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Buchstäblich über Nacht steht er plötzlich da, mitten in Zentrum von Kaycee - ein Galgen, von dem unheilverkündend auch noch eine Schlinge baumelt. Noch ist die Schlinge leer. Aber das wird nicht lange so bleiben. Schon bald hängt ein Mann darin, und er soll nicht das letzte Opfer sein ...
Womit aber hat man es hier zu tun, mit einem Wahnsinnigen vielleicht? Oder mit einem oder mehreren Tätern, die Rache nehmen für etwas, das lange zurückliegt? Oder versteckt sich hinter den bizarren Morden doch ein ganz anderer Beweggrund? Selbst für Tom Prox ist das eine harte Nuss. Eine, die vor allem von seinen beiden Sergeanten, Snuffy Patterson und Ben Closter, eine ganz neue Vorgehensweise verlangt ...
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Seitenzahl: 163
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Die Angst vor dem Galgen
Aus dem Wilden Westen
Vorschau
Impressum
Die Angst vor dem Galgen
Von Frank Lee
Buchstäblich über Nacht steht er plötzlich da, mitten im Zentrum von Kaycee – ein Galgen, von dem unheilverkündend auch noch eine Schlinge baumelt. Noch ist die Schlinge leer. Aber das wird nicht lange so bleiben. Schon bald hängt ein Mann darin, und er soll nicht das letzte Opfer sein ...
Womit aber hat man es hier zu tun, mit einem Wahnsinnigen vielleicht? Oder mit einem oder mehreren Tätern, die Rache nehmen für etwas, das lange zurückliegt? Oder versteckt sich hinter den bizarren Morden doch ein ganz anderer Beweggrund?
Selbst für Tom Prox ist das eine verdammt harte Nuss. Eine, die vor allem von seinen beiden Sergeanten, Snuffy Patterson und Ben Closter, eine ganz neue Vorgehensweise verlangt ...
1. Kapitel
In Kaycee waren die Menschen eigentlich recht solide. Nach Mitternacht regte sich in diesem Städtchen nichts mehr. Alle Bewohner schliefen ohne Ausnahme den Schlaf des Gerechten. Nirgendwo ein Lichtschimmer. Nur vereinzelt das Rascheln von Stroh in einem Stall oder der Klang eines Pferdehufes auf Holz. Ansonsten Grabesstille.
Die dunklen Schatten, die zwischen den Häusern hin und her huschten, waren daher äußerst ungewöhnlich, etwas, das Kaycee seit Menschengedenken nicht mehr erlebt hatte.
Was immer die vier Männer vorhatten, der Himmel war ihren Absichten wohlgesonnen. Seit den späten Abendstunden waren von Westen her über die Kämme der Big Horn Mountains dichte Wolkenmassen aufgezogen und hatten sich wie schwarze Wollknäuel vor den Mond gelegt. Es herrschte somit eine Finsternis, dass man beinahe über seine eigenen Füße hätte stolpern können.
Doch die Männer bewegten sich lautlos und sicher wie am helllichten Tag, ohne Zuruf, ohne Blinkzeichen, ohne Hast und ohne irgendwo anzuecken. Ihr Schuhwerk schienen sie mit Lappen umwickelt zu haben, denn nicht ein einziges Mal hörte man das Geräusch eines Schrittes.
Mochten diese geheimnisvollen Burschen auch allen Grund haben, das Licht des Tages bei ihrem seltsamen Treiben zu scheuen, sie bildeten jedenfalls eine hervorragend eingespielte Mannschaft. Sie schleppten, teilweise zu zweit, längliche Gegenstände, offenbar schwere Balken, auf schmalen Seitenwegen durch den Ort, als hätten sie vorher jeden Zoll genau vermessen. Die Main Street wurde von ihnen vorsichtig gemieden. Ihr Ziel bildete der freie Platz, der von den wichtigsten Gebäuden umsäumt wurde: dem Sheriffsoffice, dem Drugstore, dem Saloon und dem Hotel.
Über all den Gebäuden lag dieselbe Ruhe wie über ganz Kaycee, sogar über dem Sheriffsoffice. Von kleineren Schlägereien abgesehen, war seit Menschengedenken nichts Aufregendes mehr passiert, und hier Sheriff zu sein, war etwas für einen geruhsamen Lebensabend.
Sheriff Sullivan trug zwar im Dienst, wie es Vorschrift war, eine Schusswaffe, und zwar einen sechsschüssigen Armeerevolver älteren Modells, diese war jedoch nie geladen und der Lauf total verrostet. Wann der letzte Schuss aus dem kostbaren Stück abgefeuert worden war, konnte beim besten Willen niemand mehr feststellen. Sullivan war es bestimmt nicht gewesen während seiner elfjährigen Amtszeit, soviel stand fest.
Und ebenso stand fest, dass er, was gesunden Schlaf anbelangte, es mit jedem Bürger aufnehmen konnte. Ein Umstand, der den vier nächtlichen Schatten jetzt sehr zugute kam. Denn auf dem freien Platz ging es nicht so ganz wie bisher ohne jedes Geräusch ab. Ein etwas lauterer Hammerschlag, das Knarren von Holz und das gelegentliche Quietschen einer Schraube schienen sich nicht vermeiden zu lassen.
Nach jedem Geräusch, das sie verursacht hatten, standen die Männer wie erstarrt und lauschten. Doch nirgendwo rührte sich etwas. Lange bevor der Morgen graute, hatten sie ihr nächtliches Werk vollendet. Und als das erste fahle Tageslicht durch die immer noch undurchdringliche Wolkendecke dämmerte, ritten die vier bereits in scharfem Trab auf die südlichen Ausläufer des Big Horn Mountains zu.
Der Erste, der eine Art Ohnmachtsanfall bekam, war der behäbige, mehr in die Breite als in die Länge gehende Besitzer des Saloons. Peter Stanley gehörte zu den Frühaufstehern und war durchaus kein Mann, der leicht aus der Fassung zu bringen war, denn dazu war er viel zu phlegmatisch.
Doch als er am Morgen die Fenster des Schankraumes öffnete, um frische Luft hereinzulassen und die seit Jahren geübten zwanzig tiefen Atemzüge zu tun, würgte es ihm im Hals, und er hatte ein Gefühl, als legte sich der eiserne Griff einer Gespensterhand um seine Kehle.
Wäre nicht vor acht Tagen diese Geschichte in Sussex passiert, er hätte das Ganze für einen schlechten Scherz gehalten. Aber die Ereignisse im Nachbarort, noch keine zwanzig Meilen entfernt, sprachen eine zu deutliche Sprache. Tagelang hatten diese den einzigen Gesprächsstoff gebildet, aber niemand in der Stadt hätte auch nur im Entferntesten daran gedacht, dass man selbst eines Tages zu den Leidtragenden gehören könnte.
Peter Stanley rieb sich die Augen und kniff sich in die Arme. Dann wusste er, dass er keinem Trugbild zum Opfer gefallen war. Das da vor ihm war raue Wirklichkeit.
Mit letzter Energie überwand er das Schwindelgefühl, das ihn zu überwältigen drohte, und wankte, sich auf Stuhllehnen und Tischkanten stützend, zur Theke. Zuerst versuchte er, sich einen Doppelten einzugießen, doch dieses Bemühen war zu kostspielig, da zu viel von dem edlen Nass daneben lief. Der Barkeeper setzte daher die Flasche gleich an den Mund. Zwei, drei tiefe Schlucke, und er stand wieder auf sicheren Beinen.
Wenige Minuten später trommelte er mit beiden Fäusten gegen die Tür des Sheriffsoffice. Doch im Hause rührte sich nichts. Er rief mehrere Male mit heiserer Stimme »Sheriff, Sheriff ...«, und als er in seiner Aufregung wild an der Türklinke rüttelte, wäre er beinahe buchstäblich mit der Tür ins Haus gefallen. Die war nämlich überhaupt nicht verschlossen gewesen.
Stanley wusste im Haus des Sheriffs Bescheid, und so fand er mühelos das Schlafgemach. Es lag gleich neben dem eigentlichen Dienstraum, während die Familie des Sheriffs im oberen Stockwerk schlief.
Wer von Sheriff Sullivan behauptet hätte, er leide an übertriebener Dienstfreudigkeit, hätte sich bestimmt der üblen Nachrede schuldig gemacht. Wie er seine Augen aufschlug und der folgende Blick, mit dem er den morgendlichen Störenfried musterte, waren ein einziger Vorwurf.
»Sheriff, Mann Gottes, muss man Ihnen denn erst die Bude über dem Kopf abreißen, bevor Sie wach werden? Sie schlafen ja wie ein Ochse!«, schrie der Keeper, während er sich verzweifelt bemühte, den Hüter von Recht und Ordnung wachzurütteln.
»Wieso? Wo ist der Ochse, der Ihnen den Kopf über der Bude abreißen will?«, knurrte Sullivan schlaftrunken. »Wer sind Sie denn überhaupt? Ach so, Stanley ...! Goddam, was machen Sie denn bloß für einen Lärm mitten in der Nacht? Kaum ein Auge zugemacht, und schon kommt wieder so ein Krakeeler und ...«
»Mr. Sullivan, so hören Sie doch ... draußen auf dem Platz ... jetzt hat's uns erwischt! Nach Sussex ist Kaycee an der Reihe ... so kommen Sie doch endlich!« Peter Stanley sprach rau und in abgehackten Sätzen. Er begleitete seine Worte mit aufgeregten, undefinierbaren Gesten, was Sullivan zwar nicht aus der Ruhe zu bringen vermochte, aber immerhin bewirkte, dass dieser sich schließlich erhob und nach seinen bereitliegenden Kleidern griff.
»Nun regen Sie sich mal erst wieder ab, Stanley, und dann nehmen wir ein Protokoll auf«, sagte der Sheriff, während er unbeholfen in die Hosen schlüpfte. Er war ein großer, derbknochiger Mann mit ungelenken Bewegungen und einem breiten, stets etwas müde wirkenden Gesicht, das sich nur selten zu einem Lächeln verzog.
Draußen hörte man schon einzelne erschreckte Rufe und dann die Stimmen mehrerer laut durcheinander redender Männer. Als wenig später der Sheriff, gefolgt von dem nervös umherblickenden Wirt, den Platz betrat, verstummte jeder Laut.
Das kleine Häuflein, das sich angesammelt hatte – zumeist biedere Handwerker und Cowhands –, starrte erwartungsvoll auf den Vertreter des Gesetzes. Dieser starrte seinerseits mit immer noch schlaftrunkenen Augen auf das über Nacht aus dem Boden gewachsene Holzgerüst und sagte erst einmal eine ganze Weile gar nichts.
Als er die Sprache wieder gefunden hatte, stammelte er: »Aber das ist doch .... das ist aber doch ...«, er musste zweimal tief Luft holen, »... ein ganz blöder Lausbubenstreich, Leute, verdammt noch mal!«
»Genau so einer wie in Sussex! Nette Lausbuben haben sie da! Ich danke bestens!«, schrie Stanley mit heiserer Stimme und hätte beinahe einen Hustenanfall bekommen, weil er sich in der Aufregung verschluckte.
»Kompletter Unsinn!« Sullivan schien mit einer weitausholenden Handbewegung diesen Unsinn wegwischen zu wollen. »In Sussex, das war ganz was anderes. Da hing ja schließlich auch einer dran!«
»So? Und wie hat's angefangen? Genauso wie bei uns!«
»Nun malen Sie bloß nicht gleich den Teufel an die Wand, Stanley«, gab der Sheriff zurück. »Wir sind hier nicht in Sussex, sondern in Kaycee. Und was dort passiert ist, braucht noch lange nicht hier zu passieren, Sie Schwarzseher! Vorläufig besteht überhaupt kein Grund zur Beunruhigung. Los, fasst an, Leute! Ein paar Äxte her, wir wollen das Ding gleich abreißen, bevor der ganze Ort zusammenläuft und sich 'ne Gänsehaut holt. Und vor allem die Schnauze gehalten, sind ja schließlich keine alten Waschweiber! Das gilt vor allem für Sie, Keeper!«
Dies war eine der längsten Reden, die Sheriff Sullivan während seiner elfjährigen Amtsperiode in Kaycee gehalten hatte. Seine Worte fanden jedoch nur geteilten Anklang. man war sich offenbar noch nicht ganz schlüssig, was man tun sollte. Immer wieder schien dieses merkwürdige Galgengerüst die Blicke der Männer in ihren Bann zu ziehen. Er war gut fünfzehn Fuß hoch, und auch der Strick war nicht vergessen worden. Unheildrohend baumelte die tückische Schlinge von dem Querbalken herab und verursachte ein kitzelndes Gefühl in der Halsgegend, wenn man zu lange hinschaute.
Die herumstehenden Cowboys fanden sich als Erste wieder. Zwar waren die Weiden ostwärts der Big Horn Mountains seit Jahren als durchaus friedlich bekannt, und mit Rustlern hatte man hier schon lange keinen Ärger mehr gehabt. Trotzdem waren die Männer, die mit Rinderherden aufgewachsen waren, in Wind und Wetter gehärtete Burschen, die sich so leicht nicht ins Bockshorn jagen ließen und, wenn es sein musste, mit ebenso sicherer Hand auf menschliche Störenfriede wie auf Klapperschlangen anzulegen den Mumm hatten.
Bald kamen die ersten mit schweren Äxten herbei, und nach einigen wuchtigen Schlägen geriet der »Lausbubenstreich«, wie der Sheriff das seltsame Gebilde nannte, ins Wanken. Einige besonders Abergläubische wollten das Holz sofort verbrennen, doch das ließ Sullivan nicht zu. Er erklärte das gesamte Material, den Strick eingeschlossen, für beschlagnahmt und ließ alles in einen Holzschuppen hinter seinem Haus schaffen.
Als man sich danach im Saloon gebührend stärkte, beruhigte sich allmählich auch Peter Stanley, denn er hatte zu so früher Morgenstunde noch nie ein so gutes Geschäft gemacht.
Einem allerdings war der Schreck ganz gewaltig in die Glieder gefahren. Er hatte die Szene vom Fenster aus, hinter dem Vorhang verborgen, genau verfolgt. Während die anderen sich im Saloon die Kehle netzten, goss er sich mit zitterigen Händen ein ganzes Wasserglas voll Whisky und stürzte den Inhalt in einem Zug hinunter. Ihm war die Kehle wie zugeschnürt und die Zunge trocken und rau wie altes Rindleder.
Nachdem er das Glas geleert hatte, taumelte er mit weichen Knien zu einem alten, wurmstichigen Sekretär und wühlte hastig mit fahrigen Bewegungen in einem Stapel Briefschaften herum. Endlich schien er gefunden zu haben, was er suchte.
Er riss ein Blatt aus einem Umschlag, warf einen kurzen Blick darauf und zündete ein Streichholz an. Er verbrannte das Papier über einem Aschenbecher und zerrieb vorsichtshalber noch die Asche mit der Streichholzschachtel. Dann tat er einen tiefen Atemzug und goss sich zum zweiten Mal ein, füllte das Glas jedoch diesmal nur bis zur Hälfte, und trank es in zwei Schlucken aus. Wenn man dem Mann tiefer in die Augen blickte, schien er reif für das Irrenhaus.
2. Kapitel
Die dunklen Wolkenmassen, die in der Nacht aufgezogen waren, entluden sich im Laufe des Vormittags zu einem heftigen Gewitter. In den Wäldern des Gebirges krachte und tobte es, als wollte ein in Raserei geratener Berggeist mit seiner Riesenfaust die gewaltigen Felsmassive zu Staub zerschmettern. Blitze fuhren in pausenloser Folge wie zur Weißglut erhitzte riesige Speere in die Wipfel der Bäume und schlugen Äste und Kronen splitternd von den Stämmen.
Die beiden Reiter, die aus dem Wald hervorpreschten und auf die freie Weidefläche zuhielten, hätte es ums Haar erwischt. Unmittelbar hinter ihnen hatte es eingeschlagen. Eine Sekunde früher, und sie wären von der umstürzenden hohen Kiefer erschlagen worden.
Die Weidefläche, die ringsum von alten Wäldern umsäumt war, bildete in ihrer Mitte eine Art Talsenke, durch die ein kleiner Bach floss. Etwa dreihundert Schritte von dem nördlichen Waldrand stand in der Nähe dieses Baches eine Blockhütte.
Den Pferden schien die Situation ebenso ungemütlich zu sein wie ihren Herren, denn sie gaben ihr Letztes her, um die Hütte zu erreichen. Die braven Tiere wurden aber für ihren Eifer schlecht belohnt, denn für sie gab es drinnen keinen Platz mehr. Sie mussten draußen im Regen stehen bleiben.
Die Reiter hätten nicht durchnässter sein können, wenn man sie aus dem Bach gezogen hätte. Von ihren Hutkrempen lief das Wasser wie aus einer überlaufenden Dachrinne, die Kleider klebten ihnen am Leib und ließen deutlich die Konturen zweier muskulös gebauter Körper erkennen. Sie banden die Pferde fest, warfen Zeltplanen über ihre Rücken und traten in die Hütte, nachdem sie das Wasser beinahe literweise von ihren Hüten geschüttet hatten.
»Von außen nass und von innen trocken, das hab ich gern!«, fluchte der größere der beiden. »Wenn die Whisky-Rationen nicht sofort erhöht werden, quittiere ich den Dienst. Nicht mal ein Säugling käme mit diesen lächerlichen Mengen aus. Und das bei diesen Strapazen!«
»Wenn uns hier zufällig einer zuhört und bisher noch nicht wusste, was für seltsame Vögel wir sind – jetzt weiß er's. Lieber Snuffy, kannst du dir denn nicht mal angewöhnen, von etwas anderem als nur vom Suff zu reden, wo du mit deiner Länge ohnehin schon genug auffällst?«
»Jetzt fängt der hohe Chef wieder davon an! Fällt dir eigentlich nicht mal was Besseres ein? Habe ja schließlich keinen Grund, mich zu verstecken. Kann jeder wissen, wer ich bin. Goddam, ist die komische Geschichte mit dem Storekeeper überhaupt diese Geheimnistuerei wert – und die nassen Klamotten dazu? Ich weiß nicht ...«
Sergeant Patterson hätte in diesem Stil wahrscheinlich noch eine ganze Weile weitergeredet, denn wenn er einmal dabei war, seinem Ärger Luft zu machen, fand er so leicht kein Ende.
Doch der Ghostchef hatte aus einer Tasche plötzlich eine flache Flasche hervorgezaubert und setzte sie genießerisch an die Lippen. Wie ein hilfloses Kind, das nach der Flasche schreit, sah der Lange treuherzig zu, streckte aber dann verlangend den Arm aus. Tom nahm nur einen Schluck und reichte die Flasche weiter. Es machte nur zweimal »gluck«, dann riss er rasch die Kostbarkeit wieder an sich, sonst wäre sie beim dritten »gluck« leer gewesen.
»Stopp! Weiß der Teufel, wann wir unsere eiserne Ration wieder auffüllen können! Es kann uns durchaus passieren, dass wir noch froh für einen kleinen Rest sind.«
Patterson wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.
»Was soll uns hier schon passieren? In dieser Gegend leben nur friedliche Leute. Und was den Brandbrief von diesem hysterischen Canfield anbelangt, so ist das noch lange kein Grund ...«
»Hast du die Meldung des Sheriffs von Riverton ganz vergessen? Diese Geschichte in Sussex haben wohl auch ganz friedliche Leute aufgezogen?«
»Ein Einzelfall! Vermutlich Racheakt von so einem Verrückten! Bin überzeugt, wenn wir ganz offen als das, was wir sind, nach Sussex reiten, dort ein paar Leute vernehmen und uns zusammen mit Ben in dem Nest ein bisschen umsehen, haben wir den Fall innerhalb von vierundzwanzig Stunden ohne große Umstände aufgeklärt. Wozu dieses Versteckspielen? Völlig überflüssig! Das ist jedenfalls meine Meinung.«
»Zu dumm nur, dass die nicht zählt. Es bleibt also dabei: wir treten als harmlose Landvermesser auf, die im Auftrag der Regierung die Flussläufe in dieser gesegneten Gegend neu zu vermessen haben. Das ist am unverfänglichsten, außerdem schon in anderen Fällen genügend erprobt.«
»Na schön, mir soll's recht sein.« Womit der lange Patterson wieder einmal das letzte Wort hatte. Denn der Ghostchef betrachtete die Debatte als beendet und sah sich in der Blockhütte um.
Diese bot keine Besonderheiten. In der Mitte ein roher Holztisch, einige Stühle darum, und an den Wänden entlang breite Bänke, auf denen sich auch Männer von Pattersons Größe bequem ausstrecken konnten, bildeten das ganze Mobiliar. Der Raum befand sich in einem sauberen Zustand und schien in letzter Zeit nicht benutzt worden zu sein. Der Boden bestand aus festgestampftem Lehm.
Das Gewitter hatte sich plötzlich ebenso schlagartig, wie es eingesetzt hatte, verzogen, und durch eines der kleinen Fenster fielen bereits wieder die ersten Sonnenstrahlen herein.
Tom ging zur Tür und wollte ins Freie treten. Als Snuffy ihm folgen wollte, landete der Captain mit einem gewaltigen Sprung rückwärts auf dessen Zehenspitzen. Von der Tür hereinspritzender Dreck und Pattersons nicht wiederzugebender Fluch wurden von dem scharfen Knall dreier Gewehrschüsse musikalisch umrahmt. Die Schüsse waren noch nicht verhallt, da lagen die beiden Ranger auch schon hinter den stabilen Türpfosten auf dem Boden und hatten die schweren Fünfundvierziger in den Fäusten.
»Wirklich, friedliche Leute hier«, meinte der Ghostchef betont sanft. »Hübsche Mausefalle übrigens, dieses Blockhäuschen.«
Snuffy war ziemlich kleinlaut geworden und versuchte vorsichtig an dem Türpfosten vorbei ins Freie zu spähen. Doch er hatte den Kopf kaum einen Zoll zur Seite bewegt, als die nächsten Schüsse aufpeitschten. Die Einschläge lagen genau wie die ersten unmittelbar vor der Türschwelle und wirbelten den aufspritzenden Dreck in die Hütte. Es waren unmissverständliche Anzeichen, dass hier nicht nur zum Spaß geschossen wurde.
»Wir müssen durch die Fenster«, bemerkte Patterson.
»Das setzt voraus, dass wir es mit Verrückten zu tun haben – oder mit blutigen Anfängern. Vom Waldrand aus können sie uns auf der Fensterseite genauso gut abknallen. Es hilft alles nichts, wir müssen abwarten, bis der Gegner einen Fehler macht.«
Die vier Männer lagen gut gedeckt hinter dicken Baumstämmen am Waldrand. Sie hatten sich, wie Tom Prox es vermutet hatte, vom Waldrand aus in beiden Richtungen mit etwa fünfzig Schritt Abstand auseinandergezogen und konnten mit ihren Winchestern die Tür- und die Fensterseite der Blockhütte bestreichen. Sie lagen jetzt auf ihren Zeltbahnen, die sie sich zuvor bei dem Regen umgehängt haben mussten, denn ihre Kleider waren trocken.
Das Gewitter hatte sich inzwischen ganz verzogen, und von dem wolkenlosen Himmel brannte unbarmherzig die Julisonne und ließ die Erde aufdampfen. Irgendwo im Wald wieherte ein Pferd.
Die Männer bewegten sich kaum. Sie hielten ihre Büchsen ununterbrochen im Anschlag, die Gewehrläufe auf die Blockhütte gerichtet.
Plötzlich ertönte aus dem Wald ein dreimaliger, schriller Pfiff. Sofort sprang einer von ihnen auf, rief den anderen etwas zu und verschwand im Dickicht. Er mochte sich etwa hundert Schritt entfernt haben, als er unvermittelt von der Seite angerufen wurde.
»Du schießt mal wieder über das Ziel hinaus, Sid – musst die Augen besser aufhalten.« Eine hohe Gestalt, die in ein dunkles Regencape gehüllt war, trat neben Sid. Ein breitkrempiger, tief ins Gesicht gezogener Hut und der hochgeschlagene Kragen ließen nur noch die Nasenspitze erkennen.
Der Angesprochene fuhr zusammen und blieb wie angewurzelt stehen.
»Verzeihung, Boss«, stammelte er, »ich hatte Sie tiefer im Wald vermutet.«
»Du musst dir das Vermuten abgewöhnen und dafür deine fünf Sinne zusammennehmen. Ich brauche Leute, die wache Augen und Ohren und gute Nerven haben. Die Kopfarbeit könnt ihr mir überlassen.«
Der »Boss« sprach zwar vollkommen ruhig und ohne jede Gemütserregung, aber mit einer Stimme wie kalter Stahl, wie bei Männern, die nicht den geringsten Widerspruch dulden. Wer dieser hochgewachsene Bursche auch sein mochte, er hatte seine Leute fest in der Hand.
»Die beiden Fremden werden zur Ranch gebracht«, fuhr er fort. »Da brauchen wir keine Sorge zu haben, dass sie nicht gastlich aufgenommen werden.« Er ließ ein kurzes, höhnisches Lachen vernehmen. »Aber erst wird noch ein Feuerzauber veranstaltet. Und dann reitet ihr ganz offen dort von der Weide heran und erzählt später etwas von in die Flucht geschlagenen Banditen. Habt ihr mich verstanden?«
