Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Silvester auf Neujahr, irgendein Jahr, Feuerwerk rund um den Globus, von der Datumsgrenze einmal um die Welt, bis auch dieser Tag verblasst und sich die Zeiger der Uhr weiterdrehen, wie im abgelaufenen Jahr, wie im kommenden Jahr. Nichts ändert sich, die Zeit nicht und der Ort nicht. Dann sieht ein Mann an einem grauen Novembertag auf einer Litfaßsäule eine verschwommene Schwarzweißfotografie und erkennt einen Ort, an dem er vor Jahren einmal selbst gewesen war, in besseren Zeiten: das Bergmassiv Torres del Paine im chilenischen Teil Patagoniens. Und während er mit der Gegenwart hadert, machen sich seine Gedanken und Träume auf den Weg zur Geschichte hinter dem Bild, eine Expedition aus dem Jahr 1906, die von Hamburg aus gestartet war und von der drei der sechs Teilnehmer nicht mehr zurückkehrten. Auf der Zeitreise, die irgendwie auch eine Reise auf den Spuren der ersten Weltumseglung durch Magellan ist, trifft er auf die Menschen, die rund um den Globus das neue Jahr begrüßt hatten.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 513
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Stephan Hamacher
Torres del Paine
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Nacht
2. Morgen
3. Vormittag
4. Mittag
5. Nachmittag
6. Abend
Impressum neobooks
Mein erster Satz soll mein letzter sein, dann schließt sich der Kreis. Ich bin ein Mann der Mathematik und ein Kind der Kosmografie. Mehr als vierzig Lenze haben Spuren auf meinem Leib hinterlassen, doch die vergangenen Jahre haben schlimmer gewütet als alles, was mir je zuvor widerfahren ist. Doch ich will nicht klagen. Wir hätten uns nicht in die Belange dieser Barbaren einmischen sollen. Fernão hat es das Leben gekostet, und auch ich wurde verwundet. Nun, dem Herrn sei Dank, ist ein Ende des Martyriums absehbar. So will ich es hoffen, denn Ärgeres kann einem kaum noch widerfahren. Dieses öde Eiland hier erscheint mir wie eine Oase, auch wenn mir die Qualen der vergangenen Monate immer noch zusetzen und sich das Bild nicht wirklich geändert hat. Von Canabaza bis Nossocamba ein Labyrinth von Bergen, Savanne, Regenwald, ein Klima, das an den Kräften zehrt, heiß und zermürbend, eine Last, die auf die Seele drückt. Aber keine wilden Wesen mehr, keine blutgeifernden Horden, die uns zügellos nach dem Leben trachten. Und endlich Zeit, Kräfte zu sammeln. Mehr als zwei Wochen sind seit unserer Ankunft vergangen. Der Rückweg wird lang und ungewiss. Ungewissheit ist überhaupt das Einzige, dass uns gewiss ist. So Gott will, werden wir bald schon den Aufbruch wagen. Zurück zur Paradiespforte in die Heldenstadt des Herakles an den süßen Ufern des Guadalquivir.
Wir sind nur mehr sechzig Mann und allesamt mehr als bereit, dieses Wagnis auf uns zu nehmen. Ein lausiges Schiff wird uns über die Wellen tragen, und weiß allein der Schöpfer dieser wilden Wasserwelten, was uns erwartet. Wir müssen nun ohne Fernão fortkommen. Er wird uns fehlen.
Es ist ein Tag wie jeder andere. Das Licht kommt, das Licht geht. Das Festland im Westen liegt nur knapp sechsunddreißig Kilometer entfernt, das östliche Mutterland liegt viele sechsunddreißig Kilometer nah, je nach Tagesform. Im Osten schimmern die Küsten von Little Diomede Island und Fairway Rock. Seit 1867 Ausland, für 7,2 Millionen Dollar an den Nachbarn verscherbelt. Nun gut, aus damaliger Sicht verständlich. Unsere Großväter hatten zu viele Seeotter abgeschlachtet, und der Unterhalt dieser fernen Einöde wurde immer schwieriger. Und dann der ständige Kampf mit den Tlingit. Nachdem unsere Ahnen die Sache mit der Krim vermasselt hatten, war die Staatskasse geplündert, und der Zar sah im dem billigsten Landverkauf aller Zeiten eine Möglichkeit, die Scharte wieder auszuwetzen. Damals wurde hier zwischen den Inseln die neue Grenze gezogen. Eine unsichtbare Unterwasserlinie, ein Wasserzeichen.
Es gibt nicht viel auf Ratmanow. Der Mensch ist genügsam. Eine Wetterstation, ein Posten der Grenzpolizei und jede Menge Langeweile. Zeit im Überfluss, Zeit zum Überdruss. Nach dem Großen Krieg hatte man die Bevölkerung zurück aufs Festland gezwungen, kein Insulaner sollte im folgenden Kalten Krieg erfrieren. Aber es war Eiszeit, so wie es eigentlich immer Eiszeit ist, hier, so weit oben im Norden. Eisinseln hinter dem Eisvorhang in der Eiszeit. Dann schwamm diese verrückte Frau aus Boston einmal durch den kleinen Eisstrom, von Little Diomede bis hierhin, Big Diomede, vier Kilometer bei vier Grad Wassertemperatur. Am 7. August 1987 beendete Lynne Cox den Kalten Krieg im Nordpazifik. Das war, nachdem sie den Santa-Catalina-Kanal, die Cook- und die Magellanstraßen bezwungen, den Öresund und den Skagerrak überquert hatte und bevor sie sich ebenfalls erfolgreich in den Baikalsee, den Titicacasee und in die frostigen Gewässer der Antarktis wagte. Vor einigen Jahren schaffte ein Franzosen den Sprung ins kalte Wasser zwischen unseren Inseln und schaffte die Passage trotz vierfacher Amputation mit Hilfe seiner Prothesen. Was beweist, dass die Diomedes-Inseln auch in Eiszeiten nicht unbezwingbar sind.
Früher lebten hier einmal vierhundert Menschen, aber die Zeiten der Yupik und ihrer Nachkommen sind lange vorbei. Heute kreisen die Rotschnabelalken über ein paar Hütten und schroffe Felsen, karges Grün in einem grauen Nichts. Als dieser feiste Däne in Diensten des Zaren herkam, vor fast dreihundert Eiszeitsommern, gab er diesen öden Eilanden den Namen eines Märtyrers. Aber kein Märtyrer wäre der Welt in Erinnerung geblieben, hätte er hier auf diesen Felsen seinen letzten Atem ausgehaucht.
Dieses Ödland ist Grenzland, und es ist wenig Land, umgeben von viel Wasser, und das Wasser ist die Grenze, nicht nur die Grenze zwischen unseren traditionell verfeindeten Staaten, zwischen Ost und West, wobei der Osten paradoxerweise im Westen liegt und umgekehrt. Es ist auch eine Grenze der Zeit. Damit meine ich nicht die Eiszeit, damit meine ich alle Zeit, alle für immer von Gott erdachte und von Menschen gemachte Zeit, denn ein Kilometer und dreihundert Meter weiter Richtung Sonnenaufgang liegt die Datumsgrenze. Dort drüben liegt heute das, was für uns morgen gestern war.
Heute ist ein besonderer Tag. Es ist ein besonderer Tag, an dem nichts Besonderes geschehen ist, geschieht und geschehen wird. Die Rotschnabelalken kreisten und kreisen und werden weiterhin kreisen, über ein paar Hütten und schroffe Felsen, karges Grün in einem grauen Nichts. Lynne Cox, wo sie denn ob sie denn warum sie denn noch immer lebt, hat besseres zu tun als einen weiteren Badeausflug von Little Diomede nach Ratmanow zu unternehmen. Und Vitus Jonassen Bering, der Kolumbus des Zaren, starb vor längst vergessenen Zeiten, vor Weihnachten 1741 auf der Awatscha-Insel, weil er den Winter nicht schaffte und ihn stattdessen der Winter raffte.
Nein, heute ist ein besonderer Tag. Denn die dort drüben leben noch im alten Jahr, während wir hier bereits das neue willkommen heißen, mit der gebotenen Gleichgültigkeit wohlgemerkt, zu der ein Glas des verlorenen Krimkriegsekts gehört, ebenso wie die vielen kleinen gewonnenen Wodkaschlückchen gegen die Einsamkeit und das Vergessen. Heute ist ein besonderer Tag. Der erste Tag eines neuen Jahres. Eines Jahres, das so sein wird wie das alte, das nur ein gestern und einen Steinwurf entfernt immer noch lebt. Eines Jahres, das so sein wird wie das vergangene und das kommende Jahr. Denn nichts ändert sich jemals wirklich hier auf Ratmanow. Und die Letzten werden die Ersten sein.
Nun sitze ich hier unter dem notdürftigen Dach einer notdürftigen Hütte, vor den warmen heftigen Regentropfen geflüchtet, und sinne nach ob all der Ereignisse, die mir und meinen treuen Begleitern zu teil wurden. Wie viel Zeit mag seitdem vergangen sein. Drei Jahre, vier?
Ein Portugiese in Diensten des Erzfeindes, und fast scheint es mir wie ein Gottesurteil, dass Fernão diese Reise nicht überlebt hat. Von Anfang an standen die Sterne nicht günstig, widrige Winde auf dem Weg gen Westen sollten unsere steten Begleiter sein. Alles begann mit einer geheimen Karte, mit deren purer Präsenz Fernão jene Vision ins Haupt gepflanzt wurde, die zu seinem Schicksal werden sollte. Demnach gab es Anzeichen für die Existenz jenes Paso, irgendwo auf halbem Weg zwischen der Heldenstadt des Herakles an den Ufern des Guadalquivir, den Gestaden des weiten Ozeans dort draußen und den betörenden von aus der Ferne lockenden Düften der Gewürzinseln. Und so wie ein Magnet die unermessliche Weite in die Nähe lockt, das Unerreichbare greifbar erscheinen lässt, die Richtung gleichsam wie durch Zauberhand vorgibt und alles Bewegliche beharrlich in seinen Bann zieht, so wurde Fernão von einem magischen Magneten hinfort gezogen, hinaus aufs wilde Meer.
Nachdem Vertrag von Tordesillas mussten die Gewürzinseln, deren wohliger Klang des Namens allein Ehre und Reichtum verhießen, in der Hemisphäre der ungeliebten Spanier liegen. Die mächtigen Nachbarn in den Rücken der Portugiesen, ein Stachel im Fleisch der Lusitanier. Den schnellsten Weg dorthin zu den fernen Eilanden zu finden war das Ziel des Kapitäns, und es warteten gewiss viel Ruhm und Reichtum auf ihn, allein ein Fünftel all dessen, was dieser Höllenritt einbringen sollte. Gottes Lohn war Ruhm und Ehr, doch des Königs Tribut war auch nicht zu verachten. Also warb Fernão und ließ sich umwerben, bis ihm unter der kaiserlichen Flagge des heiligen römischen Reiches fünf Barken mitgegeben wurden, die Trinidad, die allen voran als sein Flaggschiff die See durchpflügen sollte. Der leuchtende Stern unter der Obhut des Sprösslings einer verarmten Adelsfamilie aus Trás-os-Montes, des unerschrockenen verwegenen und doch klugen Hasadeurs, eines Emporkömmlings, dem die Welt nicht genug war. Zu Fernãos Trinidad gesellten sich die San Antonio unter dem Kommando des großen Widersachers Juan de Cartagena, der allein dem spanischen König verpflichtet war und alle Blicke und Wendungen des Portugiesen argwöhnisch verfolgte, die Concepción unter dem Befehl des Gaspa de Quesada, die Victoria mit Luis de Mendoza als Kapitän und das kleinste aller Schiffe, die Santiago unter Führung von Juan Rodriguez Serrano. An Bord der Flotte segelten zweihundertsieben-unddreißig verwegene Abenteurer und Glücksritter, Männer mit harter Schale und fleißigen Händen, Männer, von denen wir nicht viel wussten und wohl auch nicht wissen wollten. Männer aus allen Winkeln des Kontinents, in der Mehrzahl Spanier, Portugiesen, Italiener wie ich einer bin, dazu Franzosen, zwei Deutsche, ein Engländer, ein Norweger und ein Leibeigener aus dem Malaiischen, der uns als willfähriger Dolmetscher dienen sollte. An Bord hatten wir zur Ertüchtigung unserer Leiber fünfundsiebzig Zentner eingelegten Fleisches, siebzehn Zentner trockenen Fisches, zweihundert Fässer mit Sardinen, mehr als zweitausend Zentner zweifach gebackenen Brotes, dazu Öl und Käse in für meine trüben Augen unüberschaubaren Mengen. Eine große Tafel auf den Planken im Unterleib der Karavellen, die uns als Wegzehrung diente und doch nicht mehr war als ein Happen auf dem Weg zu den unwegsamen Wegen des Herrn.
Doch, wie gesagt, die mitunter waghalsigen Wendemanöver standen von Beginn an unter keinem guten Stern. Als wir den breiten Guadalquivir hinter uns gelassen und die offene See in Sanlúcar de Barrameda erreicht hatten, wurden wir dort in diesem andalusischen Küstennest mit seinen diversen Spelunken zu fünf Wochen Nichtstun verurteilt, da die spanischen Obrigkeiten eine Expedition unter der Federführung eines portugiesischen Kapitäns zu verhindern trachteten. Erst am zwanzigsten Tag im Monat September, just zu Beginn des feuchten Jahresviertels, wurde uns die Weiterfahrt gestattet. Weitsichtig wie er war, ließ Fernão am Heck der Trinidad eine Fackel aufstellen, damit die nachfolgenden Schiffe Sichtkontakt halten konnten.
Für seinen den eigenen Prunk liebenden und machtvollen lusitanischen König Dom Manuel dem Glücklichen muss Fernão ein arger Verräter gewesen sein. Der Mann, dem Portugal so viel zu verdanken hatte, schickte seine Geschwader nach Afrika und Brasilien, um das Unternehmen zu verhindern und der spanischen Flotte unter dem Mann, dem Portugal und Spanien und die Welt noch viel mehr zu verdanken haben werden, garstig den Weg abzuschneiden. Manuel grollte wie die Wellen des Ozeans. Ein törichtes und sinnloses Unterfangen, geprägt von nachbarlicher Missgunst, die weder dem Herrn im Himmel noch dem Herrn von Tordesillas gefallen haben mag. Der Plan des Glücklichen hatte kein glückliches Ende genommen, und noch war uns das Glück am Ende hold. Oder soll ich sagen - zunächst?
Das milde Meer spült Treibgut an den leeren Strand, eine gleichsam milde Brise weht über den Küstensaum. Ein junger Mann tollt mit einem schwarzgelockten Hund über den Sand, in der Ferne parkt ein himmelblauer Ford Anglia. Er läuft langsam von der Mellons Bay zur Moon Bay, vorbei an der biederen flachen Vorstadtidylle und versucht eine Orientierung.
Noch einmal: Das milde Meer spült Treibgut an den leeren Strand, eine gleichsam Brise weht über den Küstensaum. Ein junger Mann tollt mit einem schwarzgelockten Hund über den Sand. Er ist aber nicht der junge Mann, und er kennt weder den jungen Mann noch den Hund, der offensichtlich der Hund des jungen Mannes ist oder doch vielleicht nur ein Hund, den der junge Mann sich ausgeliehen hat, um mit dem Tier spazieren zu gehen. Er ist nur ein Beobachter, der einen jungen Mann und einen Hund betrachtet. Dieser nicht mehr ganz so junge Mann, der eben nicht der junge Mann ist und nicht mit dem ihm unbekannten schwarzgelockten Hund über den Sand tollt, wobei der Hund mehr als der junge Mann tollt, dieser Mann läuft langsam von der Mellons Bay zur Moon Bay, sofern man überhaupt langsam laufen kann, vorbei an der biederen flachen Vorstadtidylle und versucht eine Orientierung.
Alles ist auf den Kopf gestellt. Das ganze Land, das Meer ringsherum, die Bäume, das giftgrüne Gras, das nach unten wächst. Die Leute gehen kopfüber, vielmehr gehen sie nicht mit dem Kopf voran, sondern mit den Füßen, eben so, wie er es gewohnt ist. Er selbst geht jetzt kopfüber, nicht mit dem Kopf voran, sondern mit den Füßen, eben so, wie er es gewohnt ist. Alles ist also so wie sonst und doch ganz anders. Denn das hier ist die andere Seite der Erde, und wenn die Erde eine mehr oder minder leicht deformierte Kugel ist, dann müssen die Leute hier, dann muss auch er hier kopfüber einherschreiten, schlendern, spazieren, tollen, mit Hunden, deren kurze Beine ebenfalls kopfüber durch den Sand stapfen. Das Blut müsste einem in den Kopf schießen, aber das tut es seltsamerweise nicht. Denn es könnte ja auch andersherum sein, ebenso nämlich, wie die Leute hier behaupten, dass in Wahrheit die Menschen auf der anderen Seite dieser mehr oder minder leicht deformierten Kugel mit dem Kopf nach unten hängen und gehen und in den Abgrund schauen. Denn wer will schon mit Gewissheit sagen, wo oben und wo unten ist, wenn jedermann gleichermaßen das Gleichgewicht zu halten vermag, hier und dort, hüben und drüben, auf der anderen Seite der mehr oder minder leicht deformierten Kugel.
Was den Mann, der hier am Strand zwischen Mellons Bay und Moon Bay spazieren geht, dabei einen jungen Mann beobachtend, der mit einem schwarzgelockten Hund über den Sand tollt, dazu den Hund selbst und einen in der Ferne geparkten himmelblauen Ford Anglia wahrnehmend, was diesen Mann also zusätzlich verwirrt, sind viele Dinge, die zumindest auf den ersten Blick nicht in sein festgefügtes Bild passen wollen. Da ist zum einen die Tatsache, dass die Sonne über Howick zwar wie gewohnt morgens im Osten aufgeht und sich abends im Westen gen Horizont senkt, um schließlich gänzlich dahinter zu verschwinden und die dunkle Tageszeit anzukündigen, dass sie sich mittags jedoch im Norden blicken lässt und nicht gemäß durch in irgendeinem Gesetz festgeschriebener Umlaufbahn im Süden seiner und aller hier anwesenden Menschen Blicke. Zum zweiten hat diese Metropole, zu dem diese biedere flachen Vorstadtidylle gehört, gleich zwei Küsten, die einander auch noch zum Verwechseln ähnlich sehen, eine im Westen, eine im Osten. Im Westen, dort wo die Sonne wie durch eine glückliche Fügung immer noch untergeht, liegt der Manukau Harbour, eine Bucht, die sich zur Tasmansee hin öffnet. Hier im Osten, wo gottlob immer noch die Sonne den Tag begrüßt, schimmert der Hauraki-Golf als Teil des großen Ganzen, des Pazifischen Ozeans. Von hier bis Honolulu ist nur Wasser, und von dort bis Bondi Beach ist nur Wasser. Zum anderen verwirrt ihn nun mit der heraufziehenden Nacht das Sternenbild, das sich deutlich von dem vertrauten Bild abhebt, welches er von zuhause aus kennen und schätzen gelernt hat. Und zu Hause, das liegt von hier aus betrachtet auf der anderen Seite der mehr oder minder leicht deformierten Kugel. Im Zentrum dieses Sternenhimmels, inmitten der Milchstraße, leuchtet blass eine Vierergruppe galaktischer Daseinsformen, das Kreuz des Südens, das auch die Flagge dieses Insellandes ziert. Eigenartig: Zur Zeit der alten Griechen war das Kreuz noch über dem Mittelmeer erkennbar gewesen, doch die eiernde Drift der Erde hatte die schimmernde Raute von der nördlichen Hemisphäre verbannt. Und die alten Griechen waren längst Geschichte.
Und dann gibt es noch ein paar irritierende Dinge, die den Mann, der nicht der junge Mann mit dem Hund am Strand ist, nach Orientierung suchen lassen. Dieser himmelblaue fahrerlose Ford Anglia parkt auf der linken, ihm zugewandten Strandseite. Alle Autos hier fahren oder vielmehr werden gefahren, wenn sie denn nicht geparkt werden, auf der linken Straßenseite, unterbrochen nur durch die kurzen Phasen des Überholvorgangs, was natürlich nicht auf die geparkt wordenden Fahrzeuge zutrifft. Diese Tatsache, dazu die seltsame Sonnenwanderung, der falsche Sternenhimmel und die Erkenntnis, dass in diesen Breiten Farne hünenhafte Bäume sind, Vulkane harmlos erloschen und das Wappentier einen seltenen nachtaktiven flugunfähigen Vogel darstellt, lassen im Kopf des Mannes, der nicht der junge Mann mit dem Hund am Strand ist, eine gewisse Konfusion zu Tage treten, auch wenn es bald dämmern und dann die Nacht hereinbrechen wird, nach vierzehneinhalb Sonnenstunden, vor Sonnenuntergang eine Viertelstunde vor einundzwanzig Uhr Ortszeit. Und ja, das hier schmeckt, duftet, fühlt sich an wie Sommer, wie Sommer im Winter, denn auf der anderen Seite der Welt, also dort, wo der Mann, der nicht der junge Mann mit dem Hund am Strand ist, daheim ist, auf der oberen Hälfte der mehr oder minder leicht deformierten Kugel, sofern man mit Fug und mit Recht überhaupt von einer oberen Hälfte sprechen kann, schließlich ist das eine Sache des Standpunkts und der Blickrichtung, dort also ist jetzt Winter, die kalte Jahreszeit mit Schnee und Eis, Sturm und kaltem Regen. Hier, auf dieser Seite der Welt, also dort, wo der Mann, der nicht der junge Mann mit dem Hund am Strand und nicht daheim ist, auf der unteren Hälfte der mehr oder minder leicht deformierten Kugel, hier ist jetzt Sommer mit wohlig warmen Temperaturen und einer Tageshitze, die sowohl eine milde Brise als auch ein kühles Bier als Bereicherungen des gegenwärtigen täglichen Lebens wahrnehmbar werden lassen. Und wo oben Frühling ist, ist unten Herbst und umgekehrt. Die Welt ist ein Spiegel.
Auf dem Weg hierher von Honolulu kommend hat er einen ganzen Tag verloren. Es war kurz vor Weihnachten, ein Weihnachten ohne Heiligen Abend, er hatte im Flugzeug sitzend die Datumsgrenze überquert, ein Akt, der körperlich nicht spürbar und geistig kaum wahrzunehmen war, zumindest dann nicht, wenn man, wie er auf dem Nachtflug, ganz einfach die Zeit verschlafen hatte. Aber er weiß, wenn er jetzt zurück flöge, zurück nach Honolulu oder Los Angeles oder New York oder London oder Berlin, er würde einen ganzen Tag gewinnen, er würde einen Tag zurückgewinnen, den er vorher verloren hatte, aber nicht den gleichen Tag, schon gar nicht denselben Tag. Er würde also streng genommen keinen Tag zurückgewinnen, sondern einen Tag dazugewinnen, er würde einen Tag zweimal erleben, er könnte zweimal Neujahr feiern. Der Januar hätte so zweiunddreißig Tage, während sein Dezember nur einunddreißig Tage hatte, er hätte ein kurzes altes Jahr hinter sich und ein langes neues vor sich. Das alles trifft allerdings nur dann zu, wenn er sich für die Ostroute entscheiden würde, also für die Richtung, aus der er gekommen war, einmal quer über den Pazifik mit Zwischenlandung mitten in der Nacht auf der Piste von Nadi bei strömendem Regen, den er allerdings nicht spürte, da er in der Transithalle des Flughafens festsaß.
Würde er hingegen die Westroute wählen, also über Singapur und Frankfurt am Main und New York und Los Angeles zurück in die alte Welt fliegen oder vielmehr geflogen werden, ja dann sähe das alles wieder ganz anders aus. Die Welt ist ein Spiegel, und ein Spiegel war und ist und wird immer sein auch ein Zerrbild, denn links ist rechts und umgekehrt, so wie jetzt oben unten ist und Winter Sommer, und die Zeit ist linear, und seltsamerweise lässt sich die Zeit auch dann noch zurückdrehen, wenn sie gleichzeitig fort schreitet.
Es wird dunkel, und der junge Mann mit dem tollenden Hund und der vormals himmelblaue, jetzt sicherlich dunkle Ford Anglia sind verschwunden. Er braucht jetzt Zeit, um das alles zu verdauen. Zeit und Ruhe. In drei Stunden wird das Feuerwerk über dem Manukau Harbour zünden, die Böller werden mit einigem Getöse am nachtschwarzen Himmel explodieren und die Ruhe, nach der er sich jetzt so sehr sehnt, für einige Zeit vertreiben. Wenigstens das hat sich nicht geändert.
Fernãos Vater war Bürgermeister in Sabrosa, er verlor seine Eltern, als er zehn Jahre alt war. Fernão hatte zwei Brüder und eine Schwester, doch das alles erzähle ich nur, um zu beweisen, dass der junge Mann schon früh Verantwortung übernehmen musste, für sich und für andere. Im Jahr, da einer meiner Landsleute glaubte, den kürzesten Seeweg nach Indien entdeckt zu haben, kam Fernão als Page an den Hof des Königs von Lusitanien, damals noch Dom João II, der strenge, der vollkommene Fürst aus dem Hause Avis, dreizehnter Monarch im Land zwischen Minho und Cabo de São Vicente. Aus dem Bauernjungen wurde ein Page wurde ein Knappe, ein stattlicher und gebildeter noch herzu, und bald schon erhielt er Gelegenheit, sich auszuzeichnen. An der Seite des Vizekönigs nahm Fernão an einer Expedition nach Indien teil. Dort wurde er zum Lebensretter und Hüter der Ordnung, als er eine Meuterei verhinderte. Nach der Eroberung von Malacca, an der Fernão gewiss seinen Anteil hatte, wurde der Einunddreißigjährige bei einer Expedition zu den Gewürzinseln zum Kapitän ernannt, eine Ehre, die er leichtfertig aufs Spiel setzte, als er seine Mannen ohne Order und in aller Heimlichkeit weiter gen Osten segeln ließ.
Fernão und ich sind gleichaltrige Gleichgesinnte, und doch sind wir so verschieden wie es zwei Menschen mit dem Drang nach Wissen und der Sehnsucht nach Würde, Wohlwollen, Ruhm und Ehre nur sein können. Mein portugiesischer Freund war ein Haudegen, der in der Schlacht von Azamor verwundet wurde und gegen alle Gepflogenheiten und wider aller gültigen Gesetze Handel mit den Mauren trieb. Fernão, der Söldner, Fernão, der Seefahrer, der Welteneroberer, der ungestüme Haudegen zwischen der Gnade des Herrn und der Unbill der Herrschenden, der Ikarus der Weltmeere und der in Ungnade gefallene Nomade, es war ihm gleich, unter welcher Krone er sein Säckel füllen konnte. Und so bot er seine Dienste eben jenem Kaiser Karl an, der vom spanischen Monarchen zum obersten Feldherrn des römischen Reichs wurde. Ich aber bin nichts weiter als ein bescheidener Chronist, ein Zeuge der Zeit, von Bill und Unbill zwischen Pol und Äquator, ein Getriebener der Längen- und der Breitengrade. Ich bin kein Mann des Degens, ich bin ein Mann der Feder. Ein Mann der Wissenschaft, der Künste, ein Geschöpf und ein Schöpfer der Mathematik, die Schrift in der Hand, das Universum im Blick und den Zweifel im Kopf. Und schon darum hege ich berechtigte Ungläubigkeit, ob ich mein geliebtes Vizenca je wiedersehen werde. Schönes reiches Vicenza, Wiege meiner Jugend. So fern scheint mir Venetien, dass es mir hier in der glühenden Sonne des Südens das Hirn martert mit unerreichbaren Visionen, Bildern aus einer wohlvertrauten Welt, in der oben noch oben ist und das Leben ein Fest. Ach, es regnet bitteres Salz vom Himmel! Gottes Tränen!
Sich treiben lassen. Einfach nur mit dem Strom schwimmen. Es hat gekracht die letzten Tage, geblitzt und gedonnert, tropische Sommergewitter, aber heute lächelt der Stern vom makellos blauen Himmel, als sei nichts gewesen. Antío - Seit ich mit Jannis Schluss gemacht habe, gehören mir die Tage wieder ganz allein. Jannis und sein verdammtes ägäisches Gehabe. Ginge es nach Jannis, so wäre die ganze Welt eine einzige große griechische Kolonie. Die Hellenen haben dies geschaffen, haben das erfunden, die Liebe und den Hass und den Erdkreis dazu. Ginge es nach Jannis, so wäre die ganze Welt griechisch, mitsamt allem, was die Welt für ist, was sie für ihn auszeichnet: griechische Musik, griechisches Essen, griechischer Beischlaf, griechische Tragödien. Die Griechen haben die Welt gemacht, sagt Jannis. Und die Griechen sind vielleicht das einzige Volk auf der Erde, das gleich zwei Nationalfeiertage hat, nämlich den 25. März und den 28. Oktober. Griechen feiern doppelt so viel wie andere. Und doppelt so lange, doppelt so heftig und doppelt so laut. Und dann hat er getanzt, Jannis, im Frühjahr, an einem freien sonnigen Nationalfeiertag vor der nationalen Oper. Sirtaki. Australischer Sirtaki. Als ob das ein alter griechischer Brauch wäre. Dabei ist der Sirtaki kaum älter als Jannis. Er wurde erstmals 1964 getanzt, als die olympischen Spiele in der griechischen Kolonie Tokio stattfanden, erfunden für den Film Alexis Sorbas mit Anthony Quinn in der Hauptrolle, einem Mexikaner, der einen Griechen spielt. Jannis sagt, dass Quinn in Wahrheit tief in seiner Seele immer schon Grieche gewesen sei, so wie alles und jeder letztlich von Griechenland und den Griechen abstamme. Mikis Theodorakis‘ langsame, sich steigernde, immer schneller werdende plätschernde pulsierende Perlentropfen auf dem heißen kretischen Stein. Jannis versuchte ihn zu imitieren, wenn er Liebe machte. Jannis versuchte ihn zu imitieren, wenn er lauthals in die Bucht hinaus sang. Jannis versuchte vieles zu imitieren, aber er scheiterte immer wieder an seinem Großmaul. Und mit Bier und Ouzo wurde sein Großemaulgesang zum Großmaulgegröhle. Jannis war dann nicht mehr Jannis, Jannis war dann Zeus, ein Filou, ein Trickser, der sich für Gott hielt. Antío - und jetzt hat er den Bauernsalat und den Blues an der Botany Bay.
Es geht auch ohne ihn. Ein bisschen Luna Park, diese bunte riesige Grimasse am Eingang. Die Zähne des Großmauls, die den Eingang zur bunten Meile bilden. Und wieder muss ich an Jannis denken. Nicht wirklich an Jannis, aber an sein lautes überdimensioniertes Mundwerk. Und dann, wenn ich Jannis satt habe, nehme ich die Fähre rüber zum Circular Quay, wo ein gefiederter Aborigine auf dem Asphalt sitzend mit seinem Didgeridoo für die Silbermünzen der Touristen spielt. Es ist der letzte Tag des Jahres, und es sind die letzten Münzen, die der Holzbläser auf seiner Decke sammelt.
Danach ein Spaziergang durch den botanischen Garten. Die Skyline durch das Glashaus betrachten. Der Sydney Tower hinter Gittern, das üppige Grün vor der Tapete aus Beton und Glas. Chatwins Songlines auf der Bank in der Tropenvitrine: Als ich am nächsten Morgen aufwachte, lag ich in der Mitte der hellblauen Zeltplane, und die Sonne stand am Himmel. Die alten Männer wollten zum Frühstück wieder Fleisch. Und wieder musste ich an Jannis denken. Pan himself, der gute Hirte. Berge von Souvlaki, Gyros in der Knoblauchwolke, Hack in Béchamel. Jannis konnte Berge von Fleisch verdrücken, ohne auch nur ein Gramm zuzunehmen. Und danach konnte er Seen von Bier und Ouzo trinken ohne auch nur daran zu denken hinzufallen. Nur seine ohnehin schon laute Stimme hob dann ab und erreichte nimmersatte Dezibel.
Die Sonne brennt durch das Glasdach. Brennglas. Bevor ich mich entzünde oder entzündet werde und in der Tropenhitze brennend einschlafe lege ich den Chatwin beiseite, lasse die Songlines verstummen und mache mich müde auf zum Macquarie Point, der angesagten Adresse für das Feuerwerk. Und wieder sehe ich Jannis, tanzend vor der Oper, umringt von griechischen Nikes in griechischen Röcken, Arm in Arm mit der griechischen Musik, im Rausch eines fröhlichen griechischen Größenwahns. Theodorakis Meisterwerk vor Jørn Utzons Meisterwerk. Und Jannis genau dazwischen.
Du weißt schon, dass diese Kulisse das Werk eines Dänen ist?, hatte ich Jannis gefragt. Na und, Dänen seien letztlich auch nur entfernte Kinder der Griechen, hatte er geantwortet. Die Wikinger haben die Seefahrt von uns gelernt, Jahrhunderte nachdem wir ihnen den aufrechten Gang beigebracht haben.
Ein Reisebus hält, und eine Gruppe Japaner steigt aus. Männer in Anzügen, Frauen in Röcken, alle mit Lächeln. Der Fahrer und ein Assistent bauen in Windeseile eine kleine Tribüne aus Holzbänken und Eisenträgern auf. Dann stellt sich die Gesellschaft auf die Bretter und lässt sich vor der Kulisse der Hafenbrücke ablichten. Kleine Kameras machen die Runde. Nach nicht einmal fünf Minuten ist alles vorbei. Die Bänke werden abgebaut, verstaut, die Japaner steigen zurück in den Bus und lassen sich davonfahren.
Mrs. Macquarie’s Chair, der Sessel der aus Schottland stammenden Gouverneursfrau aus dem frühen 19. Jahrhundert. Elizabeth Henrietta Macquarie kam nach Sydney, Silvester 1809. Die Überfahrt war eine Strapaze, das Land, das sie erwartete, war Brachland, eine Ruine ohne Ruinen. Eine Kolonie der Ausgestoßenen, Verdammten und Verbannten. Ein karger Küstenstreifen für die Unliebsamen und Ungeliebten. Landeinwärts brannte eine gnadenlose Sonne, flirrten die Luftspiegelungen über den blauen ätherischen Eukalyptus. Kein Feuerwerk, keine Böllerschüsse zum Empfang. Eine Fremde in einem fernen feindlichen Land, einem unbarmherzigen Land, eine hochgeschlossene blasse Fremde, gleichermaßen barmherzig gegenüber Strafgefangenen und Ureinwohnern. Dafür wurde sie geachtet, dafür wurde sie mit diesem einmaligen Blick belohnt, diesem kleinen Erker in der ausgefransten Bucht, die sich kilometerweit ins Land gefressen hatte. Macquaries Ausblick wurde zum Rückblick als sie mit ihrem Mann zurück nach England segelte und dort im feuchten Grün als Witwe starb. Macquaries Ausblick gehört jetzt mir allein.
Seit langem war Macquaries Point der begehrteste Ort, um das vielleicht begehrteste Feuerwerk der Welt zu betrachten. Es gab Regeln: kein Glass, kein Alkohol, keine unversiegelten Getränke, nicht einmal Wasser, keine Haustiere, keine Messer, keine Fahrräder, keine Plastikplanen, keine Zelte, keine Matratzen oder andere aufblasbare Gegenstände, kein Grillgerät, keine Bälle, keine Frisbee-Scheiben. Und keine Griechen, nicht heute, schon gar kein Jannis, das ist jetzt meine Regel. Schon früh kommen die Menschen herbei, um sich die besten Plätze zu sichern. Beamte mustern misstrauisch die Gesichter nach Wohlgefallen, filtern Gleichmut und Unbehagen, bevor sie die Körper von Brust bis Knöchel abtasten. Die üblichen weißen Yachten, Segler und Motorboote kreuzen durch die Botany Bay, Port Jackson und die Farm Cove. Die Reichen und die Schönen mit dem Logenblick. Macquaries Ausblick gehört jetzt mir allein.
Es wird dunkel, der letzte Tag des Jahres geht. Die Samoaner werden die ersten sein. 2011 hatten sie die Seiten gewechselt, vom gestern ins heute. Bis dahin lebten sie jenseits der Datumsgrenze. Den 30. Dezember 2011 hatten die fernen Insulaner einfach ausfallen lassen. Ein gestrichener, vergessener Tag, ein verlorener Tag, und das ganz ohne Flugreise, ganz ohne Fortbewegung. Ein geraubter, ein abgeschaffter, ein niemals existenter Tag. Samoa hatte einfach Tag und Datum gewechselt, so wie die Schweden von einem Tag zum nächsten die Fahrbahn gewechselt hatten, auf der ihre Karossen verkehrten, über Nacht von links nach rechts. Das ganze polynesische Malo Sa?oloto Tuto?atasi o S?moa hatte die Uhren einfach um vierundzwanzig Stunden vorgestellt, damit die Menschen das neue Jahr nicht mehr als letzte begrüßen mussten, sondern als erste feiern konnten. Und natürlich war es für die Samoaner hilfreich, in der selben Datumszone wie ihre neuseeländischen und australischen Handelspartner zu leben. Gott hat die Zeit erschaffen, der Grieche Kronos hat sie geraubt, der Grieche Jannis hat sie vergessen, die Samoaner haben sie manipuliert und feingestimmt. Macquaries Ausblick gehört jetzt mir allein.
Eine Stunde nach Jahresauftakt auf Samoa explodierte der Himmel über dem dreihundertachtundzwanzig Meter hohen Sky Tower in Auckland, jetzt, weiter westwärts, folgt Sydney mit einem Chor aus anderthalb Millionen Kehlen rund um den Hafen. Anderthalb Millionen, die die Sekunden bis Mitternacht einstimmig herunter zählen. Ich mittendrin, den Blick gen Himmel, ohne Gedanken, mit leerem Kopf, mit nichts als einer glitzernden Leinwand vor Augen. Der Funkenregen prasselt auf den Kleiderbügel hinab, auf den gewaltigen eleganten Rundbogen der Harbour Bridge, auf den Luna Park am Nordufer, auf die pittoresk sanierten Altstadthäuser der Rocks diesseits des Wassers, auf die engen Gassen abseits der Glastürme, auf die weißen erleuchteten Segel der Oper mit ihren mehr als einer Million Keramikkacheln, auf die flatternden Segel der schlanken mäandrierenden Yachten, auf die ausufernden Freudentänze der Ufersänger, die in Schatten beisammen kauern, schauern, aufgereiht wie die Vögel auf den Drahtseilen der Telegrafenmasten, dicht gedrängt und fest umklammert. Sieben Tonnen Feuerwerkskörper rasen in die Luft, eine Choreografie aus Blitz und Donner, und mehr als eine Milliarde Menschen sehen in aller Welt zu, mit dem kalt gestellten Sekt auf den Tischen vor den Fernsehbildschirmen. Millionen stehen hier beieinander beiderseits der Bucht, schauen ungläubig ins fragile Sekundenspektakel. Grelle, schnelle, hüpfende, tanzende, springende Fackeln, gigantische Glühwürmchen, die Palette aller Farben und Formen, Herzen am Himmel, Sterne und Fahnen, Kometen und Kronen, das ganze Universum. Und mit jedem Knall, mit jedem Lichtreflex harren die Menschenmassen für Sekundenbruchteile im Schein der Raketen. Der gesprengte Horizont, das zerrissene Dach über den Hochhäusern, das zuckende Echo der Leuchtfäden. Der Rhythmus des Donners, der Widerhall von den kühlen Wänden, das alte opulente Barock in der neuen Nüchternwelt, der Reigen der sterbenden Lichtkaskaden, die liebestollen rasenden Furien am südlichen Himmel, an dem jetzt mehr kein Platz mehr ist für das bleiche Kreuz des Südens. Eine letzte laute Salve, ein Krachen und Bersten, es folgt eine atemberaubende Stille, die Dunkelheit, die schwärzeste aller Finsternisse, ein Raunen, ein Rufen, eine Freude. Dann ist alles vorbei, und Schwefel wabert über das schwarze Hafenwasser. Macquaries Ausblick gehört jetzt mir allein.
Dieses Jahr wird ein gutes Jahr. Ich, Catherine, achtzehn Jahre alt und angehende Studentin der Wirtschaftswissenschaften, blond und blauäugig und zwischen Baum und Borke, ich werde ein Jahr lang um die Welt reisen und das kosten, was mir später vielleicht für immer verwehrt bleiben wird, weil man schwer von einem abgelegenen Kontinent loskommt, der einem Lohn und Brot und Bier und eine Schlafstätte bietet und der einmal eine ferne Strafkolonie war. Eine gewaltige Insel, groß genug für eine ganze Welt. Ich werde im Sommer fortgehen, im Sommer, der hier ein Winter ist, nach London. Von dort nach Paris, Madrid, Rom. Und nach Athen, ohne Jannis, nachsehen, ob die Griechen wirklich Gott und die Welt geschaffen haben. Und vielleicht werde ich nach Kopenhagen reisen, zur kleinen Meerjungfrau, dort am Kai sitzen und auf die Oper schauen, die nicht vom Dänen Jørn Utzon geschaffen wurde. Um herauszufinden, ob es stimmt, dass die Wikinger die Seefahrt von den Hellenen gelernt haben, Jahrhunderte nachdem die Griechen den Skandinaviern den aufrechten Gang beigebracht haben. Ich werde mir mein eigenes Bild von der Welt malen.
Der Regen gibt nach, endlich. Die Hitze aber bleibt. Die Hitze und die Luftfeuchtigkeit bleiben. Der Deutsche hat Regenwasser in einer Tonne gesammelt, gut so. Wir werden hier weder verhungern noch verdursten. Gott zeigt Erbarmen, und, ohne ketzerisch sein zu wollen, das ist er uns auch schuldig.
Eine große Tafel auf den Planken im Unterleib der Karavellen, die uns als Wegzehrung diente und doch nicht mehr war als ein Happen auf dem Weg zu den unwegsamen Wegen des Herrn. Natürlich würde der Proviant nur für die erste Etappe reichen. Fernãos Flotte segelte zu den Kanaren, wo wir am 26. September auf Teneriffa Vorräte aufnahmen, dann weiter zu den Kapverden, wo wir am 3. Oktober anlandeten. Von dort ging es über das weite offene Meer westwärts nach Brasilien. Am 20. November überquerten wir den Äquator. Wir hatten die Hälfte der Welt hinter uns gelassen, aber nicht den Horizont aus unseren Augen. Zugleich wuchsen die Spannungen zwischen Fernão und Juan de Cartagena, der als Vasall des Königs dessen Zahlmeister war und eigentlich der zweite Kommandeur dieser Expedition. Doch die beiden Sturköpfe gerieten immer wieder aneinander.
Ich bin kein Kapitän, doch auch in mir stieg das Unbehagen, als Fernão einen sehr südlichen Kurs einschlug, so aus der Passatzone segelte und dabei quälend viel Zeit verlor. Juan de Cartagena wetterte gegen diese Entscheidung auf das Heftigste. Sein Unmut, den er jetzt freimütig zu Tage brachte, bedeutete für den Portugiesen einen unwillkommenen Sturm in der Flaute. Fernão betrachtete Juan insgeheim von Beginn an nicht als persona conjunta und wertete dessen Äußerungen als Affront. Es kam, wie es kommen musste, es kam zum Eklat. Fernão nahm Juan de Cartagena den Wind aus den Segeln und ließ ihn kurzerhand festsetzen.
Nach all dem Getöse und Glamour und Glitzer der Ginza, nach all dem pyrotechnischen Paraden und dem ohrenbetäubenden Lärm sehnt sich Ayumi nach Ruhe und Frieden, nach Stille und der Abwesenheit aller schnellen Bewegungen, nach Sonne nach dem Neon, nach Offenheit nach der Enge der Häuserschluchten. Die Ginza strahlt auch ohne Silvesternächte heller als Las Vegas und der Times Square zusammen, doch die Flut an Reizen war für Ayumi zur Sintflut geworden, und nun sucht sie die Abgeschiedenheit in den östlichen Gärten.
Die größte Stadt der Welt ist ein dichter Wald aus Glas, Stein und Beton. Das Zentrum jedoch rund um den Kaiserpalast ist eine ebene grüne Oase, eine streng geordnete und dennoch bisweilen freundliche Lichtung der Meditation inmitten einer brausenden brodelnden Wüste zwischen Mächten, Märkten und Moden mit Menschenmassen, Menschen, die sich scheinbar zügel- und ziellos wie durch einen Ameisenhaufen bewegten. Zweimal im Jahr, zum Kaisergeburtstag am 23. Dezember und zu Neujahr am 2. Januar, werden die Pforten des Palastes geöffnet. Ayumi blickt über die weite Grünfläche, über die Bäume hinweg, die wie Zedern aussehen, Ayumi kennt sich mit Bäumen nicht so aus, auf die Häuserwand am Rasenrand, die aussieht, als beherberge sie nichts als Firmensitze, Banken und Büros. Ayumi kennt sich mit Häusern nicht so aus. Es sind Häuser aus Glas und Beton, rostrote, gelbe, graue, blaue Häuser, wie sie auch in Cincinatti oder Manchester stehen könnten.
Andere Städte haben ein Denkmal oder architektonische Kronjuwelen als ihre Prunkmitte, eine Kathedrale, ein Parlament, einen Triumphbogen. Dieses sterile urbane Monstrum hat das große Nichts als Zentrum auserkoren, das stille Auge inmitten eines Orkans. Eine Grünfläche, so groß wie ein Kleinstaat, und doch sind diese Gärten nicht der Central Park und auch kein Prachtfriedhof für Städte aus Patina mit toten Menschen, deren Ruhm das einzig Überirdische ist, was von ihnen bleibt. Anders als in New York liegen diese Anlagen wirklich mitten in der Stadt, und anders als in Manhattan ist dies keine reine Stätte zur Regeneration alltagsgeplagter Großstadtwesen. Und es ist eben auch keine Nekropole mit dem nanokristallinem Hydroxylapatit edler Verblichener, wie sie die schattigen Ecken von Städten wie Wien, Hamburg oder Paris ziert.
Die kalte Winterluft tut gut, und die Sonne von einem nackten blassblauen Himmel wärmt nur mäßig. Ayumi trägt eine Daunenjacke und Handschuhe, sie genießt die Schritte auf dem gefrorenen Grund, der immer noch grün ist, weil kein Schnee liegt. Und sie genießt ihr Alleinsein inmitten eines überdimensionierten Freiluftareals, so fern vom Schweiß in den Untergrundbahnen und den Essensgerüchen in Asakusa. Dort, zwischen dem alten und dem neuen Asakusa, ist Ayumi aufgewachsen, ein Einzelkind vom Ufer des breiten kurzen Sumida, lange bevor der sich in die Bucht ergießt. Rechts auf der anderen Flussseite der nüchterne Quader der Asahi-Brauerei mit dem weithin sichtbaren Flammenornament von Philippe Starck auf dem Dach. ein Gruß über die Ufer, links der mächtige buddhistische Kannon Tempel Sens?ji mit seinen leuchtend roten Säulenornamenten, den übermannshoghen Lampions und der schattigen Ladenzeile mit den Kitschsouvenirständen. Dazwischen die Nudelsuppenküchen und, erstmals überhaupt und erst seit ein paar Jahren, die fragilen Zelte, Plastiktüten und Decken der Obdachlosen unter den Brücken, wie es sich gehört, am Uferrand, also am Rand des Rands. Die hässlichen Aushängeschilder einer Wirtschaftskrise und der daraus folgenden Deflation.
Ayumis Leben ist größtenteils kleinteilig. Sie bewegt sich mit der Tokyo Metro Ginza Line oder dem Flussboot, seltener mit dem Bus oder dem Taxi. Mittags isst sie je nach Hunger ein bis zu zwölfteiliges Bento, abends kehrt sie zwischen den Quadraten der Hochhäuser in ihre kleine viereckige Wohnung zurück und schaut Werbung auf der rechteckigen Mattscheibe mit den grellen Bildern der NHK. Manchmal besucht sie mit Arbeitskollegen ein Restaurant, danach den angeschlossenen Karaoke-Saal. Sie hat noch nie in einem Ryokan übernachtet und mag amerikanische Burger aus Billigketten. Auch die kommen über die Theke in eckigen Faltschachteln. Bei den seltenen Gelegenheiten, in denen Ayumi Gast in einem Hotel war, anlässlich der Geburtstage oder Hochzeiten von Bekannten, wählte sie immer die westliche Seite des Büffets.
Ayumi denkt überwiegend quadratisch, sie arbeitet im Mitsukoshi, meist an der Theke mit den sündhaft teuren würfelförmigen Melonen. Das Mitsukoshi sieht aus wie eine Kreuzung aus Waldorf Astoria und Woolworth und ist das bekannteste Kaufhaus der Stadt, und bis heute weiß Ayumi nicht, warum das so ist. Manchmal, wenn ihr das Leben allzu quadratisch erscheint und sie ein paar Stunden zu erübrigen hat, dann lässt sie sich zum Rathaus und dort mit dem Aufzug in zweihundert Meter Höhe fahren. Der Aufzug und der Ausblick sind kostenlos. An guten klaren Tagen sieht man von hier oben etwas ganz und gar nicht Quadratisches, eher etwas Dreieckiges, unten blau und oben weiß, das ist der schönste Berg der Welt, der perfekte Berg, der Fuji-san mit seiner Schneekappe, ein Kegel mit der anmutigsten Symmetrie, die je in einem Kopf Raum einnehmen kann. Einmal, das ist lange her, ist Ayumi nach Hakone gefahren, um den Fuji-san aus der Nähe zu betrachten, mitsamt den Kratern und dem Müll an seinen Flanken. Selbst hinaufsteigen wollte sie nicht, dazu fehlten die Zeit und die Zielstrebigkeit, ein Anlass und die Motivation. Es hätte ihr vollkommen genügt, den Vulkan zu sehen, erkennen, wahrzunehmen, vielleicht eine Weile zu studieren, doch der Ausflug an den Ashi-See wurde zu einer einzigen Enttäuschung. Der Meister aller Berge hatte sich hinter einer dicken Nebelwand versteckt, und in der Nacht fing es an zu nieseln, dann zog auch noch ein monströses Gewitter auf. Ein reinigendes Gewitter: Hätte Ayumi auch nur einen Tag länger und ein paar Stunden mehr Zeit gehabt, sie hätte einen zauberhaften Fuji-san mit frischer Schneedecke vor einem marinefarbenen Himmel gesehen, doch so blieb ihr der Anblick versagt, und sie musste sich weiterhin mit den wolkenlosen klaren Wintertagen im Rathaus begnügen. Die Chancen, den Fuji in seiner vollkommenen Pracht zu sehen, stehen ohnehin nur dreißig zu siebzig, wo bei dreißig die Zahl ist, die die positive Seite dieser Wahrscheinlichkeitsrechnung ausdrückt.
Ayumi war noch nie im Ausland, nicht einmal in Korea. Sie war auch noch nie aus Honshu herausgekommen. Einmal hätte es fast geklappt, zur Beerdigung ihrer Großmutter mütterlicherseits auf Hokkaido, doch da war ihr eine schwere Grippe dazwischengekommen. Seit Hakone hatte Ayumi die Kant?-Ebene nicht mehr verlassen, ein Umstand, dem sie nicht allzu viel Bedeutung beimisst, schon gar nicht Fernweh oder auch nur einen Seufzer. Ayumi mag ihre Quadrate, die Vierecke und die Rechtecke der Architektur, der Straßenzüge, Parkanlagen und der Melonenwürfel, sie liebt den Anblick des Dreiecks in der Ferne vom fünfundvierzigsten Stock des T?ky?-to Ch?sha in Shinjuku, und sie mag das Intermezzo der Farben in all diesem Grau, die Mode in Shibuya, die Blumen, das flirrende Neon von Ch??. Sie mag auch die runden Formen, vielleicht, weil sie so selten sind und ihr daher besonders auffallen. Ayumi mag Kinder, auch wenn sie keine eigenen hat. Bald wird sie sechsund-zwanzig, und ihre Eltern meinen, gleuben, wissen, drängen, dass es an der Zeit ist, einen passenden Mann zu finden. Doch das ist nicht an der Zeit, das hat noch Zeit, findet Ayumi. Sie ist keine, die sucht, sie ist eine, die findet. Wie alle ist Ayumi mit zwei Religionen aufgewachsen, dem Shintoismus und dem Buddhismus, mit dem Tod und dem Leben. Vielleicht ist es auch umgekehrt: mit dem Leben und dem Tod, je nachdem, was zuerst kommt. Aber daran verschwendet Ayumi nicht einmal halb so viele Gedanken wie an den Preis von gewürfelten Melonen oder eingelegten Nashi-Birnen. Den Tod hat sie bislang nur im Museum gesehen, im Friedenspark von Hiroshima. Damals war sie noch Schülerin, und die Reise war eine Klassenfahrt gewesen. In dunklen Räumen waren geschmolzene Uhren und verbrannte Kleidung ausgestellt - Rückstände menschlichen Atmens, ausgelöscht durch die Atombombe. Irgendwer hatte irgendwann einmal behauptet, dass nach der Detonation der Bombe am 6. August 1945 kein Grashalm mehr wachsen würde in und um Hiroshima. Ayumi hatte sich damals über all das Grün gewundert, über das Leben an den Ufern von gleich sechs Flussarmen, die sich Richtung Seto-Inlandsee erstreckten, über die Menschen, die ihr viel lässiger und gelassener erschienen als all die Leute zwischen Adachi und Yokohama. Und dann war sie noch auf Miyajima gewesen, hatte das leuchtend orange Torii bewundert und den Zyklus von Ebbe und Flut. Der Schrein ist einer der belkiebtesten und teuersten Orte für traditionelle Hochzeiten, und so oder so wird Ayumi, falls sie denn einmal heiratet, nie in Miyajima ihr Gelübde ablegen.
Manchmal ergattert man zu Neujahr von den östlichen Gärten einen Blick auf den Tenn? und dessen Familie, aber darauf hat es Ayumi nicht abgesehen. Sie betritt die steinerne Brücke und schaut dem Treiben zu. Dann geht sie durch das Tor Nishi-no-maru ?te-mon, überquert die eiserne Brücke und steht vor dem, was einst die Burg Edo gewesen war und nunmehr nichts als eine Replik ist, nach einem Brand und vielen Bomben und noch mehr Irrungen und Wirrungen der Geschichte, einer Geschichte, in der sich Ayumi nicht besonders gut auskennt. Was Ayumi mag, ist den Menschen dabei zuzusehen, wie sie Menschen zusehen. Das gibt ihr ein langsames Glücksgefühl, und das gibt ihr eine Ruhe und Freude, die zu beschreiben sie sich nicht in der Lage sieht. Aber Ayumi betrachtet es nicht als ihre Aufgabe, Dinge zu beschreiben, und da sie weiß, dass sie Dinge nicht beschreiben kann, versucht sie erst gar nicht, Gefühle zu beschreiben. Denn Gefühle zu beschreiben, so viel weiß Ayumi, ist wesentlich schwieriger als Dinge zu beschreiben.
Die Äquatorflaute bedeutet Höllenqualen. Man hat die Wahl zwischen dem Grillrost an Deck und dem überhitzten Dampfbad unter Tage. Der Mensch dörrt aus, wird zu Salz. Seine Gedanken kreisen, bis wüste Visionen den wirren Kopf beherrschen.
Am 6. Dezember sichteten wir die Küste Südamerikas, einen dunkelgrauen Strich über einem hellgrauen wässrigen Horizont. Eine Woche später setzten wir in einer Bucht die Anker, in der Bahia de Santa Lucía, denn der 13. Dezember ist der Namenstag der Lichterkönigin. Konnte es sein, dass uns Gott in seiner Güte herbei befohlen hat? Die Wilden hielten uns für Götter, und sie begegneten uns mit Ehrfurcht und Hochachtung. Konnte es sein, dass uns Gott in seiner Güte herbei befohlen hat? War dies der heiß ersehnte Paso, die Durchfahrt ins Südmeer, die uns endlich den entscheidenden Schritt näher ans Ziel unserer Reise bringen würde? Fernão befahl die Flotte südwärts, langsam erkundeten wir die Küste, immer auf der Suche nach dem alles entscheidenden Durchbruch. Doch so oft wir es wagten, wir landeten immer wieder in einer Sackgasse.
Das alte Jahr ging und das neue kam. Von der Bucht des Januar segelten wir zu einem weit geöffneten Trichter, einer Meerenge, wie alle dachten, doch der Río de Solís erwies sich abermals als Irrweg. Das war am 10. Januar des noch jungen Jahres. Im Nachhinein vergeudeten wir auf dem Solís einen ganzen Monat mit der Suche nach der erhofften Passage. Die Enttäuschung stand jedermann ins Gesicht geschrieben. Doch Fernão ließ sich nicht beirren. Es musste dieses Tor nach Westen geben! Wenn nicht hier, dann weiter im tiefen Süden, also setzten wir abermals die Segel und hielten uns dicht ans Band der lichter werdenden Küste. Aus Bergen wurden Hügel, aus Hügel wurden Ebenen.
Immer wieder landeten wir an, immer wieder setzten wir Fuß auf einen Strand, voller Bangen, voller Erwartungen, voller Vorfreude und voller Furcht auf Begegnungen. Immer wieder endeten wir im weiten Nichts. Und obwohl mit dem Januar der Hochsommer längst gekommen war, wurde es mit fortgesetzter Fahrt und Zeit zunehmend kühler. Bei einem dieser Landgänge begegneten wir den Großfußmenschen, wahre Hünen von ehrfurchteinflößender Gestalt, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Es waren keine Christenmenschen, gewiss, aber es waren, soweit ich das beurteilen kann, kräftige Männer, die Tüchtigkeit als Tugend versprachen. Wir nahmen zwei von ihnen an Bord, um sie eines Tages nach Spanien zu bringen, doch sie verstarben während der Reise.
Der Zenit des Sommers war bald überschritten, über uns wehte ein steter heftiger Wind. Am 31. März des Jahres beschloss Fernão, in einer geschützten Bucht vor Anker zu gehen und dort zu überwintern. Er gab dem Ort den Namen Puerto San Julián. Die Jahreszeiten, sie überholten uns. Oder sollte ich sagen, wir überholten die Jahreszeiten?
Ist es eine himmlische oder eine gespenstische Ruhe auf dem Platz des himmlischen Friedens? Kahl und kalt liegt er da, der Tian’anmen. Ein einsamer alter Mann in einem blauen Arbeitsanzug fegt den größten Platz der Welt. Neujahr, das ist hier noch das alte Jahr, denn die Uhren ticken anders. Im ganzen Riesenreich gilt eine Zeitzone, wo mindestens drei angebracht wären, und das neue Jahr kehrt im Land des Drachen erst mit dem Frühjahrsfest ein, in einigen Wochen. Bis dahin blickt man in sich gekehrt auf sich selbst und erst dann verstohlen auf den Rest der Welt. Der alte Mann kehrt weiter.
Mit einer Lasershow am Himmelstempel hatten sie das alte Westjahr heruntergezählt, etwa so, wie man einen angeschlagenen Boxer auszählt. Aber der Staat mag das Volk nicht besonders, es ist ihm zu groß und damit zu gefährlich. Menschenmassen im Reich der Massenmenschen sind nicht gern gesehen, es sei denn zur organisierten und dosierten Beschwörung und Huldigung der eigenen Stärke. Und so kamen nur wenige Eingeladene in den Genuss einer dezenten dekadenten kapitalistischen Feier zum Jahreswechsel am Himmelstempel. Was zählt, ist der Bauernkalender, nicht die Agenda von New York, Washington, London oder Berlin. Und so warten die meisten auf das Frühjahrsfest. Daheim lieferten sich die Chinesen in dieser Nacht Kissenschlachten, um das neue Jahr zu begrüßen, das hier immer noch das alte Jahr war.
Die neuen Bürotürme, die Wohnsilos, der Olympiapark, alles draußen. Bagger und Kräne haben Hochkonjunktur. Dazwischen Inseln der Geschichte. Das Alte und das Neue, Seite an Seite, doch der dichte Nebel versperrt den Blick. Kaum Touristen und noch weniger Einheimische, die vor der Pforte zur Verbotenen Stadt anstehen. Mao grüßt als irrlichterndes Grinsen von der roten Mauer, der tote Mao liegt wenige Meter weiter einbalsamiert in einem Mausoleum von ausgesprochen hässlicher architektonischer Kunstfertigkeit. Eine Ehrenwache steht vor dem Tor des himmlischen Friedens, grün und steif und bar allen Lächelns. Fernab drillt eine Mutter ihre Kinder, ein Mädchen und ein Junge im beginnenden Schulalter, mahnt sie zu ballettartistischen Übungen. Sobald diese nicht zur Zufriedenheit der Erziehungsberechtigten ausfallen, setzt es Ohrfeigen zur Korrektur.
Der Drache schläft. Der Drache schläft noch. Eine Frau mit einem knallroten Sonnenschirm schlendert über den Platz. Sie hat keinen Plan. Nicht jetzt. Heute ist ein freier Tag, frei für alle. Freiheit für alle hier auf dem Tian’anmen an diesem 1. Januar. Der Platz ist fast leer. Der alte Mann mit dem Besen blickt auf und ins weite Rund, über das graue Pflaster, in den grauen Nebel. Drüben schimmern die roten Dächer der Verbotenen Stadt durch das Dickicht der Luft. Der Mann blickt, und er sieht nichts. Dann senkt er den Kopf und fegt weiter.
Puerto San Julián erwies sich als Hölle auf Erden. Die Vorräte gingen uns aus, wir darbten, und was tat Fernão? Er ließ die Essensrationen kürzen. Wir saßen fest, und auch wenn wir nicht mehr segelten, ein leerer Bauch sorgt für schlechte Stimmung. Doch eine schlechte Stimmung war nur der Anfang, Hilflosigkeit und Verzweiflung kamen schnell hinzu, und die Zweifel an der Führung des Capitán wurden lauter. Erst gab es ein Raunen, dann ein Murren, schließlich ein Gezeter. Das Land, das wir vorfanden, gab nicht viel her, und wir befanden uns meilenweit entfernt von allen Fußstapfen als Zeugen irdischer Existenz von Mensch und Tier, die Spuren der eigenen Existenz einmal ausgenommen. Das konnte nicht gut gehen, und es ging nicht gut.
Am 1. April meuterten die Matrosen wegen der üblen Versorgungslage. Erschöpft, krank, verletzt, ausgehungert, dem Delirium nahe verlangten sie die sofortige Rückkehr nach Spanien. Und die Matrosen standen nicht allein. Jetzt rächte sich die intime Feindschaft zwischen Fernão und Juan de Cartagena, aus der längst blanker Hass geworden war. Juan und Quesada sowie Juan Sebastián Elcano, der Bordmeister der Concepción, setzten sich an die Spitze der Meuterer und wagten den offenen Aufstand. Sie kaperten die San Antonio und begannen ein Scharmützel gegen den Rest der Flotte. Während des Gefechts enterte Fernão und die Mannen, di noch auf seiner Seite standen, die Victoria. Drei Schiffe gegen zwei, ein Bruderkrieg. Schließlich gelandg es Fernão, die Rebellion niederzuringen.
Vor keinem Gericht der Welt hätte eine Meuterei Bestand. Das wusste auch Fernão, und darum ließ er die Kapitäne der Victoria und der Concepción, Luis de Mendoza und Gaspar de Quesada, hinrichten. Die Anführer der Rebellen, Juan de Cartagena, Kapitän der San Antonio, und der Priester Sanchez de Reina, erwartete ein besonders grausames Schicksal. Sie wurden vor der Weiterfahrt an der Küste ausgesetzt und sich selbst überlassen, was den sicheren Hungertod bedeutete, wenn diesem nicht der Wahnsinn zuvorkam.
Nach dem Aufbruch schickte Fernão die Santiago allein voraus, um das Ufer zu sondieren. Doch am 22. Mai erlitt die Santiago Schiffbruch. Fernão erfuhr davon, nachdem es zwei Matrosen gelungen war, über Land den Rückweg zur Flotte einzuschlagen. Der Rest der Besatzung der Santiago folgte Wochen später. Völlig ausgemergelt und am Ende ihrer Kräfte erreichten die Seeleute das Geschwader. Fernão beschloss, bis zum Oktober in Puerto San Julián zu bleiben, um dann mit den restlichen vier Schiffen weiter zu segeln. Die Dinge schienen nicht besser zu werden. Wir mussten die Mannschaft von fünf Schiffen auf vier verteilen, was an sich schon eine Beschwerlichkeit für einen jeden von uns bedeutete. Wir mussten mit Hunger und Durst leben. Und vor allem mussten wir mehr denn je mit der Ungewissheit leben.
Die Kirchenglocken läuten, und Frauen in goldener Seide treten hinaus auf die Stufen. Ihnen folgen Männer in weißen Hemden und dunklen Stoffhosen, schlanke Männer, einige wenige feiste, Reiche und weniger Reiche, aber keine Armen, dann die Kinder in ihrem Sonntags-staat. Die meisten unterhalten sich leise auf Konkani und warten auf die Limousinen. Ein feuchter Luftzug umweht die düstere, vom Monsum verwitterte Basílica do Bom Jesus. Borea Jezuchi Bajilika, eine rostbraune überdimensionierte Barocktruhe.
Die Tropensonne und ein weißblauer Himmel schicken Schatten über den Vorplatz. Man wünscht sich ein gutes neues Jahr, dann geht man auseinander zum Festessen im Familienreis. Auch nach all den Jahrhunderten sind die Spuren der Portugiesen nicht zu tilgen. Ein feuchter Luftzug umweht die düstere, vom Monsum verwitterte Basílica do Bom Jesus, eine Mission der Jesuiten.
Diese Portugiesen. Sie sind um die Welt gesegelt, sie sind gekommen und gegangen, sie sind gestrandet. So wie einst Alfonso de Albuquerque, Pedro Álvares Cabral, Bartolomeu Dias, Vasco da Gama und Magellan. So wie Francisco de Xavier, ein Mitbegründer der Gesellschaft Jesu und ein leiderschaftlicher Missionar auf der Suche nach Seelen in Asien. Auf dem Weg nach China starb er mit sechsundvierzig Jahren auf der Insel Shanchuan Dao in der Bucht von Kanton. 1554 wurde ihm in der Basilika zu Alt-Goa die letzte Ruhestätte gewährt.
Auf der Anhöhe über den Klippen beim Strand bestellt er Rindfleisch und Bier, zwei Dinge, die andernorts schwer zu haben sind. Einmal im Jahr, an Gandhis Geburtstag im Oktober, gilt auch hier ein Ausschankverbot für Alkohol, doch die Wirte nehmen es nicht ernst. Der Gast wird dann darauf hingewiesen, seinen Gerstensaft aus einem Silberbecher zu trinken statt aus einem durchsichtigen Glas, für den Fall, dass eine Polizeistreife vorbeischaut. Unten an der Palmenallee haben sich die Aussteiger längst verzogen, die letzten Hippies haben jetzt die weiter südlich gelegenen Strände für sich entdeckt, und das Meer gehört wieder den Fischern, den anmutigen Spaziergängerinnen in ihren dezenten Saris unter den Sonnenschirmen, den tollenden Kindern und den Netzflickern.
Lange sind sie geblieben, die Portugiesen, doch nun sind sie fort. Ihre Kirchen und Kathedralen stehen immer noch neben den Hindu-Tempeln und Moscheen. Zuletzt hat die moderne Zeit Panaji entdeckt, mit hässlichen weißgetünchten Häusern, Fabriken und Lagerhallen, die genauso der ungnädigen Witterung ausgesetzt sind wie die mächtigen Sakralbauten der einstigen Kolonialherren. Es wird gehandelt auf den Märkten, auf Basaren unter dem freien Himmel. Kein Grund, das nicht auch sonntags und am Neujahrstag zu tun. Das Leben ist ohnehin langsam, und der Rhythmus lässt sich nicht so einfach ändern.
Wann Neujahr ist, bestimmt ein jeder für sich. Für manche ist es der erste Tag des Monats Januar, für andere das Lichterfest Diwali im Oktober oder November, für einige fällt Neujahr mit dem Frühlingsbeginn im März oder April zusammen, die Parsen richten sich nach dem Bahai-Kalender, die Moslems nach ihrem eigenen. Vergangene Nacht gab es Feuerwerk in den Städten, Mumbai, Delhi, Bangalore, Channai, Kolkata. Keine Orgien von Blitz und Donner wie in den schnellen Metropolen dieser Welt, eher eine gesittete Show mit Bollywood, Freudenfeuern und Krachern. Die meisten zogen sich in die Familie zurück oder haben den Abend mit Freunden verbracht. Geschenke und Blumen wechselten die Besitzer.
Hier oben hoch über der Konkanküste ist es ruhig geblieben. So ruhig wie in all den Nächten davor und danach. Nur die letzten unter den Hippies haben die Nacht zum Tag gemacht, aber sie sind unter sich geblieben. Hippies sind keine Missionare und keine Kolonialherren. Darum lassen wir sie gewähren. Was geht uns die Welt an, wir haben hier unsere eigene. Wir lassen das andere draußen, das Böse, das Laute und Hektische, dieses moderne Babylon. Wir sind uns Babylon genug. Wir essen unser Rindergeschnetzeltes und trinken unser Bier. Jeder darf das sehen. Außer an Gandhis Geburtstag. Dann trinken wir unser Bier heimlich aus Silberbechern. Und schauen hinaus auf das Meer, in Erwartung des nächsten Monsunregens, und in gleichmütiger Erwartung dessen, was da noch kommen mag.
Sieben lange Monate harrten wir in Puerto San Julián aus. Sieben quälend lange Monate im Südwinter. Nach Missbilligungen, Murren und Meutern kam endlich der Frühling. Im Oktober verließen vier Schiffe den kleinen Naturhafen und hielten einen stetigen Südkurs, immer hart an der Grenze zur Küste, immer noch auf der Suche nach dem Paso.
Am 21. Oktober erreichte das Geschwader eine Landzunge, die Fernão auf den Namen Cabo Vírgenes taufte, das Kap der Jungfrauen. Und wieder schlugen unsere Herzen schneller. Nach all der quälenden, vergeblichen Suche auf die Pforte zum Westen, konnte hier der Schlüssel liegen? Der Kapitän hatte die Concepción und die San Antonio zu Erkundungen vorausgeschickt. Die beiden Besatzungen sollten nach einer Passage südlich des Kaps Ausschau halten. Und tatsächlich: Heureka, dies schien der Weg des Herrn zu sein, die lange gesuchte, vergeblich erhoffte, heiß ersehnte, mit Bangen erwartete Wasserstraße, die uns dem Ziel unserer Reise endlich so nahe bringen sollte, wie wir es kaum noch zu erträumen gewagt hatten. Nach den Jubelgesängen verschlug es uns vor Ehrfurcht die Sprache. Dann wagte Fernão einen vermeintlich klugen Schachzug: Im Augenblick seines größten Triumpfs stellte er die Kapitäne seiner dezimierten Flotte vor die Wahl, die Durchfahrt zu wagen oder in Richtung Heimat umzukehren.
Der Mann zittert vor Kälte. Er steht mitten im Schneetreiben und zückt eine Kamera, als ihn zwei zwielichtige Gestalten mitten auf dem riesigen Platz ansprechen. Er kann keinen der drei Männer hören, dafür steht er zu weit weg. Aber er weiß auch so, was los ist. Dumme Touristen. Die eine der zwielichtigen Gestalten würde den Fremden jetzt ansprechen, vermutlich in gebrochenem Englisch, und ihn in ein kurzes zwangloses Gespräch verwickeln. Er würde dem Mann mit der Kamera anbieten, günstig Rubel gegen US-Dollar oder Euro zu tauschen, zu einem wesentlich besseren Kurs als ihn die Banken und Wechselstuben versprechen. Und natürlich würden die Rubel gefälscht sein. Ging der Fremde darauf ein, wären die Männer so schnell verschwunden, wie sie gekommen waren. Normalerweise suchten sich die beiden Männer für ihr Geschäft eine der Ecken des Platzes aus, vorzugsweise nahe bei der Basilika oder an einer den beiden Ecken am Historischen Museum. Dann würden sie in der Menschenmenge verschwinden, in einer der Seitenstraßen. Doch jetzt, am Neujahrstag, gibt es keine Menschenmassen, nur vereinzelt umherirrende Opfer, erkennbar an der Kleidung, an ihrem Frieren und an den Kameras. Dabei ist es alles andere als kalt für einen Winter. Warte nur, fremder Mann, bis der richtige Winter kommt. Jetzt, am Neujahrstag, gibt es Schneetreiben und einen arglosen Fremden mitten auf dem Platz, das ist das Zweitbeste. Würde der Mann nicht auf das Tauschgeschäft eingehen, bliebe immer noch genügend Zeit für die Taschenspielertricks des Kompagnons. Es würde keine zwei Sekunden dauern, und die Brieftasche des Fremden hätte den Besitzer gewechselt.
Sergej kommt selten hierher. Seit er keine eigene ständige Bleibe mehr hat, verbringt er seine Zeit in der kleinen Hinterhofwohnung seines Bruders und seiner Schwägerin auf der Bolotny Insel, einige Blocks entfernt vom Baltschug. Wenn er dann einmal in der Stadt ist, und das ist er selten. Seit er seine Arbeit in den Minen des Donbass verloren hat, musste er improvisieren. Seit er seine Arbeit verloren hat, versuchte er sich als Hausmeister, Busfahrer, Gärtner. Sein jetziger Job beginnt oft am Jaroslavler Bahnhof, manchmal aber auch erst in Irkutsk. Zusammen mit zwei weiteren Kumpels, die nach den Grubenunglücken und der schon lange anhaltenden Flaute im Donezbecken ebenfalls mittellos wurden, reist Sergej mit der Transsib bis zur Endstation Waldiwostok, neuntausendzweihundertachtund-achtzig Kilometer oder, von der Angara aus, viertausendsechshundertsiebenundneunzig Kilometer. Im Fernen Osten kaufen Sergej und seine Kumpel dann gebrauchte japanische Autos, die sich trotz der Rechtslenkung ganz gut im Westen verkaufen lassen, in Omsk, Perm, Ufa, Kasan, Jekaterinburg oder im Moskauer Umland. Die Überführung der Limousinen dauert dann bis zu vierzehn Tage. Der Keine einfache und noch dazu eine gefährliche Aufgabe: Nicht nur das Wetter und die mitunter desolaten Straßenzustände machen das Geschäft schwierig, auch die Überfälle, die sich in jüngster Zeit gehäuft haben. Darum fahren die drei nur im Konvoi durch das schlafende Land, das immer dann wach ist, wenn man es am wenigsten erwartet. Und, Fremder, wenn du wirklich wissen willst, was Winter ist, dann komm im Januar oder Februar nach Sibirien.
