Tom - Marion Bergmann - E-Book

Tom E-Book

Marion Bergmann

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Beschreibung

Ein Zugabteil, eine flüchtige Begegnung und eine Lebensgeschichte, die unter die Haut geht. Als Tom von seinem Leben erzählt, entfaltet sich ein Schicksal voller Brüche und Wendungen. Eine Kindheit im Schatten einer zerstörerischen Sucht, der Verlust eines geliebten Menschen und die ständige Suche nach einem Ort, der sich wie ein Zuhause anfühlt. Er spricht von den Jahren in Berlin, über die Monate in Kenia und von der prägenden Zeit in Indien. Tom kämpft sich durch die Dunkelheit, um schließlich Licht zu finden. Doch kann man Frieden mit der Vergangenheit schließen, wenn sie einem alles genommen hat? Authentisch und bewegend zeigt diese Biografie, dass selbst die schwersten Wege zu neuen Anfängen führen können. Wie ein Schiff, das nach einem Sturm endlich sicher im Hafen ankommt.

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Seitenzahl: 330

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für Tom

Vorwort

Auf einer Zugfahrt nach Basel kam es zu einer unerwarteten Begegnung, die mein Herz tief berührt hat. In einem kleinen Abteil mit sechs Plätzen saß ich einem jungen Mann gegenüber, der abwesend aus dem Fenster schaute, während draußen die Landschaft an uns vorbeiflog. Wir waren zu zweit und doch war jeder für sich. Irgendwann trafen sich unsere Blicke, lächelnd schauten wir uns in die Augen. Und dieser kurze Moment genügte, um eine Atmosphäre der Vertrautheit zu schaffen. Als würden diese Sekunden ein unsichtbares Band zwischen uns weben.

Später erzählte mir Tom, dass es meine Ausstrahlung war, in der er Verständnis, Offenheit und Empathie spüren konnte und die ihn dazu bewog, mir von seinem Leben zu erzählen.

Seine Worte offenbarten eine Welt voller Herausforderungen, durchdrungen von einer traurigen Realität, die ich kaum fassen konnte. In den Stunden, die wir gemeinsam in dem Abteil verbrachten, gewährte er mir Einblick in seine Seele, indem er mir von seiner Mutter erzählte. Von einer Frau, die dem Alkohol verfallen war, und von seinem Leben, das von der Last der frühen Verantwortung geprägt war. Von einem Vater schließlich, der sich seinem Sohn einfach entzog. Ich nahm nichts mehr um mich herum wahr, nur noch seine Worte.

Am Ende unserer gemeinsamen Reise tauschten wir unsere Telefonnummern, um in Kontakt zu bleiben. Und wir trafen uns wieder, in Berlin.

Dort wagte ich ihn zu fragen, ob ich seine Geschichte niederschreiben dürfe, um sie später zu veröffentlichen.

»Sicher, warum nicht?«, sagte er. »Ich bin da ganz offen und bereit, meine Erfahrungen mit anderen zu teilen.«

Wir begannen damit, uns regelmäßig zu treffen, um uns auszutauschen und über das Geschriebene zu sprechen. Bei jedem dieser Treffen wurde ich von Emotionen überwältigt, war oft zu Tränen gerührt. Diese innigen Momente formten eine tiefe Freundschaft, die weit über die folgende Geschichte hinausreicht.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Kapitel

2003

2. Kapitel

2004

Renate

3. Kapitel

2007

4. Kapitel

2011

5. Kapitel

Kenia

6. Kapitel

2013

7. Kapitel

2016

8. Kapitel

2017

Nachwort

1. Kapitel

2003

Ostberlin, Stadtbezirk Marzahn. Apathisch, nahe dem Gefrierpunkt, sitzt er auf der Brüstung eines Balkons im 21. Stockwerk. Seine Beine baumeln über dem Abgrund-Das war’s. Kurz, schwer, nicht mehr zu ertragen. Sein Leben.

Wie oft hat er sich nichts weiter als Gedankenflüge gewünscht. Sich in der Helligkeit bewegen. Auch mal Luftschlösser bauen. Einer Illusion entgegenfiebern, irgendeiner. Nur in Gedanken. Selbst das klappt nicht mehr. Sein Kopf ist leer, sein Inneres eisig, als wäre sein Körper mit kaltem Fischblut gefüllt. Wie betäubt umklammert er das Geländer des Balkons. Zentimeter für Zentimeter neigt er seinen Oberkörper nach vorn. Noch hat er an der hellblauen Wellblechverkleidung Halt mit den Füßen. So sitzt er teilnahmslos, fernab von allem, was da unten auf der belebten Straße passiert, eine Ewigkeit nun schon, unbemerkt, dem Himmel ein Stück näher.

Die Schwärze der Nacht lastet wie ein gallertartiger Klumpen auf seiner verzweifelten Seele.

Tom ist am Ende, an der kältesten, dunkelsten Stelle seines Lebens. Nicht zum ersten Mal sieht er seine Lebenssituation als ausweglos. Es ist niemand da, der ihm Halt geben kann, niemand, der ein halbwegs normales Leben führt. Er hat nur seinen Freund Alex und der kommt mit seinem Dasein selbst nicht klar.

Warum spielt Liebe keine Rolle in meinem Leben und warum ist meine Mutter meine Mutter?

Er kann nicht mehr. Er will nicht mehr.

Den ganzen Nachmittag war Alex bei Tom, obwohl Tom ihn zunächst gar nicht reinlassen wollte. Durch die jahrelange Freundschaft spürte Alex allerdings, dass er seinen Freund besser nicht mit sich allein lassen sollte.

»Mensch, Tommy, jetzt rede endlich«, forderte Alex ihn auf, nachdem sie lange schweigend in Toms Zimmer gesessen hatten.

»Es gibt nichts zu reden, kapier das doch endlich. Es wird sich nichts ändern, tagein, tagaus der gleiche Wahnsinn. Ich hab da keinen Bock mehr drauf«, gab Tom genervt zurück.

Alex überlegte krampfhaft, wie er seinen Freund auf eine andere Spur bringen könnte, doch Tom machte die Schotten irgendwann komplett dicht und starrte nur noch ausdruckslos auf seine Füße. Er schien Alex gar nicht mehr wahrzunehmen, forderte ihn schließlich nach endlosen Minuten zum Gehen auf.

»Ich kann doch hier pennen, ich hole uns ein paar Filme und wir machen uns einen gemütlichen Abend«, schlug Alex noch vor.

»Nee, geh jetzt, ich bin müde«, murmelte Tom.

Und Alex ging, obwohl er noch bleiben wollte.

Unruhig sitzt er nun in der Straßenbahn. Plötzlich verspürt er ein mulmiges Gefühl, das sich wie Feuer in seinem Bauch ausbreitet. Wie ein Blitz trifft ihn der Gedanke,dass Tom sich etwas antun könnte. An der nächsten Haltestelle springt er raus auf den Bahnsteig und nimmt die nächste Bahn zurück, die schon am Gleis steht.

Es wäre nicht das erste Mal, dass er so’n Scheiß baut. Allein kriegt der nie die Kurve. Mann, wie konnte es nur so weit kommen?

Zwei Haltestellen weiter springt er aus der Bahn und rennt wie ein Irrer die Straße entlang. Vorbei an den Garagen, über den Spielplatz. Noch ein paar Meter bis zur Haustür. Keuchend schließt er die Tür auf, zum Glück hat er den Schlüssel dabei, den Tom ihm mal für alle Fälle gegeben hat. Doch bevor er den Hausflur betritt, schaut er wie ferngesteuert nach oben und da sieht er ihn sitzen. Auf der Brüstung im 21. Stock. Er kann ihn nicht genau erkennen, aber er weiß, dass es Tom ist. Auf den Fahrstuhl ist kein Verlass, auf ihn zu warten, unmöglich.

»Nein, nein, nein!«, schreit Alex immer wieder und rennt wie ein gehetztes Tier durch das Treppenhaus. Er spürt sein Herz, spürt, wie es zu platzen droht. Tommy, lass mich nicht allein. Ich kann nicht ohne dich sein.

Fast besinnungslos vor Angst erreicht Alex endlich den 21. Stock. Ohne nachzudenken, reißt er die Tür zum Balkon auf, noch zwei Schritte, dann packt er Tom an der Jacke. Mit letzter Kraft zieht er ihn runter auf den Boden.

»Sag mal, Alter, was machst du da für eine Scheiße! Ich bin fast verrückt geworden vor Angst! Mensch, wir haben doch noch was vor und denkst du vielleicht auch mal an mich? Willst dich einfach aus dem Staub machen! Ich fasse es nicht!«, schreit Alex wie aufgezogen in die Nacht und den Schreien folgen Tränen. Tränen der Erleichterung.

Geschüttelt von Angst und Entsetzen fallen sie sich in die Arme und Alex lässt seine Tränen auf Toms Jacke tropfen. Ganz langsam bekommt Tommy einen anderen Gesichtsausdruck, einen, mit dem Alex klarkommt. Tom klammert sich an seinen Freund, der ihm gerade das Leben gerettet hat.

»Jetzt reiß dich zusammen«, sagt Alex schließlich. »Wir gehen runter ins Colore und reden.«

*

Die beiden sind in Berlin-Marzahn aufgewachsen, in einem eher verrufenen Bezirk der Stadt. Für viele Berliner ein Synonym für Ghetto und sozialen Abstieg. Dort leben die, die es woanders nicht hinbekommen, so die gängige Meinung. Viel zu viele Drogenabhängige, Obdachlose und überhaupt Menschen, mit denen eigentlich niemand etwas zu tun haben will. Ein Teil der Großstadt, in dem Trostlosigkeit und Melancholie unter einer Wolke von Tristesse herrschen. Dabei ist Marzahn ein durchaus idyllischer Teil der Stadt. Es ist grün, es gibt ein Wäldchen und einen See. Viele Straßen sind von Sträuchern und Bäumen gesäumt, auch viele Innenhöfe sind liebevoll bepflanzt. Die Bevölkerung ist vielfältig. Hier treffen die unterschiedlichsten Menschen aufeinander, es gibt alle Altersgruppen und verschiedenste soziale und kulturelle Hintergründe. Nicht immer allerdings verlief das bunte Zusammenleben friedlich. An manchen Ecken gab es Krawalle unter den Bewohnern. So wurde der Kiez schnell zu einem harten Pflaster.

Alex wohnt in derselben Straße wie Tom. Sie lernten sich im Kindergarten kennen und wurden bald beste Freunde. Fast jeden Nachmittag trafen sie sich in einem begrünten Innenhof, der als Treffpunkt für Groß und Klein bekannt war. Dort standen Tische und Bänke aus Beton und es gab Spielgeräte. Wie fast alle Kinder der Gegend verbrachten Tom und Alex die meiste Zeit des Tages draußen im Hof, mehr oder weniger sich selbst überlassen. Tom erinnert sich noch gut daran, wie er dort nachmittags mit seinem Bruder Ronny Fußball spielte oder stundenlang auf der Schaukel saß. Die Kinder genossen absolute Freiheit, sie konnten tun, was sie wollten. Niemand hatte ein Auge auf sie. Später hing er dann mit Alex ab. Und noch später bemerkte er die Spritzen und die anderen Dinge, die dort nicht hingehörten.

Aus dem Spielen am Nachmittag wurde irgendwann ein Treffen am Abend. Bald hielten sie nicht mehr Kaubonbons, Lutscher und Fußbälle in den Händen, sondern Alkopops, Bierdosen und Zigaretten. Und es dauerte nicht lange, bis sie irgendwelche Tabletten mit Bier runterspülten, Tabletten, die sie von den Älteren bekamen. Irgendwas zur Beruhigung, verschreibungspflichtige Medikamente, die ein Junge, dessen Vater in einem Krankenhaus arbeitete, besorgte. Schnell gehörte Bier zum Alltag. Die Älteren beschafften alles. Ab und zu schnüffelten sie an Klebstoffen, was Schwindel und dann einen leichten Rausch auslöste.

Träge lungerten sie herum. So kam es, dass Tom im Alter von zwölf Jahren seinen ersten Vollrausch hatte. Alex, der mit Alkohol schon etwas vertrauter war, half ihm damals hoch in die Wohnung, wo Tom mitsamt seiner Kleidung und Schuhen aufs Bett fiel und auf der Stelle einschlief. Währenddessen lag seine Mutter wie bewusstlos nebenan im Wohnzimmer auf dem Sofa. Sie war so stark betrunken, dass sie von alldem nichts mitbekam.

Der Kater, der sich am nächsten Morgen bei Tom einstellte, war unerbittlich, erst drei Tage später war er wieder der Alte. Seiner Mutter machte er etwas vor, damit sie ihm eine Entschuldigung für die Schule schrieb. Er täuschte eine normale Magenverstimmung vor, obwohl es die durch den Alkoholkonsum hervorgerufene Übelkeit war, die ihn im Bett festhielt.

Entschuldigungen, wenn Tom nicht zur Schule gehen konnte oder wollte, schrieb sie immer und problemlos für ihn. Dann saß sie jedes Mal am Küchentisch und überlegte, wie sie den Lehrern die Abwesenheit ihres Sohnes erklären könnte, aber es fiel ihr stets leicht, eine passende Begründung zu finden.

Jedes Mal, wenn sie ihm die Entschuldigung gab – und das kam öfter vor –, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.»Aber nicht übertreiben, mein Junge«, sagte sie dann meistens.

*

In ihrer Stammkneipe Colore, ein paar Straßen weiter, werden zwei Flaschen Berliner Kindl auf den klobigen schwarzen Tisch gestellt.

Die vertraute Atmosphäre in der Kneipe beruhigt Tom ein wenig. Der Geruch nach Zigarettenrauch, Bier und Whisky stört ihn hier überhaupt nicht, zu Hause widert er ihn an. Das Colore ist für Tom und auch für Alex längst ein zweites Zuhause geworden. In geselliger Runde treffen sich hier immer wieder Leute, die sich einen ganzen Abend lang unterhalten können, ohne sich wirklich zu kennen. Hier entstehen Kneipenfreundschaften im Stimmengewirr, zwischen klirrenden Gläsern und bunt blinkenden Spielautomaten. Hier wird montags das vergangene Wochenende noch einmal durchlebt, werden tiefgründige und alltägliche Gespräche geführt, wird gelacht und geweint. Hier mischt sich niemand in das Leben des anderen ein, hier hört man zu.

Benommen sitzt Tom da und schaut auf seine zitternden Hände, die vor ihm auf dem Tisch liegen. Vor ein paar Minuten wollte er durch einen Sprung in die Tiefe dem emotionalen Schmerz entkommen. Noch spürt er deutlich die Gefühle von Isolation und Einsamkeit, die ihn dort oben fest im Griff hatten.

»Danke für vorhin«, sind die ersten Worte, die er schließlich etwas entspannter von sich gibt.

Alex nickt nur, doch sein Blick spricht Bände. Seine Augen spiegeln Schock und Erleichterung wider und es scheint, als würde er jetzt erst begreifen, was geschehen ist. Vor ein paar Minuten hat er das Leben seines besten Freundes gerettet. Hätte er nicht gehandelt, wäre Tom jetzt …

»Wo ist eigentlich Felie?« Suchend blickt Tom sich um. Felie, die rot-weiß getigerte Schmusekatze, die ebenfalls im Colore ein Zuhause gefunden hat, ist ihm auf Anhieb ans Herz gewachsen und auch Felie fühlt sich zu ihm hingezogen. So profitieren beide voneinander und wärmen sich gegenseitig. Sobald Toms Stimme durch die Kneipe schwebt, hält sie Ausschau nach ihm, sowie sie ihn erspäht hat, begrüßt sie ihn mit einem zarten Miauen. Wenn sie auf seinen Schoß springt, glaubt er manchmal, ein Lächeln um ihre Fellnase zu sehen.

Er atmet tief durch. »Morgen werde ich Ronny anrufen, ich hoffe, er hat endlich mal Zeit zum Quatschen. Wir müssen unbedingt eine Lösung für Mutter finden. Immer nur sie, sie, sie, die ganze Welt soll sich nur um sie drehen. Die kapiert einfach nicht, dass ich ebenfalls Bedürfnisse habe und dass es gar nicht meine Aufgabe ist, mich um meine versoffene Mutter zu kümmern. Ich will mein eigenes Leben leben. Warum versteht sie das nicht? Auch sie muss Kompromisse machen. Ist das zu viel verlangt?«

Seit Jahren versucht Tom, das Familiengeheimnis zu wahren und alles dafür zu tun, dass es in den eigenen vier Wänden bleibt. Die ständige Sorge um das, was ihn erwarten könnte, wenn er nach der Schule nach Hause kommt, war eine große Belastung für ihn. Eine, die mitunter kaum auszuhalten war. Nun geht er zwar nicht mehr zur Schule, aber die Belastung ist geblieben.

Unter dem Tisch streift etwas um seine Beine.

»Da bist du ja.« Er hebt Felie hoch und legt sie auf seinen Schoß. Verlegen wischt er sich eine Träne aus dem Gesicht. Felie, ich würde dir so gerne zu verstehen geben, wie viel du mir bedeutest. Entschuldige, dass ich dich einfach verlassen wollte.

Alex mustert seinen Freund, er sieht besorgt aus. »Wir gehen hier erst wieder raus, wenn du komplett runtergefahren bist. So, wie du im Moment drauf bist, bleibe ich an dir kleben. Sag jetzt nichts, ich lasse mich nicht umstimmen.«

Tom fährt sanft mit der Hand über Felies Köpfchen, was sie sichtlich genießt. Sie schnurrt wohlig und streckt sich genüsslich auf seinem Schoß. Tom empfindet die vertraute Nähe als tröstend, besonders in diesem Moment. Mit seiner leeren Bierflasche winkt er dem Wirt zu. Theodoris versteht sofort und sorgt für Nachschub.

Der Wirt des Colore ist Grieche, immer gut gelaunt und glücklich, wenn seine Gäste zufrieden sind. Theodoris, von allen Theo genannt, ist außerordentlich beliebt und an Gastfreundschaft kaum zu übertreffen. Er kümmert sich um seine Gäste, als gehörten sie zur Familie. Den Frauen macht er Komplimente, ohne aufdringlich zu sein, die Kinder überhäuft er mit Lutschern und für die männlichen Gäste ist er wie ein Bruder.

Die rechte Seite des Lokals ist dunkel gehalten, dort herrschen die Farben Schwarz und Dunkelbraun, die Lampen leuchten nur mit halber Kraft und große Yuccapalmen in schwarzen Kübeln trennen den Bereich von der übrigen Fläche ab. In der gedämpften Atmosphäre fühlt sich Tom wohl, hier verliert der Druck, der auf seinen Schultern lastet, an Gewicht. Ein in die Jahre gekommenes dunkelbraunes Ledersofa, das in der hintersten Ecke auf einem Podest steht und somit einen Ehrenplatz im Colore hat, ist als Kuschelsofa bekannt. Dort lümmeln sich an manchen Abenden knutschende Pärchen jeden Alters. Der Wirt hat diesen Bereich seines Lokals sogar zur Kuschelecke erklärt und ein Schild mit der Aufschrift Knutschsofa aufgehängt, das von einer bunt blinkenden Lichterkette eingerahmt ist. Ebenfalls auf dem Podest steht ein altes schwarzes Klavier, das weniger dem Musizieren als vielmehr der dekorativen Gestaltung des Raumes dient. Es ist nicht gestimmt, was für Theodoris allerdings völlig unerheblich ist.

Der deutlich heller gestaltete Thekenbereich strahlt eine wohlige Wärme aus. Diese Wand lebt. Sie ist mit unzähligen Bildern geschmückt, die die Geschichte der Kneipe erzählen. Bilder von Billardturnieren. Bilder von Geselligkeit und Fröhlichkeit. Eine große Fensterfront bietet einen Blick auf eine Reihe von Birken, die sich im stürmischen Herbstwind biegen. In einem hinteren Raum der Gaststätte befinden sich ein paar Spielautomaten, ein Kicker und mehrere Billardtische. Hier hat Tom schon als Jugendlicher viele Stunden verbracht. Jeden Freitag kam er zum Billardspielen und jeden Freitag kam auch sein Geschichtslehrer, um sich an der Theke zu betrinken.

Zigarettenqualm wabert durch die Lichtkegel. Noch sind die beiden Freunde nicht richtig ins Gespräch gekommen. Das Wetter spielt jetzt verrückt, es schüttet wie aus Kübeln. Der Regen klatscht gegen die Fensterscheiben, die den Eindruck erwecken, als könnten sie gleich zerbrechen. Tom ist froh, dass Felie bei ihm ist und jetzt nicht draußen herumstromert. Es sind kaum noch Menschen unterwegs. Plötzlich wird die Tür des Colores aufgerissen und eine junge Familie stürzt herein.

»Ich bin klitschenass!«, kreischt eines der zwei Mädchen.

»Oh, ist das schön warm hier«, sagt das andere.

Die Mutter der beiden stellt den Regenschirm, den sie bei dem Unwetter gar nicht aufspannen konnten, in einen Schirmständer und der Vater schaut sich um. Schon ist Theodoris zur Stelle.

»Kommt erst mal rein, es ist ja ein scheußliches Wetter. Hier könnt ihr euch aufwärmen, bis eure Sachen wieder trocken sind. Schaut«, er deutet auf einen Tisch, der direkt am Fenster steht, »da könnt ihr euch hinsetzen und warten, bis es vorbei ist. Und wenn ihr Hunger oder Durst habt, sagt mir Bescheid. Aber ihr könnt auch einfach so hier sitzen bleiben und schauen, wie das Wetter wird.«

Tom und Alex beobachten das Geschehen und sehen der Familie hinterher, die zum Tisch am Fenster geht. Ein Vater, eine Mutter, zwei kleine Kinder, so wie man sich eine Familie vorstellt. Der Vater winkt dem Wirt zu und gibt ihm zu verstehen, dass sie etwas essen möchten. Theodoris bringt ihnen die Speisekarte, dazu zwei Malbücher und einen Becher mit Buntstiften für die Mädchen.

»Damit ihr euch beim Warten nicht langweilt.«

Das ältere Mädchen scheint schon zur Schule zu gehen, es versucht die Speisekarte zu lesen. Mit dem Zeigefinger zieht es unsichtbare Linien und liest die Empfehlung des Hauses vor: »Pizza mit Käse und Tomaten. Papa, ich will eine Pizza mit Käse und Tomaten.«

»Ich auch«, sagt die Kleinere.

»Na klar, ihr Süßen.« Der Vater lächelt seine Töchter an und bestellt Pizza mit Käse und Tomaten für alle. Alex und Tom beobachten schweigend das Geschehen am Fenstertisch. Die unausgesprochene Sehnsucht nach einer solchen Welt ist in beiden tief verwurzelt.

Wie in den meisten Berliner Kneipen läuft hier der Radiosender rbb, der in diesem Jahr aus dem Sender Freies Berlin und dem Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg entstanden ist. Täglich werden die Hits der Charts rauf und runter gespielt. Wenn Aicha von Outlandish läuft, flippt der Wirt fast aus und singt laut mit.

Tom kann den Blick nicht von den vieren wenden. In diesem Moment kündigt der Radiomoderator In Time von R.E.M. an. Mit diesem Song bohrt sich sein innigster Wunsch einmal mehr spitz in sein Herz, wieder etwas tiefer. Mit gesenktem Kopf sitzt er da. Wie gern würde er jetzt weinen, die Gedanken und den Schmerz in Form von Tränen rauslaufen lassen. Jedes Mal versetzt ihn dieses Lied in melancholische Stimmung und er geht dann gedanklich immer wieder auf die Suche nach dem Sinn des Lebens und nach seinem Platz in diesem Leben. Das Zittern hört nicht auf und sein Kopf wird nicht frei.

»Hey.« Alex stößt ihn in die Seite, dabei deutet er mit dem Kinn rüber zu der Bilderbuchfamilie am Fenster. »Ich hatte ganz vergessen, dass es so etwas auch gibt.«

Noch einmal schaut Tom zu der Familie, die schon beim Essen ist. Wie die Mutter ihren Kindern über den Kopf streichelt, wie sie sie ansieht. Es ist, als ob die Liebe, die von dieser Frau ausgeht, den ganzen Raum erwärmt.

Toms Gefühlswelt wird dominiert von Verlustangst und Misstrauen. Eine liebevolle Frau an seiner Seite wünscht er sich trotzdem sehnlichst, aber die ausweglose Lage, in der er sich befindet, hat starke Selbstwertprobleme in ihm wachsen lassen. Er befürchtet, dass eine feste Partnerschaft von seiner Angst vor dem Verlassenwerden geprägt wäre, er fühlt sich innerlich hilflos. Eine oberflächliche Beziehung ist viel einfacher. Beziehungen ohne Tiefe und ohne wirkliche Liebe können undramatisch beendet wer den, wenn einem danach ist. Ohne Trennungsschmerz, ohne Tränen. Und ohne wochenlanges Leiden.

Theodoris kommt mit einem breiten Grinsen und zwei Ouzo auf die Freunde zu. »Hier Jungs, der wird euch schmecken und vielleicht das Lächeln zurück in eure traurigen Gesichter zaubern.«

»Danke, Theo, du bist einer von den Guten«, gibt Tom zurück.

Dann schaut er an der jungen Familie vorbei aus dem Fenster. Langsam beruhigt sich der Sturm und auch der Regen nimmt ab. Und langsam beruhigt sich auch Toms innerer Aufruhr.

Alex und er reden bis in den frühen Morgen. Zuerst geht es um tiefgründige Themen wie Toms irre Idee, mit allem Schluss zu machen, und um die Sehnsucht nach einem besseren Leben. Später reden sie über Gott und die Welt und noch später können sie wieder Witze machen und über sich selbst lachen. Es ist ein Lachen der Befreiung, ein Lachen der Hoffnung.

»Lass uns gehen, ich bin platt. Was für ein Scheißtag mal wieder.« Tom drückt seine Zigarette aus.

»Aber immerhin mit einem Happy End«, fügt Alex hinzu und beide lächeln.

Alex begleitet Tom nach Hause, bringt ihn sogar noch hoch in die Wohnung. Im Wohnzimmer liegt Toms Mutter auf der Couch vor dem Fernseher, in der Hand ein Glas Rotwein. Sie ist eingeschlafen und es wird nicht lange dauern, bis der Wein aus dem Glas auf den Teppich läuft. Wie so oft. Tom stört das schon lange nicht mehr.

»Mach’s gut, Alter, und wehe, du kommst noch mal auf so dumme Ideen. Und denk nicht immer so viel nach, damit bremst du dich nur selbst aus.«

Alex klopft seinem Freund zum Abschied auf die Schulter und geht.

Tom schaut in den Spiegel und erschrickt. Seine Augenringe sind tief und dunkel, die blonden Haare hängen ihm zottelig ins Gesicht, als hätte er sich seit Jahren nicht mehr gekämmt. Hilfe, da sieht ja mancher Penner besser aus. Er beugt sich über das Waschbecken und benetzt sein Gesicht mit eiskaltem Wasser. Seine dunkelbraunen Augen wirken traurig. Kein Wunder. Erst dann zieht er seine grüne Bomberjacke und die schwarzen Springerstiefel aus. Die Jeans hat er noch an, als er sich aufs Bett fallen lässt. Erschöpft schläft er sofort ein.

Oft wünscht er sich, er wäre unsichtbar. Unter einem Mantel versteckt, der ihn verborgen hält. Es gäbe viele Situationen, in denen er einfach unter dem Umhang verschwinden würde. Sein Selbstwertgefühl ist in den letzten Jahren geschrumpft, fast verschwunden. Das alles hat er seiner alkoholkranken Mutter zu verdanken.

*

Tom ist zwanzig Jahre alt und lebt mit seiner Mutter Renate, die dem Alkohol nähersteht als ihrem Sohn,im Ostberliner Bezirk Marzahn. Er hat es bislang nicht geschafft, sich von ihr zu trennen, sie allein zu lassen, sich eine eigene Wohnung zu nehmen, weil er immer noch hofft, alles zum Guten wenden zu können. So etwas wie familiäre Bindungen hat er nie kennengelernt. Die wichtigste Person in seinem Leben ist sein sieben Jahre älterer Halbbruder Ronny, der sein eigenes Leben führt und mit dem er nur ab und an zusammenkommt. In seiner Freizeit trifft er sich mit seinem gleichaltrigen Freund Alex. Tom und Alex kennen sich seit der Kindergartenzeit, eine Zeit, in der die Mauer Berlin noch teilte, und eine Zeit, in der Toms Vater eine kleine Tasche packte und in den Westen floh.

Seit Tom denken kann, hat er nur einen Wunsch. Den nach einer heilen Welt. Eine Familie mit Mutter und Vater, eine Familie, die ihm einen Rückzugsort bietet, die Halt und Geborgenheit gibt. Die bei Kummer und Sorgen die Arme ausbreitet und vor allem Bösen beschützt. Stattdessen kümmert er sich um seine Mutter, die, vom Alkohol gezeichnet, ihr Leben schon lange nicht mehr im Griff hat. Gemeinsam leben sie in einer sechzig Quadratmeter großen Wohnung in einem unsanierten Plattenbau. Die Wohnung ist getränkt von Gerüchen nach Alkohol und Zigaretten und an vielen Tagen mischt sich ein bestialischer Uringestank darunter. Die Durchreiche, die Küche und Wohnzimmer verbindet, dient vor allem dazu, leere Flaschen abzustellen.

Ein Leben ohne Anker, ohne Halt, ohne Regeln, ohne Ziel.

Immer wieder gab es Männerbekanntschaften der Mutter. Manche zogen dann in die kleine Wohnung ein. Einer blieb sogar für vier Jahre, Dietmar. Er brachte seinen kleinen Sohn mit in die Beziehung. Sven war fünf Jahre alt, genau wie Tom damals. Und der neue Mann brachte zusätzliches Unglück in Toms Kindheit und in das Leben seiner Mutter. Auch er trank und er misshandelte nicht nur sie und seinen eigenen Sohn, sondern auch Tom. Einmal warf er den kleinen Sven voller Wut in eine Zimmerecke und brach ihm dadurch mehrere Rippen. Im Krankenhaus wurde dieser Vorfall mit Toberei der Jungen erklärt. Toms Mutter schwieg. Sein Halbbruder Ronny war bald schon kaum noch zu Hause, so oft es ging, übernachtete er bei seinem Freund. Auch für ihn war die Situation kaum zu ertragen. Wie die anderen bekam er Schläge, bis er sich eines Tages plötzlich wehrte und mit Kraft zubiss, so sehr, dass schließlich Blut aus seinem Mund tropfte. Es war nicht sein eigenes. Dietmar brüllte ihn derartig laut an, dass er sich auf den Boden kauerte und die Ohren zuhielt, bis er sich vor Angst übergeben musste. Von dem Tag an aber ließ Dietmar Toms Halbbruder in Ruhe.

In den Jahren mit diesem brutalen Mann ging Tom durch eine andere Hölle. Gewalt in diesem Ausmaß hatte er bis dahin nicht erlebt.

Wenn die Erwachsenen sturzbetrunken auf dem Sofa lagen und der Fernseher laut lief, waren die kleinen Jungen auf sich allein gestellt. Sie litten gemeinsam, stützten sich gegenseitig und träumten von einem besseren Leben. Nach fünf Jahren verschwand der Mann und Sven war plötzlich nicht mehr da. Tom weiß bis heute nicht, wohin sie gegangen sind.

Ein Kind braucht seine Mutter zum Überleben, dieser Urinstinkt ist stark. Und dass es der Mutter gut gehen muss, damit das Kind selbst eine Überlebenschance hat, ist auch fest in seinem Kopf verankert. Tom kämpfte sich durch die Tage, durch die Monate, durch die Jahre. Ronny hatte sich zu der Zeit schon völlig zurückgezogen, war tagsüber mit seinen Freunden in der Stadt unterwegs, ließ seinen Bruder mit der Verantwortung für die Mutter allein. Als Ronny ganz ging, war Tom elf Jahre alt. Ein Kind im Leben einer Alkoholikerin. Mutterseelenallein. In dieser für Tom unerklärlichen Zeit begann es, dass er Morgen für Morgen in einem durchnässten Bett aufwachte. Noch vor der Schule wechselte er die Bettwäsche, wusch den nassen Stoff am Waschbecken aus, schnitt eine neue Plastiktüte zurecht, die er abends unter das Laken schob, in der Hoffnung, dass alles unbemerkt bleiben würde. Die damit verbundene Scham lastete zusätzlich auf seiner Kinderseele. Bis zum Abend war der ausgewaschene Fleck wieder getrocknet und die Bettwäsche für die Nacht bereit.

Die kleine Wohnung ist einfach ausgestattet, das Geld ist knapp. Tom hat früh lernen müssen, allein zurechtzukommen, zu kochen, die Wohnung einigermaßen in Schuss zu halten und dafür zu sorgen, dass der Kühl schrank gefüllt ist. Schon als Kind hat er eine Elternrolle übernommen, die Rolle seiner Mutter. Und trotz der enormen Belastung gab er als kleiner Junge alles. Sein kompletter Tag war darauf ausgerichtet, für seine Mutter zu sorgen. Auf keinen Fall durfte es ihr noch schlechter gehen.

Die schmerzliche Sehnsucht, das Gefühl, dass da noch etwas auf ihn wartete, dass es ein lebenswertes Leben gab, trieb ihn an. Er wollte es ihr recht machen, er wollte seine Mutter als zufrieden, am besten als gesund wahrnehmen können. Für die Entwicklung seines wahren Ichs blieb kein Raum. Durch die ständige Überforderung und das Zurückstellen seiner kindlichen Bedürfnisse verlor er schon als kleiner Junge seine Unbefangenheit. Den Stimmungsschwankungen seiner Mutter war er schutzlos ausgeliefert. Der Ballast, der auf seinen Schultern lastete, raubte ihm seine Kindheit. Er wusste nie, was ihn erwartete, wenn er nach Hause kam. Wie viel hat sie getrunken? Schläft sie schon? Schreit sie wieder stundenlang, so dass sich die Nachbarn beschweren? Zu Hause ankommen, sich an einen gedeckten Mittagstisch setzen, sich willkommen fühlen und eine leckere warme Mahlzeit genießen – ein Traum.

*

Alex wohnt mit seiner Familie ein paar Häuser weiter in derselben Straße. Er lernte Tom im Kindergarten kennen, später gingen sie in dieselbe Schule, sogar in dieselbe Klasse. Ihre Mütter kannten sich nur flüchtig.

Von Anfang an war Alex das schwarze Schaf in der Familie. Besonders das schwierige Verhältnis zu seinem Vater, der seinen Jüngsten regelmäßig kleinmachte, ihn nie er selbst sein ließ, ihm die Selbstachtung raubte, hat ihn geprägt. Sein älterer Bruder wurde hingegen wie ein Held behandelt, wie der Sieger der Familie. Tatsächlich machte er später eine steile Karriere in einer Großbank. Ganz zum Stolz des Vaters.

Auch in der Schule hatte Alex keinen guten Stand. Sein impulsives, rüpelhaftes Verhalten brachte ihm alles andere als Auszeichnungen ein. Die gab es nur für disziplinierte Schüler. Die Anerkennung, die er weder zu Hause noch in der Schule bekam, suchte er sich draußen auf den Straßen der Großstadt, wo er oft über die Stränge schlug. Dort gab es Anerkennung. Anerkennung im negativen Sinne. Mit Bomberjacke und Springerstiefeln wollte er einen starken Eindruck machen. Er wollte etwas darstellen, das es nicht gab, etwas, das sein Vater aus ihm herausgeprügelt hatte. In dieser Zeit flüchtete er nicht nur einmal vor der Polizei, aber da er oft mit Inlinern unterwegs war, war er den Polizisten an Schnelligkeit überlegen.

Einmal war er mit Tom in der Bücherabteilung eines Kaufhauses. Tom interessierte sich seit einer Weile für ein Buch über Knoten, schon Tage vorher hatte er sich mit den verschiedensten Knüpfarten beschäftigt. Er hatte in einem solchen Buch geblättert, es aber nicht gekauft, weil es zu teuer gewesen war. An diesem Nachmittag rollten die beiden mit ihren Inlinern zwischen den Bücherregalen hindurch. Und ohne groß nachzudenken, steckte Tom im Vorbeifahren das ersehnte Buch unter seine Bomberjacke, winkte Alex zu und beide verließen fluchtartig den Laden.

In dem Wirrwarr von Regellosigkeit, das in seinem Kopf herrschte, schloss sich Alex für kurze Zeit der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands, der NPD, an. In der rechtsextremen Szene suchte er Anschluss und Harmonie. Doch schon nach kurzer Zeit merkte er, dass er in dieser Szene keine Zuflucht finden konnte, dass es für ihn keine Gemeinsamkeiten gab. So distanzierte er sich wieder von dieser Gruppe und kehrte der Partei den Rücken zu. Der einzige Mensch in seinem Leben, der ihm zuhörte, dem er sich anvertrauen konnte, war sein bester Freund Tom. Auch Tom konnte sich in Alex’ Gegenwart öffnen und ihm von seinem Kummer mit seiner Mutter erzählen. Mit Alex konnte er über das Mutterdrama sprechen. Mit Alex und seinem Halbbruder Ronny.

Alex klammert sich bis heute an Tom, weil er in ihm die Stärke sieht, die er in sich selbst vermisst. Insgeheim bewundert er ihn. Und Tom braucht Alex genauso, denn in Alex’ Schwäche und Unsicherheit sieht er eine Aufgabe für sich. Die Aufgabe, den Freund zu beschützen und zu führen. Genau dieses Bedürfnis verspürt er auch seiner Mutter gegenüber, aber da versagt er oft, scheitert immer wieder. Mit Alex geht noch was, den krieg ich schon hin,denkt er immer wieder. Was ihn manchmal auch an seine Grenzen bringt. Gerade dann, wenn er selbst wieder ganz unten ist und sich gleichzeitig für Alex verantwortlich fühlt.

2. Kapitel

2004

Tom muss lachen, als er Alex sieht. »Hey, jetzt übertreibst du es. Ich hätte nicht gedacht, dass du auf so etwas stehst.«

Alex steht in einem schwarz-rot-goldenen Trainingsanzug und mit einem breiten Grinsen vor ihm.

»Als ob du auf Sport abfährst. Aber jeder so, wie er will.«

»Guck doch mal rum, wie viele so unterwegs sind. Ich find’s gut. Sonst hätte ich mir ganz bestimmt keinen gekauft.«

»Oh, oh, dann muss ich wohl damit rechnen, dass du bald mit einem Kinderwagen um die Ecke kommst, weil ja gerade sehr viele mit ihrem Nachwuchs unterwegs sind.«

Alex verdreht die Augen.

Schon seit ein paar Tagen hat Tom vor, sich am Friedenscamp umzusehen. Unter den Linden haben Kriegsgegner ein Zeltlager aufgebaut, um so gegen den Irakkrieg zu demonstrieren. Die zwei beschließen, sich das an diesem Tag mal anzuschauen.

Statt einer Demonstrationsatmosphäre erwartet sie eine Partystimmung. Tom gefällt die Feierlaune der Leute überhaupt nicht. Es gibt einen Grund für diese Versammlung. Und der hat nichts mit einer Party zu tun, sondern mit der Ablehnung des Krieges im Irak, der seit dem 20. März tobt. Und genau diese Ablehnung wollten die Leute hier ursprünglich zum Ausdruck bringen, aber offenbar ist die Stimmung irgendwann gekippt und jetzt wird gefeiert. Womöglich wissen viele der Besucher gar nicht, worum es geht. Es wird gesungen und getanzt. Es gibt Stände, an denen man sich eine Friedensmalerei auf den Körper oder ins Gesicht malen lassen kann.

Die Aktivisten haben es sich gemütlich gemacht. Mit Feuerstellen, um die sich bei der herrschenden Kälte viele versammeln, und einer fast heimeligen Atmosphäre in den mit Möbeln ausgestatteten Zelten. Hier wollen sie bleiben, bis der letzte US-Soldat den Irak verlassen hat. Da Tom mit der Situation, der Abweichung vom eigentlichen Thema, nicht zurechtkommt, verlassen die beiden das Camp. Haben diese Leute ihre Ziele aufgegeben? Oder vergessen?

Wenig später, kurz vor Ostern, erfahren sie, dass die Aktivisten das Feld räumen müssen. Das Bezirksamt Mitte hat sie gezwungen, das Camp aufzulösen. Sie haben es wirklich übertrieben und sich von Tag zu Tag mehr vom eigentlichen Thema entfernt.

*

Nach einer langen Nacht liegt Tom am Morgen noch im Bett. Gestern ist es wieder spät geworden. Theodoris hatte Geburtstag und zur Feier des Tages gab er jedem seiner Gäste ein Schnapsglas und stellte auf jeden Tisch eine Flasche Ouzo. Die Kneipenbesucher ließen ihn hochleben, es wurde gesungen und getanzt.

Tom trägt noch den Pullover von gestern Abend, den er jetzt von Felies Haaren befreit. Wie gern hätte er eine eigene Katze, einen kleinen Stubentiger zum Kuscheln, hier in der Wohnung. Aber wer kümmert sich um das Kätzchen, wenn Tom unterwegs ist? Seine Mutter? Das würde nicht funktionieren, sie kann sich oft nicht einmal um sich selbst kümmern.

Im Wohnzimmer läuft der Fernseher in voller Lautstärke. Gerade hat der schräge Typ von unten an die Zimmerdecke geklopft, wahrscheinlich mit einem Besenstiel. Das macht er zigmal am Tag, wenn es ihm oben zu laut ist. Einmal hat sogar die Polizei geklingelt, zum Glück war Tom gerade zu Hause, er zeigte sich einsichtig und hat sofort die Lautstärke gedrosselt.

Aus dem Wohnzimmer kommen laute Kommentare seiner Mutter, die offensichtlich mit dem laufenden Fernsehprogramm ganz und gar nicht einverstanden ist. Er springt aus dem Bett, dreht das Radio voll auf, ignoriert das Klopfen von unten und steigt in seine Jeans. Nach einer Katzenwäsche schlüpft er in seine Turnschuhe und ruft kurz ins Wohnzimmer: »Ich gehe raus.« Auf eine Antwort wartet er nicht und als die Wohnungstür ins Schloss fällt, ist er schon eine Etage tiefer.

Er braucht frische Luft. Immer häufiger kann er in der Nähe seiner Mutter nicht mehr durchatmen, es ist, als würde er ersticken, wenn sie zu zweit in der kleinen Wohnung sind. Wie oft hat er sich schon vorgenommen, endlich Klartext mit ihr zu reden, mal alles rauszulassen. Gut, er hat es versucht, mehrmals schon. Aber bei der direkten Konfrontation flippt sie jedes Mal aus, schreit und kreischt rum, an Reden ist dann nicht mehr zu denken. Einmal hat er ihr einen Brief geschrieben, in dem er ihre gemeinsame Situation klar und deutlich geschildert hat. Sie hat nur gelacht und gesagt, er solle nicht so übertreiben. Es sei doch alles gar nicht so schlimm. Dass sie in stark alkoholisiertem Zustand unberechenbar ist und eine Gefahr für sich und andere darstellt, will sie nicht hören. Von ihrer Gesundheit ganz zu schweigen.

Unten an der belebten Straße kann er wieder aufatmen. Mann, Mann, Mann, wie soll das nur weitergehen? Er wählt Ronnys Nummer. Wie so oft meldet sich der Anrufbeantworter. Er rufe zurück, sagt Ronnys Stimme auf dem Automaten. Wenn er das mal machen würde. Falls er sich nicht meldet und davon geht Tom aus, will er es am Abend erneut versuchen.

Wie ferngesteuert geht er die Straße in Richtung Colore entlang. Ein Weg, den er blind gehen könnte. Heute, am Freitag ist die Bude bestimmt wieder voll, wäre schön, wenn Alex auch da ist.

»Berlin ist arm, aber sexy«, sagte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit vor einigen Monaten. Arm könnte Tom sofort unterstreichen. Aber sexy? Was meint Klaus damit? Er sollte mich mal sehen. Umgeben von Alkoholismus, finanzieller Not, abgerissen vom Glück und sich ständig beweisen müssen, daran finde ich nicht das Geringste sexy. Wenn Berlin irgendwo sexy ist, möchte ich dahin.

In großen Buchstaben haben Graffitisprayer diesen berühmten Satz auf ein graues und ziemlich unsexy aussehendes Gebäude gesprüht. Mit den riesigen, bunten, fast lebendig wirkenden Buchstaben haben einige Bauwerke tatsächlich an Attraktivität gewonnen. Da passt der Satz des Stadtoberhauptes dann doch irgendwie.

Tom geht an dem Gemälde vorbei und denkt an seinen Bruder. Hoffentlich können sie heute noch miteinander reden. Ob Ronny vergessen hat, was zu Hause abgeht? Der ist schön raus aus allem. Letzten Sommer, als es so unglaublich heiß war, als das Thermometer selten unter dreißig Grad zeigte, trafen sie sich oft am Müggelsee. Aber da konnten sie keine tiefschürfenden Gespräche über die Zukunft führen, dafür war es einfach zu heiß. Da war man froh, wenn man ein schattiges Plätzchen am See ergattern und ab und zu ins kühle Nass springen konnte.

»Lass uns eine Lösung finden, wenn diese Affenhitze vorbei ist«, sagte Ronny. »Du hast doch im September frei, da könntest du ein paar Tage zu uns kommen und es als Kurzurlaub von Renate betrachten.«

»Ach was«, erwiderte Tom. »Du weißt genau, dass das nicht geht. Wie soll sie denn ein paar Tage am Stück allein klarkommen? Du stellst dir das mal wieder so einfach vor, Ronny, aber es ist alles andere als einfach. Du hast keinen blassen Schimmer.«

Die Hitze in diesem Sommer war fast unerträglich, vor allem in den oberen Stockwerken der Plattenbauten. An Schlaf war in den Nächten nicht zu denken, wenn man nicht im Besitz einer Klimaanlage war. Tom hatte sich und seiner Mutter ein nasses Handtuch auf den Nachtschrank gelegt, mit dem sie sich nachts den Kopf kühlen konnten. Außerdem sorgte er für ausreichend Flüssigkeit in Form von Säften, gemischt mit Wasser, damit seine Mutter tagsüber genug zu trinken hatte. Trotz aller Bemühungen lagen am Abend wieder leere Weinflaschen unter dem Wohnzimmertisch. Sie wollte sie verstecken, aber Tom hatte ein Auge dafür.

*

Klar, dass Ronny sich nicht gemeldet hat. War ja wirklich klar.

Auch am Abend geht er nicht ans Telefon. Tom nimmt sich vor, seinen Bruder am folgenden Tag aufzusuchen, ob er nun noch anruft oder nicht. Es muss so vieles geklärt werden, unbedingt. Es ist an der Zeit, dass etwas passiert. Dass Renate eine Entziehungskur macht oder irgendetwas, das den Weg in eine andere Richtung lenkt.

Am nächsten Abend klingelt Tom an der Haustür seines Bruders. Als die Tür geöffnet wird und er Ronny erblickt, wird Toms Blick wässrig. Ohne ein Wort zu sagen, nimmt Ronny ihn in die Arme. Tom spürt, wie schwach er im Augenblick ist und Schwäche kann er nur bei seinem Bruder zulassen. Er weiß, dass Ronny immer wieder von einem schlechten Gewissen geplagt wird, weil er Tom so früh mit den Problemen zu Hause allein ließ. Er weiß auch, dass Ronny sich jedes Mal, wenn sie zusammen sind, vornimmt, sich mehr um seinen jüngeren Bruder zu kümmern, ihn mehr zu unterstützen.