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Hier werde ich es gut aushalten können!, denkt sich Dierck Jöhnsen, genannt Dörgie, als er mit seinen alten Freunden Johnny, Arno und Martin das Zimmer seines Hotels an der toskanischen Küste bezieht. Eine Woche Lauf-Camp erwartet die Vier im italienischen Frühling bei lecker Essen, viel Sonnenschein und professionellem Training. Was er nicht ahnt ist, dass er ausgerechnet hier mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird und unaufhaltsam der Tragödie seines Lebens entgegenschlittert... Im zweiten Band der Reihe um vier Freunde der Generation Baby-Boomer nimmt die Autorin ihre Leserinnen und Leser diesmal mit in die Toskana. Zwischen täglichen Trainingseinheiten an der tyrrhenischen Küste und Wildschwein-Lasagne im Hotelrestaurant zeichnet sie mit viel Beobachtungsgabe und Augenzwinkern feine Charakterstudien ihrer Figuren, denen jeder von uns in seinem Alltag schon einmal begegnet ist. Das Ganze würzt sie dann noch mit etwas Mythologie und Fantasy. Ein dramatisches Ende darf natürlich nicht fehlen.
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Seitenzahl: 432
Veröffentlichungsjahr: 2024
Toskana Echo
Toskana Echo
Kim Schmid
Roman
Impressum
Toskana Echo
Kim Schmid
Copyright 2024 , Kim Schmid
Alle Rechte vorbehalten
Autor: Kim Schmid
Covergestaltung: Alena Schneider-Strittmatter
Lektorat und Redaktion: Udo Schmid
Verlag: SirenBooks2000
ISBN: 9789403771472
Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verfassers unzulässig
Über das Buch
Hier werde ich es gut aushalten können!, denkt sich Dierck Jöhnsen, genannt Dörgie, als er mit seinen alten Freunden Johnny, Arno und Martin das Zimmer seines Hotels an der toskanischen Küste bezieht. Eine Woche Lauf-Camp erwartet die Vier im italienischen Frühling bei lecker Essen, viel Sonnenschein und professionellem Training. Was er nicht ahnt ist, dass er ausgerechnet hier mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird und unaufhaltsam der Tragödie seines Lebens entgegenschlittert...
Im zweiten Band der Reihe um vier Freunde der Generation Baby-Boomer nimmt die Autorin ihre Leserinnen und Leser diesmal mit in die Toskana. Zwischen täglichen Trainingseinheiten an der thyrrenischen Küste und Wildschwein-Lasagne im Hotelrestaurant zeichnet sie mit viel Beobachtungsgabe und Augenzwinkern feine Charakterstudien ihrer Figuren, denen jeder von uns in seinem Alltag schon einmal begegnet ist. Das Ganze würzt sie dann noch mit etwas Mythologie und Fantasy. Ein dramatisches Ende darf natürlich nicht fehlen.
Über die Autorin
Die gebürtige Nürnbergerin Kim Schmid studierte Germanistik, Geschichte, Erziehungswissenschaften und Lateinische Philologie an der Universität Erlangen. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter. Als Songwriterin und Harfenbardin veröffentlichte sie unter ihrem Künstlernamen Kim Siren mehrere Studioalben. Ihr erster Roman Martiniloben oder Johnny und die Weinprobe seines Lebens erschien 2018.
Für Udo
in Liebe
Gift und Dolch statt böser Zungen
Misch ich, schärf ich dem Verräter;
Liebst du andre, früher, später
Hat Verderben dich durchdrungen.
Muß der Augenblicke Süßtes
Sich zu Gischt und Galle wandeln!
Hier kein Markten, hier kein Handeln,
Wie er es beging, er büßt es.
Singe keiner vom Vergeben!Felsen klag ich meine Sache,
Echo, horch! Erwidert: Rache!
Und wer wechselt, soll nicht leben.
(Johann Wolfgang von Goethe, Faust 2. Teil)
WhatsApp-Nachricht vom 3. Januar, 17:34 Uhr
Moin Sweetheart,
Wie war dein Flug? Wie ist das Wetter? Sitzt du schon mit einem Cocktail am Strand unter Palmen? Hatten alle Passagiere brav ihre Masken auf? Ich kann verstehen, dass du wieder richtig Bock auf Fliegen hast, nach der langen Corona-Zwangspause!
Hier ist alles in Ordnung. Komme gerade vom Training heim. 21 km. Halbdistanz. Knie hält. Die neuen Schuhe sind super! Keine Probleme mehr!
Für das Toskana-Camp gibt es jetzt nur noch wenige freie Plätze. Die Leute rennen mir die Bude ein mit ihren Anfragen. Ich schließe bald die Anmeldung. Also, wenn du doch noch mitwillst, solltest du dich langsam beeilen … ja, ich weiß: ist nicht so dein Ding. Aber willst du es dir nicht vielleicht doch noch überlegen? Volterra ist hübsch um diese Jahreszeit:)
Muss jetzt los ins Studio
Kuss, Dodo
„Das war ja wohl das allerletzte! Findet ihr nicht auch?“, schimpfte Evelyn und drehte sich abrupt zu ihren Begleitern um.
Dierck Jöhnsen, genannt Dörgie, ging direkt hinter ihr und kam gerade noch so zum Stehen, ohne dass er in die Freundin hineinlief. Sie sah ihn mit funkelnden Augen an.
„Johnny, Dörgie, Martin: Ich habe euch was gefragt“, blaffte sie die drei Männer in ihrem Schlepptau an.
Oh, oh! Jetzt bloß nicht die Amazone reizen, dachte Dörgie bei sich, warf den beiden anderen einen schnellen Blick zu und hielt innerlich die Luft an. Ein falsches Wort, und Evelyn würde wie ein überreifer Vulkan ausbrechen. Nicht, dass er prinzipiell etwas gegen ihr feuriges Temperament gehabt hätte. Mitnichten. Sie war eine extrem attraktive Frau, dazu eine gute, alte Freundin und er mochte sie wirklich gerne. Aber man musste bei ihr höllisch aufpassen mit dem, was man sagte.
Dörgie musterte Evelyn unauffällig. Wie sie so dastand, erinnerte sie ihn an eine kampfbereite Kriegerin. Ihr ganzer Körper samt den langen, roten Locken zitterten vor Wut und aus ihren Augen sprühten Funken. Wenn Blicke töten könnten … war diese Frau hochexplosiv! Und gleichzeitig hocherotisch fand er und schnalzte innerlich mit der Zunge. Ja, sie hatte schon gehörig Sex-Appeal, die Evelyn.
„Ich habe euch etwas gefragt! Was ist? Hallo! Johnny! Aufwachen! Antworte!“ Evelyn fixierte nun ihren frisch gebackenen Ex-Ehemann.
Der wiederum sah hilfesuchend und mit leicht verwirrtem Gesichtsausdruck zu Dörgie und Martin. „Wie war die Frage noch einmal?“, versuchte er sein Glück mit einer Gegenfrage.
Falsche Antwort, wurde Dörgie sofort klar. Zu spät. Jetzt würden sie Evelyn nicht mehr stoppen können. Er sah Johnny mitleidig an. Es war ganz und gar offensichtlich, dass er mit der Situation völlig überfordert war. Johnny war schon irgendwie ein Weichei. Ein netter Kerl, aber ein Weichei.
„Wie die Frage war???“ Evelyn schnappte nach Luft. Dann setzte sie auch schon zu einem emotionalen, längeren Monolog an. Gefühlte fünfzehn Minuten regte sie sich ohne Punkt und Komma über das, was sie soeben bei Gericht erlebt hatten, auf.
Dörgie schaltete umgehend auf Durchzug. Wie immer, wenn sie zur verbalen Hochform auflief. Während ihn aus der Ferne noch einzelne Begriffe wie „alter, weißer Sack“ und „übergriffig“ erreichten, schweiften seine Gedanken zu angenehmeren Themen ab. Etwa zu seiner derzeitigen Lebensabschnitts-Gefährtin Sabine, oder Bine, wie ihr Spitzname war. Er stellte sich gerade ihren hinreißenden Augenaufschlag und die sanften Rundungen ihres Körpers vor. Seine aktuelle Freundin war genau das, was er momentan für sein entspanntes Leben brauchte: freundlich, langhaarig, rücksichtsvoll, von gepflegtem Äußeren, ausgeglichenem Wesen und einer ansehnlichen Oberweite. Ein guter Fang! Vor allem war sie nicht so anstrengend, wie zum Beispiel Evelyn hier, die sich immer noch in Rage redete. Nein. Bine stellte keinerlei Forderungen an ihn und ihre Beziehung, stellte er zufrieden fest, und würde niemals eine solche Szene machen. Das wäre ja noch schöner.
Ja, seine Bine, sinnierte er. Etwa drei Jahre waren sie nun zusammen und er hatte während der Pandemie sehr viel Zeit mit ihr verbringen dürfen. Dem Homeoffice sei Dank! Sie hatte ihn in ihrer kleinen Wohnung im Burgenland bekocht und beputzt. Unter Einsamkeit oder sozialer Isolation hatte er während dieser Zeit jedenfalls nicht leiden müssen. Im Gegenteil. Diese pandemiebedingte, neue Art zu leben gefiel Dörgie eigentlich ganz gut. Er war seit dieser Zeit deutlich entspannter geworden, fand er. Auch Dank Bines äußerst bequemer Fürsorge. So schätzte er die Frauen! Und sollte sie nicht demnächst von irgendwelchen irrwitzigen Flausen wie Heiraten und Kinderkriegen anfangen, würden sie beide bestimmt noch eine nette Zeit miteinander verbringen.
Dörgie unterbrach kurze seinen Gedankengang und vergewisserte sich, ob Evelyn noch in Fahrt war. Sie war gerade bei „verkommenes Patriarchat“ und „erzkonservativer Richter“. Aha. Das konnte noch dauern.
Dörgies Gedanken schweiften wieder ab. Wo war er gerade gewesen? Ach ja. Beim Heiraten. Wie gut, dass er das Thema in seinem bisherigen Leben immer geschickt umschifft hatte. Anders als zum Beispiel Johnny. Sein Freund und Evelyn waren jahrelang das Dream-Team schlechthin im Nürnberger Freundeskreis gewesen. Sie hatten früh geheiratet, ein ganz normales, bürgerliches Leben mit Haus, Kind und Garten geführt, aber sich dann eben auch wieder auseinandergelebt. Evelyn hatte einen auf Selbstverwirklichung gemacht und Johnny gegen einen bekannten Nürnberger Künstler eingetauscht, während Johnny auf ihrem letzten gemeinsamen Männer-Trip im Winter vor Corona seine derzeitige Lebensgefährtin Silvia kennengelernt hatte. Seitdem lebte er glücklich und zufrieden in Österreich und half seiner neuen Freundin auf ihrem Winzer-Betrieb in Illmitz. Gleich in der Nähe von Bine. Was praktisch war, weil man sich auf diese Weise auch in den dunkelsten Pandemie-Zeiten auf ein gutes Tröpfchen in Silvias Weinkeller hatte treffen können.
Wie auch immer: Evelyn als auch Johnny waren beide längst in ihren neuen Leben angekommen. Was dem ehemaligen Paar seitdem fehlte, war lediglich ein offizieller Schlussstrich unter ihre gemeinsame Zeit. Aber die Pandemie hatte den Scheidungstermin immer weiter nach hinten verschoben. Was natürlich ärgerlich war. Aber heute hatte die Warterei endlich ein Ende. Nun standen die zwei hier: frisch geschieden, mitten im Nürnberger Szenen-Viertel Gostenhof und gerade im Begriff, das Ende der Ehe mit einem gemeinsamen Umtrunk und unter Freunden in Evelyns Café-Buchhandlung zu begießen.
„ … und da gehen wir jetzt rein“, hörte Dörgie da Evelyn plötzlich sagen.
Er war so in Gedanken gewesen, er hatte gar nicht bemerkt, dass die kleine Gruppe vor einem Gebäudeensemble aus der Gründerzeit zum Stehen gekommen war. Nun packte ihn die Freundin energisch am Ellenbogen.
„Was ist da?“, fragte er verwirrt und strauchelte.
„Hast du jetzt nicht zug'hört, du Doldi? Die Evelyn hat doch gerade von der tollen Ausstellung von ihrer Freundin erzählt! Und da gehn wir jetzt rein“, erklärte ihm Martin, das fränkische Urgestein, in seiner unverfälschten Art.
„Ach nee“, rief Dörgie. Eine Kunstausstellung! Auch das noch! Hatte er heute nicht schon genug gelitten, dass er sich überhaupt auf dieses ganze Scheidungsgedöns seiner Freunde eingelassen hatte?
„Ach doch“, konterte Martin, „das ist jetzt genau das Richtige in der Situation, du alter Bock. Das bissle Kultur wird dir jetzt schon nicht schaden!“
Dörgie hatte da so seine Zweifel. Er ärgerte sich insgeheim über sich selbst. Eigentlich sollte er gar nicht hier sein. Nein. Eigentlich sollte er jetzt wo ganz woanders sein. Nämlich schön bequem bei seiner Bine in Österreich. Nach einem übersichtlichen Home-Office-Tag ein bisschen mit dem neuen Gravelbike durch den Seewinkel cruisen und dann den Abend bei einem guten Glas Wein in einem gemütlichen Weinkeller ausklingen lassen. Wie jeden Freitag, seitdem die strikten Corona-Regeln wieder gelockert worden waren. Stattdessen befand er sich nun mit diesem emotionalen Pulverfass Evelyn, Johnny, ihrem frisch gebackenen Ex-Mann, sowie dem dauerfränkelnden Faktotum Martin mitten in Nürnberg und musste Interesse an Kultur heucheln. Und das alles nur, weil Johnny seine beiden alten Freunde Dörgie und Martin so eindringlich gebeten hatte, ihn bei seinem heutigen Scheidungstermin zu begleiten. Er brauche dringend ihren Beistand, hatte er gesagt. Evelyn könne ja durchaus etwas anstrengend sein, wie sie alle wüssten …
Dörgie wollte natürlich sofort absagen. Seelische Unterstützung von Freunden gehörte nun wahrlich nicht zu seinen Kernkompetenzen. Aber Bine hatte ihm so lange zugesetzt, bis er schließlich doch zugesagt hatte. Vor allem unter der Prämisse, dass er nach der langen Corona-Pause endlich wieder einmal die alte Nürnberger Clique sehen konnte.
Trotzdem: hätte er gewusst, dass ihn Evelyn nach dem Scheidungstermin bei Gericht sofort in die nächste Kunstausstellung schleifen würde, er wäre auf jeden Fall in Illmitz geblieben. Nun hatte er den Salat!
„Also, was ist jetzt?“, drängte Evelyn. „Kommt ihr jetzt endlich, oder was?“
Wenn wir da jetzt nicht mitspielen, wird sie den ganzen Tag über schlechte Laune haben, überlegte Dörgie. „Na gut“, fügte er sich schließlich seufzend in sein Schicksal. „Dann gehen wir da jetzt in Gottes Namen halt hinein.“
Er bereute seine Entscheidung umgehend. Sie betraten das gut besuchte Studio durch den pittoresken Hinterhof eines sanierungsbedürftigen Gebäudes. Eine enge Wendeltreppe führte in einen langgestreckten Raum, der mit modernen Skulpturen und einem Skelett an der hinteren Wand aufwartete, das sofort die Blicke der kleinen Gruppe auf sich zog.
„Allmächd, was ist denn das jetzt“, rief Martin aus. „Ist das etwa ein echtes Gerippe?! Da gehen wir jetzt sofort hin! Das muss ich mir aus der Nähe genauer anschaun!“
Die Freunde folgten Martin, und so standen sie schließlich verblüfft vor einem inszenierten Skelett. Es trug eine Kittelschürze über einem Business-Kostüm, und in der einen knöchernen Hand hielt es einen Wischmopp, während die andere mit auffälligen Ringen und Armkettchen geschmückt auf ein imaginäres Gegenüber zeigte. Davor stand ein Eimer mit schmutzigem Wasser. Eine blonde Langhaarperücke verdeckte den größten Teil des Schädels, und der Künstler hatte das Gebiss doch tatsächlich mit einer roten FFP 2-Maske verhüllt. Daneben lag eine Babypuppe in einem Sportbuggy, gegenüber stand ein einfacher Holzstuhl. Die Installation hieß: „Die Frau und der Nachdenker“, wie ein Schild neben dem Skelett aufklärte.
Dörgie sah sich diskret um, konnte aber niemanden entdecken, der wie ein Nachdenker aussah. Ratlos schaute er zu Johnny, Martin und Evelyn.
„Magst du vielleicht einmal auf dem Nachdenker-Stuhl Platz nehmen?“, wurde er plötzlich von einer kurzhaarigen Frau im schwarzen Catsuit gefragt. „Ich bin Edith. Die Installation ist von mir. Das Skelett ist übrigens echt!“
„Echt jetzt?“, fragte Martin ehrfürchtig und entband damit Dörgie einer Antwort. „Das ist ja der Wahnsinn! Ein echtes Skelett! - Und was soll das jetzt? Ich meine, sollen wir das jetzt bloß anschaun? Oder muss man sich da auf den Stuhl hinsetzen, oder was?“
„Ganz genau! Das ist der Stuhl des Nachdenkers! Wer sich darauf niederlässt, wird zum Teil der Installation. Wie ist es mit dir? Traust du dich?“, wandte sie sich an Dörgie und sah ihn aufmerksam an.
Dörgie zuckte kurz und wehrte dann ab. „Oh, nein! Ich fürchte, ich würde mit meiner nüchternen Art die Gesamtkomposition des Kunstwerks nur zerstören! Aber Johnny, was ist mit dir?“
Johnny verzog den Mund zu einer Grimasse und antwortete: „Sehr verlockend, aber – nein danke!“
„Das müsst ihr wissen“, erwiderte die Künstlerin. „Aber die Auseinandersetzung mit dem Tod in der Person als Frau, die durch ihre visuellen Reize, der durch die Gesellschaft aufgezwungenen Erwartungen an sie und dieser authentischen Gebeine zwangsweise angestoßen wird, wird euch zu neuen Denkmustern inspirieren! Wer war diese Frau? Welche Rollen hat sie eingenommen? Wie determiniert war ihr Leben? Was bleibt von ihr am Ende? War sie glücklich? War sie überhaupt eine Frau? Wie definiert man Frau? Was empfindest du, wenn du sie ansiehst? Was ist aus ihr geworden? Und welche Rolle spielst du selbst bei den gesellschaftlichen Prozessen? Welche Verantwortung trägst du persönlich für ihren Leidensweg? - Der Betrachter wird automatisch zum Nachdenker! Glaubt mir, ihr verpasst etwas, wenn ihr euch das entgehen lasst!“
O Gott, noch mehr feministisches Getue, dachte Dörgie resigniert. Hätte er sich ja gleich denken können, als Evelyn sie alle unbedingt hier hinein hatte zerren wollen.
„Also ich finde das spannend! Und ein echtes Skelett! Das ist ja der Hammer! Und was man daraus für eine Kunst machen kann! Also, das täte der Margit total gefallen! Schon alleine wegen dem gesellschaftlichen Kontext und so. Also, ich probier’s“, sagte Martin und nahm schwungvoll auf der wackeligen Sitzgelegenheit Platz. Dann vertiefte er sich hoch konzentriert und mit ernstem Kennerblick auf die Betrachtung der ungewöhnlichen Installation.
Edith beobachtete ihn wohlwollend.
„Martin?“, richtete Dörgie nach einer Weile das Wort an ihn.
Der Franke saß immer noch regungslos auf dem hölzernen Möbel, die Augen zusammengekniffen und starr auf das Skelett gerichtet.
„Noch alles okay mit dir?“
„Lass ihn Dörgie, er denkt!“, schmunzelte Johnny, woraufhin beide spontan auflachten.
Evelyn warf ihnen daraufhin einen missbilligenden Blick zu. „Ihr Kunstbanausen!“, schimpfte sie. „Es tut mir sehr leid, Edith, dass sich die beiden so kindisch benehmen.“
„Das macht nichts“, meinte die Künstlerin gelassen. „Männer reagieren oft verunsichert, wenn sie sich mit der Rollenerwartung an Frauen auseinandersetzen sollen.“
Daraufhin traten Dörgie und Johnny verlegen von einem Bein aufs andere, während sie von Evelyn grinsend taxiert wurden. Irgendwie fühlte sich Dörgie bei diesen Worten ertappt, obwohl er nicht wusste, warum.
Martin vertiefte sich unterdessen weiterhin und unter voller Konzentration auf die Betrachtung der Installation. „Also, das war jetzt die totale Offenbarung“, sagte er auf einmal und erwachte endlich aus seiner Erstarrung.
„Hat es etwas mit dir gemacht?“, erkundigte sich die Künstlerin interessiert.
„Aber selbstverständlich! Das war mir bisher überhaupt nicht bewusst, wie determiniert man so als weibliches Wesen in unserer Gesellschaft ist, ne? Was man als Frau so alles machen muss: arbeiten, Kinder kriegen, gut ausschaun, erfolgreich sein … also, ich schaffert das jedenfalls nicht?! Zumindest nicht gleichzeitig.“
Edith und Evelyn nickten.
„Wenn ich des nachher der Margit verzähl“, fuhr er eifrig fort, „dann müssen wir das gleich einmal ausführlich diskutieren! Na, die wird Augen machen! Johnny, Dörgie, das müsst ihr jetzt auch einmal probieren! Hopp jetzt, Dörgie! Hock’ dich hin!“
Dörgie hob abwehrend die Hände. Auf so etwas hatte er nach wie vor nicht die geringste Lust.
„Du hast es gehört: Hinsetzen!“, wiederholte Evelyn und sah ihn mit schmalen Augen an.
„Ich will aber nicht!“, versuchte sich Dörgie zu wehren.
„Doch, du willst!“, ignorierte Evelyn seine Einwände.
„Du brauchst echt keine Angst zu haben. Das ist der volle Kunstgenuss, sag’ ich dir“, unterstützte sie Martin. „Und lernen kannst du auch was dabei! Auf geht's!“.
Er stand auf und drückte Dörgie auf den Nachdenker-Stuhl.
„Nun wirst auch du Teil der Installation“, wies ihn die Künstlerin an. „Schau genau hin! Erfasse die Signale, die sie aussendet. Spüre ihren Leidensdruck“, sagte es und stellte sich direkt hinter ihn.
Ihm wurde leicht mulmig zumute. Dann fügte er sich widerwillig. Na schön, dachte er schließlich und gab nach. Dann schaue ich eben …
Aber wie sehr er auch schaute, sein Erkenntnisgewinn lag definitiv bei null. Alles, was er sah, war lediglich ein Skelett in Verkleidung. Und alles, was er spürte, war der harte Stuhl, auf dem er saß. Punkt. Was immer auch Martin erkannt haben wollte, er selber interessierte sich weder für die arrangierte Gebeine, noch für Rollenklischees oder Gendergedöns. Und Diskussionen darüber empfand er als äußerst langweilig und überflüssig. Das Einzige, was ihn beim Anblick dieser Kuriosität beschäftigte, war die Frage, wie zum Teufel es die Künstlerin geschafft hatte, das Gerippe scheinbar ohne sichtbare Hilfe im aufrechten Stand zu halten!
„Und? Was geht dir durch den Kopf, wenn du sie ansiehst?“, hakte Edith nach einer Weile nach.
„Ich bin unschlüssig“, begann Dörgie diplomatisch. „Obwohl … Ich will ehrlich sein. Ganz im Ernst: ich halte nicht viel von dieser … Kunst.“
„Ach nein?“, fragte sie ihn ruhig. „Warum?“
„Nein. Weil … Na ja, ehrlich gesagt: Ich kann mit dem ganzen feministischen Getue nichts anfangen.“
„Feministisches Getue nennst du das. Aha!“
„Also, ich möchte nicht unhöflich sein oder so …“
„Du hältst es also für feministisches Getue, wenn sich Frauen für die Gesellschaft verbiegen müssen und aufopfern sollen und ihre Leistung dann noch nicht einmal zur Kenntnis genommen wird, geschweige denn gewürdigt?“
„Nein! Ich …“
„Hast du eigentlich eine Ahnung, welchem Rollendruck die Frauen von heute in unserer Gesellschaft immer noch ausgesetzt sind und wie sie darunter leiden?“, fuhr sie fort und sah ihn aufmerksam an.
„Na ja, also leiden würde ich das nicht nennen. Meiner Erfahrung nach fühlen sich die Frauen durchaus wohl in ihrer angestammten Rolle“, widersprach er nun.
„Ach wirklich? Wie kommst du denn zu dieser Schlussfolgerung?“
„Ganz einfach: die Frauen, mit denen ich bisher zusammen war, hatten alle keinen Leidensdruck. Die waren alle sehr genügsam und zufrieden mit ihrem Leben.“
„Genügsam? Aha. Interessante Wortwahl“, unterbrach sie ihn. „Du bist also der Meinung, dass Frauen genügsam sein sollen.“
„Nein, so habe ich das doch gar nicht gesagt“, wehrte er sich.
„Oh doch, das hast du gerade gesagt. Oder heißt das eventuell, dass du dir nur Frauen aussuchst, die genügsam sind“, fuhr sie unbeirrt fort. „Und dass es dich nicht interessiert, ob sie vielleicht eigentlich ein ganz anderes Leben führen wollen. Ein selbstbestimmtes. Ohne gesellschaftlichen Erwartungsdruck. Ohne diese Last, den Männern gefallen und von der Gesellschaft so akzeptiert zu werden, wie sie sind? Frauen, die das einfordern, was du ganz selbstverständlich lebst.“
„Aber ich lasse die Frauen doch sein, wie sie sind“, rief er genervt dazwischen.
„Tust du nicht!“
„Tu’ ich wohl!“
„Nein! Denn du schaust einfach nicht hin. Du siehst ihn nicht, den Leidensdruck, der entsteht, wenn man sich anpassen muss, wie man auszusehen hat, wie man sich kleiden muss, welchen Body-Mass-Index man haben darf, welches Alter, wie man lebt. Die Überforderung, den Frust über die ungleiche Behandlung, die ungerechte Bezahlung! Das Bedürfnis nach Anerkennung! Du siehst nicht die Last, die wir Frauen tragen! Du schaust weg!“
„Äh … Nein. Wirklich nicht! Und außerdem … die Frauen, die ich kenne, fühlen sich sehr wohl, so wie sie sind. Die haben kein Problem mit irgendwelchen Rollenbildern oder deinem angeblichen Leidensdruck! Und glaube mir: Ich kenne eine Menge Frauen!“, antwortete Dörgie. Was musste er sich hier eigentlich vor einer wildfremden Frau rechtfertigen? Die Situation hier ging ihm langsam unglaublich auf den Sack. Warum um Himmels willen hatte er das Atelier überhaupt betreten?!
Edith sah ihn daraufhin eine Zeitlang schweigend an. Dörgie rutschte auf seinem Nachdenker-Stuhl unruhig hin und her und musste einem aufkeimenden Fluchtinstinkt widerstehen.
„Nun“, sagte die Künstler unverhofft, „dich ereilt es auch noch! Du kannst gehen.“
Dörgie schaute sie überrascht an und erhob sich dann erleichtert von seinem Platz. Er wollte sich gerade an seine Freunde wenden, als Edith nochmal das Wort an ihn richtete:
„Hüte dich vor der Nemesis! Ihr Zorn ist gnadenlos!“ Dann drehte sie sich um und ließ ihn stehen.
Dörgie sah ihr leicht irritiert nach. Das hatte sich ja beinahe wie eine Drohung angehört. Wer zum Kuckuck war nun wieder diese Nemesis? Bestimmt irgendeine Emanze aus der örtlichen Kunstszene, überlegte er. Er schüttelte den Kopf. Alles Spinner hier.
„Komm, Dörgie, lass uns gehen“, riss ihn Johnny aus seinen Überlegungen. Dankbar griff er den Vorschlag seines Freundes auf und drehte sich zum Ausgang um. Er wollte nur noch weg hier.
„Das war definitiv das letzte Mal, dass ich euch zu einer kulturellen Veranstaltung mitgenommen habe“, schnaubte Evelyn, als die Vier danach die Stufen zur Gastro-Buchhandlung Book'n Art hochstiegen.
„Hoffentlich“, murmelte Dörgie kaum hörbar.
„Was hast du gesagt?“, knurrte ihn Evelyn an.
„Nichts. Ich habe nur Durst“, reagierte Dörgie geistesgegenwärtig.
Evelyn grummelte etwas Unverständliches.
„Evelyn, da muss ich dir unbedingt recht geben! Die beiden hier sind die totalen Kunstbanausen“, mischte sich nun auch noch Martin ein, woraufhin Dörgie die Augen verdrehte.
Der alte Schleimsack wollte ihm und Johnny doch jetzt tatsächlich in den Rücken fallen. Dabei hatte das fränkische Faktotum so viel Ahnung von Kunst wie ein Elefant vom Eiskunstlaufen.
„Evelyn, nichts für ungut, aber wir haben jetzt Durst und könnten alle eine kleine Erfrischung vertragen! Nicht wahr, Martin?“ Er sah den Freund eindringlich an.
„Ja, also gegen ein kühles Helles hätte ich tatsächlich auch nichts einzuwenden“, stimmte Martin ihm sofort zu. „Frisch gezapft, wenn’s keine Umstände macht“, schob er noch grinsend nach.
„Also, Evelyn, da siehst du es: sogar unser selbsternannter Kunst-Experte Martin würde jetzt sehr gerne etwas in deinem Laden trinken“, fuhr Dörgie fort, „Wärst du jetzt also so nett, gehst einfach weiter und lässt uns endlich rein … Bitte!“
Er setzte seinen Dörgie-Spezial-Blick auf, dem bisher noch kein weibliches Wesen hatte widerstehen können.
„Na gut“, willigte Evelyn tatsächlich ein. „Es war ein anstrengender Tag bisher, da habt ihr schon recht.“
Dörgie atmete innerlich auf und grinste. Geht doch.
„Außerdem kann ich deinem Dackelblick unmöglich widerstehen“, lachte sie ihm nun schallend ins Gesicht.
Dörgie stutzte perplex. Dackelblick? Also wirklich!
„Übrigens haben wir tatsächlich für außergewöhnliche Getränke gesorgt“, fuhr Evelyn nun munter fort und lud die drei Männer endlich mit einer einladenden Geste durch die geöffnete Tür in ihren Laden.
„Ich gehe sie gleich einmal holen, damit ihr sie probieren könnt. Wir müssen ja auch noch zusammen auf unsere Scheidung anstoßen! Nicht wahr, Johnny?“
„Auf unserer beider Neuanfang“, korrigierte der sie.
„Noch besser! Also, bis gleich“, rief sie nun gut gelaunt und verschwand dann schwungvoll in einen abgetrennten Raum hinter der Kasse.
„Na, hoffentlich ist in den Erfrischungen auch genug Hopfen und Malz drin und nicht so ein neumodisches Zeug! Also, wir haben uns jetzt schon echt ein gutes Bier verdient, oder? Boah! Das war alles schon echt anstrengend“, schnaufte Martin und sah sich dann neugierig im Laden um.
„Allmächd! Da gibt's ja ein Buch über den Glubb“, brach es auf einmal aus ihm heraus, und schon steuerte er zielstrebig auf einen großformatigen Bildband über den 1. FC Nürnberg zu.
Dörgie und Johnny grinsten über die Begeisterung des eingefleischten Club-Fans, blieben ihrerseits zunächst im Eingangsbereich zurück und schauten sich um. Vom vorderen Teil der Buchhandlung aus gelangte man über ein Durchgangszimmer in den hinteren Bereich, der zu einem Künstler-Café umgestaltet worden war. Während hier vorne die Bücher in Regalen und Ablageflächen dekorativ präsentiert wurden, luden hinten im Café nostalgische Bistrotische zum Kaffeetrinken und Lesen ein. Flankiert wurden diese einerseits von kleinen Bücherstapeln auf dem Boden und andererseits von bunten Gemälden an den Wänden.
Na toll?! Noch mehr Kunst stöhnte Dörgie innerlich auf. „Von Oliver?“
„Vermutlich“, antwortete Johnny mit leicht angewidertem Gesichtsausdruck.
Dörgie entging nicht, dass Johnny bei der Erwähnung seines Nachfolgers unmerklich zusammenzuckte. Er konnte es wohl immer noch nicht verknusen, dass es Oliver gewesen war, der ihm die Frau ausgespannt hatte. Kein Mann mag es, wenn man in seinem Revier wildert, konstatierte Dörgie.
„Du stehst auch nicht so auf Kunst, oder?“, fragte er Johnny.
„Nicht wirklich.“
„Na, mir hat das vorhin in der Ausstellung auch schon gereicht“, seufzte Dörgie.
„Hm“, machte Johnny und sah sich dann weiter skeptisch in der Buchhandlung um.
Dörgie betrachtete ihn verstohlen. Bestimmt wäre er jetzt auch lieber in Illmitz, überlegte er. Und das konnte er verstehen. Da wäre er jetzt nämlich auch gerne. Und zwar mit Bine. Ach ja, Bine. Dörgie dachte mit Bedauern daran, dass seine aktuelle Traumfrau heute Abend ohne ihn im Weinkeller sitzen würde. Apropos Weinkeller: wo zum Teufel blieb eigentlich Evelyn mit ihren Erfrischungen? Langsam bekam er wirklich starken Durst.
„Hola, chicos“, ertönte auf einmal eine vertraute Stimme hinter ihnen.
Dörgie und Johnny drehten sich um und erkannten Margarita und Arno, ein mit ihnen befreundetes deutsch-karibisches Ehepaar, das soeben den Laden betrat. Mit wenigen Schritten hatte die feurige Schönheit die beiden erreicht, da hing Margarita auch schon an Johnnys Hals!
„Hola, Johnny! Wie schön, dich endlich einmal wiederzusehen! Wie geht es dir?“
Sie zog Johnnys Kopf zu sich und drückte ihm abwechselnd drei schmatzende Küsse auf die Wangen.
„Wie war die Scheidung? Alles gut?“
„Alles gut, Margarita! Ich freue mich auch, dich wiederzusehen“, lachte Johnny, und schon stürzte sich Margarita mit ausgebreiteten Armen weiter auf Dörgie.
Ihr Mann Arno stand lächelnd daneben und wartete geduldig, bis seine Frau ihr üppiges Begrüßungsritual vollendet hatte.
„Mensch, Dörgie, Johnny, wir haben uns ja ewig nicht gesehen“, sagte er schließlich. „Schön, dass es nach der langen Zeit wieder einmal geklappt hat. Na, ihr beiden? Ihr seid ja jetzt gemeinsam nach Österreich entschwunden! Wie geht es euch? Habt ihr die Pandemie bisher gut überstanden?“
„Alles bestens“, grinste Dörgie. „Und ihr auch, hoffentlich!“
„Bisher toi, toi, toi! Und wo ist Martin? Der kommt doch auch noch, oder?“
„Er ist schon hier irgendwo“, entgegnete Dörgie. „Hey, Martin, schau mal, wer da ist“, rief er dem Franken zu, der immer noch etwas entfernt in dem Bildband blätterte.
Martin drehte sich um, und erkannte die Neuankömmlinge. „Mensch, das gibt’s doch nicht! Die Margarita und der Arno sind da! Ja, servus zusammen“, rief er erfreut und klappte das Buch zusammen.
Margarita umarmte und küsste auch Martin schwungvoll auf die Wangen.
„Dann sind wir ja endlich alle mal wieder zusammen“, freute sich auch Johnny.
„So gut, wie“, stimmte ihm Martin zu. „Fehlt nur noch meine Margit. Ich rufe sie mal schnell an, damit sie weiß, dass wir schon alle da sind“, sagte er und drückte Arno das Buch in die Hände, um sein Smartphone aus der Jackentasche zu ziehen.
„Du liest?“, fragte Arno verwundert und warf einen Blick auf den Titel. „Ah! Die Geschichte des 1. FCN!“
„Ein literarisch hochwertiges Werk“, erklärte ihm Martin wichtig ohne von seinem Handy aufzusehen. „Das muss ich mir dann unbedingt kaufen! Aber jetzt entschuldigt mich kurz. Die Margit hat Vorrang!“
„Margit? Ist das nicht seine Chefin, in die er sich verguckt hat?“, fragte Arno die anderen leise, als sich Martin abwandte, um zu telefonieren.
Dörgie nickte und grinste.
„Und ist er jetzt wirklich mit ihr zusammen?“, wollte Arno weiterwissen.
Martin umwarb seine Angebetete schon seit geraumer Zeit, was im gemeinsamen Freundeskreis für einen gewissen Unterhaltungswert sorgte. Dörgie erinnerte sich, wie perplex er gewesen war, als er den gemütlichen Grantler dann tatsächlich einmal leibhaftig und gemeinsam mit seiner Flamme gesehen hatte.
„Keine Ahnung“, gluckste Johnny. „Aber ich bin sicher, er wird uns nicht lange im Unklaren lassen!“
„Was habt ihr denn da alle schon wieder zum Flüstern?“, unterbrach Martin, der sein Telefonat beendet hatte, das Gemauschel.
„Wir alle haben uns gerade gefragt, wie es mit dir und Margit so läuft“, klärte ihn Dörgie freimütig auf.
„Ach so. Also, was soll ich da sagen: Das mit der Margit und mir läuft total super!“
„Wirklich? Seid ihr jetzt so richtig zusammen? Muss ja während Corona nicht ganz einfach gewesen sein“, vermutete Dörgie.
„Na ja, das war schon a weng schwierig, ne. Aber ich bin noch gut in meinem Zeitplan und insgesamt hat das dann schon irgendwie gepasst. Ihr wisst ja, dass ich so meine spezielle Taktik hab, ne?“
„Klar! Wissen wir“, lachte Dörgie. „Hast du uns ja bereits mehrfach und sehr detailliert beschrieben!“
„Genau! Und wie gesagt: Ich hab’s ja am Anfang schön langsam angehen lassen und so, platonisch, verstehst? Nach der Phase 1 bin ich zur Phase 2 übergegangen. Wir sind ein paar Mal zusammen ausgegangen. So kulturmäßig, ne. Ins Konzert zum Beispiel, oder in eine Ausstellung. Wie die vom Luther damals. Kannst dich erinnern? Das war doch an dem Johnny seinem Abschied auf dem Christkindlesmarkt.“
Dörgie nickte.
„Und dann waren wir ein paar Mal auf ein Seidla Bier in einer Wirtschaft. Und so hat sich des eben entwickelt.“ Martin grinste zufrieden. „Aber dann kam halt dummerweise das mit dem Corona dazwischen, ne, das war halt in der Situation schon a weng suboptimal.“ Martin seufzte kurz und dachte über verpasste Chancen nach. „Na ja, aber wenigstens haben wir durchs Geschäft immer einen Kontakt gehabt! Jetzt aber kann man ja wieder ohne Einschränkungen fort gehn! Und da kann ich dann zielstrebig Phase 3 anvisieren!“ Er rieb sich voller Vorfreude die Hände.
„Aha! Die da wäre?“, hakte Dörgie amüsiert nach.
„Jetzt wird’ ich langsam in Sachen Gemütlichkeit aktiv werden“, erklärte Martin gut gelaunt weiter. „Ihr wisst schon: schön Essen gehn und danach einen Fernsehabend mit einem romantischen Film machen … vielleicht Star Treck … oder Roggy oder so.“
„Roggy?“, fragte Dörgie irritiert nach. „Kenne ich nicht!“
„Na, der Film mit dem Sylvester Stallone, der wo den Boxer spielen tut!“
„Ach, du meinst: Rocky!“ Martin und sein fränkischer Dialekt! Manchmal verstand man ihn einfach nicht, schüttelte Dörgie den Kopf. Aber er konnte seinen Kumpel einfach nur schwer dazu bringen verständliches Deutsch zu sprechen.
„Ja, Roggy. Sag ich doch“, wiederholte Martin ungeduldig. „Also, wie gesagt: Wir schauen dann einmal einen Film an, dazu essen wir ein paar Chips oder einen Schocklad … und da werden wir uns dann schon näher kommen …“
„Bei Rocky?!“
„Na ja, erst Roggy und dann etwas mit ein bisschen mehr Romantik … man muss da a weng subtiler vorgehen, weißt du, die Margit ist schließlich eine intelligente Frau! Die durchschaut mich doch sofort, wenn ich gleich mit Nodding Hill ankomme?!“
„Jo, Mann, Martin, das klingt wirklich nach einer gut überlegten Strategie!“
„Ja, das finde ich auch! Außerdem hat sie mir gerade geschrieben, dass sie jetzt gleich zu uns stößt.“
In diesem Augenblick kam Evelyn mit ihrem Lebensgefährten zurück, der ein Tablett mit Gläsern balancierte. „Aufgepasst! Oliver und ich kommen mit den Getränken! Vorsicht!“, rief sie. „Und, wer ist denn da in meinen Laden hereinspaziert? Margarita und Arno! Wie schön, euch zu sehen! Das ist ja fast wie in alten Zeiten!“
„Evelyn! Querida! Wie war die Scheidung?“, rief Margarita und drückte auch Evelyn fest an ihren Busen.
„Frag nicht?! Ein erzkonservativer Richter! Stell dir vor, was …“
„Evelyn, wir würden jetzt alle gerne etwas trinken?“, unterbrach sie Dörgie alarmiert. Nichts für ungut, aber für eine weitere Evelyn-Tirade hatte er jetzt keinen Nerv.
„Natürlich! Ihr seid ja alle durstig und …“
„Hallo zusammen! Und Hallo, Johnny“, unterbrach sie nun Oliver und strahlte seinen Vorgänger mit kindlicher Begeisterung an. „Herzlichen Glückwunsch zur Scheidung! Toll! Das müssen wir sofort feiern! Ich finde es klasse, dass alle eure alten gemeinsamen Freunde herkommen sind, um auf das Ende eurer Ehe anzustoßen. Ist fast wie auf einer Hochzeit, oder?“
Während ihn Johnny noch verdattert ansah, drückte Oliver gemeinsam mit Evelyn jedem von ihnen ein Glas mit einem Getränk von schleimiger Konsistenz darin in die Hand. Johnny verzog angewidert das Gesicht.
„Lasst es euch schmecken! Ach, und wir kennen uns doch auch! Du bist doch der Typ, der im Auto Sex hatte und dabei erwischt wurde, oder?“, fragte er Dörgie ungeniert, dem das Lächeln auf dem Gesicht gefror. Diese Geschichte würde ihm wohl ewig nachhängen. „Wie findet ihr übrigens meine Bilder?“, flötete Oliver bereits weiter.
Die Freunde blickten sich zu den Gemälden um.
„Äh … interessant“, antwortete Dörgie unbestimmt.
„Was ist das?“, fragte Johnny, ignorierte die ausgestellten Bilder und roch angewidert am Inhalt seines Glases.
„Ein Smoothie“, antwortete Oliver fröhlich. „Aus frischem Gemüse und Kräutern vom Biobauern! Total gesund und stärkt die körpereigene Abwehr! Das müsst ihr trinken! Hab ich selber gemacht!“
„Muss das so schleimig sein?“, fragte Johnny.
„Das kommt von den Flohsamenschalen. Die sorgen für die Konsistenz und gute Verdauung.“
„Was?! Da sind Flöhe drin? Igitt!“
„Nein! Keine Flöhe! Flohsamenschalen. Das sind Pflanzenschalen. Absolut vegan! Und bio!“
„Trinkt man so etwas heutzutage noch?“, fragte Dörgie und überlegte, wie er sich des unappetitlichen Smoothies möglichst schnell und diskret entledigen konnte. „Also mich erinnert das eher an den Vielsafttrank aus den Harry-Potter-Filmen“, spottete er, woraufhin die anderen grinsten.
„Na los! Traut euch“, forderte Oliver die Freunde auf.
„Und was passiert jetzt, wenn ich das trinke“, fragte Dörgie und gluckste, „Werde ich dann ein hässlicher Slytherin?“
Oliver schaute verständnislos, während Johnny laut auflachte. Dann nahmen sie alle einen vorsichtigen Schluck.
„Und? Wie schmeckt es euch?“, fragte Oliver erwartungsvoll. „Schmeckt toll, nicht wahr?“
„Es schmeckt genauso, wie es aussieht“, antwortete Dörgie lakonisch. Unauffällig sah er sich um, wohin er sein Glas abstellen konnte.
Johnny konnte sich nicht aufraffen, das Gebräu in seinem Mund zu schlucken und ließ es verstohlen wieder in das Behältnis zurückfließen. Martin starrte ungläubig in sein Glas, als könne er nicht fassen, dass man es mit etwas anderem als Bier füllen könne. Oliver genoss sein Getränk begeistert in einem Zug und Margarita und Arno tranken tapfer einen Schluck nach dem anderen, woraufhin Evelyn wieder verschwand, um für Nachschub zu sorgen.
„Vale! Oliver! Deine neue Kunst! Interesante. Magst du uns das genauer erklären?“, forderte Margarita ihn auf.
Nicht schon wieder Kunst, dachte Dörgie nur und ließ frustriert das Kinn zur Brust sinken.
„Du, total gern! Finde ich toll, dass du fragst“, erwiderte Oliver begeistert. „Nun das sind die Werke aus meiner letzten Phase. Die gehören aber alle zusammen!“, sagte er und wies auf die Reihe kleinerer Gemälde.
Sie folgten seinem Blick und schlenderten dann in den hinteren Café-Bereich, um die Darstellungen zu betrachten.
Dörgie schloss sich den anderen relativ desinteressiert an. Olivers Bilder, bemerkte er, zeigten ausnahmslos Evelyn mit bunten Getränken in der Hand, jeweils als Akt und jedes in einer anderen Farbe. Das Ganze sah ziemlich geschmacklos aus, fand Dörgie. Wie konnte man eine so attraktive Frau dermaßen verschandeln und das auch noch Kunst schimpfen.
„Oh, Dios …“, sagte Margarita schließlich. „Und was möchtest du uns damit sagen?“
„Das“, erklärte Oliver, „Sind meine Smoothiebilder! Der Zyklus steht unter dem Motto: Art Interactive! Am besten wählt ihr ein Getränk aus und betrachtet dann das farblich dazu passende Bild. Lasst es auf euch wirken und seht, was es aus euch macht!“ Er sprach die letzten Worte englisch aus.
Dörgie hob kurz den Blick. Nicht schon wieder! Ihm hatte dieser Nachdenker-Unsinn von vorhin schon gereicht. Und dazu sollte er auch noch dazu dieses widerliche Gesöff hier trinken. Was für eine Zumutung. Er starrte angewidert auf seinen grünen Smoothie, den er immer noch in der Hand hielt, und nahm sich vor, keinen einzigen Schluck mehr davon zu trinken, obwohl er in der Zwischenzeit nahezu mörderischen Durst hatte. Heimlich scannte er weiterhin seinen Blick nach einem geeigneten Ablageort dafür, als er auf einmal einen Bildband entdeckte, der seine Aufmerksamkeit erregte: Traumziel Toskana, las er und stellte endlich sein Glas auf dem Boden ab, um sich den Folianten näher anzusehen. Interessiert begann er darin zu blättern, während er im Hintergrund wahrnahm, wie sich Margarita mit dem Maler über seine Gemälde austauschte.
„… und nun zu diesem Bild hier …“, hörte er Oliver gerade dozieren. „Das ist ein Einblick in meine neueste Schaffensphase: Der Zorn der Götter.“
Dörgie hob wieder kurz den Blick und erkannte ein furchteinflößendes, erschreckend realistisches Bild.
„Äh … okay … und was sieht man hier genau?“, fragte Johnny.
„Das ist die Echo“, klärte ihn Oliver auf.
„Du meinst: das Echo“, korrigierte ihn Johnny.
„Nein, ich meine die Nymphe Echo.“
„Aha. Und wer soll das sein?“
„Sie war eine Bergnymphe aus der griechischen Mythologie. Das Echo ist tatsächlich nach ihr benannt“, fuhr Oliver fort.
„Bueno. Und was hat das mit dem Zorn der Götter zu tun?“, fragte Margarita.
„Echo hat Zeus geholfen, seine Seitensprünge vor seiner Frau zu verheimlichen“, schaltete sich nun Arno ein.
Dörgie stöhnte innerlich auf. So sehr er seinen gebildeten Freund auch schätzte, aber seine Vorliebe für wissenschaftliche und kulturelle Themen artete bisweilen in langatmige Vorträge aus.
„Genau, Arno“, übernahm nun Oliver wieder, „Und daraufhin hat Juno Echo bestraft, indem sie ihr die Sprache nahm. Die Nymphe konnte von nun an nur noch die letzten Silben der Worte anderer wiederholen. Das, was wir gemeinhin als Echo kennen. Wozu es dann zu der bekannten Story mit Narziss kam. Den kennt ihr bestimmt!“
„Der Namensgeber der Osterglocken“, mutmaßte Johnny.
„Narziss war der Spross aus der Vergewaltigung einer Nymphe durch einen antiken Flussgott“, erklärte Arno bereitwillig.
„Der Herr Oberlehrer weiß mal wieder alles“, stöhnte Dörgie. Es interessierte ihn nicht die Bohne. Er wandte sich lieber wieder seinem Bildband zu. Momentan verpasste er hier ja sowieso nichts. Was für ansprechende Fotos darin waren. Dort wäre es jetzt sicher netter als hier. Hm, so ein kleiner Trip in die Toskana würde ihm jetzt eigentlich auch gefallen. Er war ja schon lange nicht mehr in Italien gewesen …
„… Er wuchs zu einem überragend schönen Jüngling an, wurde von Männern und Frauen gleichermaßen begehrt, interessierte sich aber nur für sich selbst“, dozierte derweil Arno weiter. „Der Mythos besagt, dass auch Echo sich unsterblich in ihn verliebte. Aber sie konnte ihm ja nicht ihre Liebe gestehen, weil …“
„… Echo nur immer die jeweils letzten Worte von ihm wiederholen konnte“, vollendete Oliver den Satz.
„Genau. Und so fühlte sich Narziss verunglimpft und wies sie kaltherzig ab.“
„Und was passierte dann?“, fragte Margarita.
„Echo starb und versteinerte. Von ihr blieb nur ihr Echo.“
„O! Die Arme! Und Narziss?“
„Der wurde später wiederum von Nemesis bestraft.“
Dörgie sah kurz von seiner Lektüre hoch. Irgendetwas hatte bei ihm gerade geklingelt, als er den Namen hörte. Hatte er ihn nicht erst vor kurzem gehört?
„Was hat sie mit ihm gemacht?“, fragte Johnny.
„Sie hat ihn dazu verdammt, sich in sein eigenes Spiegelbild zu verlieben. Als er erkannte, dass das Ziel seiner Begierden er selber und damit unerreichbar war, verstarb er. An der Stelle erwuchs die Narzisse. Ihr kennt vielleicht alle Dali's Metamorphosen des Narziss. Ein großartiges Bild!“
„Und was zeigst du uns auf diesem Bild?“, fragte Margarita.
„Das ist Echo, wie ich sie sehe. Ich finde es total spannend, wie man ein Echo auf die Leinwand bringen soll. Eine Narzisse ist klar. Da malst du eine Blume und fertig. Aber ein Echo, ein Nachhall, das ist eine künstlerische Herausforderung. Wie willst du das malerisch umsetzen? Es geht ja um Sprache und Sprachlosigkeit. Um ein akustisches Phänomen, nicht um Sichtbares. Also beschloss ich, das Entsetzen der Echo in Öl zu bannen, wenn sie versucht sich zu erklären und es nicht schafft. Das Gefühl im Ausdruck ihres Gesichts … ah, ich sehe, da sind Freunde von mir gekommen. Bitte entschuldigt mich. Ihr könnt euch gerne weiter umsehen“, sagte Oliver und ließ die Freunde vor seinem letzten Gemälde stehen.
Die wiederum betrachteten es nun. Es zeigte Evelyn in einem Zustand völliger Verzweiflung. Dörgie warf nur einen flüchtigen Blick darauf und schüttelte einmal mehr den Kopf. Die ganzen Werke von Oliver fand er an sich schon sehr exzentrisch, aber dieses Bild fand er besonders verstörend. Da blätterte er sich lieber wieder weiter durch die Toskana.
„Was hast du denn da eigentlich?“, fragte ihn Arno schließlich und deutete darauf.
„Einen Reiseführer über die Toskana“, klärte ihn Dörgie auf.
„Das ist ja interessant! Weißt du, dass wir in diesem Frühjahr auch dorthin fah… „
„Schaut einmal alle her“, unterbrach ihn Martin und zeigte zum Eingang der Buchhandlung. „Da ist ja meine Margit! Hallo, Margit! Wir sind hier!“
Dörgie grinste, als Martins Angebetete zielstrebig auf die kleine Gruppe eilte und Martin dann mit einem Küsschen auf die Wange begrüßte. Der Franke lief daraufhin puterrot im Gesicht an und, strahlte über beide Backen.
„Schau, Margit, das ist die Buchhandlung von der Evelyn, und das dort drüben sind die Bildla vom Oliver!“
„Interessant! Hallo zusammen!“, lachte Margit und begrüßte die Freunde. „Was trinkt ihr denn da?“
„Das gehört zum Kunsterlebnis“, erklärte ihr Johnny.
„Wie bitte?“
„Ja, du musst dir ein farbiges Getränk holen und dir das dazu passende Bild anschauen“, sagte Dörgie, zeigte auf die bunten Gemälde und drückte ihr dann flink seinen abgestellten grünen Smoothie in die Hand.
„Aha …“, meinte Margit und nippte vorsichtig daran. „Martin und du? Trinkst du das auch?“
„Auf keinen Fall! Eher verdurste ich“, erwiderte Martin entschieden.
„Das müssen wir verhindern“, grinste Dörgie. „Evelyn, hast du für unseren Ur-Franken und mich noch ein Bier“, rief er der Freundin zu, die wieder hinter dem Verkaufstresen stand und Smoothies einschenkte.
Sie lachte, nickte dann und trat schließlich kurz später mit ein paar Flaschen Bier wieder zu den Freunden.
„Na endlich“, rief Martin und stieß gut gelaunt mit Dörgie, Johnny und Arno an, während Evelyn, Margarita und Margit gemeinsam die Gemälde studierten.
Wie gut, dass sich die Damen nun alleine Olivers seltsamer Kunst widmeten, stellte Dörgie erleichtert fest. Keine Minute länger konnte er sich diesen Unsinn hier antun. „Arno, du warst doch gerade dabei, etwas zu sagen, bevor wir unterbrochen wurden“, forderte er daher den Freund auf.
„Genau“, entgegnete Arno. „Weil du gerade den Reiseführer in der Hand hältst: Margarita und ich fahren in ein paar Wochen dorthin.“
„In die Toskana?“, fragte Martin und warf einen Blick auf das Umschlagfoto. „Echt jetzt?“
„Ja! Zu einem Laufcamp am Meer. In der Nähe von Volterra.“
„Das ist ja toll“, sagte Johnny beeindruckt.
„Ja, nicht schlecht!“
„Ja, und es gibt dort sogar die Möglichkeit, am Ende an einem Marathon teilzunehmen.“
„Wow! Das würde mir auch gefallen“, meinte Dörgie.
„Komm doch mit“, schlug Arno vor. „Ich bin sicher, es gibt noch ein paar freie Plätze!“
„Ja und ich?“, sagte Martin. „Ich tät auch gern mitfahr‘n! Und du, Johnny, was ist mit dir?“
„Gute Idee eigentlich“, sagte Johnny schließlich und die anderen beiden nickten zustimmend. „Was würde uns denn dort erwarten?“
„Eine Woche im Frühling am Mittelmeer in einem 5-Sterne-Hotel mit Halbpension“, klärte Arno auf. „Jeden Tag zwei Trainingseinheiten und am Karfreitag optional ein Marathon von Volterra aus an die Küste. Was meint ihr? Sollen wir wieder zusammen fahren? So wie damals vor Corona zum Martiniloben nach Österreich?“
Die Männer besprachen sich daraufhin eine Weile und kamen dann recht schnell zu einem positiven Ergebnis.
„Auf geht’s nach Italien! Na, dann lasst uns mal Urlaubspläne schmieden“, fasste es Dörgie zusammen und rieb sich voller Vorfreude die Hände. Ein kleiner Trip in die Toskana war ganz nach seinem Geschmack: seine Clique, guter Wein, Sport … und ein bisschen Sonnenschein würde auch nicht schaden. Der Tag hatte nun doch noch eine erfreuliche Wendung für ihn genommen.
„Gut! Wenn alle einverstanden sind, werde ich das dann mal organisieren“, erklärte sich Arno bereit.
„Na, ihr vier? Ihr seht aus, als ob ihr etwas ausheckt“, wurden sie von den drei Frauen unterbrochen, die wieder zu ihnen traten.
„In der Tat“, lachte Dörgie. „Wir planen gerade unser nächstes Sport-Event!“
„Ah! Wie schön! Wohin geht es denn? Wieder ins Burgenland?“, fragte Evelyn.
„Nein, diesmal wollen wir nach Italien! Ein Laufcamp am Meer! Soeben kollektiv beschlossen. Dank deines Reiseführers hier!“
„Sportlich“, sie nahm ihm das Buch kurz aus der Hand und suchte nach dem Preis. „39,80! Eine gute Wahl.“ Sie gab es ihm augenzwinkernd zurück. „Rabatt kann ich dir aber leider keinen geben. Aber pass mal schön auf, Dörgie, sonst endet das Ganze wieder in einem Desaster!“
„Wieso das denn?“, fragte Dörgie.
„Na, das letzte Mal, als ihr zu viert unterwegs wart, hast du doch ganz schön für Chaos gesorgt! Und einen Toten gab es auch noch!“
„Also, dafür konnte ich nun wirklich nichts“, entgegnete Dörgie empört. „Ich habe den Mann schließlich nicht umgebracht!“
„Aber für eine g'scheite Action hast du schon g'sorgt, Dörgie“, erinnerte ihn Martin. „Auf jeden Fall haben wir eine Mords-Gaudi g'habt!“
„Ja: MORDS-Gaudi“, betonte Evelyn.
„Na, so schlimm wird es diesmal schon nicht werden“, grinste Dörgie. „Auf die Toskana!“
„Auf die Toskana!“, riefen die Freunde.
WhatsApp-Nachricht vom 28. März, 22:37 Uhr
Hallo Sweatheart, ich hoffe, du bist trotz der Turbulenzen gut in Rio gelandet! Gut, dass dort jetzt auch Nacht ist, dann wird der Jetlag nicht so schlimm. Ich fahre morgen früh mit Dunja und Hinnerk los. Das Rennrad nehme ich jetzt doch nicht mit. Ich denke, ich werde mit dem Laufen genug ausgelastet sein. Am Karfreitag wollte ich beim Marathon von Volterra nach Marina de la Spiaccia starten, um zu sehen, wie meine Wettkampfform ist. Nur ein Testlauf. Hinnerk nehme ich zum Tempomachen mit. Ich schau mal, wie es läuft. Eventuell steige ich bei der Halbzeit aus. Verausgaben will ich mich ja nicht. Jetzt schlaf erst einmal schön!
Kuss, Dodo
„Moin Martin! Da bist du ja endlich! Wir haben schon auf dich gewartet!“, begrüßte Dörgie den Freund, als der das Gartentor hinter sich schloss, das zu Arnos Doppelhaushälfte im Nürnberger Stadtteil Altenfurt führte. Seit ihrem Wiedersehen in Evelyns Buchhandlung waren nur wenige Wochen vergangen. Die Reiseplanungen waren erfolgreich abgeschlossen, die Freunde waren bereit zur Abfahrt. Dörgie lehnte lässig an Arnos Wagen, der frisch geputzt und vollgetankt in der Einfahrt stand. Arno beugte sich über den geöffneten Kofferraum und räumte Platz frei für das Gepäck zu seinen Füßen.
„Servus zusammen!“, grüßte Martin die beiden Männer und gesellte sich gut gelaunt zu ihnen. Er trug eine Cordhose und eine offene Jacke über einem Holzfällerhemd und hatte eine prall gefüllte Reisetasche geschultert, die er nun mit Schwung auf dem Boden vor Arnos Auto abstellte. Dörgie registrierte das mit gekräuselten Lippen. „Du bist spät.“
„Ja, sorry Leute! Aber ich hab halt noch a weng mit der Margit geplaudert, ne, und da hat's halt a weng länger gedauert“, grinste Martin zufrieden.
„So, so, immer noch auf der Erfolgsspur in Sachen Liebe?“, spottete Dörgie.
„Logo! Was der Martin angeht, des klappt immer! Verzähl’ ich euch später. Ah“, wechselte er das Thema, „wir fahren heute wohl nicht mit deiner Karre, Dörgie? Sind wir dir nicht vornehm genug? Wo steht denn dein Auto überhaupt?“
Dörgie wies mit dem Kinn in Richtung Arnos Garage. Dort parkte Dörgies Jeep neben einem ziemlich heruntergekommenen Kombi aus den 90ern.
„Und welcher von den beiden ist jetzt deiner?“, fragte Martin harmlos.
Dörgies Gesichtszüge entglitten. Wie konnte dieser Vollpfosten ernsthaft in Erwägung ziehen, dass er so einen Blechhaufen fahren würde! „Der Jeep natürlich, du Hirni!“
Martin lachte nun lauthals auf. „Dörgie, du alter Depp! Das weiß ich doch natürlich! Aber dein Gesichtsausdruck war den Spaß wert!“ Er lachte noch eine Weile weiter und sagte schließlich: „Ach, war das lustig. Aber jetzt können wir eigentlich los, oder? Wir sind doch alle da und Zeit wird’s auch! … Wo ist denn deine Margarita, Arno? Die kommt ja diesmal auch mit.“
„Hm“, machte Arno und sah sich zum Haus um.
Die beiden anderen folgten seinem Blick. Selbst durch die geschlossene Eingangstür konnten sie Margaritas energische Stimme deutlich vernehmen. Sie feuerte Anweisungen wie Gewehrkugeln ab. An Temperament hatte es Arnos Frau noch nie mangeln lassen, konstatierte Dörgie.
„Wie du hörst, ist sie noch im Haus. Es dauert wohl noch etwas“, seufzte Arno und sah auf die Uhr an seinem Handgelenk. „Sie diskutiert mal wieder mit unserem Sohn …“
Dörgie und Martin grinsten, aber Arno blickte sorgenvoll zum Haus.
„Gibt es Probleme?“, hakte Dörgie nach.
„Ach, frag nicht …“, erwiderte Arno und atmete schwer aus. Dörgie und Martin warfen sich rasch einen Blick zu und Dörgie zuckte ratlos mit den Schultern.
Er hatte keine Kinder und konnte auch prinzipiell sehr gut auf eine eigene Familie verzichten. Nach seiner Auffassung störten Kinder nur die traute Zweisamkeit zwischen Männlein und Weiblein. Bei all seinen Freunden, Bekannten und Kollegen konnte man ja sehen, wohin das mit dem Familienleben führte: zu einem ziemlich trostlosen Brei aus Enttäuschung, Frust und Resignation. Dörgie hatte da seine ganz eigene Theorie zu diesem Thema.
Zuerst war nämlich immer alles ganz fantastisch. Ein Mann und eine Frau lernten sich kennen, und es funkte ordentlich zwischen ihnen. Die Verliebten hatten Sex ohne Ende, und auch der Alltag bekam einen ordentlichen Gute-Laune-Kick. So ging das dann eine Weile gut. Bis sie auf einmal anfing von Kindern zu sprechen. Erst ab und zu, dann immer eindringlicher, bis erihr endlich einen Antrag machte. Noch hing der Himmel voller Geigen, beide schworen sich ewige Liebe und träumten davon, im Alter händchenhaltend auf einer Parkbank zu sitzen und Enten zu füttern. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Paar noch irre viel Spaß im Bett, weil sie erfahrungsgemäß unbedingt und möglichst schnell ein Baby wollte. Er hatte inzwischen seinen Verstand abgeschaltet oder war in diesem Stadium schlichtweg zu naiv, um die Konsequenzen dieser Entwicklung abzusehen. Denn mit der Ankunft des ersten Kindes war es dann vorbei mit den ungestörten Schäferstündchen. Nicht zuletzt wegen der Sache mit diesen Hormonen, die ihre Stimmung ganz schön Achterbahn fahren ließen. Und wegen dieser ausgesprochen unappetitlichen Schwangerschafts- und Geburtsgeschichte im Allgemeinen, die ja Dörgies Meinung nach grundsätzlich und fälschlicherweise idealisiert wurde. Nun nämlich hatte sie für einen Zeitraum X erst einmal keinen Bock mehr auf ihn. Und erst recht nicht auf Sex. Logisch, eigentlich. Wenn der Alltag ab dem Zeitpunkt der Entbindung nur noch aus monatelangem Geschrei und wenig attraktiver Pflegearbeit für einen Säugling bestand, wie sollte sich da irgendwie bei irgendwem noch ein Hauch von Erotik einstellen?! Und mal ehrlich: wenn aus ihrem Busen Milch lief, törnte ihn das auch nicht wirklich an …
Auf jeden Fall war aus der Traum-Frau von einst auf einmal ein gestresstes Muttertier geworden. Statt eines erfüllten Liebeslebens mit ihr stand nun knallharter Überlebenskampf im Baby-Alltag auf dem Plan. Alles wenig prickelnd. Er begann sich damit abzufinden. Schließlich hatte erihr ewige Liebe geschworen und glaubte vielleicht sogar daran. Also hieß es, auf bessere Zeiten zu warten. Die waren scheinbar gekommen, wenn sie plötzlich noch ein Baby wollte. Meist im Abstand von zwei bis fünf Jahren. Mit dem Argument, die lieben Kleinen hätten dann einander zum Spielen, was wieder für mehr Quality-Timefür die Eltern als Paar bedeuten würde.
Prima, dachte er sich und hatte dann für einen Zeitraum X wieder Sex. Freilich war die Sache inzwischen nicht mehr so unbeschwert wie vor dem Kinderkriegen. Sie stellte auf einmal Anforderungen und er musste jetzt liefern, wenn das Baby Nummer zwei in Arbeit war. Was ihm einem gewissen sexuellen Leistungsdruck unterwarf. Weshalb der Spaßfaktor nicht ganz so prickelnd war wie in der Anfangsphase ihrer Beziehung. Auch begann sich in dieser Zeit eine gewisse Ernüchterung über ihr Bild von ihm breitzumachen: Der Märchenprinz von einst war zum unachtsamen Untermieter mutiert, den sie ständig erziehen und korrigieren musste, weil er mal wieder die Waschmaschine falsch eingestellt oder Bremsspuren in der Toilette hinterlassen hatte. Was ihn natürlich nervte. Und seiner anfänglichen Motivation, sie ein Leben lang auf Händen zu tragen, einen gehörigen Dämpfer verpasste. Zu schwer dafür war sie inzwischen auch noch geworden …
Und was geschah dann? Er wurde immer unzufriedener und fing schließlich an, die Angel wieder nach potentieller Beute auszuwerfen. Was wieder einen gewissen Kick in den Alltag brachte. Zumindest in seinen. Ab und an biss sogar eine an. Von da an gab es zwei Optionen: Entweder er entschied sich für ein zweigleisiges Leben, wo er nach einem ausgeklügelten und geheimen Stundenplan sein Intimleben wieder aufpeppen konnte. Natürlich mit dem Risiko, vor dem Scheidungsrichter zu landen. Oder aber er blieb treu und sexlos zu Hause bei ihr, samt gemeinsamen Nachwuchs, und beließ es dabei, ab und an andere Frauen wenigstens mehr oder wenig verhohlen hinterher zu starren. Die Erotik verabschiedete sich bei dieser Variante dann eher in das Reich der Fantasie.
Von Sex mit ihr
