Verlag: neobooks Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Tom Winter und der weiße Hirsch E-Book

Nicole Wagner

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E-Book-Beschreibung Tom Winter und der weiße Hirsch - Nicole Wagner

"Tom fehlten die Worte für das, was ihm in diesem Moment widerfuhr. Er fühlte sich nicht länger wie ein einziges, selbständiges Wesen, sondern als hätte man ihn in der Mitte zerteilt. Dieses zweite Geschöpf, das vor ihm in einem hellen gelben Licht erstrahlte, war genauso wichtig wie er selbst, ihre Leben miteinander verbunden." Hals über Kopf stürzt Tom sich ins Abenteuer, die Anderswelt vor Vampir Graf Skelardo zu retten. Dabei ist es nicht unbedingt von Vorteil, dass er bis eben noch geglaubt hatte, völlig normal zu sein. Zum Glück sind seine Freunde Charlie, Peer und Astos bei ihm, wenn es brenzlig wird ...

Meinungen über das E-Book Tom Winter und der weiße Hirsch - Nicole Wagner

E-Book-Leseprobe Tom Winter und der weiße Hirsch - Nicole Wagner

Nicole Wagner

Tom Winter und der weiße Hirsch

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Der tote Kobold

Griselbarts Haus

Die Chipera

Astos, der Weiße

Die Zauberstabschmiede

Der König in Bruckwalde

Der Inalora-Stein

Vertrieben

Der Thrandrad

Der Angriff des Rothkim

Der verbotene Tunnel

Ein zu hoher Preis

Die Gefahr an der Grenze

Roddroth, die Stadt des Vampirs

Odolpho, der Buchmacher

Wettlauf um die Zeit

Die versteckte Stadt

Der Horst des Phönix

Die Elfen in der Quelle

Wiedersehen mit alten Freunden

Der Vampir in Bruckwalde

Pettenkoffers Verhör

Impressum neobooks

Der tote Kobold

Im Bernsteinweg sechs, der am hinteren Ende des Örtchens Glöckerlstadt lag, verlief das Leben in ruhigen Bahnen. Selten störte ein Laut die nächtliche Stille, außer man war penibel und zählte ein gelegentliches Beben, das aus den Kellerräumen zu dringen schien, dazu. Wenn sie es tatsächlich einmal hörten, machten die Dorfbewohner Reginald Winter dafür verantwortlich, den etwas verschrobenen, aber gutmütigen Wissenschaftler, der bereits im Alter von fünf Jahren erklärt hatte, zauberhafte Wesen wie Kobolde und Trolle seien keineswegs Auswüchse der Fantasie, sondern genauso real wie Herr und Frau Feuerecker, die Nachbarsleute. Tom Winter, sein dreizehnjähriger Sohn, war nach dem Tod seiner Mutter vor acht Jahren ungefähr der einzige, der den Vermutungen seines Vaters Glauben schenkte.

Tom erwachte von einem Krachen, das wie das Losgehen eines Kanonenrohrs klang. Er saß kerzengerade im Bett und lauschte, was sich im Erdgeschoss abspielte. Er meinte, seinen Vater singen hören zu können und zwar zur leicht abgeänderten Melodie von Alle Jahre wieder.

„All die Jahre der harten Suche

Endlich hab ich den Beweis

Soll'n sie lachen und auch kichern

Endlich rechnet sich der Fleiß!“

Tom sah auf die Uhr, die rot leuchtenden Ziffern zeigten fünf nach Zwölf an. Rasch zog er sich Jeans und T-Shirt an und schlüpfte aus der Tür. Wie er erwartet hatte, brannte Licht im Keller, dem privaten Forschungslabor seines Vaters, wo er nach Beweisen ausgestorbener oder für der Fantasie entsprungen geglaubter Wesen suchte. Reginald musste die Schritte seines Sohnes auf der Treppe gehört haben, denn er riss die Tür auf und bat ihn unter großem Hallo hinein.

„Hier ist er, Tom, der Beweis, auf den ich solange gewartet habe! Der Beweis, dass die Anderswelt existiert!“ Reginald weinte fast vor Glück.

Tom sah, dass auf einem Tisch in der Mitte des Raumes, umgeben von hohen Regalen und blechernen, leise summenden Maschinen, ein kleines, pelziges Etwas lag. Im ersten Moment hielt er es für eine tote Katze und er fragte sich, wie zum Teufel dies seinem Vater von Nutzen sein konnte. Dann erkannte er, dass es für eine Katze einen zu langen Körper besaß und zu kurze Vorderarme, fast so als würde das Wesen auf zwei Beinen gehen; auch das Gesicht war runder und flacher, die leeren Augen groß wie Clementinen und smaragdgrün. Langsam ging Tom näher, er streckte eine Hand aus und berührte das Fell, es war struppiger als das eines Haustiers. Ihm war klar: dies war kein Vertreter der bekannten und in Naturkundeführern aufgelisteten Tierarten.

„Was ist das?“, fragte er leise.

„Das, mein lieber Tom, ist ein Kobold.“

Ein Kobold. Wenn man den Beschreibungen aus Harry Potter Glauben schenken konnte, waren Kobolde hässliche, langnasige Wesen, die Zauberergold bewachten. Das, was auf dem Tisch lag, sah aus wie eine Mischung aus Katze und Koboldmaki.

„Ein Waldkobold, um genau zu sein.“

„Wo hast du ihn gefunden?“

„Drüben am Waldrand, genau neben Oswald Griselbarts Hecke. Ich vermute, dass er sein Versteck verließ, um Nahrung zu suchen und angegriffen wurde, als er durch die Hecke schlüpfen wollte.“

Oswald Griselbart war ihr direkter Nachbar und von sogar noch merkwürdigerem Naturell als Reginald Winter, wenn man das so sagen konnte. Zumindest war er der einzige Mensch, den Tom kannte, der an Heiligabend mit seinem Teleskop die Uranusmonde beobachtete, anstatt mit Freunden und Familie vor dem heimischen Kamin zu sitzen. Außerdem hatte Tom noch nie einen Fuß in sein Haus setzen dürfen, und als er sich bei anderen Dorfbewohnern danach erkundigte, sagten sie ihm, dass Griselbart dies niemand anderem als sich selbst gestattete.

„Wie ist er gestorben?“, fragte Tom.

„Durch einen Zaubererfluch.“

„Woher willst du das wissen?“

„Er weist keine äußerlichen Verletzungen auf, keine Bisswunden, keine Quetschungen, keine Hämatome. Medizinisch gesehen ist dieses Wesen kerngesund.“

Tom überlegte. "Was willst du jetzt tun?"

"Ich sage Professor Specht von der Hirlingsheimer Uni Bescheid und dann soll er mit mir zusammen die Existenz dieser fremden Wesen attestieren. Stell dir vor, welch einen Aufschrei das in der ganzen Nation auslösen wird! Mein Name in allen Zeitungen! Aber ich muss mich beeilen, ehe er ins Bett geht.“

Tom schlüpfte mit klopfendem Herzen nach oben in sein Zimmer. Dort ging er zum einzigen vorhandenen Fenster, das Ausblick auf das benachbarte Haus bot. In dem zur Zeit des frühen Historismus erbauten Gebäude, worauf die Dachtürmchen und Bogenfenster der vielen Zimmer verwiesen, wohnte Oswald Griselbart. Es war der teuerste Bau in ganz Glöckerlstadt, noch teurer sogar als die Kirche. Viele fragten sich, warum Griselbart es nicht verkaufte und sich eine moderne Villa in einer Großstadt aneignete, wie sie es getan hätten. Der Besitzer jedoch wollte nichts davon wissen. „Glöckerlstadt ist keine Stadt, die man leichtfertig aufgibt“, sagte er dann. Was genau er damit meinte, wusste niemand.

Immer, wenn Tom in letzter Zeit den zum Haus gehörigen Weg und die Eingangstür beobachtete, sah er merkwürdig anmutende Gestalten, die, in lange Umhänge gehüllt, den Kiesweg entlang wuselten. Der Hausherr öffnete, ohne dass er in den Lichtschein der Lampe trat, und ließ sie hinein. Dann konnte Tom stundenlang warten, oft bis weit nach Mitternacht, aber keiner der Gäste kam wieder zum Vorschein, was nahelegte, dass sie einen anderen Ausgang nahmen. Tom tippte auf den Wald hinter Griselbarts Haus, der, wenn man ihn einmal durchquert hatte, ins nächstgelegene Örtchen Bruckwalde führte. Dort musste es irgendetwas geben, das das Interesse der zauberhaften Wesen weckte. Auch die Tatsache, dass sein Vater den Kobold eben am Rand dieses Waldes gefunden hatte, verstärkte seinen Verdacht. Jetzt war es natürlich kein Verbrechen, abends Gäste zu empfangen – heftete diesen Gästen nicht etwas Merkwürdiges an. Manche waren nur halb so groß wie normale Menschen, andere von überdurchschnittlich kräftiger Statur mit Haaren, die fast bis zum Boden reichten, wieder andere schienen mit den Füßen nicht mal den Boden zu berühren, wenn sie gingen, und oft meinte Tom, wenn sie den letzten Schritt über die Schwelle taten, im Licht ihre haarigen Gesichter zu erkennen. Und nun lag der Beweis in den Kellerräumen seines Vaters; Tom wollte jede Wette eingehen, dass auch diese zu Besuch kommenden Wesen Zauberwesen aus einer anderen Welt waren. Ungeduldig trommelten seine Finger gegen den Fensterrahmen. Angesichts der hohen Relevanz einer gelungenen Beschattung würde er Unterstützung brauchen und sein Vater stand ja gerade nicht zur Verfügung. Tom nahm das Haustelefon und wählte die Nummer seines Freundes Peer Feuerecker; der wohnte direkt gegenüber, hatte also ebenfalls gute Sicht auf Griselbarts Haus, und war Tom und seinem Vater in der Vergangenheit schon oft bei Finde-Hinweise-zur-Existenz-der-Anderswelt-Suchaktionen zur Seite gestanden.

„Hi, Tom. Ich hab mir gerade Schmetterlinge angesehen.“

Es war Peers Hobby, die Krabbler unter dem Mikroskop zu betrachten.

„Peer, es gibt unglaubliche Neuigkeiten. Mein Dad hat einen toten Kobold gefunden!“

„Du machst Witze!“

„Ich schwör's, ich hab ihn gesehen! Er liegt in unserem Keller.“

„Du verarschst mich doch! Wo kommt der her?“

„Er lag am Waldrand, hinter Griselbarts Haus.“

„Ha! Wir haben immer geahnt, dass an dem Typen was faul ist … He Tom, siehst du den Kerl, der jetzt die Straße entlangkommt?“

Tom spähte aus dem Fenster. Die Nacht warf lange Schatten. Gerade in diesem Augenblick schlüpfte aus der Dunkelheit ein Mann, denn das schien er zu sein, und ging mit zielstrebigen Schritten auf Griselbarts Haus zu. Seine Umrisse waren gewaltig, doppelt so groß wie die eines normalen Menschen und zwischen Kopf und Rücken war so viel Abstand, als hätte er einen Buckel wie Quasimodo, der Glöckner der Notre-Dame. Die Hände hielt er merkwürdig angewinkelt an seiner Seite und von der Mütze, die er sich tief ins Gesicht gezogen hatte, ging ein schwaches rotes Leuchten aus, als würden seine Augen glühen.

„Siehst du seine Augen?“, fiepte nun auch Peer ins Telefon.

„Ich seh‘s“, flüsterte Tom ebenso leise zurück. Plötzlich wandte der Fremde den Kopf und fing seinen Blick auf, wie er da am Fenster stand. Tom konnte sich nicht rühren, er war wie gelähmt. Der Fremde fletschte die Zähne, man konnte es nicht anders ausdrücken, und knurrte. Eine laute, blecherne Stimme hallte in Toms Kopf wieder, als würde ein Roboter direkt in sein Gehirn sprechen.

„Halt dich fern von uns!“

So schnell wie er gekommen war, so schnell war der Moment vorbei, der Fremde schlüpfte durch die sich öffnende Tür und war verschwunden. In der allerletzten Sekunde verrutschte sein Mantel, und gab den Blick frei auf einen langen, büschelartigen Schweif gleich dem eines Wolfs. Eine Weile sagte keiner etwas, dann murmelte Peer: „Ich bin sofort bei dir.“

„Warte, nimm deinen Fußball mit!“

Peer fragte nicht weiter nach. „Okay.“ Er legte auf.

Es dauerte keine drei Minuten, da klingelte es Sturm an der Haustür. Tom zog gerade den Reißverschluss seiner Softshelljacke zu, als Peer schon an der Klinke rüttelte, als wäre der Leibhaftige persönlich hinter ihm her.

„Hey, Tom! Charlie wollte auch kommen.“

Peer gab den Blick frei auf ein schlankes Mädchen mit rotbraunem Haar, das zu einem Pferdeschwanz gebunden war, und braunen Augen. Charlotte Rottint, wie sie mit vollem Namen hieß, wohnte neben Peer, also schräg gegenüber von Tom und besuchte wie sie die siebte Klasse des Von-Müller-Gymnasiums.

„Du hast sie angerufen?“, fragte Tom.

„Sie hat gesehen, dass ich rüber gelaufen bin und wollte mitkommen.“

„Hast du deinen Fußball dabei?“

Peer hielt ihn hoch. Tom nickte und bedeutete den anderen beiden, ihm zu folgen.

Peer fragte: „Was hast du vor?“, aber Charlie konnte es sich schon denken.

„Du willst den Fußball über die Hecke schießen, damit dir jemand aufmacht?“, mutmaßte sie.

„Ursache, Wirkung, weißt du. Minimaler Einsatz, größtmöglicher Nutzen. Vielleicht kann ich dabei einen Blick ins Haus werfen und sehen, was drin vor sich geht.“

„Meiner Meinung nach solltet ihr Griselbart einfach in Ruhe lassen. Ich glaub‘ nicht, dass er was Verbotenes tut.“

Tom seufzte ungeduldig, während sie den Gartenzaun umrundeten. Kalte Nachtluft kitzelte ihn an der Nase, raunte ihm das Versprechen eines bevorstehenden Abenteuers zu. „Es geht nicht darum, ob er was Verbotenes tut, sondern ob er was Geheimes tut. Wenn du mich fragst, ist seine Villa ein Stützpunkt, das Basislager sozusagen, dieser geheimen, anderen Welt. Und in der gibt es Magie.“

„Du hast eine blühende Fantasie“, sagte Charlie mit skeptischem Blick.

Charlie hatte von Anfang an Zweifel geäußert, seit sie von ihren Anstrengungen, eine Zaubererwelt aufzudecken, Wind bekommen hatte. Aber sie war dennoch interessiert, sie zu begleiten, war sportlich und recht hübsch, also hatten die beiden Jungen nichts dagegen.

Vor der Hecke ließ Tom den Ball fallen und versetzte ihm gleichzeitig einen Tritt mit dem Fuß; obwohl er nicht besonders viel Kraft anwendete, setzte der Ball in hohem Bogen über die Hecke, beinahe wie von Zauberhand getragen, und landete mit einem dumpfen Plumps auf der anderen Seite. Tom spurtete zurück zum Weg und machte sich alleine auf zu Griselbarts Villa, die anderen wollten etwas abseits auf ihn warten. Peer wirkte direkt erschrocken und wisperte: „Keine zehn Pferde könnten mich da jetzt hinbringen!“

Merkwürdigerweise war das Tor, das zu Griselbarts Grundstück führte, mittlerweile verschlossen; Tom hätte schwören können, dass der letzte Besucher ohne zu klingeln hineinmarschiert war. Er drückte den Knopf. Während er wartete, spürte er sein eigenes Herz schmerzhaft schnell gegen den Rippenbogen pochen. Eine Weile geschah nichts – dann.

„Ja?“, schnarrte eine Stimme aus der Leitung.

Tom beugte sich näher ran. „Guten Abend, Herr Griselbart, ich bin Tom Winter. Ich habe meinen Fußball aus Versehen über Ihre Hecke geschossen und wollte fragen, ob ich ihn mir wiederholen könnte.“ Er wartete und kreuzte die Finger.

Ein leises Lachen ertönte. Es herrschte so lange Schweigen, dass Tom meinte, der Gesprächspartner habe aufgelegt. Dann sagte Griselbart: „Nein.“

Mehr nicht, die Leitung war tot. Tom klingelte nochmal, dann nochmal, ohne eine Antwort zu erhalten. Kopfschüttelnd stand er da und starrte zum Haus hoch. „Das kann er doch nicht machen!“

„Was ist los?“ Peer und Charlie trauten sich wieder näherzukommen.

„Ich hab ihn gefragt, ob ich den Ball holen kann – er sagt nein.“

„Er hat eiskalt nein gesagt?“

„Sonst nichts mehr. Jetzt sagt er gar nichts mehr.“

Peer drückte ebenfalls den Knopf und quatschte in den Lautsprecher, obwohl man ihn im Haus nicht hören konnte. „Griselbart! Griselbart, ich will meinen Fußball!“

Tom inzwischen hatte einen Geistesblitz. Sein Blick fiel auf eine dicke Eiche, die außerhalb Griselbarts Grundstück gepflanzt war und deren am niedrigsten wachsende Äste bis direkt an die Fenster des Hauses reichten. Der Baum sah nicht schwer zu erklettern aus.

Toms Entschluss war gefasst; man könnte sagen, Griselbart war im Grunde genommen selbst schuld, wenn er ihn zu solchen Plänen verleitete. Drei Kindern auf solch unerhörte Weise ihr Hab und Gut zu verweigern, trug oft Konsequenzen nach sich und Tom Winter war kein Junge, der Unrecht so einfach auf sich sitzen ließ. Er ging zum Baumstamm und taxierte ihn. Dann sprang er ab und bekam mit den Fingerspitzen den untersten Ast zu fassen. Mit enormem Kraftaufwand konnte er sich langsam emporziehen, bis er die Beine in einem Halbkreis darüber schwingen konnte. Schon saß er oben.

„Geh. Sofort. Da. Runter.“ Charlie war an den Fuß des Baumes getreten und sah bei der Aussicht, dass er Griselbarts Grundstück tatsächlich betreten würde, ernsthaft erschrocken aus. Peer war begeistert. Er konnte nicht so gut klettern wie Tom, aber er hielt die Idee für genial. „Schau‘ in eins der Fenster!“, rief er ihm zu. „Wenn er dich wirklich erwischt, sag‘ das Tor stand offen!“

„Was denn sonst?“, grinste Tom zurück. Langsam kroch er den Ast entlang und beobachtete seine Umgebung. Am Ende des darüber wachsenden Zweigs könnte er direkt in eins der Fenster sehen. Mit klopfendem Herzen, immer darauf bedacht, nicht nach unten zu sehen, schob er sich Stück für Stück weiter. Nach kurzer Zeit stand ihm der Schweiß auf der Stirn, es war anstrengend, nicht die Balance zu verlieren. Krampfhaft bemühte er sich, seinen Atem flach zu halten. Schließlich war das dunkle Glas des Fensters direkt vor ihm. Tom hatte auf einmal gar nicht mehr so großes Interesse hineinzusehen, lieber wollte er einen Blick in den Garten auf der Rückseite des Hauses werfen, wo seiner Meinung nach die krummeren Dinge abliefen. Aber so weit kam er nicht.

In dem Moment, als er sich hinunterfallen lassen wollte, erschien das Gesicht einer Bestie auf der anderen Seite des Fensters. Gelbe Augen mit Pupillen so klein wie Stecknadelknöpfe starrten ihn an, während Zähne sich über rosafarbene Lefzen zogen. Es sprang vorwärts, das Maul weit aufgerissen und Tom sah in eine gähnende Weite aus Zunge, Rachen und bestialischen Zähnen.

Ein Schrei des Entsetzens fuhr ihm über die Lippen und er verlor den Halt. Er segelte durch die Luft und es gab nichts, wo er sich hätte festhalten können, seine Arme griffen ins Leere. Hart prallte er auf der Seite auf, wobei alle Luft aus seinen Lungen gepresst wurde. Er hörte Peer und Charlies erschrockene Schreie von der anderen Seite der Hecke, konnte aber nicht antworten, Sterne tanzten vor seinem Auge. Dann hörte er wie die Haustür zu Griselbarts Villa aufging und er spürte die drohende Gefahr.

Oswald Griselbart kam die Treppe heruntergestampft, angelockt vom Heidenkrach, den der Junge veranstaltete. Als er Tom am Boden liegen sah, zogen sich seine dunklen Brauen zornig zusammen. Er war sehr groß und hatte einen dicken Bauch, den er mit einem Samtjäckchen bedeckte, seine Nase saß schief in seinem Gesicht und hatte einen kleinen Höcker; rundherum wucherte struppig ein grauer Vollbart.

„TOM WINTER!“, donnerte er. „Und wie es aussiehst, hast du eben unrechtmäßigerweise meinen Baum erklettert! Was fällt dir ein, unbefugt auf mein Grundstück zu kommen?“

Tom murmelte etwas von wegen: „Sie wollten mir meinen Ball nicht zurückgeben, ich hab geklingelt“, aber es kam nur ein undefinierbares Brumpfeln aus seinem Mund. Er stöhnte, als etwas an seiner Seite schmerzhaft zu stechen begann.

„Lass mich das ansehen.“ Griselbart schlug Toms Hand weg und untersuchte seine Rippen. „Nicht gebrochen“, sagte er brüsk. „Vielleicht geprellt, dein Vater wird wissen, was er zu tun hat. Ich sag‘ es dir im Guten, Junge, und ich sag‘ es nicht noch einmal, also hör mir zu.“ Seine kalten grauen Augen waren nur Zentimeter von Toms entfernt. „Steck deine Nase nicht in fremde Angelegenheiten, wenn sie eine Nummer zu groß für dich sind. Ich werde Reginald hiervon natürlich unterrichten.“

Er griff Tom unter die Arme, der schmerzerfüllt das Gesicht verzog. Die Warnung machte ihm keine Angst. Griselbart wusste so gut wie er, dass Reginald selbst gern unbefugt Ländereien anderer Leute betrat, wenn er magische Aktivitäten darauf vermutete.

„Du wolltest deinen Ball haben?“, fragte Griselbart. „Hier, bitte.“ Er ließ etwas, das einmal Peers Ball gewesen war, in Toms Hände fallen. Und da geschah es wieder, eine laute, blecherne Stimme ohne jedwelchen Ursprung ertönte im Kopf des Jungen und zischte: „Nächstes Mal ist es dein Kopf!“ Bevor Tom mehr tun konnte, als ihm einen schockierten Blick zuzuwerfen, stampfte Griselbart ins Haus und warf die Tür zu.

Tom stand da wie vom Donner gerührt. Der Ball, der vorher rund und aufgepumpt gewesen war, war flach und luftleer. Oben und unten wies er jeweils drei faserige Einstichlöcher auf, wie von großen Fangzähnen hineingestoßen. Wenn man bedachte, wie hart so ein Fußball für gewöhnlich war ... wie viel Beißkraft musste ein Tier dann aufbringen, um ihn so zuzurichten? Mechanisch ging Tom zurück zum Tor, das nun auf wundersame Weise nicht mehr verschlossen war. Charlie und Peer, die die letzten Minuten in einiger Panik verbracht hatten, liefen ihm entgegen.

„Heiliger Strohsack, was ist mit dem Ball passiert?“

„Das war jedenfalls kein Messer!“

Charlie wich ein paar Schritte vor Griselbarts Haus zurück. Sie war blass im Gesicht. „Ich weiß nicht, Jungs, mir wird langsam echt unheimlich zumute. Vielleicht sollten wir Griselbart in Ruhe lassen, wer weiß, was der da drin versteckt hält."

„Spinnst du?“, sagte Tom, der über ihre Worte allen Schmerz und Schock vergaß. „Morgen Abend schleiche ich mich von der anderen Seite her auf sein Grundstück. Ich weiß, dass die Hecke von Thalmayer nicht ganz so stark bewachsen ist wie die unsrige, weil sie vor kurzem Ungeziefer und sowas hatte, das hat mir mein Dad erzählt. Und dann werden wir schon sehen, was diesen Ball kaputtgemacht hat!“

Als er sich von den anderen beiden verabschiedet hatte und sich wieder dem Bernsteinweg sechs näherte, bemerkte er etwas Seltsames. Die Haustür stand sperrangelweit offen, und, was noch viel ungewöhnlicher war, ebenfalls die Tür, die zum Keller führte. Es konnte schon mal vorkommen, dass Reginald vergaß, die Haustür zu schließen, aber niemals die zu seinem Forschungslabor. Es gab keinen Zweifel: Seinem Vater musste etwas geschehen sein. Zwei Stufen auf einmal nehmend rannte Tom die Treppe hinunter. Unten angekommen sah er seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt; Reginald lag auf dem Boden, die Augen geschlossen, und rührte sich nicht. Tom stürzte an seine Seite und rüttelte an seiner Schulter.

„Dad! Papa, wach auf!“

Es bedurfte nur ein wenig Schütteln, da schlug Reginald die Augen auf. Orientierungslos blickte er um sich und fasste sich mit der Hand an den Kopf, der offenbar wehtat. Da bemerkte Tom etwas.

„Dad, der Kobold! Er ist weg!“ Dort, wo vor zwei Stunden das fantastische Wesen gelegen hatte, war nichts mehr zu sehen, die graue Arbeitsfläche des Tisches war leer. Zu seiner Überraschung lächelte sein Vater. „Die anderen, sie müssen ihn mitgenommen haben", murmelte er, während er sich vorsichtig aufsetzte.

„Andere Kobolde? Und dich haben sie überwältigt?“

„Mit Magie außer Gefecht gesetzt, würde ich sagen.“

„Kobolde beherrschen auch Magie?“

„Oh ja. Es hat etwas mit diesem glühenden Licht direkt über dem Herzen zu tun. Ich war gerade dabei, das Geheimnis zu entdecken, ich wollte den Kobold nämlich sezieren.“

Tom machte ein Geräusch, das seinen ganzen Ekel ausdrückte. „Dad, wenn die Kobolde das mitbekommen haben, hast du Glück, dass du noch am Leben bist.“

Reginald stützte sich auf seinem Sohn ab, um auf die Füße zu kommen. Er schwankte bedrohlich. „Du hast Recht. Ich glaube, nur die Tatsache, dass ich öfters Nahrung und Arzneimittel im Wald auslege, hat mir das Leben gerettet.“

„Aber sie wissen jetzt, dass du und auch ich das Geheimnis kennen, nämlich, dass sie existieren. Was, wenn sie uns jetzt aus dem Weg räumen wollen?“

„Ich denke nicht. Nur weil ich jetzt weiß, dass sie existieren, heißt das nicht, dass ich nochmal einen finden werde. Dieser wurde durch Magie getötet, wie oft kommt das schon vor?“

Tom zuckte die Schultern, ihm war mulmig zumute.

Reginald seufzte. „Ich werde wohl oder übel Professor Specht Bescheid geben müssen, dass sich mein Jahrhundertfund in Luft aufgelöst hat. Er wird nicht erfreut sein.“

Griselbarts Haus

Charlie versuchte während des gesamten nächsten Tages, Peer und Tom ihr Vorhaben auszureden. Sie tauschte vorsätzlich ihren Sitzplatz mit Paulina, weil sie dann direkt neben Tom saß und ihm ihre Warnungen ins Ohr flüstern konnte. Das sorgte für einigen Wirbel in der Klasse und die Mädchen, die eine Reihe vor ihnen saßen, drehten sich nach ihnen um und kicherten. Charlie hatte nur einen verächtlichen Blick für sie übrig.

Zu Tom sagte sie: „Ich wäre mir gar nicht so sicher, ob das überhaupt ein Zauberwesen war, das den Ball zerstört hat. Vielleicht hat Griselbart mit einem Messer hineingestochen, weil er dich in sein Haus locken will.“

„Unsinn“, zischte Tom zurück, denn die erste Stunde hatte bereits angefangen. „Er setzt ja gerade alles daran, dass ich nicht hineinkomme, außerdem war das Loch scharfkantig und ein Messer würde glatte Schnitte ergeben.“

„Warum bist du so überhaupt scharf drauf, deinen Hals zu riskieren? Was hast du davon, wenn er seinen Monsterhund auf dich los hetzt oder was auch immer du da gesehen hast? Ich bezweifle, dass du dich dagegen verteidigen kannst!“

Natürlich hatte sie Recht, aber das war nicht, worum es Tom ging. „Ich möchte es einfach wissen, vielleicht plant er ja auch einen Monsterangriff auf die ganze Menschheit und dann wäre ich es, der alle davor warnt!“

„Mach dich nicht lächerlich, Griselbart gehört zu den Guten.“

„Was soll denn das jetzt wieder heißen?“

Aber Charlie bekam keine Gelegenheit, ihre Aussage zu vertiefen, weil in dem Moment Herr Aßbeck, der Geschichtslehrer, hinter ihnen auftauchte.

„So leid es mir tut, das neu gefundene Liebespaar bei ihren Turteleien zu unterbrechen, so möchte ich eure Aufmerksamkeit doch lieber auf Erwin Rommels Wüstenkorps lenken.“ Tom schaute mit glühendem Nacken zur Tafel und Charlie ließ es für den Rest der Stunde bleiben, ihm Warnungen einzuflüstern.

Sie wartete trotzdem vor Toms Haus, als der sich nach Einbruch der Dunkelheit mit Peer dort traf. Wie verabredet, waren sie ganz in Schwarz gekleidet, um in der Nacht nicht aufzufallen. Irgendwo schrie ein Käuzchen, was der Szenerie eine unheimliche Atmosphäre verlieh.

„Was ist der Plan?“, fragte Charlie. Der Rollkragen ihres Pullovers verbarg fast die gesamte untere Hälfte ihres Gesichts, nur ihre Augen waren deutlich erkennbar. Sie hatte bemerkenswert lange Wimpern, fiel Tom auf, selbst für ein Mädchen.

Tom händigte jedem ein Messer und eine Taschenlampe aus, welche er zuvor aus Reginalds Küchenschublade entwendet hatte. „Wir versuchen von Thalmayers Grundstück aus durch Griselbarts Hecke zu kommen.“

„Das dürfen wir nicht.“

„Du musst ja nicht mitkommen.“

Peer war nicht schwer zu überzeugen. „Lass uns endlich rausfinden, was da los ist!“

Zusammen marschierten sie los, an Griselbarts Haus vorbei, zu dem kleinen Bauernhof am Ende der Straße, der Hektor Thalmayer gehörte. Thalmayer, ein siebenundsechzigjähriger Farmer, der nie verheiratet gewesen und nie einem Beruf außerhalb der Landwirtschaft nachgegangen war, galt in Glöckerlstadt als Kinderschreck. Wann immer man ihm begegnete, musste man sich eine Schimpftirade von ihm anhören. Im Supermarkt schimpfte er die, die Süßigkeiten kauften, weil es sein Magengeschwür nicht zuließ, dass er welche aß. Im Bus schimpfte er, wenn man sich stehend an den Halteriemen einhielt, nur weil er wegen seines Rheumas dazu nicht in der Lage war. Wenn man ihm einen guten Morgen wünschte, regte er sich auf, weil es in diesem vermaledeiten Leben keine guten Morgen gäbe. Außerdem besaß er einen scharfen Rottweiler namens Josef, den er in unregelmäßigen Abständen fütterte, und es war allgemein bekannt, dass er nicht davor zurückschreckte, ihn auf ungebetene Eindringlinge loszulassen. Dass alles wussten die Freunde, deshalb sagte Tom: „Leise jetzt!“, ehe er durch ein Loch im Zaun schlüpfte. Der schwierigste Teil des Unterfangens bestand darin, unbemerkt an Thalmayers Hausmauer vorbeizuschleichen, denn trotz seines fortgeschrittenen Alters verfügte er über ein ausgezeichnetes Hörvermögen. Charlie verhakte sich kurz an einem vorstehenden Draht, aber sie riss kurzerhand ein Loch in ihren Pullover und bedeutete den anderen, weiterzugehen. Danach lief alles glatt, bis sie etwa bei der Mitte des Bauernhauses angekommen waren, als Peer, der als letzter ging, gegen eine angelehnte Mistforke stieß. Diese fiel um, aber als hätte das nicht gereicht, traf sie beim Hinfallen eine Schubkarre, ein blechernes Scheppern ertönte, das noch einige Zeit nachhallte. Den drei Kindern blieb das Herz stehen; dann brach der Hund im Inneren des Hauses in zornentbranntes Kläffen aus und sprang kratzend und jaulend die Wände hoch.

„LAUFT“, rief Tom. Ohne nach links und rechts zu sehen, stürmten sie die Hecke entlang, darauf bedacht, so viel Abstand wie möglich zwischen sich und den Bauern zu bringen. Schon hörte man ihn schreien: „JOSEF, SCHNAPP SIE! BEISS IHNEN DIE KÖPFE AB! WIDERLICHE EINDRINGLINGE!“

Tom wusste, sie hatten keine Chance, einem ausgewachsenen Rottweiler davonzulaufen. Wie um das Ganze noch schlimmer zu machen, hörten sie plötzlich, wie ein Gewehr nachgeladen wurde. Thalmayer schoss, es krachte laut, so laut, dass es in Bruckwalde noch zu hören sein musste, und Tom wusste nicht, ob der Bauer in die Luft oder in ihre Richtung gezielt hatte.

„Der ist wahnsinnig!“, schrie Charlie. Tom hörte sie fast nicht, weil ihm das Blut in den rauschte. Dann ertönte das Hecheln des Hundes, der schnell Fahrt auf nahm. Tom blieb keine andere Möglichkeit.

„HIER REIN!“ Gerade hatte er eine lichter werdende Stelle in Griselbarts Hecke entdeckt; es musste der Teil sein, der von Ungeziefer befallen war. Mit beiden Händen schlug er eine Bresche hinein, Zweige peitschten ihm ins Gesiecht und hinterließen brennende Striemen.

„Tom, das geht nicht!“, rief Charlie warnend.

„Wenn du dich lieber zerfleischen lassen willst!“, fuhr Peer sie an und drängte sich an ihr vorbei. Das Durchkämmen der Hecke war keine leichte Angelegenheit. Sie war viel breiter, als es von außen den Anschein hatte und irgendwie schienen die Zweigenden und Sträucher nach den Kindern zu greifen oder sich ihnen in den Weg zu stellen. Ein herüberhängender Heckenzweig wickelte sich um Toms rechtes Handgelenk wie ein Schraubstock und hinderte ihn am Weitergehen. Er hieb mit seinem Messer ein paar Mal darauf ein und die Pflanze zog sich mit einem Zischen zurück. Niemand konnte es abstreiten: hier war eindeutig Magie im Spiel. Sobald er den Gedanken zuließ, geschahen weitere seltsame Dinge. Auf einmal wuchsen in der Hecke Blüten, die darin eigentlich nichts verloren hatten, groß, taufeucht, in einem schillernden Blau. Tom meinte auch, das Summen von Bienen oder großen Käfern hören zu können, aber wenn er sich danach umdrehte, war nichts zu sehen. Peer ging direkt hinter ihm und schien ebenso entzückt wie er selber, nur Charlie machte ein abwehrendes Gesicht und ließ sich Zeit auf ihrem Weg. Den Rottweiler hatte man vergessen, sein Bellen erklang wie aus meilenweiter Entfernung.

Irgendwann – waren Minuten oder Stunden vergangen? – erreichten sie das andere Ende der Hecke und stolperten ins Freie. Auch hier wartete eine Überraschung. Zwar wusste Tom, dass Griselbarts Anwesen groß war, aber das, was sich jetzt vor ihnen ausbreitete, hatte die Ausmesser eines Parks und nicht die eines gewöhnlichen Gartens. Es musste irgendeinen Zauber geben, der Flächen von außen kleiner aussehen lassen konnte. In Griselbarts Park gab es ein eigenes kleines Wäldchen, einen Teich, auf dem, wenn Tom sich nicht täuschte, schlafende Gänse die Köpfe unter die Flügel steckten, einen chinesischen Pavillon mit Liegestühlen zum Entspannen, auf beiden Seiten gesäumt von kleinen Fliederbüschen und Magnoliensträuchern. Auch das Haus selber sah größer und nicht ganz so zerfallen aus wie von Toms Fenster aus. Als Tom Peer gerade darauf hinweisen wollte, fiel sein Blick auf eine Gestalt, die auf der untersten Treppenstufe der Veranda stand und sie beobachtete. Es war Oswald Griselbart und genau wie bei ihrer letzten Begegnung, sah er alles andere als erfreut aus, aus seinen Zügen sprach die kalte Wut.

In diesem Moment sprach er sie an. „Tom Winter und Peer Feuerecker. Haben euch eure Väter nicht gelehrt, dass es sich nicht gehört, auf anderer Leute Grundstücke herumzuspionieren?“

„Ich - wir mussten vor Thalmayers Hund flüchten-“, stotterte Tom.

„Ich weiß. Er hat guten Grund, euch in der Luft zu zerreißen.“ Griselbarts Augen glommen in der Dunkelheit und sie waren das einzige, was man von seinem Gesicht erkennen konnte. In seinem Inneren schien es zu brodeln. Tom war mulmig zumute.

Dann wandte sich der Alte an Charlie, die etwas abseits stand, als würde sie nicht zu ihnen gehören. „Charlotte Rottint, warst du tatsächlich nicht in der Lage, die beiden von meinem Haus fernzuhalten oder warst du zum Schluss genauso entdeckerfreudig wie sie?“

Peer und Tom wirbelten herum. Charlies Wangen verfärbten sich dunkelrosa und sie wich ihren Blicken aus. „Da war der Hund, was hätte ich denn machen sollen …“

„Dir ist natürlich nichts anderes eingefallen“, sagte Griselbart spöttisch.

Da dämmerte es Tom. Charlie steckte mit Griselbart unter einer Decke, deswegen hatte sie sich so vehement dagegen gewehrt, dass sie heute Nacht diese Tour machten. Aber Tom konnte sich jetzt nicht darum kümmern, er würde später darüber nachdenken …

„Was halten Sie darin versteckt?“, rief er und zeigte aufs Haus. „Denn ich weiß, dass Sie was drin verstecken … ähm … Zauberwesen!“ Irgendwie hatte er es sich anders vorgestellt, wenn er Griselbart endlich zur Rede stellen würde, weniger stopselnd und mehr einschüchternd.

„So … du weißt also, dass ich hier etwas verstecke“, sagte Griselbart leise. „Nun, ich würde sagen, dann hast du jedes Recht zu erfahren, was das ist. Vielleicht lernst du so, deine Nase aus anderer Leute Angelegenheiten rauszuhalten.“ Er drehte halb den Kopf, dass er über seine Schulter blickte und machte eine Handbewegung, die für jemand anderen bestimmt war als die drei. Nach und nach traten sie aus der Sicherheit der Schatten ins Licht. Toms Atem beschleunigte sich, er wusste, was jetzt kam.

Das erste Wesen war faszinierend, aber nicht abstoßend, hochgewachsen wie ein Mensch, aber dünner und zierlicher; es hatte lange seidene Haare, die hinter sehr spitzen Ohren hervorragten. Die Gesichtszüge sahen aus wie gemeißelt, da war keine Falte und keine Narbe in der Haut, die sie entstellen könnte. Gekleidet war es in aus Blättern und Farnen gewebte Gewänder, sogar die Schuhe bestanden aus zusammengepressten Schichten Baumrinde. Es war eine Elfe und Tom meinte, dass es ein Mann war, obwohl er sich da nicht sicher sein konnte, weil weder Körperbau noch Gangart irgendeinen Hinweis darauf lieferten. Hinter ihm folgten zwei Kobolde, deren Aussehen Tom inzwischen gut kannte, sie unterschieden sich tatsächlich kaum von dem toten Exemplar, das Reginald in seinem Keller aufbewahrt hatte, klein und haarig, mit einem langen Schwanz und grün-gelblichen Augen, die bemerkenswert zornig dreinschauten. An ihnen fiel ihm noch etwas auf und die Worte seines Vaters hallten in seiner Erinnerung wider. „Es hat etwas mit diesem glühenden Licht direkt über dem Herzen zu tun.“ Reginald hatte damals von der Zauberkraft der Kobolde gesprochen und jetzt sah Tom, was er meinte. In ihrem Körper, da, wo das Herz anatomisch angeordnet war, glomm ein kleines Licht nach außen wie von einer abgedunkelten Kerzenflamme, bei jedem der beiden Kobolde in einer anderen Farbe, grün und rot, und es schien für sie so selbstverständlich wie ihre haarigen Ohren. Als Tom sich den vor ihnen gehenden Elf noch einmal genauer ansah, bemerkte er auch an ihm dieses Glimmen, ein kühles Blau, das von seinem Herzen auszugehen schien. Es war der Sitz ihrer Zauberkraft, mutmaßte Tom. Hinter den Kobolden marschierten Trolle oder Gnome, sie waren hässlich wie Gartenzwerge mit ledriger grüner Haut und groben Gesichtern, wie sie Kinder in Kartoffeln schnitzten. Zwei Hirsche waren da, einer schneeweiß, einer braun, und ein Rieseneber mit Hauern so lang wie Elfenbein. Etwas, das ganz nach einem Geist aussah, schwebte versetzt hinter ihnen ein paar Zentimeter in der Luft, seine Umrisse waren nicht klar zu erkennen, aber es trug Kleidung, ein lilafarbenes Kopftuch und einen blauen Gürtel mit einer Klinge darin. Weiter hinten in der Reihe wurden die Wesen zunehmend unheimlich. Es gab ein Skelett, an dem man jeden einzelnen bleichen Knochen zählen konnte, es hatte die Arme verschränkt und spielte mit einem Säbel, den es in der Hand hielt. Direkt neben ihm stand eine Kreatur, die eine Mischung aus Pferd, Löwe und Adler war, ein Hippogreif. Beim Anblick des spitzen Schnabels lief Tom unwillkürlich ein Schauer den Rücken; der Hippogreif scharrte wütend mit seinen Pfoten auf dem Boden, als wäre er schuld an dieser Misere. Und dann – ein Wesen schob sich aus der hintersten Reihe nach vorne, es war größer als die anderen, und bewegte sich schleichend, fast lautlos. In die rot glühenden Augen hatte Tom erst am vergangenen Abend geblickt, jetzt sah er die Gestalt ohne Mantel und erschrak. Es war eindeutig ein Wolf, aber riesig, mit dem Körperbau eines ausgewachsenen muskulösen Mannes und einem Gesicht, das vollkommen haarig war und in einer langen zähnebewehrten Schnauze endete. Am schlimmsten waren die roten Augen, die sich in Toms bohrten und es ihm unmöglich machten, den Blick abzuwenden.

„Der Mensch weiß zu viel“, sagte das Wesen zischend. Es war offensichtlich, dass er sich für gewöhnlich einer anderen Sprache bediente. „Ich kann mich darum kümmern.“

Tom wich einen Schritt zurück. Ein Werwolf.

„Schon gut, Wolf“, sagte Griselbart und streckte einen Arm aus. „Tom will etwas von unserer Magie haben, er lebt von der verblendeten Vorstellung, dass er Anspruch darauf hat. Also lasst uns ihm etwas davon geben.“

Nicht nur ein Wesen zischte angriffslustig bei diesen Worten.

„Wir werden die Kobolde opfern, sie sind am wenigsten wert, Thalíng und Wolf, ihr übernehmt die Schlachtung.“

Tom meinte, er müsste sich verhört haben. Die Kobolde brachen in aufgebrachtes Quietschen aus, doch ehe sie etwas tun konnten, wurden sie von dem Elf und dem Werwolf gepackt. Der Elf zückte einen Zauberstab und hielt ihn einem Kobold vor die Brust. Es war der mit dem grünen Licht über dem Herzen.

„Wartet“, sagte Tom langsam. Allmählich sickerte zu ihm durch, was sie vorhatten.

Griselbart fuhr ihm über den Mund. „Natürlich werden wir unsere Magie einem Menschen geben, wenn er danach verlangt. Die Kobolde sind nicht würdig, sie zu besitzen.“

„Halt-“, sagte Tom energisch.

„Das ist, was du dir wünschst.“ Griselbart nickte.

Der Elf schrie einen Zauberspruch, lila Licht blitzte auf, der Kobold quietschte, dann sank er leblos zusammen.

„NEIN!“, schrien Tom und Peer gleichzeitig. Sie warteten darauf, dass der Kobold aufsprang und kicherte, einen Scherz mit ihnen trieb, aber die vollkommene Bewegungslosigkeit, in der er verharrte, weder ein Lid, noch ein Muskel zuckten, konnte nicht gespielt sein. Auch das Licht über seinem Herzen war verloschen.

„Und jetzt der andere!“

Der Elf wandte sich dem wimmernden, übrig gebliebenen Kobold zu und packte ihn an der Schulter, um ihn in eine stehende Position zu hieven. Wieder richtete er seinen Zauberstab auf das grüne Licht.

Tom hatte genug gesehen. Er machte auf dem Absatz kehrt und rannte über die Veranda in Griselbarts Haus, so schnell er konnte. Er drehte sich nur noch einmal um, um zu sehen, ob Peer hinterherkam. Im Gras vor den Zauberwesen lag der tote Kobold, der zweite, den er in zwei Tagen zu sehen bekam.

„Du hast die Straße der Magie gewählt, Tom!“, wehte Griselbarts Stimme hinter ihnen her. „Jetzt gibt es kein Zurück mehr!“

Die beiden Jungen stolperten nach draußen, warfen sich einen wilden Blick zu, dann rannten sie ohne ein Wort des Abschieds getrennt nach Hause. Nach Charlie sah niemand, auf eine Verräterin konnte man getrost verzichten.

Die Chipera

Tom war versucht, die ganze Geschichte rund um Griselbarts Geheimnis in Vergessenheit geraten zu lassen. Auf die Frage seines Vaters, dessen Stimme aus den Kellergewölben herauf schallte, was er solange getrieben hatte, antwortete er, er hätte die Sterne beobachtet. Reginald geriet sofort ins Schwärmen: „Oh ja, heute hat man einen guten Blick auf die zweifach geteilten Monde, das liegt an den Wetterverhältnissen der letzten Tage, vor allem der kalte Nordwind von den Alpen-“

Tom stürmte die Treppe hoch, ohne ihn ausreden zu lassen. In seinem Zimmer ließ er die Jalousie runter, wobei er es gezielt vermied, einen Blick auf Griselbarts Haus zu werfen. Dann legte er sich vollständig angezogen ins Bett und drehte sich auf die dem Fenster abgewandte Seite. Sei es, weil er so erschöpft war oder weil sein Hirn vor der Realität davonlaufen wollte, er schlief sofort ein.

Am nächsten Morgen wachte Tom mit brummendem Schädel auf. Ein Blick auf den Wecker zeigte ihm, dass er spät dran war - er hatte vergessen, den Alarm einzuschalten. Trotzdem ließ er sich Zeit damit, die Schulsachen zusammenzupacken und seine Jacke anzuziehen. Schule kam ihm nach den gestrigen Erlebnissen unwichtig vor, weniger real. Als er in den Spiegel schaute, war er einen Moment selbst erschrocken. Er sah aus wie ein Geist, noch blasser als üblich, was in starkem Kontrast zu seinem dunklen Haar stand.

Reginald saß mit zerzausten Locken auf einem Küchenstuhl und beugte sich über eine Fachzeitschrift. Auf einem Stift herumkauend las er einen Aufsatz mit dem Titel „Warum Chinchillas nicht Nachkömmlinge der Viscachas sind, sondern in Wahrheit von Aliens abstammen. “

„Tom, du wirst nicht glauben, was da steht … Meine Güte, wie siehst du denn aus?“

„Schlecht geschlafen“, gab Tom zurück, seinem Blick ausweichend. „Kannst du mich zur Schule fahren? Ich hab den Bus verpasst. “

„Äh, ja sicher.“ Reginald schaute zerstreut auf seine Armbanduhr und sprang dann auf. „Himmel, so spät schon, ich hab die Zeit völlig aus den Augen verloren!“ Er geleitete Tom aus der Tür und gemeinsam erklommen sie den halb vermoderten, roten Pickup, den Reginald sein Eigen nannte. Schließlich erzählte er doch noch lang und breit, wie Chinchillas vor knapp fünf Jahrhunderten von einem anderen Planeten zur Erde kamen und Tom musste nichts weiter tun, als zu nicken und zuzustimmen.

„Bis nachher! Und was hältst du davon, wenn wir am Nachmittag im Wald nach einem Koboldbau suchen?“, fragte sein Vater und beugte sich aus dem offenen Fenster.

Tom zuckte zusammen, aber nicht, weil gerade drei Zehntklässler an ihm vorbeigingen und die letzten Worte seines Vaters mit anhörten, sondern weil Bilder der gestrigen Nacht in ihm aufstiegen.

„Ja, vielleicht Dad, ich treff mich heute mit Peer zum Lernen.“

Im Klassenzimmer zeigte Tom Charlie die kalte Schulter, während er mit Peer stillschweigend zu dem Entschluss gekommen war, kein Wort über das Erlebte zu verlieren. Nur Peers Augenringe ließen vermuten, dass er die Nacht schlecht geschlafen hatte. Die ersten beiden Stunden Mathematik vergingen im Schneckentempo und ließen ihn kaum Ablenkung finden. Zwischen acht Uhr dreißig und acht Uhr fünfzig schlenderte er allein über den Schulhof und ging den Grüppchen von Schülern, die er kannte, gezielt aus dem Weg. Ihm war nicht der Sinn nach einem Gespräch. Nach der Pause wartete Charlie vor dem Klassenzimmer und bat Tom um ein Wort unter vier Augen. Er stimmte zu, wenn auch widerwillig.

„Tom, ich schwöre, es tut mir leid, dass du es auf diese Weise erfahren musstest, aber es ist besser, wenn du dich aus allem heraushältst.“ Sie hatte die Arme verschränkt, in der Hoffnung, ruhig zu wirken, aber die Farbe auf ihren Wangen verriet sie.

Vielleicht hatte Tom auf eine Erklärung gehofft, vielleicht auf eine umfangreichere Entschuldigung, jedenfalls wurde er ob dieser Worte wütend. „Keine Sorge, ich werde keinen Fuß mehr in die Richtung dieser irren Vereinigung setzen!“, zischte er.

„Sie sind nicht so schlimm, wie du denkst.“

„Jaah, klar“, schnaubte Tom, der den Kobold nicht vergessen hatte.

Charlie schwieg einen Moment und schaute auf ihre Schuhspitzen. „Wir können trotzdem noch Freunde sein, Peer, du und ich.“

Tom schnaubte wieder. „Du hast uns tagelang angelogen, bis zum Schluss hast du uns nicht gesagt, was los ist.“

„Ich konnte nicht, Tom-“

Er sprach lauter, um sie zu übertönen. „Peer und ich werden nicht so tun, als hätten wir nichts gesehen, wir werden ihre dunklen Machenschaften nicht unterstützen!“

„Wir betreiben keine schwarze Magie, Tom, wir gehören zu den Guten!“

Das gleiche hatte sie über Griselbart gesagt. „Immer lügst du!“, rief er und im offen stehenden Klassenzimmer wurde es schlagartig still; jeder war interessiert an plötzlich auf- und abbrandenden Liebeleien von Klassenkameraden und der damit verbundenen Möglichkeit, sich auf die eine oder andere Seite zu schlagen. Tom musste sich Mühe geben, seine Stimme zu senken, während ihn Paulinas und Chiaras Blicke durchbohrten. „Ihr habt den Kobold umgebracht, vielleicht beide, und das ohne richtigen Grund, ich kann das nicht einfach vergessen!“

„Es ist alles ganz anders, als du denkst.“

„Dann erklär's mir! Sag mir, wie es wirklich ist.“

„Das geht nicht, Tom, ich darf nicht-“

Er schüttelte ungeduldig den Kopf. „Du glaubst also, wir reden einfach nicht mehr darüber, sondern über normale Themen wie Schule, Sport und meinen Dad, und dann wird alles wieder so wie früher?“

Charlie machte den Mund auf und schloss ihn dann wieder. Es war klar, dass sie ja sagen wollte.

„Tut mir leid, das mach ich nicht, ich glaub es wär am besten, wenn du mich einfach in Ruhe lässt, Charlie.“

Eine Hand zwischen seinen Schulterblättern brachte ihn zum Verstummen, Herr Tissarek, der Deutschlehrer, war von hinten auf sie zu getreten und schob sie vor sich her ins Klassenzimmer. „So jung und schon Beziehungsstress“, sagte er, dass die ganze Klasse es hören könnte. „So gern ich euren Problemchen lauschen möchte, empfehle ich euch, die Unterhaltung nach der Stunde fortzusetzen. Gib nicht gleich auf, Charlotte, er wird dich schon wieder an sich heranlassen.“

Die ganze Klasse, Peer ausgenommen, lachte. Tom ging rauchend vor Zorn zu seinem Platz und schwor sich, von jetzt an nie wieder ein Wort mit Charlie Rottint zu wechseln.

Die nächsten Tage verliefen ereignislos, Tom gab vor, nicht zu wissen, dass das Haus nebenan existierte, sein Vater machte keine weiteren Koboldfunde und Charlie hatte nach mehreren fruchtlosen Versuchen ihn versöhnlich zu stimmen aufgegeben. Peer hatte ihr größtenteils verziehen, sie betrachteten jetzt wieder Schmetterlinge unter dem Mikroskop, aber Tom wollte nichts davon wissen.

„Die töten sich gegenseitig, Peer, und wer weiß, ob du Charlie überhaupt trauen kannst. Vielleicht soll sie für ihre Vereinigung Menschen auskundschaften und du bist der erste, der dran glauben muss. Hat sie dir schon irgendwas Neues erzählt?“

Peer verneinte. Und solange das so blieb, hielt Tom an seinem Standpunkt fest.

Zwei Tage waren vergangen. Am Donnerstagabend saß Tom in seinem Bett und wiederholte ein Kapitel aus seinem Matheschulbuch; es ging um Winkelsummen im Dreieck und wie der Rest der Klasse war er der Meinung, dass sie morgen eine Arbeit darüber schreiben würden. Gegen halb zehn, als er sich überlegte, früher schlafen zu gehen, um fit zu sein, bemerkte er, dass es in seinem Zimmer schlagartig kälter wurde. Mitte Juli war er es gewöhnt, nur im T-Shirt herumzulaufen, aber jetzt überkam ihn eine Gänsehaut. Er packte seine Schulsachen weg und zog eine Jacke über. Trotzdem wurde er den Gedanken nicht los, dass irgendetwas im Gange war. Er warf einen argwöhnischen Blick zum Fenster. Konnte es wieder mit Griselbarts Haus zu tun haben?

Schließlich, als er die Spannung nicht mehr aushielt, stand er auf und schaute, was sich an Griselbarts Pforte abspielte. Vor dem Fenster ging er in die Knie und lugte nur eine Handbreit über den Sims. Wie zu erwarten hatte der Nachbar erneut Besuch und wie gewöhnlich war der eindeutig nicht menschlicher Natur. Das schwarze, in einen Umhang gehüllte Wesen, schwebte ein paar Handbreit über dem Boden. Anders als die sonstigen Besucher schien es seine Unnatürlichkeit nicht verbergen zu wollen und Tom wollte wetten, dass es auch unter seiner Kapuze kein vorgetäuschtes menschliches Aussehen angenommen hatte. Auf dem Rücken hatte es einen Buckel, der sich hin und wieder verschob und dabei den Mantel verrutschte als wäre er ein eigenständiges Körperteil, das sich frei bewegen ließ. Als es seinen Kopf drehte, ging Tom unwillkürlich weiter in die Knie, damit es ihn nicht in seiner Spähposition entdeckte. Beim Anblick dieser Kreatur fühlte er zum ersten Mal einen Anflug von Angst, anders als beim Elf oder beim Kobold, an denen er durchaus Gefallen gefunden hatte, bis sie angefangen hatten, einander abzuschlachten. Das gespenstähnliche Wesen auf dem Weg klopfte nicht und klingelte auch nicht, soweit es für Tom ersichtlich war. Dennoch öffnete sich die Tür einen Spaltbreit, denn Licht fiel aus dem Inneren des Hauses auf die Veranda. Dann geschah alles ganz schnell: das fliegende Wesen fegte mit unnatürlicher Geschwindigkeit und einem schrillen Kreischen, das Tom die Haare zu Berge stehen ließ, durch die offene Tür, Krachen und Schreie ertönten, dann kamen weder Griselbart noch der Geist erneut zum Vorschein. Tom schluckte. Wenn er es nicht besser wüsste, hätte er die Vermutung, Griselbart würde angegriffen. Aber wenn er sich daran erinnerte, wie er mit dem Kobold umgesprungen war, hielt sich sein Mitgefühl in Grenzen. Weitere Kampfgeräusche drangen aus dem benachbarten Haus, das Rücken von schweren Möbeln, unterdrückte Schreie und Grunzer, dazu immer wieder die schrillen hohen Laute, die die Kreatur von sich gab. Hörte es denn niemand? Warum halfen Griselbart nicht die vielen Wesen, die er seine Freunde nannte, zum Beispiel der Werwolf? Aber Tom wusste instinktiv, dass Griselbart dem Ding ganz allein gegenüberstand. Er biss sich auf die Lippen. Sollte er helfen? Ein Laut erregte seine Aufmerksamkeit. Neben den Kampfgeräuschen gab es da noch ein anderes, das nicht recht passen wollte; es war das Winseln und Schaben eines Hundes, der mit den Krallen am Boden wetzte. Es schien aus dem oberen Stockwerk zu kommen. Tom wusste, dass Griselbart dem Angriff nicht lange standhalten konnte. Er vergaß seine Vorsicht und rannte aus dem Zimmer. Draußen schlug ihm kalte Nachtluft entgegen und raubte ihm für einen Moment den Atem. Die Tür zu Griselbarts Haus war immer noch angelehnt und Tom konnte die Stimme des alten Mannes hören: „VERSCHWINDE! Antipipto! Zu Hilfe! Hört mich denn niemand?“

Alle Warnsignale in den Wind schlagend, dass dies eine Falle sein könnte, rannte Tom zur Tür. Kurz vor der Treppe nahm das Schaben und Kratzen des Hundes einen Stockwerk weiter oben weiter zu und Tom fasste kurzerhand einen Entschluss. So leise wie möglich und mit wild klopfendem Herzen verschaffte er sich Zutritt ins Haus, dann wandte er sich nicht in Richtung Küche, wo der Kampflärm ertönte, sondern nach rechts, wo eine zweite Treppe lag. Um Griselbart stand es offensichtlich schlecht, seine Schreie hatten sich in schwache Ächzer verwandelt, während das ihn angreifende Wesen immer noch unerträglich hoch und schrill kreischte. Tom spurtete nach oben und gelangte in ein Zimmer, das merklich kühler war als der Flur. In einem Käfig lauerte ein Wesen, das Tom nur schemenhaft sehen konnte, aber er spürte anhand der Kälte und dem Flimmern, das in der Luft lag, dass auch dieses magisch war. Ohne zu überlegen, ging er vor dem Käfig in die Knie und schob den Riegel zur Seite. Zweimal verhakte er sich, ehe das Schloss mit einem Quietschen aufsprang. Das Geschöpf im Käfiginneren hielt sich nicht mit ihm auf, sondern raste die Treppe hinunter, so schnell, dass es zu verschwimmen schien, um seinem Herrn zu Hilfe zu eilen. Tom beeilte sich hinterherzukommen, doch mit dem Vierbeiner konnte er nicht mithalten. Er hörte das Wesen, mit dem Griselbart kämpfte, schreien, diesmal aus Angst und dann, gerade als Tom am oberen Treppenabsatz ankam, floh es Hals über Kopf aus der Haustür. Sein Anblick aus der Nähe war fürchterlich. Jetzt konnte Tom sehen, dass der Buckel auf dem Rücken in Wahrheit große, ledrige Schwingen waren und dass der Kopf dem eines Nagers ähnelte, wobei der Mund mit riesigen scharfkantigen Zähnen besetzt war und dass anstatt Augen nur leere Höhlen im Schädel prangten. Dann war es weg. Tom lief ein eiskalter Schauer über den Rücken.

Im Flur, der zum letzten Zimmer vor der Veranda führte, lag der heftig schnaufende Griselbart rücklings am Boden. Er blutete aus einer Wunde am Hals und tätschelte schwach das Wesen, das Tom aus seinem Käfig befreit hatte. Es war ein Hund, zumindest hatte es die Form und die Schnauze eines Hundes, doch es wirkte wilder und ungezähmter mit zotteligen Haaren und einem größeren Kopf und auch über seinem Herzen glomm ein helles gelbes Licht. Vielleicht ein Wolfshybrid. Ein unbestimmbares Summen lag in der Luft, bis Tom an seinen Lippenbewegungen erkannte, dass der Hund mit Griselbart kommunizierte und ihm auf seine eigene Weise erzählte, was passiert war. Griselbart wandte den Kopf und sah Tom, wie er unschlüssig am Ende des Ganges stand.

„Tom!“ Seine raue Stimme klang ungläubig. „Xerxes hat mir gesagt, dass du gekommen bist. Ich konnte es nicht glauben.“

Tom ging langsam auf ihn zu. Die Wunde am Hals sah schlimm aus, tief, noch ein wenig später und die riesige Fledermaus hätte ihn geköpft.

„Was war das für ein Ding?“, fragte er leise.

„Das war eine Chipera.“ Ächzend kam Griselbart auf die Füße, Xerxes, der Wolf, half ihm dabei, indem er ihn mit seiner Schnauze stützte.

„Was ist eine Chipera?“, fragte Tom.

„Ein Fledermausgeist. Einer von insgesamt sechs, glücklicherweise einer der schwächeren, und sie dienen allesamt Graf Skelardo.“

Tom konnte mit dieser Information wenig anfangen. „Was können wir gegen Ihre Wunde tun?“

„Ich habe vorerst ein Heilmittel. Es wird nicht genügen, weil die Wunde schwarzmagisch verseucht ist, aber für den Anfang reicht es.“ Griselbart humpelte ins Wohnzimmer, wo er den Geräuschen zufolge eine Schublade öffnete und darin herumkramte. Mit einer Tube in der Hand kehrte er zurück, deren Inhalt, eine grünliche verklumpte Paste, er sich großzügig auf die Wunde strich. Der Blutstrom versiegte augenblicklich und die Haut wuchs glatt zusammen, bis sie aussah wie zuvor.

„Gegen innerliche Verletzungen hilft das natürlich nicht. Thalíng wird das heilen können, Hauptsache, es blutet nicht mehr.“

Tom, der den Heilungsprozess staunend verfolgt hatte, fiel nichts ein außer: „Gut.“

Griselbart seufzte und bedachte ihn mit einem langen Blick. „Ich hab dir Unrecht getan, nicht wahr? In dir steckt viel mehr, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.“

Tom wusste nicht, was er darauf sagen sollte.

„Nimm Platz, ich hole die anderen und dann sehen wir, wie es weitergeht.“ Griselbart hob einen verschnörkelten Stock, den Tom bisher übersehen hatte, von einem Beistelltisch im Flur auf, wobei er murmelte: „Wäre ich an den rangekommen, hätte die Chipera nichts zu lachen gehabt.“ Er zeigte mit dem Stab an die Decke und murmelte die Worte: „Kataneuo.“

Ein rotes Licht brach aus der Spitze des Stabes und schwebte durch die Decke, bevor Tom es erkennen konnte.

„Was ist das?“, fragte er.

„Ein Zeichen, es zeigt die Fahne der ersten Pforte und die Freunde, die es sehen, kommen zu meinem Haus.“

„Leben die alle im Wald?“ Tom spähte aus dem Fenster im Wohnzimmer, ob er Bewegungen ausmachen konnte, aber der Garten lag verlassen und ruhig da.

„Oh nein, nur die Kobolde wohnen im Wald und die Hirsche und manche der Elfen. Die Trolle wohnen im Erdreich hinten bei der Haidmühle, Wolf kommt aus Gründobl ein paar Kilometer weiter, ist für ihn natürlich kein Problem, hierherzukommen, die Zwerge leben im Felsengebirge bei Zwieselklamm wie auch die Meerjungfrauen, aber die können natürlich nicht kommen … Wegen der Schwänze, du verstehst.“

„Äh …“ Tom schwirrte der Kopf von all den vertrauten und unvertrauten Namen und Wesensbezeichnungen. Es wunderte ihn, dass Griselbart ihm das alles erzählte. „Was ist die erste Pforte?“

Griselbart lächelte. „Alles zu seiner Zeit, Tom. Ah, da kommen Charlie und Peer.“

In der Tat öffnete sich in diesem Moment die Haustür, Charlie ging voran, Peer folgte mit misstrauischem Blick. „Tom, du bist auch hier?“, sagte er erstaunt.

Zu Toms Überraschung ging hinter den beiden noch ein dritter, ein großer Mann mit Hakennase und braunem Schnurrbart, es war Kunibert Rottint, Charlies Vater. Offenbar wusste er von dem Geheimnis, das Griselbart hütete, vermutlich war er ebenfalls ein Zauberer, dämmerte es Tom. Aber da er als Kultusminister in einem riesigen Institut in München arbeitete, war er ihm immer wie der weltlichste, am wenigsten in Magie verwickelte Mensch in ganz Glöckerlstadt vorgekommen. Kunibert lächelte nicht, als er ihn sah.

„Die Schutzzauber sind schwach geworden, sonst wäre die Chipera nie in der Lage gewesen, durch die Tür zu kommen“, sagte Griselbart seufzend. Mit einem Schwenk seines Stabes räumte er alle zu Boden geworfenen Möbel und Habseligkeiten an ihren ursprünglichen Platz, Putz flog zurück in die Wände und eine zu Bruch gegangene Lampe wurde wieder ganz.

„Eine Chipera war hier?“, sagten Charlie und Kunibert gleichzeitig.

„Ja, sie muss gewusst haben, dass ich gerade alleine im Quartier war, wenn auch nur für ein paar Minuten, bis die Ablösung käme. Ich hatte Glück, dass sie keine Komplizen dabei hatte. Tom hat mich gerettet. Er hat Xerxes rausgelassen.“