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Es ist November. In der Kälte Wiens bewegt sich Liv durch endlose Nächte, WG-Partys und ausbeuterische Theaterproben. Nähe bringt nichts als Entfremdung und die Liebe bleibt nur eine Geste. Ein Leben, das sowohl glitzert als auch zerfällt – in einer Stadt, die niemals bloße Kulisse ist, sondern ein lebendiger Organismus, der denkt, spricht und atmet. Livs Leben glitzert so falsch wie die Pelze der Top-Girls auf der Halbgasse, und fast ist es eine Erlösung, dass ein schmerzhafter Bruch, ein ungeheures Ereignis sie aus der Fassade reißt. Nach Wochen der Schlaflosigkeit macht sie sich auf an den einzigen Ort, an dem Wandlung noch möglich scheint. Ana Drezga schreibt rasant und gnadenlos über städtische Erschöpfung, Verlust und Einsamkeit. Ein Roman wie ein Clubsong – laut, hypnotisch, aufwühlend. Dann wieder unerwartet zart und dabei so ehrlich …
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Seitenzahl: 125
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Halftitle
Title
Inhalt
glitter edition
v. wie westwood
sie ist ein punk, ok?
wrong place, time egal
talking to ghosts
double trouble
mutter, also
die alte und der ernst
off
50 mg
silence ist nicht immer sexy
disco blue
lovers
flashback
wellen wellen
krimskrams und rose
daddy cool
jenseits der jauchegrube
engel verschwinden
hotel lost
mutters mantel
was noch zu retten ist
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Halftitle
Title
Inhalt
glitter edition
v. wie westwood
sie ist ein punk, ok?
wrong place, time egal
talking to ghosts
double trouble
mutter, also
die alte und der ernst
off
Ana Drezga
Roman
Ana Drezga
Roman
OTTO MÜLLER VERLAG
glitter edition
v. wie westwood
sie ist ein punk, ok?
wrong place, time egal
talking to ghosts
double trouble
mutter, also
die alte und der ernst
off
50 mg
silence ist nicht immer sexy
disco blue
lovers
flashback
wellen wellen
krimskrams und rose
daddy cool
jenseits der jauchegrube
engel verschwinden
hotel lost
mutters mantel
was noch zu retten ist
Es ist November. Von einer Kaltfront auf die nächste ist die Nacht eingefroren, während die Stadt noch geschlafen hat. Es ist November, die Menschen verziehen sich in ihre Körper, und was sie dort anstellen, kann man ihnen vom Gesicht ablesen.
Ich stand zwar aufrecht, schwankend aber, ein wenig aus dem Rhythmus gefallen, taktlos irgendwie, während Dana auf dem Küchentisch, eingewickelt in eine zartrosa Federboa, ein dreckiges Geschirrtuch auf einen Typen warf, der in der Ecke kauerte, als ob er in den Mutterschoß zurückkriechen wollte.
Thom stand auf der Bettkante, hob sein Bier, wackelte mit den Hüften, trank vom Bier, verschüttete es auf den nackten Oberkörper, trank weiter, während der Rest von ihm zappelte; sein Körper also wie ein leeres Lautbild, fern jeglicher Vorstellung von Motorik.
Berliner Luft wurde ausgeschenkt – das Zeug glitzerte wie Liza Minelli in den Achtzigern. Dana nahm einen Schluck, dann noch einen, grinste durch ihre schwarzen Haare, die ihr strähnchenweise ins Gesicht hingen.
Ein Glas zerbrach nebenan. Eine halbverbrannte Zigarette neben dem Aschenbecher auf dem Wohnzimmertisch, wo sie einen Brandfleck hinterlassen wird. Einer fiel über ein Stromkabel, fiel auf Dana, beide fielen sie auf den Boden und blieben dort eine Weile, so lange, bis ich sie aus den Augen verlor.
Jedes Zimmer war bis zum Rand voll, bis zum Rand war die Musik aufgedreht. In jedem Zimmer ein anderer Sound. Im Gang kam alles zusammen und überschlug sich mit den Stimmen der Leute, die noch mal eins drauflegen mussten, um über den Soundteppich zu kommen. Deshalb waren die, die sich im Gang aufhielten, verstörter, als sie es ohnehin schon waren. Einige schrien sich an, als ob sie allesamt schwerhörig wären, ungefähr so:
Ja, lass uns das morgen machen!
Sagte ich doch!
Unmöglich!
Noch ein Bier?
Also doch morgen?
Er sitzt am Klo!
Sag ihm, dass ich nachkommen werde!
Wo ist er?
Er sitzt am Klo!
Scheiß Musik hier, was?
Ich weiß nicht, wo er ist!
Wo?
Sagte ich doch!
Zu viele Menschen in einem Raum, ging mir durch den Kopf, aber egal wie viele man sich vorstellte, die Hälfte davon musste gestrichen werden, denn ich sah bereits doppelt. Dogmatiker, Weltverbesserer, Fanatiker, Pessimisten, Schwerhörige, Verlorene und Wiedergefundene, auf der Strecke Gebliebene, Vollzeitbeschäftigte und Arbeitslose in Serie.
Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten, vereinheitlicht, aber nur zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort, zu einer fragwürdigen Mischung aus Elektro-Swing und Pop.
Selbsternannte Beat-Poeten trällerten auf Teufel komm raus irgendetwas mit Reloaded feat. sonstwas. Hast du Nore gesehen?, fragte ich einen von ihnen, den ich aus dem Haufen gezogen hatte. Wer ist Nore? Ich öffnete das Fenster, beugte mich ein wenig hinaus, um einen Blick auf die Halbgasse zu werfen, kein Nore, obwohl er mir versprochen hatte, nach Hause zu kommen, so wie er vieles verspricht, wenig davon einhält, nur das tut, was ihm guttut, nämlich Ruinen fotografieren, verlassene Häuser, U-Bahn-Schächte, alte Fabriken, die so lost und leer wie er waren.
Es war einer jener Abende, die mit einem Versprechen beginnen und mit der üblichen Enttäuschung enden. Am nächsten Morgen bleibt einem nichts als der glitschige Körper im Nachtschweiß, nackt, ausgedünstet, angeschwollen, wie ein Brotteig aufgegangen.
Liv?
Was ist?
Da liegt ein Typ, fett und nackt, in unserer Badewanne, sagte mir Dana und steckte sich ihre zuvor geschnorrte Tschick in den Mund, zündete sie an, das vordere Ende der Zigarette glühte auf, verbrannte ein Stück weit. Ich wollte mir gerade eine Bierdose aus der Wanne holen und da lag er im Wasser, einfach so zwischen den Bierdosen. Liv?
Er kommt nicht.
Das weißt du nicht.
Es kam mir so vor, als ob jemand in Nores Kopf mit einem Radiergummi spazieren ginge und meine Biografie ausradierte. Zunächst nur ein paar Jahreszahlen, wodurch er jegliches Zeitgefühl für mich verlor, und dann die Orte, die mit mir verschwanden, und irgendwann meinen Namen, vorerst nur ein, zwei Buchstaben, sodass mein Name durchlöchert, sodass er ihn kaum mehr aussprechen konnte, und dann den Rest, bis ich aus seinem Kopf verschwunden war.
Da seid ihr alle.
Die Dramaturgin umarmt Dana.
Woher kommst du auf einmal?
Dana umarmt die Dramaturgin.
Na, vom Theater, wo auch ihr hättet sein müssen.
Ich konnte nicht. Ich bin krank, siehst du doch.
Dana streckte die Arme aus, wackelte ein wenig, ging ein paar Schritte zurück, grinste rückwärts hinein in die Menge, die etwas andere Krankheit.
Ich hab Nore getroffen.
Fragezeichen.
Theater.
Fragezeichen.
Schulterzucken.
Die Dramaturgin hatte das halbe Ensemble zur Party mitgenommen, das gerade mitten im Wohnzimmer stand, die Köpfe nach allen Seiten hin drehte, beeindruckt vom großzügigen Altbau der Jahrhundertwende. Wobei sich die Tapeten von den Wänden langsam lösten, der Boden zerkratzt und an einigen Stellen ausgeblichen, antiquierte Möbel phrasenhaft im Raum verteilt, Türschnallen abgegriffen. Summa summarum hatte die Wohnung den Charme stilvoller Verwesung.
Was ist das für eine Farbe? Blau? Gold? Grün?, fragte die Kostümassistentin und deutete auf die Tapetenwände, die barock und dekadent hoch zehn.
Blauschimmelblau, sagte ich im Vorbeigehen und nahm ihr den mitgebrachten Wodka aus der Hand.
Liv?
Hallo!
Du auch da!
Ja, ich wohne hier!
Du wohnst hier?
Sagte ich gerade.
Das ist dann wohl deine Feier?
Nein, ich wurde mit reingezogen.
Reingezogen?
Wieso er alles wiederhole, was ich sage, wollte ich von ihm wissen, und: Wie heißt du noch mal?
David, ein junger Hospitant, wollte nur freundlich sein, also gingen wir wieder über, David und ich, zu was noch mal?
Fragen.
Keine Fragen.
Antworten ohne Fragen.
Ich soll von mir erzählen?
Danke, aber: nein!
Kurze Zeit später saß ich weiter drüben auf dem Sofa, neben einem Typen, der Ovids Metamorphosen in den Händen hielt, so tat, als ob er noch lesen könnte. Mit dem Zeigefinger strich er die Zeilen entlang, rutschte ab, las im übernächsten Absatz weiter. Thom setzte sich zu mir. Die Dramaturgin zog den Ovid-Leser am Arm, hob ihn hoch, setzte ihn am Boden wieder ab und nahm seinen Platz neben Thom ein, der, seinen Kopf auf dem Arm, seinen Ellbogen an der Sofalehne aufgestützt, von der Lehne abrutschte.
Von irgendwoher stolperte Dana, fiel fast zu Boden, renkte sich wieder ein, stellte sich vor uns auf, holte Luft und begann zu sprechen: Bla Bla.
Ich wollte etwas sagen, dann doch nicht, dann aber: Kann jemand den Stecker ziehen? Ein anderer fragte, woher ich den Wodka hätte. Von der da! Ich zeigte auf die Kostümassistentin, die vor den Tapetenwänden stand, sie zärtlich berührte. Und ich?
Ich will nicht mehr ins Theater.
Ist es das Tanzen?, fragt Thom.
Nein. Es ist das Herz.
Du musst mehr an dir arbeiten, Selbstreflexion und so weiter, sagte er, während ihm der Wodka wieder aus dem Mund lief. Das ist doch Wodka?, fragte Dana und schaute dabei wie ein schockierter Emoji drein.
Scheiß Selbstreflexion! Immer liegt es an einem selbst. Mir fehlt die Zeit, als wir uns noch auf Arschlöcher einigen konnten, sagte ich wie berauscht von einer Schwarz-Weiß-Romantik jener Partisanenkämpfe auf alten Röhrenbildschirmen. Ob wir je wieder Feinde haben werden?
Plötzlich flog von irgendwoher ein roter BH an Thom vorbei und landete auf der linken Backe eines Jungschauspielers – die Hand auf der Wange wie nach einer Ohrfeige. Jetzt schielte er mit einem Gesichtsausdruck frühreifer Geilheit durch die Menge hindurch zu einem Busen, der auf und ab und auf und ab und auf hüpfte.
Ich stellte mich ans Fenster, warf einen Blick raus, hinaus in das mir schon unheimlich gewordene Draußen. Aber nichts, nichts bis auf das High-Heels-Geklapper der Top-Girls auf der Straße am Ende der Halbgasse, die für eine Zigarettenlänge herauskamen, sich dann wieder in die lauwarmen Schweißhände ihrer Freier verzogen, während andere an ihnen vorüber, halbtrunken oder dicht bis zum Rand gerade noch die Kurve kratzten in ihren Schlangenlinien, und wieder andere ausweichen mussten, damit sie ihnen nicht vor die Füße kotzten.
Dann ging ein Fenster auf. Es war die Alte gegenüber, die jede Nacht, eingehüllt in eine Decke, am Fenster stand und auf die Straße hinuntersah. Manchmal winkte sie mir zu, manchmal winkte ich zurück, die meiste Zeit jedoch ignorierten wir uns.
Sie griff sich in die grauen Locken, holte ein paar lose heraus und ließ sie ganze fünf Stockwerke tief auf den Asphalt fallen. Und dann stützte sie ihre Ellbogen auf die Fensterbank, so, genau so, wie es auch ich bald schon jede Nacht tun würde.
Dann wird es nicht lange dauern und meine Ellbogen werden rötlich, abgeschürft sein. Unmengen an Hautzellen werden mir abfallen, wobei die abgenutzte Haut der Unterarme irgendwann neue Hautzellen produzieren wird, die dafür sorgen werden, dass ich eine völlig neue Haut bekomme. Rauer, resistenter, unschön jedoch. Aber noch war es nicht so weit gekommen und noch wusste ich nicht, was da auf mich zukommen würde, obwohl ich es hätte ahnen können.
Ich machte das Fenster zu, ging durch die Menge, die etwas aufgeheizt in der Mitte, an den Rändern schon abgeschwächt, und legte mich aufs Sofa. Langsam fielen mir die Augen zu. Kein Nore also, ging mir durch den Kopf, als ich noch einmal aufblickte, hinein in die Menge, durch die Menge hindurch, und die Menge zerbröselte wie eine Bildstörung.
Am frühen Morgen stolperte ich über ein paar Körperteile, die am Boden lagen. Draußen war es bereits hell geworden, in der Wohnung aber war es dunkel noch, weil die Vorhänge zugezogen waren. Die Toilettentüre stand einen Spalt offen, wodurch man abwechselnd Farblichter sehen konnte, die blinkten, flackerten, als ob darin, rein farbtechnisch gesehen, die Hölle los wäre.
Wir hatten die Toilette mit alter Weihnachtsdeko ausgeschmückt, warum auch immer. Neben der WC-Schüssel stand ein mit Wasser halb angefüllter Kübel und darin ein alter Edelstahlbecher. Die Spülung war nämlich kaputt gegangen, irgendwann zwischen zwei und drei Uhr früh. Softpunk kam noch aus einem winzigen Pocket-Lautsprecher, den ich nirgends finden konnte.
Mein Fuß blieb picken an nahezu jeder Stelle am Boden. Eingetrocknetes Bier. Ganze Becher verschüttet, zertreten. In manchen noch Danas Cocktail-Mischung, die alle dazu gebracht hatte, sich gleichzeitig zu übergeben.
Es konnten nicht mehr als ein paar Stunden Schlaf gewesen sein, als ich von Thom aufgerüttelt worden war. Du musst mit mir kommen, hatte er gesagt. Wohin? Keine Antwort. Er riss das Fenster auf: Kalte raue Luft kam herein und der Krach der Müllabfuhr, die gerade den Container leerte. Glas zerbrach, zersplitterte.
Ich wusch mir das Gesicht mit lauwarmem Wasser, sah mich kurz nach Nore um. Kein Nore. Eine WhatsApp-Nachricht, vielleicht? Nichts da. Und so ging ich mit Thom vor die Tür hinaus auf die Halbgasse, die, bis auf ein paar Vereinzelte, von der Nacht übrig Gebliebene, unbelebt und menschenleer war.
Thom. Jeans, ausgeblichen. Schwarzes Shirt, abgetragen. Laufschuhe, eine Nummer zu groß, weil es Nores waren. Er ging voraus, ich im Halbschlaf hinterher die Halbgasse hinunter, die so unauffällig, nicht überzogen, geschweige denn Too Much war, so Durchschnitt eben, wären da nicht die Top-Girls und jetzt gerade Schichtwechsel: rosa Kunstpelz, gebleichtes Haar, dunkler Ansatz, Stiefel aus künstlichem Schlangenleder, High-Heels, was das Zeug hält, Mini in pink, schwarz, rot, unter anderem im Leoparden-Muster, aber auch Jeans im Used-Look, hier und da mit Knierissen.
He, du!
Hi!
Alles klar?
Und nun zur Burggasse, Catwalk der Mainstream-Nerds auf Fahrrädern ohne Gangschaltung. Ein paar hybride Szenelokale wie die Kleider-Bar. Halb Modegeschäft, halb Kaffeehaus mit Kaminflair und stapelweise Brennholz. Weiter unten zog sich eine leichte Kurve zum Volkstheater, daneben das Museumsquartier, davor der Burggarten und vor dem Burggarten eine dreispurige Fahrbahn. Autohupe, Vollbremsung, Arschloch! Thom war gemeint.
Wir überquerten die Straße und kamen zu einer Haltestelle. Von hier aus ging es nur stadtauswärts weiter. Ein junges Paar stand neben dem Fahrplan. Sie schaute zu Boden. Er in die Luft. Ein kleines Mädchen heulte sich die Augen aus. Die Mutter hob es auf, schüttelte es kräftig durch, stellte es wieder ab. Das Mädchen weinte weiter, stumm.
Gegenüber saß ein Straßenmusiker mit einer Triangel auf einem Lautsprecher, und aus dem Lautsprecher schlecht aufgenommener Synthesizer. Bei jedem dritten, vierten oder fünften Takt schlug er auf die Triangel ein. Daneben ein anderer Musiker mit Handrassel und vor den beiden ein Mann in leicht gebückter Haltung, der eine Mütze aufhielt, in die ein anderer Mann mit kahl geschorenem Kopf und schwarzer Reisetasche ein paar Cent hineinwarf.
