Tohuwabohu - Sammy Gronemann - E-Book

Tohuwabohu E-Book

Sammy Gronemann

0,0

Beschreibung

Wir schreiben das Jahr 1903. Alles beginnt mit zwei Reisen. Die eine führt ein junges ostjüdisches Paar aus einem litauischen Ort bei Wilna nach Berlin, die andere Reise einen 'Täufling' aus gutem Berliner Hause in eben diesen Ort als Ursprung seiner Vorfahren. Zwei Welten prallen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Konservative, gemäßigte und liberale Juden, Reformjuden, Täuflinge und Zionisten. Dazwischen ein paar Antisemiten und natürlich auch noch die Christen. Das Tohuwabohu ist angerichtet. Verwirrende Geschäftspraktiken, heillos zerstrittene Parteien vor Gericht, Falschnachrichten einer korrupten Presse und eine hinterhältige Polizei führen zu einer Dramatik, die die Situation der Judenheit vor dem 1. Weltkrieg zeigt. Ein satter Roman mit viel Humor, Ironie, aber auch Tragik bis zum Mord! Nicht nur beste Unterhaltung, eine literarische Perle dazu.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 531

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Meiner Frau

Inhaltsverzeichnis

Goethe in Borytschew

Kapitel [ I ]

Kapitel [ II ]

Kapitel [ III ]

Kapitel [ IV ]

Kapitel [ V ]

Ein literarisches Unternehmen

Kapitel [ I ]

Kapitel [ II ]

Kapitel [ III ]

Kapitel [ IV ]

Eine fromme Stiftung

Kapitel [ I ]

Kapitel [ II ]

Kapitel [ III ]

Kapitel [ IV ]

Kapitel [ V ]

Seelsorge

Kapitel [ I ]

Kapitel [ II ]

Kapitel [ III ]

Kapitel [ IV ]

Kapitel [ V ]

Kapitel [ VI ]

Paradiesäpfel

Kapitel [ I ]

Kapitel [ II ]

Kapitel [ III ]

Kapitel [ IV ]

Kapitel [ V ]

Kapitel [ VI ]

Ostergeläute

Kapitel [ I ]

Kapitel [ II ]

Kapitel [ III ]

Kapitel [ IV ]

Kapitel [ V ]

Kapitel [ VI ]

Kapitel [ VII ]

Posaunentöne

Kapitel [ I ]

Kapitel [ II ]

Kapitel [ III ]

Kapitel [ IV ]

Kapitel [ V ]

Kapitel [ VI ]

Kapitel [ VII ]

Der Minjan-Mann

Kapitel [ I ]

Kapitel [ II ]

Kapitel [ III ]

Kapitel [ IV ]

Kapitel [ V ]

Die Erstgeborenen

Kapitel [ I ]

Kapitel [ II ]

Kapitel [ III ]

Kapitel [ IV ]

Kapitel [ V ]

Abwehr

Kapitel [ I ]

Kapitel [ II ]

Kapitel [ III ]

Kapitel [ IV ]

Kapitel [ V ]

Kapitel [ VI ]

Pogrom

Kapitel [ I ]

Kapitel [ II ]

Kapitel [ III ]

Kapitel [ IV ]

Kapitel [ V ]

Die große Woche

Kapitel [ I ]

Kapitel [ II ]

Kapitel [ III ]

Kapitel [ IV ]

Kapitel [ V ]

Inhaltsverzeichnis

Editorische Notizen

Begriffe

GOETHE IN BORYTSCHEW

[ I ]

Berl Weinstein hatte sich wieder einmal taufen lassen, und diesmal mit besonderem Erfolg. Alles in allem hatte er dabei wohl an die 800 Mark erübrigt. Die Spesen waren diesmal ziemlich gering gewesen. Von Amsterdam aus, das auf seiner Tour lag, hatte er den Abstecher nach London gemacht; er hatte fast drei Wochen dazu verwendet, das Inkasso auf Konto Wohltätigkeit in allen jüdischen Vierteln zu erledigen und sich erst dann bei dem großen Meeting der Missionsgesellschaft in Whitechapel gezeigt; er hatte eine Reihe von Arbeitern im Weinberge des Herrn auf lange hinaus innerlich beglückt, – er hatte, ein Bild ernster Rührung und friedvoller Selbsteinkehr, in der kleinen Kapelle der Gesellschaft den Taufakt über sich ergehen lasen, – er hatte demütig, doch mit dem Ausdruck innerer Entschlossenheit, offensichtlich unfähig, den Gefühlen, die ihn erfüllten, Worte zu verleihen, seinen Gönnern und Paten die Hand gepreßt, in ihnen das beglückende Gefühl erweckend, daß sein künftiges, dem Himmel geweihtes Leben von dem Bewußtsein unauslöschlicher Dankbarkeit und unabtragbarer Schuld erfüllt und bedrückt sein würde, – er hatte eine herrliche, reichlich mit Bibelzitaten geschmückte Missionsschrift in klassischem Hebräisch verfaßt, von der Reverend Hickler für sich dauernden Autorenruhm und für die Sache des Herrn großen Erfolg erhoffte, – kurz: er hatte eine Menge Menschen glücklich gemacht, eine Atmosphäre von Vertrauen und Menschenfreundlichkeit um sich verbreitet und dabei etwa 800 Mark verdient; er konnte nach jeder Richtung mit sich zufrieden sein, und er nahm sich vor, am nächsten Sabbat im Tempel für die Armen in Palästina eine gehörige Spende zu geloben. –

Berl Weinstein pflegte sich jedesmal taufen zu lassen, wenn er eine Tochter auszusteuern hatte. Diesmal war Chane dran, – die vierte und jüngste. Es hatte sich wirklich eine gute Partie geboten: Jossel Schlenker, – der Sohn von Moische Schlenker, dem Schreiber, galt als besondere Leuchte talmudischer Gelehrsamkeit, – ein frommer „feiner“ junger Mann, dessen Ruhm weit über die Grenzen seiner Synagoge sich durch ganz Borytschew erstreckte; trotz seines etwas dunklen Stammbaums hätte er leicht einen wohlhabenden Schwiegervater finden können, der ihn „auf Kost“ zu sich genommen hätte, damit er von Nahrungssorgen frei seinen Studien leben konnte, zu Ehren des Hauses Israel im allgemeinen und des schwiegerväterlichen Hauses im besonderen. Es ging die dunkle Rede, daß Kleinmann selbst, – der reiche Kleinmann von Kleinmanns aus Kiew, – Rosenfeld, den Schadchen, zu Moische Schlenker geschickt habe, – aber Jossel lehnte alle Partien ab. Heiraten wollte er schon, – welcher fromme jüdische Mann will nicht dieses Hauptgebot der Thora erfüllen? – aber ihm war es nicht nur um die Erfüllung des Gebotes im allgemeinen zu tun: höchst seltsamerweise legte er ein besonderes Gewicht darauf, mit einem ganz bestimmten Mädchen unter den Trauhimmel zu treten, – nämlich mit Chane, der vierten Tochter von Berl Weinstein. – Es war eine seltsame Sache, aber da war nichts zu machen. Moische Schlenker lief verzweifelt herum, – er bat und drohte, er betete und schwur, – es half alles nichts: Jossel wurde älter und älter, – es war eine Schande: er war schon fast zweiundzwanzig Jahre und noch nicht verheiratet. Da gab schließlich Moische Schlenker nach, – Rosenfeld ging zu Weinstein, – der Verlobungskontrakt wurde unterzeichnet, und Berl Weinstein ging auf Reisen, um die Mitgift zusammenzubringen.

So hängt alles im Leben zusammen; hätte damals an jenem Sabbat-Nachmittag Jossel Schlenker nicht zufällig draußen auf dem äußersten Boulevard auf der letzten Bank Chane getroffen, wie sie in ein Buch vertieft war, und hätte er nicht seine Scheu bekämpft, um des heiligen Zweckes willen, nämlich, das junge Mädchen darauf aufmerksam zu machen, daß sie, jedenfalls aus Fahrlässigkeit, ein heiliges Gebot verletze, indem sie auf dieser Bank am Sabbat ein Buch in den Händen hatte, obwohl die Sabbatgrenze ein paar Schritte vor jener Bank endete, so daß also bis zu dieser Bank und also auch dorthin, wo sie saß, nichts getragen werden dürfe, auch nicht ein Buch, – so hätte Jossel vielleicht nie die nähere Bekanntschaft Chanes gemacht, – hätte Moische Schlenker nicht nötig gehabt, zu bitten und zu schwören, – noch dazu umsonst, – wäre nie der Verlobungsbrief geschrieben, – hätte Berl Weinstein vielleicht nie jene Mitgiftreise antreten müssen, und wäre vielleicht Reverend Hickler nie zu jenem Ruf als Missionar und hebräischer Autor gelangt, der ihm später die Berufung nach Amerika einbrachte. Dabei ist noch gar nicht in Rechnung gestellt, welche Änderungen in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft im allgemeinen und der Borytschewer Gemeinde im besonderen daraus hätte resultieren können, wenn Chanes gesetzwidrige Lektüre auf der Bank jenseits der Sabbatgrenze nicht die Verbindung der Häuser Schlenker und Kleinmann zerstört hätte. – Und dem Landgerichtsdirektor Lehnsen in Berlin wäre künftig viel Verdruß erspart geblieben.

So aber hatte Jossel Schlenker aus dem Gefühl heraus, das bedrohte Gesetz schützen zu müssen, – vielleicht auch in der dunklen Furcht, ein minder wohlwollender Gesetzesschützer könnte Chane in ihrem ungehörigen Tun beobachten und ihr Unannehmlichkeiten bereiten, – sich zu jener Ansprache aufgerafft. Chane hatte ruhig und etwas spöttisch lächelnd den errötenden und ziemlich verwirrten Jossel angeblickt, – zugegeben, daß sie sich der Gesetzesübertretung schuldig gemacht habe, – freundlich für den aufmerksamen Hinweis gedankt und nach kurzem Besinnen, gerade als Jossel ungeschickte Versuche machte, seinen Rückzug anzutreten, gefragt, was sie nun eigentlich machen solle, nachdem das Unheil einmal geschehen sei. Sie kenne nicht die Vorschriften, setzte sie unschuldig hinzu, er aber solle doch so gelehrt sein und müsse wissen, was in solch besonderem Falle zu geschehen habe. Solle sie mit dem Buche sich über die Grenze zurückziehen, oder solle sie das Buch aus der Hand legen und auf der Bank liegen lassen? Oder was habe sonst zu geschehen?

Jossel fiel von einer Verlegenheit in die andere: alle scharfsinnigen Kontroversen über die Frage des Tragens am Sabbat gingen ihm durch den Kopf. Die reiche Kasuistik des Lehrhauses überwältigte seinen Verstand und lähmte die Raschheit der Entscheidung. Das eigentliche Vergehen bestand ja gerade in dem Transport der Last, – hier des kleinen Heftchens, aus dem durch die Sabbatgrenze abgezäunten Gebiete – der Zaun war hier ein hochgespannter, kaum sichtbarer Draht – in das freie Land jenseits des Drahtes, ein Rücktransport wäre nun eine Wiederholung des Vergehens, – somit ein neues Vergehen gewesen. Das ging also nicht an. Das Buch auf der Bank liegen lassen, – das ging auch nicht. Denn eine Last, welchen Umfanges auch immer, dort draußen niedersetzen, das wäre erst recht ein Verstoß gegen die Lehre gewesen, – während doch das Tragen an sich, solange eben noch kein Niedersetzen der Last erfolgte und solange die Grenze nicht überschritten wird, nur eine zwar von vornherein verbotene, aber doch nicht als eigentliches Vergehen, als Sünde bezeichnete Sache ist, – vorausgesetzt freilich, daß der Träger mit seiner Last sich nicht mehr als vier Schritte von seinem Platze entfernt. – Also was war da zu tun? Chane folgte ruhig ohne Unterbrechung, als Jossel ihr etwas umständlich diese Konflikte auseinandersetzte; nie war ihm ein Vortrag, und sei er über die schwierigste Talmudfrage, so schwer gefallen. Der Umstand, daß er noch niemals mit einem fremden jungen Mädchen sich unterhalten hatte, – die Notwendigkeit, für die im Lehrhaus allgemein gebräuchlichen Fachausdrücke gemeinverständliche Worte zu finden, – die peinliche Furcht, ein Studiengenosse könne ihn bei diesem seltsamen Lehrvortrag überraschen, – alles das machte ihn weidlich schwitzen. Und als er schließlich mit der Darlegung des gesamten Streitstoffes fertig war, fragte Chane ruhig, ob sie also nun bis Sabbatausgang auf der Bank sitzen bleiben müsse, – eine Frage, die bewies, daß sie den Vortrag wohl aufgefaßt hatte, denn etwas anderes schien ja wirklich unter besagten Umständen kaum angängig. – Während aber Jossel betroffen schwieg und über den Fall nachdachte, näherte sich eine laute Gesellschaft, – das Buch verschwand in der Kleidertasche des sich erhebenden Mädchens, das zum Entsetzen Jossels mit einem heiteren Sabbatgruß, offensichtlich ohne Gewissensdruck, weiter in die Felder hinausschritt. – Jossel sah ihr lange recht unruhig nach, bis ihre helle Bluse hinter einem Gebüsch verschwand, und kehrte langsam und verwirrt heim, unter dem schweren Kaftan und der dicken Mütze noch mehr als sonst von Schweiß übergossen. –

Jossel hätte ja nun eigentlich empört darüber sein müssen, daß Chane das strenge Arbeitsverbot des Sabbats derart verletzte, – daß sie, zuletzt doch offenbar mit vollem Bewußtsein die Arbeit des Tragens außerhalb der Sabbatgrenze verrichtete, – statt dessen aber vertiefte er sich die Woche über in das Studium der angeregten Frage, und so traf es sich, daß er am nächsten Sabbat wohl ausgerüstet mit Kenntnissen auf Chane zuschreiten konnte, die wieder mit ihrem Buch auf der verbotenen Bank saß. Aber je näher er kam, desto mehr dämmerte es ihm, daß hier doch ein beabsichtigtes Attentat auf die Lehre vorlag. Jetzt wußte sie doch, einmal durch ihn darauf aufmerksam gemacht, daß die Bank außerhalb der Grenze lag; da waren nun freilich allle die Argumente, die er im Laufe der Woche gesammelt hatte, wenig am Platze. – So kam es, daß er nun in noch größerer Verwirrung als bei der ersten Begegnung vor Chane stand, aber als sie ihn mit spöttischem Lächeln fragend ansah, da faßte ihn der Eifer, und er machte sich zornig daran, ihr klarzumachen, welche Sünde sie in ihrem Leichtsinn begehe und wie sie Unheil über sich und das ganze Land bringe. – Sie hörte verdrossen und anscheinend etwas gelangweilt zu, – dann machte sie einen Einwurf; tat eine Frage, und es entwickelte sich eine lebhafte Debatte, in der er, wie er sich nachher gestehen mußte, nicht zum Besten abschnitt; sollte er doch plötzlich und zum ersten Male im Leben Dinge begründen, die ihm stets als Selbstverständlichkeiten, als Natursätze, die einer Begründung überhaupt nicht bedürfen, erschienen waren. –

Unvermittelt fragte auf einmal Chane, ob er das Buch kenne, das sie lese, und hielt es ihm vor die Nase. Er näherte vorsichtig seine Augen, – denn selbst konnte er ja die Last nicht aufnehmen, – und las „Faust“ und „Reclams-Universal-Bibliothek“. – Er verneinte und sie fragte ihn, ob er es auf eine Woche geliehen haben wolle. Er zögerte, – er konnte es ja heute nicht einmal an sich nehmen, wenigstens nicht außerhalb der Sabbatgrenze, – da lachte sie auf, packte ihn am Ärmel, zog ihn bis jenseits des Drahtes, steckte ihm das Buch in die Tasche und eilte mit fröhlichem: „Also in acht Tagen!“ davon. – Und von weitem rief sie ihm noch zu, in dem Buch würde er einiges finden, was mit ihrem Gespräche von vorhin zu tun hätte.

[ II ]

Jossel „lernte“ Goethes Faust.

Was war ihm Goethe?! – Er hatte den Namen wohl öfter gehört, und in einer Chrestomathie1), die ihm in die Hände gefallen war, erinnerte er sich, ein Gedicht von ihm gelesen zu haben, das ihm gar nicht gefallen hatte. Es war eine Geschichte von einem Mann, der mit seinem Kind unsinnigerweise durch eine feuchte Nebelgegend geritten war; irgendein Grund zu diesem eigentümlichen Benehmen war nicht zu erkennen. Und das Kind schien ebenso verdreht wie der Vater: es schien vollgestopft mit phantastischen Geschichten und plapperte, freilich wohl im Fieber, lauter dummes Zeug zusammen. – Die Sache hatte ihn weiter nicht interessiert, und Goethe war für ihn abgetan.

Da bedeutete es schon etwas, daß Chanes Empfehlung ihn vermochte, es noch einmal mit Goethe zu versuchen. Er hatte das kleine Buch sorgfältig in die Tasche gesteckt und fühlte, als er nach Hause eilte, oft lose mit der Hand nach, ob es auch noch da sei. Das Buch war ihm lieb, – er wußte nicht recht warum, – und er glättete es sorgfältig und liebevoll, als er es in seiner Kammer aufschlug. Herr von Goethe aber profitierte wenig davon: Jossel war unbestechlich, und als er erst zu lesen anfing, war er ganz und gar der kritische Talmudist. Es war in ihm allenfalls noch eine Lust verborgen, den Dichter zu zerpflücken. – Chane demnächst an einem Objekt, das ihr eher bekannt war als der Traktat über die Sabbatgesetze, seinen Scharfsinn zu beweisen, ihr zu zeigen, daß er gescheiter sei als dieser Bücherschreiber, der sie über die Grenze des Gesetzes geführt hatte. Er wußte schon jetzt, er würde Fragen aufwerfen, die weder Goethe noch Chane beantworten könnten, Fragen, auf die beide überhaupt nie verfallen würden. Er würde . . .

Und mit gerunzelter Stirn las er die „Zueignung“, – glatte Verse, offenbar persönliche Dinge behandelnd, die ihn nicht interessierten. Er macht viel her von dieser Sacher, dieser Goethe. Ob er das Buch schreiben und herausgeben will, ist schließlich seine Sache. Wenn es ihm nicht paßt, – oder wenn ihm das Publikum nicht paßt, – soll er es bleiben lassen. Aber wozu erzählt er das alles?! – Ist das Buch zu schade für die Welt, – ist es die Zueignung doch auch. Es ist nur, um das Buch recht wichtig erscheinen zu lassen, schloß Jossel, einfache Ziererei wie bei einem Sänger, der erst allerhand Bedenken hat und Worte macht, wenn man ihn bittet, – und dann doch mit viel Vergnügen singt und gar nicht mehr aufhört. Jossel sah bedenklich auf die hohe Seitenzahl am Schluß.

„Vorspiel auf dem Theater.“ Noch eine Vorrede!! – Was ist das für eine „lustige Person“, die gar nichts Lustiges sagt? Und dieser „Dichter“ redet noch verächtlicher von dem Publikum als die „Zueignung“. Der „Direktor“, – das ist wenigstens ein praktischer Mensch; der sagt geradezu, was er will. Geld will er! Und es ist ganz richtig, daß er das letzte Wort behält. – Aber wirklich: „Der Worte sind genug gewechselt.– Laßt mich auch endlich –“

Noch ein Prolog!! O Chane, Chane!!

Jossel lehnte sich zurück und dachte noch einmal die Szene vom Boulevard durch. – Er wurde glühend rot bei dem Gedanken, daß er sich im ganzen recht ungeschickt benommen hatte; Chane hatte zum Schluß so getan, als ob es sich nicht der Mühe lohne, mit ihm weiter zu debattieren. Und wenn sie ihm das Buch, diesen Faust, so aufgedrängt hatte, so sah das doch so aus, als ob sie meinte, wenn er das Buch läse, würde er ein für allemal widerlegt sein. Mit dem Buche? – Er schüttelte befremdet den Kopf. – Aber die hatte gesagt „In acht Tagen“. – Gut also! In acht Tagen würde er ihr zeigen, wer er ist. – Also vor allem das Buch lesen. Das weitere wird sich finden!

Und wieder setzte er seinen Oberkörper in die schaukelnde Bewegung, die vom ernsten Studium wie vom Gebet, überhaupt von jeder Geisteskonzentration im jüdischen Osten unzertrennlich erscheint.

Und beim „Prolog im Himmel“ wurde er aufmerksam. Das war ja die Geschichte von Hiob, – die Wette zwischen Gott und Teufel um eine arme Menschenseele. Der arme Mensch, – Hiob oder Faust, – soll auf die Probe gestellt werden. Aber da war doch ein gewaltiger Unterschied zwischen den beiden; Hiob lebte vorher herrlich und in Freuden, – dagegen Faust: „Nicht irdisch ist des Toren Trank noch Speise“. Und so sollte Hiob durch Leiden erprobt werden, – dagegen Faust soll gerade entgegengesetzt jede Freude der Erde kosten dürfen, um seine Festigkeit zu erproben. –

Da war die Quelle gar vieler Fragen; und da wurde Jossel warm. Jetzt interessierte ihn Faust nicht mehr nur um Chanes willen; jetzt wollte er ihn verstehen, – nicht nur um sich zu zeigen.

Jossel „lernte“ Faust.

Er „lernte“ ihn, – und was man „lernen“ nennt, – wie man den Talmud „lernt“, – jeden Satz, jedes Wort prüfend und wieder prüfend, – der gefundenen Deutung ständig mißtrauend und sich selbst nachkontrollierend, – jede Seite wiederholend und abermals wiederholen, – nach neuen und verborgenen Entdeckungen tastend, – nirgends mehr mißtrauisch, als wenn eine Stelle leicht verständlich erscheint, – leicht verstehen heißt falsch verstehen, – immer wieder auf scheinbar abgetane Stellen zurückgreifend, – Widersprüche feststellend und auflösen, – Jossel „lernte“ Faust.

So kam er nicht eben schnell vorwärts, und so hätte es kommen können, daß er vor lauter Grübeln und Tüfteln über Einzelheiten nie das große Ganze erblickt hätte, – er wäre nicht viel besser daran gewesen als ein deutscher Gymnasiast, dem im Literaturunterricht eines eingeschworenen Philologen die Klassiker verleidet werden. Vor solchem Geschick wurden aber Jossel und Goethe durch Chane gerettet; bald lasen und debattierten Chane und Jossel ihren Faust nicht mehr nur am Sabbat-Nachmittag, sondern sie trafen sich fast alltäglich nachmittags am Boulevard. – Sie waren wochentags vor Störungen durch Bekannte fast sicherer als am Sabbat, denn wochentags fiel es keinem Borytschewer Juden ein, so weit hinauszuspazieren, – fast eine Viertelstunde vor die Stadt, während am Sabbat doch ab und zu jüngere Leute ihren Spaziergang so weit ausdehnten. Da saßen denn die beiden Goetheforscher in ihre Debatten vertieft, und es wurde oft so spät und dämmerig, daß sie die Köpfe eng zusammenducken mußten, um den kleinen Druck zu entziffern. Und wenn von ungefähr Chanes Haar an Jossels Backe lag, trug das nicht eben dazu bei, seine Gedanken übersichtlicher und seine Ausdrucksweise klarer zu gestalten. – Er mußte sich dann ordentlich zusammennehmen, wenn er etwa Chane eindringlich die „Hexenküche“ erklärte; diese Szene hatte ihn ganz besonders gefesselt. Mit Zahlenspielereien, ganz dem Hexeneinmaleins ähnlich, war er aus talmudischen und anderen alten Schriftwerken gut vertraut; so hatte er denn auch bald nicht nur eine, sondern gleich noch eine zweite Erklärung für die geheimnisvollen Sprüche der Hexe gefunden, – beide gleich scharfsinnig und überzeugend. Die eine deutet die zehn Zahlen des Einmaleins als auf die zehn Gebote sich beziehen, – während die andere auf einer kabbalistischen Sage von zehn vor Schöpfung der übrigen Welt geschaffenen Dingen basierte. – Für keine von beiden, überhaupt nicht für das Einmaleins der Hexe selbst, schien sich Chane sonderlich zu interessieren. Sie drängte weiter, – zu Gretchens Zimmer, zum Gärtchen, zu Dom. – Und sie liebte es, statt über einzelne Worte, über den Sinn des Ganzen zu debattieren, – sie bekam es schließlich auch fertig, Jossel dazu zu vermögen, vorerst einmal, ehe er tiefgründig jede Zeile analysierte, das ganze Werk bis zum Ewigweiblichen in einem Zug durchzulesen.

Das war nicht leicht für Jossel; da war noch nach der Hexenküche die Gartenszene („Wie hast Du’s mit der Religion?“), bei der es ihn einen Moment heiß überlief; scheinbar ganz unvermittelt fiel ihm eine Debatte über die Bedeutung der Sabbatgrenze ein. War das dasselbe Thema gewesen? – Da war schon der „böse Geist“, da waren viele andere Hindernisse für raschen Lauf. Und da war vor allem die Walpurgisnacht mit Oberons und Titanias goldener Hochzeit. Wer ist Oberon, – wer Titania? Wer ist Mieding? – Lust gewann er erst wieder recht im zweiten Teil, bis dann Helena mit den Troerinnen anrückte, – und der ganze klassische Troß der zweiten Walpurgisnacht. Hier saß er mit seinen Kenntnissen fest; – und der Rest gaben ihm der Pater Marianus und Pater Seraphicus, – una Poenitentium und der ganze katholische Olymp. Er schlug das Buch sehr verwirrt zu und mußte sich in ihm sonst ganz fremder Bescheidenheit gestehen, daß er das Werk nicht verstanden habe! Er hatte den Faust nicht verstanden, obwohl er ihn ohne Kommentar gelesen hatte.

So schlich er denn ziemlich klein geworden zu der nächsten Zusammenkunft; es war nur ein schwacher Trost für ihn, daß auch Chane da nicht viel mehr wußte als er. Sie sahen aber ein, daß die Schwierigkeit einfach nur daran lag, daß ihnen die Kenntnis vieler Dinge abging, die der Dichter als bekannt voraussetzte. Dieser Herr Goethe hat offenbar sich nicht Leser ihrer Art vorgestellt; sie gehörten ganz bestimmt zu der unbekannten Menge der „Zueignung“. – Vorderhand war nun wohl keine Aussicht vorhanden, die Lücken ihrer Kenntnisse auszufüllen, aber sie machten sich trotzdem von neuem tapfer daran, das Werk durchzustudieren. Und manch einer hätte sich erheblich gewundert, wenn er ungesehen diesen Faustlektionen hätte beiwohnen können.

Pastor Bode wunderte sich denn nicht auch wenig, Doktor Strösser dagegen gar nicht; aber dafür ärgerte er sich um so mehr.

[ III ]

Pastor Bode und Oberlehrer Strösser waren den morastigen Weg, der vom Flußufer zum Boulevard führt, hinaufgekommen. Der Pastor warf einen wehmütigen Blick auf seine Hose, die Frau Marie erst so liebevoll von jedem Stäubchen gesäubert hatte und die jetzt so kläglich aussah. Der Oberlehrer lachte kurz auf, in der behaglichen Sicherheit, welche nur ein paar hohe Wasserstiefel zu verleihen vermögen, und meinte, seine Pfeife neu stopfend:

„Ja, Herr Pastor! Das ist anders als in Pasewalk! Da werde Sie sich die kleinen Stiefelchen wohl abgewöhnen müssen.“

Er hielt das brennende Streichholz an den Pfeifenkopf und fügte paffend hinzu:

„Und noch manches andere auch!“

Pastor Bode war stehen geblieben und hatte den Hut abgenommen.

„Über das andere läßt sich ja reden!“ sagte er mit etwas ärgerlichem Ton. „Ich weiß, daß ich hier in der für mich ganz neuen Welt vieles erst werde lernen müssen. Aber hohe Stiefel möchte ich mir wirklich anschaffen. Das war ja ein elendes Fortkommen in dem Schmutz. – Können wir uns nicht irgendwo hier ausruhen?“

„Da ist eine Bank“, sagte Strösser vorausschreitend. Er ließ sich breit auf der Bank nieder, die abseits im Strauchwerk stand.

„Ja“, sagte er, „da habe ich Ihnen gleich eine russische Spezialität gezeigt. Hier oben die glänzende Straße, die dann auf einmal abbricht und so direkt in die Schlammwüste führt. Und so war es schon, als ich vor dreißig Jahren hier in dem Winkel landete. – Rußland ist das Land der schönen Anfänge ohne Fortsetzung. Auf allen Gebieten! Aller Anfang ist leicht! – Aber warum setzen Sie sich nicht, Herr Pastor?“

Der Pastor stand unentschlossen und schaute, an der Brille rückend, mit peinlich berührter Miene in das Gebüsch.

„Es ist nur“, sagte er mit einiger Befangenheit, die Stimme senkend, „hinter dem Buschwerk sitzt ein Paar auf einer Bank, und ich möchte nicht gern – vielleicht suchen wir ein anderes Ruheplätzchen.“

„Was scheuen Sie?“ lachte Strösser. „Zu stören oder selbst geniert zu werden? – Menschliches, Allzumenschliches! –“

Er warf einen Blick nach rückwärts und machte eine ärgerliche Bewegung.

„Da setzen Sie sich nur ruhig her, Herr Pastor! Auf meine Verantwortung! – Das sind nämlich Juden!“

„Das macht für mich keinerlei Unterschied“, sagte Bode, zögernd sich setzend. „Ich meine natürlich in dieser Beziehung.“

„Und es ist in jeder Beziehung etwas anderes“, sagte Strösser. „Sie werden es schon merken! Seien Sie mal ganz still!“

Dem Pastor war es nicht sehr wohl dabei zumute, aber er blieb erstarrt, als er deutlich den Namen „Goethe“ hörte und gleich darauf ihm Bruchstücke Goethescher Verse ans Ohr klangen. – Im übrigen unterhielt man sich drüben jiddisch, und es war dem Pastor nicht möglich, mehr als einzelne Worte zu verstehen.

Er faßte Strösser lebhaft beim Arm.

„Hören Sie nur, die beiden lesen Faust.“

Strösser paffte gleichmütig.

„Ganz bestimmt“, sagte der Pastor aufgeregt, „sie lesen Faust! – Denken Sie nur! Faust!“

Strösser räusperte sich und spukte in gewaltigem Bogen aus.

„Es ist zum Kotzen!!“ sagte er ruhig und gewichtig.

Bode starrte ihn entgeistert an. –

„Sie sagten?“

„Ich sagte, es ist widerwärtig! – Perverse Gesellschaft!“

„Wer? Pervers? Die jungen Leute doch nicht, die hier schon fast im Dunkel Faust lesen, – unseren großen Goethe?“

Strösser lachte grimmig auf.

„Wissen Sie, Herr Pastor! – Sie sind doch ein gut Teil jünger als ich – und kein alter Junggeselle! Da müssen Sie sich doch noch erinnern, wie es war, wenn Sie als Student mit irgendeinem kleinen Mädchen im Halbdunkel irgendwo im Garten saßen!“

„Ich erinnere mich an eine derartige Situation mit ‚irgendeinem kleinen Mädchen‘ nicht“, sagte der Pastor mit Nachdruck.

„Schön! – Also nicht mit irgendeiner, – sondern mit Fräulein Maria Lodemann, jetzigen Frau Pastor Bode! – Haben Sie da auch Faust gelesen und kommentiert?“

„Lassen wir mal persönliche Beispiele aus der Debatte, lieber Herr Doktor! Ich verstehe Sie nicht. Wenn Sie etwa sagen wollen –“

„Warum, zum Kuckuck, nimmt der Bengel da hinten nicht sein Mädel um den Hals und knutscht sie ab, wie das jeder Europäer sonst tun würde? – Sitzen da und machen sich mit dem schlechten Druck die Augen kaputt und sezieren den Goethe, – bis sie alles Schöne daran, beiläufig bemerkt, weggeklügelt haben.–“

„Erlauben Sie! Erlauben Sie! – Wie können Sie das behaupten? Aus den paar Worten, die Sie vielleicht aufgeschnappt haben! – und das mit dem – Knutschen –.“

„Herr Pastor! Auf jiddische Sprache versteh ich mich vorläufig noch besser als Sie.“ –

„Sie sind heute spaßig aufgelegt!“

„Ich? Ganz und gar nicht! – Solche Gesellschaft, wie die da hinten, verdirbt mir den ganzen schönen Abend! – Meinen Sie, daß diese Leutchen auch nur eine Ahnung haben, wie schön dieser Abend ist, – daß sie an die Aussicht über den Fluß, an die ganze Gegend auch nur einen Blick verschwenden!? Die suchen die Welt nur in Büchern.“ –

„Wenn das so wäre, dann müssen Sie zugeben, daß immerhin die Wahl gerade des Faust –“

„Nichts gebe ich zu! Gar nichts! Wissen Sie, daß dieser Judenjüngling eben – es scheint, wir haben sie doch aufgeschreckt! Da ziehen sie ab! – Sehen Sie, wie er gestikuliert; jetzt doziert er peripatetisch und sucht vermutlich seine Donna noch weiter davon zu überzeugen, wie sittenlos und unmoralisch die ganze Gretchengeschichte ist. – Er sagte vorhin, wenn Goethe ein Jude gewesen wäre – Frechheit! Dieser Gedanke! – also wenn er Jude gewesen wäre, dann würde er sich geschämt haben, so etwas zu schreiben!“

„Was Sie sagen! – Er sollte Heine lesen, – den ich sonst eigentlich nicht ohne weiteres empfehle!“

„Nun stellen Sie sich vor! – An solch herrlich schönem Abend liest er mit ihr die Gretchenszene, und das ist der Effekt! – Hätte das ein deutscher Junge fertig gebracht, wenn er nicht gerade ein kompletter Idiot wäre?! Der hätte die richtige praktische Nutzanweisung gezogen, – und wäre es selbst ein angehender Theologe gewesen!“

„Vielleicht ist sie sehr häßlich“, sagte der Pastor kleinlaut.

„Ein deutscher Junge hätte sich dann erst gar nicht mit ihr hingesetzt“, entschied Strösser. –

„Scherz beiseite“, sagte Bode nach einer kleinen Pause. „Mich interessiert der Fall! – Da ist doch manches – Zum Beispiel, – sagen Sie nur mal: woher hat ein jüdischer junger Mann hier so viel Deutsch gelernt, um Goethe überhaupt lesen zu können?“

„Woher? – Das fliegt ja diesen Menschen direkt an! – Diesen Talmudjünglingen! – Die lernen nichts als ihren Koran! Da steht alles drin, behaupten sie, was des Lernens wert ist. Alles andere schnappen sie so bei Gelegenheit mühelos am Wege auf und machen kein Wesens davon! Vielleicht hat er erst am Faust lesen gelernt.“

„Merkwürdig! Wissen Sie, ich habe ein ganz besonderes Interesse an den jüdischen Dingen. Schließlich ist dieses Volk doch nicht umsonst von dem Herrn unter die Nationen der Erde zerstreut. Das legt uns gewissermaßen auch Pflichten auf, – Pflichten, die, wie ich fürchte, oft verkannt werden.“

„Du lieber Himmel!“ sagte Strösser und rückte unwillkürlich etwas von Bode weg, ihm ins Gesicht starrend, „Pflichten? – Besonderes Interesse? – Wo wollen Sie da hinaus? – Bitte – entschuldigen Sie! Reden Sie nur weiter!“

Bode schien einen Augenblick betreten, wie ein Mann, der merkt, daß er mehr gesagt hat, als er eigentlich wollte.

„Hören Sie, lieber Dr. Strösser!“ sagte er dann entschlossen, „ich hoffe, Sie werden mir hier in meinem neuen Wirkungskreise mit Ihrer Erfahrung und Ihrer Kenntnis der Verhältnisse zur Seite stehen. Da müssen Sie auch mich kennen und meine Wünsche. Wenn ich meine pommersche Heimat und meinen ganzen angenehmen alten Wirkungskreis dort verlassen habe und dem Rufe an die kleine lutheranische Gemeinde hier gefolgt bin, so geschah das aus dem bestimmten Gefühl heraus, einer höheren Fügung zu folgen. Ich erblickte und erblicke in der mir gebotenen Gelegenheit geradezu einen Fingerzeig. – Ich habe, wie Sie vielleicht wissen, seinerzeit an der Berliner Universität das Seminar für Judenmission besucht und –“

„Ach du lieber Himmel!“ ächzte Strösser, „Sie sind ja – Mann Gottes! Sie wollen hier –? – Na, aus fremden Erfahrungen lernt man ja doch nichts. Viel Glück zum Seelenfang!“

„Hören Sie mal, Herr Doktor!“ sagte Bode und wurde rot vor Ärger. „Hier hört für mich der Spaß auf! – Ich bin kein Seelenfänger, ich wünsche aber auch nicht, die Judenmission als Spaß aufgefaßt zu sehen!“ –

Strösser paffte vor sich hin und sagte kein Wort.

„Ich denke, wir gehen jetzt heimwärts“, sagte Bode nach einer Weile und stand auf.

Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Bode fing zuerst wieder an.

„Es tät mir aufrichtig leid, wenn zwischen uns eine Mißstimmung entstehen sollte. – Ich bin etwas verärgert über die vielen Anfeindungen, denen wir Geistliche ausgesetzt sind, wenn wir einmal etwas aus dem altgewohnten Geleise ausbiegen. – Sehen Sie, ich sprach vorhin von den oft verkannten Pflichten des Christen gegenüber dem Juden. Wenn ich an die Verbohrtheit etwa unserer Antisemiten denke –“

„Halt!“ lachte Strösser auf, „da sind wir ja gleich quitt! – Da verstehe ich, wenn’s drauf ankommt, keinen Spaß!“

„Sie sind Antisemit?“ fragte der Pastor gedehnt.

„Sie etwa nicht?“ fragte Strösser lustig zurück.

„Antisemit? Nein – gewiß nicht. Ich verkenne nicht, daß auch mir, zumal in jüngeren Jahren, eine gewisse instinktive Abneigung gegen diese Menschen nicht fern lag; – aber jetzt fühle ich mich als Priester der Religion der Liebe, – nur der Liebe. Und die bringe ich denen, die sie am notwendigsten brauchen. –“

„Es gibt Antisemiten verschiedener Art. Sie wollen den Juden ihr Judentum nehmen, – wenn das nur ginge! – Sie wollen gewissermaßen in den Semiten selbst den Semitismus ertöten. Ist das nicht der wahre Antisemitismus?“

„Da verlieren wir uns in Wortklaubereien! – Ich will die Lehre des Heils künden, – allen Menschen, – auch den Juden!“

„Nun, lernen Sie nur aus eigener Erfahrung!“

„Ich weiß, daß ich noch vieles zu lernen habe. Und ich meine, daß wir alle auch gerade von den Juden manches lernen können. Ihre zähe Anhänglichkeit an ihre Lehre und ihr Gesetz ist mir stets vorbildlich erschienen, – ihre Ergebenheit und ihre Ehrfurcht waren mir stets –“

„Ehrfurcht? – Juden und Ehrfurcht! Der echte Jude hat vor nichts Ehrfurcht, – nicht einmal vor seinem eigenen Gott!“

„Ja, – die liberalen Juden Berlins oder –“

„Ach, wer spricht von den Brüdern!“ Strösser machte eine verächtliche Armbewegung. Nein. Nehmen Sie ruhig die alten Juden von hier, die alten frommen Juden, – – beiläufig, der Ausdruck fromm ist ungeschickt! ‚Fromm‘ in unserem Sinn sind sie nicht.“ –

„Wer ist nicht fromm? – Ich sollte doch meinen, daß die tiefe Religiosität der alten Juden für jeden noch ein erbauliches Exempel sein könnte. Schon wie die kleinen Jungen ihre heiligen Bücher lesen: ich war einmal in solch einer jüdischen Knabenschule, – wie sie es nennen. Ich konnte natürlich nichts verstehen, und der äußere Eindruck erinnerte mich an eine Negerschule, wie ich sie gelegentlich auf einer Ausstellung in Berlin gesehen habe, aber doch – dieser heilige Eifer –“

„Und wissen Sie, was diese kleinen Judenjungen mit so heiligem Eifer studierten? – Vielleicht die Gesetze über den ehelichen Verkehr, – der ja ganz detailliert geregelt sein soll, – oder –“

„Ich bitte Sie: Knaben von acht, neun Jahren!“

„Da haben wir’s ja! Sie legen europäische Maßstäbe an! Das ist ganz verfehlt! Der Inhalt der Lektüre ist denen übrigens ganz gleichgültig; den merken sie kaum vor lauter Tüfteleien und Spielereien mit Worten und Einzelheiten! Und die ‚Andacht‘ dieser Jungen! Die sind allesamt alt geboren. Und sie sind die respektloseste, autoritätenfeindlichste Gesellschaft, die es gibt. Es gibt nur Skepsis und Zweifel und Frage und Opposition; sie nehmen kein Wort unbesehen hin, und der kleinste Talmudjünger opponiert frech gegen den ältesten Rabbi, der schon tausend Jahre im Schoße Abrahams ruht. Sie wollen alles wissen und glauben gar nichts! Sie glauben allenfalls mal an sich selbst! Das ist ihr einziger Glaube!“

„Na, das geht dann doch zu weit“, rief Bode. „Ohne Glauben, – Israel das Glaubensvolk, – das Volk, das doch schließlich den reinen Gottesglauben zuerst gepredigt hat, – von dem wir selbst –“

„Wir wollen lieber auf dieses Thema nicht näher eingehen, Herr Pastor“, sagte Strösser vorsichtig. „Vielleicht ein anderes Mal! – Ob wir von den Juden den Glauben haben oder den Unglauben, ist noch die Frage. Und letzten Endes war der selige Ramses gläubiger als der Dekan der theologischen Fakultät in Greifswald. Jedenfalls glaubte er mehr! – Aber worauf es für unsere Auseinandersetzung schon eher ankommt: Wie stellen Sie sich das Verhältnis dieser Leute zu ihrem Gott vor?“

„Wie soll ich das sagen? – Jedenfalls so wie bei jedem Gläubigen jedweden Bekenntnisses, – so wie wir alle es zu erringen bestreben!“

“Na, – Sie sollten die Leute mal näher kennenlernen! Die Haare würden Ihnen zu Berge stehen, wenn Sie hören, welche Geschichten sich Ihre alten Juden mit den Patriarchenbärten erzählen, – welche menschliche Rolle da der liebe Herrgott spielt, – wie er bisweilen sogar der Genasführte ist.“ –

„Aber das kann ich mir gar nicht vorstellen! Das wäre in der Tat unvereinbar mit jener Ehrfurcht, die –“

„Ich weiß! In Preußen da gilt es ja als Sakrileg, einen Bibelvers profan zu zitieren.“

„Nicht mit Unrecht, Herr Doktor! Heilige Schrift ist Heilige Schrift!“

„Sagen Sie mal, Herr Pastor! Waren die alten Griechen Ihrer Meinung nach gottesfürchtig, – ich meine, hatten die jene Ehrfurcht vor dem Heiligen?“

„Vor dem, was sie für heilig hielten! Zweifellos, – in den älteren Perioden!“

„Gut! Und wie reimen Sie sich damit die griechische Mythologie zusammen, in der doch Papa Zeus und einige aus seiner Familie oft eine recht heikle und oft eine sehr komische Rolle spielten?“

„In der Tat! – Und Sie meinen, daß ähnlich auch die Juden –“

„Ich meine gar nichts über die Juden! Und wenn ich mal irgend etwas zu verstehen glaube, wird das kurz darauf durch den Augenschein dementiert. – Ich stelle lediglich einige Tatsachen fest. – Und ich weiß, daß man sich hüten soll, sich von den Juden ein Bild nach seiner Phantasie zu konstruieren, und daß man nicht in eine falsche Sentimentalität ihnen gegenüber verfallen soll, wozu Sie auf dem besten Wege sind, Herr Pastor. – Es geht den Juden hier im heiligen Rußland miserabel. Stimmt! Wir Deutsche haben uns nun zu hüten, daß sie sich nicht zu uns flüchten, wie sie sich Anno dazumal vor uns nach Polen geflüchtet haben. – Sie sind imstande, unser ganzes bißchen Kultur umzustülpen, und haben das schon zum Teil fertiggebracht!“

„Sie halten die Juden nicht für ein Kulturvolk?“

„Was heißt Kulturvolk? Es gibt nur Kulturvölker! Jedes Volk hat seine mehr oder minder entwickelte Kultur! Es gibt aber keinen gemeinsamen Kulturmaßstab! Die Juden mögen eine bessere Kultur haben, – oder ihre Kultur mag älter, entwickelter sein! Um so schlimmer, – weil um so gefährlicher! Man muß ihnen die Kehle zudrücken, ehe es zu spät ist! Das ist Notwehr! Der Russe hat ganz recht!“

„Das ist kein Christentum!“

„Das ist praktisches Christentum! Die Kirche hat nie anders gehandelt, da wo sie die Macht in Händen hatte. – Das ist kein Haß, das ist die auf das richtige Objekt, auf das Nahestehende gelenkte Liebe! – Das ist Selbstschutz! – Sehen Sie sich die Juden an: – ausgestattet mit einer unheimlichen Intelligenz, – frei von den Fesseln des Autoritätsglauben und der Fessel des Dogmas, – ohne Respekt vor Mumien aller Art, – nüchtern in jeder Beziehung, – fleißig im höchsten Grade, – durch ihren Familienzusammenhalt und durch die ängstliche Wahrung der Stammesreinheit, durch ihre Abschließungsgesetze alle ihre Eigenschaften nicht nur bewahrend, sondern verstärkend und direkt züchtend, bilden sie eine furchtbare Macht. – Und man muß sie totschlagen, ehe sie sich dieser Macht bewußt werden und sich ihrer bedienen!“

„Eigentlich haben Sie da eine Menge guter Eigenschaften aufgezählt, Herr Doktor“, meinte der Pastor lächelnd. „Wenn man die Folgerung wegließe, könnte man Sie leicht für einen Lobredner Judas halten. Denken Sie an den Bileam der Bibel, der kam, um den Kindern Israels zu fluchen, der sie aber segnete, als er ihre Zelte sah.“

„Ganz recht, – der ihre Vorzüge erkannte und aufzählte! – Stimmt! Sein Auftraggeber, der selige Balak, mag schön geschimpft haben. Er hatte doch fürs Fluchen bezahlt! – Aber die Juden sind klüger, und bei ihnen gilt Bileam bis heute als der böseste Antisemit, – eben weil er ihre Stärke sah! – Und nehmen Sie mir’s nicht übel, Herr Pastor, daß ich Ihnen ins Handwerk pfusche; – wenn Sie schon bei Balak und Bileam sind: Balak versuchte es nach der Bibel mit Milde und Liebe; er versuchte den Israeliten, statt wie Amalek es mit dem Schwerte tat, mit Liebe beizukommen, sie zu sich herüberzuziehen und sie zu bekehren. Und die Folge zeigte, daß Moab von den Juden mehr gehaßt wurde als Amalek. Sie werden sich wenig Dank bei den Juden verdienen.“

„Mir ist es auch nicht um ihren Dank zu tun, Herr Doktor!“, sagte der Pastor, unter seiner Tür stehenbleibend. „Aber mir stimmt da in Ihren Worten noch manches nicht. Ich wittere Widersprüche.“ –

„Selbstverständlich! Ich mache gar keinen Anspruch darauf, ein System zu entwickeln! Ich sehe selbst die Sache zu verschiedenen Zeiten verschieden an. – Aber mein ceterum censeo ist –“

„Hierosolymam esse delendam“, lachte der Pastor und schüttelte Strösser die Hand. „Da gehen wir auseinander. Lassen Sie mich gewähren, und – ich gebe Ihnen Ihren Rat zurück. Mit Ihren Reden gegen die Juden, die wie Lobreden für die Juden aussehen, werden Sie auf keiner Seite Beifall finden. – Es ist da schon besser, diese Anschauungen für sich zu behalten und jedenfalls nicht vor weiteren Kreisen zu verlautbaren.“

„Das meinte Bileams Reittier auch. Adieu!“ sagte Strösser und stapfte trotzig davon.

[ IV ]

„Du bist heute aber lang ausgeblieben, Johannes!“ rief Frau Marie aus der Küche und segelte mit erhitztem Gesicht ins Zimmer, in den Händen die Schüssel mit dampfenden Kartoffeln in der Schale. Nun greif man rasch zu! – Gesegnete Mahlzeit! – Die Kartoffeln haben viel zu lange gestanden. Und dann ängstige ich mich wirklich manchmal; mir ist es hier noch ziemlich unheimlich. Diese Frauen mit den Kopftüchern oder gar die Judenweiber mit ihren Perücken, – und die Männer mit den großen Bärten. Als ob sie alle ihr Gesicht verstecken wollten! – Papa ließ sich täglich rasieren, und wie glatt Mamas Haare immer nach hinten gestrichen waren, weißt du ja. Ganz so bekomme ich es noch nicht raus! – Und man soll es doch dem Menschen von weitem schon ansehen, daß er schlicht und einfältig ist, – sagte Papa immer. Er meinte natürlich die Einfalt des Herzens. Selig sind – Wenn du lange so auf den Teller starrst, Johannes, werden die Kartoffeln ganz kalt. – Ich glaube auch, mit der Lise wird das auf die Dauer nichts werden; sie ist zu dumm, und dann versteht sie mich immer falsch; ich kann auch ihr schauderhaftes Deutsch nicht anhören. Sie ist schon halb Russin geworden, und ich glaube, ihr bißchen Deutsch hat sie nur noch von den Juden. Das ist aber auch danach! – Schließlich ist es ja kein Wunder; die Eltern wohnen schon 20 Jahre hier oder länger, und sie hat Deutschland nie gesehen. Wo soll da das Deutsch auch herkommen? – Und daß ich mich auf dem Markt nicht verständlich machen kann! Ich muß doch wahrhaftigen Gott mich an die Judenweiber halten, – da geht es so halb und halb. Aber sie sprechen auch ein komisches Deutsch zusammen, und gern lasse ich mich nicht mit ihnen ein. Sie sind doch nun mal die vom Herrn Gezeichneten, wie Papa immer sagte, – und was du mir erzählt hast, Johannes, daß die Juden hier vor Jahrhunderten aus Deutschland ausgetrieben und hierhergekommen sind, – das ist ja alles recht schön und gut, – aber ich meine, – so schnell hätten sie die deutsche Sprache doch nicht vergessen dürfen. Wie die unser liebes gutes Deutsch zurichten! – Da sieht man wieder, wie schlechte Deutsche sie doch gewesen sein müssen! Und man wird schon gewußt haben, weshalb man sie austrieb! – Obwohl sie ein erhebendes Exempel für die Christen sind, und ich meine, einige sollte man deswegen doch immer behalten. – Bei uns kam ja auch der Dr. Lilienfeld öfter ins Haus; Mama mochte keinen anderen Arzt, und Papa ist ja nun mal so duldsam. – Der andere, der Dr. Wendel, war auch eigentlich immer betrunken, und dann erzählte man von ihm solch böse Geschichten. Sonst wäre auch bei uns in unserer Stadt kein Jude aufgekommen, – aber Kreisphysikus ist natürlich dann doch der Wendel geworden, weil wir doch schließlich in einem christlichen Staate leben. Und denke dir nur, – der Lilienfeld ist gleich danach weggezogen, – nach Stettin; Anhänglichkeit haben diese Leute eben nun mal nicht, und es soll ihm auch sehr gut gehen. Seitdem ist Mama aber sehr böse auf die Juden überhaupt, und der alte Lewin bekam nicht mehr Papas aufgetragene Kleider zu kaufen. Die Sünden der Väter werden an den Kindern heimgesucht! Eigentlich ist ja der Lewin viel älter gewesen als der Lilienfeld, und am Ende war er auch gar nicht mit ihm verwandt. – Aber das ist ja schließlich egal! Recht muß Recht bleiben, sagte Papa immer. Gesegnete Mahlzeit!“

Wie Frau Marie es eigentlich fertigbrachte, während ihrer unaufhörlich sprudelnden Tischreden auch ihrem Appetit gerecht zu werden, blieb ihrem Mann und ihren Gästen von jeher ein Rätsel. Ihre rundliche Fülle aber, ihr zufriedenes und gutmütiges hübsches Gesicht ließen ernstere Besorgnisse um ihr leibliches Wohl nicht aufkommen. – Da nun der Pastor liebte, seine Mahlzeiten in stiller Sammlung und Beschaulichkeit zu sich zu nehmen, kamen alle beide so zu ihrem Recht. – Nach Tisch aber gehörte ihm das Wort; stillschweigend legte Frau Marie ihm dann die goldschnittgebundenen „Stunden häuslicher Erbauung“ hin und setzte sich selbst mit ihrem Häkelzeug in die Sofaecke. Bode las dann ein Kapitel und knüpfte daran eigene Bemerkungen; – dabei kamen ihm allerlei fruchtbare Gedanken, und er machte sich ab und zu Notizen für künftige Predigten. Frau Marie warf selten ein Wort dazwischen, und so unterhielten sich die Eheleute eigentlich stets in Monologen. Bode las, meditierte und notierte noch gewöhnlich eine Weile weiter, nachdem seine Frau in ihrer Ecke schon eingeschlummert war, bis dann um zehn – nie später, manchmal etwas früher, – er seine Uhr knarrend aufzog, worauf Frau Marie erwachte und beide dann sich in ihr Schlafzimmer zurückzogen. – Es war das eine behagliche und bekömmliche Hausordnung, von der selten abgewichen wurde.

Heute aber blätterte der Pastor so lange unentschlossen in dem Buche, daß Frau Marie schon verwundert aufschaute und mit leiser Ungeduld sagte:

„Aber so lies doch schon, Johannes! Das Buch ist doch überall gleich schön und erbaulich. Und man kann überall anfangen. – Ich bin schon etwas schläfrig.“

Bode klappte das Buch zu und fragte etwas zögernd:

„Wie wäre es, wenn wir einmal zusammen den Faust lesen würden? Hast du Lust?“

Frau Marie starrte ihn aus runden Augen verwundert an.

„Faust?“

„Ja, Faust! Goethes Faust! – Ich meine, ich könnte ihn mal ganz gut wieder lesen, und du wirst auch schon viel vergessen haben.“

„Ja“, sagte Frau Marie gedehnt „den Walzer habe ich ja mal gespielt; Mama wollte eigentlich nicht, daß ich Tänze spiele – aber Papa sagte ‚Goethe‘! – Papa war ja so duldsam.“

„Aber, liebes Kind!“ sagte Bode und begann wieder in den „Erbauungsstunden“ zu blättern, ich spreche nicht von der Oper! – Wann hast du Goethes Faust – hast du überhaupt Goethes Faust – also den richtigen Faust –, den Faust von Goethe – hast du den überhaupt schon gelesen?“

„Ich weiß wirklich nicht“, sagte Marie ahnungslos. „Warte mal!... In der Schule lasen wir von Schiller ‚Maria Stuart‘ und ‚Die Braut von Messina‘ und von Goethe ‚Torquato Tasso‘ – o, der ist himmlisch! Was haben wir für Dr. Rütenbusch geschwärmt! – Aber warte mal – ich kenne noch mehr Stücke von denen. In unserem Kränzchen lasen wir die Iphigenie mit verteilten Rollen von Goethe und ‚Im Hause des Kommerzienrats‘ von Heimburg – oder der Marlitt – das weiß ich nicht mehr recht, weil wir auch von der anderen ein Buch gelesen haben; da weiß ich den Namen nicht mehr. Papa wollte, wir sollten auch etwas Modernes lesen, damit wir wissen, wie es in der Welt zugeht. – Nein – Faust habe ich also nicht gelesen. Aber natürlich kenne ich ihn; Dr. Rütenbusch hat mir zur Einsegnung eine Literaturgeschichte geschenkt – in silbergrauem Einband –, und weil sie von ihm kam, habe ich sie richtig studiert. – Das ist ja auch so eine Liebessache; ich glaube, sie bekommen sich nicht. – Papa meinte auch immer, solche Sachen seien nicht für junge Mädchen; und nachher, ich meine, wenn man verheiratet ist, dann hat man doch wichtigere Dinge zu tun, – ach ja – dann kommen die Pflichten. Und ob ich nun den Faust gelesen habe oder nicht – davon werden die Klöße auch nicht besser. Im Gegenteil! Wenn ich so an Hilde Lilienfeld denke – die hat den ganzen Tag geschmökert, aber ob sie einen anständigen Eierkuchen machen kann, das möchte ich noch bezweifeln – aber sehr!“

Bode hatte den Band Goethes aus dem Regal geholt und blätterte darin verloren.

„Wenn du gern willst, lieber Johannes“, meinte Marie, „so lies ruhig ein bißchen Faust vor. Es ist heute doch schon spät, und ich schlafe bald ein. Das wäre doch schade um die Erbauungsstunden.“

Da legte Bode den Goethe weg, nahm mit einem hastigen Griff den Goldschnittband und begann eilig und laut zu lesen; anfänglich stand sein grimmiger Tonfall in merkwürdigem Gegensatz zu den sanftmütigen und verzuckerten Worten, die er las. – Bald aber wurde seine Stimme sanfter und plätscherte eintönig dahin; als Frau Marie, wie sie es geahnt hatte, eingeschlafen war, nahm er den Goetheband wieder vor und vertiefte sich in die literaturhistorische Einleitung des gelehrten Herausgebers.

Pastor Bode hatte einen Plan gefaßt.

[ V ]

Wenn Pastor Bode einmal einen Plan gefaßt hatte, so war er auch der Mann, ihn auszuführen. Er war nach Borytschew mit der Absicht gegangen, den Juden dort die Heilslehre zu bringen oder doch wenigstens an der Quelle die Seelen zu studieren, die er retten wollte. – Bislang aber hatte es ihm an jeder Gelegenheit gefehlt, mit den Juden in Fühlung zu kommen. Er suchte nach einem Anknüpfungspunkt und war überzeugt, daß eben nur der erste Anfang das Schwierige sei. – Da schien ihm die Begegnung mit dem jungen jüdischen Faust-Leser ein vom Himmel gegebener Fingerzeig; diese Gelegenheit auszunutzen, war er entschlossen. Und nun wappnete er sich mit geistigem Rüstzeug.

In den nächsten Tagen ging er öfter allein gegen Abend am Boulevard spazieren, und fast regelmäßig traf er das stets in das Fauststudium vertiefte Paar. Er faßte die beiden scharf ins Auge, aber sie beachteten ihn gar nicht.

Eines Abends, als er ihnen von weitem gefolgt war, bis sie sich verabschiedeten, beschleunigte er seine Schritte, um Jossel einzuholen, der langsam, das Buch in der herabhängenden Hand, seines Weges ging.

„Sie haben da ein gutes Buch in der Hand, junger Freund!“ sagte Bode, auf den Reclamband deutend. Es sollte so aussehen, als ober er den Titel im Vorbeigehen gelesen habe. „Erschrecken Sie doch nicht!“ setzte er freundlich hinzu, denn Jossel war wie aus tiefen Träumen aufgeschreckt herumgefahren und starrte ihn verständnislos an. „Erschrecken Sie doch nicht so! Ich sagte nur: Sie haben da ein gutes Buch!“

„Hä?“ stieß Jossel hervor, offenbar noch ganz verstört. Er hatte den Mund weit aufgesperrt und verzogen, die Augen halb zusammengekniffen und den Kopf auf die Seite gelegt. „Hä?“

„Ich sage: Sie haben da ein gutes Buch!“

„Das Buch?“ stieß Jossel hervor.

„Ja – den Faust von Goethe. Das ist ein sehr gutes Buch – freilich nicht für jeden!“

Jossel schien sich inzwischen gesammelt zu haben.

„Sie kennen das Buch?“ fragte er etwas mißtrauisch.

„Gewiß!“ lächelte der Pastor. „Es ist ja ein deutsches Buch und eins von unseren besten Werken. – Nun sagen Sie mal: Verstehen Sie das Buch?“

„Ob ich verstehe? – Das Buch? – Wieso nicht? – Verstehen Sie nicht?“ –

Bode runzelte die Stirn; er fand nicht, daß seine freundliche Herablassung genügend anerkannt wurde, und er hatte nicht darauf gerechnet, selbst katechisiert zu werden. – Er war nicht mehr so sicher, daß sein geplantes Anerbieten, jenem den Faust zu erklären, mit überströmender Dankbarkeit begrüßt werden würde.

„Wollen Sie mich besuchen?“ sagte er aber entschlossen. „Ich bin gern bereit, mich mit Ihnen über den Faust zu unterhalten.“

„Gut!“ meinte Jossel gleichmütig. „Sie haben vielleicht Fragen – werde ich Ihnen gern erklären.“

So hatte sich nun freililch Bode den Verlauf nicht gedacht; er mußte lächeln. Die Hauptsache war ja aber, daß er mit den Juden in nähere Berührung kam und daß sich ein gemeinsames Interessengebiet ergeben hatte. – Das Weitere würde sich finden. –

Und so kam es zu Frau Maries großem Erstaunen, daß Jossel eine halbe Stunde später neben dem Pastor an dessen großem Studiertisch saß und mit ihm redete, als ob sich das nur so von selbst verstünde.

Die anfänglichen Sprachschwierigkeiten wurden leicht überwunden; verstand der Pastor ein Wort nicht, so standen Jossel hunderterlei Umschreibungen zu Gebote, und mit Zuhilfenahme einer lebhaften und eindrucksvollen Gebärdensprache konnte er schließlich sich stets verständlich machen; was aber der Pastor hervorbrachte, erriet er oft fast instinktiv.

Bode, dem ja der Faust nur Mittel zum Zweck war, steuerte energisch auf sein eigentliches Ziel los. Und er hatte die literaturhistorische Abhandlung seiner Goetheausgabe nicht umsonst studiert.

„Die Dinge, die Sie da berühren, lieber Freund“, sagte er, eine langatmige Erörterung über den Erdgeist abschneidend „diese Dinge betreffen alle nur Einzelheiten und Kleinigkeiten. Sehen Sie die Idee des Ganzen an; welches ist die Grundidee des Faust, in die alles mündet? – Ich will es Ihnen sagen: das ist die allein beseligende, alles umfassende, alles vereinende Liebe! Die Liebe – wie sie seit Jahrtausenden gepredigt wird. Aber die Lehre der Liebe wird oft nicht gehört von denen, die sie am ehesten angeht, und ihre Künder werden ans Kreuz geschlagen. –

Hier vorn, im Prolog im Himmel – da haben wir das gewaltige, starke, harte alte Testament – die Wette des Herrn mit dem Satan – den Vertrag – das Gesetz! – Aber hier am Schluß, da haben wir die verklärende Liebe, – die eins ist mit dem Glauben und der Hoffnung. Faust hat die Wette verloren – denn er ist zufrieden. Und nach seiner Wette ist damit seine Seele dem Satan verfallen. Satan besteht auf seinem Schein, auf der Wette, – auf dem, was man nach dem starren Wortlaut des Gesetzes sein Recht nennen könnte. Aber die Liebe siegt über das Gesetz, und das ‚ist gerichtet‘ des ersten Teiles wandelt sich auch hier durch die göttliche Gnade in das ‚ist gerettet‘! Faust fährt nicht zur Hölle, sondern sein unsterbliches Teil wird in die ewige Seligkeit entführt – während Satan enttäuscht und um seine Hoffnung betrogen zusammenbricht. – Das ist die Idee des Faust – und darin liegt seine hohe sittliche Kraft!“

Jossel starrte offenen Mundes den Pastor an; durch einige Fragen stellte er endgültig fest, was eigentlich dessen Meinung sei. Dann begann er wild im Faust zu blättern, schaukelte sich lange und aufgeregt und redete in einem unverständlichen Singsang mit sich selbst.

Bode sah erstaunt dieser gymnastisch-musikalischen Methode der Faustforschung zu und wartete geduldig, bis Jossel endlich zu einem Resultat kam. – Er hatte nicht allzulange zu warten – bis Jossel ihm den Kopf zuwendete und sagte:

„Ich werde Ihnen alles erklären; Sie haben sich ganz geirrt. – Es ist ganz gerecht, wenn Faust nicht zum Satan kommt – denn der Satan hat die Wette glatt verloren. – Es ist da gar keine Liebe nötig.“

Und dann setzte er in langer Rede auseinander, daß nach des Pastors Auffassung Goethe die Leser beschwindelt hätte und der Herr den Satan. Der Leser spitzt sich erst auf den Austrag der Wette, und nachher zum Schluß soll es gar nicht darauf ankommen. – Und der Satan sei dann immer noch viel ehrlicher als der Herr, auf dessen Wort er sich verlassen habe. – Es wäre von dem Herrn doch wirklich eine sehr häßliche Sache, sich erst auf eine Wette mit dem Satan einzulassen, und nachträglich, wenn er sieht, daß die Sache nicht gut läuft und er verliert, kraft seiner überlegenen Macht sich den Gewinn zu nehmen und Satan, der doch so viel Mühe und Unkosten gehabt habe, noch obendrein auszulachen.

Und was mit der Liebe sei? – Dann höre doch gar alles auf! Dann gäbe es doch gar keine Gerechtigkeit mehr! – Da werde also der Sünder gleich dem Braven behandelt! – Wenn die Liebe alles verzeiht – was denke sich denn Goethe unter dem Satan? Wovon lebt der? Wie betreibt er sein Geschäft? – Welche Seelen kann er dann jemals bekommen? –

Nein! Die Sache sei ganz einfach und der Pastor hätte die Sache nur verwirrt, weil er die Unterhaltung von Faust und Mephisto mit der Wette zwischen dem Herrn und Satan zusammengeworfen habe. – Faust gehe gar keine Wette ein, sondern er schließt einen Vertrag, nach dem auf Erden Mephisto ihm dienen solle – umgekehrt er jenem, falls er in die Hölle komme. „Wenn wir uns drüben wiederfinden.“ – Ob er überhaupt in die Hölle kommen würde, darüber kann er mit Mephisto gar nichts abmachen. Die Bedingungen, unter denen er zur Hölle kommen würde, sind schon endgültig im Prolog festgestellt. – Und wenn Faust sagt „Werd‘ ich zum Augenblicke sagen“ usw., so soll damit nur der Zeitpunkt des Todes bestimmt werden.

Aber der Herr hat seine Wette gewonnen, denn Faust hat bei allen Versuchungen sich nie verloren, ist nie im Genuß untergegangen, ist nie „von seinem Urquell abgezogen“.

Die Wette werde also ganz gerecht erfüllt, und von einem Sieg der Liebe über die Gerechtigkeit sei nirgends die Rede! –

Bode war sehr betroffen! – Er ahnte ganz deutlich, daß die Argumentation Jossels angreifbar wäre. Aber er konnte eben nur allgemein sein Dogma von der Liebe gegenüber dem Prinzip der Gerechtigkeit als höchstem Ideal verteidigen. Er fühlte sich nicht imstande, seine Anschauung über den Faust zu belegen und verlor so gleich im Anfang den Beistand seines Sekundanten Goethe, auf den er sich verlassen hatte. Jossel aber war vom Faust nicht abzubringen und zeigte sich allgemeinen philosophischen Spekulationen gänzlich abgeneigt.

Doch gewann der Pastor sein Herz, als er ihm seinen Petiskus2) vom Regal herabholte und ihn in die Geheimnisse griechischer Mythologie, damit auch in die der klassischen Walpurgisnacht, einführte. Und so trafen sich Evangelien und Talmud im Olymp. –

In Jossel stieg aber nun von Tag zu Tag das Verlangen, mehr von jener unbekannten Welt des Wissens zu erfahren, in die er einen Blick geworfen hatte. Schritt auf Schritt stieß er jetzt auf Lücken seines Wissens, und seit er sich aus dem vertrauten Gebiet des Talmudstudiums herausgewagt hatte, fühlte er sich auf unsicherem Boden.

Chane, die Jossel in alle seine neuen Freuden und Leiden einweihte, regte in ihm große Pläne an, – die ganz ihren eigenen brennenden Wünschen entsprachen, – aus der engen Welt ihrer Umgebung herauszukommen, zu lernen, zu studieren, – Freiheit zu atmen. Sie wollte die Grenze des Ghetto überschreiten, wie sie die Sabbatgrenze überschritten hatte.

Und auch über diese Grenze folgte ihr Jossel. Sie fanden sich im gemeinsamen Drange nach Freiheit und Wissen; als die Verlobungsbriefe geschrieben wurden, stand es für sie fest, daß sie gleich nach der Hochzeit nach Deutschland gehen würden, um zu studieren.

Niemand wußte von diesen Plänen – Pastor Bode nicht, dem so ein Stück Hoffnung geraubt werden sollte – noch Berl Weinstein, als er sich zu seiner gewohnten Reise aufmachte. Aber so hatte mittelbar Pastor Bode in Borytschew doch dazu beigetragen, daß in London Rev. Hickler die Taufe an Berl Weinstein vollziehen konnte. Nur schade, daß er von diesem nie etwas erfuhr, denn Berl Weinstein hütete sich wohl, in Borytschew jemals von dem lukrativen Erwerbszweig, den er entdeckt hatte, etwas verlauten zu lassen. –

Den Ausschlag für Jossel aber hatte ein Brief seines früheren Lehrers Wolf Klatzke gegeben, bei dem er vor Jahren deutsch lesen gelernt hatte und der vor kurzem nach Deutschland ausgewandert war. Der schrieb ihm, wie gut es ihm in Berlin gefalle und wie herrlich das Land sei. Alle Weisheit der Welt sei dort zu finden, hieß es, und ein fleißiger Mensch könne sich dort leicht ein anständiges Auskommen schaffen, so daß er sich ruhig dem Studium der Weisheit zu widmen in der Lage sei. – Er, der Briefschreiber selbst, sei in glänzender Position – er sei literarisch mit großem Erfolg tätig, und er sei gern bereit, ihm, Jossel, bei seinem Fortkommen an die Hand zu gehen. Er rate ihm dringend, auch nach Berlin überzusiedeln.

Dieser frühere Lehrer Jossels hatte, noch bevor er sein Lehrer wurde, sich schon der Reihe nach und zum Teil gleichzeitig als Obsthändler, Spekulant, Vagabund, Schnorrer, Chorsänger und in einigen anderen Erwerbszweigen betätigt und war damals, als er mit Jossel zusammengekommen war, gerade zehn Jahre alt gewesen.

EIN LITERARISCHES UNTERNEHMEN

[ I ]

Es ist einigermaßen zweifelhaft, ob etwa ein Goethe oder ein Lessing, in ihrer Art doch gewiß Leute, die ihr Metier verstanden, in der Lage gewesen wäre, in dem Zweige der Literatur, den Wolf Klatzke sich erwählt hatte, zu reüssieren. Während sich diese Männer verhältnismäßig leicht gangbare Gebiete ausgesucht hatten, hatte Wolf Klatzke sich ein überaus schwieriges Spezialgebiet zum Tummelplatz seiner Talente gewählt, als er eine Anstalt zur Anfertigung von Bettelbriefen ins Leben rief.

Mit Phantasie, Sprach- und Stilgefühl, mit Schriftgewandtheit allein war da kein Erfolg zu erzielen; zu einem Schnorrbrieflieferanten gehört bei weitem mehr – er muß ein tiefer Psychologe sein, er muß virtuos auf allen Instrumenten des Gemütes wie des Verstandes zu spielen verstehen – er muß eine umfassende Kenntnis gar vieler Dinge und Verhältnisse besitzen – er muß – was muß er nicht alles! – Und was das bedeutsamste Charakteristikum dieser Art literarischer Produktion ist, wodurch sie sich von jeder anderen Literaturgattung unterscheidet und wodurch sie um so viel schwieriger und mühevoller wird: jedes Erzeugnis der Feder des Schnorrbriefschreibers ist in der Regel nur für einen Leser, höchstens einmal für einen kleinen Kreis von Lesern bestimmt; gerade auf diesen einen Leser muß der Brief wirken, und die Wirkung muß spontan sich in bare Münze umsetzen. – So müssen also Ton und Inhalt jeweilig genau auf den Empfänger abgestimmt werden, und der wäre ein elender Stümper, der da glaubte, mit einem und demselben Brief auf eine Menge von Leuten in gleicher Weise wirken zu können. Gerade diese Kreise, auf welche die Kunden von Wolf Klatzke reflektierten, setzten sich aus lauter ausgesprochenen Individualitäten zusammen, welche sorgfältig studiert werden müssen.