Tödliche Rache - Ingeborg Struckmeyer - E-Book

Tödliche Rache E-Book

Ingeborg Struckmeyer

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Beschreibung

Rache ist mörderisch und teuflisch süß! Entdecken Sie "Tödliche Rache – 20 Fünf-Minuten-Krimis" von Ingeborg Struckmeyer jetzt als eBook bei dotbooks. Ganz ehrlich: Welcher Mann hat seine nörgelnde Frau noch nie auf eine verlassene Insel gewünscht? Und welche Ehefrau spielt nie mit dem Gedanken, den untreuen Ehemann zu erschießen? Von bitterböser Schadenfreude bis zu hinterhältigen Mordanschlägen: Diese eiskalten und höchst amüsanten Fünf-Minuten-Krimis zeigen alle verlockenden Facetten der Rache. Und irgendwie … kommt einem so manches Gefühl erschreckend bekannt vor! Erfolgsautorin Stefanie Koch über "Tödliche Rache": "Diese Mischung aus köstlicher Heiterkeit und Gänsehaut macht süchtig. In Ingeborg Struckmeyers mörderischen Geschichten entdecken wir uns wieder, blicken in den Spiegel der vielen kleinen Betrügereien, die so verführerisch leicht zu begehen sind. Man liest eine, dann noch eine, dann noch eine …" Jetzt als eBook kaufen und genießen: "Tödliche Rache – 20 Fünf-Minuten-Krimis" von Ingeborg Struckmeyer. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Über dieses Buch:

Ganz ehrlich: Welcher Mann hat seine nörgelnde Frau noch nie auf eine verlassene Insel gewünscht? Und welche Ehefrau spielt nie mit dem Gedanken, den untreuen Ehemann zu erschießen? Von bitterböser Schadenfreude bis zu hinterhältigen Mordanschlägen: Diese eiskalten und höchst amüsanten Fünf-Minuten-Krimis zeigen alle verlockenden Facetten der Rache. Und irgendwie … kommt einem so manches Gefühl erschreckend bekannt vor!

Über die Autorin:

Ingeborg Struckmeyer, geboren 1942 in Bottrop, studierte nach dem Abitur in Münster und Köln und arbeitete danach als Diplom-Bibliothekarin. Seit 2004 lebt sie in München und war seitdem bereits mehrmals auf dem dortigen Krimifestival vertreten. In den letzten Jahren wurden ihre Kurzkrimis außerdem mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Zuschauerpreis der Münchner Kriminale.

Die Autorin im Internet: https://www.facebook.com/ingeborg.struckmeyer

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Neuausgabe März 2016

Dieses Buch erschien bereits 2007 unter dem Titel Tödliche Rache. 20 Mordsgeschichten im Geest-Verlag

Copyright © der Originalausgabe 2007 Geest-Verlag

Copyright © der Neuausgabe 2016 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Maria Seidel, atelier-seidel.de unter Verwendung eines Motivs von Thinkstockphoto/ojogabonitoo

E-Book-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-95824-406-1

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Ingeborg Struckmeyer

Tödliche Rache

20 Fünf-Minuten-Krimis

dotbooks.

Für meine Tochter Nicola

Sie weiß schon, weshalb

Tödliche Rache

Da war dieses Geräusch, nein, eigentlich kein Geräusch, eher eine Erschütterung, ein leichtes, melodisches, rhythmisches Beben, das langsam immer stärker wurde.

Eine Erinnerung stieg auf, bahnte sich langsam einen Weg durch den Alkoholnebel in Caroline Hövels Gehirn. Damals – vor fünfundzwanzig Jahren – hatten sie bei ihren wilden Kinderspielen auf dem Bahndamm herumgetobt. Sie hatten die Ohren auf die Eisenbahnschienen gelegt und gewartet, dass das Brummen des herandonnernden Zuges immer stärker wurde. Sie hatten die Lokomotive um die Kurve kommen sehen und waren erst im letzten Augenblick vom Bahngleis gesprungen. Vor Entsetzen und Übermut hatten sie geschrien und gelacht. Ihr Johlen war untergegangen im Lärm des großen roten Ungetüms, das gefährlich nahe an ihnen vorbeigebraust war. Wie berauscht hatten sie in das wutverzerrte Gesicht des Lokführers gesehen, der drohend die Faust erhoben hatte.

Die Eindrücke jener vergangenen Tage kämpften sich in Carolines Bewusstsein, erst noch einschläfernd dumpf, dann unheilverkündend immer stärker werdend. Langsam öffnete sie die Augen. Vor ihrer Nase tauchten riesig die Schrauben von Bahnschwellen auf. Sie lag mitten auf den Schienen. Das Poltern wurde immer lauter. Ein plötzlicher Adrenalinstoß verdrängte den Nebel aus ihrem Kopf. Sie gab sich einen Ruck, warf sich herum und wälzte sich die Böschung hinunter, während einige Meter über ihr der Intercity vorüberrauschte. Seine Scheinwerfer durchschnitten kurz die Dunkelheit. Dann war er verschwunden – wie ein böser Traum!

Aber das hier war kein Traum. Ihr lieber Mann, dieses Miststück, hatte versucht, sie umzubringen. Er hatte sie, betrunken wie sie war, auf die Eisenbahnschienen gelegt und den Rest dem Intercity überlassen wollen. Ganz schwach erinnerte sie sich jetzt an sein grinsendes Gesicht, das über sie gebeugt war, und seine höhnischen Worte klangen ihr im Ohr: »Fahr zur Hölle, mein Goldstück!«

Ohne ihre gefährlichen Kindheitsspiele wäre sie jetzt mausetot.

Ihr wurde übel, sie musste sich übergeben. Sie rappelte sich auf, griff nach einem Büschel Gras und wischte angeekelt und wiederum würgend Erbrochenes und Schleim von sich.

Sie trug noch immer das Kleid, das sie für die Fete bei Bergrat Uhlenbrock angezogen hatte, ein langes schwarzes Abendkleid, hochgeschlossen, mit enganliegender Taille und weitem Glockenrock. Als sie heute Abend hineingeschlüpft war, hatte sie Knut zu Hilfe rufen müssen. Der Reißverschluss war verklemmt. Ihr Mann hatte erst ein bisschen herumgefummelt und ihn dann mit einem heftigen Ruck hochgezogen. Die Berührung seiner Hände in ihrem Nacken hatte die vertraute, kribbelnde Wärme in ihrem Bauch hervorgerufen, und die Knie waren ihr weich geworden. Scheiße, sie hasste ihn – und begehrte ihn immer noch!

Mit einem Aufstöhnen hatte sie sich gegen ihn gelehnt, und Scham und Wut krochen jetzt in ihr hoch, als sie an seine verächtlichen Worte dachte: »Wenn du meinst, dass sich bei deinem Anblick bei mir irgendwas rührt, dann hast du lange nicht mehr in den Spiegel gesehen!«

Sie war zurückgezuckt – und dann hatte sie in den Spiegel gesehen. Der Alkoholmissbrauch hatte ihren Körper gezeichnet. Sie trank seit fünfzehn Jahren, fast so lange wie sie verheiratet war. Schon drei Wochen nach der Hochzeit hatte sie herausgefunden, dass Knut sie betrog, sie immer betrogen hatte. Sie hatte sich eingestehen müssen, dass Knut sie nur ihres Geldes wegen geheiratet hatte.

Bekannte und Freunde wussten von ihrem Alkoholkonsum, aber niemand wusste, weshalb sie trank. Knut war vorsichtig in der Wahl seiner Damen, und so blieb der Schwarze Peter an ihr hängen. Sie war die ›versoffene Caro‹, mit der ihr Mann seine liebe Not hatte.

Seit sie trank, aß sie wenig und war daher dürr wie eine Zaunlatte. Ihre Gesichtszüge waren schwammig, die Augen gerötet und verquollen, das Haar war trotz aller Friseurkünste strohig und glanzlos. Sie war wirklich kein attraktiver Anblick mehr.

Aber – Caroline kehrte mit ihren Gedanken wieder in die Gegenwart zurück – das war noch lange kein Grund, sie umzubringen!

Sie machte sich auf den Heimweg. Ihre Schuhe hatte sie verloren, aber die Mischung aus Zorn und Alkohol ließ sie Kälte und Schmerzen nicht spüren. Während sie vor sich hinstolperte, überlegte sie, wie sie sich an Knut rächen könnte, rächen für den Mordversuch und rächen für die verlorenen fünfzehn Jahre.

Inzwischen hatte sie die Straße am Ufer der Lippe erreicht.

Sie kam jetzt zügiger voran. Der kühle Nachtwind blies ihr den restlichen Alkohol aus dem Gehirn. Nach einigen Minuten war sie an die Mauer ihres Grundstücks gelangt. Als sie unbeholfen über das Tor kletterte, hörte sie Hektor, den Bullterrier, heranjagen. Zwar hatte sie sich immer vor dem starken, hässlichen Hund gefürchtet, aber er würde nicht anschlagen, wenn er ihre Stimme hörte. Sie raunte ihm ein paar beruhigende Worte zu und sprang dann auf den Kiesweg jenseits des Tores. Die spitzen Steine stachen in ihre Füße.

Vorsichtig näherte sie sich dem Haus, ging auf die Garage zu und drehte am Griff des Garagentores. Geräuschlos glitt das Schwingtor nach oben. Caroline sah die beiden Autos nebeneinander stehen, ihr rotes Cabriolet und Knuts silbergraues Coupé.

Sie griff in das Handschuhfach ihres Wagens und hielt gleich darauf eine kleine Pistole in der Hand. Beim Anblick des mattglänzenden schwarzen Metalls lächelte sie. Sie fasste an die Feuerschutztür, die von der Garage aus ins Haus führte. Abgeschlossen. Sie zog das Garagentor von außen wieder zu und schlich sich um das Haus herum. In der Stille der Nacht hörte sie die kleinen kühlen Wellen der Lippe gegen das Ufer schlagen.

Im Wohnzimmer brannte Licht. Die Terrassentür stand offen. Knut telefonierte gerade, und Caroline hörte, wie er das Gespräch beendete: »Ciao, Yvonne! Bis morgen, Wonni!« Caroline verzog den Mund. Wonni! Welche Wonnen ihm die kleine Schlampe wohl bereiten mochte!

Sie drückte sich an der Gardine vorbei durch die Tür, nahm die Pistole in beide Hände und zielte auf Knuts Kopf. Knut sah sie und erstarrte.

»Du!?«, stammelte er einigermaßen fassungslos.

»Leibhaftig!«, spottete Caroline und ging langsam ins Zimmer, ohne ihm zu nahe zu kommen.

»So«, sagte sie dann, »und jetzt gehst du in die Garage. Los, nun mach schon!«, herrschte sie ihn an, als er sie nur anstierte. Mit gefährlich leiser Stimme fügte sie hinzu: »Tu, was ich dir sage, bevor ich dir ein Loch in den Bauch schieße.«

Caroline folgte Knut in einigem Abstand, als er jetzt zögernd durch die Diele zur Feuerschutztür ging. In der Garage angekommen, wandte Knut sich um.

Caroline sah ihm in die Augen. »Einsteigen, Motor anlassen und immer schön einatmen!«, kommandierte sie.

Knut wurde blass. Schweißtropfen glänzten auf seiner Stirn. Er öffnete die Tür seines Coupés und ließ sich auf den Sitz fallen. Caroline hielt die Pistole auf seinen Kopf gerichtet, ging zu ihm herum auf die Fahrerseite und genoss die Angst in seinem Blick.

Plötzlich griff Knut nach einem Zipfel ihres weiten Rocks, schlug die Autotür zu und drückte den Türknopf hinunter. Carolines Kleid war eingeklemmt. Durch den heftigen Ruck glitt ihr die Pistole aus den Händen und rutschte, unerreichbar für sie, unter den Wagen.

Sie wand sich hin und her, zerrte an ihrem Kleid, aber der Stoff gab nicht nach. Sie versuchte, den Reißverschluss zu öffnen, doch der hakte.

»Ach, fahr doch zur Hölle, du Miststück!«, schrie sie in ohnmächtiger Wut. In Knuts Gesicht machte sich langsam ein triumphierendes Grinsen breit.

»Ladies first!«, sagte er, ließ den Motor an, stieg auf der Beifahrerseite aus und verließ die Garage.

Robinson

»Nein! Niemals werde ich in die Scheidung einwilligen!« Richards Stimme klang scharf wie sein Skalpell. Seine Augen schillerten – sein Blick war fast ein wenig irre.

Maria mochte ihn kaum ansehen. »Aber, es ist so sinnlos mit uns bei...«

»Ja, du hast recht, es ist vollkommen sinnlos, dass wir darüber sprechen. In meiner Position als leitender Arzt des Marienhospitals Oberhausen kann und werde ich mich nicht scheiden lassen.«

Maria ließ die Schultern sinken. Langsam ging sie aus dem Zimmer, ging ins Bad, betrachtete sich im Spiegel. Sie war nicht mehr jung, aber sie sah immer noch gut aus. Fast faltenlos das Gesicht, wenn man von den feinen Linien um die Mundwinkel herum absah.

In den nächsten Tagen sprachen Richard und sie kaum miteinander. Falls Richard zu den Mahlzeiten erschien, versteckte er sich hinter seiner Zeitung. Ansonsten war Maria – wie immer – viel allein. Erst jetzt wurde ihr richtig klar, was sie mit ihrer Heirat vor fünf Jahren alles aufgegeben hatte. Zunächst war es nur der Beruf gewesen. ›Ich möchte nicht, dass meine Frau arbeitet, bitte kümmere dich um den täglichen Kram, halte mir den Kopf frei. Deine Freundinnen sind mir alle zu feministisch. Deine Mutter kann sich nicht anziehen, kann sich bei Tisch nicht benehmen.‹ Richards Worte wirbelten in Marias Kopf herum. Waren es vorher einzelne Sätze gewesen, die wie Unkraut in ihrem Bewusstsein aufgegangen waren, so war es jetzt ein Gewirr von Schlingpflanzen, das ihren Gedanken die Luft abdrückte, sie schließlich erstickte. Nur das Wort Scheidung hatte sich schließlich in ihrem Kopf festgesetzt als letzte Rettung vor dem absoluten Untergang ihrer eigenen Persönlichkeit im Sog von Richards Person, Richards Beruf, Richards gesellschaftlicher Stellung.

Eines Abends – ein Tag unendlicher Langeweile lag hinter ihr mit Tennis, Einkaufen, Friseur, Lunch mit irgendwem – kam Richard besonders spät nach Hause, aufgedreht und hektisch.

»Pack ein paar Sachen zusammen. Übermorgen fliegen wir nach Tahiti, mieten uns ein Segelboot und segeln zu einer einsamen Insel.« Er seufzte glücklich. »Mein Lebenstraum!«

Sein Lebenstraum – natürlich.

Lustlos legte Maria am nächsten Tag ihre und Richards Sachen bereit – für Vorfreude blieb keine Zeit. Einen Tag später flogen sie in die Südsee.

Maria erlebte den Flug und den kurzen Aufenthalt in Papeete wie in Trance.

Richard mietete einen Einhandsegler, mit dem er allein gut zurecht kam. Er hatte jede Menge Kisten an Bord bringen lassen, von deren Inhalt Maria keine Ahnung hatte.

Während der tagelangen Reise kümmerte sich Maria nur um das Essen, tat den einen oder anderen Handgriff auf Befehl von Richard. Meist lag sie im Schatten des Vorsegels auf Deck und hing Gedanken nach – ihren Gedanken.

Irgendwann tauchte eine winzige Insel vor ihnen auf. Strand, ein paar Hügel, Palmen.

Sie ankerten in einem kleinen natürlichen Hafen. Richard schleppte die Kisten von Bord und machte sich an die Arbeit. Er hatte den Bausatz für ein Gartenhäuschen eines weltbekannten schwedischen Möbelhauses mitgebracht.

Seine geschickten Chirurgenhände, den Umgang mit feinsten Instrumenten gewöhnt, versagten bei Hammer und Schraubenzieher. Gleich beim zweiten Schlag schlug er sich den Daumen blau. Sie verbrachten die erste Nacht noch auf dem Segelboot.

Am nächsten Tag – verbissen werkelte Richard weiter – erforschte Maria die Insel. Oberhalb eines sprühenden Wasserfalls entdeckte sie eine kleine Höhle, die unter einem Felsvorsprung lag.

Sie pflückte alle möglichen Früchte, zeigte sie Richard. Der beäugte sie misstrauisch, schüttelte den Kopf, griff zu seinen Konserven und Trockenvorräten. Maria befühlte die Früchte, roch an ihnen und biss hinein. Der Saft tropfte über ihre Finger.

Während des täglichen tropischen Regengusses flüchtete Richard in die Hütte. Maria zog ihre Kleider aus, öffnete ihre Haare und tanzte im Regen. Sie streckte ihr Gesicht den herabstürzenden Fluten entgegen.

Während sich Marias Haut problemlos tönte, zog Richard sich einen Sonnenbrand zu.

Richard trank steriles Wasser aus mitgebrachten Flaschen. Maria erfrischte sich an Quellwasser, ließ den Wasserfall über ihre Hände spritzen.

Von Richards Robinsoneifer war nicht viel übrig geblieben. Schon nach kurzer Zeit war sein Traum ausgeträumt.

»Morgen früh segeln wir zurück nach Tahiti!«, sagte er eines Abends.

»Ich würde gern noch bleiben!«

»Wie du meinst«, sagte Richard. Seine Augen blickten matt und flach bis auf ein paar winzige Irrlichter.

In dieser Nacht war der Sternenhimmel besonders hell. Maria legte sich in den noch warmen Sand und sah in die Unendlichkeit. Sie sah die ungewohnte Position des Großen Wagens, die fremden Sterne des südlichen Himmels, das Kreuz des Südens ...

Als sie erwachte, schien die Sonne. Sie war allein. Weit in der Ferne konnte sie ein Segelboot ausmachen.

Sie fröstelte ein wenig, doch dann lächelte sie. Sie lebte – und sie war frei. Vielleicht würde ein Tag wie der andere sein – doch blieb ihr auch die Hoffnung auf Freitag ...

Bittersüßes Ende

Maren Langer öffnete die Augen, das heißt, sie versuchte, die Augen zu öffnen. Ihre Lider waren tonnenschwer, in ihrem Kopf tobte ein irrer Schmerz. Mühsam richtete sie sich auf, rutschte wieder aufs Kopfkissen zurück. Schließlich saß sie auf der Bettkante, und nach mehreren Versuchen stand sie endlich vor dem Bett. Sie torkelte zum Badezimmer, stolperte gegen den Türpfosten, konnte sich gerade noch auf den Füßen halten.

Der Blick in den Spiegel ließ sie zurückweichen. Ihr Gesicht war grau, die Lippen blutleer. Sie sah genauso elend aus, wie sie sich fühlte. Fest umklammerte sie das Waschbecken, während Kacheln und Spiegel um sie herum Karussell fuhren. Sie schloss die Augen wieder.

Sie hörte die Dusche rauschen, hörte dann, wie sie abgestellt wurde, spürte, wie Axel sie mit nassen Armen umfing, spürte seine kühle, feuchte Haut wohltuend durch ihr dünnes Nachthemd. Sie vergrub ihren schmerzenden Kopf an seiner Schulter. »Liebes, was ist los? Geht's dir nicht gut? Bist du krank?« Axels Stimme drang dumpf durch den Nebel ihrer Wahrnehmungen.

»Ich hab schon wieder diese wahnsinnigen Kopfschmerzen«, murmelte sie und drückte ihre heiße Stirn noch fester gegen seinen Körper.

»Was heißt schon wieder?« Axel hatte ihr Gesicht in seine Hände genommen und zu sich gedreht und als sie die Augen öffnete, sah sie seinen Blick besorgt auf sich ruhen.

Maren kamen die Tränen. Wie hatten ihr alle davon abgeraten, Axel zu heiraten. Er ist nur hinter deinem Geld her, er will nur die Firma. Manchmal war sie selbst ganz verunsichert gewesen. Doch wie hatten sie alle sich in ihm getäuscht. Jetzt waren sie schon seit fünf Jahren verheiratet, und immer hatte sich Axel von der besten Seite gezeigt. Selbst ihr Vater, der vor einem Jahr gestorben war, hatte auf dem Sterbebett zugeben müssen, dass er sich geirrt hatte. ›Er liebt dich‹, hatte er gesagt. ›Wie glücklich bin ich darüber. Vielleicht war diese ganze Testamentsgeschichte doch überflüssig‹, hatte er geflüstert. Sie hatte gar nicht gewusst, was er damit gemeint hatte.

Bei der Testamentseröffnung hatte sich herausgestellt, dass nur Maren allein über das private und über das geschäftliche Vermögen verfügen durfte. Axel bezog weiterhin sein Gehalt als Geschäftsführer. Maren erinnerte sich noch jetzt an ihre Verlegenheit, als der Anwalt den ›Letzten Willen‹ ihres Vaters verlas. Sie schämte sich für ihn, dass er ihrem Mann so wenig vertraut hatte. Axel hatte das alles offenbar nichts ausgemacht. ›Was ist schon Geld‹, hatte er leichthin gesagt, ›du hast ja genug davon. Ich hoffe, du gibst mir ab und zu etwas ab.‹ Das hatte doch ein bisschen gekränkt geklungen, aber dann hatte Axel gelacht, sie in die Arme genommen, und in der Nacht hatte er sie geliebt wie noch nie. Sie hatte sich gefühlt wie in Brand gesteckt, wie in Stücke gerissen. Seitdem hatten sie im Grunde nie wieder von Geld gesprochen. Es war auch gar nicht nötig. Sie selbst war ohnehin zurückhaltend beim Geldausgeben, und wenn Axel mal über die Stränge schlug, was machte das schon. Schließlich war sie reich genug, und wenn er unbedingt einen Ferrari wollte – warum nicht?!

»Jetzt sag mir, wie oft bist du morgens schon so aufgewacht?« Axels Stimme, gleichzeitig streng und besorgt, holte sie in die Gegenwart zurück.

»Vier oder fünf Mal in den letzten Wochen, aber so schlimm wie heute war es noch nie«, sagte sie schuldbewusst in Anbetracht seiner offensichtlichen Sorge um sie.

»Und warum hast du mir nichts davon gesagt?«

Axel klang beinahe wütend.

Maren verzog das Gesicht. »Nicht so laut, mein Kopf dröhnt so!«

»So schlimm ist es? Da stimmt doch etwas nicht, das ist nicht mehr im normalen Bereich. Du gehst heute noch zum Arzt!«, sagte Axel energisch.

»Oh nein, ich hasse Ärzte! Schon als Kind hab ich sie gehasst. Meine Mutter war ständig in ärztlicher Behandlung. Ein Spezialist gab dem anderen die Klinke in die Hand. Niemand konnte ihr gegen ihre fürchterlichen Migräneanfälle helfen. Sie hat sich schließlich umgebracht, weil sie es nicht mehr aushielt.«

Jetzt hatte sie es ausgesprochen. Sie konnte die Worte nicht mehr zurücknehmen. Maren hörte selbst die Angst in ihrer Stimme, Angst, das gleiche Schicksal vor sich zu haben wie ihre Mutter. Tagelang mit diesen Schmerzen im abgedunkelten Zimmer zu liegen, kein normales Leben mehr führen zu können. Sie war doch erst achtundzwanzig! Sie schluchzte, der Kopfschmerz pulsierte.

»Liebes, wein doch nicht, das tut dir bestimmt nicht gut«, beschwichtigte Axel sie zärtlich. »Du musst ja nicht unbedingt gleich zum Arzt. Heute ist Freitag, dann gehst du eben Montag, am besten zu jemandem, der dich und die Familie nicht kennt.«

Als ob allein das Sprechen über ihre Ängste Maren geholfen hätte, ging es ihr ein paar Stunden später – sie hatte sich noch einmal hingelegt und ein wenig geschlafen – etwas besser. Kurz vor dem Mittagessen machte sie einen Spaziergang. Die frische Luft tat ihr gut, vertrieb die restlichen Schmerzfetzen aus ihrem Kopf.