Toni Taubenheimer - B. Andersen - E-Book

Toni Taubenheimer E-Book

B. Andersen

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Beschreibung

Eines Tage schwebt Toni eine seltsame Feder vor die Füße. Sie hat keinen blassen Schimmer, von welchem Tier sie stammen könnte, vielleicht von einem Wolkenschwan? Ihr Lehrer ist nicht ganz so begeistert von ihren Träumereien, doch ihre Neugier treibt Toni in die weiten Arme eines Abenteuers, an das sie selbst in ihren kühnsten Träumen nicht geglaubt hätte. Ein fantastisches Leseabenteuer für Kinder ab 11 Jahren. Leseprobe: "Toni war eine Träumerin. Und obendrein eine großartige Träumerin. Sie konnte träumen und träumen und darüber die ganze Welt vergessen. In ihrem Kopf entstanden (einfach so) windumtoste Schlösser, über deren steinernen Mauern riesenhafte Drachen mit ihren gewaltigen Flügeln schlugen. Oder der kleine Zaunkönig auf dem Schulhofstor sang ihr ein Lied vor, das sie plötzlich verstand, und jede klitzekleine Kleinigkeit konnte zum Keim für eine seltsame, neue Geschichte werden."

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Seitenzahl: 245

Veröffentlichungsjahr: 2015

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B. Andersen

Toni Taubenheimer

und das Geheimnis hinter der Mauer

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Mira landet.

Grün.

Eine Botschaft für Toni.

Hinter der Mauer.

Mira.

Lloma.

Tilia.

Rufin.

Mira holt Toni ab.

Toni erhält einen Auftrag.

Toni und Tilia schmieden einen Plan.

Zu Besuch bei Frau Badewasser.

Toni lernt Tippi kennen.

Toni findet das Kinderbuch und lernt Izabel kennen.

Izabel.

Mutter und Tochter.

Graue Raben.

Auf der anderen Seite des Berges.

Lindlingen.

Wyllhelds Geschichte.

Aufbruch zur Höhle.

Der Schatz der Erinnerungen.

Wyllheld.

Wyllheld erzählt, was der Graue Rabe bewirkt.

Tippi hat eine Idee.

Der Ort der Wissenden Bücher.

Die Geschichte von Genter und Emilie.

Aufbruch zum See des Lebens.

Das Land der Sieben Ströme – 1. Versuch.

Die Schlucht der Erinnerungen.

Nebel-Jurten.

Kein Weg zurück.

Zurück.

Trennung.

Am Fuße des Säulenberges.

Aufstieg.

Eiskante.

Wind.

Zuhause.

Danksagung

Impressum

Mira landet.

Violette Nachtluft strichüber Miras gedrungenen, rundlichen Körper, während ihre Schwingen sie kraftvoll unter dem bleichen Mond dahintrieben. Ihre kleinen hellen Augen orientierten sich an dem glitzernden Band des breiten Flusses, dem sie schon seit Stunden folgte, auf der Suche nach dem kleinen Berg, auf dessen Spitze wie ein fauler Zahn eine Burgruine aufragen sollte.

Müdigkeit und Kälte durchdrangen ihr dünnes Fell, als sie endlich den waldbedeckten Berg entdeckte, der sich in einer weit ausholenden Biegung des Flusses erhob. Der Berg war klein, viel kleiner, als sie ihn von den Erzählungen her kannte, aber der in den nächtlichen Himmel ragende faule Zahn war unverkennbar.

Mira grunzte erleichtert, legte ihren Körper schief und beschrieb einen weiten Bogen, der sieüber die kleine Stadt führte. Sie fand nicht sofort, was sie suchte, und sie beschloss, einen weiteren Bogenüber der Stadt zu ziehen. Doch noch ehe dieser sich zu einem Kreis schließen konnte, entdeckte sie schon, wovon die Erzählungen flüsterten: Ein seltsames Viereck aus hunderten winzigen Leuchtpünktchen, das in einem Gewirr dunkler Gassen aufleuchtete.

Mira legte sich schräg in die Luft, schwang hektisch ihre Flügel und steuerte auf einer geraden Bahn, die sie zugleich immer tiefer führte, die Mauer an, die diese seltsamen Lichter umschloss. Steinchen knirschten, als ihre gespaltenen Hufe auf der Mauer aufsetzten, während ihre Flügel sich auf dem Rücken zusammenfalteten. Sie betrachtete das Viereck innerhalb der Mauer und machte große Augen: Die Pünktchen befanden sich anscheinend auf jedem Strauch und jedem Halm, der in diesem Viereck wuchs. Nur eine kreisrunde Stelle am Boden war unbeleuchtet. Dort musste der Eingang sein.

Mira atmete Mut und streckte rasch - zu rasch, wie sie später bemerkte - ihre Flügel aus und glitt im Gleitflug auf das Loch im Boden zu. Noch einige Stunden leuchteten die Lichter, doch kein anderes Wesen floh in dieser Nacht in die Andere Welt.

Als die Morgendämmerungüber Fluss und Land kroch, blieb nur ein verlassenes Grundstück zurück, von wilden Brombeeren und mannshohem Gras bewachsen, eingekeilt zwischen zwei Häusern, deren Seitenwände keine Fenster besaßen, und von der engen Straße durch eine hohe Mauer getrennt. Der einzige Eingang bestand aus einer schweren Eisentür, die in die Mauer eingelassen war und unter deren Türspalt sich bleiche Pflanzenstängel wanden.

Blasse Morgensonnenstrahlen tanzten auf der Mauer und auf den zitternden Blättern der Sträucher und kleinen Bäume, und zwischen den Brennnesseln und Flechtenüberzogenen Stämmen wölbte sich eine kahle Bodenmulde, die sicherlich niemandem auffallen würde, der nicht danach suchte.

Grün.

Eine schwache Morgensonne schickte ihre schimmernden Strahlen in die kleine Stadt zwischen Fluss und Wald. Aus dem Fluss stieg wolkiger Nebel. Allmählich wichen die Schatten der Nacht zurück in Mauernischen und dunkle Hauseingänge. Ein blasser Sonnenstrahl fiel auf den Sims einer hohen Mauer, die ein verwildertes Grundstück von einer schmalen Straße trennte. Rechts und links standen Häuser, von deren fensterlosen Seiten wilde Ranken hingen.

Auf dem Sims der Mauer lag etwas Großes, Weiches, Flauschiges, das in der schwachen Brise des kühlen Sommermorgens wehte, sich schließlich löste und dann sanft zu Boden segelte. Ein Mädchen lief die Straße entlang, auf dem Rücken eine Ledertasche voller Bücher, und als das seltsame Ding vor ihr auf dem schwarzen Asphalt landete, bückte sie sich, um es aufzuheben.

Es war ganz weich und sah ein bisschen aus wie eine Feder, doch in der Mitte war es dünn und hart wie Draht. Und tatsächlich: Als sie die weichen feinen Fäden zur Seite schob, die das Ding so flauschig erscheinen ließen, entdeckte sie einen Draht, der im Morgenlicht golden glänzte. Doch Toni - denn so nannten alle das Mädchen - hatte keine Zeit, um darüber nachzudenken, was es war, denn sie war (wie immer) spät dran und beeilte sich (diesmal), pünktlich zur Schule zu kommen. Also packte sie das, was aussah wie eine Feder, und rannte weiter, dass die Bücher in ihrer Ledertasche heftig gegen ihren Rücken polterten.

Toni war eine Träumerin. Und obendrein eine großartige Träumerin. Sie konnte träumen und träumen und darüber die ganze Welt vergessen. In ihrem Kopf entstanden (einfach so) windumtoste Schlösser,über deren steinernen Mauern riesenhafte Drachen mit ihren gewaltigen Flügeln schlugen. Oder der kleine Zaunkönig auf dem Schulhofstor sang ihr ein Lied vor, das sie plötzlich verstand, und jede klitzekleine Kleinigkeit konnte zum Keim für eine seltsame, neue Geschichte werden. Ein Marmeladenfleck auf dem Hemd ihres Vaters genügte, und schon entstand in ihrem Kopf eine neue Geschichte. Nur die einfachste Erklärung, dass der Fleck nämlich in lauter Eile auf das Hemd gekleckst war, die erdachte sie sich nicht, denn die einfachsten Erklärungen sind leider meistens auch die wahren Erklärungen, und so wäre das Leben ohne Geschichten schon reichlich langweilig.

Die allerbesten Geschichten schmuggelten sich ohnehin in der Schule in Tonis Kopf, denn kann es einen besseren Ort für Träumereien geben als diesen?

Zumindest in den Geschichtsstunden war das so, denn Herr Niebrüll, der Lehrer mit den roten Haaren und den ebenso roten Flecken auf den Wangen, hielt hingebungsvoll lange, lange Vorträge, die einfach jeden wissensdurstigen Schüler ermüdeten.

Zum Glück begann der Schultag heute mit Geschichte.

Heimlich streichelte Toni die seltsame Feder in ihrer Ledertasche und starrte aus dem Fenster. Sie musste unbedingt herauskriegen, woher sie kam, und beschloss, sich auf dem Heimweg die Mauer näher anzusehen. Draußen flogen bauschige Wolken vorbei, durch die sich einzelne Sonnenstrahlen einen Weg zur Erde suchten. In Tonis Ohren wurde die eintönige Stimme des Lehrers leiser und leiser. Eine besonders große Wolke reckte einen langen, schlanken Hals empor und breitete elegante federweiche Schwingen aus - ein Wolkenschwan! Und sie hatte ihn als erste entdeckt! Wie wunderschön er war, und nun hob und senkte er seine Flügel, als wollte er abheben, noch höher hinauf in die unendlichen blauen Weiten, dorthin, wo ...

„Antonia Taubenheimer,“hörte sie da jemanden rufen, und der weiße Schwan verschwand,„du steckst doch schon wieder mit dem Kopf in den Wolken!“Herr Niebrüll stand mit geröteten Wangen vor ihrem Tisch, und zum Vergnügen aller sagte Toni mit großen Augen:„Woher wissen Sie das denn?“

Die roten Flecken im Gesicht des Lehrers breiteten sich aus, bis er aussah wie ein zu stark geschminkter Clown. Toni lächelte in sich hinein bei dem Gedanken daran, wie er inmitten eines Zirkuszeltes stand und versuchte, den Zuschauern etwasüberägyptische Pyramiden beizubringen. Bis ihr bewusst wurde, dass sie tatsächlich lächelte, sah Herr Niebrülls Gesicht aus wie eine sonnengereifte Tomate.

„Gleich platzt er“, flüsterte ihre Sitznachbarin ehrfürchtig.

Doch Herr Niebrüll platzte nicht. Stattdessen atmete er mehrmals tief ein und wieder aus, das Rot wurde Rosa und schließlich hatte der Lehrer seine normale Gesichtsfarbe wieder. Nur die roten Flecken auf seinen Wangen leuchteten etwas stärker als sonst.

„Antonia“, sagte er langsam,„hättest du wohl die Güte, mir zu erklären, woran du eben gedacht hast?“

Nun war es an Toni zu erröten, sie konnte ihm ja schlecht erklären, dass sie sich ihren Lehrer soeben als Clown vorgestellt hatte.„Ich,ähm“, stammelte sie,„es ist nur so, also, das hatte gar nichts mit der Schule zu tun, ich,äh, freue mich einfach so auf heute Nachmittag.“

„Nichts mit der Schule zu tun! Aha! Und was passiert heute Nachmittag?“fragte Herr Niebrüll, und die hektischen roten Flecken breiteten sich wieder aus.

„Das,äh, kann ich nicht sagen, Herr Niebrüll“, stotterte Toni,„das ist,äh, ein Geheimnis.“

„So, so“, schnaubte Herr Niebrüll,„dann schreibe doch bitte einen Aufsatzüber dein…Geheimnis. Sagen wir, fünf Seiten? Wie wäre es mit `Antonia Taubenheimer und das Geheimnis ...´ …den Rest des Titels darf du dir aussuchen. Du hast Zeit bis nächste Woche.“

Toni biss die Zähne aufeinander. Na prima. Und das gleich in der ersten Stunde.

Die folgenden Stunden verliefen ohne weitere Zwischenfälle. Der Himmel hatte sich bedeckt, so dass kein Wolkenschwan weit und breit zu sehen war, und Toni konzentrierte sich so gut es ging auf den Unterricht.

Endlich war die Schule aus, und Toni lief zielstrebig in die Straße, in der sie das Federdings gefunden hatte. Heute war ein Mittwoch, und da kam ihr Vater meist früher nach Hause und holte dabei auch Arthur, Tonis kleinen Bruder vom Kindergarten ab. An manchen Tagen war das auch Tonis Aufgabe, denn ihre Mutter kam meist später als sie selbst nach Hause, und mit kleinen Brüdern, das weißjedermann, kann man keine Nachforschungen anstellen.

Die Mauer war großund hoch und alt wie immer. Irgendwer hatte ein Meer mit silbernen Fischen daraufgemalt, daher nannte man sie die„blaue Mauer“. In ihrer Mitte rostete eine augenscheinlich alte Eisentür vor sich hin, die, den Pflänzchen nach zu schließen, die sich unter dem Türspalt hervorringelten, schon seit Ewigkeiten nicht mehr geöffnet worden war. Zumindest hatte Toni sie noch nie geöffnet gesehen.

Seitdem sie denken konnte, hatte sie sich gefragt, was hinter dieser Mauer stecken mochte–gruselige Ungeheuer oder eine Hexe, die Menschenkinder fraß? Oder vielleicht ein Garten voller Feen, die jeden verzauberten, der sie entdeckte?

Atemlos stand sie jetzt vor der blauen Mauer, in deren Ritzen winzige Farne wuchsen, und blickte auf das Wunder, das jeder, der nicht so genau hinsah wie sie selbst,übersehen mochte: Die Tür stand ein winziges bisschen offen. Gerade wollte Toni einen Finger in den Spalt legen, als die gesamte Tür zitterte und bebte, als versuche jemand von innen, sie mit aller Gewalt zuöffnen. Eine Pause trat ein. Dann hörte sie ein Stöhnen, es ruckelte und zitterte, die Tür knirschte schwerfällig undöffnete sich ein weiteres Stück. Toni konnte durch den Spalt mannshohes Gras und Brombeerranken ausmachen. Eine Hand erschien an der Türkante, eine grüne Hand, die so großwar wie Tonis Hand, und dahinter ein einzelnes Auge. Jetzt schob sich ein Gesicht in den Türspalt, das zartgrüne Gesicht eines Mädchens, vielleicht so alt wie sie selbst, und umrahmt wurde dieses Gesicht von einem Schopf Haare, die grün schimmerten wie das wogende Gras einer Sommerwiese!

Toni erstarrte vor Entsetzen, ihr Herz setzte einige Schläge aus. Wie konnte das sein? Und wer war dieses Mädchen? War esüberhaupt ein Mensch? Dann begann ihr Herz zu rasen, vor Schreck und vielleicht auch vor Angst, denn kein Mensch konnte doch eine grüne Haut haben, oder? Dann rannte sie davon!

Eine Botschaft für Toni.

Atemlos lief Toni bis zu dem gepflasterten Weg, der zu dem schmalen, weißen Reihenhäuschen der Familie Taubenheimer führte. Hier stützte sie die Hände in die Seiten und schnaufte tief durch. Was war denn das gewesen?

Jetzt, wo sie einige hundert Meter Abstand von der blauen Mauer gewonnen hatte, erschien ihr ihr Schrecken auf einmal reichlich albern. Und doch: Diese Haut! Und die Haare! Die waren nicht grün gefärbt gewesen, soviel stand für sie fest. Sie hatten echt ausgesehen, ohne dass sie so recht sagen konnte, weshalb sie da so sicher war.

Langsam ging sie weiter, an den niedrigen Hecken und Zäunen entlang, die die Vorgärten der Häuschen von dem Gehweg trennten.

„Na, heute mal ohne deinen Bruder?“hörte sie da eine schnarrende Stimme.

„Oh, nein, nicht gerade jetzt“, dachte Toni, aber da sah sie sie auch schon. Frau Badewasser. Die Nachbarin stand in ihrem geblümten Kleid neben dem kleinen Zierspringbrunnen in ihrem Vorgarten und schien diesen offenbar soeben gesäubert zu haben, denn sie hielt noch eine Abwaschbürste in der Hand.

„Guten Tag, Frau Badewasser“, sagte Toni höflich und wollte sich an ihr vorbeidrücken, denn für gewöhnlich erzählte Frau Badewasser viel und langatmig. Und seitdem sie einmal behauptet hatte, jemand hätte ihre Keramikgänse gestohlen, indem er sie lebendig davonwatscheln ließ, hielt Toni sie für ein wenig seltsam.

Fast hätte sie es geschafft, da erklärte die Nachbarin mit erhobener Stimme:„Übrigens, ich habe noch einen Ball von deinem Bruder in meinem Garten gefunden!“

Toni drehte sich zu ihr um:„Äh“, sagte sie, immer noch höflich,„Sie können ihn mir doch vielleicht gleich mitgeben, ich meine, dann müssen wir Sie nachher nicht noch einmal belästigen.“

„Dein Bruder soll ihn doch bitte persönlich abholen.“Frau Badewasser lächelte süßlich,„oder war er es nicht, der ihn in meine Rosen geworfen hat?“

Toni entschloss sich zu einer Notlüge.„Nee, mein Vater war das, die beiden haben nämlich Fangen geübt.“

Das schien zu wirken, vor Herrn Taubenheimer hatte Frau Badewasser nämlich irgendwie Respekt, vielleicht weil er so seriös aussah, wenn er mit Anzug und Krawatte von der Arbeit kam.

„Nuun“, kam es etwas weniger süßlich zurück,„dann warte mal, ich hole ihn.“

Eine Minute später schloss Toni endlich die Haustür hinter sich, warf Schultasche, Schuhe und Arthurs Ball auf den Boden und lief in ihr Zimmer, um es sich in ihrem Nachdenk-Zelt gemütlich zu machen.

Die Kinderzimmer im Hause Taubenheimer waren schmal gebaut, und daher hatten die beiden Kinder Hochbetten, auf denen sie schliefen. Unter Tonis Bett stand ihr Schreibtisch, undüber dem Bett hatte sie sich ein Zelt aus einem weißen feinen Schleier gespannt, auf den bunte Filzschmetterlinge genäht waren. An der Wand hing ein schmales Regal, in dem neben Heinrich, der alten Stoffpuppe, nur einige Bücher standen.

Sie zog ihr Tagebuch aus dem Regal und legte es auf ihre Knie. Tonis Träumereien fanden–wenn auch nicht alle - ihren Platz in diesem Buch, das ihr größter Schatz war (neben ihren Eltern und ihrem Bruder natürlich,überlegte sie), und es gab ein Kapitel mit derÜberschrift:„Die blaue Mauer.“Hier konnte sie jederzeit ihre Vermutungen, was sich hinter dieser befinden mochte, nachlesen.„Doch nun“, dachte sie entschlossen,„nach der Begegnung mit dem grünen Mädchen beginnt ein neues Kapitel.“Sieüberschlug die beiden Seiten mit ihren verwegenen Theorien und blätterte eine neue Seite auf.

Zehn Minuten später riss das Knallen der Haustür sie jäh aus ihren Gedanken.

„Toooniii! Wir sind daa-a!“brüllte Arthur und rannte in ihr Zimmer.

„Arthur!“rief ihr Vater,„nicht die Tür so knallen, du Lurch!“

Doch Arthur achtete gar nicht auf ihn und kletterte munter wie einÄffchen die Leiter zu Toni hinauf.

„Was ist das? Ich will das haben!“Arthur griff nach dem Tagebuch.

„Hehda!“rief Toni und zog das Buch rasch weg. Unwirsch schob sie das Tagebuch zurück ins Regal. Nur zwei Sätze hatte sie zu Papier gebracht!

„Wie wäre es mit Malen?“schlug sie vor.

„Nee, lieber eine Geschichte“, sagte Arthur.

„Geschichten sind für abends“, sagte Toni, die gerade nicht dazu in der Stimmung war, eine Geschichte zu erfinden, wie sie es manchmal tat, wenn ihre Eltern abends ausgingen,„aber wir könnten malen.“

„Bagga?“, fragte ihr kleiner Bruder begierig.

„Meinetwegen auch Bagger“, sagte Toni. Sie gingen in die Küche.

Tonis Vater stand in der Küche undöffnete die Post.„Na, Toni“, murmelte er beiläufig, als seine Kinder den Raum betraten,„ist Mama noch weg?“

„Die ist doch noch beim Arzt“, sagte Toni,„schon vergessen?“

„Achja“, Herr Taubenheimer knisterte mit den Papieren.

Toni malte eine junge Frau mit leuchtend grünen Haaren aufs Papier, Arthur malte bunte Kringel.

„Äh, Toni“, sagte ihr Vater,„könntest du wohl eine Stunde auf Arthur aufpassen? Ich,ähm, ich hatte vergessen, dass Mama beim Arzt ist, und ich habe noch einen Termin.“

„Mmh, ja, klar“, sagte Toni,„wir gehen dann nochmal raus, ok?“

Sofort ließArthur seinen Stift fallen und sprang auf:„Ich will zu den Spielplatz mit den großen Auto! Und ich will ein Schokobrötchen!“

Toni ließsich von ihrem Vater noch einen Euro vierzig geben („Wofür denn das schon wieder?“) und versprach Arthur, zuallererst beim Bäcker vorbeizugehen.„Und dann“, soüberlegte sie,„ist er beschäftigt, und ich kann nochmal bei der Mauer vorbeischauen.“

Tonis Plan funktionierte. Damit es schnell ging, packte sie Arthur, der nicht protestierte, in den Buggy, schob ihn ruckzuck zum Bäcker und weiter zur Mauer. Die Tür war wieder fest geschlossen. Nur einige abgerissene Pflanzenstängel wiesen darauf hin, dass sie erst kürzlich geöffnet worden war. Toni stellte den Buggy ab und glitt mit ihren Händenüber das Metall der Tür, griff kurzentschlossen nach der Klinke und drückte sie halbherzig nach unten. Ein Zettel, der zwischen Türkante und Mauer eingeklemmt gewesen sein musste, fiel zu Boden. Darauf war ein Gesicht gemalt, ein Gesicht, das von glatten schwarzen Haaren gesäumt war und blaue Augen hatte. Es war Tonis Gesicht.

Hinter der Mauer.

Arthur stand plötzlich neugierig neben ihr.

„Hast du eine Post bekommen?“fragte er.

Toni hob das Papier auf und faltete es vorsichtig auseinander.

„Wir brauchen die Feder“, stand dort in geschwungenen großen Buchstaben.„Ganz dringend.“

Und darunter:„Bitte.“Neben dem Bitte war ein Gesicht gemalt, das von grünen Haaren umrahmt wurde. Es lächelte.

„Äh, ja“, antwortete Toni,„Post.“

„Ich will auch eine Post!“sagte Arthur und griff nach dem Papier. Toni hob schnell den Zettel in die Höhe.

„Und nun?“ überlegte sie,„ich habe sie nicht dabei.

Soll ich sie holen gehen und sie durch den Türspalt schieben? Aber wenn ein anderer sie dann findet? Sie war bestimmt ziemlich wichtig. Oder sollte ich besser hineingehen? Aber ganz alleine? Und wann?“

Arthur bettelte so lange, bis sie ihm den Brief gab. Er sah sich die Buchstaben an und stellte enttäuscht fest, dass es außer den beiden gemalten Gesichtern keine weiteren Bilder gab. Zum Glück fragte er nicht nach dem Mädchen mit den grünen Haaren. Er wollte jetzt nach Hause.

Toniüberlegte rasch. Was sollte sie tun? Heute abend konnte sie nicht noch einmal hierherkommen. Sie musste noch ihre Hausaufgaben machen, und außerdem gab es bald Abendbrot. Plötzlich merkte sie, wie hungrig sie war.

Sie beschloss, ebenfalls eine Nachricht zu hinterlassen.

„Morgen“, schrieb sie unter ihr Gesicht,„bestimmt“, und klemmte das Papier in dem Türspalt fest, wo es hoffentlich niemand finden würde außer dem grünhaarigen Mädchen.

Als Toni und Arthur nach Hause kamen, waren ihre Eltern schon da, und ihre Mutter brutzelte gerade ein warmes Abendessen zusammen, das sie alle heißhungrig verspeisten.

Viel später, als Toni schon in ihrem Bett lag, kam ihre Mutter noch einmal in ihr Zimmer.

„Mama?“fragte Toni,„weißt du, wer hinter der blauen Mauer wohnt?“

„Welche blaue Mauer?“

„Die in der Goldbergstraße, dort wo Enja wohnt. Die mit der Tür.“

„Da wohnt niemand. Aber reingeschaut habe ich natürlich noch nie. Ich glaube, das ist einfach ein verwildertes Grundstück. Frag doch mal Frau Badewasser“, fügte sie schmunzelnd hinzu,„die weißdoch sonst immer alles.“

Toni grinste zurück. Ihre Mutter mochte Frau Badewasser nicht, weil die sich immer darüber aufregte, wie verwahrlost Toni und Arthur angeblich waren, weil ihre Mutter in der Bibliothek arbeitete. Undüberhaupt unerzogen.„Ich kenne ja andere Leute mit Kindern in deeem Alter“, pflegte Frau Badewasser mit Betonung zu sagen,„die sind aber ganz anders erzogen. Aber ganz anders.“

Frau Taubenheimer hatte nach anfänglichem Bemühen beschlossen, die Nachbarin großräumig zu ignorieren, doch seitdem machten Toni und ihre Mutter kleine Witzeüber sie, die Herr Taubenheimer manchmal, wenn sie es zu arg trieben, mit den Worten beendete:„Auch Frau Badewasser wird ihre guten Seiten haben“, denn Herr Taubenheimer hatte die seltene Gabe, an jedem Menschen etwas Gutes zu finden.

Tonis Mutter küsste ihre Tochter auf die Nasenspitze (wobei sie sich auf die unterste Sprosse der Leiter stellen musste), und verließdann, das Licht hinter sich ausknipsend, das Zimmer.

In dieser Nacht träumte Toni von wilden Wolkenschwänen, die nicht fliegen konnten, weil sie eine Feder verloren hatten, und von Herrn Niebrüll, der mit dem Kopf zwischen den Wolken feststeckte und wild mit den Beinen strampelte. Und natürlich von Mädchen mit grünen Haaren, die in einer Höhle aus Brombeerranken und mannshohem Gras wohnten.

Am nächsten Tag wollte Toni gleich nach der Schule zur blauen Mauer gehen und die Feder dort abgeben, wobei sie natürlich hoffte, vielleicht noch einen Blick auf das fremde Mädchen erhaschen zu können, aber Frau Hirse, die Klassenlehrerin hielt sie auf.

„Antonia“, sagte sie, und Toni bemerkte, wie sie versuchte, ganz besonders freundlich zu klingen.

„Ich habe gestern deinen Aufsatz korrigiert, und, nunja, ich, also, er ist eigentlich sehr schön, sehr, hm, blumig, und, tja, auch fantasievoll. Nur leider, leider... .“Sie rang nach Worten,„nur leider ist er total am Thema vorbei.“

Toni biss sich auf die Lippen. Am Thema vorbei, das kannte sie schon. Das bedeutete eine Fünf. Und das in einem Fach, das ihr eigentlich Spaßmachte. Die Fantasie, die verflixte Fantasie, sie ging manchmal mit ihr durch wie einübermütiges Pferd und rannteüber fremde Wiesen.

Frau Hirse bemühte sich um gute Worte.

„Aber ich sehe da wirklich Potenzial bei dir, Antonia“, sagte sie,„es ist nur,…so wild. Naja, ich wollte dir das schon mal sagen, damit, hm, du morgen oderübermorgen, wenn ich,ähm, also, wenn ihr die Arbeiten wiederbekommt….“

„Schon gut, Frau Hirse“, sagte Toni knapp,„danke.“Sie packte ihre Tasche fester und ging.

Auf dem Nachhauseweg vergaßsie - verständlicherweise -, dass sie eigentlich an der blauen Mauer vorbeigehen wollte, sie nahm nämlich den anderen Weg, den, der am Kiosk vorbeiführte. Im Zweifelsfall half Lesen. Sie zählte das Geld in ihrer Hosentasche und kaufte sich einen Comic, den sie auf der nächsten Bank las. Es lohnte sich nicht, schon nach Hause zu gehen, denn in einer Viertelstunde sollte sie Arthur vom Kindergarten abholen. Erst als sie vor dem Kindergarten stand und Arthur ihr entgegenrief:„Ich will ein Schokobrötchen!“fiel ihr wieder ein, dass sie doch eigentlich zur blauen Mauer hatte gehen wollte.

„Ich kauf dir eins“, sagte sie und hoffte inständig, dass sie noch genügend Geld im Portemonaie hatte,„aber dann gehen wir noch zur blauen Mauer, einverstanden?“

„Ok“, sagte Arthur friedlich und trottete neben ihr her in Richtung Schokobrötchen.

An der blauen Mauer versuchte Toni wieder, die Tür ein wenig aufzudrücken, denn–so hatte sie sichüberlegt–es wäre wohl am besten, sie zumindest hinter die Tür zu legen. Wie sich herausstellte, ging die Tür leichter auf als gedacht, und Toni wollte gerade das Federding durch den Spalt schieben, als sich Arthur, den Mund voller Brötchenkrümel, unter ihr vorbeidrückte und in das verlassene Grundstück schlüpfte.

„Schietepiepen! Arthur!“zischte Toni. Was sollte sie tun? Natürlich hinterher.

„Das ist cool, Toni“, sagte Arthur anerkennend, während er sich umsah,„hier kann man schpielen. Ich vertecke mich und du muss zählen! Aber noch nich!“Und schon verschwand er im grünen Gras, das ihn um einige Kopflängenüberragte.

Toni blieb fast das Herz stehen, und sie hoffte, dass Arthur es unheimlich finden würde und sogleich wieder zurückkommen würde. Doch er kam nicht zurück. Die hohen Halme bewegten sich hin und her. Dann war es still.

Mira.

Toni hätte am liebsten sehr laut ein bestimmtes Wort gerufen. In ihrer Fantasie war sie mutig. Aber die Fantasie war ja auch nicht gefährlich. Aber vielleicht war sie ja auch nur vorsichtig, gerade weil sich in ihrer Fantasie so viele seltsame Fabelwesen tummelten? Egal. Sie musste hinter Arthur her..

Als sie das Gras zur Seite schob, entdeckte sie, dass sich dahinter ein Pfad befand, dem Arthur wohl gefolgt sein musste.

„Toooni! Du kannst jetzt zä-ähln! Ich habe mich schon verte-eckt!“

„Versteckspielen mit Dreieinhalbjährigen“, dachte Toni und rollte innerlich mit den Augen, war aber in diesem Moment froh darüber, dass er das Prinzip des Spieles offensichtlich noch nicht so ganz begriffen hatte.

„Wo bist du?“rief sie,„zeig dich mal!“

„Hi-ier!“kam eine Stimme zurück. Schon sah sie ihn. Arthur hockte am Rande eines Loches im Boden und hielt ihr einen Zettel hin:„Das habe ich gefindet.“

Toni trat neugierig näher. Das war ja ein ziemlich großes Loch. An seinen Rändern wuchs kaum Gras, ganz so als ob jemand den Boden drumherum befestigt hätte. Wer oder was konnte darin wohnen? Nur das grüne Mädchen? Ihre Blicke fielen auf das Gesicht auf dem weiß