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1991 wurde in den Alpen eine bestens erhaltene Mumie gefunden, die u.a. ein kupfernes Beil mit sich führte. Bald stellte sich heraus, dass der vor 5.300 Jahren im ewigen Eis eingefrorene Mann ermordet worden war. Viel hat die Wissenschaft über diese berühmte und älteste Mumie der Welt herausgefunden, nach seinem Fundort nennen wir sie "Ötzi". Doch viele Rätsel bleiben. Ackerbau und Viehzucht hatten damals die Welt verändert. Das ging nicht ohne Spannungen und Konflikte ab, Kriege und Überfälle waren an der Tagesordnung. Wer aber war der ermordete Mann, wie hatte er gelebt und wie gelangte er zu dem Kupferbeil? War er ein Häuptling, ein Schamane oder eine andere wichtige Person? Der spannende Roman erzählt kenntnisreich und phantasievoll vom turbulenten Leben des mit 45 Jahren getöteten Öcetims. Als Kind verliert er unter dramatischen Umständen seine Familie, er muss unter harten Bedingungen in einer Kupfermine schuften. Gefangen und versklavt entwickelt er eine unersättliche Gier nach Reichtum und Macht. Dabei legt er sich mit einer mächtigen Priesterschaft an, auch darüber hinaus macht er sich viele Feinde. Doch wer hasst ihn so sehr, dass er ihm im ewigen Eis auflauert und erschießt? Eine Geschichte von Verrat, Schuld und Vergebung nimmt ihren unerbittlichen Lauf.
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Seitenzahl: 618
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung oder Vervielfältigung des Werkes oder seiner Teile bedarf der Zustimmung des Autors. Alle im Buch enthaltenen Angaben wurden nach bestem Wissen erstellt. Es wird keine Verantwortung für etwaige Unrichtigkeiten übernommen. Alle Rechte liegen beim Autor:
Dr. Hans Säurle, Ruiter Str. 37/1, 70329 Stuttgart
hsaeurleweb.de
Umschlaggestaltung:
Sarah Richter www.sarah-richter.illustration.de
Bild: Hans Säurle
Lektorat:
Lisa Rill-Säurle
Herstellung:
ePubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
www.epubli.de
Zum Buch
Dies ist die Geschichte des Mannes, dessen Mumie 1991 in den Alpen gefunden und als „Ötzi“ weltbekannt wurde. Bald stellte sich heraus, dass der vor 5.300 Jahren im ewigen Eis eingefrorene Mann ermordet worden war. Wer aber war der „Mann aus dem Eis“? War er ein Häuptling oder ein Schamane? Wer waren seine Feinde und wer hat ihn so gehasst, dass er ihn getötet hat?
Der spannende Roman erzählt kenntnisreich und phantasievoll vom turbulenten Leben des mit 45 Jahren getöteten Mannes. Als Kind verliert er unter dramatischen Umständen seine Familie; er muss unter harten Bedingungen in einer Kupfermine schuften. Gefangen und versklavt entwickelt er eine unersättliche Gier nach Reichtum und Macht. Eine Geschichte von Verrat, Schuld und Vergeltung nimmt ihren unerbittlichen Verlauf.
Der Autor
Hans Säurle, geboren 1950 in Stuttgart, studierte Medizin und Archäologie in Heidelberg. Als junger Arzt arbeitete er unter einfachsten Bedingungen inmitten des peruanischen Regenwalds. Dort lernte er die Denkmuster indigener Völker kennen, ihre Kultur und ihre Religion sowie auch die Schwierigkeiten, die sich beim Übergang in eine andere Zivilisationsstufe ergeben. Dieser Roman über das harte Leben in der zu Ende gehenden Steinzeit ist sein erstes literarisches Werk.
Tod im
ewigen Eis
Ein prähistorischer Roman
vom Leben und Sterben des Mannes aus dem Eis
Im Herbst 1991 kletterte ich zusammen mit meinem Bergkameraden Reinhold Messner entlang der Südtiroler Landesgrenze. Unser Anliegen und unser Auftrag war, die öffentliche Aufmerksamkeit verstärkt auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Südtirols zu lenken.
Nachdem Reinhold und ich schon mehrere Achttausender im Himalaya zusammen bestiegen hatten, legten wir in 40 Tagen über 1200 Kilometer zurück und erklommen 300 Gipfel. Das unerwartete Highlight dieser Kletterei fand sich an der Grenze zu Österreich in der Nähe des Tisenjochs, hier blickten wir tief in Südtirols Vergangenheit.
Wir saßen noch keine halbe Stunde in der gemütlichen Similaunhütte, als uns der Hüttenwirt Pirpamer vom Fund einer Gletscherleiche erzählte. Er habe die Leiche teilweise ausgepickelt und ein Stück Birkenrinde und einen seltsamen Eispickel gefunden. Es handele sich wohl um einen verunglückten Bergsteiger oder einen Flüchtling aus einem der beiden Weltkriege, vermutete er. Den eigenartigen Eispickel hätten inzwischen die Gendarmen schon nach Innsbruck in die Gerichtsmedizin gebracht. Pirpamer beschrieb uns das sonderbare Gerät, das so gar nicht aussehe wie die Eispickel, die wir von unseren Vorgängern her noch kennen. Damit war unsere Neugier geweckt und wir stiegen zum Fundort auf.
Die mumifizierte Leiche lag in einer sonderbar verdrehten Stellung auf dem Bauch, mit dem Gesicht nach unten in einer Mulde, nur der Oberkörper ragte aus dem eisigen Wasser. Trotzdem war gut zu erkennen, dass die Beine mit Lederfetzen umwickelt waren und die Füße in mit Gras gefütterten Schuhen steckten. Neben der Mumie lagen ein Stück Fell, eine weiteres Stück Birkenrinde und ein kleines gelochtes Holz.
Im Himalaya hatte ich schon viele tote Bergsteiger sehen müssen, diese Leiche aber beeindruckte mich, wir nannten sie Similaunmann. Mitleid mit dem Verunglückten empfand ich nicht, auch keine Trauer. Stark aber war das Bedürfnis, mehr über diesen sonderbaren Toten zu erfahren, der meiner Meinung nach aus einer sehr frühen Zeit zu stammen schien. Wie hatte er gelebt, woran war er gestorben? Viele Fragen zu dieser eigenartigen Mumie gingen mir durch den Kopf. Dass es sich um einen wichtigen Fund handelte, war mir sofort klar. Um den freigelegten Similaunmann vor dem Zerfall zu schützen, deckte ich ihn mit Eisbrocken zu, damit er später sorgfältig geborgen werden könnte.
Dass allerdings vor uns, noch halb im Eis festgefroren, eine veritable Weltsensation lag, hatte ich nicht vermutet. Bald schon hatte die Wissenschaft festgestellt, dass der Similaunmann schon vor ungefähr 5.300 Jahren lebte und starb. Und erst im Frühjahr 2001 wurde bei der inzwischen nach Bozen überführten Leiche entdeckt, dass in ihrer Brust eine Pfeilspitze steckte: der Mann war erschossen worden!
Wer hat den Mann aus dem Eis wohl umgebracht? Und weshalb? War er ein Dieb auf der Flucht, ein schlechter Schamane oder ein entmachteter und verfolgter Häuptling? Diese Fragen gehen mir heute noch durch den Kopf. Jeder, der sich mit diesen Fragen beschäftigt, erhält mit dem Krimi „Tod im ewigen Eis“ eine Fülle von Anregungen.
Der in einen fesselnden Roman verpackten Geschichte über das Leben in der zu Ende gehenden Steinzeit wünsche ich einen großen Leserkreis.
Hans Kammerlander
Bisher hat er ihnen entkommen können, doch sie brauchten nur seinen Spuren zu folgen, mehrfach haben sie ihn fast eingeholt. Drei dick vermummte Gestalten sind es, das hat er klar sehen können, erkennen aber kann er sie nicht.
So lange als möglich hat er versucht, im Wald zu bleiben, um nicht gesehen zu werden. Doch irgendwann musste er die Baumgrenze überschreiten und nun ist er in großer Höhe unterwegs. Auf den freien Flächen beschleunigt er seinen Schritt und trotz der dünneren Luft kommt er gut voran. Aus dem Schneefall ist inzwischen ein Schneesturm geworden, das ist gut, denn Schnee und Wind decken seine Spuren zu. Der eisige Wind treibt ihm die harten Schneekristalle direkt in Augen und Gesicht, er achtet nicht darauf, konzentriert sich auf seinen Weg. Sein Vorteil ist, dass er sich auskennt, er hat diesen Pass schon mehrfach überschritten. Öcetim denkt an die Wanderungen mit den Schafen in diesen eisigen Höhen, hin zu den saftigen Weiden auf der anderen Seite.
Da er seine Verfolger schon lange nicht mehr gesehen hat, wagt er eine Rast einzulegen. Er ist müde und hungrig, seine rechte Seite schmerzt bei jedem Atemzug. In einer mit vom Wind verkrüppelten Sträuchern bewachsenen Senke sucht er Schutz vor dem Schneesturm, legt seinen Bogen und den Glutbehälter ab, setzt sich und verschlingt gierig seinen Proviant. Er ist froh, dass ihm seine Frau so viel eingepackt hat: getrocknetes Steinbock- und Hirschfleisch, Dinkelfladen und sogar Ziegenkäse, den sie so schmackhaft zubereiten kann.
Öcetim streckt sich, schaut über den Rand der Senke. Da er auf der weiten weißen Fläche noch immer niemanden sieht, hofft er, dass seine Verfolger bei diesem scheußlichen Wetter aufgegeben haben. Prüfend wiegt er sein Kupferbeil in der Hand, befühlt die in seinen Lendenschutz eingenähten Goldklümpchen, tief zieht er die kalte Luft in die Lunge und wärmt seine kalten Finger über dem Glutbehälter.
Bei einem Schusswechsel am Tag zuvor war die Entfernung zu groß gewesen. Sie hatten ihn nicht getroffen, aber auch seine Pfeile hatten ihre Ziele verfehlt. Diese Pfeile fehlen ihm, er muss sie dringend ersetzen. Glücklicherweise wächst in Reichweite ein schöner weißer Strauch mit kerzengeraden Trieben. Mit seinem Steindolch schneidet Öcetim gleich ein Dutzend davon ab, entrindet und kerbt sie ein, später würde er die Klingen einsetzen und die Schäfte glätten. Dazu ist jetzt keine Zeit, er muss weiter, den Pass noch heute bezwingen, die Verfolger abschütteln. Er darf sich nicht aufhalten lassen, er hat eine Aufgabe zu erfüllen.
Die kurze Rast und das Essen haben ihm gutgetan. Öcetim macht sich auf, verlässt die schützende Senke, steigt höher, erreicht das Gebiet des Gletschers. Immer wieder blickt er zurück, auf der weißen Fläche kann er schemenhaft nur ein paar Gämsen erblicken.
Die Verfolger haben sich getrennt, einer ist schon vorausgeeilt. Schneller und kräftiger als die beiden Anderen will er unbedingt der Erste sein, die Sache alleine zu Ende führen. Die zwei anderen Verfolger quälen sich im Schneesturm keuchend weiter den Berg hinauf, sich nur selten eine Rast gönnend, auch sie wollen Rache nehmen.
Auf dem Gletscher kommt Öcetim nur langsam voran, vorsichtig setzt er seine Schritte. Immer wieder muss er innehalten. Gerade als er nach einer kurzen Pause seinen Aufstieg fortsetzen will, spürt er einen heftigen Schmerz in der linken Schulter. Ein Pfeil hat ihn getroffen. Öcetim fällt, sein Kopf knallt gegen einen Felsbrocken. Der Schmerz ist brennend, stark, Öcetim fühlt das warme Blut auf seinem Rücken und auf seinem Gesicht, seine Sinne schwinden. Er ahnt, dass er sterben wird, sieht Bilder von seiner Familie, sein ganzes Leben zieht an ihm vorbei. Er hat viel gesehen, viel erlebt und viel erfahren. Doch wie es weiter gehen wird mit ihm, nach seinem Tod, das weiß er nicht. Er riecht Blumen und Wind, bedauert, dass er den Aufgang der Sonne und den ewig sich wandelnden Mond nicht mehr sehen kann.
Sein Mörder geht auf ihn zu. Er ist alleine, steht noch eine Weile neben dem Sterbenden, genießt seinen Triumph und hat gleichzeitig das Gefühl, dass jetzt etwas Unerwartetes geschehen müsste. Doch nichts geschieht, nur der Wind heult. Dann macht er sich an Öcetims sterbendem Körper zu schaffen, durchsucht seine Gewänder. Endlich fühlt er in Öcetims Lendenschurz, wonach er gesucht hatte. Mit klammen Fingern reißt er das feine Leder auf, greift nach den kleinen Steinen, betrachtet und befühlt sie. Vorsichtig steckt er sie ein, als ob sie Schaden nehmen könnten. Mehr interessiert ihn nicht.
So plötzlich wie der Sturm gekommen war, so schnell hat er sich auch wieder gelegt. Schon kreisen die ersten Geier in der Luft. Als die beiden Männer schon ganz nahe an der Felsrinne sind, erkennen sie nur einen dunklen Fleck in einer Mulde. Langsam kommen sie näher, ihre Herzen klopfen schnell, nicht nur wegen der Höhe, es ist die Anspannung, die Angst, dass der Alte plötzlich aufstehen und sie angreifen könnte.
Es kostet sie Überwindung, Öcetim zu berühren. Ein seltsamer Schauer durchläuft die beiden vermummten Gestalten, trotz ihrer dicken Fellmäntel rinnt ihnen kalter Schweiß über den Rücken. Der ältere der beiden dreht den Leichnam auf den Bauch und zieht vorsichtig an dem Pfeil, der in Öcetims Rücken steckt. Niemand soll anhand des Pfeils auf den Mörder schließen können. Doch weil sich das Geschoss in der Schulter des Alten verhakt hat, versucht er es nochmals mit einem kräftigeren Ruck. Der Pfeil bricht ab, die Spitze aus Feuerstein bleibt in der Schulter stecken.
Inzwischen schneit es wieder stärker. Wie ein Leichentuch legt sich der Schnee über den Toten. Nach und nach lässt der Schnee ihn ganz verschwinden, füllt die ganze Felsrinne, keiner wird den gottlosen Alten jemals finden. Doch nicht für immer bleibt die Leiche in Eis und Schnee gefangen…
Nach mehr als fünftausend Jahren kommt die Leiche wieder zum Vorschein…
Die Angst schnürte ihm die Kehle zu, sein Hemd war trotz der Kühle schweißnass. Tote Männer und Frauen lagen neben oder auf ihm, ihn hatte man offenbar übersehen oder auch für tot gehalten. ʼOb es das Ende ist?ʼ fragte er sich.
Nach dem ohrenbetäubenden Lärm war es nun still geworden, nur die Schläge seines Herzens dröhnten laut wie Kriegstrommeln in seinen Ohren, übertönten jedes andere Geräusch. Sein Herz pochte so fest, dass er meinte, es müsse seine Brust zersprengen und überall zu hören sein.
Von allen Seiten waren fremde Krieger gekommen. Mit Speeren und Lanzen hatten sie auf seine Leute eingestochen, die Kinder und Alten mit Keulen erschlagen, die Fliehenden wurden von ihren Pfeilen niedergestreckt. Nur kurze Zeit dauerte dieser gemeine Überfall. Jetzt war fast die ganze Dorfgemeinschaft tot, ein paar junge Frauen waren von den fremden Kriegern verschleppt worden, drei kleine Kinder hatten sie aus den Armen ihrer Mütter gerissen und ihre Köpfe an Felsen zerschmettert, anschließend hatten sie den Müttern die Köpfe eingeschlagen.
Langsam öffnete Öcetim die Augen, schaute sich um. Nicht lange konnte er die furchtbaren Bilder aushalten, schnell schloss er wieder die Augen. Er nahm den Gestank von versengtem Haar, verbranntem Fleisch und brennenden Hütten wahr, den Gerüchen konnte er sich nicht entziehen. Eine innere Stimme flüsterte ihm ein, dass nicht er es war, der dieses Grauen erlebte, sondern dass all das einem Anderen zustieß. Öcetim wollte Gewissheit. Unter großer Anstrengung öffnete er erneut seine Augen und musste in ohnmächtiger Klarheit erkennen: Sein Dorf, seine Familie, seine Freunde, sie sind nicht mehr, alle waren tot oder verschleppt.
Endlich wagte es Öcetim, sich zu erheben. Seine Knie schlotterten, die Beine wollten ihm nicht gehorchen, ihm wurde schwindelig und übel; er musste sich an einen Baum anlehnen. Angewidert vom Gestank suchte er unter den Leichen nach seinen Angehörigen, fand seine Mutter, die im Tod noch sein kleines Schwesterchen an ihre Brust drückte, entdeckte seinen Vater, dessen Kopf zerschmettert war und dem der rechte Arm fehlte. Dann stieß er auf seinen älteren Bruder, auch sein Onkel, seine Tanten und seine Freunde lagen erschlagen im blutdurchtränkten Gras. Seine Schwester fand er nicht.
Angeekelt von diesem Gemetzel und unfähig, auch nur eine Träne zu vergießen, schleppte er sich in den Wald. Trotz seiner Angst vor den unheimlichen Geräuschen, dem Rascheln und Ächzen und Knarzen, hielt er sich dort versteckt. Er hörte das Wispern der Blätter und die Stimmen der Toten, wilde Schatten kletterten von den Bäumen herunter. Gesichter seiner Nachbarn und seiner Familie tauchten auf, kurz nur, um gleich wieder zu verschwinden. Mit klappernden Zähnen wachte er auf und wartete auf die aufgehende Sonne. Endlich konnte er weinen.
Nach drei langen Tagen und Nächten waren ihm die Tränen ausgegangen, er wagte sich seinem Dorf Tocolom zu nähern. Noch immer war der Gestank kaum auszuhalten. Die Toten sollten beerdigt werden, dachte er. Aber er konnte das nicht, es waren so viele, und er war nur ein kleiner Junge. Auch seine Schwester war noch immer nicht da, laut rief er ihren Namen, suchte sie. Doch vergeblich, sie blieb verschwunden. Er hatte niemanden mehr. Öcetim wimmerte leise und wusste, dass er jetzt ganz auf sich gestellt, dass er mutterseelenallein war.
Die Sonne brachte nur einen fahlen Schein zustande, es roch verbrannt, selbst der Wind schmeckte süßlich und widerlich. Öcetim wollte sterben, wollte bei seinen Leuten sein, die jetzt in einer anderen Welt lebten. Es wäre so leicht, einfach nur loslassen, fortfliegen, träumte er vor sich hin. Er legte sich zum Sterben auf den Boden und wartete auf den Tod. Er wollte an einen Ort, wo die Geister wohnen, wo es schön sein soll und es immer ausreichend zu essen und zu trinken gibt; so wurde es von den Alten gesagt. Auch soll es dort keinen Streit geben und keinen Krieg. Seltsame Gedanken schwirrten durch seinen Kopf, suchten nach Gründen für das fürchterliche Geschehen. Hatten denn seine Familie und die ganze Sippe den Göttern nicht immer ausreichend geopfert? Oder hatten sie vielleicht zu wenige oder die falschen Opfer gebracht?
Doch Öcetim starb nicht, die Todesgötter verschmähten ihn. Jetzt fiel ihm wieder ein, dass er noch für die toten Dorfbewohner sorgen sollte, damit sie nicht unbeweint ins Reich der Finsternis geworfen wurden. Ihr Schmuck und ihre Waffen waren von den fremden Kriegern einfach mitgenommen worden. Dabei hätten die Toten in der anderen Welt diese wertvollen Dinge doch gebraucht. Er kannte natürlich das Begräbnisfeld auf der von Birken umstandenen kleinen Anhöhe, erinnerte sich an große Feuer und dass die Wände der Gräber mit roter Farbe angestrichen wurden. Rot, das war die Farbe des Blutes, das er jetzt überall um sich herum sah. Doch wie sollte er die Toten zu dem Begräbnisfeld schaffen, wie die Gruben ausheben und die Wände rot streichen? Und was wäre sonst noch zu tun? An die vorgeschriebenen Rituale konnte er sich nicht mehr erinnern. Das bekümmerte den Jungen zusätzlich.
Unfähig einen klaren Gedanken zu fassen, saß Öcetim lange bewegungslos auf dem Boden. Schließlich empfahl er die vielen Toten tränenüberströmt allen Göttern, die überall in den Bäumen, Büschen, den Steinen, dem Bach und den Felsbrocken hausten und ihm zuschauten. Vor allem bat er die mächtigsten von ihnen, die launischen Götter der Berge, des Wassers und der Luft, dass die Verstorbenen zu ihnen in ihre himmlischen Reiche gelangen dürfen und nicht als Gunchis wie Totenvögel nachts durch die Lüfte fliegen und ihren Angehörigen Krankheit, Tod und Unheil bringen müssen.
Die Gedanken an seine eigene Zukunft quälten ihn. Er würde weiter leben, doch wo und wie? Müsste er nochmals zurück in sein niedergebranntes Dorf, um Messer, Speere, Beile und andere Waffen zu suchen? Seine Augen wollen das Unglück nicht wieder sehen und seine Nase wollte den Gestank nicht nochmals riechen müssen. Weil er aber diese Dinge brauchte, lenkte Öcetim schweren Herzens seine Schritte zum Dorf und suchte in allen Häusern. Doch die fremden Krieger hatten Messer und Beile, Waffen und Felle, gewebte Tücher, einfach alles mitgenommen. Endlich fand er ein altes Hasenfell, ein paar Stricke aus Tiersehnen und einen Feuersteinkern. Alles nahm Öcetim mit, und als er einen Pyritknollen und trockenen Zunder sah, nahm er auch dies mit, um Feuer entfachen zu können.
Angewidert vom Gestank und dennoch froh über die gefundenen Werkzeuge rannte Öcetim in den Wald, marschierte immer weiter. Seine Füße brannten, seine Haut war aufgerissen von den dornigen Sträuchern, nur fort von hier, weit weg von diesem grausigen Ort.
Er durchwanderte sanft gewellte Landschaften und durchquerte ein Sumpfgebiet, wo er von Mückenschwärmen fast gefressen wurde, bis er endlich ein Gebiet erreichte, wo es genügend Beeren, Buchen und Eichen gab, von deren Früchten er sich ernähren konnte. Auch hatte er viele Rehe und Hirsche gesehen, doch um die zu jagen, brauchte er unbedingt Waffen: Messer, Pfeil und Bogen und Speere.
Das aber war ein Problem, noch nie hatte er Waffen selbst hergestellt, er musste es jetzt einfach versuchen. Mit einem Schlagstein schlug er wie mit einem Hammer aus dem Feuersteinkern ein größeres Stück und ein paar kleine Splitter. Mehrfach versuchte er eine weitere Klinge aus dem Feuersteinkern heraus zu schlagen - so lange, bis er den schönen Feuersteinkern völlig zerschlagen hatte. Immerhin hatte er nun aber ein Messer und drei Speerspitzen.
Vor ihm lag eine mächtige Bergkette, deren Gipfel in der Ferne seltsam weiß schimmerten, die Sonne strahlte auf die mächtigen Berge, alles wirkte schön und sauber dort. Da wird es keine Krieger geben, dort sollte die Welt friedlich sein, hoffte der Junge. Im Bergwald wuchsen große Kastanienbäume, deren Früchte vorzüglich schmeckten. Öcetim fühlte sich wohl in dieser waldreichen Gegend. Zufällig entdeckte er einen Felsvorsprung, dessen Überhang ein schönes Dach bildete. ʼMit ein paar Ästen und Zweigen vergrößert könnte das eine schöne Lagerstätte gebenʼ, murmelte er halblaut vor sich hin. ʼVon dort werde ich gleich beim Aufwachen die Berge mit ihren weißen Spitzen sehen.ʼ
Allmählich fühlte sich Öcetim wieder etwas wohler, er freute sich an der Sonne und den angenehm warmen Tagen. Tagsüber hatte er genug zu tun, er musste seine Nahrung suchen und sich vor wilden Tieren schützen. Abends jedoch, wenn er auf seiner Grasmatte lag, war ihm oft zum Heulen zumute. Dann hörte er die Geräusche des Waldes, nirgends jedoch Laute von Menschen. Wie sehr hätte er sich gefreut über ein Grunzen oder Schnarchen. Keine Geräusche von sich paarenden Menschen, kein Singen, keine Beschimpfungen und kein Streit, er hörte nur seinen eigenen Atem. Sein Blick ging zu den funkelnden Sternen hoch oben am Himmel, aber auch die sagten kein Wort, sie funkelten nur ausdrucklos – ohne ihm irgendeinen Hinweis zu geben.
In der Nacht suchten ihn schreckliche Gespenster heim, Er hörte ihr Kampfgeschrei und hatte das Gefühl, die Geräusche hätten sich gegen ihn verschworen. Nichts konnte er dagegen tun, selbst lautes Schreien half nicht dagegen an, und auch die Ohren zuzuhalten nützte nichts. Er hatte niemanden, an den er sich anlehnen konnte, der ihm Geborgenheit und Wärme hätte vermitteln können.
Endlich fiel er in einen unruhigen Schlaf. Doch mitten in der Nacht wachte er auf, konnte nicht mehr schlafen, der volle Mond hatte ihm mitten ins Gesicht geschienen. Öcetim erhob sich und stieg hinunter zu dem im hellen Mondlicht glitzernden Bach, sein geheimnisvolles Plätschern lockte ihn weiterzugehen. Er folgte dem Wasser flussauf, an einer engen Kurve des Bachs hatten sich alte Knochen und Geweihstücke am Ufer angelagert. Noch nie hatte er sich so weit von seinem Lager entfernt. Nach einer weiteren Biegung wurde der Pfad steiniger und steiler, Öcetim wollte seine nächtliche Wanderung schon beenden, als er von ferne das Rauschen eines Wasserfalls hörte. Von einem überkragenden Felsen fiel klares Wasser in einen kleinen See, dort war es noch heller und irgendwie wurde es Öcetim feierlich zumute.
An den Stellen, wo das Mondlicht auf den See traf, schimmerte das Wasser in einem dunklen Rot. ʼSicherlich wohnt in diesem See eine mächtige Gottheit,ʼ dachte Öcetim bei sich. Er beugte sich über die kristallklare Wasserfläche und sah in den See, ihm war als ob sich dort etwas bewegte. Er sah genauer hin, und tatsächlich, unten am Grund war undeutlich die Göttin des Wassers zu erkennen. Ihre langen blonden Haare schwebten im Wasser, langsam schwamm sie nach oben. Immer deutlicher konnte er ihre silbrig glänzende schlanke Gestalt erkennen, zwischen ihren Fingern und Zehen schimmerten Schwimmhäute, doch ansonsten sah sie aus wie eine richtige Frau. Ihre dunklen Brustwarzen und die Haare auf ihrer Scham waren deutlich zu sehen. Ihm war als lächelte sie ihn an.
ʼOb ich es wagen darf in diesen herrlichen See zu steigen, aus dem mir die Göttin zulächelt?ʼ Die Versuchung war übermächtig, und so sprang Öcetim mit einem Satz in das kalte Wasser. Er schwamm zu der rötlichen Stelle des Sees, wo er die wunderschöne Gestalt gesehen hatte. Weil er aber außer Schlingpflanzen und Algen dort nichts Auffälliges bemerkte, stieg Öcetim nach mehreren vergeblichen Tauchgängen wieder aus dem Wasser.
Enttäuscht stellte er sich unter den Wasserfall, ließ das Wasser auf seinen Kopf fallen, auf seine Schultern, seinen Rücken und seinen Bauch. Er dachte an die schöne Frau im See, fühlte die Gegenwart der Göttin und spürte ihre Nähe. Sein Geschlecht richtete sich auf, und schon nach wenigen Handbewegungen brachte er der Göttin ein spezielles Opfer.
Befriedigt sprang er in das kalte Wasser, tauchte bis auf den Grund, doch die Göttin fand er noch immer nicht. Bekümmert watete er aus dem See ans Ufer, schüttelte sich, sah sich um. ʼTrotzdem,ʼ dachte er, ʼdas ist eine gute Gegend, hier will ich bleiben, ich will die schöne Göttin suchen.ʼ Auf dem Rückweg fand Öcetim zu seiner großen Freude Seifenkraut am Bach wachsen. Damit würde er sicherlich besser riechen, vermutete er, wenn er die sich noch zierend im See versteckt haltende Göttin wieder besuchte.
Diese entzog sich zwar weiterhin seinen lüsternen Blicken, meinte es aber ansonsten gut mit ihm, denn er fand in der Umgebung des Sees Vogeleier, Nüsse und Beeren in Hülle und Fülle. Erfolgreich jagte er Fische, Frösche und Mäuse, mehrmals hatte er Hasen erlegt, einmal auch ein junges Reh. Das war wichtig vor allem wegen der Felle und der Sehnen, die Mägen und Blasen der erlegten Tiere konnte er als wasserdichte Vorratsgefäße nutzen.
Doch oft hatte Öcetim kein Jagdglück, entweder hatten ihn die Rehe zu früh gewittert und waren geflüchtet oder seine Speere hatten das Ziel verfehlt. So musste er wohl oder übel mit kleineren Tieren vorlieb nehmen. ʼWas soll ich nur tun?ʼ fragte sich Öcetim. ʼSee und Bäche werden zufrieren und Fische nicht mehr zu fangen sein, viele Tiere werden sich in Höhlen verkriechen und der Schnee wird alles zudecken, da kann auch die Göttin im See nichts dagegen machen. Ob ich doch weiter ziehen soll, um vielleicht freundliche Menschen zu finden?ʼ
Täglich suchte er nach der Göttin im See und brachte ihr seine speziellen Opfer, doch eine Antwort erhielt er nicht. Öcetim war enttäuscht, schließlich gab er seine Suche auf. Als es kälter wurde und der erste Raureif morgens auf den Gräsern lag, packte er Proviant und seine Sachen zusammen und machte sich auf den Weg. Hoffnungsfroh folgte er dem Bach, der größer und größer wurde und schließlich in einen Fluss mündete. Den konnte er noch durchwaten, den nächsten Fluss musste er schwimmend durchqueren. Nebenbei fing Öcetim Fische, erlegte mit seiner Wurfschleuder Enten und Haubentaucher, fand Preisel - und Blaubeeren, so dass er nur selten auf seinen Proviant zurückgreifen musste.
Aus der Ferne betrachtet stellte der ganz in Leder gekleidete Junge bereits eine stattliche Erscheinung dar. Er war hochgewachsen und breit, größer als die Jungen in seinem Alter. In seine kastanienbraunen Haare waren Muscheln und Federn eingeflochten, sie fielen ihm in sanften Locken bis auf die Schultern, doch bei näherer Betrachtung fielen seine in tiefen Höhlen liegenden dunkelbraunen Augen auf. Sie blickten unruhig umher, auch seine Nasenflügel waren stets in Bewegung als witterten sie überall Gefahr. Über seiner Oberlippe sprossen erste Barthaare und um seinen Mund spielte trotz seiner Jugend bereits ein harter Zug.
Nach vielen Tagen der Wanderung sah er Rauch aufsteigen. Tagelang beobachtete er das Dorf und die Menschen dort, wagte aber nicht, Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Zu tief saß der Schock des Überfalls auf sein Dorf noch in seinem Herzen. Obwohl er sich nach Menschen sehnte, hielt er sich weiterhin versteckt.
Es war ein großes Dorf, viele Felder mit abgeerntetem Getreide und Herden von Schafen, Ziegen und kleinen Rindern lagen um es herum. Leute drängten in die befestigte Siedlung durch das Tor im Palisadenwall. Andere kamen aus der Siedlung heraus, die Menschen dort waren sehr beschäftigt. In seinem alten Dorf hatte es zwar auch viel zu tun gegeben, doch hatten seine Leute viel mehr Muße gehabt, Zeit um nichts zu tun oder einfach nur um beieinander zu sitzen und zu reden. Die herrschende Unruhe kam Öcetim seltsam vor. Da ihm aber nichts Verdächtiges auffiel, nahm er seinen ganzen Mut zusammen und näherte sich vorsichtig dem Dorf.
Etwas Besonderes schien in der großen Siedlung vor sich zu gehen. Viele Menschen bewegten sich auf den Straßen und Plätzen, die meisten waren gut gekleidet, viele hatten Kleider aus gewebten Stoffen, nicht wenige trugen hübsche Halsbänder um ihren Hals mit Steinen in leuchtenden Farben. Viehherden und Getreide waren in diesem Jahr gut gediehen, dafür opferten die Menschen in einem großen Dankfest den Göttern einen Teil der Feldfrüchte, Ziegen und Schafe. Sie verbanden damit die Bitte auf eine gute Ernte und den Erhalt ihrer Viehbestände im kommenden Jahr. Opferplätze wurden aufgebaut, Getreide aus den Speicherkammern herangeschafft und Tiere in Pferche getrieben.
An zentralen Plätzen hatten sich Gruppen von Musikern postiert. Sie bliesen ihre aus Knochen gearbeiteten Flöten und die aus den Stängeln der Engelwurz gefertigten dicken Blasrohre und schlugen ihre Rasseln und Trommeln in einem drängenden wilden Rhythmus. Die Musikergruppen wetteiferten miteinander, und die Menschen spendierten ihnen einen Becher Pastosaako nach dem anderen.
Öcetim legte seine Scheu ab. Nach der langen Zeit der Einsamkeit berauschte sich der junge Mann an dem Lärm, genoss die Ausgelassenheit und das wilde Treiben. Der stampfende Rhythmus ging ihm in die Beine und er bewegte sich im Takt der Musik. Nicht weit von ihm wurde Pastosaako ausgeschenkt und er verspürte große Lust auf dieses süffige Getränk.
Öcetim erinnerte sich, auch in seinem Heimatdorf hatte es dieses Getränk gegeben, das den Geist beschwingte. Pastosaako gab es allerdings nur, wenn die ungefähr daumengroßen gelblichen Wurzeln zu finden waren, aus denen dieser leckere Trank gemacht wurde. Die Wurzeln wurden gekocht, dann von den Frauen gekaut und dabei mit ihrem Speichel vermischt und wieder ausgespuckt. Die dicke Flüssigkeit wurde mindestens drei Tage lang in einem Gefäß aufbewahrt, je länger sie dort lag, desto stärker konnte der Pastosaako den Geist anregen. Öcetim hatte dieses Wohlgefühle erzeugende Getränk geliebt.
Einer Frau hinter dem Tresen fiel der Junge mit dem dichten schulterlangen Haar und den dunkelbraunen Augen auf. Sie hatte ihn noch nie gesehen. Sie winkte Öcetim zu ihrem Stand und schenkte einen Krug für ihn ein. Doch bevor sie ihn Öcetim reichte, hob sie einen Finger in die Höhe. Öcetim schaute sie verständnislos an. „Einen Rad kostet der Krug“, meinte sie.
„Einen Rad? Was ist denn das?“
„Du bist wohl neu hier? Kann man ja auch sehen…“, amüsierte sie sich über den großen Jungen. „Einen Rad musst du mir geben für einen Becher Pastosaako, normalerweise. Aber weil Du so ein hübscher junger Mann bist, bekommst Du diesen Krug heute ausnahmsweise von mir geschenkt.“
„Die Götter mögen immer gnädig mit Dir sein“, bedankte sich Öcetim und setzte den Krug an seine durstigen Lippen. „Schmeckt gut, nicht wahr?“ lächelte ihn die Frau an.
Öcetim nickte und wischte sich den Schaum vom Mund. „Wunderbar, wie der Saft der Göttinnen“, entgegnete ihr Öcetim, in dem er einen Trinkspruch seines Vaters benutzte. Den hatte er zwar nie verstanden, aber er erinnerte sich, dass die Leute dann immer gelacht hatten.
„Schau, das ist ein Rad, er ist mit einem besonderen Zeichen aus Lehmerde gebrannt, speziell für diese Tage des großen Opferfestes. Du kannst eine ganze Hand voll Rad eintauschen gegen ein lebendes Huhn oder gegen drei geschossene Enten, für ein Schaf bekommst Du sogar einen Mond voll Rad“, erklärte sie, indem sie ihm die Finger ihrer beiden Hände insgesamt drei Mal zeigte. Öcetim lächelte ihr freundlich zu, verstanden hatte er sie allerdings nicht. Doch wusste er nun, dass er Rad brauchte, um Pastosaako kaufen zu können. Er trank seinen Krug aus, gab ihn der Verkäuferin mit einem unsicheren Lächeln wieder zurück und ging zu einer der Musikgruppen.
ʼDas ist wirklich berauschend schönʼ, dachte er. ʼAber was mache ich hier, ohne Rad? Ob’s besser wäre, zurück in den Wald zu gehen, um erst mal zu schlafen? Morgen ist auch noch ein Tag, dann wird man ja sehen…ʼ Tief drinnen im Wald suchte sich Öcetim einen Schlafplatz, konnte aber nicht schlafen, er war ganz verwirrt. Noch nie hatte er so viele Menschen gesehen, und so ein riesiges Fest hatte er sich gar nicht vorstellen können.
Am nächsten Morgen ging Öcetim schon früh auf Entenjagd. Anschließend wusch er sich besonders gründlich und zog sich sorgfältig an. Er versteckte seine Speere und einen Großteil seiner Ausrüstung in einer Baumhöhlung, sein scharfes Feuersteinmesser steckte er an seinen Gürtel. So gerüstet ging er erneut in die große Siedlung. Schon vor Mittag war es laut und bunt und der Pastosaako floss in Strömen. Auf den Opferplätzen wurden Tiere geschlachtet, aus deren Innereien weise Leute die Zukunft lasen. Nachdem er seine Enten eingetauscht hatte, ging er wieder zu dem Pastosaakoausschank, wo er tags zuvor schon gewesen war. „Einen Krug Pastosaako bitte“, bestellte er.
„Aber gerne“, lächelte ihn die Verkäuferin an.
„Schwer was los hier“, begann ein Mann mittleren Alters ein Gespräch mit ihm. „Neu hier in der Gegend?“
„Ja, ich komme von weit her. Tolles Fest hier, und so viele Menschen.“
„Ja, hier gibt es alles – und man kann alles haben, was das Herz begehrt. Pastosaako, Kleider, Waffen und sogar so manche hübsche Frau“, erklärte ihm sein Gesprächspartner. „Ich heiße übrigens Celso und komme von der Mine. Darf ich Dich zu einem Pastosaako einladen?“
Öcetim hatte gerade ablehnen wollen, als schon ein Krug Pastosaako vor ihm stand. „Du kennst die Mine nicht?“, fragte der kahlköpfige Celso und bestellte ungefragt zwei weitere Pastosaakos. Mit listig blitzenden Augen fuhr er fort: „Die Mine ist nicht weit von hier, da leben und arbeiten viele Menschen, sie holen wertvolle Erze und Steine aus der Erde.“
„Sind das die Steine, mit denen sich die Leute schmücken? Wozu braucht man denn Erze?“
„Ja, solch schöne Steine sind das, besser aber noch ist das Erz. Dafür geben Dir manche Leute alles was Du willst.“ Öcetim schluckte und schaute Celso verwundert an, denn er konnte sich unter „Mine“ und „Erze“ noch immer nichts Konkretes vorstellen. „Hier, Dein Pastosaako, Öcetim, auf die Mine und das Erz.“
Öcetim fühlte sich geschmeichelt, mit einem so erfahren Mann reden zu können, obwohl er vieles nicht verstand. Weil er noch viel mehr erfahren wollte, und da sich ihm so eine Gelegenheit so bald wahrscheinlich nicht mehr bieten würde, begann er stockend: „Die Mine…, aus der Mine, die nicht weit von hier ist, holen die Menschen Erze. Was aber sind Erze? Und warum bekommt man dafür alles was man will?“
„Weil sich aus dem Erz ein ganz besonderes Material gewinnen lässt, woraus geschickte Leute Beile und Dolche machen können, die viel besser sind als die aus Stein“, antwortete ihm der glatzköpfige Celso. Öcetim hatte so etwas noch nie gehört und konnte sich Messer und Beile aus diesem ganz besonderen Stoff auch nicht vorstellen. Von jeher wurden Messer, Äxte, Beile und alle anderen Werkzeuge und Waffen aus Feuerstein gemacht. Was sollte nun bloß mit diesem anderen Stoff sein?
„Schau Dir diese zwei hübschen Dinger an, wie die mit ihren Ärschlein wackeln.“ Der Glatzkopf deutete auf zwei hübsche junge Frauen, die gerade am Ausschank vorbei schlenderten. Mit diesen Worten lenkte er Öcetims Aufmerksamkeit auf andere Dinge. „Das ist es, wofür es sich zu arbeiten lohnt.“ Öcetim verstand ihn nicht recht und schaute Celso verdutzt an. „Auf Junge, noch ein Pastosaako!“ Celso bestellte nochmals zwei weitere Krüge. „Auf die Frauen“, prostete er Öcetim zu.
„Wie schon gesagt, für Erz bekommt man alles was man will“, nahm Celso den Gesprächsfaden wieder auf. „Alles!“ und damit deutete er erneut auf die beiden jungen Frauen.
„Wie kommt man zur Mine und was arbeiten die Menschen dort?“ wollte Öcetim von ihm wissen.
„Es sind nur drei Tagesmärsche bis dahin. Und die Arbeit: naja, sie ist nicht leicht, man muss kräftig sein und ausdauernd arbeiten können. Aber es gibt immer genügend zu essen und Du kannst etwas verdienen, Rad zum Beispiel.“
„Kräftig bin ich und ausdauernd arbeiten kann ich auch“.
Das war genau das, worauf Celso hinaus wollte.
„Wenn Du willst, kannst Du mit mir kommen. Übermorgen schon werde ich mit ein paar anderen Jungen in Deinem Alter dorthin aufbrechen. Wir sehen uns…“
Im Vertrauen auf eine gesicherte Zukunft, auf eine Gemeinschaft mit anderen Menschen, auf einen Platz, wo er arbeiten und leben und vielleicht auch seine Stelle im Leben finden könnte, sagte ihm Öcetim zu. Nachts in seinem Waldlager aber gingen ihm wirre Gedanken durch den Kopf. Im Traum stapfte er durch kniehohen Schlamm, dann war er in einer dunklen Höhle eingesperrt, später kämpfte er sich durch Eis und Schnee, immer wieder fallend und beinahe im tiefen Schnee versinkend, während hungrige Wölfe ihn gierig umrundeten.
Am nächsten Morgen brummte sein Schädel. An seinen Traum konnte er sich nur noch schemenhaft erinnern, doch er schien ihm ein Zeichen zu sein, besser nicht mit Celso zu den Minen zu gehen. Öcetim grübelte, wälzte die verrücktesten Ideen in seinem Kopf, konnte sich aber nicht entscheiden. Auch wenn er sich immer wieder einzureden versuchte, dass ein Besuch in der Mine ja nicht schaden könne, er diese ja zu jeder beliebigen Zeit wieder verlassen könne. Irgendein böser Geist des Zweifels nagte an ihm.
Auf seinem Weg in die Siedlung tauchte Celso plötzlich vor ihm auf. „Du schaust nicht zufrieden aus. Was bekümmert Dich, mein Freund?“ Celso schaute ihm neugierig in die Augen. „Kann ich Dir irgendwie helfen?“
ʼDen wahren Grund kann ich ihm nicht nennen,ʼ dachte Öcetim und antwortete: „Es ist ein tolles Fest, alles was man begehrt ist hier zu haben. Pastosaako, gutes Essen – und Frauen.“ Öcetim bemühte sich wie ein erfahrener Mann zu wirken, großspurig tönte er. „Nur gibt es nichts umsonst, alle wollen die komischen Rad haben.“
Celso nickte bestätigend, drängte ihm mehrere Krüge Pastosaako auf und schließlich gelang es ihm, Öcetim das Versprechen abzunehmen, sich mit ihm am nächsten Morgen zu den Minen aufzumachen.
Hinter jedem Gebüsch und jedem Strauch versteckte sich ein Geist. Alles war heilig, die Quellen und Flüsse, der Wind, jeder Berg und jeder Baum, die Erde, die Seen, der Mond, die Sonne, die Sterne, besonders aber der Blitz. Auch die Tiere waren heilig, vor allem Hirsche, Biber, Schlangen, Adler und Schwäne. Ihnen allen erwiesen die Menschen Ehre, denn auch gnädige Götter können zürnen.
Dank der Gunst der Götter mussten die Aschkanen keine Not leiden. Sie lebten zufrieden und ihre Familien vergrößerten sich. Sofern es Streit und Krankheiten gab, waren spezielle Mittler gefordert. Die fanden in aufwändigen Zeremonien mit Hilfe der Götter die Schuldigen und die Ursachen, auch die Wege zur Lösung dieser Probleme wurden von den Göttern aufgezeigt.
Mehrere Familien, meistens zwei bis drei Dutzend, wohnten in größeren Siedlungen zusammen. Da sie Vorratshaltung betrieben, es bei ihnen also etwas zu holen gab, mussten sie ihre Dörfer vor Dieben schützten. Sie umgaben ihre Runddörfer mit Erdwällen, mit Palisaden und Zäunen. Die überwiegend an Seen und Flüssen wohnenden Aschkanen hatten große Boote, die sie in harter Arbeit mit ihren Feuersteinbeilen aus großen Bäumen herausschlugen. Sie fischten mit Netzen und Reusen aus Weidenzweigen, benutzten aber auch Bogen und spezielle Pfeile, die nicht eine, sondern gleich drei Spitzen hatten.
Im Hauptdorf der Aschkanen lebte die Schwänin, eine allseits geachtete Frau. Aus lehmiger Erde fertigte sie wunderschöne Keramikwaren, indem sie einen Wulst Tonerde auf den anderen setzte. In ihre Gefäße ritzte sie verschlungene Muster, auch Dreiecke und einfache Symbole von Tieren und Göttern. Dafür war sie weit über ihr Gebiet hinaus berühmt, viele Henkelkrüge konnte sie gegen bunt gewebte Stoffe und manchmal auch gegen ganze Kleidungsstücke eintauschen. Immer wieder wurde sie auch zu Kranken gerufen, denn sie war eine Mittlerin und stand somit auf derselben Rangstufe wie der Häuptling des Dorfes. Der wurde allerdings immer nur für ein Jahr gewählt, während sie von den Göttern als Mittlerin zwischen ihnen und den Menschen dauerhaft auserkoren worden war.
Vor langer Zeit, sie war damals noch eine heranwachsende Frau und hatte gerade erst ihre ersten Blutungen erlebt, war sie am See zum Fischen gewesen und eingeschlafen. Ein Schwan kam auf die Schlafende zu und begann leicht an ihren Fußzehen zu knabbern. Sie erlebte diese Berührung des Tieres als würde sie zärtlich liebkost, sie stöhnte wohlig, wollte weiter träumen. Beim Erwachen jedoch sah sie einen großen weißen Schwan vor sich stehen, der ihr direkt in die Augen blickte. Das Erstaunlichste war, dass sie verstehen konnte, was er zu ihr sagte.
„Du und ich – wir sind eines! Obwohl wir in verschiedenen Gestalten leben. Wenn ich am Himmel fliege, sehe ich die Welt und alle verborgenen Dinge. Ich sehe nicht nur, was die Menschen tun, ich kenne auch ihre Absichten und geheimen Gedanken. Ich kann bis zu Göttern hoch am Himmel oben fliegen und ihnen berichten. Sie tun mir ihre Absichten kund und sie geben mir Aufträge, die ich den Menschen zu vermitteln habe. Ich komme Dich wieder besuchen - und Du kannst mich jederzeit rufen“, krächzte der weiße Schwan, nahm Anlauf und hob sich hoch in die Lüfte.
Erschrocken und verwirrt blieb die junge Frau am Ufer zurück. ʼSoll ich eine Mittlerin werden?ʼ fragte sie sich.
Alle wussten, dass Krankheiten nicht von ungefähr kamen, dass sie immer von den Göttern gesandt waren. Vielleicht zur Strafe für ein Vergehen, für ein vergessenes Opfer oder vielleicht auch aufgrund eines bösen Zaubers. Da nichts auf der Welt ohne Grund geschah, mussten die Götter befragt werden. Ohne deren Anweisung bliebe jede Heilung nur vorgetäuscht, die Krankheit würde sonst über kurz oder lang wieder in den Körper zurückkehren.
Der Schwan besuchte sie immer wieder und forderte sie auf, von dem alten Schamanen ihres Dorfs die geheimen Dinge des Lebens zu lernen. Anfänglich eher widerwillig tat der alte Mann dies, freute sich aber bald, da das wissbegierige Mädchen schnell lernte. Sie lernte den Gebrauch von Weidenrinde, um Schmerzen zu lindern, von Beinwell und Kamille bei Verletzungen und Entzündungen, von Odermenning bei Durchfall und vieles andere mehr. Auch lehrte ihr der alte Schamane die Wirkung und die richtige Dosierung von verschiedenen Pilzen und von Schlafmohn, um in eine andere Welt zu treten und zu ihrem Totem, dem Schwan zu werden.
Im Lauf der Zeit wurde die Schwänin zu einer geachteten Schamanin. Sie heilte mit Erfolg Knochenbrüche, in dem sie die gebrochene Extremität mit Holzschienen ruhig stellte, sie behandelte die Entzündungen der Atemwege mit Inhalationen von Efeudämpfen und die Atemnot mit Extrakten von Weißdorn. Auch die Erkrankungen der Frauen und der alten Männer wusste sie mit großem Einfühlungsvermögen und den passenden Kräutern, Wickeln und Dämpfen zu kurieren. Die Leute im Dorf und auch in den anderen Siedlungen nannten sie bald nur noch voller Respekt die Schwänin.
Die Heilungen folgten einem vorgeschriebenen Ritual. In einem Haus mit steinernem Boden wurde der Kranke auf ein Lager aus Heu gelegt. Ein Feuer brannte in der Mitte der Hütte, in dem auch seltene Kräuter, Tierknochen und Vogelfedern verbrannt wurden. Die Schwänin saß dicht neben dem Kranken und blies auf ihrer aus einem Schwanenknochen gefertigten Flöte unaufhörlich dieselben Melodien. Danach rauchte die Schwänin einen mit zerriebenem Mohn versetzten Stängel aus Schilfgras und blies den Rauch dem Kranken ins Gesicht. Dann saugte sie aus seinem Bauch und seiner Brust kleine Steine heraus, spuckte sie ins Feuer, wo sie unter lautem Geprassel verbrannten. Die Schwänin sprang über und um ihren Patienten, schlug die Arme wie ein Vogel auf und nieder und krächzte wie ein Schwan, so dass sie in der dunklen und verrauchten Hütte von einem wahren Schwan bald nicht mehr zu unterscheiden war.
Jetzt konnte sie Kontakt zu den Göttern aufnehmen, ihnen vom Schicksal ihres Patienten berichten und Anweisungen der Götter erhalten, die genau und sofort umzusetzen waren. Es konnte sein, dass der Patient ein großes Opfer bringen musste für eine bestimmte Gottheit, gegen die er sich vergangen hatte, oder dass er das Dorf für eine Weile meiden musste. Es konnte aber auch sein, dass die Schwänin ihn verletzen musste, seinen Körper mit einem Stein aus scharfem Feuerstein zu öffnen hatte. Oft flossen aus diesem Schnitt Eiter oder andere übel stinkende Flüssigkeiten. Die Zeremonien dauerten üblicherweise die ganze Nacht und gingen bis zur Erschöpfung aller Beteiligten. Denn nur bei vollkommener Aufgabe seiner irdischen Person konnte ein Schamane den Kontakt zu den Göttern herstellen.
Auch die Schamanin hatte einen Mann genommen und drei Kinder bekommen, wobei eines gleich bei der Geburt und das zweite – noch ohne einen Namen erhalten zu haben – schon wenige Wochen nach der Geburt gestorben waren. Ihr drittes Kind hatte die gefährlichen ersten Monde überlebt. Der kleine Junge wurde den Göttern und allen Dorfmitgliedern bei einem Fest zu seinen Ehren vorgestellt und hatte bei dieser Gelegenheit seinen Namen bekommen: Gilger. Sein linkes Bein war in seiner Beweglichkeit ein wenig eingeschränkt, dieses Hüftleiden fiel zunächst nur der Mutter auf.
Gilger wuchs zufrieden und glücklich in der kleinen Dorfgemeinschaft auf, wo sein Vater Rodo und die Schwänin ein paar Ziegen und Schafe hielten. Gilger liebte diese Tiere. Er genoss ihren Geruch und mochte es gerne, wenn die Tiere sich an ihm rieben. Dies erzeugte wohlige Gefühle in ihm.
Mit der Zeit lernte er die einzelnen Tiere nach ihren Eigenheiten zu unterscheiden. Als er größer geworden war, arbeitete er als Hütejunge. Diese Arbeit gefiel ihm, denn dabei hatte er Muße und konnte unbehelligt auf seiner Flöte spielen. Wenn sein Vater ihn aufforderte, begleitete er ihn auch zur Jagd, aber lieber war er draußen bei der Herde, bei den friedlichen Tieren. Häufig schlief er nachts unter freiem Himmel bei den Ziegen und Schafen, ihm schien, als funkelten die Sterne draußen auf den Weiden strahlender als in ihrem Dorf.
Ziegen und Schafe hatten verschiedene Besitzer, wurden aber gemeinsam in Herden gehalten. Die Tiere waren sehr wertvoll, denn außer der Wolle lieferten sie Fleisch, Fett, Leder, Sehnen, Knochen und nach dem Lammen auch Milch. Ihre Weiden lagen oft weit entfernt von den Dörfern. Hirten bewachten sie und schützten die Herden vor Raubtieren. Im Frühsommer wurden die Tiere ins Dorf getrieben, wo ihre wenige harte Wolle geschoren wurde. Winters blieben sie in Pferchen in der Nähe des Dorfes. Wenn die Weiden von Schnee bedeckt waren, gab man ihnen Laubheu zum Fressen. Dazu mussten im Sommer viele Zweige von Laubbäumen geschnitten und getrocknet werden. Schließlich musste das Laubheu bis zum nächsten Austrieb reichen.
Ohne ersichtlichen Grund wurde Gilgers Vater krank. Er begann zu husten, Blut zu spucken, wurde immer schwächer und konnte schließlich nicht mehr gehen. Die Schwänin und Gilger versorgten ihn aufopferungsvoll in seiner Hütte, brachten ihm die leckersten Speisen und Getränke. Trotz vieler aufwändiger Zeremonien hatte die Behandlung der Schwänin keinen Erfolg. In diesem Fall versagten sich ihr die Götter. In ihrer Not rief die Schwänin auch andere Schamanen zu Hilfe, doch auch die konnten nicht den bösen auf Gilgers Vater liegenden Zauber bannen. Blutspuckend und bis auf Haut und Knochen abgemagert verstarb Rodo. Gilgers Vater hatte diese Welt verlassen und sich auf die lange Reise zu den Göttern begeben. Gilger vermisste seinen Vater sehr.
Da es nun an ihm lag, ab und an Fleisch nach Hause zu bringen, musste er jagen lernen. Er hatte nie gerne gejagt und deshalb auch nicht richtig aufgepasst, wenn sein Vater ihn in der Jagd unterwies. Um seine Bogenschusstechnik zu verbessern, übte er immer wieder mit Pfeil und Bogen, wenn keiner ihn sehen konnte. Mit dem großen Bogen seines Vaters zu schießen war nicht einfach, allein ihn zu spannen kostete viel Kraft. Dann begannen seine Arme zu zittern, was seine Zielgenauigkeit deutlich minderte.
Bei seinen Übungen schoss er auf eine Zielscheibe, die er in den Formen einer Frau in eine große Buche ritzte. Oft stellte er sich dabei die Mädchen vor, die sich wegen seines hinkenden Gangs über ihn lustig machten. Insbesondere die kichernde Maluga war sein bevorzugtes Zielobjekt. Allmählich wurde er ein besserer Schütze, er zielte auf die Stirn von Maluga, auf ihre Brüste, ihren Bauch und am liebsten noch etwas tiefer. Wenn sein Pfeil diese Stelle seiner Zielscheibe traf, stieß er einen Freudenschrei aus. Schließlich hatte er seine Treffsicherheit soweit verbessert, dass er mit Aussicht auf Erfolg auf die Jagd gehen konnte. Gelegentlich brachte er ein kleines oder krankes Reh, eine Ente oder einmal sogar einen Biber mit nach Hause.
Die Schwänin war inzwischen eine der anerkanntesten Heilerinnen im weiten Umkreis geworden. Die Kranken kamen von weit her, um sich von ihr behandeln zu lassen. Zu ihren Zeremonien kamen Männer und Frauen mit chronischen Wunden, mit Potenzstörungen, Leistungsschwäche und Kurzatmigkeit. Menschen, die in tiefer Dunkelheit und Traurigkeit lebten, Frauen, die keine Kinder gebären konnten, Kinder mit Durchfall und Hautauschlägen, mit Eiterbeulen und mit Knochenbrüchen. Für sie alle erhob sich die weiße Schwänin unter Aufgabe ihrer eigenen irdischen Identität in große Höhen empor, um mit den Göttern die Angelegenheit des Kranken zu besprechen und ihre Anweisungen zu hören.
Eines Tages wurde eine junge Frau zu ihr gebracht. Maluga war erst vor Kurzem von ihrem ersten Knaben entbunden worden. Nun hatte sie eine entzündete Brust, außerdem Fieber und sie stöhnte vor Schmerzen. Die Schwänin untersuchte Maluga, gab ihr einen Sud aus Weidenrinde, band die entzündete Brust hoch. Weil dies der kranken Frau aber keine große Linderung verschaffte, flößte sie ihr auch eine genau bemessene geringe Menge an Mohnsaft ein. Malugafiel daraufhin in tiefen Schlaf, am nächsten Morgen ging es ihr nur wenig besser. Deshalb mussten nun in einer speziellen Zeremonie die Götter um Rat gefragt werden.
Die Schwänin tanzte um den Körper der jungen Frau, immer wilder tanzte sie und plötzlich trug sie ihr weißes Federkleid. Sie bewegte sich wie ein Vogel und begann zu fliegen, bis hinauf zum Sitz der Götter flog sie, um deren Rat zu erhalten.
„Ein vergifteter Pfeil durchdrang ihre Brust,“ sprachen die Götter. „Wer hat auf diese unschuldige junge Frau geschossen?“ fragte die Schwänin mit gesenktem Kopf. Denn nie wagte sie es, den Göttern ins Gesicht zu blicken. Die geflüsterte Antwort der Götter ließ ihr Gesicht und sogar ihren Schnabel bleich werden. Der weiße Schwan kehrte zurück in die Hütte, zu ihrer Patientin und ihrem Helfer. „Sie wurde durch einen magischen Pfeil verletzt.“
„Ein Pfeil fliegt nie von selbst, immer gibt es einen Schützen. Wer sollte auf diese junge Frau schießen?“ fragte der Helfer.
Noch halb in Trance flüsterte die Schwänin mit versagender Stimme: „Die Götter sagten, es sei Gilger gewesen, mein Sohn.“ Sie hämmerte mit beiden Fäusten auf Maluga ein, sah mit irrem Ausdruck ihren Helfer an. „Was machen wir nur?“ fragte die Schwänin mit krächzender Stimme. „Wir können Gilger doch nicht…“ Ihr Helfer aber hörte sie schon nicht mehr.
„Menschen, die Pfeile auf andere Dorfbewohner schießen, haben in unserer Siedlung nichts verloren. Bist Du denn ganz sicher, dass Du auch alles richtig verstanden hast?“ Der Häuptling blickte streng auf den Helfer der Schwänin, fragte mehrmals nach und formte seine Gedanken langsam zu Worten: „Der Sohn der Schwänin hat auf Maluga mit einem Pfeil geschossen und deshalb ist Maluga erkrankt, das hat die Schwänin selbst gesagt. Wenn es die Götter ihr selbst mitgeteilt haben, dann kann daran wohl kein Zweifel bestehen.“
Er wiegte bedächtig seinen Kopf, stützte ihn in beide Hände und atmete langsam aus. Hatte er nicht gehört, dass Gilger seine Pfeile auf Zielscheiben schoss, die Frauen abbildeten? Das hatte ihn bisher nicht gestört, doch jetzt sah die Sache anders aus. Ihm oblag es, Schaden vom Dorf abzuwehren, dessen Schutz ihm von seinen Bewohnern und den Göttern anvertraut worden war. Woran also noch zweifeln? „Gilger hat seinen Platz in unserer Dorfgemeinschaft verwirkt!“ sprach der Häuptling laut und bestimmend. „Nehmt ihn gefangen und bring ihn gefesselt zu mir!“
In dieser Nacht konnte die Schwänin nicht schlafen. Sie wälzte sich auf ihrem Lager hin und her. ʼGilger darf nicht sterben, er ist noch so jung, Es war doch keine böse Absicht, als er auf Maluga als Zielscheibe in den Baum ritzte. Erst kürzlich hatten die Götter ihren Mann sterben lassen. Und jetzt Gilger? Wofür wollen sie uns strafen?ʼ
Die Schwänin erhob sich und eilte auf die kleine Anhöhe, von wo sie auf ihren geliebten See sehen konnte. Der schon zu drei Vierteln volle Mond spiegelte sich silbern im ruhigen Wasser. Zwei Schwäne nahmen Anlauf im Wasser, hoben schwerfällig ab in die Luft und flogen hoch und höher. Sie flogen über den Wald und ihr Dorf. Seufzend schaute sie ihnen nach, bis sie aus ihrem Gesichtskreis verschwanden.
In drei Tagen wird der Mond gerundet sein, in drei Tagen wird der Dorfrat sein Urteil fällen. Was konnte sie schon erwarten? Hatte sie doch selbst in jener denkwürdigen Sitzung den Ratschluss der Götter mitgeteilt. Maluga war inzwischen wieder wohlauf. Wofür sollte Gilger jetzt noch sühnen? Die Schwänin streckte sich, schüttelte ihren Kopf. Dann besann sie sich auf ihre Stärken. Sie konnte sich völlig geräuschlos bewegen, beinahe fliegen. Und sie hatte die schärfsten Messer, mit denen auch die dicksten Stricke rasch durchschnitten werden konnten.
Die Schwänin musste sehr vorsichtig sein, denn der fast volle Mond verbreitete ein helles Licht. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass alle Dorfbewohner schliefen, schlich sie zu dem an einen Pfosten gebundenen Gilger. Rasch schnitt sie seine Fesseln durch und drückte ihn kurz an ihre Brust. So schnell sie konnten, flüchteten sie aus ihrem Dorf. Sich an den Händen fassend, passierten sie den Durchgang im Erdwall, bald schon hatte sie das Dunkel des Waldes verschluckt. Kein Dorfbewohner hatte etwas bemerkt.
Leise führte die Schwänin ihren Sohn durch dichtes Unterholz bis zu einem Bach. In diesem wateten sie eine lange Strecke, so dass selbst Hunde ihre Spur verlieren würden. Endlich kamen sie zu einem kleinen Platz, wo die Schwänin schon tags zuvor an einem Baum zwei Tragegestelle mit allem Notwendigen aufgehängt hatte, das für eine längere Reise gebraucht wurde: In Gilgers Tragegestell hatte sie Messer und Beile, Schnüre und aus Wolle gewebte Kleider gepackt, selbst Gilgers Flöte hatte sie nicht vergessen. In ihren Sack hatte die Schwänin eine kleine Notapotheke mit Weidenrinde und Birkenporlingen gesteckt sowie ein Päckchen mit gelber Tonerde, das sie Okra nannte und für rituelle Zeremonien benutzte. Außerdem hingen an einem Ast ein Bogen und ein Köcher mit mehreren Pfeilen, in einem Sack waren Fladenbrote, und gedörrter Fisch. Gilger stopfte gierig das Brot und den Fisch in sich hinein und trank in großen Zügen. Die Schwänin schaute ihrem Sohn zu und freute sich, dass es ihm so gut schmeckte. Sie hingegen wollte weder essen noch trinken.
Immer weiter dem Bach folgend, marschierten sie die ganze Nacht weiter, bis sie im Morgengrauen eine kleine Höhle fanden. Dort aßen sie den Rest ihrer Vorräte und ruhten sich für ein paar Stunden aus. Gilger war sofort eingeschlafen, in tiefen Zügen atmete er ein und aus. Die Schwänin jedoch fand keinen Schlaf. ʼHatte sie richtig gehandelt? Hatte sie sich an den Göttern versündigt? Würden sie und Gilger dies zu büßen haben? Jetzt schon bald oder sehr viel später erst?ʼ Diese Gedanken quälten sie sehr. Ihr Körper war todmüde, doch ihr Geist fand keine Ruhe. Sie fürchtete nicht so sehr, dass die Dorfbewohner sie finden könnten. Viel mehr ängstigte sie sich vor der Rache der Götter, der sie nicht entgehen konnten.
Knackende Geräusche weckten sie aus einem schweren Traum. Gilger war aufgestanden, hatte trockenes Holz gesammelt, das er jetzt klein brach, um damit ein Feuer zu machen. Fröstelnd und schweißgebadet stand sie auf und setzte sich zu ihrem Sohn ans wärmende Feuer.
„Was ist mit Dir?“ fragte Gilger und nahm sie in den Arm. „Du hast Fieber, Du wirst doch jetzt nicht krank werden.“
Die Schwänin hüllte sich fest in ihre Kleider und zog ihren Fellumhang eng um sich. Der Kräutertee, den Gilger für sie gekocht hatte, wärmte sie. Sie trank ein paar Schlucke, essen konnte sie aber nicht. „Wir müssen weiter...“, sagte sie nur, stand auf, packte ihr Bündel und legte schon die ersten Schritte zurück. Gemeinsam marschierten sie in eine ungewisse Zukunft.
Seit Tagen wanderten sie an einem großen Fluss entlang. Ansiedlungen von Menschen umgingen sie weiträumig, vermieden Begegnungen und Gespräche mit fremden Menschen. Die Schwänin wurde immer schwächer, nur noch kurze Wegstrecken bewältigte sie. Sie war verstummt, lebte in ihrer eigenen Welt. Von der Umgebung und selbst von ihrem geliebten Sohn nahm sie kaum mehr Notiz. Sie ließ sich von ihm führen und tat widerspruchslos alles, was er von ihr verlangte. Müden Schrittes schleppte sie sich voran. Sie aß nicht mehr, selten trank sie noch etwas Wasser.
Eines Morgens stand sie nicht mehr auf. Abgezehrt bis auf die Knochen konnte sie nicht mehr, und sie wollte auch nicht mehr. „Was soll ich nur machen mit Dir?“ klagte Gilger. „Du hast mich vor dem Tod in unserem Dorf gerettet, und nun willst Du hier sterben. Wozu das alles?“
„Ich werde nicht wirklich sterben. Ich fliege zu den Göttern. Der weiße Schwan wird sich um mich kümmern.“ Sie deutete mit schwacher Hand zum Himmel. „Dort oben werde ich weiter leben, von da aus werde ich auf Dich aufpassen. Lass mich hier liegen, hier ist ein schöner Platz. Ich kann einen See sehen, auf dem viele weiße Schwäne schwimmen. Kannst Du sie nicht sehen?“
Die ganze Zeit war Gilger neben seiner Mutter gesessen, innerlich hatte er sich wie ausgetrocknet gefühlt. Vor lauter Müdigkeit musste er eingeschlafen sein – als eine Berührung ihn plötzlich aufschreckte. Er hatte im Schlaf die Hand ausgestreckt und den kalten Körper seiner Mutter berührt, ihm war als würde ein Messer mitten in seine Brust gestochen. Unfähig sich zu rühren, blieb er lange neben seiner toten Mutter liegen. Erst spät stahl sich eine Träne aus seinem Auge, dann aber setzte eine ganze Tränenflut ein.
Gilger war jetzt alleine. In ihr Dorf konnte er nicht zurückkehren. Und auch nicht in andere Siedlungen der Aschkanen. Die würden ihn in sein altes Dorf bringen, wo ihn der sichere Tod erwartete. Jetzt erst recht, nachdem sie geflüchtet waren und es so aussah, als habe er in der Tat auf Maluga mit einem Pfeil geschossen und sie fast umgebracht.
Eine große Leichenfeier konnte er für seine Mutter nicht organisieren, niemand würde zu ihrem Begräbnis kommen. Schweren Herzens hob er eine Grube aus und legte die Schwänin hinein, ganz vorsichtig, als wolle er ihr nicht wehtun. Er färbte ihr Gesicht und die Hände mit Okra, der gelben Erde, die sie in einem Säckchen die ganze Flucht über mit sich geschleppt hatte. Gilger zog ihr Schuhe und Mütze an und legte ihr den schönen Fellumhang um.
Noch fehlt etwas, dachte er bei sich. Daheim hätte sie noch allerhand andere Dinge mit ins Grab bekommen, insbesondere Sachen, die sie als Mittlerin oft benützt hatte. Nicht weit entfernt lagen ein paar schöne weiße Federn, ihm dünkte, als ob sich ihr anderes Ich dazu gesellen wollte. Daneben lag ein wunderschöner Stein mit schwarzer Maserung. Als er ihn in die Hand nahm, veränderte er seine Farbe, von einem matten grau über gelbgrün bis tiefgrün.
Einen so schönen lebendig erscheinenden Stein hatte Gilger noch nie gesehen. Das war zweifellos ein Zeichen der Götter, dass sie die Schwänin bei sich aufnehmen wollten. Dankbar nahm Gilger den Stein und legte ihn auf die Brust seiner Mutter. Damm bedeckte er den Leichnam mit frischen Gräsern und schaufelte mit beiden Händen das Grab zu. Auf die Erde steckte er weiße Schwanenfedern, mit denen er einen Kreis als Symbol für die Unendlichkeit bildete.
Gilger trauerte noch drei Tage am Grab seiner Mutter. Dann erst raffte er sich schweren Herzens auf, um seinen eigenen Weg zu suchen. Er wanderte weiter dem großen Fluss entlang, bog in ein hübsches Seitental ein, wo er einem munter rauschenden Flüsschen bergwärts folgte. Aus der Ferne beobachtete er ein paar Mädchen, die volle Körbe mit leckeren Beeren nach Hause trugen. Er folgte ihnen, ohne sich ihnen zu zeigen. Ihm schien es sicherer, abzuwarten und weitere Erkundungen zu machen. Die Menschen in der nahe gelegenen Siedlung schienen friedlich zu sein, nachts hörte er sie von Weitem singen.
Am nächsten Morgen verließen die Mädchen erneut ihr Dorf. Wieder hatten sie ihre Körbe dabei. Gilgers Herz klopfte bis zum Hals. Er musste seinen ganzen Mut zusammennehmen, um auf die Mädchen zuzugehen und sie anzusprechen. Stotternd erzählte er, dass er von weit her komme, seit vielen Tagen schon unterwegs sei. Er wolle sich die Welt anschauen, Neues erkunden.
„Dann komm doch einfach mit uns“, sagten die Mädchen. „In der Zwischenzeit kannst Du uns ja beim Beerensammeln helfen“, antworteten sie kichernd. Mit vollen Körben kehrten sie gegen Nachmittag ins Dorf zurück, vorbei an großen abgeernteten Getreidefeldern. Dabei fiel ihm auf, dass eine von ihnen einen schönen grün schimmernden Schmuck an ihrem Halsband trug. Einen Stein, wie er ihn erst vor Kurzem gefunden und seiner Mutter ins Grab gelegt hatte.
Im Dorf wurde kein großes Aufheben um den Neuankömmling gemacht. Offenbar waren die Dorfbewohner an Fremde gewöhnt. „Suchst Du auch Arbeit in der Mine?“ wurde er mehrfach gefragt. Wobei Gilger dann jedes Mal ein unbestimmtes „Ja“ brummte. Denn er wusste nicht, was darunter zu verstehen ist, wollte seine Unwissenheit aber nicht zugeben. Ihn erstaunten die riesigen Felder, die in keinem Verhältnis zur Größe des Dorfes standen. So viel konnten die Menschen hier auf keinen Fall selbst verzehren.
In sein Auge stachen die hübschen Mädchen und Frauen, von denen sich einige mit den schönen grünen Steinen geschmückt hatten. Andererseits sah er nur wenige Männer. Er fragte das Mädchen, das er als erstes mit dem grün schimmernden Halsschmuck gesehen hatte, nach der Herkunft dieser schimmernden Schmuckstücke.
„Sie sind alle von der Mine. Unsere Männer bringen sie manchmal mit; wenn sie uns eine besondere Freude machen wollen“.
„Oder wenn sie eine ganz besondere Freude von uns erwarten…“ kicherte ihre Freundin. „Hast Du denn keinen mitgebracht?“ fragte sie ihn, in dem sie ihn schelmisch ansah und dabei leicht mit ihren Hüften kreiste. „Die Mine, wo ist denn die?“ stammelte Gilger, dem plötzlich die Röte ins Gesicht stieg.
Am Morgen nach dem Fest regnete es in Strömen, heftige Windböen schlugen Äste und Zweige umher, ein kalter Wind pfiff in Öcetims Lager und weckte ihn unsanft. Öcetim kauerte sich eng in seinen Umhang, am liebsten wäre er bei dem scheußlichen Wetter liegen geblieben; zumal sein Schädel brummte und ihm nicht wohl war. Doch er hatte sich mit Celso verabredet – und mit dem Kahlköpfigen schien nicht zu spaßen zu sein. Schon früh am Morgen wollten sie aufbrechen. Celso, er und noch ein paar Jungen in seinem Alter, hatte Celso gesagt. Missgelaunt und nur notdürftig gewaschen zog er über seine Felljacke einen aus Schilfgras selbst gefertigten Umhang, der ihn gegen Wind und Regen schützte.
Mit geringer Verspätung kam Öcetim zum ausgemachten Treffpunkt. Verlassen lag die Siedlung da, kein Mensch war zu sehen, nur aus den Hütten quoll Rauch, die Leute zogen es offensichtlich vor, ihren Rausch auszuschlafen. Öcetim überlegte, ob er nicht zurück zu seinem Lagerplatz gehen sollte. Sollte er wirklich tagelang in solch einem Regen marschieren, sich durch den Matsch quälen, um zu einer Mine zu gelangen, wo ihn eine ungewisse Zukunft erwartete? Was ihm noch vor wenigen Tagen verlockend erschien, ängstigte ihn nun zunehmend. Ihm schien, als wolle ihm der Regengott ein Zeichen geben, dass er nicht zu den Minen gehen solle - zumindest jetzt noch nicht.
