Tödlicher Ruhm - Julian Letsche - E-Book

Tödlicher Ruhm E-Book

Julian Letsche

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Beschreibung

Jürgen Rothgerber bekommt einen keinen Boden unter die Füße. Jetzt steht ihm das Wasser bis zum Hals. Der Bankrott seiner Cateringfirma ist nur noch eine Frage der Zeit. Da geschieht so etwas wie ein Wunder. Ein überregionaler Radiosender spielt den Song „Ich will dich“, den Jürgen unter dem Künstlernamen Jamie Red mit seiner Rockband aufgenommen hat. Beinahe zeitgleich wird die Leiche von Rothgerbers Exfrau aus einem Fluss gefischt. Schnell wird klar, dass es sich um ein Gewaltverbrechen handelt. Die Kommissare Mertens und Gross nehmen den Musiker fest, da er unter dringendem Tatverdacht steht. Sein Song wird millionenfach gestreamt und von den Radiosendern rauf- und runtergespielt und macht Jamie über Nacht zum Superstar. Weil er zudem unter Mordverdacht steht, reißen sich die Medien um Interviews.

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Seitenzahl: 568

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Der Autor

Julian Letsche

Wer hat nicht schon davon geträumt, ein berühmter Rock- oder Popstar zu werden. Sowieso jemand wie ich, der in den Sechziger- und Siebzigerjahren aufgewachsen ist, als die Superstars in Erscheinung getreten sind. Meine erste, erfolglose Band habe ich noch zu Schulzeiten gegründet. In den Neunzigerjahren wurde ich Mitglied der Folkband »Lads go Buskin«, mit der ich bis zum heutigen Tag auftrete. Was lag also näher, als über dieses Thema einen spannenden Roman zu schreiben.

Titel

Julian Letsche

TÖDLICHER RUHM

Kriminalroman

Oertel+Spörer

Impressum

Dieser Kriminalroman spielt an realen Schauplätzen. Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden.Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.

© Oertel + Spörer Verlags-GmbH + Co. KG 2025Postfach 16 42 · 72706 ReutlingenAlle Rechte vorbehalten.Titelbild: © ChatGPTGestaltung: PMP Agentur für Kommunikation, ReutlingenLektorat: Bernd StorzKorrektorat: Sabine TochtermannSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-96555-220-3

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Mai 2022

Verdammte Scheiße!«, schrie Jamie Rothgerber wie von Sinnen. Er schlug und trat auf den Geldautomaten ein, der ihm nichts mehr ausbezahlen wollte. Die Leute in der kurzen Schlange, die sich gebildet hatte, schauten pikiert auf den kräftigen, mittelgroßen Mann mit dem langen Zopf, der sich wie toll gebärdete. Bereits wenige Sekunden später kam ein Securitymitarbeiter und forderte ihn unmissverständlich auf, das Gebäude zu verlassen.

»Fass mich ja nicht an, du Arsch!«, blaffte er den Mann an, der ihn dezent von dem Automaten wegführte und zum Ausgang geleitete. »Jahrelang habt ihr Schweine sehr gut an mir verdient, und wenn es mal nicht so läuft, lasst ihr mich am ausgestreckten Arm verhungern.«

Die Mitarbeiter an den Schaltern, an die er seine Tiraden wandte, schüttelten den Kopf.

»Und ihr glotzt nicht so blöd! Wechselt lieber die Bank, bevor es euch so geht wie mir«, wandte er sich an die Wartenden, bevor er hinausging. Jamie schritt zu seinem ziemlich ramponierten Mercedes Vito und verpasste dem Vorderreifen gleichfalls einen Tritt. Mit quietschenden Reifen fuhr er davon und zeigte der Securitykraft den Mittelfinger. Wenig später fuhr er die schmale Einfahrt zu seinem alten Bauernhaus in der Ortsmitte von Betzingen hinauf. Provokativ ließ er seinen Van auf halber Strecke stehen und stieg aus. Die Straße gehörte seinem Nachbarn, mit dem er sich schon öfters gezofft hatte, und Jürgen Jamie Rothgerber hatte lediglich das Durchfahrtsrecht. Heute war so ein Tag, an dem man diese leidige Sache ein für alle Mal regeln konnte. Breitbeinig blieb Jamie neben seinem Vito stehen und wartete auf eine Reaktion des verhassten Nachbarn.

»He, Rothgerber, fahr deine Karre von meinem Grundstück weg oder ich ruf den Schrotthändler an«, kam es von oben aus Maders Haus. »Vielleicht gibt er dir noch n’ Fuffi, dann kannst du dir ’ne Pulle Schnaps kaufen und dir dein armseliges Dasein schönsaufen, ha, ha!«.

»Komm runter Mader, du Feigling! Dann tragen wir es aus wie Männer. Aber da kann ich lange warten, du versteckst dich lieber hinter dem Rockzipfel von deiner Alten.« Jamie wartete noch zehn Minuten, aber der Nachbar ließ sich nicht mehr blicken. Wahrscheinlich läuft es wie jedes Mal, dachte er grimmig, und in einer halben Stunde stehen die Bullen vor der Haustür. Schade eigentlich, eine handfeste Prügelei hätte zu seiner aufgeheizten Stimmung gepasst. Der Nachbar war zwar seiner Meinung nach der Reichsbürgerszene zugehörig, trotzdem rief er die Ordnungshüter des verhassten Staats, wenn ihn irgendwas störte. Jamie schlappte nach hinten und blieb vor der heruntergekommenen Fassade seines Hauses stehen. Dabei kam Rothgerber die ganze Tragweite der Katastrophe, die über ihn hineingebrochen war, zu Bewusstsein. Wie oft konnte er sein Elternhaus noch betrachten, bevor es im Rahmen der Zwangsversteigerung irgendein Immobilienhai ersteigern und einen riesigen Wohnblock hinstellen würde? Na ja, ein kleiner Trost war, dass Mader an den neuen Nachbarn wenig Freude haben würde.

Er überquerte den Kräutergarten, wo es bereits heftig zu sprießen begann, und ging durch eine Seitentür in die Scheune. In dem darunterliegenden Gewölbekeller holte er sich ein kühles Bier und setzte sich ins Wohnzimmer. Hier drin wie auch im restlichen Wohnbereich hatte Jamie seit dem Tod seiner Mutter vor zehn Jahren so gut wie nichts verändert. Das verratzte Sofa stand noch genauso am Platz wie der massive Holztisch, um den sich vier mehr oder weniger intakte Stühle gruppierten. Der Berg von ungeöffneten Rechnungen, der auf dem Tisch lag, ließ gerade Platz für eine Tasse und einen Teller. Versonnen blickte er auf das Hochzeitsbild seiner Eltern, das er wegen eines kurzen sentimentalen Moments an der Wand über dem Sofa hatte hängen lassen. Mit einem spöttischen Lächeln prostete er seinem Vater zu und nahm einen großen Schluck. Wegen des Alten, wie er ihn abschätzig nannte, war Jamie mit knapp achtzehn von zu Hause abgehauen und erst wieder heimgekommen, als der verhasste Vater unter der Erde war.

Sommer 1995

Weil Rothgerber keine Berufsausbildung hatte, schlug er sich in Stuttgart mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs so gut es ging durch. Unter anderem bei einem zwielichtigen Antiquitätenhändler, wo er hin und wieder heimlich in die Kasse griff, und in seiner Ahnungslosigkeit glaubte, dass es niemand bemerken würde. Nach einer verheerenden Tracht Prügel haute Jamie erneut bei Nacht und Nebel ab, obwohl der Händler ihn dazu verdonnert hatte, den Schaden abzuarbeiten. Dieses Mal brachte er deutlich mehr Kilometer zwischen sich und seine Heimat und floh nach Hamburg. Er hatte keinen Plan für seine Zukunft, als er in einer finsteren Kneipe in der Nähe des Fischmarkts auf eine junge Frau traf und das Schicksal seinen Lauf nahm.

»Na, du bist ja ein süßer Junge und so stark!«, hatte die auffallend geschminkte Frau anerkennend gegurrt und dabei energisch in seinen Schritt gefasst. In den Knutschpausen hatte sie ihn zum unmäßigen Trinken animiert, und als er am nächsten Tag mit einem schweren Kopf aufwachte, wurde ihm bewusst, dass Chantal, wie sie sich genannt hatte, lediglich ein Lockvogel gewesen war.

Jamie war an Bord eines Frachtschiffs gelandet, das sich auf dem Weg nach Südamerika befand. Hatte er anfangs noch heftig protestiert, so fügte er sich relativ schnell in sein unvermeidliches Schicksal und freundete sich mit dem Koch an, dem er zugeteilt worden war. Wenngleich die Fähigkeiten des Österreichers überschaubar waren, entdeckte Jamie seine Liebe zum Kochen und lernte die Grundzüge der alpenländischen Küche kennen. Sehr viel besser als die Zubereitung der Speisen beherrschte Loisl, wie er genannt wurde, das Gitarre spielen, und die hartgesottenen Seeleute wurden ganz sentimental bei seinen eingängigen Liedern. Jamie hatte als Kind ein paar Stunden Akkordeonunterricht genossen und löcherte den Koch so lange, bis er ihm ein paar Griffe beibrachte. Vom ersten Zielhafen Rio de Janeiro ging es nach New York und danach durch den Panamakanal in den Pazifik. In Manila konnte Jamie bereits die meisten Lieder begleiten und hatte sich die Grundzüge des Fingerpicking angeeignet. Da Loisl dazu übergegangen war, sein Heimweh zunehmend mit Zuckerrohrschnaps zu betäuben, war es Rothgerber, der mittlerweile die Gerichte zubereitete.

Beim Landgang in der philippinischen Hauptstadt lernte Jamie in einer Bar eine hübsche Prostituierte kennen und versteckte sich bei ihr. Bereits ein paar Tage zuvor war er in einem unbeobachteten Moment in die Kapitänskajüte eingebrochen und hatte seinen einbehaltenen Pass sowie einiges an Dollarscheinen an sich gebracht. Zuerst war die junge Frau an seiner Barschaft interessiert und gab ihrem Zuhälter den Tipp, ihn auszurauben. Doch Jamie war mittlerweile durch zahlreiche Kneipenschlägereien gestählt und schlug den Typen in die Flucht. Von da an brachte Juanita das auf dem Straßenstrich erwirtschaftete Geld zu Rothgerber, der die Kohle ohne mit der Wimper zu zucken annahm, die Frau jedoch deutlich besser behandelte als sein Vorgänger. Das Arrangement ging eine Woche gut, bis die völlig aufgelöste Juanita mit einem blauen Auge nach Hause kam. Offenbar hatte ihr früherer Zuhälter sich Verstärkung geholt und sie massiv eingeschüchtert. Bevor die Gang die zwei zu fassen kriegte, flüchteten Juanita und Jamie aus der Stadt. Es stellte sich heraus, dass ihre Eltern ein kleines Restaurant in dem malerischen Ort Puerto Princesa, einem aufstrebenden Touristenhotspot auf der Insel Palawan betrieben. Fürs Nichtstun von seiner Freundin abzukassieren war zwar auch nicht schlecht gewesen, doch bei Juanitas Mutter seine Kochkünste zu verfeinern war mehr nach Jamies Geschmack. Außerdem war ihm diese schöne Insel mit ihren Traumstränden deutlich lieber als der versiffte Moloch Manila. Das Korallenriff mit seinem immensen Fischreichtum war ein Taucherparadies, das zwar immer noch als Geheimtipp galt, in den letzten Jahren aber immer mehr Touristen anlockte. Vor allem Europäer und US-Amerikaner suchten in dieser Idylle Erholung vom Alltag.

Es dauerte nicht lange, bis Jamie die Leitung des Restaurants übernahm. Mit einer Mischung aus alpenländischer und deutscher sowie philippinischer und spanischer Küche wurde das Lokal schnell zu einem der meistbesuchten Häuser in Puerto Princesa. Der gut aussehende deutsche Koch war besonders bei den weiblichen Touristen sehr beliebt und so, wie sich An- und Abreise der Frauen abwechselten, tauschte er seine Geliebten aus. Allerdings musste man Rothgerber zugutehalten, dass er bei seinen Affären äußerst diskret vorging. Grund für diese Vorsicht war unter anderem eine Drohung von Pedro, Juanitas Vater, die dieser während einer Fahrt mit dessen Fischerboot ausgestoßen hatte.

»Meine Tochter hält große Stücke auf dich. Solltest du ihr in irgendeiner Form wehtun, endest du als Fischfutter.« Offensichtlich wusste der hagere Mann mit dem narbigen, furchteinflößenden Gesicht nicht, was seine Tochter in Manila getrieben hatte, denn dort war sie nicht von allen Männern zuvorkommend behandelt worden.

Jamie verbrachte herrliche zehn Monate in Puerto Princesa, und alles wäre wohl so weitergelaufen, wenn nicht eines Abends eine Französin namens Evelyn das Restaurant betreten hätte. Als er in die tiefblauen Augen der jungen Frau blickte, war es um Jamie geschehen. Evelyn war gemeinsam mit einer Freundin im Urlaub, und Jamie zauberte an diesem Abend das beste Adobo seiner Kochlaufbahn. Dieses Gericht entstammte einem über Generationen überlieferten Rezept, in dem Schweine- und Hühnerfleischstücke in einer Marinade aus Sojassoße, Essig, gemahlenem Knoblauch, Lorbeerblättern und Pfeffer eingelegt und danach knusprig angebraten wurden. Später kam das Fleisch wieder in den Sud und köchelte längere Zeit vor sich hin. Juanitas Mutter hatte ihm während der Ausbildung alles gezeigt und Jamie, mit seinem Gespür für Gewürze, hatte das Ganze noch etwas verfeinert.

Am Nachmittag des folgenden Tages richtete er es so ein, dass er kurz vor Arbeitsbeginn am Strand auftauchte. Zuerst biss er bei Evelyn auf Granit, und sie ließ Jamie trotz seiner Charmeoffensive eiskalt abblitzen. Nach einer Woche vergeblichen Werbens beschloss Jamie entnervt aufzugeben, als ihm der Zufall in Gestalt eines Taifuns zu Hilfe kam. Obwohl sie seinem Drängen nicht nachgab, kam Evelyn gemeinsam mit ihrer Freundin jeden Abend in das Restaurant, um sich von dem leidenden Jamie kulinarisch verwöhnen zu lassen. An dem schicksalhaften Abend zog gerade ein Sturm auf, als die zwei Französinnen das Lokal verließen. Bis zu ihrem Hotel war es nicht weit, trotzdem ging Jamie den beiden nach, obwohl noch einiges los war und ihn feindselige Blicke von Juanita trafen. Mit einer Urgewalt ging plötzlich ein Inferno los und der Regen peitschte waagerecht daher. Jamie konnte schemenhaft erkennen, dass Evelyn in Richtung Meer abgetrieben wurde und rannte hinter ihr her. Mit Todesverachtung kämpfte er sich heran und sah gerade noch rechtzeitig, dass Evelyn im Begriff war, ins Meer zu fallen. Er stürzte sich auf sie und zog die zitternde Frau mit letzter Kraft mit sich hinter einen nahen Felsen. Dort klammerten sich die beiden aneinander und hofften auf ein Wunder. Der Tropensturm war kurz und heftig und verzog sich beinahe so schnell, wie er gekommen war.

»Du hast mir das Leben gerettet«, hauchte Evelyn und machte keine Anstalten, sich aus Jamies Armen zu lösen. Langsam zogen sie sich die nassen Klamotten gegenseitig aus und begannen sich zu streicheln. Als er in sie eindrang, entfuhren ihr spitze Schreie und Jamie hielt ihr sanft den Mund zu. Wenig später lagen sie ermattet und glücklich auf dem feuchten Sand.

In dieser Nacht ging Jamie nicht nach Hause und auch Evelyns Hotelbett blieb leer. Die restliche Woche erfand Jamie hundert Ausreden, um sich mit ihr treffen zu können. Doch trotz aller Vorsicht, die er an den Tag legte, wurde Juanita misstrauisch und schickte Pedro hinter ihm her. Jamie hatte damit gerechnet und ging immer in dieselbe Bar. Er kannte Pedros Hang zum Alkohol und bezahlte ihm zwei, drei Drinks. Als er sich verabschiedete, um angeblich zum Fischeinkauf oder auf den Markt zu gehen, blieb der bereits angesäuselte Pedro sitzen und gab sich die Kante. An Evelyns letztem Abend schlich Jamie sich mitten in der Nacht, als er glaubte, Juanita und ihre Eltern schliefen, davon, um kurz vor Sonnenaufgang wieder zurückzukommen.

Nach Evelyns Abreise war nichts mehr wie vorher. Er hatte ihr zwar versprochen, sie in Marseille, wo sie wohnte, zu besuchen, aber hatte er das wirklich ernst gemeint? Denn hier auf dieser Insel spielte sich sein Leben ab. Doch offensichtlich hatte sich Jamie zum ersten Mal im Leben richtig verliebt, und die Sehnsucht nach Evelyn wurde immer stärker, je länger er von ihr getrennt war. Mindestens jeden zweiten Tag rief er sie von einer Telefonzelle aus an, und sie schworen sich ewige Liebe.

»Ich muss mit dir reden«, fing Juanita eines Abends an, als sie ihm in der Küche zuarbeitete. Jamie rechnete damit, dass sie ihn wegen Evelyn zur Rede stellen wollte.

»Was soll das jetzt, du siehst ja, dass ich alle Hände voll zu tun habe!«, blaffte er sie an.

»Ich bin schwanger.«

Es kam ihm vor, als hätte er einen schweren Schlag in die Magengrube erhalten.

»Äh … schön …, seit wann weißt du es?«, stammelte Jamie.

»Seit letzter Woche, aber jetzt bin ich mir sicher. Also, wann heiraten wir?«

Schweiß trat auf Jamies Stirn, als er sich seine ausweglose Situation ausmalte. Seit Evelyn in sein Leben getreten war, war er sich nicht mehr sicher, ob er in Puerto Princesa bleiben sollte. In Anbetracht der Tatsache, dass es äußerst schwierig für ihn werden würde, die Insel zu verlassen, hatte er die Entscheidung immer wieder hinausgezögert.

»Hm, wie wäre es, sagen wir mal in drei, vier Wochen?«, stellte Jamie gequält in Aussicht, um Zeit zu gewinnen.

An diesem Abend wurden die Gäste hinauskomplimentiert und das Lokal um neun geschlossen. Mit Bier und Rum wurde ausgiebig auf die baldige Hochzeit angestoßen, und besonders Pedro schien sich sehr zu freuen.

»Lass dich umarmen, Schwiegersohn!«, stieß er sichtlich betrunken und mit Tränen in den Augen mehrfach hervor, und Jamie ließ es beinahe teilnahmslos geschehen. »Und vergiss nie, was ich dir damals auf meinem Boot geraten habe.« Er beugte sich vor und flüsterte Jamie ins Ohr. »Auch wenn du meinst, besonders schlau zu sein, deine Eskapaden mit anderen Weibern sind nicht unentdeckt geblieben. Solange du den Schein wahrst und deinem Kind ein guter Vater bist, ist mir das egal. Aber bedenke immer, du kommst von dieser Insel nicht mehr weg, weder mit der Fähre noch mit dem Flugzeug. Ich kenne überall die entscheidenden Leute, und sie wissen mittlerweile auch, wer du bist.«

Trotz seines benebelten Kopfes kam ihm glasklar zu Bewusstsein, dass er ein Gefangener war. Zwar lebte er auf einer Trauminsel mit ziemlich viel Auslauf und auch sonstigem Vergnügen, trotzdem fühlte sich Jamie eingesperrt. Er hatte vorgehabt, noch etwa ein halbes Jahr hierzubleiben und sich dann vom Acker zu machen. Doch das war gewesen, bevor er Evelyn kennengelernt hatte. Tagelang zermarterte er sich den Kopf auf der Suche nach einem Ausweg aus diesem Dilemma. Er hatte in dieser Zeit auch überhaupt keine Lust auf Urlaubsflirts mehr. Als er an einem freien Nachmittag am Hafen saß und sehnsüchtig aufs weite Meer blickte, kam ihm eine verwegene Idee. Dabei würde er jedoch alles auf eine Karte setzen müssen und die Chancen, dass er das Abenteuer überlebte, lagen bei weniger als fünfzig Prozent.

Der Termin für die Hochzeit war auf einen Samstag angesetzt, ziemlich genau vier Wochen, nachdem Juanita ihm die frohe Botschaft, dass er Vater werden würde, verkündet hatte. Am Donnerstagabend vor der Trauung nahm ihn Pedro zur Seite und bedeutete ihm, dass sie am nächsten Tag gemeinsam mit dem Fischerboot rausfahren würden. Der Alte sah das als eine Art Junggesellenabschied. Kurz vor der Abfahrt sah Jamie seinen künftigen Schwiegervater Unmengen von Alkohol an Bord tragen und grinste in sich hinein.

»Willst du den Schnaps als Köder nehmen?«, fragte der Deutsche belustigt.

»Nein, nein, das wäre viel zu schade, damit hauen wir uns mal so richtig die Birne voll. Und wer weiß, vielleicht begegnen uns unterwegs auch noch ein paar Frauen.« Pedro zwinkerte ihm vielsagend zu und Jamie dachte, dass dieser Ausflug wohl so eine Art Ritual sein musste. Tatsächlich hielt ein anderes Boot direkt auf sie zu, nachdem sie einige Seemeilen gefahren waren und den Hafen nicht mehr sahen. Ehe sich Jamie versah, waren zwei leicht bekleidete Frauen an Bord und kamen nach zwei Drinks gleich zur Sache. Pedro hatte die Fahrt offenbar von langer Hand geplant und für sich gleich eine Prostituierte mitbestellt. Mehrere Stunden später verließen die Damen das Fischerboot wieder und Pedro und Jamie konzentrierten sich aufs Trinken.

Abgesehen von kleinen Wellen war das Meer ziemlich ruhig an diesem Tag. Aus einer mit Eiswürfeln gefüllten Wanne unter Deck nahm Jamie zwei weitere Bier und brachte sie nach oben. Er drückte Pedro, der nahe an der Bordwand stand, eine Flasche in die Hand und prostete ihm zu. Mit der anderen Hand gab er dem überraschten Mann einen Schups, und Pedro ruderte mit den Armen, bevor er über Bord ging. Blitzschnell warf Jamie dem hilferufenden Pedro einen Rettungsring hinterher und warf den Motor an. Ohne sich weiter um den böse fluchenden Mann zu kümmern, fuhr Jamie mit sieben Knoten in südlicher Richtung davon.

Bereits seit Juanita ihm ihre Schwangerschaft gebeichtet hatte, war in ihm der Entschluss gereift, dem vermeintlichen Paradies den Rücken zu kehren. Als ihm Pedro dann gestern von dem Ausflug mit dem Fischerboot erzählt hatte, kam das Jamie wie ein Wink des Schicksals vor. Während er am Abend kochte, schützte er Unwohlsein vor und gab vor, kurz frische Luft schnappen zu wollen. Blitzschnell war er in sein Zimmer geeilt und hatte seinen Pass und Bargeld sowie ein paar Klamotten in einen kleinen Seesack gepackt und diesen an Bord versteckt. Bereits im Vorfeld hatte Rothgerber vage Fluchtpläne gemacht und ihm war klar geworden, dass der einzig gangbare Weg in die Freiheit von Palavan über die Meerenge von Balabac nach Indonesien führte. Allerdings hatte er dabei immer Ausschau nach einem größeren Segler oder Motorboot gehalten, das ihn dorthin mitnehmen würde. Mit diesem kleinen Fischerboot hingegen war es ein äußerst gewagtes Unterfangen. Zu Jamies Glück hatte Pedro ziemlich gute Seekarten an Bord, und er konnte auf einer der kleineren Inseln, die sich in der Straße von Balabac aneinanderreihten, den Schnaps gegen Schiffsdiesel eintauschen.

Schließlich landete er auf dem indonesischen Festland und verkaufte als Erstes das Boot. Rothgerber schlug sich durch bis Djakarta, wo er beinahe sein gesamtes Geld für ein Flugticket nach Paris ausgab. Von dort aus versuchte er sein Glück mit Trampen, da seine Barschaft für ein Bahnticket nicht ausreichte.

Ungläubig starrte er jetzt auf das Gebäude in einem Villenvorort von Marseille, dessen Adresse mit der, die ihm Evelyn in Puerto Princesa gegeben hatte, übereinstimmte. Jeder andere wäre vor Ehrfurcht erstarrt und hätte die Flucht angetreten. Doch Jamie ließ sich von dem riesigen Anwesen nicht beeindrucken und klingelte einfach an der Pforte. Schließlich hatte er mehrfach sein Leben aufs Spiel gesetzt, um Evelyn zu besuchen.

Von oben herab musterte der Bedienstete die abgerissene Gestalt und bedeutete ihm, sofort zu verschwinden, ansonsten würden in wenigen Minuten die Gendarmen hier auftauchen. Zuerst versuchte Jamie es noch mit Fluchen und Lamentieren, doch bei dem Diener biss er auf Granit. Wütend schnappte er den Seesack und wandte sich wieder der Straße zu. Das konnte doch nicht wahr sein, dass er so kurz vor dem Ziel scheiterte! Während er zur Straße zurückging, dachte er angestrengt darüber nach, wie er Kontakt mit Evelyn aufnehmen könnte. Plötzlich näherte sich ein sündhaft teures Cabrio, und reflexartig stellte sich Jamie in die Straße. Wenige Zentimeter vor seinen Beinen kam der Mercedes zum Halten.

»Du? Das gibt es doch nicht!« Kaum hatte die junge Frau die Worte ausgestoßen, als sie sich auch schon in Jamies Arme warf. Evelyns Wiedersehensfreude schien echt zu sein, und auch Rothgerber fiel ein Stein vom Herzen. Mehrere Minuten standen sie eng umschlungen mitten auf der Straße und küssten sich ausgiebig. Als der erste Autofahrer sich darüber aufregte, dass er nicht vorbeikam, erntete er einen finsteren Blick von Jamie und duckte sich hinter sein Lenkrad.

»Lass uns reingehen«, schlug Evelyn vor, als sie in dem riesigen SUV ihren Nachbarn erkannte. Sie schien Jamies abgerissene Klamotten und sein schlechter Geruch nicht zu stören, aber der Bedienstete, der ihn vorhin abgewiesen hatte, rümpfte die Nase.

»Albert, das ist Jamie. Bringen Sie ihm bitte etwas Kleidung von meinem Vater.«

Sie wohnte in einer abgeschlossenen Wohnung im oberen Trakt der mondänen Villa. Nach einem dezenten Hinweis auf die Dusche wollte sie sich entfernen, doch Jamie zog sie mit sich.

»Alleine duschen macht keinen Spaß«, meinte er bestimmt und ließ seine stinkenden Kleider fallen. Evelyn ließ gleichfalls die Hüllen fallen und folgte ihm eilig unter die Brause. Zärtlich seifte sie ihn ein und Jamie stöhnte lustvoll, als er zum ersten Orgasmus seit langer Zeit kam. Ohne sich abzutrocknen, warfen sie sich ins Bett und liebten sich stundenlang.

»Du hast echt Glück gehabt, dass du mich angetroffen hast«, meinte sie gedehnt und nahm einen Schluck von ihrer Champagnerflöte. Jamie tat es ihr gleich und rülpste anerkennend, während er die Flasche Dom Pérignon betrachtete, die Evelyn aus dem Kühlschrank geholt hatte.

»Habe ich dir nicht gesagt, dass ich die Woche über in Montpellier studiere und selten an einem Wochenende nach Hause komme?«

»Vielleicht hast du es erwähnt, aber dort in Puerto Princesa war ein Besuch bei dir so weit weg, und erst, nachdem du gegangen bist, wusste ich überhaupt, was mir fehlt.« Dass er flüchten musste, behielt Jamie wohlweislich für sich.

»Ob du es glaubst oder nicht, aber mir ist es genauso gegangen. Die ersten Wochen habe ich beinahe jede Sekunde an dich gedacht und sogar mit dem Gedanken gespielt, das Studium zu schmeißen, um wieder da runter zu fliegen.«

Die nächsten Tage verbrachten sie entweder im Bett oder am Pool und ließen sich von Albert mit gutem Essen und erlesenen Weinen verwöhnen. Schnell hatte sich Jamie an dieses Luxusleben gewöhnt, und Evelyn tat wirklich alles, um ihrem Lover den Himmel auf Erden zu bereiten. Ihr Studium der Rechtswissenschaften schien sie nicht mit Nachdruck zu betreiben, da sie keinerlei Anstalten machte, nach Montpellier aufzubrechen. Erst als ihre Eltern von der sechswöchigen Luxuskreuzfahrt in der Karibik zurückkehrten, wurde es ein wenig ungemütlicher für das Liebespaar. Wohlwollend betrachtete Mireille, Evelyns Mutter, den gut gebauten Deutschen, doch ihr Vater blickte deutlich skeptischer auf seinen ungebetenen Gast.

»Ich habe euch doch von dem Mann erzählt, der mir auf den Philippinen das Leben gerettet hat, und stellt euch vor, er hat alles stehen und liegen lassen, um mit mir zusammen zu sein«, berichtete die junge Frau euphorisch, doch Luc, ihr Vater, war sich sicher, dass der Typ sich auf seine Kosten ein schönes Leben machen wollte. Das leidige Thema Studium kam ebenfalls zur Sprache, und die plötzlich rebellische Evelyn entschloss sich schließlich, wieder nach Montpellier zu fahren, nachdem Jamie ihr ins Gewissen geredet hatte. Sie hatte tatsächlich vorgehabt, mit ihm durchzubrennen und irgendwo ein neues Leben anzufangen. Doch Jamie wollte sich lieber in dieser Luxusbude verwöhnen lassen, als für die reiche Tochter und für sich in einer abgefuckten Kneipe zu schuften.

Mireille rechnete es ihm hoch an, dass er seinen Einfluss auf ihre Tochter geltend gemacht hatte. Sie las dem Mann, der Evelyn das Leben gerettet und sie wieder ins Gleis gebracht hatte, jeden Wunsch von den Lippen ab. Während Evelyn unter der Woche studierte, fuhr Jamie mit dem Drittwagen der Familie, einem hochmotorisierten, nagelneuen Mini, durch die Gegend.

Das war das sorglose Leben, das er sich immer gewünscht hatte! Ausgestattet mit einer Kreditkarte, die ihm Mireille diskret in die Hand gedrückt hatte, konnte er es sich so richtig gut gehen lassen. Manchmal blieb er mehrere Tage weg, doch er war darauf bedacht, an den Wochenenden da zu sein, wenn Evelyn nach Hause kam.

Luc war ein vielbeschäftigter Mann und selten da, sodass Jamie auch oft mit Mireille allein war. Sie verwöhnte ihn nach Strich und Faden, und ihr war der Background von Rothgerber auch völlig gleichgültig. Mireille war der Auffassung, dass sie genug Geld hatten, und für sie zählte einzig und allein das Glück ihrer Tochter. Ihr Mann hingegen war äußerst misstrauisch und hatte sich für sein einziges Kind etwas anderes vorgestellt als einen Landstreicher, wie er Jamie insgeheim nannte. An den Wochenenden war der erfolgreiche Geschäftsmann gleichfalls zu Hause und machte gute Miene zum bösen Spiel. Doch bereits eine Woche, nachdem der unfreiwillige Gast eingezogen war, hatte Luc ein Detektivbüro beauftragt, um Jamies Werdegang zu durchleuchten und ein Auge auf den Lebemann zu haben.

Bei seinen Exkursionen im südlichen Frankreich hatte Rothgerber Aix-en-Provence entdeckt und war immer wieder hierher zurückgekehrt. Die Mischung aus Altstadtambiente und pulsierendem Studentenleben verliehen dieser Stadt ein ganz besonderes Flair, was sich in dem reichhaltigen kulturellen Angebot niederschlug. Das Bistro Van Gogh am Cours Mirabeau, in dem immer donnerstags Musiker auftraten, hatte es ihm besonders angetan. An der langen Theke standen die Gäste meist in zweiter und dritter Reihe und schlürften ihre Drinks. Gegenüber war die kleine Bühne und dazwischen standen ein paar Tischchen mit wenigen Korbstühlen. Lediglich das kulinarische Angebot, bestehend einzig aus Croque Monsieur, war für Jamie als Koch noch ausbaufähig.

Was ihm hier aber beinahe am besten gefiel, war die immer am ersten Montag des Monats stattfindende Jamsession. Bereits als er das erste Mal sah, wie nach und nach Musiker auf die Bühne traten, die vorher noch nie zusammengespielt hatten, fasste er sich ein Herz. Jamie hatte den Barkeeper, den er mittlerweile gut kannte, gebeten, ihm die neben einer Ricardflasche hängende Gitarre zu reichen. Das Instrument war ziemlich ramponiert, hatte aber noch alle Saiten, und Jamie bat den Klavierspieler, ihm ein A zu geben, um das Teil einigermaßen zu stimmen. Das Musizieren machte ihm richtig Spaß, und obwohl seine Fingerfertigkeit anfangs ein wenig eingerostet war, spielte und sang er beim nächsten Mal bereits als Frontmann. Zu Evelyn war er beinahe um die halbe Welt gereist, weil er sich in Puerto Princesa in sie verliebt hatte, doch Jamie konnte den Verlockungen, die sich ihm in diesem Bistro boten, nicht widerstehen.

Nach dem zweiten Auftritt hatte ihn Nathalie, eine dunkelhäutige Schönheit aus Martinique, davon überzeugt, dass es in ihrem Bett allemal aufregender war als in irgendeinem Hotelbett. Aber freitagabends war er pünktlich um sieben in Marseille bei Evelyn und verließ das Haus meistens wieder am Montagvormittag. Mittlerweile hatte es sich so eingependelt, dass er die Zeit bis Mittwoch meistens bei Evelyn in ihrer Wohnung in Montpellier verbrachte, wo er abends für sie kochte. Am Donnerstagvormittag machte er sich immer auf den Weg nach Aix, wo aus Nathalie inzwischen Colette geworden war. Die attraktive Bassistin einer Punkband, in der er einmal ausgeholfen hatte, weil der etatmäßige Gitarrist aufgrund von zu viel Ecstasy nichts mehr auf die Reihe bekommen hatte, hatte ihm auf der Bühne so zugesetzt, dass sie im Backstagebereich übereinander hergefallen waren.

Jamie genoss das Leben in vollen Zügen und versprach Evelyn, sie zu heiraten, nachdem ihr Studium abgeschlossen sein würde. Dabei spürte er deutlich, dass Colette viel besser zu ihm passte. Sie war die Tochter eines Olivenbauern in der Nähe von Nyon und hatte schon von klein auf erfahren, was es heißt, hart zu arbeiten. Doch Jamie wusste, dass er nur mit Evelyn den Traum von einem sorglosen Leben ohne große Anstrengungen verwirklichen konnte.

»Was machst du eigentlich an den Donnerstagen und an dem ersten Montag im Monat, wenn du nicht bei mir bist?«, hatte ihn Evelyn einmal gefragt, wobei er schon so etwas wie Eifersucht aus ihren Worten heraushören konnte.

»An den Montagen mache ich Musik in einer Kneipe in Aix und an den Donnerstagen gehe ich meinem Beruf nach und koche dort«, hatte er wahrheitsgemäß geantwortet, ohne natürlich seine Frauenbekanntschaften zu erwähnen.

Tatsächlich hatte er den Inhaber des Bistros überzeugt, ihn am Donnerstagabend kochen zu lassen, was bei den Gästen sehr gut angekommen war.

Evelyn war ziemlich erstaunt gewesen, mit so etwas hatte sie nicht gerechnet. »Das muss ich mir unbedingt mal ansehen.« Bereits am nächsten Montag, als Jamie mit der Open-Stage-Band den Saal rockte, kreuzte Evelyn im Van Gogh auf und war hin und weg. Voller Begeisterung berichtete sie ihrem Vater am darauffolgenden Wochenende von Jamies Aktivitäten.

Dessen Begeisterung hielt sich allerdings in sehr engen Grenzen, wohingegen Mireille beinahe genauso enthusiastisch war wie ihre Tochter.

»Dann haben wir ja bald einen Rockstar in der Familie!«, stieß sie mit einem verzückten Lächeln aus. Jamie ließ sich von der Euphorie anstecken und sah sich tatsächlich schon im Rockhimmel. Er würde sich eine Band zusammenstellen, und mit der Kohle von Luc konnte er so richtig durchstarten. Am Donnerstag traf er sich vor seiner Schicht mit Colette und weihte sie in seine Pläne ein, eine Rockband zu gründen.

»Aber das ist ja fantastisch, darauf arbeite ich schon beinahe mein ganzes Leben lang hin!«, entgegnete sie freudig.

»Lass uns in ein schönes Restaurant gehen und die Gründung unserer Band feiern.« Jamie entschuldigte sich bei Frederic, dem Patron, und erzählte ihm was von Schwindel und Unwohlsein. Schließlich war er nicht auf diesen Job angewiesen und konnte jederzeit kündigen. Er ging mit Colette in einen Gourmettempel am Rande der Altstadt und ließ sich nicht lumpen. Sie bestellten das siebengängige Überraschungsmenü, das von verschiedenen Spitzenweinen korrespondiert wurde. Zuerst rümpften die Kellner die Nase, weil weder Jamies Outfit noch Colettes Kleidung dem Dresscode des Restaurants entsprachen. Doch als Jamie jedem ein fürstliches Trinkgeld in die Hand drückte, als er mit seiner Kreditkarte auf dem Weg zur Kasse war, entspannten sich ihre Mienen.

»Sie sitzen am Tisch sieben, Monsieur, ist das korrekt?«, fragte die Bedienung.

Jamie nickte ungeduldig, er wollte jetzt so schnell wie möglich mit Colette in die Kiste steigen.

»Das macht dann tausendfünfhundert Francs.« Er nahm es ohne Regung zur Kenntnis und gab ihr die Visakarte in die Hand.

»Äh, Monsieur, haben Sie noch eine andere Karte? Mit dieser scheint etwas nicht zu stimmen.«

Ungläubig betrachtete Jamie die ältere Angestellte.

»Der Mann, der für diese Karte bürgt, ist mehrfacher Millionär, und jetzt versuchen Sie es einfach noch mal. Das darf doch wohl nicht so schwer sein!«, blaffte er sie an. Nachdem es weitere Male nicht funktioniert hatte, wurde Jamie ausfällig und bezeichnete die arme Frau als unfähig und dumm. Plötzlich stand ein distinguierter Herr neben ihr und mischte sich ein.

»Entschuldigen Sie, ich bin der Geschäftsführer hier, gibt es irgendwelche Probleme?«

Jamie konnte es drehen und wenden, wie er wollte, aber die Karte funktionierte nicht. Zum Glück hatte er von Frederic heute den Lohn bekommen und somit besaß er noch etwas Bargeld. Er wollte sich bei Colette nicht blamieren, da er ihr im Vorfeld erzählt hatte, sein Vater sei ein reicher Bankier in Deutschland, der das schlechte Gewissen seinem Sohn gegenüber mit Geld beruhigte.

»Hat was mit der Rechnung nicht gestimmt?«, wollte Colette besorgt wissen, der genauso wie den anderen Gästen der Disput Jamies mit der Angestellten aufgefallen war.

»Ach, es ist immer wieder dasselbe in diesen hochpreisigen Lokalen. Sie können den Hals nicht vollkriegen und versuchen einen zu bescheißen!«, redete er sich raus.

Am nächsten Abend fuhr er wie immer nach Marseille, dabei dachte er kurz daran, Mireille zu bitten, die Karte auszutauschen. Schwungvoll wollte er den von Platanen gesäumten Kiesweg hochfahren, doch das Tor war geschlossen. Jamie hupte mehrmals, offenbar schlief der Torwächter. Albert kam wenig später heraus und stellte sich vor den Mini.

»Was soll das, kannst du bitte das gottverdammte Tor öffnen?«

»Nach Anweisung von Monsieur Lemaire sind Sie hier nicht mehr erwünscht und ich möchte Sie bitten, mir die Autoschlüssel des Minis auszuhändigen.«

»Was ist das für eine verdammte Scheiße! Ich will sofort mit Evelyn oder Mireille sprechen!« Jamie war jetzt ausgestiegen und stellte sich drohend vor Albert hin.

»Für den Fall, dass Sie den Anweisungen von Monsieur Lemaire nicht Folge leisten, habe ich vorgesorgt und die Gendarmerie gerufen.« Er deutete auf eine Parkbucht gegenüber, wo zwei Polizisten das Geschehen aufmerksam verfolgten.

Das darf doch alles nicht wahr sein, dachte Jamie und schüttelte den Kopf. Aber trotz seines manchmal überschäumenden Temperaments wusste er, dass es jetzt Zeit war, das Feld zu räumen. Er durchsuchte den Wagen nach seinen wenigen Habseligkeiten, und Albert drückte ihm mit einem überlegenen Grinsen seinen Seesack in die Hand.

»Ich soll Ihnen ausrichten, dass Sie darauf verzichten sollen, Madame Evelyn zu belästigen. In dem, äh, Gepäckstück finden Sie einen Abschiedsbrief von ihr.«

Wie in Trance trottete Jamie von dannen und er hatte nicht einmal mehr die Kraft für einen seiner berüchtigten Wutausbrüche.

Mit Trampen und Wandern erschien Rothgerber zwei Tage später völlig pleite in Aix und trat ziemlich unterwürfig seine Kochstelle wieder an. Wobei er den Patron darum bat, ihn auch an den anderen Wochentagen zu beschäftigen. Nachdem er den Brief von Evelyn gelesen und sich die Bilder, auf denen er jeweils mit Colette und Nathalie in eindeutigen Situationen zu sehen war, angeschaut hatte, war auf eine Versöhnung mit ihr nicht mehr zu denken.

»Dann muss ich mich halt anders orientieren und selber für meinen Lebensunterhalt sorgen!«, rief Jamie kämpferisch aus, wohl auch, um sich Mut zu machen. Die nächsten Monate schlug er sich mehr schlecht als recht mit seinem Küchenjob durch. Zum Glück hatte Colette eine kleine Zweizimmerwohnung, wo er unterkommen konnte. Da sie als Kindergärtnerin tagsüber arbeitete und Jamie nachts bis in die Puppen in dem Bistro stand, sahen sie sich nur selten. Immerhin jedes zweite Wochenende bekam er von Vincent, seinem Sklavenhändler, wie er ihn insgeheim nannte, frei und die beiden machten sich mit Zug und Bussen auf den Weg nach Nyon zu Colettes Eltern. Diese besaßen ein zwar ziemlich heruntergekommenes provenzalisches Bauernhaus, ein Mas, waren aber ihre eigenen Herren und konnten von den Ölerzeugnissen auskömmlich leben. Nachdem bei Vincent mal wieder dicke Luft war, weil sich Jamie ungern etwas sagen ließ, forderte er Colette auf, ihren Vater zu bitten, sie beide auf dem Bauernhof aufzunehmen.

So wenig Colette Jamie etwas abschlagen konnte, so wenig konnte es ihr Vater Henri Boucher seiner Tochter. Mit einem alten, klapprigen Citroën-Transporter brachten sie ihre Habseligkeiten nach Nyon und zogen in einen spartanisch eingerichteten Nebentrakt des Gebäudes. Wehmütig dachte Jamie zurück an das fürstliche Anwesen von Evelyns Eltern und hämmerte sich mit voller Wucht die Fingerknöchel gegen die Stirn – wegen seiner Dummheit. Er hatte Colette durchaus gern, doch seinen Lebensabend wollte er nicht in diesem Kaff verbringen, so viel war sicher. Zumal er mit dem dickschädligen Henri mindestens einmal pro Woche aneinandergeriet. Es ging meistens um Veränderungen, die Jamie anstoßen wollte, doch der Alte war genauso kritikresistent wie sein angehender Schwiegersohn. Es war lediglich der Liebe zu seiner Tochter zu verdanken, dass er den sale boche, den verdammten Deutschen, nicht vom Hof jagte.

Zum Glück hatte Colette den Kontakt zu dem Schlagzeuger ihrer ersten Band nie abreißen lassen, und so konnten sie wenigstens als Ausgleich zur harten Arbeit in dessen Proberaum im Nachbardorf Musik machen. Bereits während der Zeit, als Jamie von Evelyns Eltern ausgehalten wurde, hatte Jamie begonnen, Songs zu komponieren. Colette hatte ihn darin bestärkt und ihm immer wieder bewundernd versichert, welches Potenzial die Lieder hätten. Der erste Auftritt der Combo nach zwei Jahren harter Probearbeit bei einem Dorffest war ein ziemlicher Erfolg, obwohl alle drei total aufgeregt waren. Anschließend feierten sie ausgelassen ihren kleinen Triumph und ließen sich von der Dorfjugend hochleben. Als Jamie zu vorgerückter Stunde zur Toilette wankte, passte Colette ihn auf dem Rückweg ab und stellte sich mit verklärtem Blick vor ihren Freund.

»Das war fantastisch, Jamie! Deine Songs sind super angekommen. Und dann habe ich noch eine freudige Überraschung für dich.« Sie hielt kurz inne und Jamie blickte sie mit seinen glasigen Augen fragend an.

»Ich bin schwanger.«

2022

Ein schrilles Klingeln riss Rothgerber aus seinen Träumen. Er stellte die Bierflasche ab und ging zum Fenster. Wie er vermutet hatte, standen zwei mutmaßlich von seinem Nachbarn alarmierte Polizisten vor der Tür. Darauf hatte er jetzt überhaupt keine Lust und ignorierte das Klingeln.

»Hallo, Herr Rothgerber, wir haben Sie vorhin beobachtet, wie Sie das Haus betreten haben. Machen Sie bitte auf, oder wir sehen uns gezwungen, die Tür aufzubrechen«, drohte einer der Beamten.

»Was soll das? Nur weil dieses Arschloch von Nachbar mich wieder angeschwärzt hat, könnt ihr noch lange nicht bei mir einbrechen«, schrie Jamie wütend zum gekippten Fenster hinaus.

»Es geht nicht um einen Nachbarstreit, es geht um die für heute angekündigte Zwangsräumung. Das entsprechende Schreiben der Behörde wurde Ihnen vor zwei Wochen zugestellt.«

Jamies Blick fiel auf die Briefe auf dem Tisch, und er konnte sich dunkel an einige Einschreiben erinnern, die er nicht geöffnet hatte. Natürlich wusste er, dass das Haus zwangsversteigert werden würde. Trotzdem hatte Rothgerber darauf spekuliert, noch einige Monate darin wohnen bleiben zu können. Darauf, dass er jetzt schon hier rausfliegen würde, war er überhaupt nicht vorbereitet, und langsam kroch eine Mordswut in ihm hoch.

»Das könnt ihr vergessen, ich gehe hier nicht freiwillig raus!«, rief er mit fester Stimme.

Die Beamten waren unschlüssig, denn sie hatten sich vorher über Rothgerber informiert und erfahren, dass der Typ ein ziemliches Vorstrafenregister hatte. Zwar handelte es sich dabei nicht um schwere Delikte, doch man konnte nie wissen, ob so jemand eine Waffe im Haus versteckt hatte. Es wäre nicht das erste Mal, dass Polizisten durch eine geschlossene Tür hindurch abgeknallt wurden. Deshalb traten sie etwas zurück und versuchten zu deeskalieren.

»Bitte Herr Rothgerber, seien Sie vernünftig, wir können über alles reden. Es gibt Sozialwohnungen der Stadt, wo Sie unterkommen können, bis Sie etwas Passendes gefunden haben.« In diesem Moment sahen sie, wie Rothgerber eine brennende Fackel hin und her schwenkte.

»Ich habe zehn Liter Benzin ausgeleert. Wenn ihr nicht sofort abhaut, lege ich Feuer und dank des Gastanks fliegt hier alles in die Luft!«

Die Polizisten wichen angesichts dieser Drohung weiter zurück. Es sah so aus, als ob der verzweifelte Mann zu allem fähig war und dadurch, dass die Häuser eng beieinander standen, konnte es zu einer Katastrophe kommen, sollte Rothgerber seine Ankündigung wahr machen.

Wie beinahe jeden Samstag, seit er den Bauernhof seinem Sohn übertragen hatte und in Rente gegangen war, wollte Paul Hanser von Reutlingen, wo er mittlerweile bei Magdalena Mertens in deren Villa wohnte, nach Erpfingen fahren.

Michel und seine Frau waren an diesem Tag auf dem Wochenmarkt, um die Erzeugnisse ihres Hofs zu verkaufen. Trotz des Hangs der meisten Menschen zu Billigfleisch und Billigwurst hatte sich diese Art der Vermarktung seit geraumer Zeit als sehr lukrativ erwiesen.

Pauls Freundin fand es gut, dass er den Kontakt zu seinem Sohn und den Tieren nicht abreißen ließ. Die Hauptkommissarin hatte sowieso jedes zweite Wochenende Dienst, und an ihren freien Samstagen begleitete sie ihn auf die Alb.

»Oh, ich fürchte, wir müssen uns beeilen!«, mahnte Paul nach einem Blick auf sein Smartphone und trank den letzten Schluck seines Kaffees. Bereits um halb sieben war er wie jeden Samstagmorgen beim Bäcker seines Vertrauens gewesen, um frische Brezeln zu holen.

»Ach nee, es ist doch immer wieder dasselbe mit uns, wir verhaken uns in einem Thema und vergessen die Zeit.« Magdalena schüttelte den Kopf und biss ein Stück von dem vorzüglichen Vollkorngebäck ab. Gerade hatten sie sich noch einmal ausgiebig über ihren letzten Fall unterhalten, in dem Paul eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Für die Provinz war es außergewöhnlich, dass vier Tote zu beklagen waren. Der Fall hatte bundesweit für Aufsehen gesorgt und die Razzien im Billiglohnsektor hatten sich daraufhin gehäuft. Die Organisation des getöteten Sklavenhändlers war zerschlagen worden, doch Magdalena war sich sicher, dass in kürzester Zeit ein anderer skrupelloser Typ in die Bresche springen würde. Wenig später fuhren sie mit Magdalenas kleinem Elektroauto, das sie auf Drängen von Paul gekauft hatte, die Stuhlsteige hinauf.

Der Hof lag etwas außerhalb von Erpfingen und die Weiden und Äcker, die zum großen Teil gepachtet waren, befanden sich in unmittelbarer Nähe. Die Großeltern von Paul hatten bereits den Grundstein für diesen Aussiedlerhof gelegt, indem sie zusammenhängende Flächen gekauft und gepachtet hatten. Als sich die Möglichkeit ergab, hatten seine Eltern in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts die Gebäude im Außenbereich errichtet. Paul war mit der Landwirtschaft aufgewachsen, es war ihm jedoch von klein auf zuwider gewesen, dass die Tiere gegen ihre Natur in den engen Stallungen eingepfercht waren. Nachdem seine Geschwister keinerlei Interesse an der Bewirtschaftung gezeigt hatten, übernahm er neben seinem Hauptberuf als Holzfäller den Bauernhof. Bereits nach wenigen Wochen hatte er mit einigen Gehilfen damit begonnen, Zäune und Schutzhütten zu errichten, um die Tiere das ganze Jahr über auf der Weide zu halten. Im Dorf erntete er nur unverständliches Kopfschütteln, doch er ließ sich nicht beirren. Als er die Schweine auch noch ins Freigehege entließ, erklärten ihn fast alle für verrückt. Paul hatte es lediglich seinem Brotberuf zu verdanken, dass er den Hof nicht verkaufen musste.

In den Neunzigerjahren änderte sich einiges im Kaufverhalten der Leute, sie gaben plötzlich mehr für gute Lebensmittel aus und kauften bewusst Bioprodukte. Die logische Folge war der Bau eines Schlachthauses, wo ein befreundeter Metzger die Tiere so schonend wie möglich tötete und danach zerlegte. Obwohl Pauls drei Kinder mit der Landwirtschaft aufgewachsen waren, wollte keiner von ihnen den Betrieb weiterführen. Sein ältester Sohn Martin wurde Gymnasiallehrer und Tochter Gabi machte ihren Abschluss in Forstwirtschaft. Michel, sein Jüngster, der während Kindheit und Pubertät das meiste Interesse an den landwirtschaftlichen Maschinen und auch an den Tieren zeigte, hatte nach mehreren Anläufen das Abitur geschafft und versuchte sich statt in Agrar- lieber in Betriebswirtschaft. Allerdings war es beim Versuch geblieben, denn nach fünf Semestern wurde ihm klar, dass ihm diese Materie zu trocken war. Danach jobbte er bei verschiedenen Betrieben als Hilfsarbeiter, bis er schließlich in der Gastronomie in Tübingen landete. Paul beobachtete das Ganze kopfschüttelnd aus der Ferne, mischte sich aber nicht ein. Stattdessen machte er sich ernsthafte Gedanken über die Nachfolge und verlor so langsam die Lust an der Landwirtschaft. Viel lieber verbrachte er die Zeit mittlerweile bei seinem Nebenjob als Höhlenführer in der Bärenhöhle.

Doch Michels Ausflug in die Gastronomie sollte sich als Wende zum Guten erweisen, denn hier lernte er Angie kennen. In der Tretmühle der gehobenen Gastronomie hatte er sich vom Spülgehilfen zum Hilfskoch hochgearbeitet und sich schon von Anfang an unsterblich in die dunkelhaarige Servicekraft verliebt. Der riesenhafte ungelenke Michel schmachtete Angie jedoch nur von Weitem an, für einen Annäherungsversuch fehlte ihm schlichtweg der Mut. Der Zufall kam ihm schließlich in Form eines renitenten Ex-Liebhabers von Angie zu Hilfe. Der windige Typ hatte sie eines Abends nach Feierabend vor dem Restaurant abgepasst, weil er angeblich noch mal mit ihr reden wollte. Die Situation eskalierte und der verschmähte Freund wurde handgreiflich.

»Lass mich sofort los, du Arsch, sonst zeig ich dich an!«, rief Angie aufgebracht, doch ihre Stimme verriet die Angst, die sie vor dem gewaltbereiten Typen hatte.

»Du kannst mich nicht verlassen. Entweder lebst du mit mir oder …«, drohte der Mann unverhohlen und bemerkte nicht, dass Michel, der an diesem Abend als Letzter Schluss gemacht hatte, hinter ihn getreten war.

»Wenn du nicht sofort verschwindest, bekommst du Ärger mit mir.« Gefährlich leise hatte Michel die Worte ausgesprochen, denn vor Schlägereien hatte er deutlich weniger Angst als davor, eine Frau anzusprechen.

Blitzschnell drehte sich der Typ um und fuchtelte mit einem Messer herum.

»He, du Ochse, mach, dass du verschwindest, sonst lass ich dir die Luft …«

Weiter kam er nicht, denn Michels Faust krachte in sein Gesicht.

Sofort war Angie bei ihm und schloss die Arme um ihn. »Danke, Michel, das werde ich dir nie vergessen!«

Von diesem Tag an wartete Michel jeden Abend, bis Angie Feierabend hatte und begleitete sie nach Hause. Ihr Ex hatte offenbar aufgegeben, denn von ihm war nichts mehr zu sehen. Es dauerte keine zwei Wochen, bis die beiden miteinander schliefen und ein unzertrennliches Paar wurden. Michel hätte ewig so weiterleben können, sein Job machte ihm trotz des Megastresses großen Spaß, und das Beste war, dass er Angie immer nahe sein konnte. Doch seine Freundin war deutlich ehrgeiziger und wollte was Eigenes auf die Beine stellen.

»In der Haaggasse wird eine Kneipe frei, das wäre doch was für uns«, hatte sie eines Montagmorgens während des Frühstücks angefangen.

Michel wusste nicht so recht, was er sagen sollte, eigentlich stand ihm der Sinn nicht nach Veränderung. Außerdem war für ihn der Schritt in die Selbstständigkeit gleichbedeutend mit einer ungewissen Zukunft. Er suchte nach Argumenten, die gegen dieses Projekt sprachen, spürte jedoch im Laufe der Diskussion, dass es Angie absolut ernst damit war. Seine Beziehung wollte Michel deswegen nicht aufs Spiel setzen und war kurz davor, zuzustimmen. Da kam ihm ein rettender Einfall.

»Das hört sich nicht schlecht an mit der Kneipe, doch ich wüsste vielleicht was Besseres.« Er erzählte ihr, dass sein Vater händeringend einen Nachfolger für den Bauernhof suchte und sprach begeistert von den Möglichkeiten, die sich ihnen dort bieten würden. »Dadurch, dass mein Vater schon seit Langem auf Biobetrieb umgestellt hat, sind wir voll im Trend.«

Skeptisch dachte Angie darüber nach und erinnerte sich dabei an die wenigen Male, als sie Michel zu dessen Vater begleitet hatte. Sie war jedes Mal froh gewesen, dem einsamen Hof und dem für sie ungewohnten Gestank zu entrinnen. Doch anstatt Michels Vorschlag kategorisch abzulehnen, überdachte sie das Potenzial des Bauernhofs.

»Ehrlich gesagt, wäre mir ein Restaurant lieber und ich kann mir ein Leben auf einem Bauernhof mitten auf dem Land auch nicht so richtig vorstellen«, gab Angie zu bedenken, und Michel fügte sich schon in sein Schicksal als zukünftiger Kneipier. Denn eines war für ihn klar, er würde alles akzeptieren, nur damit seine Freundin glücklich war.

»Doch bei genauerem Hinsehen sind unsere Zukunftsaussichten auf dem Hof vielleicht gar nicht so schlecht. Wir könnten einen Hofladen eröffnen und dort unsere eigenen Produkte verkaufen. Dann könnten wir einen Stand auf dem Wochenmarkt mieten, was bestimmt auch gut laufen würde. Zweimal im Jahr machen wir ein großes Hoffest.« Jetzt klang Angie beinahe euphorisch, und Michel konnte sich seine Freundin sehr gut im Umgang mit Kunden vorstellen, auch wenn das für ihn wahrscheinlich bedeuten würde, die Arbeit in der Landwirtschaft mehr oder weniger alleine zu bewerkstelligen. Doch das nahm er in Kauf, und gewiss konnte er seinen Vater einspannen.

Schließlich kamen sie überein, am darauffolgenden Samstag Paul zu besuchen und ihm die frohe Botschaft zu übermitteln. Wider Erwarten brach Paul nicht in Freude aus, sondern betrachtete den Plan der jungen Leute mit Skepsis. Der bisherige Weg von Michel war alles andere als geradlinig verlaufen und gekennzeichnet von Schul- und Studienabbrüchen und kürzeren Intermezzi an verschiedenen Arbeitsstellen. Was ihn jedoch dazu brachte, zuzustimmen, war die offenbar sehr zielstrebige Freundin Michels. Dass sein Sohn die verschiedenen Aufgaben auf dem Hof technisch und handwerklich meistern würde, stand für Paul außer Frage. Jedes seiner Kinder hatte im zarten Alter von zehn Jahren bereits Traktor fahren können und auch den Umgang mit den Tieren hatten sie mit der Muttermilch aufgesogen. Nachdem er seinen Widerstand aufgegeben hatte, fiel eine Last von Paul ab und er merkte jetzt, dass ihn die Frage der Nachfolgeregelung in den letzten Monaten ziemlich belastet hatte.

»Jetzt stellt sich noch die Frage mit der Pacht«, gab Angie zu bedenken und richtete ihre braunen Augen intensiv auf Paul. »Ich hoffe, dass du hundert Jahre alt wirst, Paul. Trotzdem könnte es passieren, dass du morgen einen tödlichen Autounfall hast. Dann müssten wir Martin und Gabi auszahlen und das wäre dann das Ende für unseren Betrieb.«

Hanser musste grinsen, diese junge Frau war geradeheraus. Das gefiel ihm.

»Du hast absolut recht, Angie. Ich habe zwar ein paar Tausend Euro gespart, aber das würde bei Weitem nicht reichen, die zwei anderen auszuzahlen. Deshalb habe ich mir überlegt, dass wir die Pacht in eine Art Fond überführen. Sollte ich überraschend sterben, würde diese Regelung so weiterlaufen, bis in dem Fond genügend Geld ist, um meine anderen Kinder auszuzahlen. Mir selbst reicht meine Rente, die ich in drei Jahren bekomme, und danach kann ich für Kost und Logis bei euch arbeiten. Selbstverständlich werde ich wie meine Eltern damals wegen uns in das kleine Häuschen ziehen und euch das Wohnhaus überlassen.«

Mit dieser Lösung konnte Angie leben und Michel war sowieso total glücklich, dass seine Freundin die Idee von der Hofübernahme für gut befunden hatte. Gabi und Martin waren finanziell gut gestellt und stimmten dem Vorschlag ebenfalls zu. Für die beiden war es in erster Linie wichtig, dass der Hof in Familienhand blieb. Während der Übernahmephase stand Paul den Junglandwirten mit Rat und Tat zur Seite. Zu sehen, wie die jungen Leute den Betrieb, den sie mittlerweile Erlenhof getauft hatten, mit neuem Leben füllten, machte den alten Bauern glücklich.

Kurz vor der Rente hatte er dann Magdalena Mertens kennengelernt und sein Leben änderte sich von Grund auf.

Sobald Angie mitbekam, dass er in Magdalenas Villa eingezogen war, schlug die geschäftstüchtige Frau vor, eine der Scheunen zu Ferienwohnungen auszubauen.

Magdalena fuhr langsam die asphaltierte Einfahrt zum Erlenhof entlang, und für Paul war es jedes Mal wie ein Heimkommen, obwohl sein Lebensmittelpunkt jetzt in Reutlingen lag.

»Oje, ich glaube, wir sind zu spät dran«, meinte Magdalena und wies auf die Autos, die bereits auf dem weitläufigen Platz vor dem Wirtschaftsgebäude parkten.

»Entschuldigt, aber wir sind in Reutlingen in einen kleinen Stau geraten«, war die lahme Ausrede von Paul, während er die Tür aufschloss.

Es waren ausnahmslos junge Leute, die gewartet hatten und jetzt in den Verkaufsraum drängten, dessen Inbetriebnahme eine der ersten Baumaßnahmen der neuen Besitzer gewesen war. Da die Schweine auch artgerecht auf der Weide gehalten wurden, hatte Angie die Idee gehabt, den frei gewordenen, ehemaligen Stall zu einem Hofladen mit integriertem Café umzubauen. Die Schweinekoben waren gesäubert worden und mit den rustikalen Holztischchen und Stühlen wurden sie zu einem beliebten Separee. Das alte Kopfsteinpflaster, auf dem die Tiere früher ihr jämmerliches Dasein gefristet hatten, war gleichfalls erhalten worden und der authentische Charakter des Raumes kam bei den Kunden sehr gut an. Neben eigenen Produkten wie dem in Plastik eingeschweißten Fleisch, Wurstdosen und selbst angebautem Gemüse wurden auch zahlreiche zugekaufte Bioprodukte angeboten, wobei Angie darauf achtete, viele vegetarische und vegane Lebensmittel im Sortiment zu haben. Im Lebensmittelbereich war somit ziemlich alles abgedeckt, und nicht wenige der zumeist zahlungskräftigen Kunden machten ihren Wocheneinkauf auf dem Erlenhof.

»Wozu wollt ihr die Kartoffeln verwenden?«, fragte Paul interessiert, der die junge Frau, die er bediente, genauso gut kannte wie die meisten anderen Käufer. Seine umgängliche Art und sein Fachwissen kamen bei den Leuten sehr gut an, und mit den Kindern ging er jedes Mal nach Ladenschluss zu den Tieren. Während Magdalena dafür sorgte, dass die Regale gefüllt waren und das gewünschte Fleisch aus dem Kühlhaus holte, war Paul der Chef im Laden. Er beriet die Kunden, ohne aufdringlich zu sein, wog und kassierte. Fast immer landete eine Zwiebel oder eine Karotte zusätzlich im Einkaufskorb, was den Kunden natürlich gefiel. Die Vorstellung allerdings, jeden Samstag hier zu arbeiten, hatte ihm anfangs, als Michel ihn darum gebeten hatte, überhaupt nicht behagt, doch inzwischen freute er sich darauf. Er hatte es zur Bedingung gemacht, dass jederzeit eine Vertretung verfügbar war, falls er mit Magdalena kurzfristig etwas unternehmen wollte.

»Äh, ich wollte Kartoffelsalat machen, weshalb fragst du?«

»Na, weil du dann die festkochenden nehmen musst«, belehrte Paul sie und deutete auf die Box mit den von ihm empfohlenen Kartoffeln.

»Oh, danke Paul«, entgegnete die Frau lächelnd und füllte einiges von dem Gemüse in den Einkaufskorb.

»Siehst du, hier in diesem Laden ist man keine anonyme Nummer und die Qualität ist hervorragend«, raunte sie ihrem Mann zu, der jedes Mal, wenn sie hier einkauften, beim Bezahlen beinahe Schnappatmung bekam.

»Dann nehme ich vier Koteletts mit. Auf eurer Homepage steht, dass ihr gestern geschlachtet habt.«

»Das ist richtig, eines von unseren Schweinen musste den Weg alles Irdischen gehen, aber wenigstens hatte es bis zuletzt ein glückliches Leben«, versicherte Paul überzeugt und bat Magdalena, das Gewünschte zu holen.

Nachdem ein Landwirt aus Balingen nach jahrelangem Kampf sich das Recht erstritten hatte, die Tiere auf der Weide zu erschießen, hatte Michel im letzten Jahr den Waffenschein gemacht und sich ein Gewehr gekauft. Sofort nach dem Exitus wurde das getötete Rind in das nahe Schlachthaus gebracht und zerlegt. Die anderen Mitglieder der Herde schauten kurz auf und schienen das Fehlen ihres Artgenossen nur am Rande mitzubekommen, um danach genüsslich weiter zu kauen. Bei den Schweinen gestaltete es sich etwas schwieriger, da sie von Natur aus intelligenter waren. Das zu schlachtende Tier wurde mithilfe eines Leckerbissens von den anderen weggelotst und in eine Hütte gelockt, wo der Metzger mit dem Schussapparat wartete. Nach dem Ausbluten wurde das Schwein gleichfalls im hofeigenen Schlachthaus zerlegt. Diese Art der Tötung war bei Weitem die schonendste und obendrein war das Fleisch viel besser, weil keine Stresshormone ausgeschüttet wurden.

»So, hier sind die saftigen Koteletts, darf es außerdem was sein?«

»Ich nehme noch ein wenig Käse.« Sie deutete auf verschiedene Sorten, die Angie aus dem Bregenzer Wald von einem Biohof-Senner bezog. Während sie voller Vorfreude auf verschiedene Käsespezialitäten zeigte, rollte ihr Mann nur genervt mit den Augen und zückte seine Geldbörse.

»Mami, dürfen wir zu den Schweinchen gehen?«, fragte ihre fünfjährige Tochter.

»Moment, mein Schatz, ich muss erst Paul fragen, ob er heute mit euch zu den Tieren geht.«

»Aber natürlich machen wir nach dem Ladenschluss einen kleinen Ausflug auf die Weiden. Du musst dich nur noch etwas gedulden, bis ich Feierabend habe. Aber geh doch mit deinen Eltern so lange auf unseren Spielplatz«, schlug er vor und schenkte dem Mädchen ein freundliches Lächeln.

»Das ist eine Superidee, nicht wahr Maja?« Die Eltern schnappten ihr freudestrahlendes Kind und verließen das Gebäude.

Der Spielplatz war im letzten Jahr von einer Spezialfirma aufgestellt und im Juli eingeweiht worden. Die Spielgeräte waren aus Robinienholz gezimmert worden und wurden durch drei windschiefe Hexenhäuschen ergänzt. Besonders bei kleineren Kindern war die Anlage sehr beliebt und trug auch dazu bei, dass immer mehr junge Familien den Weg auf den Hof fanden, um dort einzukaufen. Paul hatte seine Schwiegertochter gefragt, ob sich die hohe Investition rechnen würde, doch Angie hatte ihn lediglich milde angelächelt nach dem Motto: Du bist raus, jetzt haben wir hier das Sagen! Der Erfolg hatte ihr recht gegeben und der Spielplatz war an sämtlichen Tagen, an denen der Hofladen geöffnet hatte, sehr gut frequentiert.

Als Paul um vierzehn Uhr den Laden verließ, war Magdalena noch damit beschäftigt, ein wenig aufzuräumen. Die verderbliche Ware brachte sie in das geräumige Kühlhaus im ersten Stock, und von hier hatte sie einen sehr schönen Ausblick auf die Rinderweide.

»Na, dann kommt mal mit!«, meinte er zu den zehn Kindern, die ungeduldig warteten. Paul nahm die beiden Kleinsten an die Hand und die anderen mit ihren Eltern folgten ihm. Zuerst ging es zu den neugierigen Hühnern, die sich problemlos streicheln ließen. Lediglich die aufgeplusterten Hähne beäugten das Ganze kritisch. Auch die Schafe, die gemeinsam mit Ziegen sowie einem Esel in einem Gatter friedlich grasten, waren sehr zutraulich. Paul hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, dass immer eines der größeren Kinder eine Runde auf dem Esel reiten durfte, allerdings nur, wenn das launische Tier dazu aufgelegt war. Daneben tollten die geselligen Schweine umher und suhlten sich in den Pfützen, und nicht wenigen Kunden kamen die Bilder von deren bemitleidenswerten Artgenossen in den Sinn, die sich auf ein paar Quadratmetern zusammendrängen mussten. Die Ferkel schienen gleichfalls einen Mordsspaß zu haben und Paul stieg über den Zaun und schnappte sich eines. Alle Kinder schrien vor Freude wild durcheinander, und jedes wollte das Ferkelchen streicheln. Das Tier war keineswegs scheu, sondern schien die Aufmerksamkeit zu genießen. Schließlich kamen sie zu der Kuhweide, die beinahe einen gesamten Hügel umfasste. Zu der großen Herde gehörten Mutterkühe, Kälbchen, Rinder sowie einige Bullen, und sie zählte etwa einhundertfünfzig Tiere. Es war ein richtiger Verband, und auch im Winter waren die robusten Wiederkäuer so oft es ging auf der Weide.

Paul öffnete das Gatter und ging auf eine kleinere, etwa zwanzig Tiere zählende Gruppe zu, die sich um einen riesigen Baum scharte. Beim Näherkommen sprach er beruhigend auf die skeptisch dreinblickenden Kühe ein, die sich beim Klang der bekannten Stimme entspannten. Eine Kuh, bei der gerade ein Kalb säugte, schien besonders vertraut mit dem alten Bauern zu sein. Langsam legte er ein dickes Seil um ihren muskulösen Nacken und zog sie sanft mit sich. Notgedrungen folgte das Kalb seiner Mutter, während Paul monoton auf die Kuh einredete. Die Kinder kreischten voller freudiger Erwartung, und die Eltern betrachteten Paul anerkennend.

Magdalena hatte den Käse gerade im Kühlhaus verstaut und schaute auf die vertraute Szenerie. Sie hatte es nicht so mit Tieren, doch seit die Hauptkommissarin mit Paul zusammen war, wich sie wenigstens nicht mehr angstvoll vor einer Kuh zurück. Kurz bevor Paul wieder am Zaun ankam, wo die Kinder warteten, kam plötzlich Bewegung in die Herde. Ein jüngerer Bulle, der sich im wahrsten Sinne des Wortes noch die Hörner abstoßen musste, löste sich aus der Gruppe und rannte auf Paul zu. Die Kinder meinten, das Ganze gehöre zum Spektakel und kreischten umso lauter, doch die Eltern bekamen einen panischen Gesichtsausdruck.

»Paul! Pass auf, da kommt ein Bulle auf dich zu!«, schrie jemand, und Paul drehte sich schnell um. In Sekundenbruchteilen wurde ihm klar, dass dieser aggressive Stier sein Todesurteil sein würde.

Endlich lief der Song I wish von Stevie Wonder mal wieder im Radio. Dieses Lied war für ihre Eltern eine Art Sie-spielen-unser-Lied-Erlebnis gewesen, und Miriam sang lautstark mit, während sie mit ihrem Kastenwagen unterwegs war. Das folgende Stück war eine eingängige Rocknummer mit deutschem Text, die entfernt an die Red Hot Chili Peppers erinnerte. Miriam hatte den Song bisher noch nie gehört, doch die markante Stimme des Sängers kam ihr irgendwie bekannt vor.

»Dieser neue Kracher ist von einer relativ unbekannten Band, die sich Skyscrapers nennt, und heißt Ich will dich. Diese Combo hat sich bisher eher dem Bluesrock und Rock zugehörig gefühlt, doch ich bin mir ziemlich sicher, dass wir von denen in nächster Zeit noch einiges hören werden«, meinte der Moderator des populären Radiosenders euphorisch und leitete über zu den Verkehrsnachrichten.

Miriam zerbrach sich den Kopf, wo sie den Bandnamen schon einmal gehört hatte. Sie kam jedoch im Moment nicht drauf und richtete ihre Gedanken wieder auf den heutigen Event, den sie gemeinsam mit Jürgen Jamie Rothgerber durchführen würde.

Bei einer Weinprobe, bei der Jamie mit seiner Firma das Catering übernommen hatte, hatte sie den etwas aufdringlichen Typen kennengelernt. Nachdem er sie anschließend aus einer brenzligen Situation gerettet hatte, revidierte Miriam ihre Meinung allerdings. Damals hatte sie bei einer aufstrebenden Software-Firma eine Art Spiel mit den Mitarbeitern gemacht und der Gewinner einer Reise zu einem bekannten Weingut hatte angenommen, dass Miriam auch Teil seines Gewinns war. Der schon reichlich betrunkene Mann hatte sie am Parkplatz abgepasst, als Miriam auf dem Weg zu ihrem Wagen war, um nach Hause zu fahren. Gerade als er im Begriff war, sie zu vergewaltigen, kam Rothgerber, der wohl so etwas geahnt hatte, ums Eck und verpasste dem Betrunkenen eine tüchtige Abreibung.

Jamie hatte ihr danach vorgeschlagen, eine Geschäftsbeziehung aufzubauen, da die Kunden, deren Events er mit seinem Cateringservice begleitete, immer öfter Wert auf guten Wein aus biologischem Anbau legten. Zuerst hatte Miriam gezögert, doch mittlerweile hatten sie bereits mehrere Geburtstage und Hochzeiten miteinander ausgerichtet. Jamie hatte in Betzingen eine geräumige Halle unweit der Echaz angemietet, wo er eine neue Küche hatte installieren lassen. Dort bereitete er seine Gerichte vor, um sie dann zu den Kunden zu fahren. Die Veranstaltungen fanden hauptsächlich in Reutlingen und Umgebung statt. Wenn ein Fest für Miriam finanziell interessant war, lieferte sie den Wein, und wenn es im Stadtgebiet von Reutlingen stieg, konnte sie ihr Auto stehen lassen und bei Sascha Gross, ihrem Freund, übernachten. Was bei den Leuten neben den hervorragenden Tropfen sehr gut ankam, war ihr Service, ein wenig über Sorten, Anbaugebiete oder nette Anekdoten über die Winzer zu erzählen.