Tora!Tora!Tora! - Norton Flux - E-Book

Tora!Tora!Tora! E-Book

Norton Flux

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Beschreibung

Robert hat so gerade sein Jura-Examen geschafft. Nach all den Jahren voller Mühe und Entbehrungen soll es jetzt richtig losgehen. Aber sein Chef in der neuen Kanzlei lässt sich nur schwer beeindrucken – etwas anders sieht das bei dessen Freundin Svenja aus. Und dann muss Robert einige Entscheidungen treffen, die sein weiteres Schicksal bestimmen werden. Eine davon hängt mit dem Roman-Manuskript eines Freundes zusammen. In der Handlung tauchen auf: Ein abgestürzter Tornado-Jet, ein Mini-Freistaat auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, ein abgehalfterter Schriftsteller, seine Freundin und eine unbeglichene Rechnung aus ihrer Vergangenheit, drei Angehörige eines uralten Indiostammes auf der Suche nach einem Mythos, eine Unterweltsgröße, Außerirdische und eine wirklich unglaubliche Pflanze.

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Seitenzahl: 200

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Norton Flux

Tora!Tora!Tora!

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Inhalt

1. Prolog

2. Nachbeben

3. Party, Klingen, Kidnapping

4. Geronimo

5. King of the Impossible

6. Quasar

7. Epilog

Impressum neobooks

Inhalt

1. Prolog

Der ECR Tornado flog über die Ostsee, bevor er das westliche Mecklenburg-Vorpommern erreichte. Es war 4 Uhr morgens und es würde ein heißer Julitag werden.

Nach kurzer Zeit ließ der Pilot das Bundesland hinter sich und streifte einen Zipfel von Brandenburg bei Wittenberge, danach hielt er sich weiter südlich. Der Auftrag seines Trainingsflugs lautete - wie schon unzählige Male davor – das Radar der Kollegen von Heer und Marine solange wie möglich zu unterfliegen. Sollte er wider Erwarten unentdeckt bis zum Dreieck Weimar, Jena, Gera kommen, hätte er eine Wette gewonnen und einige Kollegen mit Sicherheit sehr viel Ärger am Hals.

Wahrscheinlich würde er aber gleich angepeilt werden und konnte dann zu seiner Basis zurück.

Im Tiefflug raste die Landschaft mit ihren prägnanten Landmarken an ihm vorbei. Trotz aller Routine gaben ihm diese Flüge ganz nah an der Oberfläche immer wieder

das Gefühl, einer ganz besonderen Tätigkeit nachzugehen . Die automatische Bodenerkennung war eingeschaltet und er verfolgte fast wie ein Außenstehender, wie der Tornado mit annähernd Schallgeschwindigkeit dahinjagte. Plötzlich stellte er fest, dass er leicht von der Route abgekommen war. Das wäre an sich nicht weiter tragisch gewesen, er wollte nur vermeiden, auf das Hoheitsgebiet von Schlaitzwalde zu kommen. Dort gab es zwar keine auch nur ansatzweise entwickelte Luftabwehr, bei der Missverständnisse hätten gefährlich werden können, aber Eindringen in fremdes Hoheitsterritorium wäre klar ein grober Fehler bei der Erfüllung seines Auftrags gewesen, die seine Platzierung im internen Monatsranking gefährdet hätte.

Schlaitzwalde. Die Freistadt.

Nach dem Fall der Mauer hatte sich letztlich doch in der Bundesrepublik und den Resten der DDR eine Allianz vor allem aus den Oppositionsführern, Vertretern der Bürgerrechtsbewegung und einigen weltfremden Liberalen in einem Punkt durchgesetzt und eine Selbstbestimmungslösung für die (noch nicht ehemalige) DDR arrangiert. In Volksabstimmungen auf regionaler Ebene durften die Kreise und Regionen entscheiden, ob Sie sich der BRD anschließen wollten oder eine autonome Lösung finden wollten, die sich an Staaten wie Andorra orientieren sollte. Die DDR hatte bei ihren Bürgern zwar vielen, aber nicht allen wirtschaftlichen Sachverstand ausgelöscht. Daher war vermeintlich klar, dass ein Geldzufluss aus dem Westen nur dort erfolgen würde, wo man „den Anschluss vollzog“. Entsprechend sprachen sich auch fast alle Regionen der DDR für eine Vereinigung aus und verzichteten auf autonome Experimente.

Bis auf Schlaitzwalde, eine Stadt, in der mit ihren Vororten 240.000 Menschen lebten. Im Einzugsgebiet des ehemaligen Chemiedreiecks bei Bitterfeld wurde auf wenigen Quadratkilometern die Unabhängigkeit ausgerufen mit eigenem Staatsgebiet, Staatsvolk und Staatssouveränität. Damit wurde die Stadt aus Sicht der DDR und der BRD vollständig exterritorial. Die Folge war in den nächsten Jahren eine radikale Entwicklung der Region in Richtung Freihandelszone, Steuer- und Bankenparadies und Tummelplatz für findige Geschäftsleute verschiedenster Branchen. Die örtlichen ehemaligen Funktionäre hatten sowohl aufgrund wirtschaftlicher Notwendigkeit als auch politischer Überzeugung beschlossen, sich dem Laissez-faire so zu verschreiben, wie das bislang in beiden Staaten undenkbar gewesen war. Trotz einer vollständigen Ablehnung des Modells durch die anderen Regionen und die alten Bundesländer (der unter anderem schlicht auf Neid gegenüber einem weiteren Luxemburg-Modell beruhte) erschien der Weg einigen aber als zukunftsweisend, so dass immer wieder – auch in den alten Bundesländern – ähnliche Bestrebungen artikuliert wurden. Umgesetzt wurden sie allerdings nirgends. So blieb Schlaitzwalde ein Einzelfall mit zum Beispiel einem Einkommensteuersatz von 5 Prozent, erlaubnisfreiem Besitz von Schusswaffen bis einschließlich Baujahr 1990 sowie einem allgemeinen Wahlrecht ab dem 7. Lebensjahr.

Vor dem Tornado tauchten die ersten Ausläufer von Schlaitzwalde auf. Er fluchte. Aber natürlich konnte er jetzt nur Kurs halten und hoffen, dass sein Fehler nicht übermäßig hart bewertet würde.

Dann explodierte ohne Vorwarnung die Erde unter ihm und verwandelte sich in eine kilometerlang aufsteigende Feuerwolke. Die Hitzewelle erwischte ihn mit ihren letzten Ausläufern kurz bevor er sie überwunden hatte. Er fühlte sich wie durch einen Wasserkocher gezogen und schrie. Dann schmierte das Triebwerk ab. Wenige Sekunden später katapultierte er sich mit dem Schleudersitz heraus.

Augenblicke später öffnete sich der Fallschirm. Trotz starkem Wind und geringer Höhe landete er sicher auf einem leeren Acker.

Er hatte großes Glück gehabt.

2. Nachbeben

"Ich verkünde nun die Ergebnisse der Prüfung." Und dann war es vorbei. Robert stand auf, bedankte sich bei den Prüfern und verließ schnell den Saal. Vor dem Justizministerium steckte er sich ein Zigarette an und tauschte mit den anderen Prüflingen aufgedreht und doch abwesend Details der Prüfung und anderes aus.

Aus und Ende. Er war nun Volljurist und hatte ein Studium hinter sich gebracht, dass mit viel Spaß und wenig Studium begonnen hatte und in der zweiten Hälfte immer mehr zur Quälerei ausgeartet war. Diese hatte jetzt ihr Ende gefunden.

Nett waren die Prüflinge alle zueinander, richtig nett. In ein paar Minuten würden sie sich nach diesen fünf Stunden für den Rest ihres Lebens nie mehr sehen. Mehr als diese fünf Stunden hatten sie nicht zusammen gehabt, aber interessierte das irgendwen?

Auf der anderen Straßenseite flanierte die Düsseldorfer Schickeria an den Schadow-Arkaden vorbei. Vielleicht würde auch er bald bei E.ON, Henkel oder einer smarten Großkanzlei arbeiten und hier Mittagspause machen. Düsseldorf könnte gut funktionieren, hier war in kurzen Entfernungen unglaublich viel Angebot vorhanden, in jeder Hinsicht.

Vielleicht hatten diese Träume aber mit den Durchschnittsnoten seiner Examen wenig zu tun. Aber das sollte ihn heute nicht beschäftigen. Er würde gleich zurück nach Bonn fahren, den extra hierfür vor Jahren gekauften Whisky aufmachen und bis dahin einiges Bier trinken. Dann würde er sehr laut seine ältesten Hardrock-Platten auflegen und sich bis zum Delirium betrinken. Auch das hatte auf verquere Weise etwas von einem Job.

War aber akzeptabel.

Zuhause sah es schön aus. Er konnte die Angst des Morgens in seinem Zimmer riechen, den Angstschweiß auf dem Körper behielt er noch an, auch nachdem er sich ausgezogen hatte. Der beste Moment seit zwei Jahren ging ein wenig in der Erschöpfung unter, aber auch das Wenige, was er aufnehmen konnte, war immer noch gut, gut genug nach all dem, was hinter ihm lag.

Wie lange lief eigentlich schon das große Ding in Nahost? Sie sollten zwar gerade vor der Prüfung brav die Tageszeitung für aktuelle Fragen lesen, aber das hatte er wie vieles andere geschlabbert. Mut zur Lücke!

Und die Lücke war ja auch voll gekommen, allerdings nicht im Tageszeitungsgewimmel, sondern im Sachenrecht. Verdränge, verdränge, verdränge!

Nun wurde also bei den Arabern gebombt, und endlich war das Land mit dabei, um zu „helfen“. Er war nicht begeistert, aber irgendwie hatte man doch die ganzen letzten Jahre darauf gewartet, innerlich war es keine Freude, aber ein kleines „Richtig so!“ empfand er doch schon. Na also. Und die Kanzler mittendrin. Eine von den edlen Rettern, und auch hofiert, wenn es um Frieden ging. Und wie die Russen in der Sache zu Besuch kamen! Gemeinsames Schweigen im Regen vor dem Kanzleramt von Kanzlerin und Russenpremier vor der Weltpresse. Es war ein wenig wie das letzte Treffen mit der Ex.

Er merkte, dass er langsam wirr wurde. Neben der Müdigkeit hatte er schon seit Tagen den Verdacht, dass die Amphetamine, die er zum Wachbleiben beim Lernen gebraucht hatte, auch nach dem Absetzen nachhaltige Wirkung erzeugten.

Gleich würde er sich noch mit Freunden treffen, sie würden rausgehen und alles durcheinander saufen und er würde vor allem die anderen reden lassen und nur noch dasitzen, fertig und zufrieden.

Die große Erleichterung über die Prüfung kam erst im Lauf der nächsten Tage und wurde auch schon abgelöst von der Notwendigkeit, sich schnell um einen Job zu kümmern. Denn Robert hatte in der Endphase seines Studiums durch einige unglückliche Entscheidungen Schulden angehäuft, deren Rückzahlung er nicht mehr lange aufschieben konnte. Aber vorher musste er noch ein paar Dinge erledigen.

Zuerst traf er sich mit dem DJ im Cafe Blau um ein paar CD´s zurück zu geben. Und um ihn etwas zu fragen. Der DJ wurde DJ genannt, weil er DJ war. Eigentlich hieß er Matthias und legte nur gelegentlich auf. Ansonsten studierte er ganz normal Jura wie die meisten seiner Bekannten. Seine Lieblingsmusik war natürlich überhaupt nicht zum Auflegen geeignet (nicht in Bonn), weil das mit Morrissey, Loyd Cole und anderen Vertretern dieser Fraktion nicht klappte. Brit Pop war eine kleine Schnittmenge gewesen, aber das war es dann auch.

Matthias hatte eigentlich immer einen Anzug an, natürlich nicht Business, sondern schick. Ausnahme war höchstens absoluter Hochsommer, an dem auch mal ein Hemd zur Hose reichen musste. Mit ihm war es immer ganz interessant, aber auch anstrengend und kompliziert. Er war immer leicht aufgeplustert, was auf Dauer nervte. Anke, eine gemeinsame Bekannte, erzählte immer etwas von Selbstschutz und Komplexen, die damit zu tun hätten. Aber das war natürlich Quark.

Zum Cafe Blau muss man sagen, dass es später in seiner Studentenzeit dazukam und als cooler galt als die anderen Läden. Obwohl eigentlich überhaupt nichts dabei war, vom Eingangsbereich eines Hallenbades einen Teil abzutrennen, unbequeme Möbel hineinzustellen und Zeitgeistgedudel darüberzulegen. Die Leute hier zum Tanzen zu animieren wurde immer wieder versucht, hatte aber nie geklappt. Aber trotzdem funktionierte der Laden in Bonn ganz gut. Natürlich war die Konkurrenz auch nicht besonders groß.

Was gab es noch? Vor allem: Carpe Noctem und die Falle. Der Rest war eigentich total nebensächlich, dort landete man mal zum Abschluss, war aber egal. Außer dem GUM. Russische Kneipe mit ebensolcher Küche (Tipp: Der Borschtsch), sehr gutem Vodka-Angebot und hippen Publikum.

Das Carpe: Gute Disco in den Anfängen, vor allem aufgrund des Partydienstags, kurz nach dem Strafrechtsseminar, das auch am Dienstag stattfand. Dienstag gab es immer einen Grund zu feiern. An drei Dienstagen musste man gerade geschriebene Klausuren runterspülen, an drei anderen auf die zurückbekommenen anstoßen und sich auch diese schöntrinken, dann gab es noch eine Hausarbeit zurück und sonst fand sich auch immer ein anderer Grund. Dann kamen noch zwei Semester, in denen es spaßig war, in denen fast alles spaßig war. Später kam die Invasion aus dem Umland, die Provinzler, der Rockpalast in Remagen hatte es vorgemacht und die Eifel feierte sich blöde an Roberts am Anfang so tollen 70er Abend im Carpe (ja am Anfang hatten sie wirklich andere Sachengespielt als woanders, naja, zumindest konnte man sich das einreden). Aber sowieso war die Zeit für 70er Abende schon lange vorbei und das Publikum machte einem die Entscheidung leicht, das Carpe seit längerem zu meiden. Ach ja, das Louvre. Hatte er nie verstanden, wie das mit dem Schmierlappensoul funktionierte, es war nicht richtig Tanzen und Musik eigentlich auch nicht. Standen zwar die Frauen drauf, aber nicht mal das machte es wett, auch wenn dort wirklich Mädchen rumliefen....

Und die Falle: Absolutes Muß für Juristen, VWLer und andere Edelproleten. Auszug aus einer Stadtzeitschrift: "Zu eng, zu heiß, zu voll." Und beschissene Musik. Und beschissenes Publikum. Dreimal war er da gewesen und das war allemal ausreichend.

Nochmal das Blau: Die üblichen Verdächtigen in der Anfangsphase, nach kurzer Zeit aber auch hier das ganz große Bergab. Nach alldem und ungefähr einem Jahr Abstinenz der angesagten Leute hatte sich aber doch alles ein wenig erholt, so dass man sich dort wieder blicken lassen konnte. Und eben mit Matthias nach langer Zeit wieder treffen.

Stark verspätet wie immer kam er, der Abziehbrite mit dem Brett im Rücken. Jeansjacke (was war heute los?), Jeans und Käppi konnten diesen Eindruck nicht verwischen. „Jahallo", „Taaag", „Ach, das Blau...", beiderseitiges Zurechtrücken.

„Doch nicht so schlecht, wie ich es in Erinnerung hatte“, fing Robert an.

„Ich bin eigentlich öfter hier, nach dem Seminar hab ich mir das so angewöhnt. Aber Dich sieht man hier nicht".

„Ich habe immer besser zuhause gelernt. Ich kann das Juridicum und die Leute nicht ausstehen.“

Die Lippen des DJ spitzten sich.

„Das ging mir nicht so. Man gewöhnt sich echt dran, und man sieht ja seine Leute."

Blubb, blubb, blubb. Wie das Telefonat. Robert hatte vorgeschlagen, die CD´s vorbeizubringen, sogar sich im Juridicum zu treffen, um die Sache zwischen Tür und Angel abzuwickeln. Der DJ dagegen drängte geradezu auf ein richtiges Treffen. Warum? Zu sagen gab es nicht viel. Neugier? Wahrscheinlich wusste der DJ nicht einmal, daß er gar nicht anders konnte, als irgendwie immer mittendrin zu sein, wobei Robert zugeben musste, dass er selbst mittlerweile ziemlich draußen aus der Szene war. Aber es war ganz gut, ihn zu sehen, weil ihm im Nachhinein einfiel, dass das jobmäßig etwas bringen könnte.

„Und wie hast Du jetzt Dein Examen gemacht, wenn ich fragen darf?"

Peng. Zumindest war das kein Blabla mehr.

„81 Punkte. Ich hatte ein bisschen Pech bei den Klausuren."

Kurz und knapp.

"Naja, dann musst Du gucken, was Du damit kriegst, sind schon ganz andere Leute was mit einer Durchschnittsnote im zweiten Examen geworden."

Genau guter Mann, aber ich werde Dich immer noch nicht fragen, welche Note Du hast.

"Und was machst Du jetzt?"

"Ich war erst zwei Monate in Italien. Dann hab ich in Berlin bei der GEMA angefangen."

"Aha, und wie ist das?"

"Ja, gut, weißt Du, ist zwar anders, aber eben auch nur Business. Wahrscheinlich nichts für mich, ich glaube ich kündige in der Probezeit."

Zeit für die Frage.

„Meinst Du, da ist noch eine Stelle zu bekommen?“

„Eher nicht, das ist glaube ich nichts für Dich.“

„Wieso das denn?“

„Habe ich so im Gefühl.“

Robert dachte „Arschloch“ und sagte "Hast Du die CD´s dabei?"

"Oh, äh ja." Hups. Noch ein bisschen Gequassel, und dann Abflug.

Robert beschloss Samstag nachmittags genervt und deprimiert, sich bei Mark abzulenken. Also fuhr er mit der Bahn von Beuel nach Poppelsdorf, schwamm durch den Strom von gegelten Rechtslehrlingen die, ob in einer der zahlreichen Burschenschaften oder auf sich gestellt, diesen Stadtteil und die Südstadt dazu praktisch übernommen hatten.

Mark dagegen empfing ihn in seinem Lieblingsjogginganzug, diesmal dazu auch das berüchtigte Batikhemd. Er konnte auch anders, aber zuhause hasste er Aufwand.

Sofort fühlte Robert sich wohl und bedauerte, dass für ihn wegen des Wegs durch Poppelsdorf ein ähnlich bequemes Outfit nicht in Frage gekommen war. Früher hatten sie zusammen mit ein paar anderen Verrückten in einer WG gewohnt, was er in solchen Momenten vermisste.

Mark wohnte in einem renovierungsbedürftigen Gründerzeithaus voller Studentenwohnungen und hatte sich damit den Flair der WG-Zeit noch ein wenig erhalten. Daran würde sich wahrscheinlich auch kurzfristig nichts ändern, denn auch im 23. Semester Regionalwissenschaften Nordamerika und Vorderer Orient, Japanologie und Sinologie waren Abschlüsse für Mark noch lange nicht erkennbar. Er studierte einfach sehr gern, seine Fächer interessierten ihn, nur die Klausuren und Hausarbeiten waren ein Problem. Großen Druck von zu Hause bekam er aber nicht und daher würden die Dinge noch eine ganze Zeit so bleiben, wie sie waren.

Während Mark Bier holte, dachte Robert darüber nach, wie lange sie sich kannten.

Mark war ein mit zu viel x-Chromosomen ausgestatteter langhaariger blonder Engel, dessen gehässige kleine Anmerkungen durch sein feminines Äußeres noch größere Wirkungen erzielten. Tatsächlich hatten sie mit ihren Lästereien immer sehr viel Spaß gehabt.

Sie hingen also wieder einmal in der Sitzgruppe ab und sahen sich die Sportschau an. Beide hatten nie in einem Verein gespielt, hatten also das akademisch geschulte Auge des Amateurs für diese wunderbare Sache. Heute aber kamen sie nicht in Schwung. Bayern gewann, die Laune wurde schlechter, Langeweile war ohnehin vorhanden. Sie rauchten Grass und langweilten sich danach noch mehr. Wenn sie diese Phase erreicht hatten - das war oft der Fall – sagte er sich oft, dass sie ja auch ins Kino, Theater oder sonstwohin gehen konnten. Aber das Grass hatte sie schon so lethargisch gemacht, dass an Weggehen nicht mehr zu denken war.

Dann fing Marks übliches Intellektuellengeschwafel an. Er versuchte Robert in drei, vier Sätzen zu erklären, welchen Zustand die Sonnen der Galaxis aufweisen konnten. Blaue Riesen, Rote Riesen, Weisse Zwerge usw. Und dann sein Lieblingsthema: Quasare.

„Quasistellare Objekte!“, raunte er aufgeregt, als hätte er noch nie davon erzählt. „Als man sie zum ersten Mal sah, hielt man sie für sehr nahe Sonnen, weil sie so hell waren. In Wirklichkeit sind sie weit weg, aber strahlen so unglaublich intensiv, dass man die tatsächliche Distanz erst viel später bemerkte.“

Bei dem Thema konnte er sehr missionarisch sein. Allerdings war Mark auch schon ziemlich gut dabei, daher wurde es länger als sonst und Robert ungeduldig, aber er glaubte es am Ende verstanden zu haben. Er hörte es ja auch nicht zum ersten Mal.

Und weiter ging es: Zunächst die Frage, ob der Wrestler Shawn Michaels würdiger Nachfolger von Brett Hart war? Die Frage fand Mark interessant, hatte aber keine echte Meinung dazu.

Dann kam er wieder mit seinen Helden, die Robert fast ausnahmslos schrecklich fand. Der nach zwei Büchern langweilige Bukowski. Der nicht lesbare Miller. Kerouac und Beat gar nicht zu erwähnen, schrecklich einfältiges Gepinsel: The howl –aaaarggh, einzige Ausnahme vielleicht noch Burroughs, aber eben auch nurnova express und eben nicht, auf gar keinen Fall naked lunch. Kotzwinkle! Welche Substanz, nämlich keine! Tools! Immerhin hatte er sein einziges Werk während seiner Army-Zeit schreiben müssen, allerdings eine schwache Entschuldigung. T.C.Boyle. Na ja. Und Bowles, der alte Märchenonkel.

Mark sagte zu Robert, er rede wirres Zeug.

„Natürlich. Wirr.“, entgegnete Robert.

„Wirr sind eben Deine Kindergartenidole, von denen Du nicht loskommst.“

„Jetzt ist aber gut Robert. Das sind alles tolle Typen. Außerdem, von Burroughs ist natürlich auch Junkie wirklich gut, dass musst Du zugeben.“

Robert stöhnte.

„Nein, nein, nein. Junkie ist einfach nur lahm. Und gleich noch was zum Schlachten: Castaneda. Absoluter Insider immer noch. Aaaah! Was ist denn die Story? Ein netter Typ wie Du und ich wird in die hohe Kunst des Peyotezubereitens und Konsumierens eingeführt. So weit so fad. Und dann beginnt er halt im Peyoterausch zu fliegen. Dann doch lieber gleich die Brüder Grimm oder 1001 Nacht!“

„Aber das ist doch alles symbolisch aufgeladen!“

„Das ist sowie das absolute Unwort. Castaneda kann man nicht aufladen, weil da nichts ist an Substanz, dass man aufpumpen könnte.“

„Ich glaube, Du hast Castaneda einfach nicht verstanden.“

„Nein, Idiot, es gibt an Castaneda einfach nichts zu verstehen.“

Manchmal endeten ihre Abende eben auch so.

Es half nichts. Robert musste sich ernsthaft um einen Job bemühen.

Natürlich hatte er sich vor der Prüfung kaum darum gekümmert und musste sich jetzt erst einmal an den Gedanken gewöhnen, mit schlechten Noten und schlechten Aussichten zurecht zu kommen. Realistischerweise ersparte er sich Bewerbungen bei den Großkanzleien und versuchte sich Stellen herauszusuchen, die zumindest entfernt etwas mit seiner Ausbildung und anderweitigem Werdegang zu tun hatten. Da zwei seiner Ausbildungsstationen im Referendariat bei bekannten Anwälten erfolgten, bezog er sich sehr stark auf diese beiden – wohl wissend, dass beide für Ihre Verschrobenheit und Launen bekannt waren. Aber eine andere Chance als diesen möglichen animal magnetism von Freaklawyer zu Freaklawyer blieb ihm wohl nicht.

In den folgenden Wochen zog er eine Absage nach der anderen aus seinem Briefkasten. Leider war immer wieder jemand noch besser geeignet, leider passte das Profil nicht ganz, leider war er – das gab es mittlerweile auch für Juristen – überqualifiziert, leider war es oft auch ohne jede Begründung eine Ablehnung. Nicht wirklich hilfreich waren andererseits auch die zahlreichen Angebote, bei dubiosen Abmahnvereinen einzusteigen und sich das gesetzlich festgelegte Anwaltshonorar mit dem Mandanten zu teilen („Äh, ist das nicht illegal?“).

Er überlegte schon ernsthaft, seine Strategie komplett zu ändern, als endlich eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch kam. Seine Bewerbung bei Kaiser & Moron, einer renommierten kleinen Anwaltsboutique (Wirtschaft und Industrieanlagenzulassungen) hatte eingeschlagen!

Jetzt lag es an ihm.

Die Kanzlei befand sich in einer der wirklich beeindruckenden Altbauten im Bonner Bahnhofsviertel. Obwohl er schon seit vier Jahren in der Stadt wohnte, war er noch nie in der Gegend gewesen – vom eigentlichen Bahnhof abgesehen. Dabei war er hier immer mit dem Provinzzug angekommen, als er noch in der Voreifel gewohnt hatte.

Die Einrichtung der Kanzlei war von schweren englischen Ledermöbeln dominiert. Sie hätte auch als Rosamunde Pilcher-Parodie durchgehen können. Offensichtlich war hier aber alles ernst gemeint.

Jakob Kaiser ließ ihn fast eine halbe Stunde warten. Ob er vor vielen Jahren wie Robert angefangen hatte? Er hatte bei einigen der größten Konzerne des Landes gearbeitet und sich am Ende selbständig gemacht. Sein erster Angestellter war Felix Moron gewesen, der über schier unendliche Geduld verfügen musste. Denn die Kanzlei war immer das Geschöpf von Kaiser gewesen, er brachte über seine glänzenden Industriekontakte die Mandanten herein und gehörte auf vielen Rechtsgebieten bundesweit zu den wenigen, die sich wirklich damit auskannten. Moron war das fleißige Helferlein, das die nachrangigen Arbeiten klaglos und effizient verrichtete. Ohne ihn wäre der beachtliche Erfolg der Kanzlei in den dreißig Jahren ihres Bestehens nicht möglich gewesen.

"Herr Maas, kommen Sie bitte?" Die Sekretärin lächelte ihn ohne erkennbare Emotion an und führte ihn in das Zimmer von Jakob Kaiser. Dieser reichte ihm die Hand über seinen Massivholztisch, der mehr den Eindruck einer Burgmauer als eines Möbelstücks erweckte. Zwischen den beiden zum Garten hinausgehenden Fenstern rechts und links von ihm wirkte Kaiser wie von einem Bild eingerahmt.

"Guten Tag, Herr Maas. Es freut mich, dass Sie die Zeit hatten."

Er bedeutete Robert, sich zu setzen.

"Nun, Herr Maas, ich habe mir ihre Unterlagen angesehen und bin grundsätzlich ganz davon angetan. Zwar, äh...hatten Sie Pech in der Prüfung, wie ich annehme...", er sah ihn erwartungsvoll fragend an, was Robert mit dem geforderten Nicken bejahte, "aber ihre Auslandsaufenthalte und vor allem ihre außerstudentischen Aktivitäten haben doch mein Interesse geweckt. Sie waren in mehreren Theatergruppen aktiv?"

Rober stutzte etwas. Er hatte diese erfundene Angabe in seinen Lebenslauf eingefügt, um ein etwas orgininelles Hobby anzugeben. Er hatte nie damit gerechnet, in einem Bewerbungsgespräch darauf angesprochen zu werden.

"Das stimmt."

"Ja. Mein Sohn war ebenfalls in dieser Richtung engagiert, ich habe ihm nie abgeraten. Als Anwalt muß man ja auch oft ein guter Schauspieler sein."

Sie lachten beide dezent. Robert etwas dezenter.

"Er hat sich dann ebenfalls der Jurisprudenz zugewandt, alles andere machte keinen Sinn. Er hatte einfach keine besonders ausgeprägten Fähigkeiten.“

Kaiser stand auf, stellte sich an das Fenster zu seiner Rechten und sah hinaus.

„Sehen Sie, er hatte zum Beispiel keinerlei Begabung für Naturwissenschaften. Mit der Geisteswissenschaft ist ja beruflich nichts zu erreichen und von Wirtschaft versteht er nun wirklich nichts. Gut, ein wenig wird er da noch aufholen, aber da kann er sich durchbeißen, und zuviel wird man auf dem Gebiet in der Juristerei von ihm nicht erwarten, denn grundsätzlich, Sie wissen ja, judex non calculat."

Wieder lachten beide.

"Das gilt natürlich nur, wenn man sich nicht wie wir auf Wirtschaftsrecht spezialisiert hat.“

Er sah Robert direkt an.

„Hm, ihr Vater war im Umweltamt der Stadt Bonn tätig, ich kann mich an die Jammerei einiger Kollegen erinnern, haha, er war wohl gut in seinem Bereich, nicht wahr?"

"Soweit ich es beurteilen kann, ja."

"Gut, gut, aber Sie auch in die Behörde, das wäre dann doch zuviel der Tradition gewesen, oder?"

"Wahrscheinlich. Ich glaube, es wäre auch gegangen, aber man sollte doch etwas mehr eigene Wege gehen, das gleiche Studium reicht schon. Man will ja nicht zum ewigen Sohn mutieren."

Da war es heraus, er hätte sich die Zunge abbeißen können, aber Kaiser schien die Brisanz überhören zu wollen, die angesichts der Kaiserschen Juristendynastie eigentlich offensichtlich war. Aber er blickte nicht einmal von Roberts Unterlagen auf.

"Und Frau Happel war tatsächlich ihre Geschichtslehrerin. So ein Zufall, eine gute Bekannte von uns. Mir geht es prinzipiell wie ihrem Mann: Ich habe mich immer gefragt, wie sie in ihrem Unterricht auftritt. Da sieht man eine Frau bei Einladungen, bei allen möglichen Anlässen gehobenerer Art, und dann erst macht man sich klar, dass sie sich alltäglich dem Stress in der Schule aussetzt. Verzeihen Sie meine Direktheit, aber jemand wie Frau Happel ist, obwohl ich keinesfalls an ihren pädagogischen Fähigkeiten zweifle, viel zu schade für diesen Beruf. Auch ihr Mann hätte ihr das gerne erspart, aber sie kennen ja ihren Dickschädel."

"Ja, allerdings."

Diese Bekanntschaft war ihm vollkommen unbekannt gewesen. Frau Happel tauchte auch nur einmal kurz in einem Zeugnis zu einem besonderen Schulprojekt auf. Man konnte Kaiser zumindest nicht nachsagen, dass er Bewerbungsunterlagen nicht lesen würde.