Tot oder lebendig - Ariana Zustra - E-Book

Tot oder lebendig E-Book

Ariana Zustra

0,0

Beschreibung

Am Abend vor ihrem dreißigsten Geburtstag beschließt Anna Thurow zu sterben. Oder zumindest erwägt sie sämtliche Selbstmordarten – nur keine scheint die richtige. Sie ist weder unglücklich noch glücklich, aber etwas kam ihr schon immer seltsam falsch vor: etwa dass sie als Kind Astronautin werden wollte und nun einen tristen Bürojob irgendwo in Ostdeutschland macht, und nicht zuletzt der fehlende Penis zwischen ihren Beinen. Eine Hypnotiseurin leitet Annas Fremdeln mit sich und der Welt von einem früheren Leben her: In Anna rumore der Geist eines kroatischen Juden namens Andri. Anna hält das für ziemlich große Scheiße, aber die Neugier siegt: Sie reist in Andris angebliche Heimatstadt. Überwältigt von der Schönheit Dubrovniks trifft sie über einen Kontakt der Jüdischen Gemeinde auf Anka, die diesen Andri gekannt hat, und erfährt immer mehr von der Kriegsvergangenheit Ex-Jugoslawiens und den Naziverbrechen. Der erste Roman der Musikerin und Schriftstellerin Ariana Zustra handelt von verdrängten Kriegsschauplätzen der Shoa, von Grenzen von Religion, Identität und Sexualität. Es ist ein ebenso urkomischer wie todtrauriger Roman über den Versuch, sich selbst und die Welt zu erklären, und über die Frage, wer wir sein können, wenn wir nicht wissen, wer wir sind.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 287

Veröffentlichungsjahr: 2023

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



 

Am Abend vor ihrem dreißigsten Geburtstag beschließt Anna Thurow zu sterben. Oder zumindest erwägt sie sämtliche Selbstmordarten – nur keine scheint die richtige. Sie ist weder unglücklich noch glücklich, aber etwas kam ihr schon immer seltsam falsch vor: etwa dass sie als Kind Astronautin werden wollte und nun einen tristen Bürojob irgendwo in Ostdeutschland macht, und nicht zuletzt der fehlende Penis zwischen ihren Beinen. Eine Hypnotiseurin leitet Annas Fremdeln mit sich und der Welt von einem früheren Leben her: In Anna rumore der Geist eines kroatischen Juden namens Andri. Anna hält das für ziemlich große Scheiße, aber die Neugier siegt: Sie reist in Andris angebliche Heimatstadt. Überwältigt von der Schönheit Dubrovniks trifft sie über einen Kontakt der Jüdischen Gemeinde auf Anka, die diesen Andri gekannt hat, und erfährt immer mehr von der Kriegsvergangenheit Ex-Jugoslawiens und den Naziverbrechen.

Der erste Roman der Musikerin und Schriftstellerin Ariana Zustra handelt von verdrängten Kriegsschauplätzen der Shoa, von Grenzen von Religion, Identität und Sexualität. Es ist ein ebenso urkomischer wie todtrauriger Roman über den Versuch, sich selbst und die Welt zu erklären, und über die Frage, wer wir sein können, wenn wir nicht wissen, wer wir sind.

 

 

Inhalt

1 – Nachdem ich Pommes gegessen und geduscht hatte …

2 – Am Tag nach dem Selbstmord im Kopf …

3 – Am nächsten Tag vegetierte ich durstig im Bett …

4 – Die Arbeit ruft nicht, sie schreit …

5 – ICD-10 F48.0 …

6 – Unter Tränen, im Nachthemd und mit wirrem Haar …

7 – Ich lag auf meinem Bett …

8 – Alles brannte. Seitenstechen. Atemnot …

9 – Wenn alles sinnlos ist, kann man auch …

10 – Als ich am Tag nach der Hypnose erwachte …

11 – Haben Sie Bücher über Juden …

12 – Als ich mit sechzehn Jahren …

13 – Ich fuhr mit dem Zeigefinger über …

14 – Ich pulte vor Aufregung den Aufkleber …

15 – Ich wachte auf von einem Tapsen …

16 – Herr Špilman breitete Fotokopien …

17 – Endlich hatte ich das Haus gefunden …

18 – Als ich Herrn Spilman sehr früh am Morgen …

19 – Die nächsten Tage konnte ich nicht …

20 – Das Leinenhemd war gerade lang genug …

21 – Als Kind wollte ich eine Zeitmaschine haben …

22 – Wo hört ein Tropfen auf …

23 – In Deutschland hat man ordentlich zu sterben …

24 – Ein paar Tage später wäre ich eigentlich …

25 – Ich habe eine Frau geküsst …

26 – »The Jews of Dubrovnik« …

27 – Ich wünschte, ich wäre innerlich so belebt …

28 – Die Katze war tot …

29 – Als ich ein paar Tage später …

30 – Adam und ich lagen auf dem Bett …

31 – Es knackte im Unterholz …

32 – Ich atmete durch …

33 – Ich hatte Andris Hemd an und wollte gen Himmel …

34 – Ich ließ mich in der Ostsee auf dem Wasser treiben …

 

1

Nachdem ich Pommes gegessen und geduscht hatte, beschloss ich, mich umzubringen. Es war der Abend vor meinem dreißigsten Geburtstag, und wenn die folgenden dreißig Jahre so werden würden wie die bisherigen, wäre weiterleben schon arg lästig. Lästig ist aber auch, dass man sich erst umbringen muss, wenn man nicht mehr leben will. In Filmen ist das immer ein dramatischer Moment, untermalt mit elegischer Orchestermusik. Aber in Wahrheit ist es still.

Ich lag im Bett und starrte ins Dunkel. Wie also bringt man sich um? Erhängen. Der Klassiker. Wenn man es ordentlich machen will, nimmt man einen Strick. Dummerweise hatte ich zufällig gerade keinen da. Wo kauft man denn einen Strick? Vor meinem inneren Auge sah ich mich morgen in den OBI spazieren und einen Strick kaufen, und damit es nicht so sehr auffällt, noch eine Packung Teelichter. Aber ich wusste nicht, wie man den knotet, und vor allem nicht, wohin. Ich hatte keinen Balkon und auch keinen Dachboden. Eigentlich hatte ich nicht mal ein Wohnzimmer. Draußen möchte ich es nicht machen, es könnten ja Kinder vorbeilaufen, während ich so vor mich hin baumele. Wenn schon, dann müsste ich es irgendwo tun, wo mich jemand abbinden würde, der damit umgehen kann, vielleicht die Uhligs von nebenan. Der Mann ist Schaffner bei der Deutschen Bahn, da ist man ja täglich mit Misere konfrontiert. Aber der kommt zu unregelmäßigen Zeiten nach Hause. Was wäre also die beste Uhrzeit, um zu sterben? Ich starrte in die Dunkelheit und fand den Klassiker zu unzuverlässig. Ich verwarf den Strick. Auch möchte ich nirgendwo herunterspringen, weil ich das Ziehen im Bauch nicht mag. Deswegen springe ich auch nie vom Fünfer. Dabei mag ich Höhe, weil sie einen Überblick verspricht, den ich gerne hätte. Außerdem habe ich dann nicht die Kontrolle, wie ich unten lande. Und wenn ich schon Matsch werde, wäre ich gern zu hundert Prozent toter Matsch. Eine Waffe kommt mir nicht ins Haus. Ich habe mal im Internet gelesen, dass man auch Tabak in Wasser auflösen kann, aber dann müsste man schon ein ganzes Glas Tabak trinken. Das schmeckt doch scheiße. So ein Gesöff ist keine Henkersmahlzeit. Ich möchte lieber Pommes essen und dann sterben. Gut gefällt mir Gift. Das ist schön nostalgisch, das hat sich in der Geschichte oft bewährt. So wie in »Arsen und Spitzenhäubchen«, und das sind so nette alte Damen. Bloß habe ich keine Ahnung davon. Ich kann ja schlecht in die Apotheke spazieren mit den Worten: »Eine Packung Gift, bitte!« Oder sollte ich in alle Apotheken der Stadt gehen und in jeder genau so viel Gift kaufen, wie frei verkäuflich ist, und pansche es dann zu Hause zusammen? Mein Wunsch wäre Ertrinken, aber nur im Meer, und das gibt es hier in der Nähe nicht, und die Ostsee zählt nicht, weil deren Brackwasser ist nun wirklich nicht das, was man als Letztes sehen will, bevor man stirbt.

Doch der Gedanke, dass ich nicht so ohnmächtig war, wie ich mich fühlte, weil ich ja letztlich doch mein Leben selbst in der Hand hatte – und damit auch mein Ableben –, machte es leichter. Außerdem hatte ich durch die pragmatischen Überlegungen wieder Hunger bekommen, Pragmatismus ist keine Stärke von mir, das macht müde. Dabei kann ich unglaublich gut planen. Nur mit der Durchführung hapert es halt. Es war schon nach drei Uhr morgens, und ich lag noch immer wach. Ich stand auf und schlurfte in die Küche. Ich zündete eine Kerze an. Bei weniger Licht sieht man weniger, das einen beunruhigt. Ich machte Popcorn. Das ploppte irrsinnig laut. Ein kleiner Krieg in der Küche. Ich schüttete zu viel Salz darüber und verzog mich mit der Schüssel zurück ins Bett. Dann richtete ich mich mit meinem Laptop unter der Decke in einer Position ein, die sehr schlecht für den Rücken war und sehr bequem. Ich startete den Film »Das Meer in mir«, das war einer meiner liebsten, seit ich ihn vor ein paar Jahren im Kino gesehen hatte. Es geht um einen Mann, der seit einem Badeunfall gelähmt ist und für Sterbehilfe kämpft. Ich konnte mich anfangs nicht konzentrieren, weil ich mir ausmalte, wie ich dabei erwischt werde, schon wieder etwas heruntergeladen zu haben, und einen Bußgeldbescheid bekomme, wegen all der Filme, die ich schon illegal aus dem Netz gezogen habe, und dass sich da sicher schon mehrere Tausend Euro angehäuft haben, die ich nicht würde bezahlen können, und wie eines Tages der Zwangsvollstrecker vor der Tür stünde und streng sprechen und streng gucken würde, und wie er bei mir nichts Wertvolleres einsacken könnte als meinen Laptop, den ich im Backofen verstecken würde, oder meinen Globus aus den Dreißigern, in dem das Licht kaputt ist, oder meine italienischen Schuhe, darunter das Paar Budapester, gebraucht, weinrot, Nappaleder, Größe 40, was aber niemals die Kosten decken würde, und dass mein Konto gepfändet werden würde, und ich mich so lange weigern würde, bis ich ins Gefängnis müsste, und dort würde ich dann so sehr leiden, dass ich letztlich doch sterben würde. Am Ende von »Das Meer in mir« schluckt die Hauptfigur Zyankali. Ich beschloss, dass mir für heute ein Toter reichte. Vor dem Einschlafen spürte ich, dass sich die Maisschalen unter mein Zahnfleisch geschoben hatten und ich eigentlich Zahnseide benutzen müsste. Wenn ich an etwas so Weltliches wie Zahnseide dachte, konnte es so schlimm nicht sein, sagte ich mir, um mich zu trösten. Vielleicht wollte ich gar nicht sterben. Vielleicht hatte ich nur Hunger. Dann schlief ich ein.

 

2

Am Tag nach dem Selbstmord im Kopf gab es eine Party. Das erschien mir einleuchtend. Leben kenne ich als Wechsel aus Dunkel und Hell. Auch Winter und Sommer sind ja Tagesformen, letztlich.

Als Kind mochte ich die Vorstellung, dass ich eines Tages an meinem Geburtstag sterbe. Weil ich am 29. Februar geboren bin, fühle ich mich regelmäßig übergangen, so als hätte man mich vergessen, drei Jahre am Stück. Meine beiden jüngeren Schwestern stichelten stets: »Wer keinen Geburtstag hat, den gibt es auch nicht!« Dieses Jahr war kein Schaltjahr, deswegen wäre der Selbstmord gestern ohnehin kein rundes Ding gewesen.

Weil es mein Geburtstag war, benahm ich mich wie ein Mensch. Ich würde abends welche von ihnen treffen, also tat ich Dinge mit meinem Körper, die mir immer schon wie ein lebenslanger Zeitvertreib erschienen, waschen zum Beispiel. Nur schminke ich mich nicht. Schminken ist der Gipfel der Sinnlosigkeit. Man gibt sich morgens Mühe und macht abends alles wieder rückgängig? Auch kochen finde ich absurd. Da investiert man Zeit, und dann ist das Ergebnis hinterher weg? Essen bedeutet mir nicht viel. Es drängt sich auf, jeden Tag aufs Neue. Essen zwingt einen, am Leben zu bleiben.

Ich zog mir eine Tweedhose an, die an den Beinen weit und an der Taille eng war. Davor streifte ich mir Socken über die Füße, weil ich eine Hose erst anziehen kann, wenn ich schon Socken anhabe, andersherum geht es nicht. Ich ließ wie immer einen BH weg, weil: wieso auch, und schlüpfte in ein steingraues Hemd. Ich überlegte, eine Krawatte anzuziehen. Mit Krawatte hätte ich ein wenig ausgesehen wie Diane Keaton in »Der Stadtneurotiker«, und das finde ich grundsätzlich erstrebenswert, aber ich ließ sie doch weg und knöpfte das Hemd stattdessen etwas auf. Dieser Ort hier war ohnehin zu klein dafür.

Meine Freundin Agnes und ihr Mann Karl hatten mich zum Abendessen zu sich nach Hause eingeladen. Danach waren Agnes und ich zu einer Party verabredet, mit unserem gemeinsamen Freund Alex. Er war Stadtplaner und kannte einen Haufen Leute, und in einer verlassenen Industriehalle im Neubaugebiet bei der Plattenbausiedlung feierte irgendein Ronny, für den er mal in seiner Freizeit Fotos geschossen hat für dessen Internetseite. Sie konnten sich nicht leiden, und um das zu überspielen, hatte er Alex eingeladen, und Alex hatte die Einladung angenommen.

Mit Agnes bin ich schon seit der Schule befreundet. Alex lernten wir beide an der Uni kennen. Agnes hatte Pädagogik studiert, Alex Geographie und ich Geschichte. Ein Seminar über Sozialforschung besuchten wir gemeinsam. Als wir uns bei Agnes in der WG trafen, um ein Referat vorzubereiten, beschlossen wir einstimmig, stattdessen einen Mittagsschlaf zu halten, und so wurden wir Freunde. Die wenigen Freunde, die ich in der Schulzeit hatte, zogen weg nach Berlin oder in den Westen oder blieben in der Gegend, so als gäbe es hier ein normales Leben und als sei es leicht, es zu führen.

Ich starrte beim Essen in die Kerzenflamme und spulte Wörter ab, die ein Gespräch imitierten. Mein Mund war jetzt das Einzige, was an mir lebte. Karl unterhielt sich mit mir wie mit jemandem, mit dem man vorsichtig umgehen musste. Er sprach über die Nachrichten, irgendein Politiker hat irgendetwas gesagt oder nicht gesagt oder getan oder nicht getan und man hielt es für wichtig oder gar für neu. Ich sah meinen Händen dabei zu, wie sie den Fisch auf dem Teller vor mir mit Gabel und Messer zerteilten. Ich glaube, von außen muss es normal ausgesehen haben. Tut es ja immer.

Gegen Mitternacht fuhren Agnes und ich mit dem Fahrrad los. Es war ungewöhnlich warm für die Jahreszeit, aber mir war kalt, weil ich aus Trotz keine Jacke trug, denn noch vor Frühlingsbeginn die Jacke weglassen zu können ist wie länger aufbleiben dürfen. Außerdem war es mir egal, zu frieren.

In der Lagerhalle herrschte Gedränge. Kaum angekommen, wollte ich sofort wieder gehen, als uns Alex wie aus dem Nichts aufgetaucht um den Hals fiel. Überall standen Menschen mit Samstagabendgesichtern. Ich sah, dass sie sich über das Geschehen freuten, aber ich wusste nicht mehr, wie das ging. Was feiern Leute eigentlich genau, wenn sie »feiern« gehen? Ich weiß nicht mehr, aus welcher Jackentasche er es gezaubert hatte, aber plötzlich hielt Alex mir ein Yes-Törtchen unter die Nase mit einem Kerzlein drin, wie aus der Reklame damals. Das hatte ich seit der Kindheit nicht mehr gesehen. Für einen kurzen Moment fühlte es sich an wie früher, und das war schön. Alex drückte mir einen Kuss auf die Wange, und Agnes umarmte mich.

Aus Lautsprechern dröhnte »Losing My Religion«. Agnes und Alex unterhielten sich über ihre Woche, und weil ich nicht wusste, wohin mit mir, wand ich mich durch die Flure der Fabrik und tat so, als wüsste ich es. Immer wenn ich bei einer Party nicht weiterweiß, gehe ich in die Küche, meistens aber heimlich nach Hause. Die Küche war in dieser Halle eine Kantine, und vor der Tür hielt mich ein Typ am Ärmel fest. Er lallte und verwickelte mich in einen Dialog, der ein Monolog war. Er war Tischler und faselte, er wollte mir etwas bauen. Als ich entgegnete, dass ich nichts möchte, fasste er mir zwischen die Beine. Er stank nach billigem Fusel. Eigentlich wünschte ich mir etwas Nähe, um ein Gefühl für meinen Körper zu bekommen, oder um mich von meinem Kopf zu trennen, ich war mir nicht sicher. Ich flüchtete. Er rief mir »Fotze« hinterher. Ich drängelte durch die Gänge in eine der Toiletten und schloss die Tür hinter mir ab. Es war ein Waschraum, und ich hockte mich vor die Duschkabine, in deren Wanne Bierflaschen in Eiswasser versenkt waren. Draußen dröhnte es, und in meinem Kopf auch. Ich schaute auf die Wasseroberfläche, kniete mich hin und hielt eine Hand ins Wasser. Es war tatsächlich eiskalt, und ich wartete, bis es wehtat. Dann wartete ich noch einen Augenblick länger. Irgendwann griff ich eine Flasche heraus, öffnete die Tür und begab mich ins Rauschen.

In der zur Küche umfunktionierten Kantine hatten ein paar Typen Bloody Marys gemixt und Tomatensaft verschüttet, es sah aus, als hätten sie mit Blut gespritzt. Die drei drückten mir ein Gläschen aus Plastik in die Hand und stießen mit mir an. Der Betrunkenste von ihnen legte seinen Arm um mich, als wären wir Freunde. Unangenehm. Er hatte »Carpe diem« auf das innere Handgelenk tätowiert. Was für eine gute Stelle. Ich hatte wie immer keine Lust zu reden, aber sie sprachen über Fußball, und daher klinkte ich mich ein. Einer der drei, dessen Namen ich vergessen hatte, drückte mir noch einen Schnaps in die Hand. Weil ich wusste, dass Uruguay 1930 der erste Weltmeister war, schauten sie erst sich mit großen Augen und dann mich mit großen Mündern an. Wenn ich getrunken habe, kriege ich so einen Weltuntergangssarkasmus, der dann fälschlicherweise als Heiterkeit interpretiert wird. Noch einen Schnaps.

Ich weiß nicht mehr, wie ich aus der Fabrikhalle gekommen bin, und wie viel Zeit bis dahin vergangen war, aber an was ich mich erinnere, ist, mich in einem Garten zwischen Plattenbauten in der Nähe eines Waldstücks wiederzufinden. Agnes und Alex waren bei mir.

Alex packte mich an den Schultern, schaute mich ernst an und sagte, jedes Wort betonend: »Sag so was nie wieder.«

Ich verstand nicht, was er meinte.

»Es wird auch wieder besser!«

Dann fiel mir auf, dass mein Gesicht von Tränen und Rotz verschmiert war. Ich übergab mich auf den Rasen, vor eine Skulptur von Michelangelos David. Ich schielte auf seinen Penis. Vor ihm war nun eine Pfütze aus Kotze. Ich konnte mich nicht erinnern, warum ich angefangen hatte zu weinen, aber jetzt kicherte ich.

Agnes packte mich an den Schultern: »Anna, was ist los mit dir?«

Von Weitem hörte man das Johlen einiger Partybesucher, die im Hinterhof der Halle herumlungerten und, wohl im Zuge eines Trinkspiels, skandierten: »Ausziehen! Ausziehen!« Dann stellte ich fest, dass dieser David nur aus Plastik war und der Pimmel somit auch. Enttäuschend. Plötzlich raschelte es im Gebüsch. Wir drehten uns um. Ein Fuchs sprang zwischen den Zweigen hervor. Er trabte nicht weg, sondern blieb stehen. Er schaute uns an, und wir schauten ihn an. Ich hätte dem wilden Tier gern aus der Nähe in die Augen geblickt. Aber dann huschte der Fuchs weg.

»Das war der schönste … Das ist das beste …«, hickste ich und hatte am Ende des Satzes seinen Anfang vergessen.

Als Agnes den Kopf schüttelte und mich packte, kicherte ich wieder. Ich musste pinkeln. Alex half mir auf. Ich torkelte in das Gebüsch, aus dem gerade der Fuchs gekommen war, und zog meine Hose herunter, aber hockte mich nicht hin. Wenn ich sehr betrunken bin, vergesse ich, dass ich nicht im Stehen pinkeln kann. Als ich zurück zu meinen Freunden wankte, fühlten sich meine Beine nass an.

»Wir müssen den Wolf suchen«, lallte ich.

Dann ertönte ein ungeheuerliches Heulen. Die Musik verstummte. Stimmengewirr.

»Das ist die Polizei«, sagte Agnes.

»Der Spaß ist vorbei«, sagte Alex.

»Ja, eh«, sagte ich.

Dann kippte ich um.

 

3

Am nächsten Tag vegetierte ich durstig im Bett. Ich trank nicht, weil ich sonst früher oder später auf die Toilette gemusst hätte, und das wäre eine Handlung gewesen. Ich wollte am liebsten nichts tun, oder nicht da sein, und weil das nicht ging, war Liegen eine vorübergehende Lösung. Nachmittags klingelte es an der Tür. Bestimmt eine Viertelstunde lang. Aber ich ging nicht hin. Ich erwartete niemanden. Ich wollte niemanden sehen. Bei mir klingelte eh nie jemand, höchstens ein schlecht gelaunter Postbote, wobei meine Päckchen meistens die Frau Wachowiak aus dem Erdgeschoss entgegennimmt, weil sie den ganzen Tag zu Hause sitzt und Homeshoppingsender guckt und sich Wunderarmbänder aus Metall gegen ihr Rheuma bestellt oder angebliche Zauberpflaster gegen Arthrose. Nach der Wende täuschte der Kapitalismus ihr Trost durch Konsum vor bei einer Trauer, die er selbst verursacht hatte. Wunderarmbänder für die Alten, weiße Sneaker für die Jungen. Frau Wachowiak hatte viele Krankheiten. Sie hatte alles, und ihr fehlte es an allem. Ich wollte immer eine Oma haben, der ich etwas bedeute. Immerhin hatte ich Frau Wachowiak. Manchmal trug ich ihr die Einkäufe in die Wohnung, und dann redeten wir. Mein Telefon brummte auf meinem Nachttisch, aber ich nahm nicht ab, weil ich dann hätte sprechen müssen. Ich las drei Nachrichten von Agnes. »Ich stehe vor deiner Tür. Machst du mir auf?« Die zweite: »Heute ist Flohmarkt.« Die dritte: »Ich habe Schokolade. Rum-Trauben-Nuss.« Sie war den ganzen Weg vom anderen Ende der Stadt zu mir geradelt, um mich zu einem Flohmarkt zu animieren, der bei ihr um die Ecke lag. Ich schlich in Boxershorts zur Tür, öffnete sie und umarmte Agnes lange. »Los geht’s, zieh dich an! Draußen ist es schön«, sagte sie. Sie konnte damit nur das Wetter meinen. Agnes’ Locken schimmern rot, wenn die Sonne darauf scheint, und dann sieht es so aus, als würde sie brennen. Jeder wollte ihre Haare anfassen. Ich auch. Wir sahen komisch nebeneinander aus. In ihrem Personalausweis steht, sie sei 1,59 Meter groß, aber da muss sie geschwindelt haben. Es war nicht gut, aber es war besser, wenn sie da war.

Ich hasse Sonntage und liebe Flohmärkte. Ein Besuch war also stets bittersüß. Hier war alles aus der Zeit gefallen, und das fühlte sich vertraut an. Diesen Markt am Fluss mochte ich am meisten, nahe der Fußgängerzone, die sogar Kopfsteinpflaster hat. Entlang des Ufers ließen sich Trauerweiden mit Erhabenheit hängen. In einer von Kastanien gesäumten Allee tummelten sich Besucher zwischen den Ständen. Dinge, die schon länger auf der Welt sind als ich selbst, bereiten mir Wohlbehagen. Nachdem wir unsere Fahrräder an ein Straßenschild geschlossen hatten, kauften Agnes und ich an einem Imbiss Eierkuchen mit Nudossi und setzten uns im Schneidersitz am Ufer ins Gras.

»Mandy Braun hat ein Baby bekommen«, sagte Agnes, wohl, um mich von mir selbst abzulenken.

Ich spielte den Small Talk mit. »Woher weißt du das?«, fragte ich.

»Hab sie neulich an der Bushaltestelle gesehen«, antwortete sie. Mandy Braun war eine jener Mitschülerinnen, von denen man die gesamte Schulzeit dachte, die kriegen nie jemanden ab, und die dann als Erste heiraten.

»Das … würde ja bedeuten, dass sie Sex hatte?«, fragte ich.

Agnes machte eine beschwichtigende Geste, »nicht unbedingt«. Wir fanden uns gemein und schmunzelten und schwiegen eine Weile.

»Ist es bei dir auch so, dass die Menschen, die während deiner Kindheit so alt waren wie du heute, für dich die ›richtigen‹ Erwachsenen sind und du dieses Gefühl bei dir selbst heute aber nicht hast?«

Sie nickte, »klar«.

Mir tropfte etwas Nudossi auf den Schuh. »Als Kind war eine Dreißigjährige für mich steinalt. Da gab es nicht mal einen Unterschied zwischen dreißig oder fünfzig.« Ich überlegte. »Weißt du noch, wie man damals sein Alter auf den Tag genau nennen konnte?«

Agnes wischte sich die Finger mit einer Serviette sauber. »Ja, das machen die Kinder in meiner Klasse auch. Da ist man dann acht Jahre, drei Monate und elf Tage alt oder so.«

Ich konnte meinen Geburtstag nur alle vier Jahre feiern, auf eine Art war ich also erst sieben Jahre alt. Ich bin das Kind, das im Einkaufszentrum verloren geht, nur dass das Einkaufszentrum die ganze Welt ist.

»Damals war jeder Tag noch so wichtig.«

Am gegenüberliegenden Flussufer watschelte ein Kind einem Ball hinterher, den seine Eltern ihm hingeworfen hatten. Auf halbem Weg stolperte es und fiel hin. Es lugte zu seinen Eltern, hielt inne und lachte dann. Das junge Paar saß auf einer Picknickdecke im Gras, nickte und lächelte. Was entscheidet darüber, warum manche Kinder bei einem Sturz lachen, während andere weinen? Agnes legte ihren Arm um mich, das war schön. Plötzlich flennte das Kind vom anderen Ufer, ohne ersichtlichen Grund und ohne wieder gestürzt zu sein, und hörte nicht mehr auf. Nach einer Weile sagte Agnes, dass sie sich Sorgen um mich mache. Auf der Party sei ich nicht ich selbst gewesen. Sie fragte, ob sie mir helfen könne. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich zupfte die Spitzen der Grashalme ab. »Komm«, sagte sie, stand auf, gab mir ihre Hand und zog mich hoch.

Dann wuselten wir durch die Stände. Auf einem guten Flohmarkt werden Dinge verkauft, die mal geliebt wurden, und auf einem schlechten Flohmarkt die, die keiner mehr will. Das hier war ein guter Flohmarkt. An einem Stand hielt ich Agnes ein Malset mit einer mediterranen Landschaft unter die Nase.

»Schau mal, das wäre doch was für den Geburtstag von Alex’ Nichte?«

Agnes winkte belustigt ab. »Mann, Anna, die wird dreizehn. Die ficken bestimmt schon, da kannst du der nicht mit Malen nach Zahlen kommen.«

Auf einem Holztisch entdeckte ich zwischen Bibi-Blocksberg-Kassetten, Alfons-Zitterbacke-Büchern und He-Man-Figuren etwas, das ich mir schon lang gewünscht hatte: einen Boxhandschuh von Hulk, dem grünen Monster aus dem Comic der Sechzigerjahre. Vorn in der Faust war ein kleines Gerät eingebaut, das ein fürchterliches Grollen abspielte, wenn man mit dem Handschuh gegen etwas haute. Toll! Diesen Hulk-Handschuh hatte ich vor Jahren mal in einem Ramschladen gesehen, wollte aber nicht fünfzehn Euro im Ein-Euro-Geschäft lassen, aus Prinzip nicht. Der junge Mann verlangte zehn Euro. Ich feilschte nicht. Ich kramte in meinem Geldbeutel. Erst als ich ihm den Schein in die Hand drückte, fiel mir auf, wie hübsch er war. Das merke ich bei einem Mann immer zu früh oder zu spät, und beides versaut es. Aber das war in dem Fall egal. Denn jetzt hatte ich Hulk.

»Na, wieder eine altersgemäße Kaufentscheidung getroffen?«, fragte Agnes, schüttelte den Kopf und lachte. Ich stülpte den Handschuh über und setzte ein kämpferisches Gesicht auf. »Und, haste Spaß?«

Anstatt zu antworten, boxte ich ihr sanft in den Magen. Das Fauchen ertönte. Dann hörte ich Weinen. Zwischen den Ständen wimmerte ein kleiner Junge. Er blickte ängstlich zu Boden. Niemand schien Notiz von ihm zu nehmen. Agnes und ich gingen hin. Als sie sich vor ihn hockte, wich er misstrauisch zurück.

»Wie heißt du?«

Nun guckte der Junge sie an. »Kim.« Er zog die Nase hoch.

»Warum weinst du?«, fragte Agnes.

»Ich hab meine Mama verloren«, schluchzte Kim.

Ich kann Kinder nicht weinen hören, denn sie weinen immer für alle anderen mit. Wir beschlossen, die Mutter zu suchen oder zumindest nach einer Frau Ausschau zu halten, die wie auf der Suche wirkte. Wir schoben uns durch die Menschenmenge. Als Kim sah, dass ich an der rechten Hand einen Hulk-Handschuh trug, nahm er meine linke. Agnes ging voran.

»Warum hast du das an?«, fragte er.

»Weil ich damit laut sein kann«, sagte ich. Dann führte ich ihm das Gebrüll vor, indem ich mir gegen die Wange schlug. Er machte große Augen und wischte sich die Tränen mit dem Handrücken aus dem Gesicht.

»Kim! Kim!« Eine junge Frau kam aufgeregt hinter uns hergelaufen. »Da bist du ja!« Die Mutter drückte den Kleinen so fest an sich, als atmete sie ihn ein. Erst danach bemerkte sie uns. Ihr Blick fiel auf meinen Handschuh, dann musterte sie mich misstrauisch. »Wollten Sie meinem Kind was andrehen?« Sie zog ihn an der Hand weg von uns.

Ich war überrumpelt, und Agnes antwortete für mich: »Nein, wir haben ihn einfach weinen gehört und sind dann hin.«

Die Mutter erklärte, ohne auf eine Antwort zu warten, dass ihr Sohn so verträumt sei und ehe man sich versähe, allein durch die Gegend huschte.

»Mama, die da kann Geräusche machen wie Hulk.«

Die Mutter lachte wegen ihrer Erleichterung etwas zu schrill, aber nun versöhnlich. Ich zog den Handschuh aus und schenkte ihn dem Jungen. Weil er sich so freute, schaute er beschämt zu Boden.

»Sag danke zu der Frau«, sagte die Mutter. Kim drehte sich schüchtern weg und grub sein Gesicht in ihre Hüfte.

»Ist schon okay«, sagte ich.

Die Mutter bedankte sich, und als sie mit ihrem Sohn auf dem Arm wegging, drehte er sich noch einmal zu mir und winkte mit dem Handschuh.

 

4

Die Arbeit ruft nicht, sie schreit. Am nächsten Morgen musste ich ins Büro. Mir fiel zu diesem leidigen Umstand, der sich unter der Woche täglich wiederholte, nichts anderes ein, als in einen Hungerstreik zu treten und zu warten, wie lange ich das aushalten würde. Ich hätte mir auch etwas zum Frühstück gemacht, aber ich hatte keine Kraft. Ich blieb im Halbdunkel im Bett liegen. Mein Blick fiel auf den Globus auf dem Nachttisch. Den hatte ich mal für ein Vermögen in einem Antiquitätengeschäft gekauft. Ich hatte sogar ein Wertgutachten für ihn. Manchmal, wenn ich nicht weiterwusste, dunkelte ich das Zimmer ab, schaltete das Licht im Globus an und setzte mich davor. Dazu muss es sehr still sein. Und das Licht muss gehen. Tut es nicht mehr. Der Globus war aus den Dreißigern, die Karte darauf aus der Renaissance, erdfarben, mit Schiffen darauf und einem Kompass. Wenn ich dann da so saß und guckte, erinnerte mich das an Welten aus Fantasyfilmen. Als Kind hatte ich »Der Herr der Ringe« gelesen und war überwältigt. Von all den Völkern, Kulturen, Sprachen darin, mit eigener Geschichte, mit Grenzen, Regelwerk, fein säuberlich festgehalten in Chroniken, detailliert bis in jede Fußnote. Eine in sich geschlossene Welt, deren Existenz und Gültigkeit keines der in ihr lebenden Wesen infrage stellte. Was sie nicht von unserer unterschied. Wie echt, wie rührend, diese angebliche Wichtigkeit. Alle sehen die Prinzipien unserer Erde in Mittelerde, aber niemand sieht die Prinzipien von Mittelerde bei uns. Mich nervte nicht, dass bei uns alles ebenso ausgedacht ist, mich nervte nur, dass alle so taten, als wäre es nicht so. Huch, Amerika? Joa, einfach so drauf gestoßen, Nahostkonflikt, uff, das ist da halt von Natur aus kompliziert, Straßenverkehrsordnung, jaja, das muss so, und na klar, die Nachbarn sind diejenigen, die nervig sind. Beim Blick auf die Kontinente und Inseln und unsere Namen dafür hatte ich ein Bild vor Augen, wie in tausend Jahren ein Mensch oder ein anderes Wesen, ein Außerirdischer vielleicht, vor einem heutigen Globus sitzt und amüsiert sein wird über unsere kleine Gegenwart. Sie werden uns ausbuddeln und in Vitrinen ausstellen. Und alles, was uns wichtig war, wird auf ein Messingschild passen.

Als Kind wollte ich Astronautin werden, aber eigentlich nur, um vom Weltall aus auf die Erde schauen zu können. Alles auf einmal erfassen, mit nur einem Blick. Ohne Teil davon zu sein. Leider arbeitete ich jetzt in einem Büro. Ich stand nun doch auf und zog mir irgendetwas an, weil: muss ja. Auf dem Weg zur Arbeit meldete sich mein Magen, was mich beruhigte, weil das zeigte, dass es Stellen in mir gab, die von sich aus funktionierten. Nur ein Bäcker lag auf der Strecke. Ich ging ungern zum Bäcker, weil man beim Eintreten sofort angesprochen wird. Keine Zeit. Prüfungssituation. Druck. Alle warten. Heute nahm ich einen Bagel. Loch. Passt.

Ich hasste das Büro. Es war der erste Job, den ich nach dem Studium fand, und ich dachte, das müsste ich beibehalten. Die monotone Arbeit dort ermattete mich derart, dass ich zu leblos war, um mir eine andere Arbeit zu suchen. So ging das seit Jahren. Immerhin hatten wir seit einiger Zeit eine neue Praktikantin. Sie war jung und hatte große, fleischige Brüste, und deshalb ließ der Chef die anderen Frauen der Firma in Ruhe. Mich ließ er sowieso in Ruhe. Ich war nicht hässlich, aber auch nicht besonders hübsch, nicht groß oder klein, nicht dick und nicht dünn, weder blond noch brünett und schon gar nicht rothaarig. Ich war eine Melange vieler Menschen. Manchmal vergaßen Leute, dass sie mich getroffen hatten, sie vergaßen mein Gesicht oft, meinen Namen immer, sie konnten sich nicht erinnern, woher sie mich kannten, ob wir gesprochen hatten und wenn ja, über was. Ich hätte Mustermann heißen sollen. Nachdem ich den Vormittag damit verbracht hatte, auf meinen Rechner zu starren, mit der Maus Rechtecke auf dem Desktop zu ziehen und wahllos auf der Tastatur herumzuhacken, damit die Kollegen dachten, ich würde tippen, schloss ich mich in der Mittagspause in der Toilette ein. Ich fiel neben der Kloschüssel in die Hocke und brach in Tränen aus. Ich hörte Pinkeln. In der Kabine neben mir saß die Sekretärin. Das erkannte ich am Klappern, wegen ihres dicken Schlüsselbunds. Ich schluchzte nicht, es war ein lautloses Weinen, bei dem man nur den Mund aufreißt und sich an den Kopf fasst. Damit sie nicht hörte, wie ich zwischendurch Luft holte, drückte ich die Spülung. Danach muss ich umgefallen sein, berichtete man mir später.

 

5

ICD-10 F48.0. Das war der Code zu meinem Dachschaden. So stand es auf dem rosa Zettel, und das diagnostizierte auch Frau Vassili-Petruescu, sie war Doktor, und wir hatten schon mehr als zehn Minuten geredet, das heißt, es musste also stimmen. Genauer gesagt hatte nur sie geredet und ich dabei geheult. Frau Vassili-Petruescu war die Vertretung für Doktor Grabow, weil der einen Notfall hatte. Er war mein Hausarzt, aber tatsächlich hatte ich ihn noch nie gesehen, weil er jedes Mal, wenn ich in die Praxis kam, zu einem Notfall musste. Vermutlich war er dann immer gerade bei den Hinterbliebenen von jemandem, der einen Strick zu Hause hatte und nicht erst zum OBI musste. ICD-10 F48.0 bedeutete, ich war sehr müde, aber noch nicht lebensmüde, weil ich mich immerhin für Popcorn entschieden hatte und nicht für Zyankali, aber müde genug, dass ich eine Therapie bräuchte. Frau Vassili-Petruescu meinte, die Wartezeit betrage aktuell drei bis sechs Monate, so lange würde sie mich krankschreiben. Ich hatte die Befürchtung, sie würde damit übertreiben, weil mein Weinen einen schlimmen Eindruck gemacht haben musste, dabei wollte ich gar nicht flennen, denn ich dachte, so schlimm stand es nun auch wieder nicht mit mir, ich war Leben ja nicht anders gewohnt. Aber als sie sagte, dass ich wirke, als stünde ich neben mir, gestand ich mir ein, dass es doch schlimm um mich stand, und daraufhin weinte ich dann doch wieder. Drei Monate arbeitsunfähig, da steckte das Wort »unfähig« drin. Wohl wegen meines bangen Gesichtsausdrucks sagte Frau Vassili-Petruescu, ich solle es als Kompliment nehmen, Firmen wie die meine wollten lieber funktionierende Leute als gute. Der Tod, dachte ich, hat alle Eigenschaften, die man sich von einem guten Mitarbeiter wünscht: verlässlich, konsequent, kein Wischiwaschi. Bringt Erfahrung mit und hat keine Angst, sich auch mal unbeliebt zu machen. Ich schlief den Rest des Tages bis zum nächsten Nachmittag. Dann war dreizehn Tage Nacht.

 

6

Unter Tränen, im Nachthemd und mit wirrem Haar stand Frau Wachowiak vor meiner Wohnungstür. Sie ist sehr nett, aber auch ein bisschen unheimlich, ich glaube, das kommt durch ihr Humpeln. Manchmal unterhalten wir uns im Hausflur, und dann schenkt sie mir Dinge, die nur alte Frauen verschenken, Karamellbonbons zum Beispiel. Sehr alte oder sehr junge Leute sind mir die liebsten, weil sie an der Grenze des Menschseins stehen. Es war schon spät, sodass ich mich wunderte, dass Frau Wachowiak noch wach war. Sie werde morgen am Auge operiert, weil sie Grauen Star habe, sagte sie. Sie habe so Angst, wimmerte sie. Ihre Stimme war dünn und ihre Augen wässrig. Sie bat mich, ihren Koffer für das Krankenhaus zu packen, weil sie so schlecht sehe. »Ich hab, glaub ich, auch noch ein Paket für Sie«, brachte sie hervor und schluchzte. Ich wusste, dass das nicht stimmte, dabei war es nicht nötig, ausgerechnet vor mir seine Einsamkeit zu verbergen. Ich bedankte mich und sagte, dass ich natürlich mit herunterkomme. Es ist komischer, jemanden weinen zu sehen, den man ein bisschen kennt, als einen völlig Fremden. Die Nachbarn im Haus ignorierten Frau Wachowiak mit betont freundlichem Grüßen. Ich finde, das gilt als unterlassene Hilfeleistung. Die anderen bezeichneten Helfen einfach als Einmischen und Einmischen als Unhöflichkeit, und dann kann man vor dem Fernseher sitzen bleiben ohne schlechtes Gewissen, weil unhöflich möchte ja keiner sein. Von Frau Wachowiak war so wenig da, dass ich mich wunderte, dass es sie überhaupt noch gab. Sie war einer dieser Menschen, die allein in ihrer Wohnung sterben und wochenlang unentdeckt bleiben.