Tödliche Zeitarbeit - Ines von Külmer - E-Book

Tödliche Zeitarbeit E-Book

Ines von Külmer

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Beschreibung

Jobwunder Deutschland? Stimmt das wirklich? Was verbirgt sich hinter den Statistiken, die die Bundesanstalt für Arbeit turnusmäßig veröffentlicht? Dieser Roman gibt einen entlarvenden Einblick in die von der Politik verschleierten Missstände der modernen Arbeitswelt.

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Seitenzahl: 312

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Ines von Külmer

Tödliche Zeitarbeit

Zu viel Gier tut selten gut

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1 – Mord in der Neumeyerstraße

Kapitel 2: Der Familienvater

Kapitel 3: Pelzig erhält wichtige Hinweise

Kapitel 4: Keller und die Rechtsmedizinerin

Kapitel 5: Die Abgründe der modernen Zeitarbeit

Kapitel 6: Sebastians Eifersucht

Kapitel 7: Ist Herr Schilling der Mörder?

Kapitel 8: Pelzig verfolgt ein erste Spur

Kapitel 9: Wer ist die „Frau in Rot“?

Kapitel 10: Ein trauriges Schicksal

Kapitel 11: Kann eine an Krebs erkrankte Frau einen Mord begehen?

Kapitel 12: Kriminalhauptkommissar Keller in Aktion

Kapitel 13: Diskussionen

Kapitel 14: Kompromittierende Fotos

Kapitel 15: Irrungen und Wirrungen

Kapitel 16: Wer ist die „Frau in Rot“ wirklich?

Kapitel 18: Ein Hoffnungsschimmer

Kapitel 19: Johanna Pelzigs Job-Misere

Kapitel 20: Albtraum Zeitarbeit

Kapitel 21: Keller privat

Kapitel 22: Eine moderne Zeitarbeitskarriere

Kapitel 23: Die „Frau in Rot“ wird entlarvt

Kapitel 24: Geheimnisumwitterte Dokumente

Kapitel 26: Sebastian verschwindet

Kapitel 27: Es wird spannend

Kapitel 28: Norbert Rost verwickelt sich in den Mordfall

Kapitel 29: Wie kommt man auf die schiefe Bahn?

Kapitel 30: Der Mordfall wird gelöst

Impressum neobooks

Kapitel 1 – Mord in der Neumeyerstraße

Im vierten Stock in der Neumeyerstraße herrschte hektische Betriebsamkeit. Kriminalhauptkommissar Ludwig Keller bahnte sich seinen Weg an einem Mann und einer Frau vorbei, die anscheinend nur wenige Minuten vor ihm die Räumlichkeiten der Firma betreten hatten und ihn etwas verdutzt ansahen. Die Zeiger der großen runden Uhr an der Wand gegenüber dem Eingang zeigten auf neun Uhr. Weitere Angestellte der Firma trudelten allmählich ein. Eine schlanke junge Frau mit blonder Hochfrisur und hochhackigen Sandalen hinderte ihre Kollegen am Betreten des Zimmers gegenüber von der Empfangstheke, was nicht ganz einfach war. Was war denn schon in aller Herrgottsfrühe hier los? Der Mobiltelefonanruf seines Mitarbeiters hatte den Kriminalhauptkommissar überrascht, als er gerade seine Wohnung in der Winner Zeile in Nürnberg-Laufamholz verlassen wollte. So war er statt ins Büro zur angegebenen Adresse gefahren. Er steuerte auf das Zimmer zu, aus dem er schon die Stimmen seiner Mitarbeiter hören konnte. ‚PersonalLeasing GmbH – Auf unsere Erfahrung und Kompetenz können Sie zählen‘ – konnte er auf einem messingfarbenen Schild in Schwarz gedruckt auf weißer Wand im Vorbeigehen lesen. Auf der Türschwelle blieb er stehen. Sein Mitarbeiter Robert Pelzig und zwei Kollegen des Erkennungsdienstes zeigten ihm in der Hocke sitzend ihre Rücken und verdeckten den offenbar leblosen Körper einer Frau fast ganz. Trotzdem war das Geschlecht der auf dem Boden liegenden Person an den cremefarbenen Sandaletten mit hohem Absatz unschwer zu erkennen. Der Notarzt, der den Tod der jungen Frau festgestellt hatte, hatte sich bereits verabschiedet.

Kriminalhauptkommissar Keller fröstelte. Er hatte sich in der Eile nur eine leichte Baumwolljacke übergezogen, weil er wegen des ständig launigen Wetters nie so recht wusste, wie er sich kleidungsmäßig für den vor ihm liegenden Tag rüsten sollte. Obwohl es mitten im Sommermonat August war, zeigte das Thermometer Temperaturen an, die eigentlich eher in den späten September oder Oktoberanfang gepasst hätten. Nur 18 Grad! Und das nach einer längeren Hitzeperiode von 30 bis 34 Grad! In den letzten Jahren hatte der gebürtige Nürnberger verstärkt Schwierigkeiten, sich an die ständigen Temperaturschwankungen anzupassen.

Überhaupt liebte es Kriminalhauptkommissar Keller, wenn er alles unter Kontrolle hatte. Und bis zur seiner Trennung von seiner Ehefrau Kathrin war sein Leben auch in relativ ruhigen Bahnen verlaufen. Weil er sich für Psychologie interessierte und über einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit verfügte, hatte er bereits in der Schulzeit den Beruf des Kriminalbeamten in Betracht gezogen. Bücher über Jungdetektive wie „Fünf Freunde“ hatte er verschlungen. Schon damals schwebte ihm ein geregeltes Leben vor. Privat wie auch dienstlich. Die Wechselschichten, die ihn auch am Wochenende beschäftigten und die Freizeit weniger planbar machten, störten ihn dabei wenig. Wenn er sich erst einmal in einen Fall festgebissen hatte, entwickelte er eine Art beruflichen Tunnelblick. Alles, was um ihn herum sonst geschah, blendete er aus. Diese absolute Ausrichtung auf die Lösung der kriminalistischen Fälle setzte er auch bei seinen Mitarbeitern voraus, was mitunter das Zwischenmenschliche im Büro gewaltig auf die Probe stellte. Und wenn es um Mordfälle ging, die bereits in der Presse für Schlagzeilen sorgten, setzte das die Mannschaft um den Nürnberger Kripomann mächtig unter Druck. Und das bedeutete auch immer eine höhere Arbeitsbelastung. Dann musste eben das Private mal hinten anstehen, fand er. Und je schneller ein Fall erfolgreich zu Ende gebracht werden konnte, desto eher konnten die eigens gebildeten Sonderkommissionen wieder aufgelöst werden, und die Normalität konnte wieder in das Leben der Beamten einkehren. Außerdem hasste er nichts so sehr wie Unzuverlässigkeit. Nur auf die Kapriolen des fränkischen Wetters hatte er leider keinen Einfluss! ‚Vielleicht muss ich wieder mehr für meine körperliche Fitness tun, dann kann sich mein Körper bestimmt viel besser temperaturmäßig umstellen‘, dachte sich Keller. Etwas besorgt blickte er an sich herunter. Neulich hatte er beim Hosenkauf nach einer Nummer größer greifen müssen. Diesem physischen Schlendrian musste er einfach mal Einhalt gebieten! Und das möglichst noch vor seinem in nicht allzu weiter Ferne liegenden, nächsten runden Geburtstag.

Aber jetzt war wieder höchste Konzentration angesagt! Ludwig Keller schob alle sein berufliches Engagement störenden Gedanken beiseite. Seine kriminalistische Kompetenz war wieder einmal gefragt! Doch bevor er seinen Fuß in den Büroraum mit der Leiche setzte, scannte er mit seinen Augen die Momentaufnahme der ersten Tatortbegutachtung. Die Kollegen von der Spurensicherung waren in voller Montur. Jetzt zwängte sich der Nürnberger Kriminalhauptkommissar ebenfalls in seine Schutzbekleidung. Mundschutz und Handschuhe gehörten ebenso dazu. Denn wenn er mit bloßer Hand irgendeinen Gegenstand, mochte dieser auf ersten Blick auch noch so unauffällig erscheinen, anfasste, würde das die Arbeit des Erkennungsdienstes erheblich erschweren. Für die Aufklärung des Falles wichtige Beweismittel könnten so unbedacht zerstört werden. Jede Menge Ärger mit den Kollegen des Erkennungsdienstes hätte das zur Folge. Die Polizeibeamten waren eifrig damit beschäftigt, zur Aufklärung des Mordes relevante Gegenstände einzutüten. Eine Klarsichthülle mit Papieren verschwand ebenso in einer Plastiktüte wie ein Kugelschreiber und eine Heftmaschine. Schmutzig-blutige Fußspuren waren auf dem Teppichboden deutlich zu erkennen. An den Fußabdrücken konnte der Kriminalhauptkommissar bereits erkennen, dass es der Mörder nicht eilig gehabt haben konnte. Der Täter hatte offensichtlich auch überhaupt nicht darauf geachtet, dass an seinen Schuhen jede Menge Blut klebte. Die Schuheindrücke auf dem blaugrauen, kurzhaarigen Fußbodenbelag führten aus dem Zimmer. Martin Krause von der Spurensicherung war gerade dabei, diese blutigen, fein geriffelten Abdrücke zu fotografieren. Sein Kollege hatte einen Blutstropfen in Augenschein genommen, um diesen dann vorsichtig abzuschaben.

Kriminalhauptkommissar Keller stand jetzt direkt vor der Toten. Die Leiche, die flach ausgestreckt auf dem Rücken liegend vor dem im Raum stehenden Schreibtisch lag, sah grauenhaft zugerichtet aus. Der untere Teil des Gesichts war Blut verkrustet. Er warf einen Blick auf den leicht geöffneten Mund mit den geschwollenen Lippen. Ganz offensichtlich hatte die Frau im Bereich des Mundes schwere Verletzungen erlitten. Folge eines gewaltsam verursachten Sturzes, nachdem sie tätlich angegriffen worden war? Hatte sie sich durch einen Aufprall an der Schreibtischkante so schwer verletzt? Oder hatte sie vor ihrem Angreifer fliehen wollen, war auf ihren Schuhabsätzen gestolpert und auf diese Weise unglücklich zu Fall gekommen? Oder wurde ihr mit einem schweren Gegenstand oder mit einer Faust diese Verwundung zugefügt? Der mächtige Büroschreibtisch, der nach Massivholz aussah, stand in einem Abstand von ungefähr einem Meter von der mit weiß getünchter Raufasertapete beklebten Wand. Mehrere Gold gerahmte Urkunden hingen da, zum Beispiel ‚Personalauswahl – Auswahlgespräche erfolgreich führen‘. Svenja Schilling hatte offensichtlich sehr viel Ehrgeiz und Zeit in ihre Aus- und Weiterbildung investiert. ‚Oh, je‘, dachte sich Keller, ‚wenn da jeder sämtliche im Verlauf seines Lebens absolvierten Volkshochschulkurse an die Wand heften würde, dann könnte man sich ja wohl die Tapete sparen‘. Seine frühere Frau hatte nach ihrer Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin Anfang der neunziger Jahre einen interessanten Job bei den amerikanischen Streitkräften in Fürth gefunden. Schon beim Vorstellungsgespräch waren ihr die vielen Urkunden an der Wand ihres zukünftigen Chefs aufgefallen. Ein solcher „Exhibitionismus“ in Bezug auf die persönlichen Qualifikationen lag dem Nürnberger Kripomann fern. Aber na ja, die Tote war ja vielleicht vom Typ ‚Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter komm ich ohne ihr‘ gewesen. Er blickte auf den leblosen Körper herab. Der zierliche, schmale Oberkörper der Toten war mit unzähligen Einstichen übersät. Das cremefarbene T-Shirt der Frau, die zwischen Mitte und Ende Dreißig sein mochte, war zerfetzt und Blut durchtränkt. Das Blut neben der Toten war in den sonst gepflegt aussehenden Teppichboden gesickert und hatte diesen rot gefärbt. Insgesamt ein wirklich grausiger Anblick!

„Wer hat die Tote gefunden?“

„Ich, vor ungefähr einer dreiviertel Stunde, als ich ins Büro kam. Ich bin eigentlich immer die Erste hier. Die Tür zum Büro von Frau Schilling war leicht angelehnt, im Vorbeigehen sah ich, dass in ihrem Zimmer Licht brannte. Es kam mir sehr merkwürdig vor, es ist ja Sommer, und da benötigt man um diese Zeit eigentlich kein Licht. Ja, und dann habe ich vorsichtig an die Tür geklopft und gefragt, ob jemand da sei. Als ich keine Antwort erhalten habe, bin ich eingetreten. Und dann …“

Die junge Frau in modischen Sandaletten presste beide Hände vor ihren Mund. Sie versicherte dem Hauptkommissar, dass sie nichts verändert habe. Sie sei die Erste gewesen und habe dafür gesorgt, dass der Tatort in seinem Originalzustand verblieb. Sie sei ein Krimifan und habe schon viele Romane gelesen, und auch im Fernsehen würde sie jeden Krimi ansehen. Sie wisse, wie man sich in einem solchen Falle verhalten solle. Eine erste Aussage mit Angabe ihrer Personalien hatte sie bei den nach ihrem Anruf eintreffenden Polizeibeamten gemacht.

„Ich kann das nicht verstehen, Frau Schilling ist glücklich verheiratet und hat einen zweijährigen Sohn. Sie hat sich gut mit der Firmeninhaberin verstanden. So viel Kontakt hatte ich persönlich nicht mit ihr. Ich bin nämlich am Empfang, und sie ist für die Personaldisposition zuständig. Außerdem bin ich erst seit ein paar Monaten bei der Firma PersonalLeasing Nürnberg.“

„Vielen Dank, erst einmal, “ sagte Kriminalhauptkommissar Keller.

„Alle haben Frau Schilling gemocht“, sagte die Frau vom Empfang noch, etwas verdutzt blickte sie drein.

‚Na alle wohl nicht, sonst würde sie hier ja nicht erstochen in ihrem Büro liegen’, dachte sich Kriminalhauptkommissar Keller.

Die Polizeibeamten nahmen keine weitere Notiz von Maren Weidlich. Sie war sichtlich enttäuscht. Sie hatte auf etwas Abwechslung in ihrem meist eintönigen Büroleben bei der PersonalLeasing GmbH gehofft. Sie war doch eine wichtige Zeugin, hatte die Tote zuerst gesehen. Im Aufzug, auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz, war ihr jedoch nichts Besonderes aufgefallen. Der eine Anwalt von der Kanzlei im dritten Stock war mit ihr hochgefahren. Der grau Melierte, der immer versuchte, mir der jungen Frau einen Flirt anzufangen. Anwalt, nee wie langweilig! Aber vielleicht würden sich die Kripobeamten noch bei ihr melden, und sie würde aufs Präsidium geladen werden. In ihrem mit dichtem, schwarz gefärbtem Haar reichlich bedeckten Kopf begann es zu arbeiten. Maren Weidlich versuchte, ihren Weg vom Parkplatz ins Bürogebäude zu rekonstruieren. Nur der silberfarbene Mercedes von dem Juristen hatte schon auf seinem von der Anwaltskanzlei angemieteten Parkplatz gestanden. Die Teamassistentin war nur ausnahmsweise mit dem von ihrer Mutter ausgeliehenen Ford Fiesta gekommen. Normalerweise bestand ihre Anfahrt zum Arbeitsplatz aus mehrmaligem Umsteigen in verschiedene öffentliche Verkehrsmittel. Doch, da war doch etwas gewesen, was irgendwie nicht zu diesen auf den verschiedenen Stockwerken verteilten Firmen passte! Sie waren doch eine eingeschworene Nichtraucher-Clique geworden. Ja, jetzt fiel es ihr wieder ein! Vor der Eingangstür zum Bürogebäude Neumeyerstraße hatte eine Zigarettenschachtel gelegen. Die musste eigentlich noch da sein.

„Herr Hauptkommissar“, begann Maren Weidlich, „mir ist da noch was eingefallen. Eine Zigarettenschachtel, ganz offensichtlich leer. Und hier gibt es, zumindest meines Wissens nach, keine Raucher mehr. Gauloises, glaube ich. Aber die Schachtel muss noch da sein. Soll ich die Ihnen gleich holen?“

„Wie bitte?“

Kriminalhauptkommissar Keller drehte sich um und sah die Dame vom Empfang, die jetzt auf der Türschwelle stand, an.

„Eine leere Zigarettenschachtel der Marke Gauloises sagten Sie? Aber bitte, nicht anfassen. Mein Kollege vom Erkennungsdienst wird sich umgehend damit befassen. Vielen Dank für Ihren Hinweis.“

Maren Weidlich fühlte, wie sie rot anlief. Wie peinlich! Und sie hatte damit getönt, eine „Expertin“ in Sachen Kriminalistik zu sein. Na klar! Natürlich durfte sie ein solches Beweisstück nicht ohne Schutzhandschuhe anfassen. Sie ärgerte sich über diesen Fauxpas und verschwand schnell in der Teeküche neben dem Büro von Svenja Schilling, um eine Kanne Kaffee zu kochen. Wie üblich hatte sie wieder ihr Einzimmerappartement verlassen, ohne zu frühstücken. Und jetzt hatte sie wirklich Kaffeedurst. Sie würde den bei einer Bäckerei in der Nähe ihrer Wohnung gekauften Schoko-Croissant zur ersten Tasse Kaffee an diesem Tag verspeisen.

„Diese Firma hier ist eine Zeitarbeitsfirma. Ich hab’s mal rasch auf meinem iPhone recherchiert“, Robert Pelzig war aufgestanden und blickte Kriminalhauptkommissar Keller in die Augen.

„Keine Ahnung, was so eine Firma macht“, antwortete Kriminalhauptkommissar Keller.

„Ich habe etliche Sendungen zum Thema Zeitarbeit oder Leiharbeit im Fernsehen gesehen. Und in der Presse sorgt diese Branche immer wieder einmal für Schlagzeilen. Schon seit Jahren. Und die sind nie positiv. Aber nichts ändert sich. Was vor allem für die Betroffenen Sch…… ist.“

Robert Pelzig, einer von Kellers Mitarbeitern, sah empört aus. „Vergleichsweise niedrige Löhne, befristete Arbeitsverhältnisse, schlechtere Bedingungen als die fest angestellten Arbeitnehmer des Entleiherbetriebs. Und bei den ständigen Stellenstreichungen, auch bei Großbetrieben, wird’s natürlich vor allem für die „älteren Semester“ echt schwierig, wieder angemessen in Lohn und Brot zu kommen“.

Kriminalhauptkommissar Keller war nicht erstaunt. Die „soziale Ader“ des jungen Kriminalkommissars war im Polizeipräsidium Mittelfranken in Nürnberg bestens bekannt. Er sah seinen jüngeren Mitarbeiter an. Pelzig war wirklich ein echter Franke. Besonders wenn er in Rage geriet, kam sein Dialekt unter Ignorierung der unterschiedlichen Aussprache von „b“ und „p“ und „t“ und „d“ wieder voll zur Geltung.

Kommissar Keller selbst war jedoch der Sprössling von sogenannten Zugereisten. Sein Vater war Anfang der sechziger Jahre in die Frankenmetropolregion gekommen. Das war noch bevor der kleine Ludwig das Licht der Welt erblickt hatte. Sein Vater hatte ein verlockendes Stellenangebot von einem Großunternehmen der Elektrobranche erhalten, das er wegen des in Aussicht gestellten Gehalts nicht ablehnen konnte. So eine junge Familie wollte doch schließlich ernährt werden! Und so hatten Keller Senior und seine Frau in Hannover ihre Koffer gepackt und sich in der Nachbarstadt von Nürnberg, Erlangen, ein neues Leben aufgebaut. Seine norddeutsche Sprechweise hatte der kleine Ludwig sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen. Und in Erlangen war er auch deswegen nicht so aufgefallen. Das Großunternehmen, die Firma Siemens, hatte sehr viele Menschen aus allen Regionen Deutschlands ins Frankenland gelockt. Und so saßen auf den Schulbänken der Erlanger Gymnasien jede Menge sogenannte preußische Kinder. Aber nachdem Ludwig Keller seine dreijährige Ausbildung an der Polizeifachhochschule in Sulzbach-Rosenberg beendet hatte, wollte er eigentlich nicht mehr weg aus dem fränkischen Großraum. Außerdem war er zu diesem Zeitpunkt gerade frisch verliebt – in Kathrin, ein echtes Nürnberger Kindl. Und seine spätere Frau hätte sich ein Leben jenseits Nordbayerns nie vorstellen können. Aber dem Kriminalkommissar fiel es immer wieder auf, wie seine Kollegen der fränkischen Mundart sich immer abmühten, Hochdeutsch mit ihm zu sprechen, obwohl er den Dialekt doch bestens verstand. Nur sprechen konnte er ihn eben nicht! Er fand, es klinge irgendwie gekünstelt und komisch, wenn er sich auf echt Fränkisch verständlich machen wollte. Aber wenn er dann in unregelmäßigen, großen Abständen bei seiner noch in Norddeutschland lebenden Verwandtschaft auftauchte, verriet er seine Geburtsregion mit unbewusst ins Gespräch gemischten Ausrufen wie „Allmächt“ beziehungsweise „Allmächd“.

„Die hat bestimmt mehr Feinde als Haare auf dem Kopf!“

„Nicht so laut!“

Kriminalhauptkommissar Keller versuchte, Robert Pelzig zu beruhigen. Er beugte sich jetzt neben Martin Krause vom Erkennungsdienst über die Tote.

„Was meinst du, wann ist die Frau wohl gestorben?“

„Es muss in der Nacht passiert sein, sonst hätte heute Morgen ja nicht das Licht gebrannt. Nein, im Ernst. Einen genauen Todeszeitpunkt kann man noch nicht sagen. Jetzt muss die Leiche erst einmal in die Rechtsmedizin nach Erlangen gebracht werden. Und dann müssen wir die Obduktion abwarten.“

‚Sehr schlagfertig‘, dachte sich Ludwig Keller. Er blickte über den aufgeräumten Schreibtisch der Toten. Nichtraucherin, kein Aschenbecher, keine Zigaretten. Der Computer war auf Standby-Betrieb. Offensichtlich hatte die Tote keine Zeit gehabt, ihn herunter zu fahren und auszuschalten. War sie mitten in der Arbeit von ihrem Mörder überrascht worden? Aber was hatte sie so spät noch in der Firma zu schaffen? Musste sie so viele Überstunden schieben? Der Bürostuhl mit dem blauen Bezug war bis an die Wand zurück geschoben. Vor dem Schreibtisch stand ein Stuhl, der zum Besprechungsmobiliar in der Ecke zu gehören schien und umgeworfen worden war.

„Hier steht eine Kaffeetasse!“

„Die ist aber noch ganz voll, wahrscheinlich ist die Person, die Frau Schilling gestern gegenüber saß, nicht mehr dazu gekommen, den Kaffee zu trinken.“

Pelzigs Blick war auf die Tasse gerichtet.

„Aber vielleicht hat derjenige oder diejenige die Tasse doch angefasst. Egal, wir müssen sie auf Spuren untersuchen. Den Inhalt auch?“

„Na klar, vielleicht ist in diesem jetzt kalten Gebräu ja noch etwas drin, was Hinweise auf den Tod der Personaldisponentin geben könnte.“

„Gift vielleicht oder KO-Tropfen?! Und danach hat der Täter dann noch mit einem Messer seine Wut an ihr ausgetobt.“

„Wir müssen den Computer von Frau Schilling natürlich auch mitnehmen. Hat sie einen Laptop? Wir müssen die Festplatte auslesen. Wir müssen ihre Mails checken, um Informationen über die Person oder die Personen zu erhalten, die Frau Schilling gestern noch lebend gesehen hat oder haben. Frau Schillings Mobiltelefonnummer, Telefonverzeichnisse von Kunden, Mitarbeitern und so weiter und so weiter. Und dann die Telefonnummer von Ihrem Mann. Liegt hier irgendwo ein Handy rum, das Frau Schilling gehört hatte? Die Dame vom Empfang, die die Tote zuerst gesehen hat und die Polizei angerufen hat, hat doch gesagt, dass sie verheiratet ist.“

„Das ist ein Fass ohne Boden. Diese Art von Firmen hat doch heutzutage kaum mehr einen festen Mitarbeiterstamm. Die heuern Personal für einen aktuellen Auftrag an, und danach entlassen sie die Leute wieder. Und wenn dann wieder ein neuer Auftrag über Personalverleih von einem Kunden vorliegt, dann stellen sie erneut an. Denn wenn die Leiharbeiter länger als ein Jahr bei ihnen arbeiten, würden Sozialleistungen wie beispielsweise ein Weihnachtsgeld fällig. So steht’s theoretisch im Vertrag. Und über das Arbeitsamt kriegen die immer frisches Personal. Ich habe mal bei der Jobbörse von der „Agentur für Arbeit“ reingeschaut. Verwaltungspersonal wird heutzutage nur noch über Leiharbeitsfirmen verscherbelt. Meine Schwester hat es ja auch getroffen. Sie hat ihren Job als Teamassistentin verloren. Vor ein paar Monaten. Und jetzt tut sich die Zeitarbeitsfalle vor Johanna auf. Denn Arbeitslosen werden bei den so genannten Vermittlungsgesprächen immer Stellenangebote von Leiharbeitsfirmen vorgelegt. Und dann müssen die sich auch bewerben, sonst droht ihnen eine Kürzung des Arbeitslosengeldes. Weil sie sich nicht kooperativ zeigen bei der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt. Wie das schon klingt! Ein Werkstück, das aus der Fertigungsstraße gefallen ist. Und das nun wieder in den Produktionsprozess eingeführt werden muss. Oder es wird eben einfach weggeworfen. So, wie auch die Arbeitnehmer über das so genannte Arbeitslosengeld II entsorgt werden. Und dann wird den armen Seelen der Stempel „Schwer vermittelbar“ aufgedrückt. Einfach widerlich! Und dann wird man Freiwild für auf billiges Personal gierende Unternehmer. Bisher hat sich Johanna mit Erfolg gegen solche wirklich unzumutbaren Jobs zur Wehr setzen können. Da gibt’s doch tatsächlich so genannte Arbeitgeber, die meinen, Arbeitslose sollten für sie kostenlos „auf Probe“ schuften. Bezahlt würden sie ja auch werden – vom Arbeitsamt, also vom deutschen Steuerzahler. Mit der Begründung, sie, als Arbeitgeber, würden ja ein großes Risiko eingehen, einen Arbeitslosen einzustellen! Arbeiten auf Probe. Vor ein paar Wochen hatte Johanna so einen Kleinunternehmer am Wickel. Sie sollte seinen Saftladen auf Vordermann bringen, aber einen Arbeitsvertrag wollte er ihr nicht geben. Gleich am zweiten Tag in dieser Firma ist meiner Schwester dann der Geduldsfaden gerissen. Vertrag her, oder sie würde gehen! Da hat der ihr dann 90 Euro in die Hand gedrückt, und sie war wieder um eine Enttäuschung reicher. Das zehrt an den Nerven, kann ich Ihnen vielleicht sagen.“

Robert Pelzig ereiferte sich, sein im Laufe der Jahre in den Medien und im wirklichen Leben erworbenes Wissen über die Zeitarbeitsbranche an den Kriminalhauptkommissar zu bringen.

Plötzlich läutete Ludwig Kellers Smartphone.

„Papi, klappt das heute Abend? Die Mutti bringt mich um sechs Uhr zu dir.“

Natürlich, heute wollte ja sein Sohn Sebastian kommen! Seit der Scheidung wohnte seine Ex-Frau bei ihrem neuen Lebensgefährten in Erlangen. Ein kurzer Blick auf die Uhr. Es war schon wieder nach elf Uhr! Die Zeit raste nur so.

„Ciao, bis später dann. Ich werde mich um den Ehemann kümmern. Wir müssen uns auch mal hier im Haus umhören. Im dritten Stock ist doch eine Anwaltskanzlei. Ich habe im Eingangsbereich ein entsprechendes Schild gesehen.“

Kathrin wollte mit ihrem Lebensgefährten morgen am Freitag für ein verlängertes Wochenende an den Gardasee fahren. Deshalb sollte Sebastian schon heute beim Vater sein. Er musste sich jetzt beeilen. Er wollte vom Büro aus noch so viel erledigen. Er wollte erst einmal im Büro anrufen. Aber da stand schon die Dame vom Empfang der PersonalLeasing GmbH mit einem freundlichen Lächeln vor ihm. Sie wollte ihren Fehler von vorhin unbedingt wieder gutmachen.

„Ich habe Ihnen die Telefonnummer von Svenja Schillings Ehemann rausgesucht. Ich habe Zugang zu den Personalordnern meiner Chefin, Frau Link. Ich habe in Svenja Schillings Bewerbungsunterlagen nachgesehen. Ihr Mann heißt mit Vornamen Jens. Hier bitte.“

Kapitel 2: Der Familienvater

„Wir müssen morgen früh aufstehen, damit ich dich morgen in die Schule nach Erlangen fahren kann.“

„Ja, ja.“

Sebastian saß noch über seinen Hausaufgaben.

„Wir schreiben morgen eine Probe in Englisch. Kannst du mich mal die Vokabeln hier abfragen?“

Er brachte ein grünes Buch, auf dem ein lachendes Mädchen und ein fröhlicher Junge abgebildet waren. ‚Englisch lernen soll Spaß machen’ sollte dieser Titel wohl vermitteln. Sprachen lernen hatte Ludwig Keller nie Spaß gemacht. Deshalb hatte er auch einen Beruf erlernen wollen, wo er garantiert kein Englisch oder Französisch benötigte. Es war jedoch nicht der einzige Grund gewesen, sich für den Beruf des Kriminalbeamten zu entscheiden. Er war mit Leib und Seele Kriminaler! Sebastian blätterte lustlos in seinem Schulbuch.

„Ach, ich glaube, die Vokabeln kann ich schon. Und die Grammatik habe ich auch verstanden.“

Er gähnte und klappte sein Englischbuch wieder zu.

„Ich möchte lieber noch ein wenig malen.“

Er kramte eine kleine Pappschachtel hervor, in die er mehrere Löcher gebohrt hatte.

„Da sind Marienkäfer drin“, sagte er an seinen Vater gewandt.

„Willst du mal sehen, was ich schon alles gemalt habe?“

Sebastian eilte in das Zimmer, das Ludwig Keller normalerweise als Büro nutzte und in dem Sebastian immer schlief, wenn er bei seinem Vater zu Besuch war, und legte einen Collegeblock auf den Wohnzimmertisch.

„Hier sind die Käfer und Insekten, die ich im Garten von Gerd gefunden habe“.

In dem Schreibblock mit Spiralbindung an der Längsseite befanden sich schon viele Zeichnungen von Krabbelwesen und Schnecken, deren Namen Kriminalhauptkommissar Keller nicht kannte.

„Gefallen sie dir? Das ist eine Weinbergschnecke, die habe ich neulich bei einer Wanderung entdeckt. Und das ist ein Rosenkäfer, den muss ich noch bunt ausmalen.“

Der Kripomann aus Nürnberg traute seinen Augen nicht!

Sebastian war mittlerweile zwölf Jahre alt und ging jetzt in Erlangen ins Gymnasium. Ludwig Keller hatte bisher gar nicht gewusst, dass sein Sohn so schön zeichnen konnte, dass er sich für Insekten interessierte. Wenn er in regelmäßigen Abständen zu ihm kam, dann hatte sein Filius immer sein Smartphone dabei. Ständig war der Teenager damit beschäftigt rumzudaddeln. Irgendwelche Spiele, die ihn zu faszinieren schienen. Vater und Sohn waren auch immer ständig auf Achse, wenn Sebastian in Nürnberg war. Erst neulich waren sie im Eisenbahnmuseum gewesen. Ludwig Keller hatte immer Angst davor, dass sein Sohn sich bei ihm langweilte und vielleicht nicht mehr kommen wollte. Irgendwie fühlte er sich dazu verpflichtet, immer ein besonderes Programm für seinen Junior zu organisieren. Und wenn Sebastian dann erzählte, was er mit Gerd und seiner Mutter so alles machte, wenn sie zusammen etwas unternahmen, dann kam bei dem Nürnberger Kriminalhauptkommissar immer ein Gefühl der Eifersucht auf.

„Hast du deine Käfersammlung Gerd einmal gezeigt?“

„Nee, der interessiert sich doch nur für Technik.“

Das Einzige, was Ludwig Keller über den neuen Lebensgefährten seiner Exfrau wusste, war, dass dieser bei Siemens in Erlangen beschäftigt war, und dass er viel unterwegs war, meist in China. Irgendwie fühlte sich Keller mit einem Mal glücklich, dass dieser Gerd nichts von der Käfersammlung seines Sohnes wusste. Nur ihn hatte Sebastian in sein Geheimnis eingeweiht! Nicht den „Möchtegern-Vater“, den neuen Freund seiner Ex-Frau! Aber eigentlich wusste er nicht viel über diesen Gerd. Und wenn Sebastian in zwei Jahren zur Konfirmation antreten würde, dann hoffte Keller, dass diese religiöse Veranstaltung mit einem Geschäftstermin von dem Siemensianer nach Fernost kollidieren würde. Manchmal musste sich der Siemens-Ingenieur nämlich bereits am Sonntag ins Flugzeug setzen, um rechtzeitig zu einem beruflichen Termin zu erscheinen. Dann würde ihm dessen potentielle Anwesenheit auf der Familienfeier erspart bleiben. Kathrin jammerte auch manchmal, so hatte ihm sein Sohn erzählt, dass ihr Lebensgefährte dann ihr Wochenende verderben würde, nur wegen der Arbeit. Aber was dieser Ingenieur wohl auf sein Konto überwiesen bekam, im Vergleich zu seinem, wenn auch gehobenen, Beamtengehalt, das wollte sich Ludwig Keller lieber gar nicht erst ausmalen. Dafür musste dieser schon mal mit einem „angeknabberten“ Wochenende vorlieb nehmen.

„Der Rosenkäfer ist ganz besonders toll gezeichnet. Wenn du willst, können wir ja am Sonntag in den Wald gehen und nach mehr Insekten suchen.“

„Oh, ja, eine tolle Idee!“ Sebastian strahlte. „Jetzt zeichne ich den Marienkäfer.“

Vorsichtig öffnete er den Deckel der Pappschachtel.

„Weißt du, was Marienkäfer essen?

„Ich glaube, sie fressen Blattläuse, “ meinte Keller.

„Tolle Idee, das mit dem Wald. Wenn ich mit dem Bild des Marienkäfers fertig bin, lass’ ich ihn wieder fliegen. Und dann hab ich Platz für neue Käfer, die ich am Sonntag im Wald finde. Coole Idee, Papa!“

Plötzlich klingelte Kellers Mobilgerät.

„Ich komme morgen etwas später, ich habe noch einen Arzttermin.“

Robert Pelzig war am Apparat. Er war fünfzehn Jahre jünger als Keller, der in zwei Jahren fünfzig Lenze zählen würde, und lebte noch bei seinen Eltern in Neunhof.

„Fahr doch morgen nach deinem Termin beim Arzt bei der PersonalLeasing GmbH vorbei und hör dich mal so um.“

„Ich denke, um die Kunden braucht man sich nicht zu kümmern. Ein echtes Motiv haben eigentlich nur die Leiharbeiter, die Lohnsklaven dieser Firma.“

„Bitte nicht schon wieder…“

„Warum denn nicht! Meine Schwester hat ihren Job verloren, wie ich schon mal erwähnte. Sie hat in einem kleinen Vertriebsbüro gearbeitet. Weil es angeblich zu wenige Aufträge gegeben hat, hatte man ihr gekündigt. Dabei hatte sie ohne Ende Überstunden geschoben. Und das mit der Kündigung war leicht möglich, weil der Betrieb weniger als zehn Mitarbeiter hatte. Das ist jetzt ein halbes Jahr her, und sie hat immer noch nichts gefunden. Nur Vorstellungsgespräche bei Zeitarbeitsfirmen, die ihr vom Arbeitsamt als Jobangebot zugeschickt wurden. Und da ist sie ja gezwungen, sich darauf zu bewerben. Und jetzt hat sie von einer ehemaligen Kollegin erfahren, dass ihr Arbeitsplatz wieder besetzt wurde. Und rate mal mit wem? Mit einer Zeitarbeitskraft von irgend so einem Ausbeuterbetrieb.“

Robert Pelzig war wieder in Fahrt.

„Sie wiederholen sich, lieber Pelzig!“

„Ja okay. Aber natürlich schau ich da vorbei. Tschüss und noch einen schönen Abend mit Sebastian. Und grüß den Jungen von mir.“

„Jetzt aber ab in die Kiste, es ist schon spät. Sonst habe ich morgen wieder Probleme, dich aus dem Bett zu bekommen.“

„Ich bin gleich fertig, schau mal.“

„Toll, ganz super gezeichnet!“

Kriminalhauptkommissar Keller beugte sich über das weiße DIN-A 4 Blatt. Und das Kompliment war ernst gemeint. Es war wirklich gut, was Sebastian da zu Papier gebracht hatte. Mit viel Liebe zum Detail hatte Sebastian einen Marienkäfer mit einem Bleistift konturenweise vorgezeichnet und dann kunstvoll schattiert mit seinen Buntstiften ausgemalt.

„Und jetzt lasse ich den Marienkäfer wieder frei.“

Sebastian sprang auf, öffnete die Balkontür.

„Setz den Käfer doch auf meine Geranien“, sagte sein Vater.

Kapitel 3: Pelzig erhält wichtige Hinweise

Robert Pelzig war sehr erleichtert. Der Besuch beim Zahnarzt war nicht so grauenhaft gewesen, wie er sich das vorgestellt hatte. Schon der Geruch der in der Praxis wabernden Desinfektionsmittel verursachte immer ein flaues Gefühl in seiner Magengegend. Und dann diese sterile Atmosphäre und die in Weiß gekleideten Menschen! Schlechte Erfahrungen aus der Kindheit! Da hatte der Zahnarzt den kleinen Robert des Öfteren mit seinem Bohrgerät traktiert. Leider hatte er aus dieser Zeit zu viele Plomben! Na ja, früher hatte man das mit dem Zähneputzen wohl seitens der Eltern nicht so genau genommen. Dafür war er jetzt umso eifriger zugunsten seines Gebisses mit dem Zahnschrubber zu Gange. Nur den Zahnstein hatte die Assistentin des Zahnarztes entfernt. Er war froh, nach einer halben Stunde wieder aus der Arztpraxis raus zu sein. Er setzte sich ins Auto und sah erst einmal auf sein Smartphone, ob es irgendwelche Nachrichten für ihn gab. Nichts, zum Glück, es war aber auch erst 8:30 Uhr. Er hatte überhaupt keine Lust, zu dieser Personalleasingfirma zu fahren, um mit diesen Typen zu sprechen. Seine Mutter hatte ihn gefragt, als sie von dem Todesfall in dieser Firma erfuhr, ob er nicht mal wegen seiner Schwester nachfragen könne, ob sie nicht einen Job für sie dort hätten. ‚Niemals’, hatte Robert geantwortet, ‚ich verschachere doch meine Schwester nicht an solche Leute!’ Er fuhr los. Die Zahnarztpraxis, wo Robert Pelzig immer seine Zähne untersuchen ließ, befand sich im Norden von Nürnberg. Das war nicht so weit von seinem Wohnort entfernt und auf dem Weg ins Polizeipräsidium Mittelfranken.

Heute war wieder einmal die „rote Welle“ angesagt. Eine Fahrt über den Nordring war immer eine zeitaufwändige Sache, besonders zu Hauptverkehrszeiten. Aber es war immer noch besser, als sich über den Plärrer in die Stadt zu quälen. Trotzdem war heute offensichtlich kein guter Tag zum Autofahren. Manche Fahrer kämpften anscheinend noch gegen ihre Morgenmüdigkeit an. Jedenfalls war das vor ihm schon der dritte PKW-Lenker, der die nach langem Rot eintretende Grünphase beinahe verpennt hätte. Mein Gott, war das wieder nervig! Hinzu kam, dass Robert Pelzig am Morgen schon mit dem linken Bein aufgestanden war. Kein Wunder! Zuerst der „Maulklempner“ und dann noch Recherchieren in dieser Zeitarbeitsfirma! Er hatte in seiner bisherigen Laufbahn als Kriminalkommissar immer nur mit „normalen“ Firmen zu tun gehabt oder eben nur mit Privatpersonen. Diese Leiharbeiterbranche war ihm ganz besonders suspekt. Aber man konnte sich ja seine Mordfälle nicht aussuchen!

Als er in der Neumeyerstraße eintraf, scannten seine Augen die Hausnummern. Hier war es, Hausnummer 123. Bei diesem Bürokomplex handelte es sich um ein Konglomerat von verschiedenen Firmen. Eine Anwaltskanzlei war auch dabei. Und eine Arztpraxis, ein Ingenieurbüro. ‚Alles bessere Berufszweige als die PersonalLeasing GmbH’, dachte sich Pelzig, als er aus dem Auto stieg. Er hatte mühelos einen Parkplatz vor dem Bürogebäude finden können. Er blickte an sich herunter. Er hatte nach dem Aufstehen und Duschen nach den Klamotten gegriffen, die auf dem Stuhl neben seinem Bett lagen. Eine schwarze Jeans und ein hellblaues Hemd. Und dann noch eine Jeansjacke. Es war immer noch zu frisch für August. Seine hellbraunen, glatten Haare hatte er noch im Auto gekämmt. Zum Rasieren war er nicht mehr gekommen. Wie gestern auch. Aber ein Mehrtagesbart in seinem schmalen Gesicht war doch schick und modern! Und er war ja auch erst 33 Jahre alt. Und schlank. Er machte mit seinen 1,80 Metern eigentlich immer eine gute Figur, das fand auch seine Schwester. Eine feste Freundin hatte er im Moment nicht. Nur ein paar Bekanntschaften, die er über das Internet gemacht hatte. In einer Flirt-Börse. Die Trennung von seiner langjährigen Freundin lag neun Monate zurück. Es war für beide ein Befreiungsschlag gewesen. Die Beziehung hatte in den letzten beiden Jahren nur so vor sich hingedümpelt. Ihre Interessen waren im Laufe der Jahre zu sehr auseinander gedriftet. Leider hatte sich seine damalige große Liebe mehr und mehr in die Esoterik verkrochen. Warum – darauf hatte sich der Kriminalkommissar keinen Reim machen können. Okay, die Schmetterlinge im Bauch hatten sich nach acht Jahren Beziehung mehr oder weniger verflüchtigt, auch bei ihm. Lisa arbeitete in einer Bank und wollte erst einmal Karriere machen. Robert Pelzig war es recht gewesen. Sie waren ja noch jung gewesen mit Mitte zwanzig. Die Welt lag ihnen sozusagen vor den Füßen. So hatten sie jedenfalls den Eindruck. Wann sich die Unzufriedenheit in seiner Partnerin breit gemacht hatte, konnte Pelzig nicht mehr nachvollziehen. Auch die Gründe dafür nicht. Jedenfalls begannen sich dann in ihrem gemeinsamen Haushalt Bücher über Selbsterfahrung, alternative Medizin und Astrologie zu türmen. Wobei die alternative Medizin das einzige Thema war, mit dem sich Robert Pelzig anfreunden konnte, weil eine solche Therapie ihm in weniger gravierenden Krankheitsfällen einleuchtete. Und dann hatte sie ihn noch zu einem Klangschalen-Wochenende überreden wollen. Also, da hatte er die Notbremse gezogen! Dem Kriminalkommissar reichte eigentlich ein Glas Bier und eventuell der Fernsehapparat zum Entspannen. Gut, die Klangschale, die Lisa von einem anderen Kurs mitgebracht hatte, war ne tolle Deko. Mehr jedoch nicht! Früher hatte seine Freundin viel Spaß gehabt mit ihren gemeinsamen Freunden und bei ihren gemeinsamen Unternehmungen. Warum dann dieser Wandel? War ihre Beziehung gar nicht auf echter Liebe aufgebaut gewesen? Vielleicht war es nur eine Verliebtheit gewesen, die dann nach Jahren wie die Luft aus einem Reifen gewichen war. Und am Schluss blieb dann nur noch die große innere Leere. Oder Lisa hatte sich nicht damit abfinden können, dass irgendwann der Alltag in ihre Beziehung eingekehrt war. Seine Mutter war jedoch sehr enttäuscht gewesen. Sie hatte Lisa sehr gemocht. Und hatte sich schon so auf ein Enkelkind gefreut. Immer diese familiären Verpflichtungen! Auch sein Vater hatte auf einen so genannten Stammhalter gehofft. Aber den Hof von seinen Eltern wollte er doch eh nicht übernehmen! Wegen seiner Berufswahl hatte Robert Pelzig auch viele Gefechte mit seinem Vater ausgetragen. Vielleicht heiratete seine Schwester Johanna ja mal einen Landwirt? Frau sucht Bauern! Pelzig versuchte, die Gedanken an seine ehemalige Freundin aus seinen Gedanken zu verbannen. Leider spukte sie noch immer in seinem Gehirn herum.

Er öffnete die Eingangstür und suchte nach dem Aufzug. Davor stand bereits ein Mann in einem gut sitzenden, dunklen Anzug mit Krawatte. ‚Bestimmt der Anwalt’, dachte Pelzig.

„Haben Sie von dem Mordfall im vierten Stock gehört?“

„Ja, ich bin Kriminalkommissar Pelzig und mit der Aufklärung dieses Falles betraut“.

„Oh, gut. Ich bin Dr. Grabowski, ich habe mit Kollegen eine Kanzlei im dritten Stock, direkt unter der PersonalLeasing GmbH. Ich war gestern wieder sehr lange bei der Arbeit – neuer Mandant. So gegen 21:00 Uhr habe ich mein Büro verlassen, weil ich im Restaurant gegenüber noch eine Kleinigkeit essen wollte. Und weil ich sportlich sein wollte, habe ich die Treppen genommen.“

„Ja, und?“

„Ja, und normalerweise ist um diese Zeit das Bürogebäude komplett menschenleer. Aber da habe ich eine Frau gesehen, die anscheinend vom vierten Stock kam. Dieses Gebäude hat ja nur vier Stockwerke. Irgendwie kam sie mir merkwürdig vor, die ganze Sache kam mir seltsam vor. Die Firma hat einen regen Publikumsverkehr, deshalb sieht man hier viele fremde Gesichter, vor allem aber im Aufzug. Aber zu dieser späten Stunde habe ich noch nie jemanden vom vierten Stock kommen sehen. Und die Haare dieser Frau, die sahen irgendwie so künstlich aus. Es schien sich um eine Perücke zu handeln. Und sie war auffallend dünn. Ihr Gesicht habe ich nur kurz gesehen, die Stirn war verdeckt durch einen dichten Pony, und die seitlichen Haare des Pagenkopfes hingen ihr ins Gesicht.“

Damit hatte der Anwalt Pelzigs Aufmerksamkeit nun vollends auf sich gezogen.

„Wollen Sie kurz in mein Büro, oder haben Sie oben einen Termin?“

„Nein, ich wollte einfach mal so vorbeischauen, wenn alle Mitarbeiter da sind, und diese befragen. Ich komme gerne mit Ihnen. Klingt interessant, was Sie da sagen.“

„Dann fahren wir in mein Büro?“

Pelzig nickte, und der Anwalt drückte auf die Taste drei. Er stand jetzt neben dem Anwalt, der wirklich irgendwie nach Jurist aussah. Mit seinem graumelierten Haar befand er sich altersmäßig zwischen Ende Vierzig und Anfang Fünfzig. Seine Gesichtshaut war gut gebräunt und sah sehr gepflegt aus. Na, heute gab es ja auch etliche Edel-Pflegeserien für den Herrn, der etwas auf sich hielt. Robert Pelzig hatte nach seinem Abitur auch mal mit dem Gedanken gespielt, Jura zu studieren. Aber eine anwaltliche Karriere hätte er ausgeklammert. Immer picobello angezogen herumlaufen, das war nicht sein Ding. Er fühlte sich in legerer Kleidung einfach wohler. Manchmal überkam es ihn. Und dann hatte er auch mal Lust, sich wirklich super rauszuputzen. Aber eben nicht täglich, und es sollte nicht zur lästigen Pflicht werden. Pelzig freute sich jetzt aber, dass es anscheinend eine erste Spur in diesem Mordfall gab. Sie betraten die Anwaltskanzlei. Sie gingen an der Empfangstheke vorbei. Zwei junge Damen saßen beschäftigt aussehend vor ihren Computern. Jung und hübsch, wie es sich für eine Juristen-Bude gehörte.

„Ich möchte nicht gestört werden. Und bringen Sie uns bitte Kaffee und Mineralwasser.“

Das Büro des Anwalts war sehr geräumig, große Fenster mit modernen Kunststoffrahmen zeigten zur Neumeyerstraße.

„Bitte nehmen Sie doch Platz.“

Der Anwalt wies auf einen Sessel, der an einem Glastisch stand. Er ließ sich selbst auf einem der Sessel gegenüber nieder. Seinen Aktenkoffer stellte er neben sich ab.

„Also, obwohl wir direkt unter der Zeitarbeitsfirma unsere Kanzlei haben, habe ich gestern keine ungewöhnlichen Geräusche von oben gehört. Ich meine, da muss doch ein Kampf stattgefunden haben. Die Ermordete muss doch geschrien haben. Und ich war gestern allein hier. Die Assistentinnen gehen so gegen 17:00 nach Hause. Und meine beiden Kollegen waren bei einem auswärtigen Termin.“

„Wie sah die Frau denn genau aus, die Sie gestern Abend gesehen haben? Können Sie das noch mal noch genauer schildern?“

„Also, wie ich schon sagte, die Frisur war auffällig, weil man von weitem sah, dass es eine Perücke war, offenbar ein billiges Modell, sonst wäre mir der Unterschied zu Naturhaar nicht aufgefallen. Und sehr dünn war die Frau. Sie trug eine dunkelrote Wolljacke.“