Tom Wunderlich - Carlo Saager - E-Book

Tom Wunderlich E-Book

Carlo Saager

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Beschreibung

Ein überschaubares Leben mit Studium, Ehe und Hamster - Tom wird schnell klar, dass das nichts für ihn ist. Er lässt also Frau und Nager hinter sich und begibt sich auf die Reise - in eine Welt voller Wirren, neuen Erfahrungen und vielen bunten Lichtern. Oft ohne Plan lässt er sich treiben und entdeckt dabei sich selbst und die unterschiedlichsten Orte dieses faszinierenden Planeten. Wenn er nicht gerade Immobilien plant, jobbt Tom als Kellner, verliert seine Jacht, wird Vater, häuft ein kleines Vermögen an, fährt Taxi und kauft zweitausend kranke Kakaobäume. Durch sein bewegtes Leben zieht sich ein bunter Reigen teils exotischer Liebschaften, aber auch tragische Verluste von Freunden und der viel zu frühe Tod einer großen Liebe gehören dazu. Tom nimmt den Leser mit auf die Reise durch seine Lebensgeschichte - einer Geschichte, die den Ruhelosen, der nun im "Ruhestand" ist, wieder nach Deutschland führt. Ein Deutschland, das allerdings nicht auf ihn gewartet hat ...

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Seitenzahl: 429

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Mit dem Leben ist es wie mit einem Theaterstück. Es kommt nicht darauf an, wie lange es ist, sondern wie bunt.

Lucius Annaeus Seneca

Inhaltsverzeichnis

Erster Teil

Neunzehnhundertsiebenundfünfzig

Fatemeh

Hinrichtung

Zweiter Teil

Leben in Ruinen

Dritter Teil

Vierter Teil

Diesmal machte niemand auf

Ordnung muss sein

Fünfter Teil

Auf Suche

Sechster Teil

Überfall

Eine Lehrerin aus Tennessee

Auf Einkaufstour

Eine gute Zeit

»Tut mir leid«, sagte Richard

Siebter Teil

Ende Mai 2002 war er zurück

Maries Klimaanlagen

Und jetzt?

Mit Cora unterwegs

Eine Woche später

Erster Teil

Neunzehnhundertsiebenundfünfzig

»Ich sehe aus wie eine schwedische Filmdiva«, rief Margarete gut gelaunt, als sie von draußen kam, und drehte sich vor dem Spiegel im Flur hin und her. »Dabei bin ich für eine Diva doch noch zu jung, oder was meinst du?«, fragte sie ihren Sohn und zog beschwingt den Mantel aus.

»Wer hat dir das denn gesagt?«, fragte Tom zurück und rätselte über das Wort Diva.

»Raoul«, antwortete sie, zupfte an ein paar Strähnen ihrer schwarzen Haare und malte sich die Lippen rot.

Raoul war ein Freund und Betreiber mehrerer kleiner Bühnen, an denen sie schauspielerte. »Keine großen Rollen«, sagte sie einmal, »aber das kann ja noch werden.«

Sie wusste, dass sie gut aussah, mit ihrem Körper haderte sie allerdings. »Ich bin nicht schlank«, sagte sie einmal, als ihr Sohn sie mit diesem Wort beschrieb, »ich bin dünn«, und füllte ihr Sektglas nach. Dann ging sie zum Kühlschrank, holte ein Stück ihres geliebten Räucheraals heraus, legte es auf ein Holzbrett und schnitt die dicke Haut der Länge nach ein. »Zieh«, rief sie forsch, und Tom zog die glitschige Haut, die sich anfühlte wie ein nasser Fahrradschlauch, von dem rosigen Fleisch. Der Anblick widerte ihn an, er sagte aber nichts, da er wusste, wie wichtig ihr dieser seltsam lange Fisch war. Als er sie nach der Häutung fragte, warum ausgerechnet Aal, erklärte sie ihm, dass Kalorien maßgeblich seien, wenn man zunehmen möchte. »Und Aal hat eben ganz viel davon. So wie auch Nugat, Nüsse und Sekt.« Sie deutete lächelnd auf die Anrichte, auf der sich immer ein Vorrat davon befand.

Das Problem hatte ihr Mann nicht. Er war groß und kräftig gebaut. Nicht dick, das hätte er sich nicht verziehen, nein, einfach ein Mannsbild mit streng nach hinten gekämmten blonden Haaren und einer Sonnenbrille auf der kräftigen Nase, wann immer die Sonne schien.

Die hatte er auch auf, als ein Fotograf der Berliner Zeitung ihn ablichtete, als er den Arm lässig wie ein Weltbürger auf der Tür seines schwarzen Mercedes ablegte und selbstbewusst in die Kamera lächelte.

Deutscher Abenteurer auf dem Weg in den Iran lautete am Tag darauf die Überschrift auf der Frontseite des Blattes.

Kaum zu glauben, aber Ende der Fünfzigerjahre war das tatsächlich noch eine Schlagzeile wert!

Tags darauf packte Richard den Wagen voll, schüttelte seinem Sohn zum Abschied die Hand und fuhr davon. Und seine Frau musste sich nun entscheiden. Sollte sie bei ihrem Kind bleiben? Oder vielleicht doch lieber ihrem Mann folgen? Nach Tagen intensiven Brütens entschied sie, schweren Herzens, den kleinen Tom bei Oma Friedrich, ihrer Mutter, abzugeben und reiste Richard mit dem Flugzeug hinterher.

Begeistert war Tom, gerade mal zehn Jahre alt, von der neuen Situation zwar nicht, aber da er Oma Friedrich vergötterte und sie obendrein einen kuschelweichen Busen hatte, vergrub er sich Trost suchend darin und lauschte den Geschichten, die sie ihm mit ihrer zigarettenrauen Stimme erzählte.

Sie war zu ihrem Kummer noch nirgendwo gewesen, war aber verheiratet mit einem Opernsänger, der, wenn er mal zu Hause war, seiner Frau die abenteuerlichsten Storys auftischte, die er auf seinen Tourneen rund um die Welt erlebt hatte. Wie viel davon Fantasie war? Wen interessiert’s. Es klang gut und aufregend und tröstete den kleinen Tom über das Schlimmste hinweg.

Aber das half nur anfangs. Als Oma die Geschichten ausgingen, stieg er zwar noch in den Zug, der ihn zur Schule brachte, schwänzte aber so oft es ging den Unterricht und verbrachte die Zeit auf dem leeren Sportplatz, übte Weitspringen oder bummelte ziellos durch die Gegend.

Als das vonseiten der Lehranstalt außer schriftlichen Benachrichtigungen und Drohungen an Oma Friedrich keine Konsequenzen hatte, schoss er aus Verzweiflung mit seiner selbst gebastelten Zwinge und einem kleinen, aber scharfkantigen Stein einem Lehrer eine nicht unerhebliche Verletzung ans Bein. Das langte dem Direktor. Endlich!

Nun hatten die Eltern keine Wahl. Sie mussten ihn abholen. Was sie mit Sicherheit nicht begeisterte. Zum einen war es illegal, schließlich gab es auch zu der Zeit schon eine Schulpflicht, zum anderen war Fliegen eine kostspielige Angelegenheit. Sechstausend Mark kostete ein Flug nach New York, mehr als ein fabrikneuer VW-Käfer! Und auch ein Flug nach Teheran war nicht für kleines Geld zu haben. Dafür saß man aber zusammen mit dem Jetset in derselben Kabine. Angetan mit Kostüm und Anzug.

Das Besteck war natürlich aus Silber, und das Menü wurde auf einem Porzellanteller gereicht. Was ihn, den Teller, aber nicht davor bewahrte, unschön besudelt zu werden. Schuld daran waren die fehlenden Deutschkentnisse der schmucken Stewardess in ihrer blau-weißen Uniform der Pan American, einer amerikanischen Fluggesellschaft.

Zur Mittagszeit stellte sie sich neben Mutter und ihren noch immer leicht käsigen Sohn – entschuldbar, es war schließlich sein erster Flug – und fragte: »How do you want your steak?«, und lächelte freundlich auf die beiden hinab,, »raw, medium or well-done?«

Tom verstand nichts, sah nur seine Mutter an, die aber auch nichts verstand und einfach »raw« sagte. Vermutlich weil es am leichtesten auszusprechen war. Das war keine gute Entscheidung. Als Tom das Fleisch anschnitt, verteilte sich erst eine Blutlache auf dem Teller und kurz darauf sein verflüssigtes Frühstück. Kein schöner Anblick. Aber den brauchten er und Margarete nicht lange zu ertragen, denn sofort war ein Heer an Händen und Tüchern damit beschäftigt, in Sekunden alles wieder blitzblank zu putzen. Für den Flugpreis konnte man das ja auch erwarten …

Dem Personal war die Sache sichtlich unangenehm. Es wollte ihm etwas anderes zu essen bringen, aber Tom war der Appetit vergangen. Eine Coke als Ersatz für eine Mundspülung schlug er dagegen nicht aus, noch weniger ihr Vorschlag, sich im Cockpit der Maschine einmal umzuschauen.

Natürlich war er tief beeindruckt. Von dem Kapitän in seiner schnittigen Uniform mit den goldenen Streifen am Ärmel, den tausend Instrumenten und dem Gefühl, überhaupt in der Luft zu sein. So sehr, dass er entschied, selbst Kapitän zu werden.

Was Jahre später auch klappte. So ein bisschen zumindest.

Als sie schließlich auf dem Teheraner Flugplatz landeten, stiegen sie um in eine Maschine der Iran-Air, auch Inschallah-Air genannt. Es handelte sich um eine Transportmaschine, sie saßen auf irgendwelchen Kisten zwischen anderen Kisten, die Tür blieb offen, und alle halbe Stunde wurden sie ordentlich durchgerüttelt, wenn die Maschine auf der nächsten Staubpiste aufsetzte. Ein Teil der Fracht wurde ausgeladen, anderes eingeladen und weiter ging’s. Nach mehreren Stunden und halb tot landeten sie endlich in der Nähe von Baneh, einem Ort in Kurdistan.

Und da stand er, Richard, sein braun gebrannter Vater neben dem staubigen Mercedes. In der Hand hielt er einen Strauß bunter Disteln, die er mit einem angedeuteten Lächeln seiner Frau in die Hand drückte, während er seinen Sohn mit einem »Willkommen in der Einöde« begrüßte und ihm kurz den Rücken tätschelte.

Immerhin! Ganz so freundlich hatte Tomi sich den Empfang nicht vorgestellt, nachdem er hier ja nur wegen seines renitenten Benehmens in der Schule der Maschine entstiegen war. Und in die neue Welt seines Vaters eintauchte. Die, wie er ja schon aus der alten Welt wusste, eine war, die mit ihm nur wenig zu tun hatte.

Schließlich war er auch nicht das Resultat eines lang gehegten Reproduktionswunsches. Mehr ein Unfall, verursacht Jahre nachdem sich die Eltern in Narvik kennengelernt hatten.

Narvik, eine Stadt in Norwegen, die nördlich des Polarkreises liegt und von der schwedisches Eisenerz verschifft wurde, das die deutsche Kriegsmaschinerie brauchte, um Kanonen herzustellen. Dort, in diesem kalten und dunklen Teil der Welt, hatten sich Richard und Margarete während des Kriegs kennengelernt. Er als Chef über eine Hundertschaft russischer Gefangener, die für die Wehrmacht Befestigungsanlagen ausbauten, und sie kümmerte sich als Schauspielerin mit Grundkenntnissen in Erster Hilfe in einem provisorischen Lazarett um die Verletzten.

Nachdem Richard ihr Gepäck im Kofferraum verstaut hatte, nahmen sie auf den heißen Ledersitzen Platz und fuhren zu der in der Nähe gelegenen Baustelle.

Hier im Westen des Iran, in der Nähe zu Syrien und der Türkei, ließ der Schah, Herrscher über den Iran, von einer amerikanischen Firma eine Militäranlage aufbauen, und Richard war verantwortlich für den Bau der Straßen und des Flugplatzes.

Nach Abenteurer sieht das aber nicht aus, dachte Tom und betrachtete die halb fertigen Gebäude und die herumstehenden Arbeiter. Haben die von der Zeitung vielleicht etwas übertrieben?

Vor einem schlichten grau verputzten Haus hielt Richard an. Es handelte sich um eine der bereits fertiggestellten Unterkünfte für das Militär. Aber bis das einziehen konnte, dauerte es noch seine Zeit. Und bis dahin diente es der Kleinfamilie als provisorisches Nest

Wie sehr hatte Tom sich auf das Abenteuer Kurdistan gefreut. Klar, mit zehn Jahren und all den Storys seiner Großmutter im Kopf hatte er die Erwartung, dass alles, aber auch alles spannender und bunter sein müsste als zu Hause. Was es aber nicht war.

Richard verbrachte den Tag auf der Baustelle, während seine Frau sich verzweifelt bemühte, das vor dem Haus gelegene winzige Gärtchen mit der mageren Erde, die nichts weiter war als ein Gemisch aus Lehm und totem Sand, irgendwie zum Grünen zu bringen. Und ihr Filius, ein halbes Jahr ohne Schule, vertrieb sich die Zeit mit Herumlungern und Farsi-und-Englisch-Lernen.

Einmal die Woche fuhr ein Wagen der Firma Tom und seine Mutter in die Kleinstadt Baneh zum Einkaufen. Am Anfang noch, um Margaretes Grundnahrungsmittel zu finden, aber nachdem der Chauffeur alle infrage kommenden Geschäfte abgefahren hatte, blieb nur die schmerzliche Erkenntnis: kein Aal, kein Nougat, kein Sekt, Nüsse ja, aber die hatten keine Schale.

Nicht viel erfreulicher sah es für sie auf der Baustelle aus. Dort gab es zwar eine Commissary, einen amerikanischen Supermarkt, der außer Konserven auch Frisches im Angebot hatte, was Margarete aber nicht mochte, da sie es nicht kannte. Ihr waren Kartoffeln und Eier am liebsten. Die hatten eine Schale und waren daher unverdächtig. Verdächtig dagegen waren Obst und Gemüse, ganz besonders alles, was eine rote oder gelbe Farbe hatte. Richard speiste für gewöhnlich in der Werkskantine, der kleine Rest der Familie zu Hause. Meist Kartoffeln in verschiedener Zubereitungsform und Eier, gekocht, gespiegelt, gerührt. Nie geschüttelt.

Das hört sich alles ein wenig freudlos an. Von daher wäre eine Stimmungsaufhellung wünschenswert gewesen. Aber woher sollte die kommen?

Kein Radio, keine Musik, kein Fernsehen, keine Zeitungen und Zeitschriften nur in Englisch. Obendrein fehlten oft Seiten. Vermutlich von Bikini-Schönen, die zusammen mit bunten Magazinen aus der Porno- und Pin-up-Welt den Männern die wohlverdiente Erleichterung brachten.

Gut, dass es diese Welt gab. Denn Margarete war die einzige Frau auf der Baustelle. Deshalb verließ sie das Haus auch nur mit ihrem Mann oder einem Angestellten der Firma. Aber das geschah nicht oft. Und so widmete sie ihre ganze Aufmerksamkeit dem tristen Gärtchen.

Umso schlimmer für sie, wenn der häufig recht lebhafte Wind gnadenlos das meist einzige Blümchen, das sich gerade aus der Erde hervorgequält hatte, davonwehte und sie »Wir müssen einen Windschutz bauen« quengelte und unglücklich auf ihr nun wieder leeres Gärtchen hinuntersah.

Und ihr Mann nur genervt »Der fliegt beim nächsten Sturm genauso davon wie deine Blümchen« maulte und mit den Armen in der Luft herumfuchtelte, um klarzumachen, dass damit das Thema für ihn erledigt war. Mit rollenden Augen stand er auf und goss sich einen Whisky ein, während sich seine Frau ohne aufzusehen in die Küche verzog, Wasser für ihren Kaffee aufsetzte und stumm neben dem Herd stehend, darauf wartete, dass der Kessel anfing, zu pfeifen.

Und Tom, ebenfalls wortlos, verließ das Haus und verkroch sich unter irgendwelchen Materialien, die es auf der Baustelle reichlich gab, streckte zwei Finger in die Höhe und schwor sich, niemals zu heiraten. Nie, nie, niemals!

Endlich! Das neue Schuljahr begann.

Und so kam es, dass er und seine Mutter wieder in der staubigen Maschine saßen und zurück in die Hauptstadt flogen, in der Margarete mittendrin ein großzügiges Apartment mietete. Es lag an einer engen Straße, in der sich vierundzwanzig Stunden die Autos stauten und die Luft zum Atmen genauso schwer verdaulich war wie der fünfmalige Lockruf des Muezzins von seinem Hochstand.

Als Richard sie nach einem Monat das erste Mal besuchte, schüttelte er nur den Kopf, und sie zogen um. Dorthin, wo die Schönen und Reichen wohnten. Nach Niavaran, etwa zehn Kilometer von Downtown entfernt. Wo die Luft klarer und kühler war und die parkähnlich angelegten Grundstücke von hohen Mauern gegen die Blicke der Nachbarn geschützt wurden. Und keine Moschee die Ruhe störte und kein Minarett den Panoramablick auf die nächtlich erleuchtete Millionen-Metropole behinderte.

Das Haus hatte, auf zwei Stockwerke verteilt, acht Zimmer, jedes mit Balkon oder Terrasse, mehrere Badezimmer mit viel Marmor, einen großen Wintergarten und eine winzige, separat gelegene Wohnung für die Batschi, die gute Fee, die zuständig war fürs Putzen, Kochen, Waschen, Bügeln.

Und Mohammed, ihr Mann, kümmerte sich darum, dass im Pool kein Blättchen schwamm, der Rasen getrimmt und die Hecken akkurat geschnitten waren. Da Margarete nicht fahren wollte – »Ich bin doch nicht lebensmüde« – und Tom noch zu jung war, fungierte Mohammed auch als Chauffeur für das Auto, das Richard zum Einzug in die neue Bleibe gleich dazugekauft hatte.

Es war ein Chevrolet, eines dieser Riesenteile mit Ehrfurcht einflößenden Heckflossen und Chrom en masse. Obendrein ein Cabriolet. Allerdings wurde das Dach nie geöffnet, wenn Margarete im Auto saß. Wegen der Frisur.

Tom fragte sich, wofür sie Personal und vor allem so viel Platz brauchten, denn das Haus wurde bloß von seiner Mutter und ihm bewohnt. Sein Vater zählte nicht, denn der kam nur alle drei Monate von seiner Baustelle für vierzehn Tage zu Besuch.

Geschwister gab’s keine, und die Eltern planten wohl auch nicht, daran etwas zu ändern. Eine Wohngemeinschaft kam für sie ebenfalls nicht in Betracht, noch spielten sie mit dem Gedanken, wenigstens einige der Bettler zu beherbergen, die es an jeder Straßenecke gab. Natürlich nicht hier oben, aber Downtown gehörten sie zum Stadtbild.

Als Tom zum ersten Mal einen von ihnen sah, einen, der mit Sicherheit nicht älter als fünfzehn Jahre alt war, mit verkrüppelten Beinen auf einem Holzbrett abgestellt, und Armen, die in einem seltsam verdrehten Winkel vom Körper abstanden, blieb er geschockt stehen und starrte den Jungen so lange ungläubig an, bis ihn seine Mutter an der Hand nahm und wegzerrte.

»Ist dir schon mal das Haus mit den zwei Palmen davor aufgefallen?«, fragte Feridun mit gedämpfter Stimme und sah sich fast ängstlich in dem ansonsten menschenleeren Raum um.

Feridun war Toms Friseur, groß, dünn und sechzehn Jahre alt. Als dieser ihn nun mit seinen dunklen Augen in dem hageren Gesicht über den Spiegel verschwörerisch musterte, war klar, dass er ihm etwas Bedeutendes anvertrauen würde.

Ja, das Haus war Tom tatsächlich bereits aufgefallen, da es außer zwei Palmen als einziges eine kleine Rasenfläche als Vorgarten hatte und von einem massiven Eisenzaun geschützt wurde.

»Dort werden Neugeborene abgegeben, um ihnen die noch weichen Knochen zu brechen«, sagte Feridun, »anschließend bandagiert man sie so, dass sie wie gewünscht zusammenwachsen.«

Eine Weile schnippelte er weiter an den Haaren, keiner sprach.

»Und das ist legal?«, fragte Tom schließlich.

Feridun ließ sich Zeit mit der Antwort. »Nein, natürlich nicht. Aber jeder weiß es, nur spricht niemand darüber. Es ist ein offenes Geheimnis. Die Menschen haben aber andere Sorgen, und die Polizei wird wie üblich geschmiert.«

Wer macht denn so was, ging es Tom durch den Kopf. Wer gibt denn sein gesundes Kind zum Verstümmeln ab? Und warum überhaupt? Man kann doch auch als intakter Mensch betteln gehen, oder?

»Sicher«, sagte Feridun mit einem traurigen Lächeln, »aber denen gibt niemand was. Da liegt ja gerade das Übel. Denn je bedauernswerter jemand aussieht, umso eher greift man in die Tasche und holt ein paar Münzen heraus. So sieht’s aus. Und wer sein Kind dort abgibt? Hungerleider, Drogenabhängige, Arbeitslose, Kranke, eben alle, die das Erbettelte der Kinder brauchen.«

Tom wurde es kotzübel. Schah Reza Pahlevi, sein Leben, seine Frauen und seine Kinder hatten sie vor Kurzem im Farsiunterricht durchgenommen. Und nun wusste er, dass der Schah seine Jugend in der Schweiz verbracht hatte, Absolvent einer Eliteschule war und sich bereits mit einundzwanzig Jahren Schah von Persien nennen durfte.

Und dass die mittlere seiner drei Frauen, die gefeierte Soraya, so wunderschön war. Was ihren Mann allerdings nicht davon abhielt, sie in die Wüste zu schicken, als er merkte, dass die Schöne für die Fortpflanzung ungeeignet war. Er brauchte aber einen männlichen Nachfolger, ohne ihn konnte er sich nicht zum Kaiser krönen.

Also schaute er sich in seiner goldbehängten Uniform nach einer Neuen um und fand Farah Diba. Die zwar nicht ganz so viele Blicke auf sich ziehen konnte wie ihre Vorgängerin, als Ausgleich aber glänzendes Haar hatte und fruchtbar war. Und ihm gleich den gewünschten Stammhalter schenkte.

Die Presse flutete den Erdball mit bunten Bildern und Ovationen über das Jetset-Leben des ach so westlichen und fortschrittlichen Traumpaares, das aus dem reaktionären Persien eine moderne Weltmacht formen wollte. Sogar der Plan, die erste Atombombe im Nahen Osten zu bauen, ging im Jubelgeschrei unter.

Was im Unterricht nicht vorkam, aber allgemein bekannt war, war, dass der Kaiser auf einem Thron saß, dem Pfauenthron, aufgebrezelt mit zwanzigtausend Edelsteinen, ein Land befehligte, das auf Öl schwamm, Millionen verprasste für rauschende Feste, exklusive Autos, für Pomp und Luxus. Und nur eine Handvoll Kilometer entfernt, eine Einrichtung, die heile, gesunde Kinder zu Invaliden machte!

Es war schwer für den kleinen Tom, das zu verdauen. Diesen Gegensatz zwischen seinem naiven, kindlichen Glauben an Humanität und der rauen Wirklichkeit. Ihm ging es tagelang schlecht, er wollte nichts essen, hing schlicht durch. Das hier passte einfach nicht in sein Weltbild.

Er wollte mit seiner Mutter darüber reden, vielleicht hatte sie ja eine Erklärung. Und ja, natürlich fand sie das alles furchtbar und ungerecht und so, aber er merkte, dass sie das Thema nicht besonders interessierte. Sie hatte eigene Sorgen: Auch in Teheran gab es keinen Aal, kein Nugat, keine ihr vertrauten Nüsse. Sekt war zum Glück kein Problem. Und da ja auch Alkohol reichlich Kalorien hat, trank sie entsprechend viel davon. Zugenommen hat sie dennoch nicht. Dafür schlief sie mehr. Manchmal während des Essens, gerne auch im Auto oder in der Badewanne.

Und natürlich vermisste sie die Bühne, das Rampenlicht, den Applaus, ihre Freundinnen, kurz, ihr altes Leben.

»Hier werde ich nur alt und grau und keiner merkt’s!«

Deshalb hatte Richard, der sich sonst nicht allzu sehr um die seelische Verfassung seiner Frau kümmerte, eine Idee, wie sie ihr Trübsal überwinden könnte. Und was gleichzeitig einen Beitrag leisten würde zum wirtschaftlichen Aufschwung der Familie: Perserteppiche kaufen.

Jeder Ausländer deckte sich damit ein, denn es war ja bekannt, dass sie exquisit und kostbar waren und damit eine gute Wertanlage. Besonders wenn man sie mit ins Heimatland nahm, sie wie guten Wein eine Weile liegen ließ, um sie schließlich für ein Vielfaches des Einkaufspreises zu verkaufen.

»Willst du das nicht machen?«, fragte Richard seine Frau, als er wieder einmal zu Besuch war, »dann hast du was zu tun und kommst unter die Leute. Was meinst du?«

»Wie soll das denn gehen?«, fragte Margarete irritiert. »Ich habe keine Ahnung von Teppichen und selbst wenn, wie soll ich mich denn mit den Händlern verständigen? Mit Zeichensprache?«

»Tom kann dich doch begleiten«, sagte Richard und sah seinen Sohn an. »Das wäre doch auch eine gute Gelegenheit, sein Farsi zu verbessern.«

»Dein Sohn ist elf Jahre alt«, rief Margarete entrüstet, »das grenzt ja schon an Kinderarbeit, was du da von ihm verlangst.«

»So ein Quatsch! Er muss ja nur übersetzen.«

Ausnahmsweise war Tom mal auf Vaters Seite. »Ich würde es gerne machen«, sagte er mit fester Stimme, und Margaretes Kopf zuckte herum. »Wirklich?«

Er nickte. »Ja, wirklich.«

Jetzt hatte sie eine Aufgabe. Sie blühte auf, hörte sich bei Bekannten um, sammelte Adressen, informierte sich über Materialien, Farben, Knoten und welche Geschäfte empfohlen wurden.

»Khosh amadid« wurde man im Allgemeinen von dem barfüßigen Inhaber mit leicht nach vorne gebeugtem Oberkörper willkommen geheißen. Und gleich darauf: »Darf ich Ihnen einen Tee anbieten?«

Anschließend wurde geplaudert, woher man kam, wie es der Familie ging, wie viele Geschwister man hatte, wie es einem im Iran gefiel … Dann legte man sich wieder ein Stück Würfelzucker auf die Zunge und ließ den nächsten Schluck Tee darüber laufen.

Beim ersten Mal nervte Tom das Getue, aber mit der Zeit gewöhnte er sich daran. Man darf nur nicht in Eile sein. Teppichkauf ist Vertrauenssache. Und dieses Vertrauen muss vonseiten des Inhabers langsam, ganz langsam aufgebaut werden. Und das klappte auch. So gut, dass sie vermutlich die Ladenhüter kauften und noch stolz die verschiedenen Geschäfte verließen, weil sie bis aufs Blut (O-Ton Margarete) um den Preis gefeilscht hatten. Und überzeugt waren, einfach geniale Einkäufer zu sein.

Eine mittelalte Frau ohne Sach- und Sprachkenntnisse und ein desinteressierter Elfjähriger aus dem Abendland versus einen Teppichhändler aus dem Morgenland …

Nach zehn Geschäften hatte sich Toms anfängliches Interesse an Teppichen allerdings erschöpft. Und er sagte zu Margarete, dass er sich Spannenderes vorstellen könne, als in Teppichgeschäften zu sitzen und Tee zu trinken. Und so delegierte sie seinen Teil an Frau Kuros, eine Bekannte von ihr, die außer Rosen zu beschneiden und Hinrichtungen beizuwohnen, nichts zu tun hatte.

Langsam füllte sich das Haus mit, nun ja, kostbaren Teppichen, und Richard ermunterte seine geschäftstüchtige Frau, immer weiter zu kaufen, was sie auch tat. Gerne tat, konnte sie doch zeigen, dass sie sehr wohl in der Lage war, ihren Teil zum Wohle der Familie beizusteuern. Und nicht nur mit anderen Frauen im Klub Bingo zu spielen und darauf zu warten, dass der Tag vergeht.

Viele Jahre später würde Tom die Teppiche zum Verkauf anbieten. Daran denkt er allerdings nur sehr, sehr ungern.

Fatemeh

Jeden Morgen außer freitags stand Ahmed, der Schulbusfahrer, pünktlich um halb acht mit dem gelben Kleinbus vor dem Haus. Sie holten noch drei weitere Schüler ab, die in der Nähe wohnten, und weiter ging die Fahrt zur DST, zur Deutschen Schule Teheran. Später nannte sie sich etwas nobler Deutsche Botschaftsschule.

Deutsch waren die Lerninhalte und die meisten Lehrer, die Schüler dagegen kamen aus über zwanzig Ländern, ein farbiges Durcheinander unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Sprachen. Auch viele Inländer waren darunter, Kinder der iranischen Geld-Kaste, die eine international ausgerichtete Bildung bekommen sollten.

Die Jahre vergingen. Mit Ausflügen nach Ab Ali zum Skifahren, zum Schnorcheln im Persischen Golf oder mit den Stunden, die Tom mit seinem Freund Lars beim Tennisspielen verbrachte. Lars war der Sohn des norwegischen Botschafters, und zu dem Anwesen, in dem die Familie residierte, zählten neben einem Pool olympischer Dimensionen auch zwei Tennisplätze. Sehr populär waren auch die Aufenthalte am Kaspischen Meer, wo sie den Jungs, die am Strand entlangliefen, echten Kaviar abkauften. Den stopften sie sich einfach in den Mund und spülten ihn mit billigem Weißwein runter. Sie mussten sparen, schließlich waren sie noch Schüler und gaben die knappen Ressourcen lieber für coole Klamotten aus.

Das hört sich ziemlich elitär an. Aus der Distanz betrachtet, war es das wohl. Aber darüber waren sich nur wenige bewusst. Sie lebten alle in Teheran, aber weit weg von Bettlern, Armut und Krüppeln – in einer Welt, in der Iraner fast ausschließlich als Dienstleister vorkamen.

Ob Tom das unredlich fand? Gut möglich. Wenn er darüber nachgedacht hätte. Das kam aber erst viel später …

Was ihn mehr beschäftigte, war ein Phänomen, das wohl die meisten Jungen kennen: Zu viel Testosteron!

Das konnte er aber weder bei Dina, einer hübschen Chilenin aus seiner Klasse, abbauen, obwohl er’s aufrichtig versuchte, noch bei den staksigen Mitschülerinnen, an die er noch nicht einmal einen Gedanken verschwendete. Und die verhüllten Mädchen auf der Straße sahen ihn nicht an. Er sie allerdings auch nicht.

Die Erlösung kam in Form einer volljährigen Iranerin, die er bei der jährlichen Schulfeier kennenlernte. Na ja, Schulfeier … ganz so hausbacken, wie sich das anhört, war die Feier eigentlich nicht. Es glich mehr einem gesellschaftlichen Ereignis, zu dem jeder kam, der glaubte, wichtig genug zu sein: Wirtschaft, Politik, Finanzen und so was. Selbst Heinrich Lübke, der Bundespräsident, schaute einmal auf einen Besuch vorbei.

Anfang der Sechziger waren die Beatles schon ordentlich im Geschäft. Tom war einer von ihnen. Mit Gitarre an der Hüfte, Anzug, Krawatte und Perücke waren sie vom Original kaum zu unterscheiden. Noch nicht einmal am Sound, denn der echte erklang aus gut versteckten Boxen. Als sie gerade eine Pause planten, erschien die Presse, die bei solchen Events immer vertreten war, auf sie zu. Den Mann mit der Kamera nahm Tom nur am Rande wahr, die Frau in einer grünen Röhrenhose und rotem Blazer über einem gut ausgefüllten Shirt war dagegen im Zentrum seines Zentrums. Ihre braunen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, der den Blick freigab auf ein ausgefallenes Ohrgehänge.

Genauso sieht er sie auch heute noch vor sich: eine Fata Morgana, ein feuchter Traum, ein bunter Vogel inmitten kostümierter Menschen im kleinen Schwarzen und dunklen Anzug mit gebügeltem Einstecktuch.

»Stellt euch mal vor dem Pool auf«, sagte sie zu den Beatles und machte dem Fotografen gelangweilt ein Zeichen. Als der die Bandmitglieder ermunterte, mal ganz cheesi in die Kamera zu schauen, drehte Tom flugs seine Perücke von vorn nach hinten, was zwar nicht umwerfend originell war, aber er bekam, was er wollte: Sie sah ihn amüsiert an! Immerhin …, frohlockte er und ließ sie fortan nicht mehr aus den Augen.

Als er sah, dass sie sich endlich und noch dazu allein dem Tombola-Stand näherte, riss er sich die alberne Perücke vom Kopf und schlängelte sich so schnell es ging durchs Gedränge.

Und dann stand er neben ihr. Ihm schlug das Herz bis zum Hals, als er bei dem Tombola-Mann ein Los bestellte und so cool wie möglich in ihre Richtung nickte. Sie nickte kaum merklich zurück und sah auf das kleine Stück Papier in ihrer Hand.

»Niete, typisch«, sagte sie und warf es lachend in die Tonne.

»Sie sprechen Deutsch?«, fragte Tom überrascht und hob seine linke Augenbraue. Das können nur wenige, also nur eine Braue heben, und garantiert in der Regel einen heiteren Reflex. Nicht bei ihr.

»Ja«, antwortete sie und deutete auf Toms Los.

Stimmt, das hatte er ganz vergessen. Er faltete es auseinander. »Nummer 25«, rief er freudig und hielt es in die Höhe, »das ist der Hauptgewinn, oder?«

Der Losverkäufer griff ins Regal und überreichte ihm ein paar hautfarbene Nylons, Größe 9 stand auf der durchsichtigen Verpackung.

»Das sieht nicht nach einem Hauptgewinn aus«, sagte sie und lachte ihn an. Dabei entblößte sie eine Reihe sehr gesunder Zähne. Er zerschmolz …

»Das ist nicht meine Größe«, sagte er, als er sich wieder gefangen hatte, und sah ihr mutig in die Augen, »wenn Sie sie haben möchten …«

Sie war offenbar nicht interessiert. Statt auf sein großzügiges Angebot einzugehen, fixierte sie ihn kurz.

»Bist du der Sohn des deutschen Botschafters?«, fragte sie und legte den Kopf zur Seite, als wollte sie ihn auch aus einer anderen Perspektive betrachten.

Zu seiner eigenen Verblüffung nickte Tom. Warum? Weil es ihn aufwertete?

»Ja«, antwortete er mit fester Stimme und streckte den Rücken gerade, »sehe ich meinem Vater denn ähnlich?«

Darauf ging sie nicht ein, sagte stattdessen: »Nachdem ich deinen Vater ja schon interviewen durfte, würde es mich interessieren, über euer Leben im Iran auch aus der Perspektive seines Sohnes zu hören. Hast du Lust, mal auf einen Tee vorbeizukommen? Ich heiße übrigens Fatemeh.«

Einige Tage nach dieser denkwürdigen Begegnung stand Tom gestresst vor dem Spiegel und konnte keine Entscheidung treffen. Schließlich zog er das Quergestreifte an, in dem wirkten die Schultern breiter und damit maskuliner, lange dunkle Hosen und schwarze Lackschuhe mit einer übertrieben langen Spitze. Das war gerade Mode.

Sein Selbstbewusstsein war auf dem Nullpunkt, schlimmer noch, er fühlte sich wie ein Hochstapler. Als Mohammed den Chevrolet aus der Garage holte und ihm die Tür aufhielt, bekam er Schluckauf. Ein untrügliches Zeichen, dass er hochnervös war.

Die Fahrt endete vor einem hohen Gittertor. Dahinter erstreckte sich eine manikürte Rasenfläche mit farbenfrohen Büschen und eine Zufahrt zum Haus durch ein Spalier alter Bäume.

Schon ein bisschen üppig, oder? Schöner Paradiesvogel in einem Beverly-Hills-Ambiente. Wer soll mir das abnehmen?, dachte er, als das Tor wie von Geisterhand aufschwang und Fatemeh ihnen vom Haus aus zuwinkte. Mohammed fuhr langsam die gekieste Auffahrt hinauf und hielt neben ihr an.

Sie trug ein schlichtes schwarzes Kleid, hatte die schulterlangen Haare offen und herrlich rote Lippen. Gerne hätte er ihr beim Aussteigen irgendetwas Originelles gesagt, aber mehr als ein »Hallo, Fatemeh« brachte er nicht heraus.

»Salaam und willkommen«, gab sie zurück und lächelte dezent. Dann sah sie auf das Auto, auf dieses verschnörkelte silbergraue Monster mit dem heruntergelassenen Verdeck und einem Chauffeur, der in seiner grünen Gärtnerhose und einem leicht knittrigen grau-beigen Hemd so gar nicht dem Bild entsprach, das man von Chauffeuren kennt.

»Das ist doch wohl nicht das Fahrzeug, das dein Vater nutzt, oder?«, fragte sie betont langsam und ging um das Auto herum. »Ist das dein privates Gefährt, oder hast du dir das ausgeliehen?«

Tom war sich bewusst, dass er aus der Nummer nicht mehr rauskommen würde. Dennoch stolperte er herum und versuchte es. Aber sie unterbrach ihn, indem sie leicht die Hand hob und sagte: »Ich denke, wir können die Posse mit einer Frage beenden: Wie heißt dein Vater?«

»Von Ungern-Sternberg«, antwortete Tom, ohne zu zögern. Das hatte er recherchiert.

»Stimmt«, bestätigte sie, »und der Vorname?« Den hatte er allerdings vergessen.

Als seine Gesichtszüge zu entgleiten begannen, lachte Fatemeh laut auf und schlug dem Chauffeur jovial auf die Schulter. »Wie heißt denn ihr Chef?«

Mohammed sah Tom verunsichert an, und als der resigniert nickte: »Richard Wunderlich«

»Und das ganze Theater nur, um mich kennenzulernen?«, fragte Fatemeh verwundert und schüttelte belustigt den Kopf. »Du amüsierst mich.«

Sie saßen sich auf zwei Kanapees gegenüber, dazwischen niedrige Baumstämme, die als kleine Tische fungierten. Eine Angestellte in weißer Schürze und Haarnetz betrat diskret den Raum, stellte das Teeservice auf einem Tisch ab und entfernte sich nach einem leichten Knicks so lautlos, wie sie gekommen war.

»Wohnst du hier?«, fragte er Fatemeh, die andächtig einen Keks knabberte und noch immer vergnügt wirkte.

»Das ist das Haus meiner Eltern, aber ich wohne auch hier. Es ist ja genug Platz, oder?«

Ja, das Haus wirkte riesig.

»Und deine Eltern, was machen die?«, fragte er und nahm sich auch einen dieser zuckrigen Honig-Kekse, die die Kehle zukleben.

»Meine Mutter kommt aus einem Dorf bei Freiburg, ich hab vergessen, wie es heißt, und mein Vater ist Minister und hat was mit Öl zu tun«, antwortete sie etwas kryptisch.

Mehr wollte sie wohl dazu nicht sagen. Aber egal, was er macht, es scheint sich zu rentieren, dachte Tom, als er sich umsah. Sie saßen in einer Art Saal, in einer Ecke ein weißer Flügel, an den Wänden großformatige, abstrakte und sehr farbige Bilder, Skulpturen, die, über den Raum verteilt, scheinbar beliebig herumstanden, und die zwei mittendrin auf eben diesen altmodischen Kanapees.

Tom fragte sich, was er hier machte. Er war nichts weiter als ein Windbeutel und pubertierender Schüler und die Beauty mit den verführerisch roten Lippen und den dunklen Augen ihm gegenüber Publizistin einer führenden Tageszeitung mit einem Ministerhaushalt im Hintergrund … War das nicht alles mindestens eine Nummer zu groß?, rätselte er, während er gebannt in ihren Ausschnitt starrte, als sie sich vorbeugte und Tee in zwei Tassen füllte.

»Magst du Kandis?«

»Äh, ja, gerne«, antwortete er, und nach einem unauffälligen Blick auf seine Hose unterhalb der Gürtelschnalle schnappte er sich eins dieser putzigen Dekokisschen und legte es sich auf den Schoß. Zu spät.

Mit einem spöttischen Blick auf das Kissen stand Fatemeh auf, nahm ihre Tasse in die Hand und sagte das, was er befürchtet und erhofft hatte: »Komm!« Sie deutete mit dem Kopf in Richtung der Treppe, die in den ersten Stock führte.

Er ging vor ihr die Stufen hinauf. Vermutlich beim Anblick seines jungen, strammen Arsches riss sie ihm Shirt und Hose vom Körper, stürzte sich auf ihn, und sie trieben’s, bis der Boden einstürzte und sie zwischen den Wolken aufgeregt herumflatternde Engel sahen, die ihnen fröhlich zuwinkten.

So oder so ähnlich hatte Tom das mal in einem dieser einschlägigen Heftchen auf der Baustelle in Kurdistan gelesen. Heimlich natürlich.

So ungestüm ging es bei den beiden nicht zu. Erst einmal wechselten sie nur die Sitzgelegenheit. Statt auf das Kanapee setzten sie sich auf das Sofa in ihrem Zimmer, das aussah wie eine Hotelsuite. Fatemeh streifte sich die Schuhe ab und feuerte sie einfach irgendwohin.

»Mach’s dir bequem«, sagte sie und zündete mehrere Kerzen an, die auf einem niedrigen Tisch neben ihr standen. Jetzt geht’s los, dachte er. Aber es ging nicht los. Er überlegte, ob sie vielleicht von ihm erwartete … stattdessen zog auch er die Schuhe aus und feuerte sie forsch irgendwohin.

»Weißt du, was Kokain ist?«, fragte Fatemeh und sah belustigt auf eine der Pflanzen, die sein spitzer Schuh geköpft hatte. Kokain? Keine Ahnung.

»Man sagt auch Koks, es ist ein Pulver, das man über die Nase einzieht. Wenn du Lust hast, mal was Neues auszuprobieren, ich habe was hier.«

Sie saß am anderen Ende der Couch und sah ihn gespannt an. Er wusste nicht, was er sagen sollte, suchte nach einer Antwort. Er hatte sich das alles irgendwie anders vorgestellt. Auch, dass er nach dem ersten Auftauen mehr die Regie übernehmen würde. Stattdessen saß er wie ein sprachgestörter Tölpel auf einer zu weichen rosafarbenen Couch und war überfordert mit allem. Am liebsten wäre er gegangen.

Fatemeh sah wohl, wie er sich fühlte. »Ach, du Armer«, sagte sie mitleidig, »aber du wirst sehen, gleich geht es dir wieder besser.« Sie stand auf und holte aus einem Regal einen kleinen Umschlag, öffnete ihn und hielt ihm weißes Pulver unter die Nase. Er starrte es an, sagte nichts.

»Ja oder nein?« Sie wollte eine Entscheidung.

»Ja«, antwortete er spontan.

»Freut mich«, sagte sie schmunzelnd, nahm ein Buch, schüttete das Pulver darauf und zerteilte es mit einem Stück Papier in zwei schlanke Linien.

»Jetzt fehlt nur noch eins«, sagte sie und öffnete die Schublade unter dem Tisch. Er sah eine bunte Mischung kurzer Strohhalme.

»Welche Farbe hättest du denn gerne? Ich kann dir rote, gelbe oder grüne anbieten.«

»Grün«, sagte er. Grün war seine Lieblingsfarbe.

»Jetzt pass auf, wie ich das mache.« Sie beugte sich vor, steckte den grünen Halm in ihr linkes Nasenloch, drückte mit dem Zeigefinger auf den rechten Nasenflügel und zog die Hälfte ihrer line hoch.

»Alles klar?«, fragte sie ihn, und als er nickte, wiederholte sie die Prozedur auf der anderen Seite. Sie schniefte noch ein paarmal, dann war er dran. Er beugte sich vor und tat es seiner Lehrerin nach. Was einfacher war, als er gedacht hatte.

Als Kind hatte er an einer Bittermandel nur mal geknabbert und machte seitdem einen großen Bogen um dieses Steinobst. Jetzt hatte er das Gefühl, gleich die ganze Mandel zerbissen zu haben!

»Ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, ich weiß, aber das geht vorbei«, sagte Fatemeh beruhigend und streichelte ganz leicht seine linke Wange. Überrascht sah er sie an. Das war der erste körperliche Kontakt, ging es ihm durch den Kopf. Und er fühlte, wie mit einem Schlag der Dampf aus seinem Kessel wich. Wie die Anspannung von ihm abfiel. Plötzlich wollte er nur noch aufstehen, raus aus dieser krampfigen Sitzhaltung, wollte die Arme gen Himmel strecken, durch die Suite hüpfen und Fatemeh anfassen. Auf einmal war sie nicht mehr die Dominante, die Erwachsene, die, die den Ton angab. Er hatte seine Selbstsicherheit zurück, fühlte sich wieder frei, leicht – und wollte tanzen!

Fatemeh zog die Stirn in Falten. »Du kannst tanzen?«, fragte sie überrascht und legte eine Schallplatte auf.

Nachdem sie sich zu ungezählten Rhythmen gedreht, angelacht und berührt hatten und entsprechend erhitzt waren – sprangen sie zur Abkühlung vollständig angezogen in den Pool. Dort blieben sie eine Zeit lang …

Als sie wieder rauskamen, stiegen sie über ihre nassen Klamotten, die verstreut am Poolrand lagen, und legten sich zum Trocknen nackt in eine breite weiße Hängematte, die zwischen zwei Bäumen aufgespannt war.

Nach einer sprachlosen Weile stützte er sich auf einen Ellenbogen und sah seine Geliebte an.

»Sag mal, merkst du eigentlich was von dem Zeugs?«, fragte er sie leise, »oder kommt das noch?«

Sie öffnete vorsichtig ein Auge und setzte ein breites Grinsen auf. »Da kommt nichts mehr, Tom, es hat seine Schuldigkeit getan.« Und schloss das Auge wieder.

Das Grinsen blieb noch eine Weile.

Mannomann, war Tom verschossen! Fatemeh, oh du meine Göttin …

Oft fuhr er schon nach Schulschluss mit dem Chevy zu ihrer Zeitung und wartete, bis sie Feierabend hatte. Und das ohne Mohammed, der wurde nicht mehr gebraucht, da Richard ihm in einem Anflug männlicher Kumpanei ein paarmal gezeigt hatte, wie man fährt. Das reichte Tom an Schulung. Und ein Papier oder gar Führerschein war nicht nötig, da Ausländer nicht angehalten wurden.

Wenn Fatemeh dann kam, öffneten sie, je nach Wetter, das Verdeck und fuhren raus aus Teheran. Wenn seine Liebste ihren Kopf an seine starke Schulter lehnte und er, wie ein Alter, beschützend einen Arm um sie legte, sie bei leiser oder lauter Musik und viel Wind in den Haaren durch die Gegend cruisten, waren sie einfach glücklich. Das Gefühl schwappte über, das Hirn war leer, die Zeit stand still.

So hat Tom es zumindest in Erinnerung. Wie viel zu dieser Leichtigkeit ihr Kokainkonsum beitrug, wer weiß das schon.

Manchmal kehrten sie in eines der einfachen an der Straße gelegenen Restaurants ein, aßen im Schneidersitz irgendein Kebab mit viel Reis und einem Klecks Butter darüber. Tranken Tee aus kleinen Gläsern und zogen an der Wasserpfeife, die ihnen der Wirt ungefragt hinstellte.

Aufgekratzt und berauscht kamen sie oft erst mitten in der Nacht zurück und wunderten sich nicht, wenn das Haus voller Menschen war. Denn das hieß, dass Fatemehs Eltern mal wieder eine ihrer angesagten Partys gaben, zu denen sie Freunde und Geschäftspartner einluden.

Dann stand die Straße voll mit schwarzen Limousinen, in denen sich die Chauffeure langweilten und Tabak schnupften, während drinnen der Champagner floss und Kokain durch eingerollte Dollarnoten inhaliert wurde.

Klingt nach Klischee, und das war es auch. Iranischer Jetset. Vermutlich hatten sie alle mit Politik oder Öl zu tun. Die Männer fünfzig plus und ihre Frauen attraktiver und selbstverständlich nach dem Dernier Cri gekleidet.

Wenn der Muezzin zum Morgengebet rief, Frauen in ihren dunklen Tschadors durch die Straßen huschten, die Fahrer ihre Gebetsteppiche aus dem Kofferraum holten und nach Mekka ausrichteten, wussten die Gäste, dass es Zeit war, zu gehen. Auch Zeit, noch schnell ein Näschen zu nehmen und die oberen Knöpfe der Bluse zu schließen.

Hinrichtung

»Wo warst du?«, fragte Margarete und stemmte ihre Hände in die schmale Taille, »du willst mir doch wohl nicht erzählen, dass eure Party oder wie ihr das nennt, bis jetzt gedauert hat!«

Verwundert blieb Tom im Türrahmen stehen. Was sollte das? Seit wann fragte sie, wo er gewesen war? Er war schließlich reife siebzehn, und Nachfrage oder gar Kontrolle hatte er sich schon lange nicht mehr gefallen lassen. Und sie hatte das bisher auch akzeptiert. Was war heute anders?

»Ich war auf keiner Party«, sagte er, »ich war bei Fatemeh. Was regst du dich denn so auf?«

Margarete ließ ihre Taille los. »Entschuldige, ich bin heute ein bisschen fahrig«, sagte sie und zündete sich eine Zigarette an. »Frau Kuros hat heute Morgen angerufen und gefragt, ob ich nicht mal bei einer Hinrichtung dabei sein möchte«, kam Mutter schließlich mit der Sprache raus, aber so sachte, dass er sich anstrengen musste, sie zu verstehen. Dabei konnte die Batschi, die gerade damit beschäftigt war den Tisch zu decken, kein Deutsch, und selbst wenn, sie würde mit einem Achselzucken darüber hinweggehen. Schließlich gehörte dieses öffentliche Spektakel im Iran längst zum Alltag.

An Gebäuden hingen Zettel mit dem Ort, dem Tag und der Uhrzeit der Vollstreckung. Und den Straftaten, meist Mord oder Vergewaltigung. Dabei war es mit Sicherheit auch dem einfachen Volk klar, dass die Anschuldigungen im Allgemeinen fingiert waren.

Die SAVAK, die rechte Hand des Schahs, die gefürchtet war für willkürliche Verhaftungen und Folter, fackelte nicht lange mit politisch Aufmüpfigen und sonstigen Oppositionellen. Sie wurden erst einmal weggesperrt, dann eines Verbrechens beschuldigt, und der Richter brauchte den Scheinprozess nur noch abzunicken.

»Willst du nicht mitkommen?«, fragte Margarete, jetzt wieder mit gefestigter Stimme. Tom kaute bedächtig weiter und sah sie an. »Meinst du das im Ernst?«

Ja, sie meinte es im Ernst. Er schaute wieder auf seinen Teller, stocherte im Reis herum und wusste nicht, was er denken sollte. Lust auf so etwas hatte er keine, allein das Wort Hinrichtung ängstigte ihn. Andererseits, eine gewisse makabre Neugier konnte er aber nicht unterdrücken.

»Also gut, ich gehe mit«, hörte er sich schließlich sagen.

»Nach oben, nach oben!«, schrie die Meute, als sie sich am frühen Morgen dem Platz näherten. Es war eine kaum überschaubare Menge, Männer, Frauen, Kinder, die im Kreis um die drei Galgen herumstanden.

Margarete und Frau Kuros fanden eine Lücke mit guter Aussicht auf ein, wie es aussah, eilig zusammengezimmertes Holzpodest, auf dem drei Verurteilte mit auf dem Rücken gefesselten Händen standen. Einer neben dem anderen. Vor ihnen ein in Schwarz gekleideter Mann, der von einem Blatt Papier ablas, was man ihnen zur Last legte. Den Zuschauern dauerte das Vorspiel zu lange. »Zieht sie hoch, hoch, hoch, zieht sie endlich hoch«, grölte es immer wieder.

Der Erste in der Reihe, ein recht junger und schmächtiger Mann, bekleidet mit einem dunklen Hemd und mit Hosen, die an den Beinen aufgerissen waren, wurde gefragt, ob er noch etwas zu sagen habe. Bisher stand er scheinbar teilnahmslos und mit gesenktem Haupt neben den anderen, jetzt hob er langsam den Kopf und sah sich um, so, als wolle er sich von der Welt verabschieden.

Als er Tom entdeckte, blickte er ihm kurz in die Augen, und ein flüchtiges Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Gebannt starrte Tom zurück und hob unwillkürlich die Arme, so, als wollte er ihn berühren, ihm irgendwie beistehen.

Sekunden später verband ihm der Schwarzgekleidete mit einem Tuch die Augen und führte ihn unter den Galgen, der nichts anderes war als ein stählerner Kran, von dem ein Seil herunterhing. Er legte ihm die Schlinge um den Hals, zog den Knoten fest und hob ihn mithilfe einer Winde gemächlich in die Höhe.

Als der Strangulierte den Boden unter den Füßen verlor, zuckte der Körper so stark, dass er anfing, hin und her zu schwingen. Wie ein Pendel. Die gurgelnden Laute eines Erstickenden, dieses verzweifelte Bemühen, Luft zu bekommen, hat Tom noch Jahre später in seine Träume eingebaut.

Es dauerte lange, bis der Körper aufgab. Anschließend wurde die Lache aus Urin mit einem Besen oberflächlich vom Podest gefegt.

Als dem Zweiten die Augen verbunden wurden, knickten ihm die Knie weg, er kippte einfach um. Zwei Männer zogen ihn unter den Armen wieder hoch, aber er konnte oder wollte nicht mehr stehen, und so schleiften sie ihn unter den nächsten Galgen, während er Allah um Hilfe anrief.

Als er neben dem anderen, der jetzt ganz ruhig an seinem Seil hing, hochgezogen wurde, kam wieder Bewegung in die Menge. Einige grölten, andere lachten, die meisten applaudierten.

Tom hatte genug! Sein Magen revoltierte schon die ganze Zeit, aber er schluckte das, was aus ihm nach oben drängte, immer wieder runter. Er schaffte es noch bis zum Straßenrand, dann kam es wie ein Wasserfall. Mit Pudding in den Beinen suchte er irgendwas, worauf er sich setzen konnte, und wischte sich mit dem Handrücken die Kotze und die Tränen vom Gesicht.

»Es tut mir leid, mein Schatz«, sagte Margarete mit belegter Stimme, als sie neben ihrem Sohn auftauchte. »Es war ein Fehler, dich mitzunehmen, aber ich wusste ja auch nicht …«

Tom hielt sich die Ohren zu, wollte nichts mehr hören, wollte nur noch weg, weg, weg! Am liebsten zu Fatemeh und sich ihre Bettdecke über den Kopf ziehen. Aber es war ein Wochentag, und seine Liebe noch bei ihrer Zeitung …

Seine Liebe, die er am Tag darauf besuchte, konnte seine Gefühle gut nachvollziehen.

»Ich habe mir das auch einmal angetan, sogar freiwillig, als sie von der Zeitung jemanden für eine Reportage suchten. Als Journalistin kannst du nicht die Augen verschließen vor dem, was um dich herum vorgeht. Ich blieb sogar bis zum Schluss, aber den Artikel habe ich nie geschrieben. Als ich es versuchte, merkte ich, dass mir einfach die passenden Worte fehlten. Und es mich obendrein zu stark aufwühlte. Ein Kollege hat das dann übernommen. Ich konnte es einfach nicht.«

»Wie lange ist das her?«, fragte er und streichelte sanft ihren Bauch.

»Drei Jahre, glaube ich. Aber es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht wenigstens ein Schnipsel davon in meinem Kopf aufpoppt. Ich denke auch, dass man so etwas nie vergisst.«

Sie drehte sich Tom zu, kam seinem Gesicht ganz nah. »Jetzt würde ich gerne das Thema wechseln«, sagte sie leise und lächelte ihn liebevoll an.

»Ja, gerne, sprechen wir über was Angenehmes. Im Moment fällt mir allerdings nichts ein. Dir?«

Fatemeh musste lachen. »Ja, mir fällt dazu was ein. Ich bin mir jedoch nicht so sicher, ob du das als angenehm empfinden wirst.«

»Na komm, mach’s nicht so spannend.«

»Ich bin schwanger.«

Es dauerte eine kurze Weile, bevor er reagierte.

»Schwanger?«, fragte er ungläubig und setzte sich im Bett auf. »Von mir?«

»Ja, Tom, natürlich, ich hatte es nicht geplant, aber da es nun so gekommen ist, möchte ich es auch haben. Aber keine Bange«, fügte sie noch schnell hinzu, als sie in sein konfuses Gesicht sah, und nahm seine Hände, »du wirst nichts damit zu tun haben. Ich mag dich sehr, vielleicht liebe ich dich, und dennoch soll es unser letzter Abend sein. Du bist siebzehn, bald werdet ihr zurück nach Deutschland gehen, und ich bin dreiunddreißig und habe mein Leben hier.«

Sie ließ seine Hände los und zog sich die Bettdecke bis unter ihr Kinn. Sie nahm bereits Abschied.

Einige Monate danach klingelte das Telefon. Fatemeh war am Apparat. Toms Puls sauste in die Höhe, diese vertraute Stimme, so lange hatte er sie nicht mehr gehört.

»Hallo, Tom, du wunderst dich vielleicht, dass ich dich anrufe, aber ich finde, du solltest wissen, dass du Vater geworden bist«, sagte sie. »Es ist ein Junge. Ich habe ihn Nader genannt, ich hoffe, der Name gefällt dir. Wenn du ihn mal sehen möchtest, wir könnten uns in der Teestube bei mir in der Nähe treffen.«

Er kam zu früh, setzte sich ans Fenster und wartete ungeduldig. Wie oft hatte er sich vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn sie sich einmal wiedersähen, mit oder ohne Kind. Als sie jetzt kinderwagenschiebend auf die Teestube zukam, wurde ihm bewusst, wie groß der Abstand geworden war.

Er stand auf und öffnete ihr die Tür. Sie umarmten sich kurz. Als er sich über den Kinderwagen beugte und in zwei dunkelblaue Augen blickte, kam so etwas wie Erzeugerstolz in ihm auf. Sie setzten sich und bestellten Tee.

»Wie geht es dir?«, fragte Fatemeh und sah ihn freundlich-neutral an.

»Inzwischen wieder gut. Und dir?«

»Auch gut. Und, was sagst du zu Nader?«

»Ja, hübsch, ganz die Mama.«

»Na, die Augenfarbe wohl nicht«, sagte sie, »den Rest wird man sehen.«

»Ja«, sagte er und rührte in seinem Tee. Auch Fatemeh rührte in ihrem, während sie eine Zeit lang über Belangloses plauderten. Dann fing Nader an zu lärmen. Die Mutter holte ihn aus dem Wagen, schaukelte ihn auf den Armen hin und her, aber er beruhigte sich nicht.

»Ich muss gehen«, sagte sie, »er hat Hunger.«

Tom beäugte ihre Bluse, an der sich die Knöpfe spannten.

»Das geht hier nicht«, sagte sie und sah ihn etwas spöttisch an. Er bot ihr an, den Kinderwagen zu schieben, da er es sich schwierig vorstellte, mit einem hungrigen Kind auf den Armen auch noch den Wagen zu bewegen, aber sie winkte ab.

»Lass nur, darin habe ich inzwischen schon Übung.« Sie gab ihm zum Abschied noch einen gehauchten Kuss auf die Wange.

Tom blieb in der Tür stehen und sah ihr nach, wie sie die Straße hinunterlief. Als er gerade nach der Bedienung rief, um zu bezahlen, drehte sie sich noch einmal um. Nichts Spektakuläres. Sie drehte sich einfach noch einmal zu ihm um.

Aber dieser kurze Augenblick, diese wenigen Sekunden machten ihm erst bewusst, dass sich die zwei gerade aus seinem Leben verabschiedeten. Er bekam feuchte Augen.

Die bekam er öfter. Einmal sogar, als er bei Malefiz verlor.

Zweiter Teil

Und dann kam Margaretes große Stunde. Sie flog alleine nach Deutschland mit dem Auftrag, ein Haus zu kaufen. Aber nicht in Berlin, denn das hatten sie in ihrer Abwesenheit in zwei Teile zerlegt.

»Ich zieh doch nicht in eine eingemauerte Stadt!«, sagte Richard maulend, und seine Frau nickte. Aber wohin sonst? Aufs Land wollten sie nicht, eine Stadt sollte es schon sein. Vielleicht Frankfurt? Das kannte Margarete ganz gut, da sie dort schon einige Auftritte gehabt hatte.

Nach kaum zwei Wochen war sie zurück, und natürlich waren Mann und Sohn neugierig. Ein Foto hatte sie nicht, obendrein druckste sie verdächtig herum.

»Was meinst du mit in der Nähe von Frankfurt«, fragte Richard, »in einem Vorort?«

»Nein, ein Vorort ist es nicht, es ist etwas außerhalb. Ein Auto braucht man schon. Aber es ist wunderschön und mit ganz viel Wald drumherum. Sogar ein Bach fließt an dem Grundstück vorbei«, sagte sie schwärmerisch.

»Viel Wald und ein Bach vor der Haustür hört sich nach am Arsch der Welt an«, sagte Richard genervt, setzte sich in einen Sessel und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Ein Zeichen, dass er sich jetzt sehr zusammennehmen musste.

»Also, jetzt mal in Ruhe. Du gingst also zu einem Makler und sagtest ihm, dass du ein Haus in oder um Frankfurt herum kaufen möchtest. Ist das so richtig?«

»Ja, das stimmt. Er sagte aber, dass Immobilien im Hunsrück eine viel interessantere Kapitalanlage seien. Es sei das Naherholungsgebiet für die wohlhabende Schicht aus dem Rhein-Main-Gebiet, und die Preise würden gerade anfangen, zu steigen. Das hört sich doch gut an, oder?«, fragte sie und sah ihren Mann etwas verunsichert an.

»Hunsrück!«, flüsterte der und nahm resigniert die Arme wieder runter.

»Und wie heißt der Ort?«, fragte Tom.

»Schnellbach«, antwortete Margarete. »Das Dorf heißt Schnellbach.«

Der Abschied stand an. Acht Jahre waren vergangen. Richards Vertrag war ausgelaufen, Tom hatte die Schule abgeschlossen und sich von seinen Freunden verabschiedet. Nun freute er sich auf das Neue.

Die Freude musste allerdings schon ihre erste Belastungsprobe bestehen, als sie nach der Ankunft auf dem Frankfurter Flughafen einen Wagen mieteten, mit dem sie in den Hunsrück fuhren. Auf einer Anhöhe trat Richard unvermittelt auf die Bremse, stellte das Fahrzeug am Straßenrand ab und fragte seinen Sohn ungläubig, ob das da unten im Tal etwa das Kaff sei.

Tom nickte und tippte mit dem Finger auf einen Punkt auf dem Plan, den er auf seinen Knien ausgebreitet hatte. »Ja, das muss es sein«, antwortete er betrübt.

Es war ein lauschiger Frühlingstag, der Raps tauchte die Landschaft in ein heiteres Gelb, der Himmel zeigte sich in einem tiefen Blau, vereinzelte Schönwetterwolken zogen langsam ihre Bahn. Eine durchaus friedliche Stimmung also. Aber im Wagen war davon wenig zu spüren.

»Weißt du wenigstens, welches von den armseligen Hütten du gekauft hast?«, fragte Richard seine Frau, die auf dem Beifahrersitz zusammengesunken war und nun vorsichtig eine Hand hob und mit ihrem etwas knochigen Zeigefinger in eine Richtung wies.