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Eine knallharte Detektivin, die vor nichts zurückschreckt, um ihre Tochter zu rächen
Der erste Band der Krimi-Reihe von einer der meist gelesenen Krimiautorinnen Großbritanniens mit mehr als zwanzig Nummer-eins-Bestsellern
Nach dem tragischen Verlust ihrer Tochter hat Polizeidetektivin DI Nikki Galena nichts mehr zu verlieren. Ihre risikobereite Entschlossenheit, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen, hat ihr bereits eine letzte Ermahnung eingebracht: Entweder sie arbeitet erfolgreich mit ihrem neuen Sergeant, DS Joseph Easter, zusammen, oder sie verliert ihren Job. Joseph, ein gutaussehender ehemaliger Soldat mit dem Spitznamen „Holy Joe“, verbirgt hinter seiner perfekten Fassade eigene familiäre Probleme, und die beiden haben mehr gemeinsam, als sie denken. Während Nikki sich mit einem skrupellosen Mann auseinandersetzen muss, der sie für seine entstellenden Verletzungen verantwortlich macht, wird die Stadt von gewalttätigen Banden terrorisiert, die alle die gleichen hässlichen Masken tragen. Als eine junge Studentin im Sumpfgebiet von Lincolnshire verschwindet, müssen Nikki und Joseph sich mit einem gefährlichen Verbrecher verbünden, um sie zu retten. Doch hinter den Masken lauert eine Bedrohung, die unheimlicher und tödlicher ist, als sie es je erwartet hätten …
Erste Leser:innenstimmen
„Intensiv und nervenaufreibend!“
„Die Geschichte um DI Nikki Galena und DS Joseph Easter ist fesselnd und aufregend!“
„Die Handlung ist rasant und unvorhersehbar, die Bedrohung hinter den Masken sorgt für Gänsehaut.“
„DI Nikki Galenas Kampf gegen die Zeit und die gefährlichen Banden, die die Stadt terrorisieren, sorgen für durchgehende Spannung.“
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Seitenzahl: 410
Veröffentlichungsjahr: 2024
Nach dem tragischen Verlust ihrer Tochter hat Polizeidetektivin DI Nikki Galena nichts mehr zu verlieren. Ihre risikobereite Entschlossenheit, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen, hat ihr bereits eine letzte Ermahnung eingebracht: Entweder sie arbeitet erfolgreich mit ihrem neuen Sergeant, DS Joseph Easter, zusammen, oder sie verliert ihren Job. Joseph, ein gutaussehender ehemaliger Soldat mit dem Spitznamen „Holy Joe“, verbirgt hinter seiner perfekten Fassade eigene familiäre Probleme, und die beiden haben mehr gemeinsam, als sie denken. Während Nikki sich mit einem skrupellosen Mann auseinandersetzen muss, der sie für seine entstellenden Verletzungen verantwortlich macht, wird die Stadt von gewalttätigen Banden terrorisiert, die alle die gleichen hässlichen Masken tragen. Als eine junge Studentin im Sumpfgebiet von Lincolnshire verschwindet, müssen Nikki und Joseph sich mit einem gefährlichen Verbrecher verbünden, um sie zu retten. Doch hinter den Masken lauert eine Bedrohung, die unheimlicher und tödlicher ist, als sie es je erwartet hätten …
Deutsche Erstausgabe August 2024
Copyright © 2025 Joffe by dp, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten
E-Book-ISBN: 978-3-98998-421-9
Copyright © 2016, Joffe Books Titel des englischen Originals: Crime on the Fens
Übersetzt von: Dorothee Scheuch Covergestaltung: ArtC.ore-Design / Wildly & Slow Photography unter Verwendung von Motiven von: shutterstock.com: © Abbey_354, © ScoL Book stock.adobe.com: © Маргарита Вайс Korrektorat: Katharina Pomorski
E-Book-Version 13.02.2025, 10:52:25.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.
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Für meine Partnerin Jacqueline.
Danke, dass du Nikki zum Leben erweckt hast.
Der Nachtwind pfiff durch die schmale Gasse und brachte den Geruch von Ozon und Diesel mit. Nikki Galena lehnte sich an die krude Backsteinwand des verlassenen Kaufhauses und fragte sich, wie viele andere Sechsunddreißigjährige sich in einer so ungemütlichen Gegend so wohl fühlten. Die Hintergassen in der Hafengegend waren schon bei Tag kein Ort für eine einsame Frau. Nach Mitternacht waren sie absolut tabu. Nikki lächelte in der Dunkelheit. Gerade gab es keinen Ort, an dem sie lieber wäre.
Sie drückte den Knopf an ihrer Armbanduhr, der das Display beleuchtete. Bald würde er hier sein. Sie wusste genau, wie er aussah, obwohl sie ihm noch nie begegnet war. Abgetragene Jeans, eine Kapuzenjacke und Sportschuhe. Es war eine Art inoffizielle Uniform, außer dass die Jeans manchmal gegen dunkle Jogginghosen mit weißen Seitenstreifen und Designerlogo getauscht wurden.
Ohne zu blinzeln, starrte Nikki auf die Mündung der Gasse. Der Regen hatte aufgehört, doch aus einer defekten Dachrinne tropfte Wasser und erzeugte ein unregelmäßiges Trommeln auf dem bereits nassen Pflaster. Es war Juli, aber der Sommer war dieser Tage bedeutungslos, und in diesem Moment scherte sich Nikki einen feuchten Kehricht um das Wetter. Sie hätte auch in sengender Hitze oder bei Minusgraden dort gestanden und auf Darren Barton gewartet.
Nikki spannte sich an. Gummisohlen schlappten rhythmisch auf dem nassen Gehweg, und das kleine Lächeln auf ihrem Gesicht wurde breiter.
Sie wartete, bis er nur noch ein paar Schritte von ihr entfernt war, trat dann leise vor und schnitt ihm den Ausweg aus der Gasse ab.
Fluchend sprang Darren zurück. „Verdammte blöde Kuh! Hättest mich beinahe zu Tode erschreckt.“
„Das tut mir leid, Darren.“
Als er seinen Namen hörte, erstarrte der Mann mit der Kapuze. Dann kam er ein wenig näher heran, hob den Kopf und sah sie misstrauisch an. „Ich kenne Sie nicht.“
Nikki starrte zurück. „Nein, das tun Sie nicht. Aber eines kann ich Ihnen sagen: Sie werden mich nie vergessen.“
Ihre Stimme war hart wie gefrorener Boden, und Darren Barton entschied plötzlich, dass seine vorherige Position – ein paar Schritte von ihr entfernt – vielleicht die bessere gewesen war. „Keine Ahnung, wovon Sie sprechen, also hauen Sie einfach ab. Gehen Sie mir aus dem Weg.“ Er versuchte den harten Kerl zu spielen, vergrub seine Hände tief in den Taschen und schob das Kinn in einem schwachen Bemühen vor, bedrohlich zu wirken.
„Das kann ich nicht.“ In einer schnellen Bewegung hatte sie Darren die Arme auf den Rücken gedreht und ihn mit seiner Wange gegen die Backsteinwand gedrückt. „Ich hatte gehofft, wir könnten vernünftig miteinander reden, aber so ist es auch gut.“ Sie packte ihn fester und sah winzige Blutflecke auf seinem stoppligen Gesicht. „Wissen Sie, ich mag Sie nicht, Darren. Irgendwie kann ich Drecksäcke wie Sie einfach nicht leiden. Drecksäcke, die Kinder umbringen.“
Der Mann stöhnte und versuchte, etwas zu sagen. Nikki hielt seine beiden Handgelenke in einer Hand, griff in sein Haar und zog sein Gesicht von der Steinwand fort.
„Ich hab niemanden umgebracht!“ Er rollte mit den Augen. „Hören Sie, Lady! Ich hab keine Ahnung, hinter wem Sie her sind, aber Sie haben den falschen Mann!“
„Hm. Glaube nicht.“
„Was wollen Sie?“ Seine Augen sahen noch immer nach einem wirklich schweren Fall von Schilddrüsenüberfunktion aus.
„Einen Namen. Das ist alles. Ich möchte, dass Sie mir einen Namen nennen. Aber lassen Sie mich Ihnen zuerst sagen, warum ich diesen Ort für unsere kleine Unterhaltung gewählt habe.“
Der Mann kniff die Augen zusammen.
„Man nennt es einen toten Punkt. Keine Kameras. Keine Videoüberwachung. Keine Passanten. Keine Störungen. Was bedeutet das noch, Darren?“
„Keine Zeugen.“ Die Stimme war nur noch ein ernst klingendes Flüstern.
„Richtig. Kluger Junge!“
„Vielleicht sollten Sie wissen, dass ich Verbindungen zu ein paar sehr üblen Leuten habe. Die werden hierüber nicht glücklich sein.“
Nikki lachte laut auf. „Glauben Sie mir, die übelste Person, der Sie je begegnet sind, steht gerade direkt neben Ihnen.“ Sie drehte ihn schnell herum und drückte ihn wieder gegen die Wand. „Haben Sie ein Messer bei sich, Darren?“
Er funkelte sie böse an, sagte aber nichts.
„Natürlich haben Sie eins. Ihr Typen habt immer eins.“ Sie starrte ihn mit kaum verhohlener Verachtung an. „Nun, werden Sie es aus Ihrer Tasche holen und es auf den Boden legen? Oder muss ich es Ihnen abnehmen?“
„Ich mach es schon, okay? Lassen Sie mich nur los.“ Er mochte gute dreißig Zentimeter größer sein als sie und ungefähr das Anderthalbfache wiegen, doch er hatte genug Verstand, um zu wissen, dass er unterlegen wäre, wenn es zu einem schmutzigen Kampf kam.
„Hier herunter.“ Nikki deutete auf den nassen Bürgersteig. „Nun schieben Sie es mit dem Fuß langsam zu mir herüber, dann kehren Sie zur Wand zurück.“
Mit einer behandschuhten Hand hob sie die Klinge auf und schob sie in ihre eigene Tasche. „Schön. Nun brauche ich ein paar Informationen.“
„Oh nein. Ich bin kein verdammter Informant. Und ich bin sauber, oder nicht? Ich habe es bereits gesagt: Sie haben den Falschen.“
Nikki ignorierte ihn. „Kennen Sie jemanden namens Frankie Doyle?“
„Nie von ihr gehört.“
Amüsiert hob sie eine Braue. „Ist das so?“
„Jup. Wie ich schon sagte, da klingelt bei mir nichts.“
Bevor der Mann seinen nächsten Atemzug nehmen konnte, sprang Nikki vor, drückte ihm ihren Arm gegen den Hals und rammte ihr Knie in seinen Unterleib. „Und woher wissen Sie dann, dass Frankie eine Frau ist?“
Zum zweiten Mal innerhalb von fünf Minuten traten Darrens Augen beinahe aus ihren Höhlen. „Ich … ich nehme an, ich hab schon mal von ihr gehört.“ Er stöhnte vor Schmerzen. „Aber ich kenne sie nicht. Wirklich nicht.“
„Sie spielt also in einer anderen Liga, ja?“
„So in der Art.“ Er zuckte zusammen und versuchte, sich dem unnachgiebigen Druck ihres Knies zu entwinden. „Lassen Sie mich gehen. Bitte. Ich sage Ihnen, was ich weiß, doch ich warne Sie, es ist nicht viel.“
Nikki wich ein winziges Stück zurück, und der Mann stieß dankbar seinen schalen Atem aus. „Ich hab gehört, sie hängt mit ein paar neuen Typen in Carborough Estate ab. Es heißt, es ist ein ziemlich harter Haufen. Haben immer Knete, und ich meine viel Knete. Irgendwoher bekommen sie viel Unterstützung, aber niemand weiß, woher.“
„Namen?“
„Niemand weiß auch nur irgendwas über diese Typen. Und in Carborough gibt es nur einen echten Namen, oder nicht?“
„Abgesehen von Archie Leonard.“
„Nein, sie verwenden Decknamen.“
„Dann geben Sie mir den Decknamen dessen, der Frankie unterstützt, und ich werde Ihnen aus dem Schlamassel helfen, in dem Sie gerade stecken.“
„Aber ich stecke in keinem Schlamassel, also brauche ich Ihre Hilfe nicht, oder?“
„Oh, glauben Sie mir, die brauchen Sie. Die Scheiße steht Ihnen nämlich gerade bis zu ihrem mageren und, wenn ich das so sagen darf, schmutzigen Hals.“ Sie bewegte ihr Knie ein Stückchen und lehnte sich nach vorn.
„Nein! Da ist dieser Typ, nennt sich Fluke. Ich glaube, er steht mit der neuen Gang in Verbindung. Ich sage nicht, dass er sie unterstützt, aber er weiß, wer es tut. Er hat seine Finger überall drin.“
„Haust dieser Fluke in Carborough?“
„Keine Ahnung. Er kommt und geht. Wie Frankie Doyle. Sie könnten sogar ein Paar sein.“ Darren schluckte hörbar. „Das ist alles, was ich weiß. Lassen Sie mich jetzt gehen?“
Nikki sah ihn nachdenklich an. „Nun, ich nehme an, Sie waren hilfreich für mich.“
Darren nickte energisch. „Ja. Hab Ihnen einen Namen gegeben, nicht wahr?“
„Hm.“ Sie seufzte. „Aber leider läuft das nicht so. Nicht für einen stinkigen Dealer.“
„Ich bin kein Dealer! Durchsuchen Sie mich, wenn Sie mir nicht glauben.“
„Oh, ich bin sicher, dass Sie nichts bei sich haben“, sagte sie achselzuckend. „Weil Sie ihren letzten Stoff an dieses dürre kleine Flittchen vor Harry’s Club verkauft haben, nicht wahr?“
Darren kniff die Augen zusammen.
„Ich sehe, Sie erinnern sich an sie. Weißblond, Stachelhalsband, zu viel Make-up und keine Titten? Sie ist eine von uns, Darren. Und der Zwanziger, den sie Ihnen gegeben hat, der, den Sie in ihren Geldbeutel gesteckt haben, ist markiert. Ihre Fingerabdrücke werden überall auf dem Beutel Crystal Meth zu finden sein, den Sie ihr verkauft haben. Und zufälligerweise befindet der sich bereits in einem Beweisbeutel auf dem Weg ins Polizeilabor. Also, in Verbindung mit diesem üblen Messer, das Sie mir freundlicherweise gegeben haben …?“
Darren verzog sein Gesicht zu einer Maske aus Angst und Wut. „Verdammtes Miststück! Sie sagten, Sie würden mir helfen.“ Er spie ihr die Worte ins Gesicht.
„Ich habe gelogen.“
„Sie haben mich verdammt noch mal hereingelegt!“
„Das habe ich. Und erstaunlicherweise werde ich nicht von Reue zerfressen.“
Sie drückte fester gegen seinen Unterleib. „Sehen Sie, aus meiner Sicht verkaufen Sie den Tod, wenn Sie Drogen verkaufen. Und meine Kollegen und ich müssen dann bei den Familien sitzen, den Herzschmerz und die unerträglichen Qualen ertragen, den Abschaum wie Sie verursacht. Und das gefällt uns nicht, Darren. Wir mögen es nicht, dass Sie verletzliche Kinder zur Gewalt verführen, dazu, alte Damen zu überfallen, um Geld für ihre Sucht zu bekommen. Eine Sucht, die Sie so gern befriedigen.“
„Wenn sie es nicht von mir bekommen, kriegen sie es woanders her!“
„Herrgott, nicht dieser alte Mist. Sie sind ekelerregend. Sie sind wie irgendein fleischfressendes Virus, das die Gesellschaft infiziert und einen Haufen Geld von seinen Opfern stiehlt.“ Sie stieß ihr Knie nach vorn und verspürte ein wenig Befriedigung, als er daraufhin aufschrie.
„Das können Sie nicht machen! Ich werde gegen Sie vorgehen! Ich kenne meine Rechte!“
„Ja, ja. Ihr Drecksäcke kennt immer eure Rechte. Aber das zu beweisen, könnte schwierig werden, weil wir einfach nur eine ruhige Unterhaltung hatten, Darren, wie mein Partner dort hinten bezeugen wird.“ Sie deutete auf eine schattenhafte Gestalt, die die Gasse entlangschlenderte. „Und bevor er hierherkommt, mein schäbiger kleiner Freund, möchte ich Sie an etwas erinnern. Heute Nacht habe ich nur unter Freunden ein paar Fragen gestellt. Lassen Sie nicht zu, dass ich jemals richtig böse auf Sie werde, oder Sie werden sich wünschen, auf den Äußeren Hebriden geboren zu sein und Ihr Zuhause nie verlassen zu haben. Verstanden?“ Ihr Blick bohrte sich in seinen. „Ach ja, und bevor Sie jetzt über Brutalität zu jammern anfangen, denken Sie gut darüber nach, was Sie sagen, ja? Denn wer würde einem Pusher glauben, der behauptet, von einer halb so großen Frau in einer Gasse terrorisiert worden zu sein? Abgesehen davon nehme ich an, dass dadurch Ihre Street-Credit-Points gegen Null gehen würden, meinen Sie nicht auch?“ Ihr Knie zuckte ein letztes Mal, dann wandte sie sich ab. „Nehmen Sie ihn fest, Dave. Dann bringen Sie ihn zum Revier und stecken ihn in die Zelle.“
Der große Mann gähnte und zog dann langsam seine Handschellen hervor. „Wie lautet die Anklage, Guv?“
„Sie können hiermit anfangen.“ Sie zog einen Beweisbeutel aus ihrer Tasche, ließ Darrens böse aussehendes Messer hineingleiten und reichte ihn ihrem Kollegen. „Dazu kommt illegaler Drogenverkauf. Setzen Sie sich deswegen mit WDC Cullen in Verbindung. Er gehört jetzt ganz Ihnen. Ich muss jetzt wohin, wo die Luft ein bisschen besser ist.“ Mit einem letzten verächtlichen Blick auf den Dealer schlug sie ihren Kragen gegen den Regen hoch und verschwand die Gasse hinunter in der Dunkelheit.
***
Sie brauchte nur zehn Minuten zu der kleinen Souterrainwohnung, die sie widerstrebend ihr Zuhause nannte. Sie schob den Schlüssel ins Schloss und hielt dann inne, als sie eine schreckliche Lethargie überkam. Das passierte jedes Mal. Draußen auf der Straße ging es ihr gut, sogar großartig. Auf dem Revier, vor Gericht, im Gefängnis, überall, wo sie wusste, dass sie als Detective Inspector etwas Konkretes tat, um den Drogenhandel in ihrem Viertel zu unterbinden, hatte sie die Kontrolle. Doch nun, da das Adrenalin abflaute, verschwand auch ihre Rüstung, und sie wusste, dass sie hinter dieser Tür einfach nur Nikki Galena war, eine einsame Frau, die das Ende eines jeden Arbeitstages mit Schrecken erwartete.
Sie umfasste den Schlüssel und drehte ihn. Es war, als hätte jedes Quäntchen Energie sie verlassen. Der Schlüssel wog eine Tonne, und sie hatte die ganze Kraft eines eine Woche alten Babys. Mit einer mächtigen Anstrengung stieß sie die Tür auf, ging nach drinnen und betätigte den Lichtschalter.
Nichts, was sie liebte, begrüßte sie. Ein Immobilienmakler hätte es als minimalistisch bezeichnet, doch in Wirklichkeit war es betäubend spartanisch. Durch die Wohnungstür kam man direkt ins Wohnzimmer, von dem ein Schlafzimmer abging plus etwas, das der Vermieter lachend als en suite bezeichnet hatte. Dazu gab es einen Koch- und Essbereich mit Terrassentüren, durch die man in einen winzigen Garten gelangte. Das war der einzige Teil des elenden Ortes, den Nikki einigermaßen mochte.
Sie zog ihre nasse Jacke aus, warf sie über die Lehne des einzigen Stuhls im Raum und ging in die Küche. So erschöpft, wie sie auch war, bereitete ihr das Einschlafen immer Probleme. Ihr Körper fuhr herunter, aber ihr Geist war völlig überdreht. Sie brauchte Hilfe, um abschalten zu können, und die holte sie sich seit Jahren vom Single Malt. Nun konnte sie nicht einmal das tun. Wenn sie einen Anruf bekam, einen Hinweis, irgendetwas, das eine neue Spur hervorbrachte, musste sie sofort aufbruchbereit sein. Und sicher war das nicht möglich, wenn man genügend getrunken hatte, um ein Atemanalysegerät zur Detonation zu bringen.
Nikki öffnete den Kühlschrank und warf einen Blick hinein. Die beiden oberen Fächer waren von vorn bis hinten mit kleinen Weinflaschen gefüllt. Rot, weiß und rosé. Französisch, italienisch, australisch. Lieblich, trocken, mit Kohlensäure. Ordentliche kleine Flaschen, die je ein randvolles Weinglas enthielten. Gerade genug, um den Geist zu entspannen, aber nicht ausreichend, um die Sinne zu betäuben.
Sie wählte einen Grenache und leerte ihn bis auf den letzten Tropfen in das einzige Glas aus ihrem Schrank. Normalerweise hätte sie sich in den Garten gesetzt und ihr Vorgehen für den nächsten Tag geplant, doch heute Abend machte ihr der Regen einen Strich durch die Rechnung.
Im Wohnzimmer standen ein einzelner Sessel, ein großes Futonbett mit Metallgestell und einer weichen Decke darauf und etwas, das seine Existenz möglicherweise als Eckschrank für einen Fernseher begonnen hatte. Aktuell stand darauf eine Ladestation für ein Telefon, ein Telefonbuch, ein Laptop und eine Lampe mit einem bunten Glasschirm, der Faux-Tiffany schrie.
Nikki ließ sich auf das Futon fallen und zog ihre Beine unter sich. Wie immer hatte sie zuerst Erleichterung gespürt, weil sie einen weiteren Pusher in die Hände der Justiz übergeben hatte, doch es war niemals genug. Nicht mehr. Es gab zu viele Dealer, zu viele Drogen dort draußen.
Sie nippte an ihrem Getränk und dachte darüber nach, wie sehr sich die Dinge in den letzten Jahren geändert hatten. Greenborough war immer eine nette, ländliche Marktgemeinde gewesen. Für einige war es das noch immer. Von der Ortsgrenze war es in jede Richtung nur eine Meile, und man stand in den Marschen. Eine weitere Meile weiter nach Osten brachte einen in die Küstensümpfe. Der Ort war recht groß, wie für Marktgemeinden üblich, und der Fluss, der sich mitten hindurch schlängelte, machte ihn noch geschäftiger. Doch dann war da noch der Hafen. Er war vielleicht klein, mit Muschelfischerbooten am einen Ende und Platz für richtige Schiffe am anderen, das erst kürzlich erweitert worden war. Frachter und Lastschiffe kamen von der Nordsee herein und fuhren durch The Wash, ein großes Ästuar, in die Mündung des Wayland River. Und mit den zusätzlichen Aufträgen, den neuen Gelegenheiten und den illegalen Einwanderern war ein beängstigender Anstieg des Drogenhandels einhergegangen.
Der Wein bitzelte beruhigend auf ihrer Zunge, und sie nahm einen weiteren Schluck.
Drogen, der Fluch ihres Lebens.
Nikki stellte das Glas auf dem Boden ab, zog eines der großen Kissen heran, legte ihren Kopf darauf und fragte sich, wie sie zu diesem außergewöhnlichen Racheengel geworden war, der einen Eine-Frau-Kreuzzug gegen die Dealer führte. In solchen Zeiten, an den Tiefpunkten, wünschte sie sich von ganzem Herzen, ihre Schlacht aufgeben zu können. Doch das war nicht möglich. Ihr war nicht viel geblieben. Ihre Mutter war gestorben, ihr Vater lebte in einem Pflegeheim und erkannte sie kaum noch, ihr Ehemann Robert hatte sie verlassen und ihre Tochter gab ihr die Schuld an allem, was in der Welt schieflief.
Nikki lächelte, als sie an Hannah dachte. Ja, wie schlimm es auch wurde, hatte sie doch immer noch ihre Tochter zu berücksichtigen. Gut, das Mädchen wohnte nicht mehr zu Hause, doch das bedeutete nicht, dass sie sie nicht liebte und sich nicht dafür interessierte, wie es ihr ging. Sie schloss die Augen. Es war jetzt viel zu spät, aber was auch immer morgen geschah, sie würde sich die Zeit nehmen, sie anzurufen und sich zu erkundigen, wie es ihr ging. Hinter ihren geschlossenen Lidern sah sie Bilder des dunklen, fast schwarzen Haars, der tiefbraunen, oft wütend blickenden Augen und der klaren, ebenen olivfarbenen Haut, für die all ihre Freundinnen ihre iPods versetzt hätten.
Das Bild verblasste. Vielleicht sollte sie dieses gemietete Loch aufgeben. Ihrer Tochter zuliebe sollte sie vielleicht in das Familienanwesen in Cloud Fen zurückkehren. Das alte Cottage ausräumen. Entkernen. Schön herrichten. Wieder ein Zuhause daraus machen.
Nikki gähnte. An diesem Punkt war sie schon einmal gewesen. Beim Jonglieren mit Gedanken, Was-wäre-wenns und Möglichkeiten. Und immer wieder lief es auf die Tatsache hinaus, dass es für sie weniger Stunden auf der Straße bedeuten würde. Weniger Stunden, um die Stadt von zweibeinigem Ungeziefer zu befreien. Wenn sie hier lebte, war sie nur einen kurzen Fußweg von ihrem Arbeitsort und den Rattengängen, die zu ihm hinführten, entfernt. Cloud Fen war zwanzig Autominuten vom Revier entfernt, die langsam fahrenden Traktoren und Landmaschinen nicht berücksichtigt. Und das ging einfach nicht.
Wieder gähnte sie. Es hätte komisch sein sollen, war es aber nicht. Man hätte denken können, dass ihre Besessenheit, die bösen Jungs hinter Gitter zu bringen, sie in den Augen ihrer Kollegen zu einer Art Heldin gemacht hätte. Doch das Gegenteil war der Fall. Niemand wollte noch mit ihr arbeiten. Sie lehnten ihre Leidenschaft ab, weigerten sich, ihre eher unorthodoxen Methoden zu akzeptieren und nannten sie unvernünftig. Nun, eigentlich nannten sie sie eine Menge Dinge, und keines davon war freundlich. Aber sie hatten auch ein Leben, nicht wahr? Familie, Freunde und Hobbys außerhalb ihres Berufs. Sie hatte nur ihren Beruf und ihren Kreuzzug.
Nikki zog die Decke um sich herum und fragte sich vage, wann sie den Bezug zuletzt gewechselt hatte. Nicht, dass es eine Rolle spielte, denn sie schlief sowieso nie in ihrem Bett. Ins Schlafzimmer ging sie nur, weil sie nur so die Dusche erreichen konnte und ihre Kleidung irgendwo aufhängen musste. Sie hasste das schäbige, düstere Zimmer mit der niedrigen Decke und dem schlammfarbenen Teppich. Vor allem hasste sie es, weil es das einzige Zimmer mit einer Fotografie darin war. Es war eine, die sie nicht übers Herz brachte, in einer Schublade zu verstecken. Eine, die sie von ganzem Herzen liebte, aber sie war kaum in der Lage, sie anzuschauen.
Zur selben Zeit, als ein Sergeant Nikkis Dealer in Verwahrung nahm, ging eine junge Frau zögerlich am dunklen Ufer entlang. Der Pfad war schlammig und uneben, voller Pfützen und Gräben, und obwohl sie ihn gut kannte und eine recht nützliche Taschenlampe bei sich hatte, war es kein guter Ort, um sich nachts aufzuhalten.
Sie erschauderte, zog ihre kurze Jeansjacke fester über das dünne, enge T-Shirt und dachte, dass sie vielleicht einen Fehler gemacht hatte, indem sie hier herausgekommen war, um ihn zu treffen.
Bei Tag war es etwas anderes. Sie hasste die Stadt, und wann immer sie konnte, floh sie in diese seltsame Wasserwelt. Hier draußen konnte man über das ausgedehnte Marschland blicken, Schwärme von Seevögeln, sowie Hasen und Kaninchen beobachten. Nur keine Menschen. In der Ferne konnte man manchmal die silbergrauen Wasser des Wash sehen. Und man sah immer die Wolken. Einen wunderbaren Himmel voller magischer, bauschiger, fluffiger, windzerzauster Wolken. Sie empfand diese Landschaft als beinahe mystisch, mit ihrem fortwährend wechselnden Licht und den flüchtigen Dunstschleiern, die wie Gespenster über die Fens zogen.
Heute Nacht war es allerdings überhaupt nicht mystisch. Das Mädchen zitterte und fragte sich, wie eine Gegend, die es so sehr liebte, sich plötzlich so bedrohlich anfühlen konnte.
Sie blieb stehen und blickte auf den langen, geraden Pfad, der sich am Strand entlangwand. Der schwarze Umriss der alten Pumpstation sah vor dem etwas blasseren, indigofarbenen Himmel steif und bedrohlich aus. Eigentlich sollte sie ihn jetzt sehen können. Er trug stets eine starke Laterne mit einem roten Schild, um das Newtonsche Reflektorteleskop auf seinem Stativ zu befestigen und es auf den Himmel zu richten.
Doch sie sah nichts, und etwas an dieser Dunkelheit störte sie. Ebenso wie die Tatsache, dass er ihr eine Nachricht geschickt hatte. Das war so untypisch. Er redete gern, schickte aber keine elektronischen Nachrichten. Tatsächlich war er der einzige Mensch, den sie kannte, der einen Füller besaß und Tinte aus einem Fässchen benutzte.
Von dem Augenblick an, in dem sie seine Nachricht bekommen hatte, war sie verwirrt gewesen. Zuvor, als sie ihre Wanderschuhe angezogen hatte, hatte sie sich über die untypische Geheimniskrämerei gewundert. Das war einfach nicht seine Art. Er würde zu ihr kommen oder anrufen, wenn nötig. Er würde ihr etwas über die Neigung der Ringe des Saturn erzählen, oder dass er eine fantastische neue Linse hatte und ein tiefer Blick in den Himmel einen großartigen Doppelstern zeigen würde, den sie einfach nicht verpassen durfte. Sie wusste, dass die meisten ihn für einen Freak hielten, doch wo die anderen nur einen Klugscheißer sahen, sah sie jemanden, der von Leidenschaft getrieben wurde, und das war etwas, das sie verstand.
Sie blieb stehen und versuchte, ihn anzurufen, doch sein Handy war ausgeschaltet. Ihre Unruhe wuchs. Wenn sie seine Nachricht ernst nahm, wollte er sie unbedingt sehen. Doch wo war er? Und wo war sein Hund? Er folgte ihm fast immer hinaus ins Moor. Irgendetwas stimmte nicht. Sie erschauderte, und dann kam ihr ein furchteinflößender Gedanke. Heute Nacht waren keine Sterne am Himmel.
Angst überfiel sie. Oh Gott! Sie war eine Närrin und nun musste sie zusehen, dass sie aus dem Moor hinauskam. Wenn er sie sehen wollte, konnte er verdammt noch mal …
Etwas sehr viel Dunkleres als die Nacht wurde plötzlich über ihren Kopf gestülpt. Ein Arm legte sich um ihren Hals, bog ihn zurück und drückte ihr die Luft ab. Panisch schlug sie mit Armen und Beinen um sich und versuchte vergebens, ihren unsichtbaren Angreifer zu treffen. Dann hörte sie ein Rauschen, und helles Licht explodierte hinter ihren Lidern. Abrupt überlagerte das Rauschen alles. Sie spürte, wie ihre Beine aufhörten, sich zu bewegen, und ihre Arme nutzlos an ihren Seiten hinabfielen. Ihr Kampf um Luft wurde beinahe unmöglich. Sie glitt aus dem eisernen Griff und fiel lautlos in die Dunkelheit.
Nikki wusste, dass der Superintendent nach ihr suchte, aber da sie eine weitere Abfuhr erwartete, war sie ihm den ganzen Tag lang erfolgreich ausgewichen. Nun waren ihr die Entschuldigungen ausgegangen, und sie machte sich mürrisch auf den Weg zu seinem Büro.
Superintendent Rick Bainbridge sah sie über den dünnen Rand seiner Brille hinweg an. „Kommen Sie herein. Setzen Sie sich.“
Sein eisiger Ton sprach Bände. Sie ging zu dem leeren Stuhl, nahm einen langen, tiefen Atemzug und wappnete sich für den Angriff.
„Wissen Sie, was das hier ist?“ In einer Hand hielt der Super einen dicken Stapel Berichte und legte nun einen nach dem anderen sorgfältig vor sich auf den Tisch, als wären sie riesige Spielkarten.
„Fanpost?“
„Sie wissen verdammt genau, dass es das nicht ist. Und es ist auch nicht mehr witzig.“ Er warf die verbliebenen Papiere auf den Tisch. „Beschwerden, Nikki! Verdammte Beschwerden!“ Er setzte sich wieder in seinen Sessel und schüttelte den Kopf. „Und diesmal bin ich nicht sicher, dass ich noch Lust und Kraft habe, Sie da herauszuboxen.“
Nikki öffnete ihren Mund zu einer Antwort, entschied sich dann aber dagegen. Es war besser, ihn noch ein wenig wüten zu lassen. Irgendwann würde er sich beruhigen, wie er es immer tat.
„Ich will ehrlich mit Ihnen sein, Nikki. Mir gehen die Detectives aus, die noch mit Ihnen arbeiten wollen. Und angesichts der Tatsache, dass Sie mehr Verhaftungen vorzuweisen haben als alle anderen zusammen, ist das wirklich eine lächerliche Situation.“
„Dave und ich kommen gut klar, Sir.“
„Dave Harris ist ein Streifenpolizist, kein Detective, und trottet nur hinter Ihnen her, weil er zu verdammt faul ist, ordentliche Polizeiarbeit zu machen.“
„Nun, ich kann nichts dafür, dass DS Salter an die Westküste gezogen ist.“
Der Superintendent sah sie böse an. „Doch, das können Sie. Und Sie wissen es genau. Und sie ist sich immer noch nicht sicher, ob Truro weit genug von Ihnen entfernt ist.“
„Unglücklicher Zusammenprall zweier Persönlichkeiten, Sir.“
Der Superintendent blickte an die Decke. „Oh, bitte! Das hier ist kein Spiel. Würden Sie also jetzt bitte Ihre bissigen Kommentare lassen und sich klarmachen, dass es diesmal …“ Er donnerte mit der Faust auf den Schreibtisch. „Diesmal ist es ernst!“
Nikki blinzelte und spürte einen Stich der Besorgnis. Das war nicht die übliche Vorgehensweise. Sie blickte auf und sah eine untypische Mischung aus Sorge, Wut und Frustration auf diesem so vertrauten, schroffen Gesicht.
„Es gibt keinen einfachen Weg, das zu sagen, aber die Chefetage spricht von einem Disziplinarverfahren.“
„Was?!“ Nikkis Kiefer klappte herunter. „Oh, Sir! Ich weiß, dass meine Methoden ein wenig extrem sind, aber, Herrgott, wir müssen die Dealer doch von den Straßen kriegen. Sie wissen, dass die Gegend von Drogen überschwemmt ist, und wir nicht einfach um diese Bösewichte herumschleichen können. Ich spiele auf ihrem eigenen Spielfeld gegen sie, treffe sie, wo es wehtut, und erziele Ergebnisse. Gute Ergebnisse! Sie wissen das, Sir.“
„Natürlich weiß ich das. Ich schütze Sie seit Jahren und vertusche Ihre Taten. Und warum? Weil ich zufälligerweise denke, dass Sie ein sehr guter Cop sind. Und Sie, Inspector, wissen verdammt gut, dass ich Sie brauche. Aber Sie können einfach nicht weiter wie eine scharf geschaltete Bombe agieren. Ich weiß, dass Sie Ihre Gründe haben, und in Kriminalromanen und Polizeifilmen ist das auch alles gut und schön, aber nicht hier im Fenland Constabulary. Um eine Verhaftung zu erwirken, treten Sie das Regelwerk mit Füßen und lassen alles außer Acht. Sie müssen sich mäßigen. Geht es nicht in Ihren Kopf, dass es so etwas wie Menschenrechte gibt, politische Korrektheit, Mobbing und Rassismus? Gott, die Liste ist endlos, und immer bin ich es, der hinter Ihnen aufräumen muss.“
Der Superintendent atmete laut aus, seufzte dann und zog eine Schublade seines Schreibtischs auf. Er holte zwei kleine Schnapsgläser und eine halbe Flasche Scotch heraus. Mit einem weiteren Seufzen füllte er beide Gläser und reichte ihr eines. „Der Tag ist fast vorbei. Und wenn ich das hier je gebraucht habe, dann jetzt.“
Nikki starrte auf die bernsteinfarbene Flüssigkeit und biss sich auf die Lippe. Rick Bainbridge strebte also eine wohlverdiente Oscarnominierung an, oder die Kacke war wirklich am Dampfen. Er hatte ihr schon oft die Leviten gelesen, aber noch nie so.
Im Geiste sah sie die ordentlichen Reihen der Weinflaschen in ihrem Kühlschrank. Dann blickte sie zurück in das hochrote Gesicht des Superintendenten und kippte ihren Drink in einem Zug hinunter.
„Was hat also das Fass zum Überlaufen gebracht?“ Der vertraute Geschmack des Whiskys traf sie wie eine schmerzhafte Erinnerung, die sie nicht ignorieren konnte. „Welches meiner zahlreichen Fehlverhalten war eines zu viel?“
„Nichts Spezielles, Nikki. Es ist einfach die ungeheure Anzahl.“ Er deutete auf den Stapel von Beschwerden.
Nikki schloss die Augen und hoffte, dass der Super ihr Glas wieder gefüllt hätte, wenn sie sie wieder öffnete. Hoffnungsvoll blinzelte sie, doch das Glas war leer.
Vielleicht war es an der Zeit, ihre Chancen auszuloten und eventuell seinen Bluff zu entlarven.
„Entschuldigen Sie, Sir, aber wenn sich in diesem Papierstapel etwas wirklich Wichtiges befände, hätte mich der Disziplinarchef längst in einen Befragungsraum gezerrt, und mein Verhaftungsbefehl läge jetzt in Ihrer Schublade bei dieser Flasche mit wirklich gutem Scotch.“ Hoffnungsvoll schob sie ihr Glas über den Tisch.
„Das hier ist kein Trick, Nikki. Sie stecken wirklich in Schwierigkeiten, und die Chefs sind echt sauer.“ Er kippte mehr Whisky in ihre Gläser. „Nun haben sie mich wirklich in die Enge getrieben, also werde ich ehrlich zu Ihnen sein. Sie sagten mir, dass Sie sich entweder fügen oder woanders hingehen müssen. Sie müssen mir also wirklich helfen, sonst liegt es nicht mehr in meinen Händen.“
„Vielleicht sollte ich gehen.“ Sie erkannte ihre eigene Stimme fast nicht wieder. Es war keine nach Mitleid heischende Aussage, es ging nicht um den Effekt. In ihren Worten lag eine tiefe Trostlosigkeit; ein Gefühl, das selbst sie überraschte.
„Ach, was solls.“ Der Super nippte an seinem Scotch und ignorierte ihren Kommentar. „Ich habe nicht die Absicht, Sie zu verlieren, Nikki Galena, aber ich habe hier einen letzten Vorschlag.“ Er stellte das Glas zurück auf den Tisch und sah sie eindringlich an. „Ich habe einen Freiwilligen.“
Nikki kniff die Augen zusammen. Niemand bot sich je freiwillig an, mit ihr zu arbeiten.
„Detective Sergeant Joseph Easter aus Fenchester hat um eine vorübergehende Versetzung gebeten, und da …“
„Heiliger Strohsack! Oh, auf keinen Fall! Mit ihm kann ich nicht arbeiten.“
„Er ist ein verdammt guter Detective!“
„Richtig! Mit großer Betonung auf dem Wort gut, zweifelsohne.“ Nikki griff nach ihrem Glas und nahm einen großen Schluck von dem feurigen Whisky. „Freiwilliger! Oh ja, ich kann sehen, wohin das führt.“
„Ach ja?“
„Er kennt meinen Ruf und möchte sicher das Guter-Cop-Böser-Cop-Spiel auf ein neues Level heben. Oder er ist auf die Verwandlung des Jahrhunderts aus. Und glauben Sie mir, das würde der des Heiligen Paulus auf dem Weg nach Damaskus Konkurrenz machen.“
„Sie kennen also die Bibel, ja? Ich dachte, Sie würden nur Butterworths Polizeigesetz oder Zander on PACE lesen?“
„Sehr witzig. Ich bin keine verdammte Heidin, ich hätte nur gern einen Detective als Partner und keinen Laienprediger.“
Zum ersten Mal, seit sie den Raum betreten hatte, sah Nikki den Anflug eines Lächelns auf dem Gesicht des Superintendenten.
„Geben Sie ihm einen Monat, okay? Und ich garantiere Ihnen, dass an Joe Easter mehr dran ist als die Gerüchte, die Sie über ihn gehört haben.“
Nikki knirschte mit den Zähnen. Das hier war ein Desaster, doch ihr war durchaus klar, dass der Super loyal genug war, ihr eine Rettungsleine zuzuwerfen, obwohl auf ihm viel Druck lastete. Sie holte tief Luft. Es sah so aus, als wäre er nun nicht mehr der Einzige, der in der Klemme steckte. „Ein Monat? Ein Kalendermonat oder vier Wochen? Denn wenn ich eine Wahl habe, möchte ich lieber die vier Wochen.“
„Treiben Sie es nicht zu weit, Inspector.“ Der Superintendent schwenkte die in der Flasche verbliebene Flüssigkeit und hob die Brauen. „Gehen Sie heute Abend zu Fuß nach Hause?“
Nikki schob ihr Glas über den Tisch. Scheiß auf die kleinen Flaschen in ihrem Kühlschrank. „Jetzt schon.“
***
Rick Bainbridge sah zu, wie Nikki sein Zimmer verließ, und seufzte laut. Er wusste mehr über sie als irgendwer sonst. Er kannte sie, seit sie eine eifrige junge Anwärterin gewesen war, voller jener Dinge, die sie zu einem großartigen Officer gemacht hätten. Doch dann war sie freiwillig zu diesem Notfall gefahren und hatte eine sterbende Teenagerin in einem Keller voller Ratten in ihren Armen gewiegt. Das hatte ihr Leben für immer verändert. Es hatte sowohl ihre Ehe als auch ihren Verstand zerstört und sie auf einen persönlichen Rachepfad geschickt, den sie seither nicht mehr verlassen hatte. Hätte sie nicht die Hand gehoben und sich freiwillig für diesen einen Einsatz gemeldet, würde man Nikki Galena in der Chefetage mittlerweile in Gold aufwiegen, dessen war sich Rick sicher. Gewiss wäre sie nicht die kaltschnäuzige Einzelgängerin, das furchteinflößende Rätsel, das sie in den letzten Jahren geworden war.
Rick stand auf, nahm sein Jackett und seine Brieftasche und ging langsam zur Tür. Es würde ihm nicht gefallen, sie zu verlieren. Im Alleingang erfüllte sie das Verhaftungsziel des Reviers, aber nun war das Eis unter seinen Füßen zu dünn geworden, um sie noch länger zu unterstützen. Und in diesem späten Stadium seiner Karriere konnte er es sich nicht leisten, mit ihr unterzugehen. Er löschte das Licht und schloss die Tür. Die Zusammenarbeit mit Joseph Easter war ihre letzte Chance. Denn wenn sie nun beide untergingen, wäre niemand mehr da, der ihnen eine Rettungsleine zuwarf.
Als es auf fünf Uhr früh zuging, herrschte auf dem Polizeirevier von Greenborough noch reges Treiben. WPC Yvonne Collins sank dankbar in einen der Sessel im Aufenthaltsraum und sah zu, wie ihr Partner, PC Niall Farrow, seinen schweren Ausrüstungsgürtel abnahm und ihn zu Boden gleiten ließ.
„Wenn du ein paar Pfunde zulegst, kannst du vielleicht noch mehr Zeug an das Ding hängen.“ Sie sah ihren Kollegen verzweifelt an. „Etwas Nützliches wie eine AK47, oder das Spülbecken aus der Küche vielleicht?“
„Ich bin eben gern vorbereitet“, sagte Niall selbstgefällig.
„Du bist ein Cop und kein Pfadfinder. Und wenn du dir noch mehr um die Hüften hängst, passen wir nicht mehr zusammen in unseren Dienstwagen.“
„Kopf hoch, Vonnie. Eines Tages wirst du dich sicher über meine hervorragende Ausrüstung freuen.“ Er grinste sie an.
„In deinen Träumen, Sonnenschein.“ Yvonne nahm lächelnd ihre Mütze ab und legte sie auf den Stuhl neben ihr. Die ständige Überschwänglichkeit ihres Kollegen amüsierte sie. Niall war erst seit zwei Jahren Polizist und betrachtete immer noch alles als ein großes Abenteuer.
Yvonne näherte sich einer Dienstzeit von fünfzehn Jahren und hatte eine pragmatischere Herangehensweise an ihre Arbeit. Normalerweise betete sie um Frieden und Güte für alle Menschen, einen Umstand, den sie nur selten zu Gesicht bekam.
„Nun, was glaubst du, wie viele Zwischenfälle mit Masken es heute Nacht gegeben hat?“, fragte Niall, lehnte sich zurück und streckte sich.
„Also, wir hatten drei, nicht wahr? Einen Überfall, dann diese Spaßvögel im Auto und die maskierten Kids, die in die Frittenbude einbrechen wollten. Ich weiß nicht, wie es in den anderen Teams aussieht.“ Yvonne dachte an die Flut von Bagatelldelikten, die von Jugendlichen verübt wurden, die diese schrecklichen Gummimasken trugen, und erschauderte. „Diese Dinger sind obszön. Ich wünschte nur, wir wüssten, woher sie kommen.“
„Ja, es ist komisch, nicht wahr?“ Niall ging zum Kaffeeautomaten und suchte in seiner Hosentasche nach Kleingeld. „Es fing mit diesen Schülern an, die sie trugen, um sich gegenseitig zu erschrecken. Und nun sind sie in der ganzen Stadt präsent. Irgendjemand muss doch wissen, was zum Teufel da los ist.“
Yvonne nahm den Kaffee, den Niall ihr hinhielt. „Danke. Der kommt mir gerade recht. Hoffen wir, dass wir für diese Schicht keine Masken mehr sehen müssen. Die machen mir echt Angst.“
„Collins! Farrow! Sie haben einen Einsatz. Sofort!“ Die Stimme des Sergeants hallte durch den Flur in den Aufenthaltsraum.
Yvonne griff nach ihrer Mütze und sprang auf. „Mist! Nimm diese Tonne Zeug vom Boden, Niall. Wir müssen wieder los.“
***
Während Yvonne und Niall weitere maskierte Unruhestifter durch die Stadt jagten, ging Nikki langsam den Flur zum Kriminalbüro hinunter. Sie war sehr früh dran, doch sie hatte nicht mehr schlafen können, und die Morgendämmerung über dem Polizeirevier zu sehen, war eindeutig jedem weiteren Augenblick in ihrer elenden Wohnung vorzuziehen.
Sie hörte das Gemurmel der diensthabenden Polizisten und tat, was sie immer tat, und ignorierte sie. Sie brauchte keine Kristallkugel, um zu wissen, was sie redeten. Neuigkeiten machten im Revier schnell genug die Runde, und sie hatte so eine Ahnung, dass bereits Wetten darauf abgeschlossen wurden, wie lange Old Nick und Holy Joe es als Team miteinander aushielten.
Nikki stieß die Tür zu ihrem Büro auf und beschloss, keine Wette abzugeben. Sie nahm ihre Jacke ab, hängte sie über die Stuhllehne und ging direkt wieder hinaus, um sich einen Kaffee zu holen. Sie brauchte ein wenig Zeit für sich, bevor ihr neuer Partner ankam. Sie wünschte sich nur, sie hätten sie allein gelassen. Wenn sie allein arbeitete, war sie am besten. Und nun steckten sie sie zusammen mit …? Nikki starrte auf die dampfende braune Flüssigkeit hinab, die in den Becher tropfte, und dachte nach. Mit wem eigentlich? Sie wusste nur sehr wenig über Joseph Easter. Wie der Superintendent gesagt hatte, stammte alles, was sie wusste, aus dem Gemeinschaftsraum, und das war nicht gerade die vertrauenswürdigste Quelle. Sie lächelte schief und nahm ihren Becher in die Hand. Und wenn Sergeant Easter alles glaubte, was er über sie im Buschfunk gehört hatte, erwartete er womöglich, Medusa selbst zu begegnen.
Vielleicht sollte sie die nächste Stunde mit ein wenig Detektivarbeit über ihn verbringen. Allerdings wäre das eine sinnlose Übung. Der Super hatte ihr sehr deutlich gemacht, wo sie stand. Sie musste versuchen, mit Easter zu arbeiten, also konnte sie genauso gut ihre eigenen Schlüsse ziehen, wenn es so weit war. Sie hoffte nur, dass sie niemals über Religion sprechen würden. Sie war sich nicht sicher, wie sie reagieren würde, wenn er ihr sagte, wie großartig Gott war, wo der Allmächtige doch, seit sie sich erinnern konnte, stets in den Hintergrund getreten war, wenn sie ihn gebraucht hätte. Vielleicht sollten ein paar nette, klare Grundregeln das Erste auf ihrer Agenda sein.
Sie betrat ihr Büro und versuchte, ihren Kaffee dabei nicht zu verschütten. Auf ihrem Tisch lag ein ungeordneter Haufen Gummimasken.
„Oh Scheiße!“, murmelte sie und überflog eine Nachricht von den Teams, die Nachtschicht gehabt hatten. Fünfzehn dieser grässlichen Dinger hatten sie in nur einer Nacht konfisziert.
Sie warf einen Blick auf ihre Uhr und fragte sich, ob der Superintendent wohl schon da war. Er hatte darum gebeten, auf dem Laufenden gehalten zu werden, und es war deutlich, dass es sich mittlerweile um mehr als ein Ärgernis handelte.
Sie setzte sich an ihren Schreibtisch. Es würde noch ein wenig dauern, bis ihr neuer Sergeant ankam. Sicher lange genug, um eine kleine Suche anzustrengen. Nicht über Joseph Easter, sondern über jemanden aus einer anderen Ermittlung. Es handelte sich um eine sehr private Nachforschung, die sie seit langer Zeit heimlich durchführte. Nikki schaltete ihren Computer an, trommelte ungeduldig mit ihren Fingern auf die Tischplatte, während er hochfuhr, und tippte dann ihr Passwort ein. Ein paar Klicks später war sie, wo sie sein wollte. Sorgfältig tippte sie FLUKE ein und wartete.
Verdammt! Niemand, der ihnen bekannt war, nutzte diesen Spitznamen. Sie versuchte es mit FLOOK, für den Fall, dass sie die Schreibweise nicht richtig verstanden hatte, und erweiterte dann die Suche. Immer noch nichts. Nikki schloss das Programm und ging ins Internet, gab nach einer halbstündigen Suche jedoch auf. Nur eine Rockband dieses Namens, von der Hannah ein Fan gewesen war, tauchte immer wieder auf. Nikki schaltete den Computer aus und dachte über ihre Tochter nach. Hannah liebte diese Art von Musik, die sowohl das Trommelfell als auch die Gehirnzellen auf einen Schlag zerstörte, und einen Augenblick lang konnte sie sich selbst schreien hören „Kannst du bitte diesen Blödsinn leiser machen?“.
Sie schlürfte ihren Kaffee und wünschte sich, ihre Tochter lebte noch zu Hause. Sie vermisste das Chaos, den Lärm, die Streitereien, die Wutausbrüche und die Tränen. Wirklich seltsam. Sie vermisste all die Dinge, über die sie sich jahrelang beschwert hatte. Nikki nahm einen weiteren Schluck und blickte wieder auf die Uhr. Keine Zeit, um durch den Sumpf der Vergangenheit zu waten. Der Superintendent sollte mittlerweile da sein, und sie musste ihren Verstand in den Arbeitsmodus zurückbringen.
Noch eine Stunde, und dann wäre der gute Reverend Easter hier. Nikki fühlte Mutlosigkeit in sich aufsteigen. Verdammt, sie wusste nicht einmal, wie er aussah! Wahrscheinlich klein und stämmig, mit zurückweichendem Haar und einer permanenten Heiliger-als-du-Miene. Nicht, dass sie das übermäßig interessierte. Sie blickte auf die Masken hinab und dachte, dass wohl jeder eine Maske trug, wenn es gerade nötig war. Sie tat es auf jeden Fall, wenn sie so darüber nachdachte. Und warum sollte sie sich über die Ankunft des neuesten Zugangs zu ihrem schäbigen kleinen Team Gedanken machen? Wenn der Buschfunk korrekt war, wäre er nur ein weiteres Lamm auf dem Weg zur Schlachtbank, und wenn er den Mut und die Ausdauer seiner Vorgänger besaß, würde er noch vor Einbruch der Nacht das Geschwindigkeitslimit brechen, um zurück nach Fenchester zu kommen. Mit einem Seufzen nahm sie ihren Kaffeebecher und eine Maske und machte sich auf den Weg zum Superintendenten.
***
Superintendent Bainbridge hielt die Maske zwischen Daumen und Zeigefinger hoch und starrte sie angewidert an. „Was zur Hölle soll das sein?“
„Teils Ratte, teils verwesende Leiche. Und ihre Herkunft ist, gelinde gesagt, unklar.“
„Wunderbar. Und warum können wir die Quelle nicht identifizieren?“
Nikki holte tief Luft. „Keine Ahnung, Sir. Es gibt sie nirgends legal zu kaufen. Nicht im Kostümverleih, in Scherzartikelläden oder im Versand. Nirgendwo.“
„Was ist mit dem Internet? Dieser Tage kommt doch praktisch alles dorther, oder nicht?“
„Dort haben wir als Erstes nachgesehen, Sir, aber nichts gefunden.“
„Wie kommen diese Kids also daran?“
„Es klingt lächerlich, ich weiß …“ Nikki fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und atmete aus. „… aber sie tauchen einfach auf. Jeder, den wir befragt haben, hat geleugnet, sie gekauft oder absichtlich erworben zu haben. Sie sind offenbar einfach irgendwie darangekommen. Und opportunistisch, wie sie sind, haben sie sie für das Unheil oder das böse kleine Verbrechen, das sie begehen wollten, benutzt.“
Der Superintendent legte die Stirn in Falten. „Und gibt es irgendeine Verbindung zwischen den Jugendlichen, die die Masken benutzt haben?“
„Nicht wirklich. Die Kids gehen auf unterschiedliche Schulen, kommen aus unterschiedlichen Stadtteilen und gehören sogar verschiedenen ethnischen Gruppen an.“ Sie zuckte die Achseln. „Die Ersten waren ein paar Schüler, die ihren Klassenkameraden das Essensgeld gestohlen haben. Dann tauchten sie in Carborough Estate auf, wo ein Haufen kleiner Halunken eine Art Klingelstreich spielte und die Leute erschreckte, die die Türen aufmachten. Dann gab es ein paar Taschendiebstähle, in die Kids mit Masken involviert waren, und einen Überfall in der Nähe des Bahnhofs. Nun sind sie überall.“
„Und letzte Nacht?“
„PCs Collins und Farrow haben mir eine Nachricht hinterlassen, Sir. So ein kleiner Penner, den sie festgenommen haben, hat der Maske einen Namen gegeben. Offenbar nannte er sie einen Griffyx, machte dann aber dicht wie ein Entenarsch. WPC Collins hat den Begriff gegoogelt, aber nichts gefunden. Ich rede noch mal mit ihnen, bevor sie nach Hause gehen, Sir, vielleicht …“
„Entschuldigen Sie die Störung, Sir.“ Die große Gestalt von Jack Conway, dem diensthabenden Sergeant, erschien im Türrahmen. „Ich hatte gerade den Dekan der Fenland University am Telefon. Eine seiner Studentinnen ist verschwunden. Offenbar ist sie einundzwanzig Jahre alt. Ich habe ihm das Vorgehen bei Vermisstenfällen erklärt, doch er fragte, ob Sie ihn zurückrufen können. Sagte, er kennt Sie.“
Der Superintendent runzelte die Stirn. „Hm, das tue ich. Hat er eine Nummer hinterlassen, Jack?“
„Ja, Sir, ich habe sie direkt hier.“ Der Sergeant reichte ihm einen Zettel und ging wieder.
Als Nikki ihm folgen wollte, rief der Superintendent sie zurück. „Warten Sie kurz, Nik. Lassen Sie uns das kurz überprüfen. Ich kenne Kenneth Villiers seit Jahren. Finanziell und mit praktischer Hilfe hat er uns bei allem unterstützt, was wir für die Jugend aus Greenborough getan haben. Wenn ich eins über ihn weiß, dann, dass er nicht der Typ ist, der wegen einer abwesenden Studentin in Panik gerät.“
Mehrere Minuten lang lauschte Nikki einem einseitigen Telefongespräch. Dem Ton des Superintendenten und seiner ernsten Miene entnahm sie, dass er alles, was ihm erzählt wurde, sehr genau nahm. Nach einer Weile legte er den Hörer langsam auf die Gabel zurück und sagte: „Das gefällt mir gar nicht. Mir ist schon klar, dass diese junge Frau nicht als gefährdet gilt, doch Dr Villiers ist sich sehr sicher, dass ihr etwas passiert ist.“
„Wie sind die Umstände?“
„Ihr Name ist Kerry Anderson. Sie ist einundzwanzig Jahre alt und in ihrem letzten Jahr an der Uni. Sie macht einen BA in Fotografie. Eine Musterschülerin, die an der Universität bleiben möchte. Offenbar ist sie spät am Montagabend ausgegangen, was nicht ungewöhnlich ist, doch gestern ist sie nicht zu einer Exkursion erschienen, was in der Tat sehr ungewöhnlich ist.“
Nikki dachte sorgfältig nach und sagte dann: „Nun, ich weiß, dass wir ihn normalerweise ans Vermisstenbüro verweisen würden, aber wenn Villiers ein so wichtiger Wohltäter ist, soll ich dann vielleicht ein paar unauffällige Nachforschungen anstellen?“
Der Superintendent warf ihr einen besorgten Blick zu. „Ich bin nicht sicher, ob das eine gute Idee ist.“
Sie beugte sich vor und wusste genau, dass der Superintendent an den alten Fall dachte, der sie beinahe völlig aus der Bahn geworfen hatte. „Das ist in Ordnung für mich, ehrlich.“ Sie sah ihn eindringlich an und senkte ihre Stimme zu einem Flüstern. „Bitte hören Sie auf, mich vor jedem Fall zu schützen, in dem es um junge Frauen geht. Heute bekomme ich einen neuen Sergeant, und abgesehen von meinem ewigen Kampf gegen die Dealer spiele ich nur mit ein paar verdammten Halloweenmasken herum. Sehen Sie, Sir, zehn zu eins, dass Ihre Studentin mit ihrem Freund abgehauen ist und entdeckt hat, dass Sex viel mehr Spaß macht als Seminare, Vorlesungen und Praktika.“ Sie brachte ein armseliges Lächeln zustande und flehte ihn an. „Bitte, Superintendent, lassen Sie mich das machen.“
Ihr Gegenüber kniff die Augen zusammen. Er sah aus, als würde er sorgfältig sein Herz gegen seinen Verstand abwiegen. Schließlich gelangte er zu einer Entscheidung und nickte. „In Ordnung. Vielleicht haben Sie recht. Nehmen Sie nur Ihren neuen Sergeant mit, es ist eine gute Gelegenheit, ihn kennenzulernen.“
Zur Hölle, dachte sie, schaffte es aber, ihr Lächeln noch ein wenig länger am Platz zu halten. „Danke, Super. Sobald er hier ist, stürzen wir uns in die Arbeit.“
Detective Sergeant Joseph Easter stand neben seinem geparkten Auto und blickte zur Polizeistation hinüber. Sie unterschied sich von seinem vorherigen Arbeitsplatz wie ein Morris Minor von einem Ferrari Enzo.
Das Revier von Fenchester war ein geschichtsträchtiges Gebäude aus den 1920ern, wohingegen dieses glänzende Konstrukt aus Stahl und getöntem Glas ultramodern war und verdammt hässlich noch dazu. Er grinste in sich hinein. Es war genau richtig so. Es war ihm wichtig, dass alles anders war. Und einen größeren Unterschied als das konnte es nicht geben.
Er war früh dran, aber das war er immer. Und vielleicht war es gut so. Erster Eindruck und all das. Aber sollte er im Alter von achtunddreißig Jahren wirklich Lampenfieber haben? Er dachte über seine eigene Frage nach und kam zu dem Schluss, dass unter den gegebenen Umständen jeder nervös wäre. Joseph biss sich auf die Lippe. Ein Monat hier. So lautete die Vereinbarung. Er hoffte nur, dass er das Richtige tat. Er holte tief Luft und richtete seine Krawatte. Eine Sache gab es noch, bevor er hineinging. Er nahm sein Handy aus der Tasche, klappte es auf und drückte eine Schnellwahltaste.
„Hey, Süße, hier ist Dad. Ich habe keine Ahnung, wie spät es ist, wo du dich gerade aufhältst, aber ich möchte dich wissen lassen, dass ich für ein paar Wochen in Greenborough arbeiten werde. Mit einer neuen Chefin, der ein gewisser Ruf vorauseilt, aber ich hoffe, dass wir klarkommen werden. Äh, das ist alles, glaube ich. Ich hoffe, es geht dir gut. Falls du mich brauchst, kannst du mich unter dieser Nummer anrufen. Ich liebe dich. Habe ich immer und werde ich immer.“
Er klappte das Handy zu und schloss für einen Moment die Augen. Ein Gesicht erschien in seinem Geiste. Langes, hellbraunes Haar und große braune Augen. Ungleiche Grübchen und sehr weiße Zähne. Ja, ich liebe dich. Aber leider sieht es so aus, als wären mir nun die Entschuldigungen ausgegangen, nicht in diese Schicki-Micki-Konservendose von einem Gebäude zu gehen und mich vorzustellen. Bevor er seine Augen öffnete, murmelte er ein paar leise Worte vor sich hin und ging dann über den gepflasterten Hof zum Vordereingang.
