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Sein Auftrag heißt Leben zu beenden, wenn die Zeit gekommen ist: kalt und mitleidlos führt der Tod diese Aufgabe seit jeher aus. Doch als er eines Tages das Leben der jungen Eleonore verschont und ihr einen Handel vorschlägt, sieht er sich schon bald als Betrogenen: Inzwischen zur Königin gekrönt, bricht Eleonore ihr Versprechen ihm gegenüber und zieht damit den Zorn des Dunklen Fürsten auf sich. Er schwört ihr Rache. Als viele Jahre später die unbedarfte Celicia zur Braut des sanftmütigen Kronprinzen Leonard wird, ahnt sie nicht, welch dramatische Wendungen sie mit ihrer Ankunft einläutet. Während die herrschsüchtige Eleonore ihr das Leben schwer macht und ihr Gemahl unter der Last der Krone zu zerbrechen droht, lauert der Tod höchstpersönlich in den Schatten des königlichen Schlosses und zieht schon bald seine Kreise immer enger um das Mädchen. Schließlich begreift Celicia, dass niemand mehr vor den Launen des unberechenbaren Wesens sicher ist und trifft daraufhin eine folgenschwere Entscheidung – nicht ahnend, dass auch sie nur eine Marionette im rachsüchtigen Spiel des Todes ist...
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Seitenzahl: 473
Veröffentlichungsjahr: 2013
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K. R. Jaylin
Todestanz
Dein Leben liegt in seinen Händen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Prolog
1. Kapitel - Weißt du noch…? (8 Jahre später)
2. Kapitel - Er ist, wie ich ihn haben will (15 Jahre später)
3. Kapitel - Du sollst mir treu sein
4. Kapitel - Zeit, dass wir uns endlich sprechen
5. Kapitel - Gib doch zu, dass du mich mehr liebst
6. Kapitel - Bald wird es dir verhasst sein (1 Jahr später)
7. Kapitel - Ohne mich kann er nicht sein (3 Monate später)
8. Kapitel - Du brauchst mich
9. Kapitel - Für mich sollst du leben, für mich sollst du sterben
10. Kapitel - Es ist nicht leicht, zu hassen
11. Kapitel - Bis ans Ende der Zeit
Epilog
Impressum neobooks
»Hoffnung ist etwas für Narren, aber es ist gut, wenn du welche hast; das macht es leichter, dich endgültig zu brechen und ewig an mich zu binden...«
Ihr Atem ging schwer, und nur noch mühsam blinzelte sie der Sonne entgegen. Sie hörte die besorgten und erschrockenen Rufe ihrer Diener in unmittelbarer Nähe.
„Mylady, nicht bewegen!“
„Können Sie mich hören?“
„Sie braucht einen Arzt, schnell!“
Sie wollte antworten, brachte jedoch keinen Ton hervor. Vor ihren Augen verschwamm alles und eine furchtbare Kälte kroch in ihre Glieder, auch wenn die Sommersonne hoch am Himmel stand.
„Armes Kind, dein junges Leben endet so abrupt, so unerwartet. Aber hab keine Angst, ich werde dich sicher in die andere Welt geleiten.“
Die leise, sanfte Stimme drang aus den Schatten der Bäume zu ihr und klang dabei so unwirklich wie ein Windhauch, doch Eleonore verstand jedes Wort klar und deutlich. Im gleichen Moment schien die Welt um sie herum seltsam gedämpft, und als sie aufsah, schien alles wie erstarrt zu sein; nicht einmal die Blätter der Bäume wiegten sich länger in der sanften Brise. Da bemerkte sie eine Bewegung neben der alten Eiche, welche wenige Meter von ihr entfernt stand, und ängstlich flüsterte sie:
„Wer bist du?“
Langsam löste sich die groß gewachsene, schlanke Gestalt eines Mannes aus den Schatten und kam mit geschmeidigen Bewegungen auf sie zu. Er wirkte auf den ersten Blick jung und unbedarft, doch seine kalten, mitleidlosen Augen schienen allwissend und gleichsam undurchschaubar; durch sie wurde deutlich, dass er jenseits der Zeit existierte. Eleonore versuchte mühsam, sich aufzusetzen, doch es gelang ihr nicht so recht. Mit einem leichten, mitleidigen Lächeln sah er ihr dabei zu.
„Sei vernünftig und lass mich dich erlösen, kleine Eleonore. Deine Zeit ist um.“
Er beugte sich ein wenig vor und streckte ihr eine Hand entgegen, doch sie rührte sich nicht. Sie war die Tochter des Herzogs von Winchern und somit manche Schmeichelei gewöhnt; deshalb ließ sie sich weder von seinem hübschen Gesicht mit den halblangen, blonden Haaren noch von seiner augenscheinlichen Sanftheit beirren. Ihr war sofort klar, dass sein Mitgefühl nur gespielt war und so erwiderte sie mit zitternder Stimme:
„Nein, ich werde dir nicht folgen. Ich weiß wohl, wer du bist und darum wirst du mich auch nicht dazu verführen können, dir meine Seele und somit mein Leben zu überlassen.“
Er ließ die Hand sinken und musterte sie einen Moment abschätzig, ehe er erneut den Arm hob und seine schwarz behandschuhten Finger leicht wie ein Windhauch über ihre Wange glitten.
„Es überrascht mich nicht, dass du mich kennst, Eleonore. Jedoch sollte dir klar sein, dass ich stets gewinne. Du kannst mich nicht abweisen, mein Liebes. An diesem sonnigen Morgen, an dem du dich über die Anweisungen deiner strengen Eltern einfach hinweggesetzt hast und reiten gegangen bist, hast du mich gerufen und dein Schicksal unwiderruflich besiegelt.“
Sie wich ein wenig zurück.
„Ich will aber nicht sterben! In nicht einmal drei Monaten werde ich 17 und bald darauf die Gemahlin von Prinz Albert, dem Kronprinzen von Alderon - damit steht meine Krönung zur Königin schon bald bevor!“
Er erwiderte darauf nichts und sie spürte, wie die Kälte zunahm. Verzweifelt und in Panik rief sie:
„Bitte, ich gebe dir, was du willst, aber verschone mein Leben! Lass mich hier, damit ich ein wenig Glück erfahre, ehe ich die Reise ins Jenseits antreten muss!“
Sie schluchzte und er musterte sie schweigend, bis er sich mit einem Mal erhob.
„Also gut, ich gebe dir die Möglichkeit, mich zu gegebener Zeit angemessen zu entschädigen. Du darfst weiterleben, doch nur für den Augenblick; sobald du dein erstes Kind geboren hast, werde ich wiederkommen und meinen Tribut fordern. Du wirst mir dann das Leben des Königskindes opfern.“
Sie starrte ihn an, hilflos und verzweifelt, doch ihr fiel kein Weg ein, sich aus dieser Sache herauszuwinden. Nur eines blieb ihr noch zu tun, weshalb sie mit zitternder Stimme erwiderte:
„Ich werde dir das Kind geben, wenn es ein Mädchen ist - sollte es jedoch ein kleiner Kronprinz sein, verzichtest du auf ihn und wählst dir stattdessen ein anderes Opfer. Ich werde dann dafür sorgen, dass es sich deinem Kuss bereitwillig hingibt.“
Wieder blieb er einen Moment stumm, ehe er sich abwandte.
„Gut, so sei es. Aber vergiss diese Vereinbarung nie, Eleonore. Es wäre dumm zu versuchen, den Dunklen Fürsten zu hintergehen.“
Damit war er verschwunden und die Welt wurde wieder lebendig; mit einem Mal spürte Eleonore ihre Schmerzen, wurde sich des warmen, klebrigen Blutes an ihrem Körper bewusst und stöhnte. Sie spürte Hände, die nach ihr griffen, einen Ruck, als man sie vom Boden hob, und verlor dann erleichtert das Bewusstsein.
Die Aufregung im Land war groß, denn die Nachricht hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet: nach 7 Jahren war die junge Königin endlich schwanger! Das Gerede und Getuschel am Hofe über ihre vermeintliche Unfruchtbarkeit war am Ende nur noch durch den aufkeimenden Klatsch in der Bevölkerung übertroffen worden, denn allmählich hatte wirklich jeder geglaubt, die Königin wäre nicht imstande, schwanger zu werden und ein Kind auszutragen.
Doch nun hatte es schließlich doch noch geklappt und die Thematik der Gespräche schlug sogleich um. Jetzt wurde überall die Frage diskutiert, ob es wohl eine Prinzessin oder ein kleiner Kronprinz werden würde.
Die junge Königin selbst verschwendete keine Gedanken daran; sie jammerte stattdessen tagein, tagaus über die Tatsache, dass ihre zarte Gestalt unansehnliche Formen annahm und ihr darüber hinaus fortwährend übel war. König Albert, der seine schöne Frau vergötterte und über alle Maßen liebte, verwöhnte sie mit Geschenken und allen Annehmlichkeiten, welche ihr ihren Zustand erträglicher machen konnten. Sie nahm dies gleichmütig hin und klagte ihm gern ihr Leid.
Als sie sich dem siebten Monat ihrer Schwangerschaft näherte, ließ sie alle Spiegel im Schloss verhängen, denn sie konnte ihr eigenes Spiegelbild nicht ertragen. Hoch erhobenen Hauptes lief sie in den Wochen vor der Niederkunft durch die langen Gänge des Schlosses und rümpfte dabei auch die Nase über die Kinderstube, welche für das Ungeborene eingerichtet worden war.
„Wir wollen hier das Königskind betten! Glaubt ihr etwa, wir würden den Kronprinzen in eine solch finstere Kammer sperren?“
Also wurden eiligst neue Räumlichkeiten vorbereitet, denn mittlerweile neigte sich der achte Monat dem Ende entgegen und die Anspannung nahm deutlich zu. Man erwartete praktisch jeden Tag die Niederkunft. Die Königin wurde zusehends reizbarer und mürrischer, denn sie schlief nur noch schlecht und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass ihr Baby nur endlich ihren Körper freigeben würde. Als dann eines Abends, auf einem Ball zu Ehren des Hochzeitstages des Königspaares, mit einem Mal ein Aufschrei zu hören war, ging jede Ruhe verloren: die Königin war aufgesprungen, am ganzen Körper zitternd, und fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Sie stand in einer Pfütze trüber Flüssigkeit und wurde sofort hinauf in die für die Geburt vorbereiteten Gemächer gebracht.
Die ganze Nacht über lief der König rastlos im Gang auf und ab, während Schmerzenslaute und die harsche Stimme der Königin von den Wänden widerhallten. Dann, bei Sonnenaufgang, gab es einen lang gezogenen Schrei, der in das Weinen eines Babys überging. Eine der Hebammen kam heraus und verneigte sich demütig vor Albert.
„Ein Junge, Majestät. Stramm und gesund.“
Albert strahlte, fragte jedoch besorgt:
„Und die Königin? Ist sie wohlauf?“
Die Hebamme verneigte sich erneut.
„Sie ist erschöpft, aber unversehrt, Majestät.“
Das genügte ihm fürs Erste und er eilte davon, um seiner wartenden Mutter die gute Neuigkeit zu berichten.
Inzwischen waren sowohl die Königin als auch ihr Kind gesäubert und in ein frisch bezogenes Bett gebracht worden, wo die junge Mutter versonnen und stolz auf ihren Sohn blickte.
„Wie wäre es mit Leonard, hm? Ist das nicht ein schöner, starker Name?“
„Wirklich bezaubernd.“
Sie hob empört den Blick, als sie eine männliche Stimme vernahm, denn kein Mann mit Ausnahme des Königs durfte derzeit ihre Räumlichkeiten betreten. Doch als sie die schlanke Gestalt erblickte, die würdevoll mit hinter dem Rücken verschränkten Armen am Fußende ihres Bettes stand, keuchte sie.
„Du!“ Das kalte Lächeln vertiefte sich.
„Weißt du noch, Eleonore? Bei unserem letzten Treffen hast du mir etwas versprochen. Damals hast du mich angefleht, dich zu verschonen und dir noch ein wenig Zeit auf Erden zu geben; ich gewährte sie dir. Doch nun ist die Zeit gekommen, den Preis für deine Freiheit zu zahlen.“
Sie umklammerte schützend ihr Neugeborenes.
„Ich erinnere mich an dich! Du bist der Tod, der mich bereits durch meine Kindheit begleitet hat - du nahmst mir die Mutter, als ich gerade mal 5 Jahre alt war! Darum weiß ich, wie niederträchtig und gnadenlos du bist, aber ich sagte, dass du das Kind nur bekommst, sollte es ein Mädchen sein! Doch wie du siehst, habe ich einem Sohn das Leben geschenkt, also hast du kein Recht auf ihn!“
Sie zitterte, jedoch mehr vor Zorn als aus Furcht. Der Tod sah sie ungerührt an.
„Ich habe dies nicht vergessen, Eleonore. Jedoch versprachst du mir ein anderes Opfer, das ich mir selbst erwählen und welches sich meinem Kuss freiwillig hingeben sollte.“
Eleonore schluckte schwer.
„Ja, das habe ich. Aber warum belästigst du damit mich? Geh und suche dir dein Opfer, ich werde dann befehlen, dass es sich den Kuss des Todes verpassen lässt und sein Leben in deinen Armen aushaucht.“
Sie wandte demonstrativ den Blick ab und konzentrierte sich auf ihr Baby, doch er ging nicht fort. Stattdessen trat er näher und flüsterte dicht an ihrem Ohr:
„Ich habe meine Wahl bereits getroffen, Eleonore. Und genau deshalb bin ich hier.“
Sie blinzelte irritiert und wandte sich ihm wieder zu, als sie schlagartig begriff und entsetzt aufsprang, ehe seine Lippen die ihren berühren konnten.
„Nein! Ich meinte nicht mich damit!“
Aber der Tod erwiderte ruhig:
„Du hast mir die freie Wahl gelassen und sie fiel auf dich. Also erfülle dein Versprechen.“
Eleonore schüttelte heftig den Kopf und drückte ihr Kind eng an sich.
„Ich lasse mich nicht von dir übertölpeln! Niemals werde ich dir mein Leben geben, ich bin noch zu jung, um zu sterben!“ Sein Blick war eisig.
„Heißt das, du weigerst dich, deinen eigenen Schwur einzuhalten? Du willst dich tatsächlich mit mir anlegen, Eleonore?“
Sie sah ihn hoch erhobenen Hauptes an.
„Ich fürchte dich nicht!“
Da lachte er auf.
„Närrin! Also gut, du hast es nicht anders gewollt - von nun an herrscht Krieg zwischen uns!“
Damit verschwand er in den Schatten und schluchzend sank Eleonore in sich zusammen, wo sie kurz darauf von ihren Dienerinnen gefunden wurde. Behutsam führte man sie zurück ins Bett und nahm ihr das Kind ab, welches lauthals schrie.
Der junge König war verwirrt und in größter Sorge um seine geliebte Frau. Immer wieder sprach sie in den folgenden Wochen vom Tod, und dass man sie beschützen müsse; außerdem sei der Kronprinz in großer Gefahr. Albert wusste nicht, was er davon halten sollte, doch wie immer gab er nach. Das Kinderzimmer wurde ihren Wünschen entsprechend neben die Gemächer der Königin verlegt und er ließ es zu, dass sie Tag und Nacht über das Baby wachte. Zu ihrem eigenen Schutz ging sie nirgends mehr allein hin und hielt die Ammen und Dienerinnen rund um die Uhr auf Trab.
Doch das erste Jahr verging, ohne dass irgendetwas geschah. Der kleine Prinz gedieh prächtig und war ein aufgewecktes, wenn auch etwas scheues Kerlchen. Albert wusste, dass die ständige Bemutterung zu der Unsicherheit seines Sohnes führte, und hatte verstärkt das Gefühl, einschreiten und der Königin Einhalt gebieten zu müssen. Doch erst, als der Junge bereits 4 Jahre alt war und ihm seine Mutter noch immer verbot, auch nur einen Fuß allein vor die Tür seines Gemachs zu setzen, erhob der König die Stimme. Die Auseinandersetzung mit ihr war fürchterlich und nur mit größter Mühe blieb er ihr gegenüber standhaft. Letztendlich setzte er sich durch, doch Eleonore rief aufgebracht:
„Wie du wünschst, überlasse ihn ruhig seinem ungewissen Schicksal! Aber wenn der Tod ihn draußen aufgreift und mit sich nimmt, trage nicht ich die Schuld!“
Damit rauschte sie zornig davon und mit einem tiefen Gefühl des Unbehagens sah er ihr nach. Schließlich befahl er, die anstehenden Audienzen des Tages zu verschieben, um seinen Sohn mit sich nach draußen in die Gärten zu nehmen.
Leonard erblühte förmlich in der neu gewonnenen Freiheit außerhalb seines Zimmers; er konnte sich von da an besser auf den Unterricht konzentrieren, wurde zusehends selbstbewusster und neugieriger. Eleonore beobachtete mit sorgenvoller Miene, wie ihr Sohn im Schloss und in den Gärten umhertollte, und wartete unentwegt auf ein Unheil, doch es ereilte sie anders, als sie es erwartet hatte. Vermehrt erreichten sie in den kommenden Monaten Mitteilungen über tragische Unfälle mit Todesfolge, welche ihrer Familie widerfuhren. Es dauerte eine Weile, bis ihr klar wurde, dass dies kein Zufall sein konnte und verzweifelt wachte sie weiter im Hintergrund über ihren Sohn und ihren Mann, denn sie waren alles, was ihrem Leben Bedeutung gab.
Doch es vergingen 2 weitere Jahre voller Todesfälle, in denen Leonard wohlbehütet aufwuchs. Eines Morgens im August war er früh aufgestanden, um zuzusehen, wie die Pferde für die Jagd vorbereitet wurden. Er liebte Tiere sehr und fühlte sich ihnen stark verbunden. Denn da Eleonore ihren mittlerweile sechsjährigen Sohn noch immer kaum aus den Augen ließ, hatte Leonard keine Freunde; die Tatsache, dass er der Kronprinz war, trieb das Kind nur noch weiter in die Isolation. So widmete er sich seinen vierbeinigen Freunden, auch wenn die Königin es nicht gern sah, wenn er zu den Ställen ging. Sie pflegte dann stets zu sagen:
„Die Stallburschen sind kein Umgang für dich.“
Also schlich sich der kleine Prinz heimlich fort, so wie auch an diesem Morgen. Er hatte keinerlei Angst vor den großen Tieren und streichelte sehnsüchtig die Nüstern eines jungen schwarzen Hengstes.
„Ich wünschte, ich könnte dich auch reiten so wie Vater.“
Der König hatte zwar angeordnet, dass Leonard das Reiten beigebracht werden solle, doch wieder einmal hatte die Königin sich durchgesetzt - nur allzu deutlich war ihr bewusst, welche Möglichkeiten sich dem Tod bieten würden, sollte Leonard erst einmal auf dem Rücken eines Pferdes sitzen. Wieder hatte es eine heftige Auseinandersetzung gegeben, bis der König ihr entgegengekommen war: Leonards Reitausbildung sollte warten, bis er 10 Jahre alt war. Bedrückt sah dieser nun zu, wie die stolzen Tiere an ihm vorbei in den Hof geführt wurden, und machte sich widerwillig auf den Weg zurück zum Schloss.
Da ertönte mit einem Mal ein schriller Schrei und der Junge wirbelte herum, als ein lautes Wiehern zu hören war. Er sah den Reiter einer weißen Stute reglos am Boden liegen, während das Tier wild auf ihn zu stürmte. Wie versteinert starrte Leonard ihm entgegen, da legte sich mit einem Mal eine Hand auf seine Schulter. Verwirrt sah er auf und erblickte einen ihm fremden Mann neben sich, dessen Blick fest auf das rasende Tier gerichtet war und der langsam die rechte Hand hob. Das Pferd wurde langsamer und blieb stehen, ehe es den Prinzen niedertrampeln konnte. Überrascht blinzelte der Junge und merkte nun, dass auch die anderen Menschen sich nicht mehr rührten; sie waren in äußerst seltsamer Körperhaltung scheinbar erstarrt. Als er den Blick umherschweifen ließ, erkannte er, dass eigentlich alles um sie herum still war. Fragend sah er auf den Mann, der sich nun auf Augenhöhe mit ihm begab und leise sagte:
„Du musst vorsichtiger sein, Leonard. Sonst waren all die Bemühungen deiner Mutter vergebens.“
Verblüfft starrte Leonard ihn an.
„Woher weißt du das? Wer bist du?“
Der Mann lächelte, während sein blondes Haar im Licht der Sonne golden glänzte. Leonard fand es sonderlich, dass der Mann an einem warmen Morgen wie diesem so dunkel angezogen war; er trug sogar schwarze Handschuhe. Mit sanfter Stimme beantwortete er nun die Fragen des Jungen.
„Ich bin ein Freund, der über dich wacht. Doch wenn du nicht für den Rest deines Lebens von der Königin eingesperrt werden willst, solltest du ihr besser nichts von unserer Begegnung verraten.“
Neugierig neigte Leonard den Kopf zur Seite.
„Warum? Mag sie dich nicht?“
Das Lächeln vertiefte sich.
„Sagen wir, sie geht mir lieber aus dem Weg. Sie würde sagen, dass ich kein Umgang für dich bin.“
Als er dies hörte, empfand Leonard augenblicklich ein aufkeimendes Gefühl der Zuneigung für den Mann.
„Ach, das sagt sie zu jedem. Darum bin ich auch immer allein …“
Der Fremde hob die Hand und streichelte ihm tröstend übers Haar.
„Ich weiß, und deshalb habe ich auch ein Auge auf dich, wann immer es mir möglich ist. Wenn du mich brauchst, rufe einfach nach mir; ich werde zu dir kommen.“
Damit erhob er sich wieder und aus einem Impuls heraus griff Leonard nach seiner Hand. Er wollte nicht, dass der Fremde ging.
„Warte! Bleib doch da!“
Der Mann sah auf ihn hinab und erwiderte ruhig:
„Hab keine Angst, ich bleibe dir nah.“
Und mit einem seltsamen Funkeln in den Augen fügte er hinzu:
„Das verspreche ich dir.“
Mit diesen Worten zog er das Kind in seine Umarmung und hob erneut die rechte Hand, woraufhin die Welt offensichtlich wieder zum Leben erwachte. Leonard schrak zusammen, als das Pferd mit unglaublicher Geschwindigkeit an ihnen vorbeidonnerte und sein Herz raste wie verrückt. Die Hände des Fremden ruhten an den Oberarmen des Jungen und in dem Moment fiel diesem ein schwerer Silberring mit einem funkelnd schwarzen Stein auf, welcher an der behandschuhten linken Hand des Mannes steckte.
„Was ist das für ein Ring?“
Langsam zog der Mann seine Hände zurück und antwortete schlicht:
„Er ist ein Glücksbringer.“
Interessiert wandte Leonard sich zu ihm um.
„Und von wem hast du ihn bekommen?“
Da lachte der Fremde.
„Das waren genug Fragen für heute, mein Lieber. Sei ein braver Junge und kehre nun in den Palast zurück. Und denke immer daran: wenn du mich brauchst, komme ich zu dir.“
Und ehe Leonard auch nur geblinzelt hatte, war der Mann zwischen den nahen Bäumen spurlos verschwunden.
„Zum Teufel noch mal, was soll schon wieder dieser Aufruhr?“
Zornig kam König Albert am frühen Nachmittag in die Gemächer seines Sohnes gestürmt, wo er in einen hitzigen Streit zwischen Eleonore und Leonard geriet.
„Da siehst du, was du angerichtet hast!“
Kaum hatte er den Raum betreten, stürzte die Königin sich auch schon auf ihn.
„Deinetwegen hat er nur leichtsinnige Dinge im Kopf, weil du ihn stets dazu ermutigt hast, all seinen Neigungen nachzugehen!“
Wütend entfuhr dem Prinzen:
„Das ist eine vollkommen überzogene Reaktion, Mama! Ich will nur einen Ausritt machen!“
Sie drehte sich aufgebracht zu ihm herum.
„Und? Denkst du, der Rücken eines Pferdes wäre sicher? Mein Bruder war ein exzellenter Reiter, und wie endete sein Leben? Bei einem Reitunfall!“
Albert seufzte in sich hinein. Er wusste, es war aussichtslos, seine Frau beruhigen zu wollen. In den vergangenen 20 Jahren war ihre Familie aufgrund vieler mysteriöser Unfälle beinahe völlig ausgelöscht worden, weshalb er ihre Erregung verstehen konnte. Jedoch war ihr Sohn inzwischen 21 und kein Kind mehr; sie konnte ihn nicht länger wegsperren, wenngleich auch ihm nicht behagte, wie sorglos der junge Mann mit seinem Leben umging. Doch in diesem Fall konnte er nicht verlangen, dass der Prinz den Anweisungen seiner Mutter folgte. So sagte er mit ernster Stimme:
„Ich denke, es gibt nichts, was wir dazu sagen können, Eleonore. Er ist ein erwachsener Mann und trifft seine Entscheidungen selbst.“
Sie erblasste.
„So ist das! Du glaubst es immer noch nicht!“
Albert hob beschwichtigend die Hände, denn er wollte vor Leonard nicht über diese alte Geschichte sprechen.
„Mein Herz, bitte …“
Aber sie funkelte ihn zornig an.
„Er hat es auf uns abgesehen und du weißt es! Weil er mir Rache schwor, so schandbar es auch ist! Er wird nicht eher ruhen, bis er unsere ganze Familie zerstört hat! Und ich werde nicht beiseitetreten, um es ihm einfacher zu machen!“
Ungeduldig starrte Leonard seine Eltern abwechselnd an.
„Wovon in aller Welt sprichst du, Mama?“
Eleonore öffnete den Mund, doch Albert kam ihr zuvor.
„Geh, Leonard, ich bitte dich. Geh reiten und denke nicht darüber nach, was deiner Mutter solch Kopfzerbrechen bereitet.“
Leonard wollte widersprechen, doch auch wenn der König ihn gebeten hatte, so war es eigentlich ein Befehl gewesen. Also verneigte er sich knapp und eilte noch immer aufgebracht hinaus. Erst, als er im Hof ankam und von seinen Mitstreitern für die Jagd freudig begrüßt wurde, beruhigte er sich langsam wieder. Er schwang sich sogleich auf den Rücken des schwarzen Hengstes, welchen er schon als Knabe bewundert und den man ihm an seinem 12. Geburtstag zum Geschenk gemacht hatte, und rief:
„Nun denn, meine Herren, legen wir los!“
Unter Gelächter und lautem Hufgetrappel verließen sie den Hof und ritten in die angrenzenden Ländereien, welche zum Königspalast gehörten. Einer seiner Freunde, Prinz Jonah, welcher gleichzeitig sein Cousin war, ritt neben ihn und fragte mit gedämpfter Stimme:
„Warum so spät, mein Lieber? Gab es erneut Ärger an der Front?“
Leonards Blick verdüsterte sich.
„Frag mich lieber nicht. Allmählich glaube ich, dass sie den Verstand verliert. Sage aber nichts zu einem der anderen, denn sie sind nicht Familie wie du und dürfen nicht hören, wie ich so über ihre Königin spreche.“
Jonah meinte nachdenklich:
„Ich habe Gerüchte aus dem Schloss gehört. Klatsch, welchen deine Ammen und die Dienerinnen der Königin nähren. Man sagt, dass sie fürchte, der Tod könnte kommen und dich in die Unterwelt reißen.“
Leonard schwieg einen Moment, ehe er antwortete:
„Ich denke, dies ist nur Geschwätz. Es ist zwar offensichtlich, dass meine Mutter jemanden fürchtet. Sie sprach davon, dass jemand unsere Familie zerstören wolle, doch kann sie damit wohl kaum den Tod gemeint haben.“
Jonah lächelte.
„Es wäre auch zu verrückt. Der Tod ist kein Wesen, welches einen an sich reißt; es ist vielmehr einfach ein Zustand, in den man fällt, wenn man nicht achtsam ist.“
Leonard schaute in Gedanken versunken zwischen den Bäumen hindurch.
„Bist du dir da so sicher? Hast du es denn schon einmal mit angesehen? Das Sterben?“
Jonah zog überrascht die Augenbrauen hoch.
„Nein, das nicht. Doch ist dies die allgemeine Auffassung, und so ...“
Leonard nickte langsam und zwang sich, den Blick auf den Weg vor sich zu richten und die dunklen Schwingen der Todesengel zu ignorieren, welche für ihn sichtbar zwischen den Bäumen erschienen.
„Sicher, du hast Recht. Alles andere wäre wohl absurd.“
Als Leonard ein wenig später seine Gefährten bei ihrem Rastplatz zurückließ und sich seinen Weg durch das Dickicht bahnte, musste er nicht lange suchen. Als er seinen Freund erkannte, der lässig auf einer aus dem Boden ragenden großen Baumwurzel saß und ihm entgegenblickte, beschleunigten seine Schritte sich von selbst und er verbarg sein Gesicht gleich darauf in seinem Schoß. Die leise, sanfte Stimme wärmte ihn tief in seinem Inneren, als wäre sie eine zärtliche Geste.
„Sie wird nicht aufhören, und das weißt du seit jeher. Warum quälst du dich immer noch, Leonard? Du brauchst nur ein Wort zu sagen und ich erlöse dich von deiner Pein.“
Er fuhr dem jungen Mann tröstend durchs Haar, während dieser einen erstickten Laut von sich gab.
„Nein, das kann ich nicht. Das ganze Reich verlässt sich auf mich; meine Mutter kann keine Kinder mehr bekommen, das haben die Ärzte unlängst festgestellt. Wenn ich fortgehe, wird es keinen Thronerben geben.“
Der andere Mann schwieg und unglücklich fuhr Leonard fort:
„Und doch macht sie mir das Leben so schwer. Was ich auch will, es wird von ihr sogleich verboten. Mein ganzes Leben habe ich mich nur nach ihrer Liebe und meiner Freiheit gesehnt, doch weder das eine noch das andere hat sie mir je gegeben.“
Da sah er auf und schluckte schwer.
„Ich weiß, sie fürchtet dich. Sie glaubt, du würdest unsere Familie zerstören.“
Noch immer hielt das Schweigen an und Leonard nahm seinen Mut zusammen.
„Sag es mir. Seit Jahren weiß ich, wer du wirklich bist, doch du warst mir stets ein Freund. Ich fürchte mich nicht vor dir und auch nicht vor deiner Umarmung. Ich möchte nur wissen, ob du tatsächlich unsere Familie auslöschen willst oder ob es sich bei dieser Annahme nur um ein Hirngespinst meiner Mutter handelt.“
Der Tod neigte leicht den Kopf zur Seite und musterte Leonard einen Moment nachdenklich, dann antwortete er mit sichtlichem Widerwillen:
„Deine Mutter fürchtet mich mehr als alles andere. Sie begegnete mir, als sie ein junges Mädchen war - damals war ich gezwungen, ihr die Mutter zu nehmen. Sie sah mich an und wusste, wer ich bin. Seit jener Zeit will sie ihr Leben und das ihrer Lieben um jeden Preis vor mir schützen. Und was deine Familie angeht, so erfülle ich nur meinen Auftrag.“
Damit erhob er sich und wandte sich kühl ab.
„Aber eigentlich solltest du dies wissen. Anscheinend war meine Zuneigung dir gegenüber verschwendete Zeit, wenn du nach mehr als einem Jahrzehnt noch immer an mir zweifelst.“ Mit einem letzten Blick seiner kalten Augen, in denen sich nun unverhohlene Wut widerspiegelte, schritt er sogleich von dannen. Bestürzt sah Leonard ihm nach und rief ihn zurück, doch er war bereits allein und erhielt somit auch keine Antwort.
Das Geflüster war nach wenigen Wochen nicht mehr zum Schweigen zu bringen. Selbst die harten Strafen, welche die Königin über all jene verhängte, die sie beim Schwatzen erwischte, konnten die Münder nicht zum Verstummen bringen. Die offensichtliche Todessehnsucht des Prinzen, seine zunehmenden Depressionen und die daraus resultierende Unwilligkeit, sich eine Gemahlin zu suchen und auf die Thronfolge vorzubereiten, sorgten für schier endlosen Gesprächsstoff.
Eleonore bat ihren Mann, etwas gegen die Sturheit ihres Sohnes zu unternehmen, doch Albert weigerte sich. Er war der Ansicht, dass es allein die Schuld der Königin sei, dass der Junge so geworden war - schließlich hatte sie ihn eingesperrt und von allem ferngehalten, was Freude in sein Leben gebracht hätte. Eleonore schimpfte und tobte, vergaß dabei sogar ihre Würde, doch es brachte ihr nichts. Schließlich kam sie zu dem Schluss, dass ihnen nur eines zu tun bliebe, um den Prinzen abzulenken und vielleicht endlich umzustimmen: es würde ein Ball zu Ehren seines 22. Geburtstags stattfinden, bei dem er sich in Ruhe die möglichen Heiratskandidatinnen ansehen konnte. Der König hielt dies ebenfalls für eine gute Idee, um ihren Sohn auf andere Gedanken zu bringen und so liefen schon bald die Vorbereitungen auf vollen Touren.
Leonard selbst hatte sich von aller Welt zurückgezogen und verbrachte seine Zeit damit, lebensgefährliche Reit- und Kletterpartien zu unternehmen, doch der gewünschte Erfolg blieb aus. Er schaffte es dabei lediglich, sich einige Prellungen, Abschürfungen und am Ende sogar einen schmerzhaften Bruch seines Schlüsselbeins zuzuziehen, doch eine tödliche Wunde blieb ihm verwehrt. Verzweifelt streifte er durchs Schloss, um sich eine geeignete Waffe zu suchen, mit der er sich das Leben nehmen konnte, doch die wachsamen Augen seiner Mutter waren überall; längst ließ sie ihn nicht mehr unbeaufsichtigt umherwandern und so musste Leonard resigniert erkennen, dass er mehr denn je in der Falle saß.
Im Schloss wurde er strenger als zuvor eingepfercht und draußen war es wohl der Tod selbst, der nicht zuließ, dass er sein Leben wirklich in Gefahr brachte. Diese Tatsache erschien ihm unerträglich, denn er sehnte sich nach seinem Freund aus tiefstem Herzen, wie unheilvoll und undurchschaubar dieser auch war. Dessen offensichtliche Zurückweisung erdrückte ihn schier und so fühlte er sich einsamer als je zuvor.
Die Ballnacht war sternenklar und von einer leichten Brise durchzogen. Viele nervöse junge Frauen befanden sich unter den Gästen und Leonard, vor dem die wahren Absichten seiner Eltern zwar geheim gehalten worden waren, der sie sich jedoch ganz gut selbst zusammenreimen konnte, sah diesem Abend mit Grauen entgegen.
Nur widerwillig ließ er sich in den Saal führen, der bei seiner Ankunft von einem aufgeregten Geflüster erfasst wurde. Leonard nahm Platz und vermied es lange, in die erwartungsvollen Gesichter der Menschen zu blicken. Doch schließlich trat Jonah zu ihm und schleppte ihn hinaus auf den Balkon, wo er schon bald in Gespräche mit allen möglichen Adelsmännern verstrickt war; natürlich hatte jeder von ihnen nur ein Ziel vor Augen, nämlich so bald wie möglich das Gespräch auf seine Tochter zu lenken und ihre Vorzüge ebenso wie ihre Schönheit anzupreisen. Leonard lächelte gequält und folgte nur unter größter Anstrengung den Regeln der Etikette, zwang sich zu Tänzen mit unzähligen Mädchen und nutzte schließlich gegen Mitternacht einen Moment, in dem er unbeobachtet war und entfloh in eine dunkle Ecke des Balkons. Doch da war schon jemand.
„Oh, entschuldigen Sie, Hoheit, ich habe Sie nicht kommen sehen!“
Verblüfft starrte er in das wunderschöne Gesicht einer jungen Frau, welche nicht minder überrascht aussah als er. Augenblicklich beschleunigte sich sein Herzschlag, und er beeilte sich zu antworten:
„Nicht doch, ich bitte vielmehr um Vergebung, dass ich so ungalant hierher gestürzt bin.“
Sie lächelte ein wenig scheu und strich ihre langen, rotblonden Locken zurück.
„Nachdem man Sie den ganzen Abend über praktisch nicht einen Moment hat Luft schnappen lassen, kann ich Ihre Eile verstehen.“ Er wusste nicht, was er sagen sollte, denn ihr unerwarteter Anblick hatte ihn vollkommen verwirrt. Ein peinliches Schweigen trat ein, welches sie schließlich beendete.
„Entschuldigen Sie mich, Hoheit, aber meine Eltern wissen nicht, wohin ich verschwunden bin und ich möchte nicht, dass sie sich unnötig sorgen.“
Er nickte nur widerwillig und mit einem Knicks ließ sie ihn allein zurück. Er sah ihr nach und murmelte:
„Wunderschön …“
Da tauchte Jonah lächelnd neben ihm auf.
„Ja, sie ist ganz bezaubernd, nicht wahr? Unter uns, mein Lieber: wenn du sie willst, solltest du schnell sein. Ich habe bemerkt, dass sie so manchen Blick auf sich zieht und der junge Graf Lohens kann seine Augen partout nicht von ihr lassen.“
Leonard seufzte schwer und wandte sich ab.
„Selbst wenn ich mich in sie verlieben würde, was könnte ich ihr schon bieten?“
Verblüfft sah Jonah ihn an.
„Du beliebst zu scherzen, verehrter Cousin. Wer könnte einem Mädchen mehr bieten als der Kronprinz selbst?“
Doch Leonard winkte ab, wenngleich sein Blick erneut in den Saal schweifte, wo er das Mädchen nun beim Tanz mit besagtem Grafen sehen konnte.
„Ich rede von mehr als materiellen Dingen, Jonah. Sieh mich doch nur an. Ich bin gerade 22 und doch schon halbtot. Ich bin in einem Leben gefangen, welches mir nicht erlaubt zu leben. Wie könnte ich da einer jungen Frau voller Lebenslust zumuten, den goldenen Käfig mit mir zu teilen, wo er mich doch schon selbst umbringt?“
Deprimiert drehte er sich erneut um, doch Jonah packte ihn entschlossen an den Schultern und zog ihn zurück Richtung Saal.
„Schluss mit dem Gejammer, mein Freund. Ein schönes Mädchen an deiner Seite wird selbst dir die Freude am Leben zurückbringen, darauf gebe ich dir mein Wort. Und wer weiß, vielleicht schafft sie es ja, den Käfig genügend zu vergrößern, so dass er euch nicht erstickt. Du solltest es in jedem Fall in Erwägung ziehen und deshalb …“
Sie waren nun wieder im Inneren des Palastes und Jonah gab dem irritierten Kronprinzen einen aufmunternden Stoß vorwärts.
„… wirst du jetzt dahin gehen und diesen eitlen Pfau von der schönen Celicia vertreiben. Nur Mut, sie wird gewiss nicht nein sagen.“
Seine Augen schweiften zum wiederholten Male von seinem selbst erwählten Schützling zu dem Mädchen, welches seit Mitternacht ununterbrochen an seiner Seite war. Er war verwirrt, denn ihr Anblick weckte Empfindungen in ihm, welche er weder begreifen noch erklären konnte. Alles, was er wusste, war, dass sie ihn faszinierte.
Zunächst war er ziemlich ungehalten über ihr Erscheinen gewesen, da es Leonard aus dem demütigen, verzweifelten Zustand riss, in den er ihn sorgfältig geführt hatte. Mit großer Befriedigung hatte er in den vergangenen Wochen beobachtet, wie der Prinz sich selbst mehr und mehr verlor. Seine Zurückweisung hatte die Ängste in dem jungen Mann geweckt, der in seiner gesamten Kindheit nie wirkliche Liebe zu spüren bekommen hatte; nur sein geheimnisvoller Freund war immer für ihn da gewesen, wann immer er in Not gewesen war oder sich einfach nur einsam und verloren gefühlt hatte. Der Plan war aufgegangen, denn der Prinz war mehr und mehr in Abhängigkeit seines Vertrauten geraten.
Doch nun lagen die Dinge anders. Er hatte vorgehabt, sich dem Prinzen an diesem Abend wieder zu zeigen und ihn zurück in seine Arme zu führen, jedoch war er sich nun nicht mehr sicher, ob es gelingen würde. Darum entschied er sich schließlich dazu, bis zum nächsten Morgen zu warten. Er würde die Dinge ein wenig anders angehen müssen, nun, da die Nähe des Mädchens dem Kronprinzen neuen Lebensmut gab.
Er verhielt sich deshalb weiterhin still und entschwand schließlich in die dunklen Gemächer des Westflügels, wo er einfach wartete. Er wusste, es würde nicht lange dauern und tatsächlich, schon nach wenigen Minuten öffneten sich die Türen und die Königin trat ein, bereits in ihr Nachtgewand gehüllt und mit einem erschöpften Ausdruck auf dem nicht mehr ganz so jungen Gesicht. Als sie gerade die Decke zurückschlug, sagte er:
„Ist es nicht faszinierend zu beobachten, wie die Dinge sich entwickeln?“
Eleonore wirbelte sogleich herum und er trat gelassen ins Licht des Mondes, welches durch die großen Fenster fiel. Sie rang sichtlich um Fassung und fuhr ihn an:
„Was willst du hier?“
Er lächelte kühl.
„Wie ich sehe, sind die Jahre nicht spurlos an dir vorübergegangen, meine Liebe. Das Alter ist zu niemandem gnädig, nicht einmal zu einer Königin. Vielleicht hättest du doch lieber mit mir kommen sollen, als deine Haut noch zart und rosig war und keine grauen Haare deinen dunklen Schopf durchzogen.“
Er wusste, dass er sie am besten bei ihrer Eitelkeit packen konnte und das Lächeln vertiefte sich, als sie sogleich darauf einging.
„Rede gefälligst nicht in diesem Ton mit mir! Ich mag vielleicht keine 20 mehr sein, doch kann ich durchaus von mir behaupten…!“ Er unterbrach sie scheinbar gelangweilt, während er durchs Zimmer schlenderte.
„Im Vergleich zu dem Mädchen, welches den Blick des Prinzen auf sich gezogen hat, bist du nichts als eine alte Frau. Aber es ist gut für ihn, nicht wahr? So kann er meinen Klauen noch eine Weile entgehen, denn er wird nun wohl nicht mehr von selbst zu mir kommen wollen.“
Eleonores Haltung versteifte sich.
„Du hast es also immer noch auf mich und meine Familie abgesehen! Ich wusste es!“
Der Tod wandte sich ihr mit einem hässlichen Ausdruck auf dem sonst so schönen Gesicht zu.
„Dachtest du, ich würde auch nur einen von ihnen verschonen, nachdem du mich herausgefordert hast? Ich werde dir das nehmen, was dir am meisten bedeutet, Eleonore! Und das ist dein Sohn! Sperr ihn ruhig ein, so oft du willst, irgendwann wirst du nicht da sein und dann werde ich ihn erwarten! Gib ihm das Mädchen, besänftige ihn, es kommt mir sehr gelegen; seine Verliebtheit wird ihn unachtsam machen!“
Mit diesen Worten verschwand er und ließ Eleonore verzweifelt zurück.
Mit glänzender Laune verließ Leonard am nächsten Morgen seine Gemächer, um einen Ausritt zu machen. So wohl wie an diesem Tag hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt; ihm war, als könne nichts ihn mehr erschüttern. Fröhlich summte er vor sich hin und dachte an nichts anderes als an Celicia, der er nach anfänglichem Zögern letztendlich ganz offen den Hof gemacht hatte. Und sie schien ganz und gar nicht abgeneigt, was seine Stimmung nur noch mehr hob. Er dachte gerade darüber nach, wie er sie möglichst bald wiedersehen konnte, da trat ein Diener zu ihm.
„Hoheit, Ihre Majestät, die Königin, wünscht Sie zu sprechen.“
Leonard nickte ein wenig überrascht und folgte dem Mann durch die langen Gänge. Sein Hochgefühl hatte einen deutlichen Dämpfer bekommen, denn noch nie hatte seine Mutter ihn zu sich gerufen. Dies konnte nichts Gutes bedeuten, da war er sich sicher. Und wie recht er hatte, sollte er sogleich erfahren. Kaum hatte er ihre Räumlichkeiten betreten, als sie auch schon vor ihm stand.
„Ich wünsche nicht, dass du das Mädchen wiedersiehst.“
Leonard erstarrte und rang mühsam um Fassung, während ihre dreiste Forderung seine Empörung wachrief.
„Bei allem Respekt, Mama: ich denke nicht, dass du in dieser Frage etwas zu sagen hast. Mit wem ich mein Leben teilen will, ist ganz allein meine Entscheidung.“
Sie erwiderte streng:
„Es geht mir nicht um das Mädchen, mein Sohn. Es geht um den Zeitpunkt. Es wäre politisch sehr unklug, gerade jetzt eine Wahl zu treffen.“
Hitzig rief er:
„Ach, mit einem Mal ist es unpassend? Dabei haben du und Vater doch genau das im Sinn gehabt, als ihr mit der Planung für diesen Ball begonnen habt!“
Eleonore blieb ruhig.
„Das ist nur zum Teil richtig. Wir wollten, dass du dich umsiehst, dich ein wenig amüsierst und feststellst, welche Mädchen für dich in Frage kommen. Daran, dass du dich tatsächlich für eine der jungen Frauen entscheiden könntest, haben wir nicht im Entferntesten gedacht. Deshalb muss ich dich nun bitten, dich zurückzuhalten.“
Damit machte sie eine ausladende Geste und er wusste, dass er zu gehen hatte. Doch er blieb stehen und sagte verzweifelt:
„Mama, ich bitte dich, tu mir das nicht an …!“
Aber sie wandte sich nur ab und Leonard hatte das Gefühl, an seiner eigenen Wut und Hilflosigkeit zu ersticken. Blindlings stürmte er aus ihrem Gemach und eilte in den Schlosshof, wo bereits sein Hengst auf ihn wartete. Er schwang sich in den Sattel und trieb das Tier zu hohem Tempo an. Besorgt riefen die Diener ihm nach, doch Leonard war alles gleich. Blind vor Tränen und mit einem unerträglichen Gefühl der Verzweiflung in seinem Herzen preschte er durch die Büsche und zwischen den Bäumen hindurch, stundenlang, wie es ihm vorkam, doch war vermutlich nicht einmal eine halbe Stunde seit seinem Aufbruch vergangen, als das Tier plötzlich scheute. Leonard war nicht darauf gefasst; mit einem Schrei stürzte er rücklings zu Boden und blieb keuchend liegen, während der Hengst einen Satz nach vorn machte und in einiger Entfernung stehen blieb.
Schwer atmend richtete Leonard sich auf und verbarg seine Augen hinter der Hand, als er mit einem Mal Schritte hinter sich vernahm. Abrupt wandte er den Kopf und sein Herz hämmerte schmerzlich, als er in das verschlossene, doch gleichzeitig mitfühlende Gesicht des Todes blickte, welcher wenige Meter hinter ihm an einem Baumstamm lehnte. Ein gequälter Laut drang aus seiner Kehle, und als der Tod eine Hand nach ihm ausstreckte, erhob Leonard sich taumelnd und sank gleich darauf vor dem Mann in die Knie, umklammerte dessen Bein und weinte. Es dauerte einen Moment, dann legten sich die Hände seines vermeintlichen Freundes beruhigend auf seine Schultern. Langsam ließ der Tod sich auf einem Felsen neben dem Baum nieder und zog den Prinzen dabei mit sich, so dass dieser den Kopf schließlich auf seinem Schoß gebettet hatte. Leise sagte der Tod nun:
„Sie quält dich so sehr, dass es selbst mich schmerzt, mein armer Freund. Darum kam ich zurück, denn ich will dich nicht länger strafen für Zweifel, welche durch fremde Hand in deinem Herzen gesät wurden.“
Leonard erwiderte erstickt:
„Ich habe nicht gezweifelt, nie! Ich wollte nur wissen, ob meine Mutter den Verstand verliert oder nicht …! Ich wollte dich nicht kränken, bitte vergib mir!“
Ein triumphales Lächeln huschte über das schöne Gesicht, aber Leonard bemerkte es nicht. Er war so erleichtert, seinen Freund nicht länger entbehren zu müssen, dass er die Augen zusammenpresste und tapfer versuchte, gegen den Schmerz in seinem Inneren anzukommen. Nun erklang erneut die sanfte Stimme des Todes.
„Ich vergebe dir, denn ich weiß, dass du mir treu bist. Darum lass uns nicht länger an unseren Zwist denken und lieber dein dringlichstes Problem beseitigen.“
Verwirrt sah Leonard auf.
„Ich verstehe nicht …“
Der Tod sprach auch weiterhin leise, doch sehr bestimmt.
„Du darfst das Mädchen nicht aufgeben, wenn du leben willst, Leonard. Deine Mutter zwingt dich noch immer in die Knie, dabei bist du wertvoller, als sie es jemals sein wird. Sie braucht dich. Ohne dich ist sie unbedeutend, deshalb umklammert sie dich so fest, dass es dir die Luft abdrückt, will sie dich fernhalten von jenem Wesen, welches dein Herz berührt hat. Die Zeit ist gekommen. Du musst stark sein, stärker als sie. Es wird Zeit, sich endlich einmal gegen sie durchzusetzen.“
Leonard schluckte schwer und ließ entmutigt den Kopf wieder sinken.
„Das schaffe ich niemals.“
Doch mit ungewohnter Schärfe erwiderte der Tod:
„Wenn du gleich aufgibst, wirst du natürlich scheitern! Sei kein Narr und biete ihr dieses eine Mal die Stirn! Willst du das Mädchen oder nicht?“
Er hatte ihn hart an den Schultern gepackt und zwang ihn, in seine kalten Augen zu sehen, welche nun wild funkelten. Leonard nickte jämmerlich.
„Ja …“ Nun sprang der Tod auf und riss ihn dabei auf die Beine.
„Ich will es hören, Leonard! Sag es! Sag, dass du das Mädchen wirklich willst!“
Leonard straffte die Schultern und nahm seinen Mut zusammen.
„Ja, ich will das Mädchen! Ich möchte sie zur Frau nehmen!“
Sein Atem ging stoßweise und auch der Tod atmete schwer, als hätten sie miteinander gerungen. Da drückte dieser mit einem Mal den Kopf des jungen Mannes an seine Brust.
„Dann werden wir sie dir holen. Ich werde dafür sorgen, dass sie dir gehört. Sie soll als deine Braut in den Königspalast ziehen, mein Freund. Tu, was ich dir sage und überlasse den Rest mir, dann wird alles so kommen, wie es soll.“
Mit abweisender Miene stand Eleonore neben ihrem Gemahl und sah auf das Mädchen nieder, das als königliche Braut in den Hof geführt wurde. Leonard erwartete Celicia lächelnd am Fuße der Treppe und küsste zuvorkommend ihre Hand, als sie ihn erreicht hatte. Er führte sie anschließend hinauf zu seinen Eltern, wo das Mädchen einen untertänigen Knicks machte und Albert ihr wohlwollend zunickte. Als der Blick der jungen Frau jedoch auf Eleonore fiel, zuckte sie kaum merklich zurück. Der König erhob nun die Stimme:
„Wir begrüßen die junge Braut und heißen sie aufs herzlichste Willkommen!“
Jubel brach unter der Bevölkerung aus und Leonard strahlte, als er seine Liebste nun in das Schloss hineinführte. Eleonore blieb, solange die Etikette es von ihr verlangte, dann wandte sie sich schleunigst ab und eilte hinauf in ihre Gemächer. Dort angekommen lehnte sie sich langsam gegen die Tür und starrte auf die dunklen Wolken, welche gerade am Himmel heraufzogen.
„Sie ist wirklich schön, nicht wahr?“
Sie hob langsam den Blick und erwiderte müde:
„Was ist schon Schönheit? Sieh mich an, sie vergeht, ehe man sich versieht.“
Amüsiert lehnte der Tod sich auf ihrem Bett zurück, wo er auf sie gewartet hatte.
„Sie ist dir ein Dorn im Auge, nicht wahr? Was willst du nun tun, Eleonore? Du wirst sie nicht wieder los.“
Die Königin fühlte sich erschöpft.
„Verschwinde einfach, ich möchte mich ausruhen.“
Langsam richtete der Tod sich auf und ergriff ihre rechte Hand. Widerwillig ließ sie sich zu ihm ziehen und sank kraftlos auf den Rand ihres Bettes.
„Geh einfach, ich brauche dich nicht.“
Doch seine schlanken Finger lösten bereits ihre langen, schwarzen Haare aus dem Knoten und scheinbar gedankenverloren berührte er die samtenen Strähnen.
„Sie wird Leonard ins Unglück stürzen, und du weißt es. Und nichts ist schlimmer, als zu wissen, welch Unheil heraufzieht, jedoch hilflos zusehen zu müssen. Nichts tun zu können, um es zu verhindern. Ich verstehe deine Sorge, Eleonore. Und ich muss dir sagen, dass sie nicht unbegründet ist. Durch sie wird er mir zum Opfer fallen, früher als dir lieb ist. Sie wird ihn zu mir führen.“
Verzweifelt flüsterte sie:
„Warum quälst du mich? Hast du mich nicht schon genug durchleiden lassen?“
Er war dicht hinter sie gerückt und ließ seine Hände beinahe zärtlich über ihre Arme, ihre Brüste und ihren Rücken wandern, so leicht, dass er sie kaum berührte; Eleonore erschauerte, während er antwortete:
„Ich kann dich nicht ziehen lassen, solange dein Mann und dein Sohn noch am Leben sind. Du weißt, dass ich sie nicht verschonen kann.“
Sie schloss die Augen, hin und her gerissen zwischen dem unwilligen Verlangen, das er durch seine Berührungen in ihr weckte und dem Wunsch, ihm endgültig zu entfliehen.
„Du wirst uns alle ins Unglück stürzen, dafür verfluche ich dich …!“
Er lachte leise und erwiderte nah an ihrem Ohr:
„Und doch kannst du dich mir nicht entziehen; dein Leben ist so endlos und leer, dass du anfängst, dich nach mir zu sehnen. Und ich bin hier, Eleonore. Das sollte dir im Moment genügen.“
Der Griff seiner Hände wurde stärker und er fügte wissend hinzu:
„So sehr du dir auch wünschst, dich von mir abzuwenden, du wirst mir immer geweiht sein. Du kannst mir nicht entkommen, das hättest du dir von Anfang an bewusst machen müssen. Doch nun ist es für ein Zurück zu spät und du musst den von dir gewählten Weg allein bis zum Ende gehen. Wohl wissend, dass letztendlich ich gewinnen werde.“
Mit diesen Worten löste er sich von ihr und stand auf.
„Wenn du deinen Sohn schützen willst, wirst du dich anstrengen müssen. Auf meiner Seite ist die Zeit - ich kann warten.“
Damit verschwand er in der Dunkelheit und Eleonore sank hilflos in die Kissen, nicht wissend, was sie nun tun sollte.
Still standen sie beieinander und genossen es, einander einfach nur im Arm zu halten. Eine leichte Brise wehte über Celicias Balkon und bereitete ihr eine Gänsehaut. Schützend legten sich Leonards Arme enger um sie.
„Frierst du, mein Engel?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nicht wirklich. Und außerdem wärmen mich deine Arme genug.“
Sie sah lächelnd zu ihm auf und er seufzte wohlig.
„So furchtbar die Auseinandersetzung mit meiner Mutter auch war, es hat sich gelohnt, standhaft zu bleiben. Doch muss ich zugeben, wäre mein Vater nicht dazugekommen und hätte mir zur Seite gestanden, hätte die Königin mich vielleicht doch bezwungen.“
Celicias Blick wurde wehmütig.
„Ich weiß nicht, was ich der Königin getan habe. Bei meiner Ankunft hat sie mich mit einer Kälte angesehen, dass mir richtig bange wurde.“
Leonard meinte tröstlich:
„Sie ist eben ein wenig schwierig, aber sei unbesorgt, ihre Ablehnung richtet sich nicht direkt gegen dich. Es sind die Umstände, welche sie so reizbar machen. Sie wollte nicht, dass ich mich verlobe. Ebenso wenig schmeckt es ihr, dass ich mich nicht einfach ihrer Anweisung gebeugt habe. Ich habe ihr widersprochen und am Ende sogar Erfolg damit gehabt. Es wird vermutlich eine ganze Weile dauern, bis sie mir das verziehen hat.“
Celicia seufzte und löste sich von ihm, um sich umzudrehen. Sanft berührte sie sein Gesicht, woraufhin er die Augen schloss.
„Ich weiß, es gehört sich nicht, über so etwas Intimes zu sprechen, ehe wir nicht verbunden sind. Aber ich möchte, dass es dir bewusst ist, Leonard: ich liebe wirklich dich als Mann und nicht deine Krone. Das klingt vielleicht albern, aber ich habe bereits erlebt, wie es Menschen erging, die aus materiellen Gründen zusammengefunden haben.“
Leonard schluckte schwer und erwiderte ein wenig beschämt:
„Ich freue mich über deine offenen Worte weit mehr als du ahnst, Celicia. Niemals hat mir bisher jemand gesagt, dass er mich liebt; umso glücklicher macht es mich, dir dasselbe sagen zu können. Ich liebe dich aus tiefstem Herzen und bin unendlich dankbar, dich an meiner Seite zu haben.“
Plötzlich schmiegte sie sich an ihn, so dass ihm die Röte in die Wangen stieg. Ihre Stimme war nur ein Flüstern.
„Das macht mich froh. Ich bin glücklich, bei dir und nicht von meinen Eltern mit diesem schrecklichen Grafen verlobt worden zu sein.“
Er legte seine Arme eng um sie.
„Und ich erst.“
Darüber musste sie kichern.
„Sie sollten nicht ein solch niederes Gefühl wie Eifersucht empfinden, Hoheit. Das passt nicht zum Sohn eines Königs.“
Leonard erwiderte nachdenklich:
„Vielleicht ist das wahr, jedoch habe ich mich nie als etwas Besonderes gesehen. Vielmehr gab man mir das Gefühl, unbeholfen und wehrlos zu sein und aus diesem Grund sehe ich mich immer wieder gezwungen, an mir selbst und meiner Bestimmung zu zweifeln.“
Celicia sagte liebevoll:
„Dann höre in Zukunft nur noch auf mich, mein Liebster. Ich sehe viel in dir, was der Welt vermutlich noch verborgen ist. Doch ich weiß, dass du eines Tages ein großer König sein wirst. Du wirst über dich selbst hinauswachsen, wenn du nur daran glaubst.“
Er fand keine Worte, die er darauf erwidern konnte, und küsste deshalb ihre Stirn, ihre Wangen und murmelte ihren Namen, während er sie hielt. In diesem Moment war er sicher, mit ihr an seiner Seite doch noch glücklich werden zu können.
Gedankenverloren stand Celicia ein wenig später allein auf dem Balkon und blickte zum sternenübersäten Himmel hinauf. Sie dachte über die überraschenden Entwicklungen in ihrem Leben nach und seufzte wohlig. Sie war sehr glücklich darüber, einen Mann wie Leonard zum Gemahl zu bekommen, jemanden, den sie wirklich lieben konnte. Der Kronprinz hatte sie vor einer lieblosen Ehe gerettet, deren Arrangement sich gerade anzubahnen drohte, als Leonard ihr auf dem Ball mit einem Mal den Hof gemacht hatte. Natürlich war es keine Frage gewesen, dass der künftige König einem einfachen Grafen vorzuziehen sei, nein, es wäre sogar vollkommen undenkbar gewesen, ihm einen Korb zu geben. Aber Celicia fügte sich gern in ihr Schicksal, denn sie war sicher, an Leonards Seite ein gutes Leben führen zu können.
Allerdings hatte die offene Ablehnung durch die Königin sie ein wenig verschreckt. Langsam senkte sie nun den Blick auf ihren Verlobungsring.
„Bin ich dem Ganzen denn wirklich gewachsen? Kann ich wirklich neben der Königin bestehen? Oh, ich ahne Schlimmes!“
Wehmütig schaute sie in die dunklen Gärten hinab.
„Ich weiß, dass Leonard mich glücklich machen kann, doch was soll ich tun, wenn seine Mutter ihre abweisende Haltung beibehält? Allein der Gedanke ist mir unerträglich.“
Sie fröstelte, als sie mit einem Mal eine leise Stimme aus der Dunkelheit vernahm.
„Sei unbesorgt, ich werde dich vor der Einsamkeit bewahren. Ich werde dich trösten, wann immer du mich brauchst; in meinen Armen wird jedes Leid und jede Pein verblassen und die Welt um dich herum ins Nichts versinken.“
Verwirrt und mit wild pochendem Herzen sah sie sich um.
„Wer ist da? Hallo? Zeig dich mir!“
Doch sie erhielt keine Antwort, und in diesem Moment trat ihre Amme zu ihr.
„Kommen Sie endlich herein, Kind, Sie holen sich ja noch den Tod da draußen!“
Celicia wollte etwas erwidern, da hörte sie ein gedämpftes Lachen und drehte sich wieder herum, um aufmerksam in die Finsternis zu spähen.
„Hast du das gehört?“
Fragend sah die ältere Frau sie an.
„Was soll ich hören?“
Celicia trat erneut an die Brüstung.
„Da war eine Stimme, die mit mir sprach, sie klang so nah und irgendwie beruhigend; und dieses Lachen, gerade eben, als …“
Mit wachsender Besorgnis musterte die Amme das Mädchen.
„Sie sind übermüdet, mein armes Lämmchen. Zeit, dass wir Sie ins Bett stecken, es war ein aufregender Tag.“
Nur widerwillig folgte Celicia ihr hinein und legte sich nieder. Kaum waren die Lichter erlöscht, hörte sie ein letztes Flüstern:
„Träume süß, Celicia. Ich werde über dich wachen.“
Zur selben Zeit lief Leonard rastlos in seinem Zimmer auf und ab. Seitdem er Celicias Gemach verlassen hatte, nahm die Unruhe in ihm mehr und mehr zu. Er wusste, es gab nur einen, der ihm Trost spenden konnte und so wartete er mit wachsender Verzweiflung auf seinen unheilvollen Freund. Als dieser gegen Mitternacht endlich durch die geöffnete Balkontür in sein Zimmer trat, rief Leonard erleichtert:
„Du kommst, oh ich danke dir, du hast mich nicht vergessen!“
Der Tod ließ den Jungen zu sich kommen und ergriff dann seinen Arm, um ihn zu seinem Bett zu führen. Dort wartete er, bis sein Schützling sich niedergelegt hatte, ehe er sich zu ihm setzte und ihn aufmerksam musterte.
„Was bedrückt dich so sehr, dass es dich wach hält, mein Lieber? Du wirkst sehr verzweifelt, dabei hast du dich gerade mit einer schönen Frau verlobt und solltest himmelhoch jauchzend sein - stattdessen sehe ich dich sehr betrübt vor mir.“
Leonard umklammerte seine Hand.
„Ich weiß nicht, was mich so ängstigt; ich habe einfach das Gefühl, sie ins Unglück zu stürzen, oh Gott, ich darf nicht daran denken, was wird!“
Er wandte sich ab und der Tod musterte ihn mit nachdenklichem Blick.
„Mein armer Leonard, es quält dich zu wissen, wie deine Mutter zu dem Mädchen steht. Doch du weißt, sie wird sich nicht ändern. Sie ist eifersüchtig auf das Mädchen und will dich nicht an sie verlieren. Es liegt bei dir, mein Freund. Du musst entscheiden, wie du dich ihr entgegenstellst. Entweder du siehst sie weiter als deine Mutter und bemühst dich, sie zu besänftigen, oder du musst hart sein und sie dazu zwingen, deinem Glück nicht länger im Wege zu stehen.“
Leonard schwieg hierauf und der Tod beugte sich langsam über ihn, um ihn tröstend in seine Umarmung zu ziehen.
„Du weißt, ich bin dir nah. Ich werde bei dir sein, was immer du auch tust. Jedoch kann ich dich nicht davor bewahren, diese Entscheidung selbst fällen zu müssen. Nur du weißt, was dich glücklich macht. Ich kann dich begleiten, dich trösten, wenn deine Verzweiflung dich zu verschlingen droht, doch deinen Weg suchen musst du dir allein.“
Leonard nickte und antwortete gepresst:
„Ich kann mich nicht gegen die Königin stellen, auch wenn sie mir nie wirklich nahe war. Sie ist dennoch meine Mutter und ich möchte, dass sie meine Braut akzeptiert. Es muss möglich sein, sie zu besänftigen.“
Der Tod zeigte keine sichtliche Reaktion darauf, doch seine Augen funkelten triumphierend.
„Dann musst du dich bemühen, Leonard. Lass sie teilhaben an deinem Glück und versuche, ihr die Augen zu öffnen. Das ist alles, was du noch tun kannst.“
Die nächsten Wochen waren eine harte Zeit für die Mitglieder des Königshauses, denn noch immer konnte Eleonore sich nicht dazu durchringen, das Mädchen als künftige Gemahlin ihres Sohnes zu akzeptieren und verhielt sich deshalb weiterhin abweisend. Die Warnung des Todes lag ihr darüber hinaus noch gut in den Ohren und dies trieb sie nur noch mehr in ihrem Widerstand an.
Celicia selbst versuchte so gut es ging, tapfer zu sein und sich nicht durch ihre baldige Schwiegermutter einschüchtern zu lassen. Die Tatsache, dass König Albert ihr sehr zugetan war, machte es ihr einerseits leichter, andererseits schien dies Eleonores Abneigung noch zu verstärken. Ihr einziger Trost war Leonard und die Tatsache, dass sie nicht ewig unter der Königin stehen und so eines Tages nicht mehr auf deren Segen angewiesen sein würde.
Allerdings betrübte es sie sehr, Leonard in einer solch verzwickten Lage zu sehen: er bemühte sich unermüdlich, ihr zur Seite zu stehen und gleichzeitig auch seine Mutter zu versöhnen. Diese ganzen Anstrengungen ließen ihn jedoch im Laufe der Wochen immer unglücklicher und deprimierter erscheinen, so dass Celicia begann, sich ernsthaft Sorgen um ihn zu machen. Deshalb sagte sie eines Morgens bei einem Spaziergang zu ihm:
„Du solltest aufhören, es allen recht machen zu wollen, Leonard. Das brauchst du nicht. Ich finde es sehr mutig und hochanständig von dir, dass du deine Mutter umstimmen willst und dieses Bestreben solltest du auch nicht aufgeben. Doch macht es dich ganz krank, nebenbei auch mir ständig beistehen zu müssen, deshalb nimm meinen Rat an. Oder nein, es ist vielmehr eine Bitte: denke nicht an mich, ich komme zurecht. Ich werde die Launen der Königin ertragen, solange es nötig ist. Denn ich weiß, dass du mich liebst und dieses Wissen allein ist mir genug. Ich werde auch ohne dich gegen sie bestehen können, da bin ich sicher.“
Er sah sie einen Moment schweigend an, ehe er sich abwandte.
„Was für ein Mann wäre ich, wenn ich zu meiner Mutter stünde, aber nicht zu dir? Das kann ich dir nicht antun, Celicia.“
Sie ergriff seine Hand und zog ihn zu sich.
„Du bist sehr tapfer und es rührt mich zutiefst, dass du mich nicht im Stich lassen willst, Liebster. Aber ich sehe tagein, tagaus, wie dich diese Sache quält und das ertrage ich einfach nicht. Deshalb flehe ich dich an, lass mich außen vor. Ich habe keine Angst vor der Königin und werde mich nicht von ihr verjagen lassen. Doch wenn du mich halten willst, dann höre auf, dich selbst zu zerstören. Ich möchte mit dir leben und nicht all unsere Zeit damit verschwenden, gegen andere zu kämpfen.“
Langsam legte er seine Arme um sie.
„Also gut, ich werde darüber nachdenken. Aber ich bitte dich, mein Engel, lass es mich wissen, wenn du mich brauchst. Ich werde dich niemals im Stich lassen, wenn du mich an deiner Seite haben willst.“
Damit küsste er zärtlich ihre Stirn und verließ sie nach einer knappen Verbeugung. Wehmütig sah Celicia ihm nach und fragte sich, wie sie Leonard nur davor bewahren sollte, sich selbst weiter zu verlieren.
