Verlag: neobooks Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Tom Winter und der weiße Hirsch E-Book

Nicole Wagner  

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E-Book-Beschreibung Tom Winter und der weiße Hirsch - Nicole Wagner

„Tom fehlten die Worte für das, was ihm in diesem Moment widerfuhr. Er fühlte sich nicht länger wie ein einziges, selbständiges Wesen, sondern als hätte man ihn in der Mitte zerteilt. Dieses zweite Geschöpf, das vor ihm in einem hellen gelben Licht erstrahlte, war genauso wichtig wie er selbst, ihre Leben miteinander verbunden.“ Hals über Kopf stürzt Tom sich ins Abenteuer, die Anderswelt vor Vampir Graf Skelardo zu retten. Dabei ist es nicht unbedingt von Vorteil, dass er bis eben noch geglaubt hatte, völlig normal zu sein. Zum Glück sind seine Freunde Charlie, Peer und Astos bei ihm, wenn es brenzlig wird ...

Meinungen über das E-Book Tom Winter und der weiße Hirsch - Nicole Wagner

E-Book-Leseprobe Tom Winter und der weiße Hirsch - Nicole Wagner

Nicole Wagner

Tom Winter und der weiße Hirsch

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Der tote Kobold

Griselbarts Villa

Die Chipera

Astos, der Weiße

Die Zauberstabschmiede

Griselbart, der Meister der Magie

Der Glockenwald

Der König in Bruckwalde

Der Inalora-Stein

Vertrieben

Der Thrandrad

Der Angriff des Rothkim

Der Emeurd'e

Ein zu hoher Preis

Die Gefahr an der Grenze

Roddroth, die Stadt des Vampirs

Odolpho, der Buchmacher

Wettlauf um die Zeit

Die versteckte Stadt

Der Horst des Phönix

Die Elfen in der Quelle

Wiedersehen mit alten Freunden

Der Vampir in Bruckwalde

Pettenkoffers Verhör

Impressum neobooks

Der tote Kobold

Tom träumte. Er träumte, dass er des nachts über eine mondbeschienene Lichtung wanderte und von einer ungewohnten Ruhe erfüllt war, die er im wachen Zustand nicht kannte. Irgendetwas oder irgendjemand wartete hier auf ihn, wenn er nur lange genug im Schatten der Bäume weiter ging. Auch die seltsame Müdigkeit, die tagsüber von seinem Körper Besitz ergriff, war wie weggeflogen und er fühlte sich kräftiger als sonst.

Ringsum lag alles in vollkommener Stille und nur das Knicken der Grashalme unter seinen Füßen war zu hören. Er wusste nicht, wie lange er hier schon wanderte und war sich vage bewusst, dass er träumte.

Ein Licht erschien in unmittelbarer Entfernung vor ihm und wurde heller, je weiter er darauf zuging. Er erkannte, dass es ein Tier war, das dort im Halbkreis der Bäume stand, die die Lichtung umgaben. Ein schneeweißer Hirsch, von dem ein silbernes Licht ausging wie ein Heiligenschein. Tom war nicht im mindesten überrascht, als er zu ihm sprach.

„Tom. Ich habe auf dich gewartet.“

„Woher kennst du meinen Namen?“, fragte der Junge.

„Bald kennst du auch meinen.“ Der Hirsch hatte kluge braune Augen und überragte Tom um beinahe einen halben Meter. Dennoch ging keine Bedrohung von seinem riesigen verästelten Geweih aus und Tom spürte den seltsamen Drang, sich an die mächtige Flanke des Hirschs zu lehnen und sein Fell zu streicheln.

„Was willst du von mir?“, fragte er.

„Du musst uns helfen. Unsere Welt ist in Gefahr und es ist an der Zeit, dass ein neuer Reiter erscheint.“

„Ein Reiter? Ich?“

Der Hirsch schaute ihn nur an und antwortete nicht. Seine Nüstern waren geweitet und verrieten, dass er nicht so ruhig war, wie es nach außen den Anschein hatte. Hin und wieder legte sich eins seiner Ohren an, als lauschte er, was sich hinter seinem Rücken abspielte.

„Was muss ich tun? Wie komme ich zu dir?“, fragte Tom. Gern hätte er dem Hirsch geholfen, aber er spürte, dass es seine Kräfte überstieg. Noch.

„Alles zu seiner Zeit. Es wird früher beginnen, als du denkst.“

Tom blickte sich um und sah, dass die Traumlandschaft sich aufzulösen begann, das silberne Licht verschwamm. Bald würde er aufwachen.

„Wann kommst du?“, rief Tom. Er wollte die sichere und friedliche Lichtung nicht verlassen, wollte nicht dorthin zurück, wo er sich fehl am Platz fühlte.

„Bald. Hab Geduld.“

*

Im Bernsteinweg sechs, der am hinteren Ende des Örtchens Glöckerlstadt lag, verlief das Leben in ruhigen Bahnen. Selten störte ein Laut die nächtliche Stille, außer man war penibel und zählte ein gelegentliches Beben, das aus den Kellerräumen zu dringen schien, dazu. Wenn sie es tatsächlich einmal hörten, machten die Dorfbewohner Reginald Winter dafür verantwortlich, den etwas verschrobenen, aber gutmütigen Wissenschaftler, der bereits im Alter von fünf Jahren erklärt hatte, zauberhafte Wesen wie Kobolde und Trolle seien keineswegs Auswüchse der Fantasie, sondern genauso real wie Herr und Frau Feuerecker, die Nachbarsleute. Tom Winter, sein dreizehnjähriger Sohn, war nach dem Tod seiner Mutter vor acht Jahren ungefähr der einzige, der den Vermutungen seines Vaters Glauben schenkte.

Tom erwachte von einem Krachen, das wie das Losgehen eines Kanonenrohrs klang. Er saß kerzengerade im Bett und lauschte, was sich im Erdgeschoss abspielte. Er meinte, seinen Vater singen hören zu können und zwar zur leicht abgeänderten Melodie von Alle Jahre wieder.

„All die Jahre der harten Suche

Endlich hab ich den Beweis

Soll'n sie lachen und auch kichern

Endlich rechnet sich der Fleiß!“

Tom sah auf die Uhr, die rot leuchtenden Ziffern zeigten fünf nach Zwölf an. Er erinnerte sich, dass er geträumt hatte und dass in seinem Traum ein großes Tier vorgekommen war, ein Pferd vielleicht oder ein Wolf. An weitere Details konnte er sich nicht erinnern, das konnte er nie, wenn er träumte. Rasch zog er sich Jeans und T-Shirt an und schlüpfte aus der Tür. Wie er erwartet hatte, brannte Licht im Keller, dem privaten Forschungslabor seines Vaters, wo er nach Beweisen ausgestorbener oder für der Fantasie entsprungen geglaubter Wesen suchte. Reginald musste die Schritte seines Sohnes auf der Treppe gehört haben, denn er riss die Tür auf und bat ihn mit vor Freude strahlenden Augen hinein.

 „Hier ist er, Tom, der Beweis, auf den ich solange gewartet habe! Der Beweis, dass die Anderswelt existiert!“ Reginald weinte fast vor Glück.

Tom sah, dass auf einem Tisch in der Mitte des Raumes, umgeben von hohen Regalen und blechernen, leise summenden Maschinen, ein kleines, pelziges Etwas lag. Man sah auf den ersten Blick, dass es tot war. Im ersten Moment hielt er es für eine Katze und er fragte sich, wie zum Teufel sie seinem Vater von Nutzen sein konnte. Dann erkannte er, dass es kleiner war als eine Katze und dichteres, rostrotes Fell hatte; die Schnauze war beinahe die einer Fledermaus und die leeren Augen waren riesig und giftgrün. Tom war gleichzeitig fasziniert und abgestoßen. Es sah so verletzlich aus, so unschuldig, wie es da mit gebrochenen Läufen lag. Und auf dem Rücken - konnte es sein? - schossen ledrige Flügel zwischen den Schulterblättern hervor.

Wie in Trance ging Tom näher, er streckte eine Hand aus und berührte mit zitternden Fingern das Fell; es war struppiger als das eines Haustiers, beinahe borstenhaft. Ihm war klar: dies war kein Vertreter der bekannten und in Naturkundeführern aufgelisteten Tierarten.

„Was ist das?“, fragte er leise.

„Das, mein lieber Tom, ist ein Kobold.“

Ein Kobold. Wenn man den Beschreibungen aus Harry Potter Glauben schenken konnte, waren Kobolde hässliche, langnasige Wesen, die Zauberergold bewachten. Das, was auf dem Labortisch lag, hatte damit nicht die geringste Ähnlichkeit. Es sah eher aus wie eine Mischung aus Fledermaus und Koboldmaki. Ein sehr kleiner Koboldmaki mit getrocknetem Blut an der Schnauze. Toms Herz wurde schwer vor Mitgefühl. Was mochte mit ihm geschehen sein?

„Ein Waldkobold, um genau zu sein.“

„Wo hast du ihn gefunden?“

„Drüben am Waldrand, genau hinter Oswald Griselbarts Hecke. Ich nehme an, dass es sein Versteck verließ, um Nahrung zu suchen und angegriffen wurde, als es durch die Hecke schlüpfte.“

Oswald Griselbart war ihr direkter Nachbar und sogar noch verschrobener als Reginald Winter, wenn das überhaupt möglich war. Zumindest war er der einzige Mensch, den Tom kannte, der an Heiligabend mit seinem Teleskop die Uranusmonde beobachtete, anstatt mit Freunden und Familie vor dem heimischen Kamin zu sitzen. Außerdem hatte Tom noch nie einen Fuß in sein Haus setzen dürfen, geschweige denn in seinen Garten, und als er sich bei anderen Dorfbewohnern danach erkundigte, sagten sie ihm, dass Griselbart dies niemand anderem als sich selbst gestattete.

„Wie ist er gestorben?“, fragte Tom. Er konnte den Blick kaum von dem toten Geschöpf abwenden und spürte gleichzeitig Bedauern und Faszination in sich aufwallen.

„Durch einen Zaubererfluch.“

„Woher willst du das wissen?“

„Er weist keine äußerlichen Verletzungen auf, keine Bisswunden, keine Quetschungen, keine Hämatome. Medizinisch gesehen ist dieses Wesen kerngesund.“

Tom überlegte. „Was willst du jetzt tun?“

„Ich sage Professor Specht von der Hirlingsheimer Uni Bescheid und dann soll er mit mir zusammen die Existenz dieser fremden Wesen attestieren. Stell dir vor, welch einen Aufschrei das in der ganzen Nation auslösen wird! Mein Name in allen Zeitungen! Aber ich muss mich beeilen, ehe er ins Bett geht.“

Tom schlüpfte mit klopfendem Herzen nach oben in sein Zimmer. Dort ging er zum einzigen vorhandenen Fenster, das Ausblick auf das benachbarte Haus bot und kniete sich hin. Die Fensterscheibe reflektierte sein Spiegelbild und zeigte einen sehr kleinen schmächtigen Jungen mit blassem Gesicht und schwarzem Haar. Wie immer lagen Schatten unter seinen Augen, was ihm einen kränklichen Ausdruck verlieh. Er hatte die regelmäßigen Züge seiner Mutter geerbt, schmale Wangenknochen, große dunkelblaue Augen und ein Mund, der für einen Jungen fast ein wenig zu weich war. Das zusammen mit seiner ruhigen, zurückhaltenden Art verlieh ihm einige Vorteile beim weiblichen älteren Geschlecht, eine Wirkung, derer er sich noch nicht bewusst war. Oft wurde gemunkelt, dass der Winterjunge nicht ganz gesund sein konnte und man erinnerte sich, dass auch seine Mutter Isabella diesen Eindruck gemacht hatte.

Tom wusste nichts von diesen Spekulationen, da sein Vater ihn gekonnt davor abschirmte, so gut es ging. Außerdem war seit seinem Traum ein seltsames Feuer in seine Augen getreten, er sah lebendiger und begeisterungsfähiger aus, und könnten die Dorfbewohner es in diesem Moment sehen, wären sie stumm vor Erstaunen.

Eingehend studierte er das benachbarte Haus. In dem zur Zeit des frühen Historismus erbauten Gebäude (darauf deuteten die Dachtürmchen und Bogenfenster der vielen Zimmer hin), wohnte Oswald Griselbart, seines Zeichens Astrophysiker im Ruhestand und ehemaliger Huskyzüchter. Es war der teuerste Bau in ganz Glöckerlstadt, noch teurer sogar als die Kirche. Viele fragten sich, warum Griselbart es nicht verkaufte und sich eine moderne Villa in einer Großstadt aneignete, wie sie es getan hätten. Der Besitzer jedoch wollte nichts davon wissen.

„Glöckerlstadt ist keine Stadt, die man leichtfertig aufgibt“, sagte der alte Mann dann und ein merkwürdiges Funkeln trat in seine Augen. Was genau er damit meinte, wusste niemand.

Immer, wenn Tom in letzter Zeit den zum Haus gehörigen Weg und die Eingangstür beobachtete, wurde er Zeuge von ungewöhnlichen Ereignissen. Er sah viele Leute, die, in lange Umhänge gehüllt, den Kiesweg entlang schritten, manchmal allein, manchmal in kleinen Grüppchen. Der Hausherr öffnete, ohne dass er in den Lichtschein der Lampe trat, und ließ sie hinein. Dann konnte Tom stundenlang warten, oft bis weit nach Mitternacht, aber keiner der Gäste kam wieder zum Vorschein, was nahelegte, dass sie einen anderen Ausgang nahmen. Tom tippte auf den Wald hinter Griselbarts Haus, der, wenn man ihn durchquerte, ins nächstgelegene Örtchen Bruckwalde führte. Dort musste es irgendetwas geben, das das Interesse der zauberhaften Wesen weckte. Auch die Tatsache, dass sein Vater den Kobold eben am Rand dieses Waldes gefunden hatte, verstärkte seinen Verdacht. Natürlich war es kein Verbrechen, abends Gäste zu empfangen – aber diesen Gästen haftete etwas Merkwürdiges an. Manche waren nur halb so groß wie normale Menschen, andere von überdurchschnittlich kräftiger Statur mit Haaren, die fast bis zum Boden reichten, wieder andere schienen mit den Füßen nicht mal den Boden zu berühren, wenn sie gingen, und oft meinte Tom, wenn sie den letzten Schritt über die Schwelle taten, im Licht ihre haarigen Gesichter zu erkennen. Und nun lag der Beweis in den Kellerräumen seines Vaters; Tom wollte jede Wette eingehen, dass auch diese zu Besuch kommenden Wesen Zauberwesen aus einer anderen Welt waren. Ungeduldig trommelten seine Finger gegen den Fensterrahmen. Angesichts der hohen Relevanz einer gelungenen Beschattung würde er Unterstützung brauchen und sein Vater stand ja gerade nicht zur Verfügung. Tom schnappte sich das Haustelefon von seiner Station im Flur und wählte die Nummer seines Freundes Peer Feuerecker; er wohnte direkt gegenüber, hatte also ebenfalls gute Sicht auf Griselbarts Haus, und war Tom und seinem Vater in der Vergangenheit schon oft bei Finde-Hinweise-zur-Existenz-der-Anderswelt-Suchaktionen zur Seite gestanden.

Er nahm erst nach dem siebten Klingeln ab.

„Hi, Tom. Ich hab mir gerade Schmetterlinge angesehen.“

Es war Peers Hobby, die Krabbler unter dem Mikroskop zu betrachten.

„Peer, es gibt unglaubliche Neuigkeiten. Mein Dad hat einen toten Kobold gefunden!“

Stille. „Was?“

„Ich schwör's, ich hab ihn gesehen! Er liegt in unserem Keller.“

„Du verarschst mich doch! Wo kommt der her?“

„Er lag am Waldrand, genau hinter Griselbarts Haus. Er hat Blut an der Schnauze und seine Arme sind gebrochen. Dad meint, dass ein Zaubererfluch ihn getötet hat.“

„Ha! Wir haben immer geahnt, dass an dem Typen was faul ist … He Tom, siehst du den Kerl, der jetzt die Straße entlangkommt?“

Tom spähte aus dem Fenster. Die Nacht warf lange Schatten. Gerade in diesem Augenblick schlüpfte aus der Dunkelheit ein Mann, denn das schien er zu sein, und ging mit zielstrebigen Schritten auf Griselbarts Haus zu. Seine Umrisse waren gewaltig, doppelt so groß wie die eines normalen Menschen und zwischen Kopf und Rücken war so viel Abstand, als hätte er einen Buckel wie Quasimodo, der Glöckner der Notre-Dame. Die Hände hielt er merkwürdig angewinkelt an seiner Seite und von der Mütze, die er sich tief ins Gesicht gezogen hatte, ging ein schwaches rotes Leuchten aus, als würden seine Augen glühen.

„Siehst du seine Augen?“, fiepte nun auch Peer ins Telefon.

„Ich seh's“, flüsterte Tom ebenso leise zurück. Plötzlich wandte der Fremde den Kopf und fing seinen Blick auf, wie er da am Fenster stand. Tom konnte sich nicht rühren, er war wie gelähmt und vergaß zu atmen. Der Fremde fletschte die Zähne, man konnte es nicht anders ausdrücken, und knurrte. Eine laute, blecherne Stimme hallte in Toms Kopf wieder, als würde ein Roboter direkt in sein Gehirn sprechen.

„Halt dich fern von uns!“

So schnell wie er gekommen war, so schnell war der Moment vorbei, der Fremde schlüpfte durch die sich öffnende Tür und war verschwunden. In der allerletzten Sekunde verrutschte sein Mantel, und gab den Blick frei auf einen langen, büschelartigen Schweif gleich dem eines Wolfs. Eine Weile sagte keiner der beiden Jungen etwas, Tom lauschte seinem wild schlagenden Herzen, dann murmelte Peer: „Ich bin sofort bei dir.“

„Nimm deinen Fußball mit!“, zischte Tom.

Peer fragte nicht weiter nach. „Okay.“ Er legte auf.

Tom brauchte noch einen Moment, um seine Atmung zu beruhigen. Er stützte sich am Fenstersims ab und beobachtete Griselbarts Villa; nichts rührte sich, doch ein Licht, dort, wo er das Wohnzimmer vermutete, verriet, dass etwas im Gange war. Der Junge riss sich von dem Anblick los, huschte aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. In der Küche hörte er seinen Vater telefonieren, es klang, als brächte er alle Überzeugungskunst auf, die er zu bieten hatte. Tom stellte sich vor, wie es sein musste, einen renommierten Uniprofessor von einem Koboldfund zu überzeugen und unterdrückte ein Grinsen.

Es dauerte keine drei Minuten, da klingelte es Sturm an der Haustür. Tom zog gerade den Reißverschluss seiner Softshelljacke zu, als Peer schon an der Klinke rüttelte, als wäre der Leibhaftige persönlich hinter ihm her.

„Hey, Tom! Charlie wollte auch kommen.“

Peer gab den Blick frei auf ein schlankes Mädchen mit rotbraunem Haar, das zu einem Pferdeschwanz gebunden war, und braunen Augen. Charlotte Rottint, wie sie mit vollem Namen hieß, wohnte neben Peer, also schräg gegenüber von Tom und besuchte wie sie die siebte Klasse des Von-Müller-Gymnasiums.

„Du hast sie angerufen?“, fragte Tom.

„Sie hat gesehen, dass ich rüber gelaufen bin und wollte mitkommen.“

„Hast du deinen Fußball dabei?“

Peer hielt ihn hoch. Tom nickte und bedeutete den anderen beiden, ihm zu folgen. Wenn sie überrascht waren, dass Tom, der für gewöhnlich eher zurückhaltend war, die Führung übernahm, ließen sie sich nichts anmerken.

Peer fragte: „Was hast du vor?“, aber Charlie konnte es sich schon denken.

„Du willst den Fußball über die Hecke schießen, damit dir jemand aufmacht?“, mutmaßte sie.

Tom nickte. „Vielleicht kann ich dabei einen Blick ins Haus werfen und sehen, was drin vor sich geht.“

„Meiner Meinung nach solltet ihr Griselbart einfach in Ruhe lassen. Ich glaub‘ nicht, dass er was Verbotenes tut.“

Tom seufzte ungeduldig, während sie den Gartenzaun umrundeten. Kalte Nachtluft kitzelte ihn an der Nase, raunte ihm das Versprechen eines bevorstehenden Abenteuers zu. „Es geht nicht darum, ob er was Verbotenes tut, sondern ob er was Geheimes tut. Wenn du mich fragst, ist seine Villa ein Stützpunkt, das Basislager sozusagen, dieser geheimen, anderen Welt. Und in der gibt es Magie.“

„Du hast eine blühende Fantasie“, sagte Charlie. Sie musterte ihn mit einem forschenden Blick, als wäre sie sich der Veränderung bewusst, die in dem Jungen vorgegangen war. Aber sie sagte nichts.

Charlie hatte von Anfang an Zweifel geäußert, seit sie von ihren Anstrengungen, eine Zaubererwelt aufzudecken, Wind bekommen hatte. Aber sie war dennoch interessiert, sie zu begleiten, war sportlich und recht hübsch, also hatten die beiden Jungen nichts dagegen.

Vor der Hecke ließ Tom den Ball fallen und versetzte ihm gleichzeitig einen Tritt mit dem Fuß; obwohl er nicht besonders viel Kraft anwendete, setzte der Ball in hohem Bogen über die Hecke, beinahe wie von Zauberhand getragen sozusagen, und landete mit einem dumpfen Plumps auf der anderen Seite. Tom spurtete zurück zum Weg und machte sich alleine auf zu Griselbarts Villa, die anderen wollten etwas abseits auf ihn warten. Peer wirkte direkt erschrocken und wisperte: „Keine zehn Pferde könnten mich da jetzt hinbringen! Vergiss nicht den Typ mit dem Wolfsschwanz!“

Merkwürdigerweise war das Tor, das zu Griselbarts Grundstück führte, mittlerweile verschlossen; Tom hätte schwören können, dass der letzte Besucher ohne zu klingeln hinein marschiert war. Er drückte den Knopf. Während er wartete, spürte er sein eigenes Herz schmerzhaft schnell gegen den Rippenbogen pochen. Eine Weile geschah nichts – dann.

„Ja?“, schnarrte eine Stimme aus der Leitung.

Tom beugte sich näher ran. „Guten Abend, Herr Griselbart, ich bin Tom Winter. Ich habe meinen Fußball aus Versehen über Ihre Hecke geschossen und wollte fragen, ob ich ihn mir wiederholen könnte.“ Er wartete und kreuzte die Finger.

Ein leises Lachen ertönte. Es herrschte so lange Schweigen, dass Tom meinte, der Gesprächspartner habe aufgelegt. Dann sagte Griselbart: „Nein.“

Mehr nicht, die Leitung war tot. Tom klingelte nochmal, dann nochmal, ohne eine Antwort zu erhalten. Kopfschüttelnd stand er da und starrte zum Haus hoch. „Das kann er doch nicht machen!“

„Was ist los?“ Peer und Charlie trauten sich wieder näherzukommen.

„Ich hab ihn gefragt, ob ich den Ball holen kann – er sagt nein.“

„Er hat eiskalt nein gesagt?“

„Sonst nichts mehr. Jetzt sagt er gar nichts mehr.“

Peer drückte ebenfalls den Knopf und quatschte in den Lautsprecher, obwohl man ihn im Haus nicht hören konnte. „Griselbart! Griselbart, ich will meinen Fußball!“

Tom inzwischen hatte einen Geistesblitz. Sein Blick fiel auf eine dicke Eiche, die außerhalb Griselbarts Grundstück gepflanzt war und deren am niedrigsten wachsende Äste bis direkt an die Fenster des Hauses reichten. Der Baum sah nicht schwer zu erklettern aus.

Toms Entschluss war gefasst; man könnte sagen, Griselbart war im Grunde genommen selbst schuld, wenn er ihn zu solchen Plänen verleitete. Drei Kindern auf solch unerhörte Weise ihr Hab und Gut zu verweigern, trug oft Konsequenzen nach sich und Tom Winter war kein Junge, der Unrecht so einfach auf sich sitzen ließ. Er ging zum Baumstamm und taxierte ihn. Dann sprang er ab und bekam mit den Fingerspitzen den untersten Ast zu fassen. Mit enormem Kraftaufwand konnte er sich langsam emporziehen, bis er die Beine in einem Halbkreis darüber schwingen konnte. Schon saß er oben.

„Geh. Sofort. Da. Runter.“ Charlie war an den Fuß des Baumes getreten und sah bei der Aussicht, dass er Griselbarts Grundstück tatsächlich betreten würde, ernsthaft erschrocken aus. Peer war begeistert. Er kannte es sogar nicht von seinem Freund, willkürlich irgendwelche Bäume zu erklimmen, aber er hielt die Idee für genial. „Schau‘ in eins der Fenster!“, rief er ihm zu. „Wenn er dich wirklich erwischt, sag‘ das Tor stand offen!“

„Was denn sonst?“, grinste Tom zurück. Langsam kroch er den Ast entlang und überlegte sich sein weiteres Vorgehen. Am Ende des darüber wachsenden Zweigs könnte er direkt in eins der Fenster sehen und vielleicht wurde ja genau in dem Raum dahinter ein geheimes Treffen abgehalten. Mit klopfendem Herzen, immer darauf bedacht, nicht nach unten zu sehen, schob er sich Stück für Stück weiter. Sofort stand ihm der Schweiß auf der Stirn und er musste sich anstrengen, nicht die Balance zu verlieren - seine Muskeln waren den Kraftaufwand nicht gewohnt.

Schließlich war das dunkle Glas des Fensters direkt vor ihm. Tom dachte schon einen Schritt weiter: wenn er sich vom Baum in die Nähe der Regenrinne hangeln konnte, könnte er aufs Dach klettern und dann wäre es ein Leichtes zur Rückseite des Hauses zu gelangen, wo er einen Blick in den Garten werfen konnte … denn dass dort die krummeren Dinge abliefen, war eindeutig.

Doch in dem Moment, als er sich nach oben strecken wollte, erschien das Gesicht einer Bestie auf der anderen Seite des Fensters. Gelbe Augen mit Pupillen, die zu Schlitzen verengt waren, stierten ihn an, während riesige Fangzähne sich über rosafarbene Lefzen zogen. Es sprang vorwärts, das Maul weit aufgerissen und Tom sah in eine gähnende Weite aus Zunge, Rachen und bestialischen Zähnen.

Ein Schrei des Entsetzens fuhr ihm über die Lippen und er verlor den Halt. Er segelte durch die Luft und es gab nichts, wo er sich hätte festhalten können, seine Arme griffen ins Leere. Hart prallte er auf der Seite auf, wobei alle Luft aus seinen Lungen gepresst wurde. Er hörte Peer und Charlies erschrockene Schreie von der anderen Seite der Hecke, konnte aber nicht antworten, Sterne tanzten vor seinem Auge. Dann spürte er den Schmerz, betäubend und fordernd, der sich von seinen Schultern bis zur Hüfte ausbreitete. Am Rande seiner Wahrnehmung hörte er wie die Haustür zu Griselbarts Villa aufging und er spürte die drohende Gefahr. Er keuchte.

Oswald Griselbart kam die Treppe herunter gestampft, angelockt vom Heidenkrach, den der Junge veranstaltete. Als er Tom am Boden liegen sah, zogen sich seine dunklen Brauen zornig zusammen. Zornig - aber auch besorgt. Er war sehr groß und hatte einen dicken Bauch, den er in ein Samtjäckchen zwängte, seine Nase saß schief in seinem Gesicht und hatte einen kleinen Höcker; rundherum wucherte struppig ein grauer Vollbart.

„Junge! Hast du dir was getan?“ Erstaunlich behutsam drehte er ihn auf den Rücken und blickte ihm ins Gesicht. Tom hatte keine Ahnung, wie er für ihn aussah - klein, blass, kränklich und jetzt auch noch mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht. Er wirkte nicht wie jemand, der einen Sturz aus drei Metern Höhe unbeschadet überstehen konnte.

„Es geht schon“, murmelte er. „Ich bin runtergefallen … “

„Was du nicht sagst“, sagte Griselbart, klang jedoch erleichtert. „Was fällt dir ein, auf meinen Baum zu klettern? Gerade du, der du nicht genug Kraft hast, ein paar Treppen zu steigen!“

Tom war es gewohnt, bissige Kommentare wegen seiner Gesundheit zu hören und machte sich nicht viel daraus. Er murmelte etwas von wegen: „Sie wollten mir meinen Ball nicht zurückgeben, ich hab geklingelt“, aber es kam nur ein undefinierbares Brumpfeln aus seinem Mund. Er stöhnte, als etwas an seiner Seite schmerzhaft zu stechen begann.

„Lass mich das ansehen.“ Griselbart schlug Toms Hand weg und untersuchte seine Rippen. „Nicht gebrochen“, sagte er brüsk. „Vielleicht geprellt, dein Vater wird wissen, was er zu tun hat. Ich sag‘ es dir im Guten, Junge, und ich sag‘ es nicht noch einmal, also hör mir zu.“ Seine kalten grauen Augen waren nur Zentimeter von Toms entfernt. „Steck deine Nase nicht in fremde Angelegenheiten, wenn sie eine Nummer zu groß für dich sind. Ich werde Reginald hiervon natürlich unterrichten.“

Er griff Tom unter die Arme, der schmerzerfüllt das Gesicht verzog. Die Warnung machte ihm nicht viel Angst. Griselbart wusste so gut wie er, dass Reginald selbst gern unbefugt Ländereien anderer Leute betrat, wenn er magische Aktivitäten darauf vermutete. Nur dass Tom sich in Gefahr begeben hatte, würde er nicht lustig finden, das Beste wäre wohl, wenn er sich eine andere Ausrede als den Fußball einfallen ließ …

„Du wolltest deinen Ball haben?“, fragte Griselbart, als hätte er seine Gedanken gelesen. „Hier, bitte sehr.“

Er ließ etwas, das einmal Peers Ball gewesen war, in Toms Hände fallen. Und da geschah es wieder, eine laute, blecherne Stimme ohne jedwelchen Ursprung ertönte im Kopf des Jungen und zischte: „Nächstes Mal ist es dein Kopf!“ Bevor Tom mehr tun konnte, als ihm einen schockierten Blick zuzuwerfen, stampfte Griselbart ins Haus und warf die Tür zu.

„Den Weg nach draußen findest du wohl allein!“, drang dahinter hervor.

Tom saß da wie vom Donner gerührt. Der Ball, der vorher hart und aufgepumpt gewesen war, war flach und luftleer. Oben und unten wies er jeweils drei faserige Einstichlöcher auf, wie von großen Fangzähnen hineingestoßen. Wenn man bedachte, wie hart so ein Fußball für gewöhnlich war ... wie viel Beißkraft musste ein Tier dann aufbringen, um ihn so zuzurichten? Ein Tier … oder was sonst? Mechanisch ging Tom zurück zum Tor, das nun auf wundersame Weise nicht mehr verschlossen war. Charlie und Peer, die die letzten Minuten in einiger Panik verbracht hatten, liefen ihm entgegen.

„Heiliger Strohsack, was ist mit dem Ball passiert?“

„Ist Griselbart rausgekommen?“

„Das war jedenfalls kein Messer!“

Charlie wich ein paar Schritte vor Griselbarts Haus zurück. Sie war blass im Gesicht. „Ich weiß nicht, Jungs, mir wird langsam echt unheimlich zumute. Vielleicht sollten wir Griselbart in Ruhe lassen, wer weiß, was der da drin versteckt hält.“

„Spinnst du?“, sagte Tom, der über ihre Worte allen Schmerz und Schock vergaß. „Morgen Abend schleiche ich mich von der anderen Seite her auf sein Grundstück. Ich weiß, dass die Hecke von Thalmayer nicht ganz so stark bewachsen ist wie die unsrige, weil sie vor kurzem Ungeziefer und sowas hatte, das hat mir mein Dad erzählt. Und dann werden wir schon sehen, was diesen Ball kaputtgemacht hat!“

Er verabschiedete sich von Peer und Charlie und lauschte, wie ihre Schritte in der Dunkelheit verklangen. Die Gedanken in seinem Kopf wirbelten umher wie Laub in einer frischen Brise und noch immer war das blaue Feuer in seinen Augen, das sein leichtes Humpeln wieder wettmachte. Er hatte eine Stimme gehört, irgendetwas oder irgendjemand hatte zu ihm gesprochen und auch Griselbart hatte zugegeben, dass seine Angelegenheiten „eine Nummer zu groß für ihn waren.“ Tom schnaubte. Das würde sich noch herausstellen.

Der Junge überlegte gerade, wie er Reginald die blauen Flecke und Schrammen erklären sollte, als ihm etwas auffiel. Die Haustür zum Bernsteinweg sechs stand sperrangelweit offen, und, was noch viel ungewöhnlicher war, ebenfalls die Tür, die zum Keller führte. Es konnte schon mal vorkommen, dass Reginald in der Eile vergaß, die Haustür zu schließen, aber niemals die zu seinem Forschungslabor. Es gab keinen Zweifel: Seinem Vater musste etwas geschehen sein! Zwei Stufen auf einmal nehmend rannte Tom die Treppe hinunter. Unten angekommen sah er seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt; Reginald lag auf dem Boden, die Augen geschlossen, und rührte sich nicht. Im Hintergrund piepten mehrere Apparaturen, nichts ahnend, dass ihr Besitzer der Ohnmacht anheimgefallen war. Tom stürzte an seine Seite und rüttelte an seiner Schulter.

„Dad! Papa, wach auf!“

Es bedurfte nur ein wenig Schütteln, da schlug Reginald die Augen auf. Orientierungslos blickte er um sich und fasste sich mit der Hand an den Kopf, der offenbar wehtat. Er stöhnte. Da bemerkte Tom etwas.

„Dad, der Kobold! Er ist weg!“ Dort, wo vor zwei Stunden das fantastische Wesen gelegen hatte, war nichts mehr zu sehen, die graue Arbeitsfläche des Tisches war leer. Zu seiner Überraschung lächelte sein Vater und sah plötzlich sehr erschöpft aus. „Die anderen, sie müssen ihn mitgenommen haben“, murmelte er, während er sich vorsichtig aufsetzte.

„Wer? Andere Kobolde? Und dich haben sie überwältigt?“

„Mit Magie außer Gefecht gesetzt, würde ich sagen.“

„Kobolde beherrschen auch Magie?“

„Oh ja. Es hat etwas mit diesem glühenden Licht direkt über dem Herzen zu tun. Ich war gerade dabei, das Geheimnis zu entdecken, ich wollte den Kobold nämlich sezieren.“

Tom machte ein Geräusch, das seinen ganzen Ekel und Unglauben ausdrückte. „Dad, wenn die Kobolde das mitbekommen haben, hast du Glück, dass du noch am Leben bist.“

Reginald stützte sich auf seinem Sohn ab, um auf die Füße zu kommen. Er schwankte bedrohlich. „Du hast Recht. Ich glaube, nur die Tatsache, dass ich öfters Nahrung und Arzneimittel im Wald auslege, hat mir das Leben gerettet.“

„Aber sie wissen jetzt, dass du und auch ich das Geheimnis kennen, nämlich, dass sie existieren. Was, wenn sie uns jetzt aus dem Weg räumen wollen?“

Reginald lächelte und schüttelte den Kopf. „Ich denke nicht. Nur weil ich jetzt weiß, dass sie existieren, heißt das nicht, dass ich nochmal einen finden werde. Dieser wurde durch Magie getötet, wie oft kommt das schon vor?“

Tom zuckte die Schultern, ihm war mulmig zumute. Noch immer schwirrte sein Kopf von all den kuriosen Ereignissen und er wusste nicht, worüber er zuerst nachdenken sollte.

„Aber Tom!“, sagte sein Vater, während sie gemeinsam die Treppen hinaufstiegen. „Was ist mit deinem Gesicht passiert? Es ist ja ganz grün und blau!“

„Ich bin gestürzt“, murmelte Tom und wandte das Gesicht ab. Er wollte den enttäuschten Blick ins Reginalds Augen nicht sehen, der immer traurig wurde, wenn es um die schwache Gesundheit seines Sohnes ging. Natürlich ließ er ihn in dem Glauben, dass er umgeknickt oder eine Treppe hinunter gefallen war. Griselbart würde ihm vielleicht so schnell nicht begegnen, sodass der Moment der Wahrheit noch ein wenig hinausgezögert werden konnte.

Zum Glück fragte Reginald nicht weiter nach und war damit zufrieden, dass Tom ihn auf einem Stuhl in der Küche ablud. Er seufzte. „Ich werde wohl oder übel Professor Specht Bescheid geben müssen, dass sich mein Jahrhundertfund in Luft aufgelöst hat. Er wird nicht erfreut sein.“

Griselbarts Villa

Charlie versuchte während des gesamten nächsten Vormittags, Peer und Tom ihr Vorhaben auszureden. Sie tauschte vorsätzlich ihren Sitzplatz mit Paulina, sodass sie neben Tom saß und ihm ihre Warnungen ins Ohr flüstern konnte. Das sorgte für einigen Wirbel in der Klasse und die Mädchen, die eine Reihe vor ihnen saßen, drehten sich nach ihnen um und kicherten. Ihrer Ansicht nach war es höchst erstaunlich, dass ausgerechnet die unnahbare Charlie Rottint Interesse am Winterjungen zeigte, der wieder einmal aussah, als hätte er die ganze Nacht in einer Tiefkühltruhe verbracht mit dem papierweißen Gesicht und den dunklen Augenringen.

Aber Charlie warf ihre langen Haare zurück und ignorierte sie.

Zu Tom sagte sie: „Ich wäre mir gar nicht so sicher, ob das überhaupt ein Zauberwesen war, das den Ball zerstört hat. Vielleicht hat Griselbart mit einem Messer hineingestochen, weil er dich in sein Haus locken will.“

„Unsinn“, zischte Tom zurück, denn die erste Stunde (Erdkunde) hatte bereits angefangen. „Er setzt ja gerade alles daran, dass ich nicht hineinkomme, außerdem war das Loch scharfkantig und ein Messer würde glatte Schnitte ergeben.“

„Warum bist du so überhaupt scharf drauf, deinen Hals zu riskieren? Was hast du davon, wenn er seinen Monsterhund auf dich los hetzt oder was auch immer du da drin gesehen hast? Ich bezweifle, dass du dich dagegen verteidigen kannst!“

Natürlich hatte sie Recht, aber das war nicht, worum es Tom ging. Während alle ihre Atlanten aufschlugen, schüttelte er den Kopf und flüsterte: „Ich möchte es einfach wissen, vielleicht plant er ja auch einen Monsterangriff auf die ganze Menschheit und es ist meine Pflicht, alle zu warnen!“

„Monsterangriff! Mach dich nicht lächerlich, Griselbart gehört zu den Guten.“

„Was soll das denn jetzt wieder heißen?“

Charlie machte den Mund auf, um zu antworten, aber Peer, der auf Toms anderer Seite saß, kam ihr zuvor: „Du kannst ihn nicht umstimmen, Charlie, und mich auch nicht. Die ganze Sache ist einfach zu … wichtig, als dass wir rein gar nichts unternehmen könnten.“

„Zu wichtig? Was könnte wichtiger sein als die Landflucht in Südafrika?“ Herr Aßbeck, der Erdkundelehrer, war hinter ihnen aufgetaucht und klopfte ungeduldig auf den aufgeschlagenen Atlas.

„Tom, könntest du bitte mal das Schaubild erklären?“

„Ähm … “

Ein paar Schüler lachten, als er erst noch das richtige Diagramm suchen musste und dann sehr stockend mit der Interpretation begann.

„Vielleicht sollte Charlotte sich in der nächsten Stunde wieder auf ihren ursprünglichen Platz setzen, wenn sie euch zwei so ablenkt.“ Herr Aßbeck ging nach vorn zum Pult und hinter seinem Rücken drehten sich einige Schüler um und grinsten.

Tom schaute mit glühendem Nacken zur Tafel und versuchte, die Blicke zu ignorieren. Glücklicherweise ließ Charlie es für den Rest der Stunde bleiben, ihm Warnungen einzuflüstern.

Gegen Mitternacht huschte Tom die Treppen hinab, Taschenlampe und Rucksack in der einen, Klappmesser in der anderen Hand. Reginald war im Labor mit - wie es klang - Bohrarbeiten beschäftigt und hörte es nicht, als die Tür ins Schloss fiel.

Zwei Gestalten warteten an der Wegkreuzung, als Tom sich ihr näherte; die etwas kleinere und schmächtige Peers und die große elegante Charlies. Wie verabredet waren sie ganz in Schwarz gekleidet, um in der Nacht nicht aufzufallen.

Ein Käuzchen über ihren Köpfen stieß einen leisen Schrei aus und unwillkürlich bekam Tom eine Gänsehaut. Er bemühte sich, seine Nervosität mit einem Grinsen zu verstecken.

„Hey“, sagte er.

„Was ist der Plan?“, fragte Charlie, ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten. Der Rollkragen ihres Pullovers verbarg fast die gesamte untere Hälfte ihres Gesichts, nur ihre Augen waren deutlich erkennbar. Sie hatte bemerkenswert lange Wimpern, fiel Tom auf, selbst für ein Mädchen.

Er händigte jedem ein Messer und eine Taschenlampe aus, welche er zuvor aus Reginalds Küchenschublade entwendet hatte. „Wir versuchen von Thalmayers Grundstück aus durch Griselbarts Hecke zu kommen.“

„Das dürfen wir nicht“, sagte Charlie prompt.

„Du musst ja nicht mitkommen.“

Peer war nicht schwer zu überzeugen. „Lass uns endlich rausfinden, was da los ist!“

Das Mädchen seufzte und schüttelte den Kopf. „Ich habe euch gewarnt, Jungs. Beschwert euch nicht bei mir, wenn ihr nachher erwischt werdet!“

„Wir sagen natürlich, es war deine Idee“, grinste Tom.

Zusammen marschierten sie los, an Griselbarts Villa vorbei, zu dem kleinen von Akazien gesäumten Bauernhof am Ende des Bernsteinwegs, der Hektor Thalmayer gehörte. Die Nacht war windstill und sehr warm und der wolkenlose Himmel gab den Blick auf den zunehmenden Mond frei. In einem der unzähligen Ratgeber Reginalds hatte Tom einmal gelesen, die Zeit des zunehmenden Mondes wäre ideal für Unternehmen jeglicher Art, da man über mehr Leistungskraft und Ausdauer verfügte. Und tatsächlich ging er leichtfüßigen Schrittes und mit vor Wachsamkeit leuchtenden Augen.

Hektor Thalmayer, ein siebenundsechzigjähriger Farmer, der nie verheiratet gewesen und nie einem Beruf außerhalb der Landwirtschaft nachgegangen war, galt in Glöckerlstadt als Kinderschreck. Wann immer man ihm begegnete, musste man sich eine Schimpftirade von ihm anhören. Im Supermarkt schimpfte er die, die Süßigkeiten kauften, weil es sein Magengeschwür nicht zuließ, dass er welche aß. Im Bus schimpfte er, wenn man sich stehend an den Halteriemen einhielt, weil er wegen seines Rheumas dazu nicht in der Lage war. Wenn man ihm einen guten Morgen wünschte, regte er sich auf, weil es in diesem vermaledeiten Leben keine guten Morgen gäbe. Außerdem besaß er einen scharfen Rottweiler namens Josef, den er in unregelmäßigen Abständen fütterte, und es war allgemein bekannt, dass er nicht davor zurückschreckte, ihn auf ungebetene Eindringlinge loszulassen. Das alles wussten die Freunde, deshalb flüsterte Tom: „Leise jetzt!“, ehe er durch ein Loch im Zaun schlüpfte.

Der schwierigste Teil des Unterfangens bestand darin, unbemerkt an Thalmayers Schlafzimmerfenster vorbei zu schleichen, denn trotz seines fortgeschrittenen Alters verfügte er über ein ausgezeichnetes Hörvermögen. Charlie verhakte sich kurz an einem vorstehenden Draht, aber sie riss kurzerhand ein Loch in ihren Pullover und bedeutete den anderen, weiterzugehen. Danach lief alles glatt, bis sie etwa bei der Mitte des Bauernhauses angekommen waren, als Peer, der als letzter ging, gegen eine angelehnte Mistforke stieß. Diese fiel um, aber als hätte das nicht gereicht, traf sie beim Hinfallen eine Schubkarre, ein blechernes Scheppern ertönte, das noch einige Zeit nachhallte. Den drei Kindern blieb das Herz stehen; dann brach der Hund im Inneren des Hauses in zornentbranntes Kläffen aus und sprang kratzend und jaulend die Wände hoch.

„LAUFT“, rief Tom. Ohne nach links und rechts zu sehen, stürmten sie die Hecke entlang, darauf bedacht, so viel Abstand wie möglich zwischen sich und den Bauern zu bringen. Schon hörte man ihn schreien: „JOSEF, SCHNAPP SIE! BEISS IHNEN DIE KÖPFE AB! WIDERLICHE EINDRINGLINGE!“

Tom wusste, sie hatten keine Chance, einem ausgewachsenen Rottweiler davonzulaufen. Wie um das Ganze noch schlimmer zu machen, hörten sie plötzlich, wie ein Gewehr nachgeladen wurde. Thalmayer schoss, es krachte laut, so laut, dass es in Bruckwalde noch zu hören sein musste, und Tom wusste nicht, ob der Bauer in die Luft oder in ihre Richtung gezielt hatte.

„Der ist wahnsinnig!“, schrie Charlie. Tom hörte sie fast nicht, weil ihm das Blut in den rauschte. Dann ertönte das Hecheln des Hundes, der schnell Fahrt auf nahm. Tom blieb keine andere Möglichkeit.

„HIER REIN!“ Gerade hatte er eine lichter werdende Stelle in Griselbarts Hecke entdeckt; es musste der Teil sein, der von Ungeziefer befallen war, schoss es ihm wirr durch den Kopf. Mit beiden Händen schlug er eine Bresche hinein, Zweige peitschten ihm ins Gesiecht und hinterließen brennende Striemen.

„Tom, das geht nicht!“, rief Charlie.

„Wenn du dich lieber zerfleischen lassen willst!“, fuhr Peer sie an und drängte sich an ihr vorbei. Nach kurzem Zögern folgte das Mädchen.

Das Durchkämmen der Hecke war keine leichte Angelegenheit. Sie war viel breiter, als es von außen den Anschein hatte und irgendwie schienen die Zweigenden und Sträucher ihnen den Weg zu versperren und dichter zu werden, je weiter sie vorankamen.

„Was zum … ?“ Ein herüberhängender Heckenzweig wickelte sich um Toms rechtes Handgelenk wie ein Schraubstock und hinderte ihn am Weitergehen. Er hieb mit seinem Messer ein paar Mal darauf ein und die Pflanze zog sich mit einem Zischen zurück. Niemand konnte es abstreiten: hier war eindeutig Magie im Spiel. Sobald er den Gedanken zuließ, geschahen mehr seltsame Dinge. Auf einmal wuchsen in der Hecke Blüten, die darin eigentlich nichts verloren hatten, groß, taufeucht, in einem schillernden Blau. Tom meinte auch, das Summen von Bienen oder großen Käfern hören zu können, aber wenn er sich danach umdrehte, war nichts zu sehen. Peer ging direkt hinter ihm und schien ebenso entzückt wie er selber.

„In keinem Naturbuch habe ich solche Pflanzen je gesehen!“

Nur Charlie machte ein abwehrendes Gesicht und ließ sich Zeit auf ihrem Weg. Hin und wieder schlug sie nach den Käfern. Den Rottweiler hatte man ganz vergessen, sein Bellen erklang wie aus meilenweiter Entfernung.

Irgendwann – waren Minuten oder Stunden vergangen? – erreichten sie das andere Ende der Hecke und stolperten ins Freie. Tom blickte sich erstaunt um. Zwar wusste er, dass Griselbarts Anwesen groß war, aber das, was sich jetzt vor ihnen ausbreitete, hatte die Ausmesser eines Parks und nicht die eines gewöhnlichen Gartens. Es musste irgendeinen Zauber geben, der Flächen von außen kleiner aussehen lassen konnte. In Griselbarts Park gab es ein eigenes kleines Wäldchen, einen Teich, auf dem, wenn Tom sich nicht täuschte, schlafende Gänse die Köpfe unter die Flügel steckten, einen chinesischen Pavillon mit Liegesofas zum Entspannen, auf beiden Seiten gesäumt von kleinen Fliederbüschen und Magnoliensträuchern. Auch das Haus selber sah größer und nicht ganz so zerfallen aus wie von Toms Fenster aus. Als Tom Peer gerade darauf hinweisen wollte, fiel sein Blick auf eine Gestalt, die auf der untersten Treppenstufe der Veranda stand und sie beobachtete. Es war Oswald Griselbart, in einen dunklen Mantel gehüllt und auf einen Stab gestützt, und genau wie bei ihrer letzten Begegnung, sah er alles andere als erfreut aus, aus seinen Zügen sprach die kalte Wut.

In diesem Moment sprach er sie an. „Tom Winter und Peer Feuerecker. Haben euch eure Väter nicht gelehrt, dass es sich nicht gehört, auf anderer Leute Grundstücke herumzuspionieren?“

Peer glotzte ihn an und schien vergessen zu haben, wie man mit der Zunge Worte formt.

„Ich - wir mussten vor Thalmayers Hund flüchten-“, stotterte Tom.

„Ich weiß. Er hat guten Grund, euch in der Luft zu zerreißen.“ Griselbarts Augen glommen in der Dunkelheit und sie waren das einzige, was man von seinem Gesicht erkennen konnte. In seinem Inneren schien es zu brodeln. Tom war mulmig zumute.

Dann wandte sich der alte Mann an Charlie, die etwas abseits stand, als würde sie nicht zu ihnen gehören. „Charlotte Rottint, warst du tatsächlich nicht in der Lage, die beiden von meinem Haus fernzuhalten oder warst du zum Schluss genauso entdeckerfreudig wie sie? Wo du mir doch versprochen hast, du würdest es ihnen ausreden.“

Peer und Tom wirbelten herum. Charlies Wangen verfärbten sich dunkelrosa und sie wich ihren Blicken aus. „Da war der Hund, was hätte ich denn machen sollen …“

„Dir ist natürlich nichts anderes eingefallen“, sagte Griselbart spöttisch.

Da dämmerte es Tom. Charlie steckte mit Griselbart unter einer Decke, deswegen hatte sie sich so vehement dagegen gewehrt, dass sie heute Nacht diese Tour machten. Deswegen schien sie irgendwie Bescheid zu wissen. Aber er konnte sich jetzt nicht darum kümmern, er würde später darüber nachdenken …

„Was halten Sie darin versteckt?“, rief er und zeigte aufs Haus. „Denn ich weiß, dass Sie was drin verstecken … ähm … Zauberwesen!“ Irgendwie hatte er es sich anders vorgestellt, wenn er Griselbart endlich zur Rede stellen würde, weniger stopselnd und mehr einschüchternd.

„So … du weißt also, dass ich hier etwas verstecke“, sagte Griselbart leise. „Nun, ich würde sagen, dann hast du jedes Recht zu erfahren, was das ist. Vielleicht lernst du so, deine Nase aus anderer Leute Angelegenheiten rauszuhalten.“ Er drehte halb den Kopf, dass er über seine Schulter blickte und machte eine Handbewegung, die für jemand anderen bestimmt war als die drei. Nach und nach traten sie aus der Sicherheit der Schatten ins Licht. Toms Atem beschleunigte sich, er wusste, was jetzt kam.

Das erste Wesen war faszinierend, aber nicht abstoßend, hochgewachsen wie ein Mensch, aber dünner und zierlicher; es hatte lange seidene Haare, die hinter sehr spitzen Ohren hervorragten. Die Gesichtszüge sahen aus wie gemeißelt, da war keine Falte und keine Narbe in der Haut, die sie entstellen könnte. Gekleidet war es in aus Blättern und Farnen gewebte Gewänder, sogar die Schuhe bestanden aus zusammengepressten Schichten Baumrinde. Es war eine Elfe und Tom meinte, dass es ein Mann war, obwohl er sich da nicht sicher sein konnte, weil weder Körperbau noch Gangart irgendeinen Hinweis auf das Geschlecht lieferten. Der Ausdruck im Gesicht der Elfe war gelinde gesagt finster und er hatte die Arme verschränkt. Hinter ihm folgten zwei Kobolde, deren Aussehen Tom inzwischen gut kannte, sie unterschieden sich tatsächlich kaum von dem toten Exemplar, das Reginald in seinem Keller aufbewahrt hatte, klein und haarig, mit einem langen Schwanz und grün-gelblichen Augen, die bemerkenswert zornig dreinschauten. An ihnen fiel Tom noch etwas auf und die Worte seines Vaters hallten in seiner Erinnerung wider. 

„Es hat etwas mit diesem glühenden Licht direkt über dem Herzen zu tun.“Reginald hatte damals von der Zauberkraft der Kobolde gesprochen und jetzt sah Tom, was er meinte. In ihrem Körper, da, wo das Herz anatomisch angeordnet war, glomm ein kleines Licht nach außen wie von einer abgedunkelten Kerzenflamme, bei jedem der beiden Kobolde in einer anderen Farbe, grün und rot, und es schien für sie so selbstverständlich wie ihre haarigen Ohren. Als Tom sich den vor ihnen gehenden Elf noch einmal genauer ansah, bemerkte er auch an ihm dieses Glimmen, ein kühles Blau, das von seinem Herzen auszugehen schien. Es war der Sitz ihrer Zauberkraft, mutmaßte Tom.

Beim Anblick der Hirsche stockte ihm kurz der Atem. Vor allem das weiße Exemplar zog seinen Blick auf sich. Er war groß, hob beim Gehen stolz die Hufe und schaute ausschließlich Tom an. Der Ausdruck seiner dunkelbraunen Augen war so intelligent, so menschlich, dass der Junge wegsehen musste. Er zitterte.

Neben dem Hirsch stand eine Kreatur, die er nicht gleich einordnen konnte. Zuerst dachte er, es handelte sich um einen großen Vogel, einen Adler vielleicht, aber dann sah er die löwenähnlichen Pranken und den Körper, der von einem Pferd zu stammen schien. Ein Hippogreif. Das Fabelwesen scharrte zornig mit seinen scharfen Krallen in der Erde, wirbelte Staub auf. Plötzlich, ohne Vorwarnung, stieß es sich vom Boden ab, breitete die Schwingen aus - und hielt direkt auf die Kinder zu. Tom konnte nicht mal erschrocken die Arme vors Gesicht heben, er stand nur da und glotzte. Da bewegte sich das Elfenwesen (oder war es eine zweite Elfe, die weiter hinten gestanden hatte?) und baute sich schützend vor den Jungen auf. Ihr zierlicher Körper strahlte erstaunlich viel Kraft und Autorität aus.

„Wir tun den nichtmagischen Geschöpfen nichts!“, sagte sie mit einer klaren, weiblichen Stimme. „Wenn sie uns entdecken, ist es unsere Pflicht, sie aus unserer Welt zu verbannen. So lautet der Kodex. Jedes Leben ist wertvoll … Und - es ist Isabellas Sohn.“

Der Hippogreif, der vor ihr gelandet war, riss den Schnabel auf und kreischte, eine gespaltene Zunge und ein roter, tief liegender Rachen kamen zum Vorschein. Er bewegte sich nicht weiter auf sie zu, als hielte ihn eine unsichtbare Barriere davon ab. Er schüttelte unwillig den Kopf und trat dann ein paar Schritte zurück.

Tom schluckte. Sein Herz hämmerte mittlerweile wie wild.

Dann schob sich ein Wesen aus der hintersten Reihe nach vorne, es überragte die anderen um ein Vielfaches, und bewegte sich schleichend, fast lautlos. In die rot glühenden Augen hatte Tom erst am vergangenen Abend geblickt, jetzt sah er die Gestalt ohne Mantel und erschrak. Es war eindeutig ein Wolf, aber riesig, mit dem Körperbau eines ausgewachsenen muskulösen Mannes und einem Gesicht, das vollkommen haarig war und in einer langen zähnebewehrten Schnauze endete. Am schlimmsten waren die roten Augen, die sich in Toms bohrten und es ihm unmöglich machten, den Blick abzuwenden. Unbändige Kraft sprach aus seinen fließenden Bewegungen.

„Der Mensch weiß zu viel“, sagte das Wesen zischend, wobei seine Zunge gegen die Zähne schlug. Es war offensichtlich, dass er sich für gewöhnlich einer anderen Sprache bediente. „Ich kann mich darum kümmern.“

Toms Gedanken rasten. Ein Werwolf!

„Schon gut, Kuru“, sagte Griselbart und streckte einen Arm aus, wie um ihn zurückzuhalten. „Und du auch, Feydra. Wir werden das Problem aus der Welt schaffen.“

Die Elfe gab ihre Kriegerstellung auf und trat wieder ein paar Schritte zurück zu den anderen Wesen, dabei sah sie aus, als würde sie über das Gras tanzen.

Griselbart blickte die Jungen mit harten Augen an. „Tom und Peer wollen etwas von unserer Magie haben, sie leben in der verblendeten Vorstellung, dass sie Anspruch darauf haben. Also lasst uns ihnen etwas davon geben.“

Nicht nur ein Wesen zischte angriffslustig bei diesen Worten. Der weiße Hirsch machte eine Bewegung, als wollte er eingreifen, dann besann er sich.

„Wir werden die Kobolde opfern, sie sind am wenigsten wert, Thalíng und Kuru, ihr übernehmt die Schlachtung.“

Tom meinte, er müsste sich verhört haben. Die Kobolde brachen in aufgebrachtes Quietschen aus, doch ehe sie etwas tun konnten, wurden sie von dem dunklen Elf und dem Werwolf gepackt. Mit ausgebreiteten Armen stellte man sie vor den Halbkreis der Zuschauer und ignorierte ihr verzweifeltes Strampeln. Der Wolf bohrte seine Krallen in den Oberarm des Kobolds, der ein Wimmern von sich gab. Der Elf zückte einen Zauberstab und hielt ihn dem Kobold vor die Brust. Es war der mit dem grünen Licht über dem Herzen.

„Wartet“, sagte Tom langsam. Wenn sie wirklich das vorhatten, was er glaubte …

Griselbart ließ ihn nicht ausreden. „Natürlich werden wir unsere Magie einem Menschen geben, wenn er danach verlangt. Die Kobolde sind nicht würdig, sie zu besitzen.“

„Ich-“, sagte Tom.

„Das ist, was du dir wünschst.“ Griselbart nickte.

Der Elf schrie einen Zauberspruch, lila Licht blitzte auf; der Kobold quietschte, dann sank er in sich zusammen, die Glieder erschlafft.

„NEIN!“, schrien Tom und Peer gleichzeitig. Sie warteten darauf, dass der Kobold aufsprang und kicherte, einen Scherz mit ihnen trieb, aber die vollkommene Bewegungslosigkeit, in der er verharrte, weder ein Lid, noch ein Muskel zuckten, konnte nicht gespielt sein. Das grüne Licht über seinem Herzen war verloschen.

„Und jetzt der andere!“, befahl Griselbart.

Der Elf wandte sich dem wimmernden, übrig gebliebenen Kobold zu und packte ihn an der Schulter, um ihn in eine stehende Position zu hieven. Er richtete seinen Zauberstab auf das rote Licht.

Tom hatte genug gesehen. Die Starre, die seine Glieder überfallen hatte, löste sich. Er machte auf dem Absatz kehrt und rannte über die Veranda in Griselbarts Haus, so schnell er konnte. Verschwommen nahm er zu seiner rechten war, wie der weiße Hirsch einen zögerlichen Schritt auf ihn zu machte, aber der Junge rannte nur noch schneller. Er drehte sich noch einmal um, um zu sehen, ob Peer ihm folgte. Hinter ihm im Gras lag der tote Kobold, der zweite, den er in zwei Tagen zu Gesicht bekam.

„Dies ist die Straße der Magie, Tom!“, wehte Griselbarts Stimme hinter ihnen her. „Überlege, ob sie das ist, was du dir wünschst!“

Die beiden Jungen verließen das Haus, warfen sich einen wilden Blick zu, dann rannten sie ohne ein Wort des Abschieds in verschiedene Richtungen davon. Nach Charlie sah niemand, auf eine Verräterin konnte man getrost verzichten.

Die Chipera

Das Erlebnis hatte gravierende Auswirkungen auf Toms Gesundheit. Sein Vater fand ihn gegen Morgengrauen in seinem Bett liegend und ein Blick in sein Gesicht genügte, um ihn in Alarmzustand zu versetzen. Das Funkeln, das er darin seit ein paar Tagen mit Wohlwollen beobachten hatte können, war verschwunden.

„Ich rufe die Schule an“, war sein erster Kommentar. „Du gehst heute nicht.“

Zuerst war Tom versucht, dem Befehl nachzugeben. Aber dann trat ihm ein Bild vor Augen, das Bild, wie Charlie sich mit Griselbart darüber lustig machte, dass er sich zuhause verkroch und Angst hatte, einem von ihm zu begegnen. Er würde es nicht auf sich sitzen lassen, ein Feigling genannt zu werden.

Er zwang ein Lächeln auf sein Gesicht. „Ich hab' nicht viel Schlaf bekommen“, sagte er. „Mir war zu heiß.“

„Tom, du siehst … schlimm aus“, sagte Reginald besorgt.

„Es ist nichts.“ Er stand auf. Dann fiel ihm etwas ein. „Hey, Dad?“

„Ja?“

„Hatte meine Mutter gesundheitliche Probleme?“

„Deine Mutter?“

Tom wartete.

„Ähm ja, hatte sie. Genau das gleiche. Schlafprobleme, Appetitlosigkeit, Depressionen …“

„Ich hab' keine Depressionen.“

„Natürlich nicht.“

Tom merkte, welch große Sorgen sein Vater sich um ihn machte und wie sehr er seine Mutter vermisste und fühlte sich schrecklich schuldig.

„Komm, fahren wir zur Schule.“

Sie stiegen in den roten, halb vermoderten Chevrolet Pickup, den Reginald sein Eigen nannte. Um ihn auf andere Gedanken zu bringen, fragte Tom ihn, ob die neueste Ausgabe von „Paranormaler Wissenschaft“ angekommen war, da er wusste, dass Reginald die Zeitschrift jeden Mittwoch beim Frühstück verschlang.

Bereitwillig erzählte Reginald, wie Chinchillas vor knapp fünf Jahrhunderten von einem anderen Planeten auf die Erde kamen - dafür gab es zahlreiche Beweise und Augenzeugenberichte - und Tom musste nichts weiter tun, als zu nicken und zuzustimmen. Er hörte nicht wirklich zu, er dachte an seine Mutter. Die Elfe hatte ihren Namen erwähnt und ihm damit einigen Stoff zum Nachdenken gegeben. Die Zauberwesen hatten Isabella gekannt. War sie eine von ihnen gewesen? Und ihr Tod vor acht Jahren - war es vielleicht kein gewöhnlicher Autounfall gewesen? Er wusste, dass sein Vater Selbstmord vermutete; dass ihre Depressionen schuld gewesen seien. Tom war sich nicht mehr so sicher. Nach allem, was er gesehen hatte, konnten Griselbart, Kuru und Thalíng etwas damit zu tun haben. Und er wusste, dass es seine Pflicht war, die Wahrheit herauszufinden.

Der rote Pickup hielt vor der Schule und sein Vater öffnete seine Tür.

„Bis nachher! Was hältst du davon, wenn wir am Nachmittag im Wald nach einem Koboldbau suchen, nur wir beide?“, fragte Reginald mit leuchtenden Augen.

Tom zuckte zusammen, aber nicht, weil gerade drei Zehntklässler an ihm vorbeigingen und die letzten Worte seines Vaters mit anhörten, sondern weil Bilder der gestrigen Nacht in ihm aufstiegen.

Er lächelte verzerrt. „Ja, vielleicht, Dad, ich treff mich heute mit Peer zum Lernen.“

Reginald nickte und sah wieder so besorgt aus wie am Morgen.

Im Klassenzimmer zeigte Tom Charlie die kalte Schulter, während er mit Peer stillschweigend zu dem Entschluss gekommen war, kein Wort über das Erlebte zu verlieren. Nur Peers Augenringe ließen vermuten, dass er die Nacht ebenso schlecht geschlafen hatte. Die ersten beiden Stunden Mathematik vergingen im Schneckentempo und ließen ihn kaum Ablenkung finden. Zwischen acht Uhr dreißig und acht Uhr fünfzig schlenderte er allein über den Schulhof und ging den Grüppchen von Schülern, die er kannte, gezielt aus dem Weg. Ihm war nicht der Sinn nach einem Gespräch. Nach der Pause wartete Charlie vor dem Klassenzimmer und bat Tom um ein Wort unter vier Augen. Er stimmte zu, wenn auch widerwillig.

„Tom, ich schwöre, es tut mir leid, dass du es auf diese Weise erfahren musstest, aber es ist besser, wenn du dich aus allem heraushältst.“ Sie hatte die Arme verschränkt, in der Hoffnung, ruhig zu wirken, aber die Farbe auf ihren Wangen verriet sie.

Vielleicht hatte Tom auf eine Erklärung gehofft, vielleicht auf eine umfangreichere Entschuldigung, jedenfalls wurde er ob dieser Worte wütend. „Keine Sorge, ich werde keinen Fuß mehr in die Richtung dieser irren Vereinigung setzen!“, zischte er.

„Sie sind nicht so schlimm, wie du denkst.“

„Jaah, klar“, schnaubte Tom, der den Kobold nicht vergessen hatte.

Charlie schwieg einen Moment und schaute auf ihre Schuhspitzen. „Wir können trotzdem noch Freunde sein, Peer, du und ich.“

Tom schnaubte wieder. „Du hast uns tagelang angelogen, bis zum Schluss hast du uns nicht gesagt, was los ist.“

„Ich konnte nicht, Tom-“

Er sprach lauter, um sie zu übertönen. „Peer und ich werden nicht so tun, als hätten wir nichts gesehen, wir werden ihre dunklen Machenschaften nicht unterstützen!“

„Wir betreiben keine schwarze Magie, Tom, wir gehören zu den Guten!“

Das gleiche hatte sie über Griselbart gesagt. „Immer lügst du!“, rief er und im offen stehenden Klassenzimmer wurde es schlagartig still; jeder war interessiert an plötzlich auf- und abbrandenden Liebeleien von Klassenkameraden und der damit verbundenen Möglichkeit, sich auf die eine oder andere Seite zu schlagen. Tom musste sich Mühe geben, seine Stimme zu senken, während ihn Paulinas und Chiaras Blicke durchbohrten. „Ihr habt den Kobold umgebracht, vielleicht beide, und das ohne richtigen Grund, ich kann das nicht einfach vergessen!“

„Es ist alles ganz anders, als du denkst.“

„Dann erklär's mir! Sag mir, wie es wirklich ist.“

„Das geht nicht, Tom, ich darf nicht-“

Er schüttelte ungeduldig den Kopf. „Du glaubst also, wir reden einfach nicht mehr darüber, vergessen das alles und dann wird alles wieder so wie früher?“

Charlie machte den Mund auf und schloss ihn dann wieder. Es war klar, dass sie ja sagen wollte.

„Tut mir leid, das mach ich nicht, ich glaub es wär am besten, wenn du mich einfach in Ruhe lässt, Charlie.“

Eine Hand zwischen seinen Schulterblättern brachte ihn zum Verstummen, Herr Tissarek, der Deutschlehrer, war von hinten auf sie zu getreten und schob sie vor sich her ins Klassenzimmer. „So jung und schon Beziehungsstress“, sagte er, dass die ganze Klasse es hören könnte. „So gern ich euren Problemchen lauschen möchte, empfehle ich euch, die Unterhaltung nach der Stunde fortzusetzen. Gib nicht gleich auf, Charlotte, er wird seinen Groll schon hinunterschlucken.“

Die ganze Klasse, Peer ausgenommen, lachte. Tom ging rauchend vor Zorn zu seinem Platz und schwor sich, von jetzt an nie wieder ein Wort mit Charlie Rottint zu wechseln.

Die nächsten Tage verliefen ereignislos, Tom gab vor, nicht zu wissen, dass das Haus nebenan existierte, sein Vater machte keine weiteren Koboldfunde und Charlie hatte nach mehreren fruchtlosen Versuchen, ihn versöhnlich zu stimmen, aufgegeben. Peer hatte ihr größtenteils verziehen, sie betrachteten jetzt wieder Schmetterlinge unter dem Mikroskop, aber Tom wollte nichts davon wissen.

„Die töten sich gegenseitig, Peer, und wer weiß, ob du Charlie überhaupt trauen kannst. Vielleicht soll sie für ihre Vereinigung Menschen auskundschaften und du bist der erste, der dran glauben muss. Hat sie dir schon irgendwas Neues erzählt?“

Peer verneinte. Und solange das so blieb, hielt Tom an seinem Standpunkt fest.

Nur in seinen Träumen holte ihn das Erlebte wieder ein. Meist wusste er am nächsten Morgen nicht mehr, worum es ging, aber nicht so in dieser Nacht.

Tom wanderte eine einsame Straße entlang. Es war die Fußgängerzone der nächst größeren Stadt Waldkirchen am Wesen, wo er bereits das ein oder andere Mal gewesen war. Außer ihm war keine Menschenseele unterwegs und Tom betrachtete interessiert die Schaufensterauslagen. Bei einem Antiquitätengeschäft, das kleine Modelle vom Mond und von der Sonne anbot, blieb er stehen und verfolgte mit dem Blick die Kurven und filigranen Details auf den silbernen und goldenen Figuren.

Da bemerkte er die Gegenwart eines weiteren Wesens und er schaute auf. Vom Ende der Straße kam ein silbernes Licht auf ihn zu und sein Herz machte einen Hüpfer. Er hatte ihn sofort erkannt, es war der Hirsch, der ihn Nacht für Nacht in seinen Träumen besuchte. Tom lächelte zaghaft. Die braunen Augen schauten ihn mit der für sie typischen Ruhe an und schienen wie immer tiefere Geheimnisse zu bergen.

Tom erinnerte sich, wie er vor den magischen Tieren und auch vor dem Hirsch geflohen war und fühlte das schlechte Gewissen in sich aufsteigen. Hier in diesem Traum kam ihm sein Verhalten plötzlich feige und falsch vor. Was war geschehen, dass er das Heil in der Flucht gesucht hatte? Er konnte sich nicht erinnern.

„Du verschließt dein Herz vor der Magie“, sagte der Hirsch.

„Ich … “ Tom wollte erklären, aber ihm fiel kein einziger Grund ein. Mit großen dunkelblauen Augen schaute er den Hirsch an.

„Bald wird es zu spät sein. Die Schatten werden länger und die Sterne stehen nicht mehr lange in einer günstigen Konstellation.“ Der Hirsch blickte über die Schulter und Tom war, als sähe er einen dunklen Schatten, der sich vom anderen Ende der Fußgängerzone her auf sie zu bewegte. Die Ohren des Hirsches flackerten nervös.

Tom machte einen zögerlichen Schritt auf ihn zu und streckte die Hand aus. Er hatte das Gefühl, wenn er ihn nur einmal berühren könnte, würde sich der Nebel in seinem Kopf lösen und er könnte besser verstehen.

Aber der Hirsch wich zurück und seine Hufe klackerten auf dem Asphalt. Um sie herum wurde es dunkler.

„Verschließe dein Herz nicht länger, junger Freund“, raunte der Hirsch jetzt eindringlicher. „Lass dich nicht von Ängsten blenden, sondern sei mutig! Die Schatten kommen.“

Tatsächlich umfing die Dunkelheit den Hirsch mit einer solchen Gnadenlosigkeit, dass Tom aufschrie. Kurz noch kämpfte das silberne Leuchten mit den Schatten, versuchte sich herauszuwinden, aber dann ging es aus, wie eine Kerzenflamme, die der Wind ausgeblasen hatte.

Tom stieß einen weiteren Schrei aus und wachte auf.

Sondern sei mutig! Er konnte den Satz nicht aus seinen Gedanken verbannen. Er drehte sich auf die Seite und knüllte das Kissen zusammen. Er wollte mutig sein.

Zwei Tage waren seit dem Traum vergangen. Am Donnerstagabend saß Tom in seinem Bett und wiederholte ein Kapitel aus seinem Matheschulbuch; es ging um Winkelsummen im Dreieck und wie der Rest der Klasse glaubte er, dass sie morgen eine Arbeit darüber schreiben würden. Gegen halb zehn, als er sich überlegte, früher schlafen zu gehen, um fit zu sein, bemerkte er, dass es in seinem Zimmer schlagartig kälter wurde. Mitte Juli war er es gewöhnt, nur im T-Shirt herumzulaufen, aber jetzt überkam ihn eine Gänsehaut. Er packte seine Schulsachen weg und zog eine Jacke über. Trotzdem wurde er den Gedanken nicht los, dass irgendetwas im Gange war. Er warf einen argwöhnischen Blick zum Fenster. Konnte es wieder mit Griselbarts Haus zu tun haben?