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Das Buch, das Sie in der Hand halten, wurde noch nicht geschrieben ... Woher haben Sie es? In "Tohuwabohu" vermischt der Musiker Mave O'Rick Teile seiner eigenen Vergangenheit mit der fiktiven Lebensgeschichte eines Mannes, der in ferner Zukunft auf der Suche nach seiner Identität ist. Der eine entdeckt dabei den Sinn des Lebens, der andere einen neuen Planeten. In einer selbstironischen Melange aus Science-Fiction und autobiografischer Popkultur-Kolumne erzählt "Tohuwabohu" von der Bedeutung der Musik und davon, wie sie Schicksale lenken kann.
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Seitenzahl: 117
Veröffentlichungsjahr: 2025
Mave O'Rick
TOHUWABOHU
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
PROLOG
TOHU
BERLIN
PLANET
1983
FREIHEIT
GRUNGE
WA
KOFFER
SOWIESOWIESO
KREIS
ICH (m/w/d)
ADIEU
BOHU
EPILOG
DANKE
Impressum neobooks
„Gott, mein Leben ist so ein Tohuwabohu“, sagte Jason abschließend.
Ich erschrak. Ich sammelte mich. „Wo haben Sie denn dieses Wort her? Das sagt man ja seit mindestens hundert Jahren nicht mehr!“
„Ach, ich war gerade in dem Antiquitätenladen um die Ecke in der Dorotheenstraße, und da lag ein Buch mit diesem Titel. Es hat mich interessiert und so habe ich es nachgeschlagen. Tatsächlich beschreibt es meine Situation ganz passend“, antwortete er.
„Haben Sie das Buch gekauft?“
„Nein, nein, ich fand nur das Wort so spannend.“
Ich atmete kurz durch. „Und wer war der Autor?“
„Ach, keine Ahnung. Irgendein Ire.“
Das Tohuwabohu in mir begann mit dem Anfang der Corona-Krise 2020.
Genau genommen reden wir vom dreiundzwanzigsten März 2020, als alles begann. Für außenstehende Leser, also eigentlich jeden außer mir, klingt das jetzt wahrscheinlich nach einem großen Einschnitt, dem Bruch im Leben oder dem Eintreten der Midlife-Crisis – immerhin war ich damals schon über vierzig Jahre alt. Die Erwartungshaltung an diese Lektüre steigt sicher dahingehend, von einem Ereignis zu erfahren, das, richtig aufpoliert, Thema eines dramatisch in Szene gesetzten Kinofilms sein könnte.
Ich muss Sie ein wenig enttäuschen, es war lediglich die Langeweile. Die behördlichen Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung verschafften mir nicht nur Zeit, sondern sehr viel Zeit. Und so nutzte ich das herrliche Frühlingswetter jenes Märztages, um im Pfälzer Rebenmeer der Deutschen Weinstraße spazieren zu gehen. Mit dem Wissen, in den nächsten Tagen keinerlei Verpflichtungen nachkommen zu müssen, tat ich etwas, das ich unter normalen Umständen niemals getan hätte: Ich folgte einem Feldweg.
Von dem ich nicht wusste, wohin er mich führte. Die spektakuläre Reise ins Ungewisse endete schon nach fünfhundert Metern – an einer Straße, die ich nur zu gut kannte.
Das war es. Das war das einschneidende Erlebnis, das Tohuwabohu, der Grund für diesen Text. Denn ich war immer ein Mensch, der normale Reisen weit im Voraus plante. Ich nahm bei Unternehmungen immer eine Bahn oder einen Bus zu früh, um jede Eventualität durch diese künstlich geschaffenen Zeitfenster kompensieren zu können. Reiseunterlagen überprüfte ich vor und während eines Urlaubes mehrfach. Ich war nie unpünktlich. Ich halte Organisation noch immer für den größten Segen meines Lebens. Tja, und dann lief ich während eines Spazierganges einen Weg entlang, der rein theoretisch ebenso gut in mein Verderben hätte führen können. Zumindest in meinem Kopf. Völliges Chaos.
Den Rest des Spazierganges verbrachte ich damit, über die Brüche meines Lebens nachzudenken. Ich halte mich generell für einen sehr stringenten, geordneten und klar nachvollziehbaren Charakter. All die Widersprüche des alltäglichen Lebens klingen hingegen laut ausgesprochen tatsächlich wie ein einziges, großes Tohuwabohu, doch in mir selbst ergibt immer alles einen Sinn. In jenem Moment aber ließ mich die Diskrepanz schier irre werden.
Ich entschied, sie zuzulassen. Ich fing zu schreiben an, fing biographische Kapitel zu formulieren an, über Themen, Begebenheiten und Erlebnisse, die mir gerade in den Sinn kamen. Doch nach ein paar Abschnitten und der unerwarteten Konvertierung fehlte mir die weitere Kraft und die Muße, das Wirrwarr zu ordnen, und so legte ich die Manuskripte jahrzehntelang ungesehen weg.
Bis zu dieser schicksalhaften Begegnung in diesem kleinen Café mitten in Berlin. Danach habe ich die alten Texte wieder hervorgekramt und begonnen, alles zusammenzuführen: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und doch weiß ich noch immer nicht, ob sich am Ende auch alles einfügen oder einen Sinn ergeben wird, denn ich schreibe ja noch. Ich weiß ja nicht einmal, ob "Tohuwabohu" als Titel überhaupt noch passend sein wird, wenn ich fertig bin.
Ich glaube auf jeden Fall, dass Menschen schreiben, um etwas Neues zu entdecken, und dass sie auch aus genau diesem Grunde lesen. Dabei sei zu erwähnen, dass ich eigentlich gar nichts an meinem Leben ändern möchte, weil ich längst akzeptiert habe, es nicht ändern zu können. Ich bin auch nicht mehr auf der Suche nach etwas, denn die Antworten kenne ich ja bereits. Mein Leben ist etwas komplizierter geworden, und ich vermisse trotz meiner heutigen Rationalität so vieles von früher, aber dafür habe ich ja jetzt neue Privilegien.
Ich schreibe jetzt – Jahrzehnte später – weiter an diesem Buch, weil ich wieder Geschmack daran gefunden habe. Am Tohuwabohu an sich und daran, es immer noch weiter zu entdecken, und sei es nur auf dem Papier. Ich schreibe jetzt weiter ohne zu wissen, wo ich herauskommen werde, im wahrsten Sinne des Wortes.
Das größte Durcheinander liegt wahrscheinlich in der Tatsache, dass der Beginn meines persönlichen Tohuwabohus, die Corona-Krise mit ihren Lockdowns und Restriktionen, nun schon lange und fast wie vergessen hinter uns liegt, die Welt danach einfach weiterzog, für mich aber immer wieder stehenbleibt. Erst heute trafen im italienischen Bari die Verteidigungsminister der NATO-Staaten zu einer Sitzung der nuklearen Planungsgruppe zusammen; nicht wegen der aktuellen Kriege, sondern wegen der SALT-II-Abrüstungsverhandlungen in Wien.
Okay, ich habe es Ihnen noch gar nicht gesagt, und ein offenbar doch nicht ganz unwichtiges Faktum verschwiegen: heute ist Mittwoch, der zwölfte Oktober 1977. Morgen werde ich geboren.
„Vor Gott sind eigentlich alle Menschen Berliner.“
(Theodor Fontane)
Mein Großvater wurde am Heiligabend 1928 in dem oberschlesischen Dorf Zedlitz geboren. Er wuchs dort auf, kämpfte 1945 mit sechzehn Jahren in den letzten Kriegstagen für die Nazis, und wurde Ende Dezember desselben Jahres aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft entlassen.
Meine Großmutter erblickte im Frühjahr 1928 in der Grenzmark Posen-Westpreußen das Licht der Welt – genau genommen in Schwerin an der Warthe. Im Januar 1945 flüchtete sie zusammen mit ihren Schwestern vor den Russen in Richtung Westen. Mit dem letzten Zug, wie sie mir berichtete.
Das Schicksal führte beide unabhängig voneinander in ein kleines hessisches Dorf mit zweihundert Einwohnern. Hier verliebten sich die beiden Heimatlosen, schlossen den Bund der Ehe, und bekamen im Sommer 1951 ihr einziges Kind – meine Mutter.
Schon bald zog die kleine Familie aufgrund besserer Perspektiven in das lippische Städtchen Detmold. Das richtige Glück schienen sie dort nie gefunden zu haben, und so bemühten sich meine Großeltern erfolgreich um Arbeitsplätze in Westberlin, in das sie 1969 schlussendlich auch zogen. Die Beweggründe waren so simpel wie tragisch. Sie wollten der verlorenen und durch den Kalten Krieg unerreichbaren Heimat im jetzigen Polen so nah wie nur eben möglich sein.
Meine Mutter lernte kurz vor dem Umzug ihrer Eltern meinen Vater kennen, dessen Familie seit Generationen im ehemaligen Fürstentum Lippe ansässig war. Sie ließ ihre Eltern alleine nach Berlin ziehen und heiratete ihn. Im Januar 1972 bekamen beide ihr erstes Kind – meine Schwester. Im Oktober 1977 folgte das zweite Kind, ein Sohn – ich.
Wie bei jedem Menschen auf dieser Welt der Fall ist meine Existenz lediglich eine Verkettung von Zufällen, die man sich einfach nicht ausdenken kann. Ohne den zweiten Weltkrieg hätte es mich wohl nicht gegeben, weil sich schon meine Großeltern mütterlicherseits ohne ihn nie kennengelernt hätten.
Meine Kindheit und Jugend waren dadurch geprägt, dass unsere Familie zwei- bis dreimal im Jahr mit dem Auto über die Transitstrecke der DDR nach Rudow in Westberlin zu meinen Großeltern fuhr. Meine Eltern hörten Kassetten von ABBA oder Boney M. und qualmten die quengelnden Kinder auf dem Rücksitz zu. Die Angst vor der Fahrt durch die DDR ließ mich als Kind nächtelang vor der Reise nicht schlafen. Als Folge aus diesen Erinnerungen an qual- und qualmvolle Torturen an der deutsch-deutschen Grenze, mit grimmigen Blicken der Zollbeamten und zähen Ausweiskontrollen, fahre ich in meinem Kopf auf Reisen nach Berlin noch heute nicht einfach nur durch Deutschland, sondern zweimal über die Grenze.
Und so wuchs ich zu geringen Teilen in Westberlin der Achtzigerjahre auf, das ich bis heute vergöttere. Jedes Foto von damals in dieser Stadt versetzt mir einen Stich ins Herz und erfüllt mich mit Fernweh nach Raum und Zeit. Ich habe unzählige Erinnerungen an die Kartenspiele und Minigolf-Runden, die wir mit unseren Großeltern spielten, an die Nachbarn in den Wohnblöcken, die Straßen, die alle nach Blumenarten benannt waren, an das Klettergerüst des zum Block gehörenden Spielplatzes, und an die strengen Regeln von Mittagsruhe und Feierabend.
Als Teenager lernte ich hautnah auch das frisch wiedervereinte Berlin der Neunzigerjahre kennen und lieben. Ich erinnere mich an die Faszination, mit den für uns neuen U-Bahn- und S-Bahn-Strecken einer mit einem Schlag doppelt so großen Stadt fahren zu können. Das Kennenlernen des völlig heruntergewirtschafteten Ostberlins gab mir als Jugendlicher das erhabene Gefühl, auf der richtigen Seite der Welt aufgewachsen zu sein, und so umgab alles, was ich damals in Berlin sah und neu entdeckte, ein gewisser Zauber.
Es wäre nicht wahr zu behaupten, dass ich meine Großeltern aus Berlin lieber gehabt hätte als die Detmolder, aber natürlich war es um Längen spannender, von den Reisen und Erlebnissen aus der großen, legendären, sich selbst verschmelzenden Stadt mit der früher schwierigen Anreise durch ein fremdes und doch gleiches Land zu berichten als vom Kaffeetrinken bei den heimischen Großeltern, ein paar Straßen entfernt von unserer Wohnung in der lippischen Provinz. Berlin war weit weg, die Zeit dort war besonders und magisch, und somit waren es auch meine Großeltern aus Berlin – und somit auch ich.
„Berlin ist gar keine Stadt, sondern Berlin gibt bloß den Ort dazu her, wo sich eine Menge Menschen versammeln, denen der Ort ganz gleichgültig ist.“
(Heinrich Heine)
Das Verhältnis zu den eigenen Großeltern ist wohl ohnehin paradox. Eigentlich in allen Belangen des eigenen Lebens am weitesten von einem selbst entfernt, hat man sie doch von allen Menschen der Familie am liebsten. Sie verstehen weder deine Musik und deine Mode, noch deine Sicht auf die Welt. Sie lassen dich das auch wissen, und trotzdem hat man sie am liebsten.
Im Fall meiner Generation kommt erschwerend hinzu, dass wir unseren Großeltern theoretisch eine Teilschuld an den Gräueltaten des Dritten Reiches geben müssten; und trotzdem bleiben unsere Großeltern für uns Heilige, die wir lieben.
Eine schizophrene Angelegenheit, die Generationen nach uns nicht verstehen können. Ich weiß, dass mein Berliner Großvater Hitler nicht so schlecht fand, „nur das mit den Juden hätte er nicht machen sollen“. So war einmal sein O-Ton in einer kurzen politischen Diskussion mit mir, dem angehenden Abiturienten, der sein Wissen aus dem Geschichtsunterricht praktisch austesten wollte und mächtig mit seinem Großvater aneinandergeriet.
Wir können uns die politische Diskussion über solch eine Aussage an dieser Stelle sparen, ich gebe Ihnen in Allem recht, und trotzdem blicke ich auch heute noch voller Liebe und Wärme auf das Foto an meiner Wand, dass mich als junges Kind auf dem Schoß meines Opas zeigt.
Wie bei wohl jeder modernen deutschen Biographie fand meine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus hauptsächlich schulisch statt, allerdings ausführlich. Das führte zwar zu einem immensen Fachwissen über die historischen Ereignisse, nicht aber zu einem empathischen Zugang zu ihnen, obwohl mir die Tragweite und die historischen Auswirkungen all dessen immer bewusst war.
Ob dies der Eigenschaft geschuldet war, dass ich für Begebenheiten, die mich nicht unmittelbar persönlich betreffen, grundsätzlich keine große Empathie entwickele, oder der Tatsache, dass wahrscheinlich keine empathische Empfindung jemals den Ungeheuerlichkeiten des Holocausts gerecht würde, weiß ich nicht.
Mit Anfang zwanzig verblasste das Interesse an den Großeltern und somit auch an Berlin, denn zu spannend wurde das eigene Leben, egal wo es auch stattfand. Ich ging neue Wege und fokussierte mich auf die selbstgewählten Beziehungen und Bekanntschaften statt auf die familiären.
Die Besuche in Berlin waren nur noch sporadisch und meist beruflich, und ehe ich weitere zwanzig Jahre später einen Sinn dafür entwickelte, die eigene Identität weiter zu ergründen und ernsthaft zu hinterfragen, woher ich komme, waren die wichtigsten Ansprechpartner dafür – die Großeltern – leider verstorben.
Retrospektiv betrachtet verknüpfe ich Berlin aber auch mit einer Lücke und dem Gefühl der Heimatlosigkeit, weil meine Großeltern diese Lücke hatten. Mir wurde erst später klar, eigentlich erst jetzt, dass bei den Besuchen bei meinen Großeltern in Berlin immer etwas fehlte, das meine Großeltern in der heimischen Provinz ihren Enkelkindern instinktiv vermittelten: Das Gefühl der Geborgenheit.
Meine Großeltern in Berlin mussten ihre Heimat und somit das Gefühl eines sicheren Hafens so vermisst haben, dass sie diesem praktisch unmöglichen Wunsch nach einer Rückkehr alles unterordneten. Meine Großmutter war der ordnungsfanatischste und pedantischste Mensch, den ich mir vorstellen kann. Jeder Millimeter der Berliner Wohnung war strukturiert und ordentlich. Die Schlüssel an den Türen des großen Wohnzimmerschrankes waren alle nach Adleraugenmaß waagerecht ausgerichtet. Hatte irgendjemand diese Ordnung gestört, sei es nun versehentlich oder mit Absicht – ein Riesenspaß für meine Schwester und mich –, so hatte es keine fünf Minuten gedauert, und alle Schlüssel waren wieder sorgfältig austariert. Für meine Großmutter bedeutete bereits ein verdrehter Schlüssel ein großes Tohuwabohu.
Es gab in der gesamten Wohnung keinen Überfluss; alles hatte entweder eine Funktion oder eine Notwendigkeit. Dekorationen und Kitsch – oder Staubfänger, wie meine Großmutter es stets nannte – gab es nur zu Ostern und Weihnachten, und wahrscheinlich auch nur dann, wenn die Enkelkinder an den Feiertagen zu Besuch kamen.
Heute ahne ich, warum das so war. Die Erfahrung, schon einmal alles zurückgelassen zu haben und nur das Nötigste oder gar nichts mitnehmen zu können, war tief verankert und sicher traumatisch. Und so wäre zu packen mit wenig Hab und Gut und dem Mangel an unnötigem Besitz sicher bei der nächsten Flucht oder der Möglichkeit zur Heimkehr einfach leichter gewesen. Tatsächlich schienen meine Großeltern jederzeit umzugsbereit und auf dem Sprung gewesen zu sein, und damit auch irgendwie rastlos. Ich habe jenes Trauma wohl genetisch übernommen, denn ich bin wie meine Berliner Großmutter und habe den Ordnungswahn und die daraus resultierende Rastlosigkeit künstlich erzeugt.
Wahrscheinlich passten meine Großeltern deswegen so perfekt nach Berlin, und vielleicht komme deswegen auch ich emotional nicht weg von jener Stadt. Denn auch wenn ihre Lebensgeschichten andere Wahrheiten erzählen, so waren diese Großeltern für mich immer Ur-Berliner – ich kannte sie ja nur als solche. Und ich bin es damit irgendwie auch, Berliner.
