Torpedo - Sarah Ruler - E-Book

Torpedo E-Book

Sarah Ruler

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8,99 €

Beschreibung

Mona ist 30, arbeitet in der kleinen Buchhandlung vom dicken Weiher und ist glücklich mit Torp, ihrem Freund - oder wie auch immer man das heutzutage nennt. Doch von einem auf den anderen Tag verschwindet Torp spurlos, ohne ein einziges Wort des Abschieds oder der Erklärung. Was ist passiert? Ist er einfach nur abgehauen oder ist ihm etwas zugestoßen? Mona weiß nicht mehr weiter, doch ihre beste Freundin Janne und der charmante Maus aus der Eisdiele wissen genau, was zu tun ist. Kurzerhand macht sich das Trio im Eiswagen auf die Suche nach Torp. Was sie finden, sind Antworten auf die wichtigsten Fragen des Lebens: Was ist Freundschaft? Was ist Liebe? Und was bleibt übrig von der Liebe, wenn sie eines Tages einfach so verschwindet? Torpedo erzählt die Geschichte einer Liebe des 21. Jahrhunderts. Entwaffnend ehrlich, tragisch endgültig und schmerzhaft hoffnungsvoll.

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Seitenzahl: 199

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Für Tanja

Inhaltsverzeichnis

„Vielleicht war‘s ein Autounfall“

„Haben Sie die Auferstehung?“

„Reisende soll man nicht aufhalten“

„Mögen Sie kein Bananeneis?“

„Schrödingers Torp“

„Zusammen oder getrennt?“

„Ich vermisse ihn nicht “

„Das war noch gar nichts“

„Torp war ganz normal“

„Wieso heißt du Mona?”

„Du hattest Recht “

„Das war grauenhaft “

„Das macht man einfach nicht “

„Macht ruhig weiter“

„Tolle Wurst “

„Das war falsch“

„Das sieht illegal aus“

„Nicht kratzen!“

„Das wäre schön“

„Was hast du gesagt?“

„Können hat immer auch mit Wollen zu tun“

„Ich weiß, das nervt “

„Ich will das nicht hören“

„So was ist wichtig“

„Warum muss ich immer Recht haben?“

„Ach, Mona“

„Sie haben uns nie gesehen!“

„Du bist mein Haustier“

„Das ist das Ende“

Aber wirklich enden wird das nie

„Vielleicht war‘s ein Autounfall“

Torp ist verschwunden.

Seit sechsunddreißig Tagen habe ich nichts von ihm gehört oder gesehen. Er geht nicht ans Telefon, er beantwortet keine Nachrichten, er war nicht bei facebook online. Zuhause ist er auch nicht. Ich war da, ich habe geklingelt und gewartet, dass etwas passiert, aber hinter seinen Fenstern brannte kein Licht, nicht einmal einen Schatten oder eine Bewegung konnte ich sehen, also bin ich wieder nach Hause gegangen und habe darauf gewartet, dass er sich bei mir meldet. Das ist nur leider nicht passiert. Es gibt kein einziges Lebenszeichen von ihm, fast kommt es mir so vor, als habe er nie existiert. Er ist wie vom Erdboden verschluckt, einfach weg. Janne hat sogar schon das Szenario skizziert, dass ich ihn mir nur eingebildet habe, aber das ist unmöglich, weil man sich nicht anderthalb Jahre lang einen Menschen einbilden kann, den es gar nicht gibt. Außerdem hat Maus ihn gesehen, mehr als einmal, eigentlich jedes Mal, wenn wir bei Topo’s Eis gegessen haben. Er hat oft genug mit ihm gesprochen, um seine Existenz bezeugen zu können. Wir waren sogar zusammen auf einem Konzert, Maus, Torp und ich. Dass Torp nur ein Hirngespinst von mir ist, können wir also schon mal ausschließen. Aber dann gibt es auch noch diese andere dumme Idee, die Janne hatte, und die sie mir ganz schonend beibringen will, um meine Gefühle nicht zu verletzen.

»Und wenn er, na ja …«

»Wenn er was?«, bohre ich nach und ziehe an meiner Zigarette.

»Wenn er gestorben ist?«

»Spinnst du?!«, frage ich, zugegebenermaßen schockiert. »Das hätte ich doch wohl mitbekommen! Torp war kerngesund, wenn irgendetwas gewesen wäre, hätte er mir das gesagt. Er sagt mir immer alles.« Ich streiche über das Chamäleon-Tattoo auf meinem rechten Unterarm.

»Weiß ich ja, Schatz«, beschwichtigt mich Janne und zündet sich auch noch eine Zigarette an. Wie zwei schwarz gekleidete Eremiten sitzen wir in ihrer viel zu kleinen Wohnung auf dem viel zu kleinen Sofa und rauchen, während schlechte Polizeiserien im Fernsehen lautlos nebenherlaufen. Es ist ein ganz normaler Freitagabend.

»Vielleicht war’s ein Autounfall«, schlägt Janne vor. »Und er war sofort tot. So was kann passieren, Mona, da kann er dir auch nichts sagen.«

»Himmel, Janne, er ist nicht tot«, sage ich. »Ein Autounfall mit tödlichem Ausgang hätte ja wohl in der Zeitung gestanden. Wieso willst du ihn eigentlich gerade so krampfhaft totreden?« Janne hat eine morbide Schwäche für den Tod, sie mag Friedhöfe und Dokumentationen über Mumien. Aber das geht nun doch zu weit. Es gibt Grenzen. Das ist eine davon. Zumindest für mich.

»Ich will ihn nicht totreden«, sagt sie. »Ich suche nur nach einer rationalen Erklärung, in der er unschuldig ist.«

»Unschuldig?«, frage ich. »Wie meinst du das?«

Sie zögert einen Augenblick, bevor sie mir antwortet, und ich weiß in genau diesem Moment, was sie damit sagen wollte. Ihr schlaues Köpfchen hat noch mindestens hundert kreative Ideen entworfen, wieso Torp einfach so von der Bildfläche verschwunden ist, und die meisten davon machen ihn zum Arschloch. Ja, ich muss es zugeben, ich habe auch schon daran gedacht, dass er vorsätzlich abgetaucht sein könnte, ohne mir etwas zu sagen. Aber ich kenne Torp. So ist er nicht. Das würde er nie tun. Er würde nie etwas tun, das mich verletzen könnte, ich weiß es ganz genau.

»Vielleicht ist er einfach nicht der gute Kerl, für den du ihn hältst«, sagt Janne, als hätte sie meine Gedanken gelesen.

»Doch, ist er«, insistiere ich und bete wieder einmal mein Mantra herunter: »Ich kenne ihn.«

»Ich weiß, ich weiß.« Sie gibt auf. Es ist sinnlos, mit mir darüber zu diskutieren. Ich verteidige ihn mit Zähnen und Klauen, wenn es sein muss, und Janne weiß das. Niemand weiß so gut wie sie, was zwischen Torp und mir ist oder nicht ist oder sein könnte. Sie ist wie ein Untermieter in meinem Kopf, sie weiß einfach immer, was ich denke. Deshalb führt unsere Diskussion eigentlich auch zu nichts. Wir denken sowieso die gleichen tausend Dinge, und nichts davon bringt uns auf die Spur von Torp.

»Aber wenn ihm nichts zugestoßen ist und er kein Arschloch ist«, sagt Janne nachdenklich. »Was kann denn dann passiert sein?«

Kann ein Mensch einfach so verschwinden? Das funktioniert vielleicht in überdramatisierten Hollywoodfilmen, aber doch nicht im ganz normalen Leben ganz normaler Leute. Jemand wie Torp, der jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt und am liebsten den Joghurt mit den Schokosplits isst und Bananeneis (widerlich!), der macht sich doch nicht einfach grundlos aus dem Staub. Und bei allem was mir heilig ist, es gibt keinen Grund. Torp und ich hatten jeden Tag Kontakt, rund um die Uhr. Morgens nach dem Aufstehen schrieben wir uns Nachrichten und abends genauso, bis einer von uns eingeschlafen war. Wenn wir nicht ohnehin die Nacht zusammen verbracht hatten. Wir waren in den letzten zweiundzwanzig Monaten der erste Anlaufpunkt füreinander, egal ob nun mein Großvater im Sterben lag oder Torp auf dem Weg zur Arbeit einfach nur einem niedlichen Hundewelpen begegnet war. Ich war Torps Nummer 1-Person und er meine. Er wusste sogar Bescheid über die Geschehnisse in meinem Leben, bevor ich Janne irgendetwas erzählte. Torp war meine beste Freundin und mein Liebhaber in einem, er war alles. Wenn es einen Grund für ihn gegeben hätte, um zu verschwinden, hätte er mir das gesagt. Und einen Grund, der etwas mit mir zu tun hat, gibt es auch nicht. Wir waren verabredet an dem Tag, an dem er plötzlich weg war. Am Abend vorher hatten wir telefoniert, Torp hatte eine Überraschung für mich, aus der er ein riesiges Geheimnis gemacht hat. Alles war wie immer, das schwöre ich beim Grab meines Großvaters. Es war alles ganz normal. Torp war normal. Wenn man das überhaupt so nennen will, denn wer ist schon normal?

„Haben Sie die Auferstehung?“

Als ich Torp zum ersten Mal sehe, fällt er mir sofort auf, weil er so schrecklich verloren wirkt. Verloren in der Buchhandlung, verloren in der Welt. Als hätte er die Dinge um ihn herum noch nie zuvor gesehen. Er erinnert mich an unsere erste Katze damals, nachdem wir umgezogen waren und sie drei Tage lang mit riesigen Augen unter dem Sofa gesessen hatte.

Ich schleiche ein paar Sekunden lang um ihn herum, rücke Bücherstapel zurecht und betrachte ihn wie ein Tier im Zoo. Er ist ziemlich groß mit einem mittelmäßig breiten Kreuz, ein bisschen schlaksig, aber nicht dürr. Seine Haltung ist einfach schrecklich, Janne wird es mal als ‘das Leiden Christi zu Pferd’ bezeichnen. Er zieht den Kopf zwischen die Schultern und beugt den Rücken, als wäre es ihm unangenehm, so groß zu sein. Unter dem T-Shirt mit witzigem Aufdruck erahne ich zwei oder drei Pfund zu viel am Bauch, aber seine Arme und Beine sind schlank mit ein paar untrainierten Muskeln. Die Stoppeln an seinem Kiefer sind sicherlich schon drei oder vier Tage alt, sein lockiges Haar wird oben schon ein bisschen licht und an den Schläfen ein bisschen grau. Das ist Torp. Ein bisschen. Ein bisschen von allem und von allem ein bisschen zu wenig.

»Entschuldigen Sie«, sage ich möglichst leise, als ich mich dann endlich zu ihm vorwage, und er erschreckt sich trotzdem.

»Ich wollte Sie nicht erschrecken, tut mir leid«, lache ich. Er sieht so verunsichert aus, dass er mir tatsächlich leid tut. Nach der unerwarteten zwischenmenschlichen Attacke stößt er ein einziges, kurzes Lachen aus und hält sich am Brustgurt seiner Tasche fest.

»Oh, nein, alles okay«, sagt er holprig und ein bisschen zu schnell mit einer Stimme, die ein bisschen höher ist als ich erwartet hatte. »Ich hab’ mich nur grad umgesehen.«

»Suchen Sie denn etwas Bestimmtes?«, zitiere ich das Einmaleins des Verkaufens. Wieder dieses verlegene, verunsicherte Lachen. Aus der Nähe sieht er im Gesicht noch älter aus. Torps kleine, blaue Augen wandern verunsichert umher und streifen mich nur sehr, sehr kurz, und mir fallen seine buschigen Augenbrauen auf. Nichts an ihm passt zueinander. Torp ist gekleidet wie ein schludriger Zwanzigjähriger und hat das Gesicht eines Vierzigjährigen. Im Schnitt macht das einen Dreißigjährigen aus ihm und aus Gründen, die ich selber nicht verstehe, macht ihn das außerdem interessant.

»Ich suche eigentlich … Tolstoi und so was«, sagt er dann.

»Oh, die Klassiker haben wir hier drüben!« Ich gehe voran zur gesuchten Abteilung und vergewissere mich durch einen kurzen Blick über die Schulter, dass er mir auch wirklich folgt. Tatsächlich geht er mit großen, federnden Schritten hinter mir her.

»So, da wären wir«, sage ich und präsentiere mit einer übertriebenen Geste das Regal. »Wenn Sie noch etwas brauchen, sagen Sie Bescheid.«

»Okay«, antwortet er mit dieser scheinbar grundsätzlichen Verlegenheit. »Danke.«

Ich stromere durch den Laden, begrüße die wenigen Kunden, die sich zu uns verirrt haben, berate jemanden auf der Suche nach einem Geschenk für seine Mutter, kassiere, bearbeite eine Liste, gehe ans Telefon, kassiere weiter und entdecke irgendwann, dass der komische Mann immer noch da ist. Offenbar studiert er die gesamte Abteilung. Ich kassiere noch ein bisschen, begrüße eine Stammkundin und räume auf, da steht er plötzlich wieder neben mir. Nun bin ich diejenige, die sich erschreckt.

»Halleluja!«, stoße ich hervor. »Sie sind ja lautlos wie eine Katze.«

»Sorry«, schmunzelt er, und diesmal sieht es gar nicht so verunsichert aus.

»Haben Sie etwas gefunden?«

»Nicht ganz«, sagt er. »Haben Sie die Auferstehung?«

»Von Tolstoi?«

»Von Tolstoi.«

»Moment«, sage ich. »Ich schaue nach.«

Der Blick ins System bestätigt meinen Verdacht, dass wir die Auferstehung nicht vorrätig haben.

»Aber ich kann es Ihnen bestellen, wenn Sie möchten«, biete ich ihm an.

»Äh, ja«, sagt er und schaut auf mich herunter. Irgendwie wirkt er überrascht. »Das wäre super.«

»Gut, wie ist Ihr Name?«

»Torp.«

Ich stocke und sehe ihn an. »Torp? Wie in … Torpedo?«

Er lächelt, zur Abwechslung ein absolut nicht verunsichertes Lächeln, wobei sich seine Oberlippe sehr sympathisch kräuselt. »Ja, wie in Torpedo, nur ohne edo.«

„Reisende soll man nicht aufhalten“

Maus stellt den schönsten Haselnussbecher vor mir ab, den er je zubereitet hat, und setzt sich kurz zu mir an den Tisch.

»Immer noch nichts?«, fragt er.

Ich antworte nicht, grummle nur kurz und fange an, meinen Eisbecher zu essen. Langsam aber sicher akzeptiere ich, dass ich ein Opfer moderner Dating-Unarten geworden sein muss. Torp ist weg. Punkt. Es lässt sich nicht ändern. Vielleicht hat er sich irgendetwas dabei gedacht, vielleicht aber auch nicht, ich habe doch keine Ahnung. Das ist das 21. Jahrhundert. Man verbringt Tage, Wochen, Monate mit einem anderen Menschen, und wenn man keine Lust mehr hat, dann geht man. Ich wurde kommentarlos verlassen, ich war es nicht einmal wert, dass man sich von mir verabschiedet. Das ist beschämend, es tut weh und es wird nicht besser, je öfter man mich fragt, wie es mir damit geht. Wie soll es mir schon gehen? Ich fühle mich scheiße, einsam und allein. Aber vor allem scheiße.

Maus schüttelt ungläubig den Kopf, wobei die lange Stirnpartie seiner modischen Frisur hin und her schwingt.

»Und was willst du jetzt tun?«

Verständnislos sehe ich ihn an. »Was soll ich denn tun?«

»Willst du ihn nicht … suchen oder so?«

»Reisende soll man nicht aufhalten«, murmle ich. Maus sieht das aber anscheinend anders.

»Du musst doch was unternehmen! Er schuldet dir zumindest eine Erklärung.«

»Die wollte er mir wohl nicht geben, sonst hätte ich ja eine.«

»Vielleicht hat er dir ja einen Abschiedsbrief geschrieben und die Post hat ihn verloren und –«

»Hör’ bloß mit den bescheuerten Ideen auf!«, unterbreche ich ihn. »Janne kommt auch ständig mit neuen Theorien um die Ecke. Das bringt nichts.«

»Aber ‘rumsitzen und Eis essen bringt was?«

»Mehr als das Sammeln blöder Ideen.«

»Bella, ich kenn’ dich doch. Das nimmt dich voll mit.«

»Natürlich nimmt mich das mit. Die Ungewissheit bringt mich um. Aber an Hunger stirbt man schneller.«

»Du solltest nach ihm suchen.«

»Ich werde nniicchhtt nach ihm suchen.«

»Aber wieso nicht?«

»Wie sagte eine weise Frau vor zwei Minuten? Reisende soll man nicht aufhalten.«

»Das Zitat hast du geklaut.«

»Gut erkannt, Sherlock.« Ich zerbeiße eine Haselnuss. »Ich vergesse ihn einfach.«

Maus sieht mich mit einem Das-glaubst-du-doch-wohl-selbst-nicht-Blick an, mit genau dem gleichen Blick, den Janne mir auf diese Aussage hin geschenkt hatte.

»Halt’ einfach die Klappe, Maus!«

»Du solltest ihn echt suchen und zur Rede stellen.«

»Mir egal, ich werd’s nicht machen.«

Natürlich weiß ich, dass Maus Recht hat. Ich kann nicht einfach weitermachen, ohne zu wissen, was los ist. Ich würde ja gerne, aber so funktioniert das nicht. Es ist schwer, mit etwas abzuschließen, das kein richtiges Ende hat. Man muss ja bekanntlich alles verarbeiten, was so passiert, aber dafür muss es schon endgültig sein, und was kein Ende hat, ist nun einmal nicht endgültig.

Maus’ Vater ruft nach ihm, weil die Schlange vor der Theke zu lang geworden ist. »Ich muss bedienen«, murmelt er und schält sich vom Stuhl. »Aber darüber reden wir noch mal. Du kannst Torp nicht einfach so vergessen.«

»Gut erkannt, Sherlock.«

„Mögen Sie kein Bananeneis?“

»Einen Vanilleshake bitte!« Ich klatsche Maus 2,80 € auf den Tresen und lehne mich an den Glaskasten, hinter dem sich die Eiscreme türmt. Von hier aus habe ich den Eingang der Buchhandlung perfekt im Blick, kein Wunder, denn sie liegt genau gegenüber. Ich habe zwar gerade Mittagspause, aber ich weiß gern, wer bei uns ein und aus geht. Wenn mein Chef, die alte Schuhbürste, allein im Laden ist, weiß man außerdem nie, was passiert.

Eine Eisdiele direkt gegenüber zu haben, ist das Beste, was mir je passiert ist. Eis geht immer. Deshalb bin ich auch Stammkundin bei Topo’s Gelateria und deswegen ist Maus, der Sohn des Inhabers, mein bester Kumpel. Maus heißt eigentlich gar nicht Maus, sondern Giacomo, aber sein Nachname ist Topo, und das ist italienisch und heißt Maus. Seit er mir das verraten hat, nenne ich ihn Maus, und ich glaube, dass er das insgeheim ganz cool findet. Maus findet ohnehin viele Sachen cool, was daran liegt, dass er erst blutjunge Einundzwanzig ist, also sieben Jahre jünger als ich. Zum Glück findet Maus auch mich cool, deswegen bekomme ich mittlerweile alles umsonst. Ich lege trotzdem immer Geld hin, allein aus Prinzip. Manchmal wirft Maus es in die Trinkgeldkasse, aber selbst sein Vater kredenzt mir mittlerweile alles, ohne mein Geld annehmen zu wollen. Eine nette Familie.

»Wie laufen die Geschäfte, Bella?«, fragt Maus und schaufelt Vanilleeis in den Mixer.

»Wie immer. Die Leute wollen lieber Eis als Bücher. Bei uns stehen sie nicht Schlange.«

»Warte, bis der Winter kommt!«

»Maus, es ist November.«

»Aber scheiße warm.« Er lacht ein charmantes Lachen und zwei Mädchen an einem Tisch in der Nähe gucken mich böse an.

»Und sonst?«, fragt er dann, weil er das Gespräch über die Arbeit nicht weiter vertiefen will.

»Ende März wollte ich zum Autolove-Konzert, die spielen hier in der Nähe. Hast du Bock, mitzukommen? Janne ist auch am Start.«

»Eigentlich wollte ich ja sparen.«

»Wieso denn das?«, frage ich überrascht. Stolz wirft sich Maus in die Brust.

»Ich will mir ein Auto kaufen.«

»Aber du hast doch ein Auto.« Ich muss schmunzeln, als Maus die perfekt gezupften Augenbrauen hochzieht.

»Hildegard ist kein Auto«, bemerkt er.

»Doch. Sie hat einen Motor und alles.« Ich lache spöttisch auf. Hildegard ist der Eiswagen der Topos, den sein Vater so getauft hat, weil er den Namen lustig findet.

Maus übergeht meinen qualifizierten Kommentar. »Was kostet denn eine Karte?«, fragt er. Der Mixer ist so laut, dass ich ihn kaum verstehe.

»Was? Oh, ja. Knapp vierzig Euro, das ist okay, finde ich. Und so bald kommen die bestimmt nicht wieder.«

»Na gut, das kann ich entbehren. Bin dabei«, beschließt Maus und fängt an, meinen Shake in einen nicht besonders umweltfreundlichen Pappbecher zu schütten. Als ich kurz den Blick auf die andere Straßenseite schweifen lasse, fällt mir sofort etwas ins Auge. Der komische Kunde von vor drei Tagen ist wieder da. Herr Torp.

»Maus, ich muss los!«, rufe ich und sprinte über die Straße.

»Und dein Shake? Mona?«, höre ich Maus noch rufen, doch ich kümmere mich nicht um ihn. Zum Glück mag Maus Vanilleshakes genauso gern wie ich, er kann ihn also selber trinken. Außerdem liegt mein Geld noch da. Ich habe ausnahmsweise mal wirklich bezahlt, und das, ohne überhaupt etwas zu kaufen.

Ich stürme in den Laden und das Glöckchen bimmelt. Eine Millisekunde später stoße ich unsanft gegen ein Hindernis, das sich bei näherer Betrachtung als Torp entpuppt. Er dreht sich zu mir um und ich starre ihn an wie eine auf mich zu rasende Straßenbahn. Mich überkommt das seltsame Bedürfnis, ihn zu umarmen, und ich kann mich gerade so zurückhalten, es nicht zu tun. Ich kenne diesen Mann nicht, er ist ein völlig Fremder. Aber da wir gerade schon mal so nah voreinander stehen, kommt es mir irgendwie logisch vor.

»Guten Morgen!«, sage ich stattdessen motiviert. Torp wirft einen skeptischen Blick auf seine Armbanduhr.

»Es ist halb drei«, sagt er.

»Guten … Tag«, korrigiere ich mich und gehe einen Schritt zurück, wobei ich gegen die Ladentür knalle. Mein Chef, Herr Weiher, walzt hinter dem Tresen hervor und beobachtet die Szene mit angemessener Verwirrung.

»Möchten Sie Ihr Buch abholen, Herr Torp?«, frage ich und hoffe dabei inständig, dass Herr Weiher meine deutlich verkürzte Mittagspause nicht thematisieren wird. Glücklicherweise streicht er sich nur kurz über den Schnurrbart und zieht sich dann ins Büro zurück. Natürlich. Wenn ich schon freiwillig mehr arbeite, als ich muss, wäre es schön blöd von ihm, sich zu beschweren.

Torps perplexe Miene hat sich unterdessen aufgehellt.

»Sie haben sich meinen Namen gemerkt?«, strahlt er. Jetzt bereue ich es, ihn nicht umarmt zu haben.

»Klar. Wir haben nicht viele Kunden, die Torpedo heißen.« Ich greife nach seinem Arm und schleife ihn hinter mir her zum Kassentresen. Hinten im Regal liegt sein Buch. Mit einem Griff habe ich es in der Hand, was vor allem daran liegt, dass ich es mit Absicht dorthin gelegt habe, um gleich meine Kompetenz für mich sprechen zu lassen, wenn er wieder vorbeikommt, um es abzuholen. Aber das ist natürlich mein Geheimnis.

Mit triumphalem Blick lege ich den Tolstoi vor Torp auf den Tresen.

»So«, sage ich.

»Das ging aber schnell«, bemerkt Torp gewohnt verhalten.

»Es war sogar vorgestern schon da.«

»Wow«, murmelt Torp. »Danke.«

»Gehört alles zum Service«, sage ich stolz und ziehe das Etikett über den Scanner. » 9,99 € , bitte.«

Torp kramt einen zerknitterten 50-Euro-Schein aus der Tasche. »Sorry«, sagt er. »Ich hab’s nicht kleiner.«

»Das ist nicht so schlimm. Aber sie hätten den mal bügeln können.« Ich halte den Fünfziger in die Höhe und streiche ihn dann umständlich auf dem Tresen glatt, so gut ich kann.

»Wo kamen Sie eigentlich gerade so plötzlich her?«, fragt er beiläufig.

Ich erstarre für den Bruchteil einer Sekunde in meinem Kassiervorgang, dann bin ich es, die ihm einen ertappten Blick zuwirft. Da hat der Schlingel mich doch tatsächlich genau da erwischt, wo es juckt.

»Von der Eisdiele«, stammle ich und gebe Torp das Wechselgeld heraus.

»Sind die gut?«

»Ich kenne den Besitzer«, sage ich gönnerhaft, nachdem ich die Kassenlade zugeknallt habe. Wie ich mich damit profilieren will, weiß ich selbst nicht, aber ich habe das Bedürfnis, Torp irgendwie zu beeindrucken, und sei es auch nur durch meine Verbindungen zur Softeis-Mafia. »Und sie sind sehr, sehr gut.«

»Dann sollte ich wohl auch mal hingehen«, sagt er und verstaut das Buch in seiner Tasche.

»Wenn Sie mit mir hingehen, bekommen Sie vielleicht ein Eis für lau.«

Er sieht mich genauso erschüttert an, wie ich mich fühle, als mir klar wird, was ich da gerade gesagt habe. Ich starre erschüttert zurück. Keiner von uns sagt etwas.

»Oder mögen Sie kein Eis?«, frage ich abgehackt.

»Doch, doch«, stammelt Torp. »Am liebsten Banane.«

Ich ziehe eine angewiderte Grimasse. »Igitt«, sage ich.

»Mögen Sie kein Bananeneis?«

»Nein.«

»Gehen wir trotzdem?«

»Ich kann Ihnen das mit dem Gratis-Eis aber nicht versprechen«, sage ich schnell.

»Macht nichts«, antwortet Torp, und ich kann nicht so recht zuordnen, ob es lässig wirkt oder verschämt.

»Zur Not lade ich Sie ein«, murmle ich.

»Das müssen Sie nicht.«

»Ich habe Sie mit Gratis-Eis geködert.«

Torp zieht sein Portemonnaie aus der Tasche und linst hinein. »Ich könnte es gerade noch verkraften, wenn ich doch bezahlen müsste.«

Ich grinse schief. »Ja dann.«

»Ich könnte sogar Sie einladen.«

»Oh, das müssen Sie wirklich nicht. Ich muss nie bezahlen.«

»Okay«, sagt er.

»Okay«, sage ich.

»Also … Eis?«, fragt Torp, während er sein Portemonnaie wieder verstaut.

Ich nicke ein bisschen. »Ich denke schon.«

»Gut, Frau … äh …« Er versucht, mein Namensschild zu lesen.

»Mona«, sage ich schnell.

Er hat mein Namensschild gelesen. »Da steht was anderes«, sagt er und deutet auf meine Brust.

»Mona ist mein Vorname.«

»Oh. Ja. Klar.« Er grinst, gewohnt verschämt, und zieht den Kopf noch ein wenig tiefer zwischen die Schultern. Ich lächle dümmlich.

Er räuspert sich. »Ich heiße übrigens Henning.«

Ich überlege kurz. »Auch nett. Aber Torp gefällt mir besser.«

»Das sagen Sie doch nur so.«

»Nein«, sage ich und schüttle den Kopf. »Ich finde den Namen wirklich super.« Ich sage zwar tatsächlich täglich sehr viele nette Dinge zu Kunden, die ich nicht so meine, aber in seinem Fall ist es mein voller Ernst.

Torp lächelt verlegen, als wäre ihm sein cooler Name peinlich. »Danke.«

»Also …«, sage ich. »Das Eis.«

»Ja.« Erwartungsvoll sieht er mich an.

»Wann?«

Er schaut auf die Uhr, schüttelt dann zerstreut den Kopf und sieht mich an. »Dienstag?«

Ich denke kurz nach. »Dienstag ist gut.«

»Müssen Sie arbeiten?«

»Ja, aber nur bis 16 Uhr.«

Er presst die Lippen zusammen, zieht die Augenbrauen hoch und nickt. »Super«, sagt er.

»Passt Ihnen das?«, frage ich sicherheitshalber lieber nochmal nach.

Torp nickt hektisch und ich mache mit. Alles in mir nickt.

„Schrödingers Torp“

Janne sieht einfach phantastisch aus. Sie hat sich die Haare zu einer schnieken Retro-Frisur gestylt und sieht aus, als sei sie einem Pin-Up-Kalender der 50er Jahre entsprungen. Mein Anblick hingegen erfordert eine Schmerztablette für jeden, der ihn ertragen muss. Ich bin ungeschminkt, habe Augenringe, weil ich schon seit Wochen schlecht schlafe, außerdem sind meine Haare seit drei Tagen ungewaschen. Würde ich mich auf der Straße hinknien, um meine Schuhe zuzubinden, würde man mir wahrscheinlich Kleingeld vor die Füße werfen. Kurz: ein hässlicher Grottenolm.

»Wie geht es dir, Mona-Schatz?«, fragt Janne, als ich in ihre Wohnung schleiche.

»Scheiße, sieht man doch«, antworte ich. »Wahre Schönheit kommt von innen, mehr war nicht drin.«