Cavalcone mit einem halb verhungerten Blick ansah, erwachte der Wirt in ihm zum Leben.

»Commissario, bevor es zweite Leiche gibt, gestorben an Hunger«, er sah Göttler mitleidig an, »haben wir heute pomodori a la parmigiano im Angebot, eh?« Er zog wie fragend die Schultern nach oben.

»Du rettest mir das Leben, Marco. Dafür obduziere ich dich mal umsonst«, sagte Göttler.

Cavalcone warf ihm einen verständnislosen Blick zu und verschwand dann in der Küche.

Stocker betrachtete seinen Freund kopfschüttelnd von der Seite.

Kurz darauf kam der Wirt, ein großes Tablett balancierend, an ihren Tisch zurück. Er platzierte die heißen Teller zwischen das Besteck und stellte eine Auflaufform mit acht überbackenen großen Tomaten mitten auf den Tisch, bevor er einen dunkelroten Brunello in die beiden Weingläser goss. »Buon appetito.«

»Mein Gott«, entfuhr es Göttler, sodass Stocker direkt lachen musste.

»Dabei musst du nicht mal ein schlechtes Gewissen haben, das Gericht besteht nur aus Tomaten, massig Butter und Parmesan.«

Plötzlich sprang Kassandra auf und lief mit einem Maunzen in Richtung Eingang, in dem fast im selben Moment Ina auftauchte. Die bückte sich, nahm die kleine Katze auf den Arm und steuerte auf den Tisch ihres Vorgesetzten zu. Die irritierten Blicke der restlichen Gäste registrierte sie nicht.

»Ciao, Ina.« Marco Cavalcone grinste von einem Ohr zum anderen. »Auch ein Kleinigkeit zu esse und eine Schluck Brunello?« Er wartete ihre Antwort nicht ab und brachte bereits im nächsten Moment einen Teller, Besteck und ein großes Rotweinglas an den Tisch. Mit dem Vorlegebesteck nahm er eine gefüllte Tomate aus der Auflaufform und ließ sie auf Inas Teller gleiten.

»Hoffentlich kommen nicht noch mehr zum Essen«, murmelte Göttler leise, doch nicht leise genug. Ein strafender Blick Stockers traf ihn von der Seite.

Ina dagegen ließ sich den ersten Bissen auf der Zunge zergehen und sagte dann mit einem Blick auf den Gerichtsmediziner: »Fantastisch, aber ich glaube, das macht dick.«

»Und wie!«, steuerte Stocker bei.

Nach der primo piatto brachte Cavalcone ungefragt drei kleine Teller und einen großen, auf der sich Profiteroles zu einer Pyramide stapelten.

»Gleich sterbe ich«, stöhnte Göttler.

»Mach keine leeren Versprechungen«, grinste Stocker.

»Apropos sterben«, warf Ina ein und sah ihre Gegenüber an. »Bin ich eigentlich nicht aus anderen Gründen hier als zum Essen?«