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Eigentlich sind Tom Prox und Snuffy Patterson auf der Jagd nach dem Schwerverbrecher Jack Mallory. Der hat eine Gefängnisrevolte zum Ausbruch genutzt und scheint seitdem wie vom Erdboden verschluckt. Als die Ghosts dann in Tascosa erfahren, dass angesehene Gemeindemitglieder plötzlich schwere Straftaten verübt haben sollen, weckt das natürlich ihr Interesse. Dass diese Verbrechen stets in aller Öffentlichkeit und vor vielen Zeugen begangen wurden, macht die Sache noch mysteriöser. Fast könnte man meinen, eine Art Virus habe die sonst so rechtschaffenen Bürger befallen ...
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Seitenzahl: 152
Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Unter falscher Flagge
Aus dem Wilden Westen
Vorschau
Impressum
Unter falscher Flagge
Von Frank Lee
Eigentlich sind Tom Prox und Snuffy Patterson auf der Jagd nach dem Schwerverbrecher Jack Mallory. Der hat eine Gefängnisrevolte zum Ausbruch genutzt und ist seitdem wie vom Erdboden verschluckt. Als die Ghosts dann in Tascosa erfahren, dass angesehene Gemeindemitglieder plötzlich schwere Straftaten verübt haben sollen, weckt das natürlich ihr Interesse. Dass diese Verbrechen stets in aller Öffentlichkeit und vor vielen Zeugen begangen wurden, macht die Sache noch mysteriöser. Fast könnte man meinen, eine Art Virus habe die sonst so rechtschaffenen Bürger befallen ...
1. Kapitel
»Womit kann ich dem Herrn dienen?«, fragte der Trödler nicht allzu freundlich, da er mit dem sicheren Instinkt einer alten Krämerseele hier kein großes Geschäft witterte. Überdies hatte der Fremde ein Paket unter dem Arm, und so sahen meistens die Leute aus, die dringend Geld brauchten und ein paar alte Brocken verscheuern wollten.
Der andere sah sich erst einmal das bucklige Männlein hinter dem Ladentisch mit zusammengekniffenen Augen an, als wollte er erforschen, zu welcher Sorte Mensch der Trödler zählte. Dann sog er schnuppernd die Luft ein und leckte sich die Lippen.
»Erst mal 'ne bescheidene Vorfrage, Alter: Habt wohl so nebenher 'nen kleinen Ausschank unter der Theke, wie? Meine Kehle ist trocken wie 'ne Schweizer Käserinde. Wie wär's mit 'nem Schlückchen?«
Higgins warf dem unverschämten Burschen einen missbilligenden Blick zu und hatte schon eine scharfe Erwiderung auf der Zunge. Doch dann hellten sich seine Züge plötzlich auf, und mit sicherem Griff fasste er unter den Ladentisch, weil der Lange mit großzügiger Geste eine Dollarnote auf den Tisch gelegt hatte.
»Will natürlich nichts geschenkt haben, Alter«, sagte der Fremde jetzt großtuerisch. »Hab da bei so 'ner komischen Angelegenheit ganz schön verdient – und meine Devise war immer ,Leben und leben lassen'.«
Der Trödler reichte ihm die Flasche, nicht ohne jedoch vorher selbst einen kräftigen Schluck genommen zu haben.
»Ausgezeichneten Saft habt Ihr da.« Der Lange rieb sich den Mund.
Higgins schielte auf den erheblich reduzierten Inhalt der Flasche und strich gierig die Dollarnote ein.
»Und nun zum geschäftlichen Teil, Mister ... eh ... Higgins. Das heißt, vielleicht fange ich besser gar nicht erst davon an. Habe Bedenken bekommen.«
»He, wie bitte? Bedenken? Warum kommen Sie dann überhaupt zu mir?« Der alte Higgins wurde giftig. Was wollte diese komische Figur denn nun von ihm?
»Tja ... die Sache ist nämlich die«, begann der Lange. »Als ich hier reinkam, wusste ich ja noch nicht, dass der alte Higgins ein kleiner Säufer ist. Jetzt weiß ich es. Und Säufer sind immer gefährlich. Die können nämlich den Schnabel nicht halten.«
Dem Trödler quollen fast die Augen aus dem Kopf.
»Sie junger Pinsel – was erlauben Sie sich? Ich bin ein ehrbarer Kaufmann«, krächzte er mit heiserer Stimme. »Bilden Sie sich bloß nicht ein, dass ich Ihnen schutzlos ausgeliefert bin. Wenn ich schreie, kommt dem alten Higgins die ganze Straße zu Hilfe. Jawohl! Ich bin hier ein angesehener Bürger! Die Boys aus dieser Gegend schlagen Ihnen den Schädel mit Ihrem eigenen Steißknochen ein ... Sie ... Sie Greenhorn!«
Der Lange wurde zusehends besserer Laune, je mehr der Alte sich ereiferte.
»Sachte, sachte ... so war das nun wieder nicht gemeint«, beschwichtigte er ihn. »Schließlich ist es ja keine Schande, gelegentlich einen zu heben. Doch Ihr werdet zugeben, dass Schnaps die Leute redselig macht – und es handelt sich um eine verdammt ernste Sache. Ich kann da nichts riskieren.«
Der Lange hatte so besänftigend gesprochen und den Trödler dabei so treuherzig angesehen, dass dessen Wut sich jetzt etwas legte. Dafür war dessen Neugierde umso mehr angestachelt.
»Nun reden Sie endlich und sagen Sie, was Sie von mir wollen. Oder scheren Sie sich zum Teufel!«
»So weit wollte ich heute eigentlich nicht mehr – es sei denn, die Leute, die ich suche, sind schon dort. Nichts für ungut, Alter. Seid mir nicht der richtige Mann. Als ehrbarer Kaufmann ...« Der Lange sprach das »ehrbarer« mit besonderer Dehnung aus und lächelte dabei verächtlich. Dann wandte er sich zur Tür.
Samuel Higgins wurde immer neugieriger und war nun fest entschlossen, den Burschen nicht eher gehen zu lassen, bis er mehr erfahren hatte. Außerdem: Wer wusste, was für Schätze der Kerl da in dem Paket unterm Arm hatte, die man wegen ihrer zweifelhaften Herkunft vielleicht billig erstehen konnte. Die Hehlerei war schließlich einer von Higgins' einträglichsten Geschäftszweigen.
»Nun hört mal zu, Stranger – wenn sich's wirklich um eine vertrauliche Sache handelt, dann seid Ihr bei mir an der richtigen Adresse. Den ,Säufer' will ich überhört haben. Jedenfalls merkt Euch das eine: Higgins ist kein altes Waschweib. Und das mit dem ›ehrbaren‹ Kaufmann braucht Ihr nicht so auf die Goldwaage zu legen. Ich bin ein maßvoller Mensch – ich meine, man kann's auch mit der Ehrbarkeit übertreiben. Aber da braucht Ihr Euch bei mir keine Sorgen zu machen ...« Higgins zwinkerte und hielt dem Langen wie zur Versöhnung noch einmal die Whiskyflasche hin.
»Nun gut, Alter, will Euch glauben. Doch das kann ich Euch sagen ... na ja, ich sage lieber nichts. Jedenfalls hat mich einmal einer verpetzt, und ich hatte drei Jahre Zeit, darüber nachzudenken, wenn ich nicht gerade im Steinbruch geschuftet habe. Die drei Jahre gingen rum – bekam sogar eins geschenkt wegen guter Führung, hahaha –, dann habe ich mir den Bastard vorgeknöpft. Ich betone ausdrücklich, es war Notwehr, er hatte zuerst zugeschlagen! Immerhin soll der Mann aber 'ne anständige Beerdigung gehabt haben.«
Samuel Higgins nickte beifällig und schielte den Langen voll Bewunderung von unten herauf über den Rand seines Zwickers an.
»Ist 'ne komplizierte Geschichte«, fuhr der andere geheimnisvoll fort, »bin da zufällig vor ein paar Tagen in San Antonio in 'ne Sache reingeraten, mit der ich nicht das Geringste zu tun hatte. Handelte sich um ein größeres Bankgeschäft. Einer der Boys ist dabei hoch genommen worden und soll im Kreuzverhör die ganze Blase verraten haben. Tags darauf wurde ich entlassen, weil sie mir nichts nachweisen konnten. Habe natürlich überall rumgefragt, wollte die Kerle warnen. Waren aber in San Antonio unbekannt, müssen aus dieser Gegend stammen. Hab nämlich in 'ner Kneipe ein Girl getroffen und bei der hatte der Mann, den sie geschnappt haben, ein paar Brocken zurückgelassen, darunter eine Jacke. Und diese Jacke ist, wie ich heute herausgefunden habe, bei Euch gekauft worden. Könnte doch sein, dass Ihr die Leute kennt, nicht wahr? Braucht mir Ihre Namen nicht zu nennen. Könnt ihnen selbst den Wink geben, falls sie nicht schon kassiert worden sind. Würden sich bestimmt erkenntlich zeigen, denn sie müssen bei der Angelegenheit ganz schön verdient haben. Man spricht von siebzigtausend.«
Der Trödler hatte aufmerksam zugehört und trat, als er die Zahl hörte, unruhig von einem Bein aufs andere.
»Habt Ihr die Jacke bei Euch?«
»Hier ist sie.« Der Lange wickelte das Paket auf und legte das Jackett auf den Ladentisch. Higgins warf nur einen flüchtigen Blick darauf und erinnerte sich sofort, wem er sie verkauft hatte.
»Hm«, brummte er vor sich hin. »Fürchte, ich kann Euch da nicht helfen. Kenne die Leute nur vom Sehen. Stimmt übrigens, waren nur noch vier, als sie zurückkamen ...«
»Klar, fünf weniger dem, der in San Antonio im Kasten sitzt«, warf der Lange dazwischen.
»Richtig. Waren ursprünglich fünf. Waren vor etwa zehn Tagen hier und haben sich neu eingekleidet. Ließen ihre Cowboybrocken zurück. Vor drei Tagen haben sie die Sachen wieder abgeholt. Der, dem ich diesen Anzug verkauft habe, war nicht dabei. Das fiel mir gleich auf, habe nämlich ein gutes Personengedächtnis. Aber ich habe keine Ahnung, wo Ihr die Männer finden könntet.«
»Na ja, dann ist halt nichts zu machen. Habe mein Möglichstes versucht ...«
»Moment mal«, entfuhr es Higgins jetzt. »Kann sein, dass sie aus der Gegend von Tascosa kamen. Ich bilde mir ein, so was herausgehört zu haben.«
»Aus Tascosa? Dann hat es keinen Zweck. Zu dumm, hoffte, sie hier in Amarillo zu finden.«
»Ausgeschlossen, von hier sind sie bestimmt nicht. Am besten, Ihr forscht einmal in Tascosa nach, wenn Euch so viel daran gelegen ist, die Leute aufzustöbern. Wollt wohl den Job des fünften Mannes übernehmen, wie? Erzählt doch mal ein bisschen von dem Bankunternehmen, höre solche Geschichten für mein Leben gern, hihi ...«
»Nicht der Rede wert. War 'ne glatte Sache, bis auf den einen ...« Der Lange hatte es plötzlich eilig. Er packte das Jackett ein, murmelte nur noch undeutlich, dass er weiter nach Nordosten wolle und Tascosa zu weit von seinem Weg entfernt liege.
Der Trödler sah ihm mit erstauntem Gesicht nach, schüttelte verständnislos den Kopf und besiegelte, als er wieder allein war, das Intermezzo mit einem kräftigen Schluck.
Der Rancher Henry Sandford war allgemein bekannt als ein friedfertiger und stets gleichbleibend freundlicher Mann. Der rundliche Barkeeper des Cattle Exchange Saloon in der Cowboy-Stadt Tascosa wunderte sich daher nicht wenig über das mürrische Gesicht, das der Rancher heute zur Schau trug.
Es war am frühen Nachmittag, und der Saloon war verhältnismäßig schwach besucht. Trotzdem verstand man kaum sein eigenes Wort, denn die Männer, die mit Kühen und Ochsen gewissermaßen per Du standen und nach Schweiß, feuchtem Leder, Prärie und Pferd und Rind rochen, hatten laute Stimmen und waren gewohnt, gegen ganze Rinderherden anzubrüllen.
Sandford hatte sich etwas abseits der anderen an die Theke gestellt und hastig zwei doppelstöckige hinuntergekippt.
Jimmy Lennon, ein harmloser alter Hausierer, der in der Nähe stand, sah erstaunt zu ihm hinüber. Auch er wunderte sich über die unverkennbar schlechte Laune des Ranchers. Der Hausierer war weit und breit bekannt und stand – eben wegen seiner Harmlosigkeit – mit jedermann auf so gutem Fuß, dass er sich den Luxus erlauben konnte, niemals eine Waffe bei sich zu führen. Er hatte sich oft mit Henry Sandford unterhalten und eigentlich noch nie erlebt, dass dieser ihn keines Blickes würdigte und ihm nicht ein einziges Wort gönnte. Ganz anders aber heute.
»Nun, Sandford – Ärger gehabt?«, begann er deshalb vorsichtig die Unterhaltung und rückte einen Schritt näher.
Der Rancher musterte den Hausierer von der Seite. Jimmy bereute schon, den Mund aufgemacht zu haben und wollte sich zaghaft wieder an seinen alten Platz zurückziehen, als Sandford ihm wie ein giftiges Reptil entgegenzischte: »Nun bleib schon hier, wenn du mir einmal auf die Pelle gerückt bist. Was soll die dämliche Frage – bist wohl neugierig, he?« Der Rancher hatte die rechte Hand auf dem Colt liegen.
Der Hausierer sah hilflos zum Barkeeper. Doch der war gerade am anderen Ende der Theke mit dem Eingießen beschäftigt und schenkte den beiden keine Beachtung.
Was war denn heute nur mit Sandford los? Der sonst so leutselige Mann war doch nicht plötzlich verrückt geworden?
»Pass gut auf, du alter Trottel«, brüllte Sandford los, »ich zähle bis drei, dann bist du aus diesem feudalen Etablissement verschwunden. Kapiert? Eins ...«
Jimmy Lennon stand wie gelähmt. Ihm war, als narrte ihn ein Spuk. In seinem Kopf war es plötzlich so leer, und er war unfähig, darüber nachzudenken, ob er die Worte des anderen ernst nehmen sollte oder nicht.
»Zwei ...«
Die verständnislos blickenden Augen des Hausierers sahen zu einer gerade wild gestikulierenden und laut durcheinander redenden Gruppe von Cowboys, aber keiner nahm Notiz von ihm, und niemand hatte offenbar gehört, was zwischen ihm und Sandford gesprochen worden war.
»Drei!«
Der Hausierer stand immer noch regungslos an derselben Stelle, als die beinahe tonlos gezischte »Drei« wie ein nasser Lappen auf sein Ohr schlug. Dann wurde er von den Beinen gerissen.
Zweimal kurz hintereinander hatte der Colt trocken aufgebellt, und für den Bruchteil einer Sekunde glich der Raum in seiner plötzlichen Stille einem Wachsfigurenkabinett. Aber nur für den Bruchteil einer Sekunde, denn die Kerle im Cattle Exchange Saloon waren Männer von blitzartigem Reaktionsvermögen, und noch ehe der Widerhall der Schüsse richtig verklungen war, löste sich die Starre, und zehn, zwanzig, dreißig derbe Hände fuhren gleichzeitig zum Holster.
Schneller jedoch als die anderen war der Mann, der geschossen hatte: Rancher Henry Sandford. Ehe sich ihm jemand in den Weg stellen konnte, war er mit zwei Riesensätzen an der Tür.
»Festhalten!«, brüllte jemand im Hintergrund wie ein Stier, und im nächsten Augenblick schrie alles wie ein Haufen Tobsüchtiger durcheinander.
Doch Sandford war schon draußen, und die Männer, die ihm nachstürmten, zwängten und drängten sich so ungestüm durch die Tür, dass sie sich gegenseitig behinderten und es eine ganze Weile dauerte, bis der erste hindurch war. Nur der in der Ferne verklingende Hufschlag eines davongaloppierenden Pferdes war noch zu hören.
»Halt!«, donnerte plötzlich eine mächtige Stimme dazwischen. »Müssen den Sheriff verständigen. Der Bursche entgeht uns ja nicht. Schließlich haben alle gesehen, dass es Henry Sandford war.«
Das war Ken Drummond, der Vormann der RS-Ranch. Er erfreute sich zwar keiner besonderen Beliebtheit, doch niemand widersprach ihm gerne, denn die meisten waren damit schlecht gefahren, wenn sie es doch einmal getan hatten. Drummond war ein grobschlächtiger Hüne mit wuchtigen Schultern und Fäusten wie Schmiedehämmer.
»Was ist mit Jimmy?«, rief einer. »Tot?«
»War glatter Mord, Gents! Ken hat recht, der Sheriff muss her!«
»Der Hausierer trägt nie 'ne Waffe. Sandford hat 'nen unbewaffneten Mann über den Haufen geknallt!«
»Goddam, das kann ihn Kopf und Kragen kosten ...«
»Ruhe, zum Donnerwetter! Hat sich denn wenigstens einer um den Alten gekümmert?«
»Jimmy lebt noch«, japste der dicke Barkeeper, der gerade ins Freie getreten war und sich gegen das wüste Durcheinander von Zwischenrufen, Flüchen und Pferdegewieher kaum Gehör verschaffen konnte. »Scheint allerdings schwer verwundet zu sein. Habe bereits alles erledigt, der Doc muss jeden Augenblick eintreffen. Habe auch Sheriff McGowan angerufen. Da kommt er schon ...«
Sheriff McGowan strich sich einen Moment ratlos über den rötlichgrauen Seehundsschnurrbart. Man sah, die ganze Angelegenheit war ihm peinlich. Natürlich kannte auch er den Rancher seit vielen Jahren und war wie vor den Kopf geschlagen, als er von dem Vorfall hörte.
»Seid Ihr auch ganz sicher, dass es Sandford war?« McGowan schaute mit fragendem Blick in die Runde. Die meisten bejahten die Frage mit absoluter Bestimmtheit.
In Ken Drummonds Augen funkelte es höhnisch. »Könnt ja den Barkeeper vernehmen, Sheriff, der hat ihm selbst eingeschenkt. Hat aber bis nachher Zeit. Ich glaube, wir sollten hier nicht mehr allzu lange herumtrödeln, sonst ist der Bursche über alle Berge. Wer reitet mit dem Sheriff? Außer mir noch fünf Mann reichen.«
Eine Minute später sprengte die von Sheriff McGowan ohne große Umstände vereidigte Posse dem südlichen Ortsausgang zu.
Henry Sandfords bescheidene Ranch lag einige Meilen südlich des Canadian River und grenzte im Norden an die riesige RS-Ranch.
Die Posse wollte ihn zunächst auf seiner Ranch suchen, da bekannt war, dass Sandford nur wenige Cowhands hatte und sich meist selbst in der Nähe seiner Herde aufhielt.
Drummond kannte den kürzesten und besten Weg und hatte die Führung übernommen. Warum man ausgerechnet mit sieben Mann ausgerückt war, um einen einzelnen Rancher zu verhaften, darüber hatte selbst der Sheriff noch nicht nachgedacht. Drummond hatte es eben so vorgeschlagen, und wie gewöhnlich hatte keiner widersprochen.
Als die Posse sich Sandfords Haus näherte, lagen sieben Hände griffbereit auf den Holstern. Die Vorsicht erwies sich als überflüssig, denn außer einem blonden, kräftigen Jungen, der gerade beim Holzhacken war, befand sich niemand in der Nähe.
Der Junge äugte mit ängstlichem Blick den ziemlich abgehetzt aussehenden Reitern entgegen und war froh, als er den Sheriffstern auf McGowans Brust funkeln sah. Er schlug das kleine Handbeil in den Hackklotz und lief ihnen entgegen.
»Dad ist nicht da«, rief er schon von Weitem dem Sheriff zu und winkte mit der Hand nach Westen. Sein offener, ehrlicher Blick ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass er die Wahrheit sprach. »Ist drüben bei der Herde.«
»So? Du bist wohl der kleine Harry? Bist aber mächtig groß geworden in den vergangenen Jahren«, meinte der Sheriff nicht unfreundlich.
»Ich bin Harry Sandford«, sagte der Junge, der noch keine zwölf Jahre zählen mochte, stolz, während Ken ihn mit finsteren Blicken musterte.
»Wann ist dein Vater von hier weggegangen?«
»Heute Morgen schon ganz früh, er muss aber bald zurückkommen. Soll ich ihm etwas ausrichten?«
»Nicht notwendig, muss selbst mit ihm reden.«
Während die Reitergruppe sich entfernte, ging der Junge nachdenklich zum Haus zurück. Irgendetwas an dieser Sache erfüllte ihn mit Sorge. Warum kam der Sheriff gleich mit sechs schwerbewaffneten Männern an, wenn er seinen Vater sprechen wollte? Vielleicht hätte er den Leuten besser nicht gesagt, wo sie seinen Vater finden würden.
Plötzlich rannte er wie besessen um das Haus herum zu dem Stall, in dem sein bester Kamerad, ein kleiner, aber sehr wendiger Wallach stand. Mit fliegender Hast warf er dem Tier den Sattel über. Er musste den Sheriff mit den fremden Reitern einholen, kostete es, was es wollte. Er musste herausbekommen, was sie von seinem Dad wollten.
Inzwischen hatte die Posse ihr Tempo etwas gemäßigt.
»Dumme Sache«, brummte der Sheriff, »besonders um den Jungen tut's mir leid. Schwerer Schlag für ein Kind, das nie eine Mutter gekannt hat und dem Vater alles war. Kann den Jungen auch nicht allein auf der Ranch lassen – werde ihn in Erziehung geben müssen.«
»Darüber macht euch mal keine Gedanken, Sheriff. Ich werde mit dem Boss reden. Mr. Scofield mag den Rancher gern und wird sich bestimmt des Jungen annehmen, bis der Alte wieder raus ist. Um den Kopf wird's ja wohl nicht gleich gehen. Sandford hat noch mal Glück gehabt, dass Jimmy nur verwundet ist.«
Drummond hatte plötzlich sein Pferd nach halbrechts gerissen und deutete jetzt mit ausgestrecktem Arm zum Ausgang einer Schlucht, wo ein einzelner Reiter aufgetaucht war. Die Posse hielt direkt auf den Mann zu, der keine Anstalten machte, ihr aus dem Weg zu gehen, sondern auf sie zu ritt.
»Wenn mich nicht alles täuscht, dann ist das unser Mann«, rief Drummond triumphierend. »Vorsicht, Gents, haltet den Finger am Drücker. Sandford hat den Colt verdammt locker im Holster sitzen. Ihr lasst am besten je zwei Mann nach links und rechts ausschwärmen, Sheriff.«
Der einzelne Reiter war Henry Sandford. Ruhig und unbekümmert kam er näher und verhielt er vor dem Sheriff.
»Hallo! Ein Glück, dass Euer Stern mir schon von Weitem entgegenfunkelte. Sonst hätte ich annehmen müssen, einer Horde Banditen in die Hände gefallen zu sein. Aber nun sagt schon, was dieses Manöver zu bedeuten hat, Sheriff? Soll das heißen ...«
