Beschreibung

Ich bin die Freundin von Drew Callahan, College-Football-Legende und Traumtyp. Er ist schön, lieb – und trägt noch mehr Geheimnisse mit sich herum als ich. Er hat mich zu einem Teil seines Lebens gemacht, in dem alles nur Schein ist und jeder mich irgendwie hasst. Und wie es aussieht, will ihn jede haben. Aber er hat nur eins im Kopf: mich. Ich weiß nicht, was ich noch glauben soll. Das Einzige, was ich weiß: Drew braucht mich. Und ich will für ihn da sein. Für immer.

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Seitenzahl: 327

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Das Buch

»Ich will dich. Ich verstehe nur nicht, was wir hier gerade machen. Ich liege mit dir in deinem Bett, wir sind halbnackt, unsere Arme und Beine sind ineinander verschlungen, die Decke ist heruntergerutscht, und uns ist so heiß, dass es sich anfühlt, als würde unsere Haut verbrennen. Du küsst mich immer weiter und flüsterst mir ins Ohr, wie sehr du mich willst, und oh Gott, ich will dich auch, aber die leise, mahnende Stimme in meinem Kopf erinnert mich daran, dass wir nur noch einen Tag haben, bevor wir wieder ins echte Leben zurückkehren. In dem du mich ignorierst. Und ich dich. Du bekommst, was du willst – du kannst deine Eltern und alle anderen bei dir zu Hause so richtig schocken, damit sie endlich aufhören, dich zu nerven. Und ich kriege, was ich will, nämlich das Geld, das du mir dafür versprochen hast, dafür, dass ich mich eine Woche ›mit deinem Scheiß abgebe‹, damit ich wenigstens noch ein bisschen länger für meinen kleinen Bruder sorgen kann. Wir werden wieder in unsere alten Rollen schlüpfen. Wo du mich hasst und ich dich.«

»Diese Geschichte ist so voller Geheimnisse und Herzschmerz, dass man sie kaum als reine Lovestory bezeichnen kann – eher ist es die Reise zweier verlorener Herzen.«Goodreads

Die Autorin

Die New-York-Times-, USA-Today- und internationale Bestseller-Autorin Monica Murphy stammt aus Kalifornien. Sie lebt dort im Hügelvorland unterhalb Yosemites, zusammen mit ihrem Ehemann und den drei Kindern. Sie ist ein absoluter Workaholic und liebt ihren Beruf. Wenn sie nicht gerade an ihren Texten arbeitet, liest sie oder verreist mit ihrer Familie.

Aus dem Amerikanischen von Lucia Sommer

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel

One Week Girlfriend bei Bantam Books.

Taschenbucherstausgabe 05/2015

Copyright © 2013 by Monica Murphy

Copyright © 2015 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Lisa Scheiber

Umschlaggestaltung: Zero Werbeagentur GmbH, München

unter Verwendung von FinePic®, München

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-16276-4

www.heyne.de

»Als ich dich zum ersten Mal sah, war ich sofort verliebt.Und du hast gelächelt, weil du es wusstest.«

– Arrigo Boito

PROLOG

Tag 6, 23 Uhr

Viel zu berauscht.

Die drei Worte schwirren mir die ganze Zeit im Kopf herum. Sie beschreiben perfekt, wie ich mich gerade fühle. Ich bin viel zu berauscht von deinen süßen, herzzerreißenden Worten, deinen starken, muskulösen Armen und deinen weichen, warmen Lippen. Ich bin viel zu berauscht von diesem … gespielten Leben, in dem ich so vollkommen aufgegangen bin.

Und weißt du was? Es gefällt mir. Es gefällt mir sogar sehr. Obwohl ich eigentlich weiß, dass alles nur gespielt ist. Dass, wie du mit mir redest, wie du mich ansiehst, mich berührst, mich küsst … alles bloß Show ist. Ich bin eine Art Schutz für dich, aber das macht mir nichts aus. Ich will es so.

Ich will dich.

Ich verstehe nur nicht, was wir hier gerade machen. Ich liege mit dir in deinem Bett, wir sind halbnackt, unsere Arme und Beine sind ineinander verschlungen, die Decke ist heruntergerutscht, und uns ist so heiß, dass es sich anfühlt, als würde unsere Haut verbrennen. Du küsst mich immer weiter und flüsterst mir ins Ohr, wie sehr du mich willst, und oh Gott, ich will dich auch, aber die leise, mahnende Stimme in meinem Kopf erinnert mich daran, dass wir nur noch einen Tag haben, bevor wir wieder ins echte Leben zurückkehren.

In dem du mich ignorierst. Und ich dich. Du bekommst, was du willst – du kannst deine Eltern und alle anderen bei dir zu Hause so richtig schocken, damit sie endlich aufhören, dich zu nerven. Und ich kriege, was ich will, nämlich das Geld, das du mir dafür versprochen hast, dafür, dass ich mich eine Woche »mit deinem Scheiß abgebe«, damit ich wenigstens noch ein bisschen länger für meinen kleinen Bruder sorgen kann. Wir werden wieder in unsere alten Rollen schlüpfen.

Wo du mich hasst und ich dich.

Es wird eine Lüge sein. Ich hab dich vielleicht vorher gehasst, aber jetzt …

Ich glaube, ich bin dabei, mich in dich zu verlieben.

KAPITEL 1

4 Tage vorher

Drew [dru:] Präteritum von draw: durch eine innewohnende Kraft oder Macht wieder zu sich kommen, von etwas angezogen sein.

Ich warte draußen vor der Kneipe auf sie. An das harte Backsteingebäude gelehnt, die Hände tief in den Taschen meines Sweatshirts vergraben, die Schultern hochgezogen, um mich vor dem Wind zu schützen. Es ist arschkalt und durch die tiefhängenden Wolken verdammt dunkel. Keine Sterne, kein Mond. Ganz schön unheimlich, vor allem, weil ich hier draußen ganz allein rumstehe.

Wenn es anfängt zu regnen und sie mit ihrer Arbeit immer noch nicht fertig ist, dann scheiß ich drauf. Dann gehe ich. Ich brauche das nicht.

Von plötzlicher Panik erfasst, atme ich tief durch. Ich kann nicht gehen. Ich brauche sie. Ich kenne sie noch nicht mal, und sie mich garantiert auch nicht, aber ich brauche sie, um zu überleben. Es ist mir egal, ob ich klinge wie ein Schwächling; es ist nun mal so.

Ich kann die nächste Woche auf gar keinen Fall allein bleiben.

Aus der kleinen Kneipe dröhnt laute Musik auf die Straße, und ich höre die Leute drinnen lachen und rufen. Ich könnte schwören, mehrere der Stimmen zu kennen. Alle feiern, dabei stehen die Zwischenprüfungen kurz bevor, und die meisten von uns sollten eigentlich lernen, oder etwa nicht? Wir sollten in der Bibliothek rumhängen oder an unseren Schreibtischen sitzen, die Nase in einem Buch, oder uns über unsere Laptops beugen, wir sollten unsere Unterlagen durchgehen, Hausarbeiten schreiben, so ’nen Kram eben.

Doch stattdessen hängen die meisten meiner Freunde rotzbesoffen in dieser Kneipe herum. Es scheint niemanden zu kümmern, dass erst Dienstag ist und wir noch drei Tage lang Prüfungen und Abgabetermine haben. Es geht jetzt um alles oder nichts, aber alle denken nur noch daran, dass wir nächste Woche frei haben. Dann werden fast alle aus dieser scheiß Kleinstadt, in der wir aufs College gehen, abhauen.

So wie ich. Samstagnachmittag bin ich hier weg. Obwohl ich gar nicht will. Ich würde viel lieber hierbleiben.

Aber ich kann nicht.

Mitternacht hat sie Feierabend. Ich hab eine der anderen Kellnerinnen im La Salle’s gefragt, als ich vorhin kurz drin war, noch bevor die anderen alle gekommen sind. Sie war schon da, in der Küche, deshalb hat sie mich nicht gesehen. Was auch gut so war.

Ich wollte nicht, dass sie mich bemerkt. Noch nicht. Und meine sogenannten Freunde müssen auch nicht wissen, was ich vorhabe. Niemand weiß von meinen Plan. Ich hätte Angst, dass irgendwer versuchen könnte, ihn mir wieder auszureden.

Als ob ich jemanden hätte, dem ich überhaupt davon erzählen könnte. Es wirkt vielleicht so, als hätte ich jede Menge Freunde, aber eigentlich stehe ich niemandem von ihnen wirklich nah. Und ich will es auch gar nicht. Leuten zu nah zu kommen, bringt nur Probleme mit sich.

Die alte Holztür schwingt quietschend auf und trifft mich am Bauch. Der Krach von drinnen schlägt mir mit voller Wucht entgegen. Sie tritt heraus in die Dunkelheit, die Tür kracht hinter ihr zu und es ist wieder still. Sie trägt einen kurzen, gebauschten roten Mantel, der sie fast verschluckt und ihre Beine in den schwarzen Strumpfhosen noch länger wirken lässt.

Ich stoße mich von der Wand ab und gehe auf sie zu. »Hey.«

Der wachsame Blick, mit dem sie mich ansieht, sagt schon alles. »Kein Interesse.«

Hä? »Ich hab dich doch gar nichts gefragt.«

»Ich weiß, was du willst.« Sie geht los, und ich folge ihr. Jage ihr regelrecht hinterher. Ich hab das hier nicht geplant. »Ihr seid doch alle gleich. Glaubt, ihr könnt einfach hier herumlungern und mich abpassen. Mich in die Falle locken. Mein Ruf ist viel schlimmer als das, was ich tatsächlich mit irgendeinem deiner Freunde gemacht hab«, wirft sie mir über die Schulter zu, während sie an Tempo zulegt. Dafür, dass sie so klein ist, ist sie ganz schön schnell.

Moment mal. Was will sie mir damit sagen? »Ich bin nicht auf ’ne schnelle Nummer aus, falls du das meinst.«

Sie lacht, aber es ist ein schrilles Lachen. »Du musst mich nicht anlügen, Drew Callahan. Ich weiß, was du willst.«

Zumindest weiß sie, wer ich bin. Als sie die Straße überqueren will, greife ich nach ihrem Arm. Sie bleibt wie angewurzelt stehen und dreht sich zu mir um. Meine Finger kribbeln, obwohl ich bloß ihren Mantelstoff berühre. »Was denkst du denn, was ich von dir will?«

»Sex.« Sie spuckt das Wort aus und kneift dabei ihre grünen Augen zusammen. Ihre blonden Haare leuchten im Licht der Straßenlaterne, unter der wir stehen. »Hör zu, mir tun die Füße weh, und ich bin müde. Du hast dir den falschen Abend ausgesucht.«

Ich bin total verwirrt. Sie redet, als wäre sie eine Prostituierte und ich auf einen schnellen Blowjob in einer dunklen Gasse aus.

Ich betrachte ihr Gesicht, und mein Blick verweilt auf ihrem Mund. Sie hat einen großartigen Mund. Volle, sexy Lippen; damit könnte sie mir, ehrlich gesagt, tatsächlich einen vorzüglichen Blowjob geben, aber deswegen bin ich nicht hier.

Mit wie vielen aus meiner Mannschaft sie wohl schon rumgemacht hat? Es stimmt schon, der einzige Grund, weswegen ich mit ihr rede, ist ihr Ruf, den sie gerade erwähnt hat. Aber ich will sie nicht für Sex bezahlen.

Ich will sie zu meinem Schutz bezahlen.

Fable [’feıbl]: Fabel; eine Geschichte, die nicht auf Tatsachen beruht; eine Unwahrheit.

Der Sonnyboy des Campus, Drew Callahan, hält mich fest, als wolle er mich nie wieder loslassen, und er macht mich nervös damit. Er ist groß, um einiges größer als eins achtzig, und er hat Schultern so breit wie ein Berg. Dafür, dass er Football spielt, nicht besonders erstaunlich, oder? Ich habe schon mit einigen Typen aus seinem Team rumgemacht. Die sind alle ziemlich groß und muskulös.

Aber keiner von ihnen bringt mein Herz zum Rasen, nur weil er mich am Arm fasst. Meine Reaktion gefällt mir überhaupt nicht. Normalerweise reagiere ich auf überhaupt niemanden.

Mit aller Kraft reiße ich mich von ihm los und mache einen Schritt von ihm weg, um den dringend nötigen Abstand herzustellen. Auf einmal sieht er mich fast flehentlich an. Ich öffne schon den Mund, um ihm zu sagen, dass er sich verpissen soll, aber er ist schneller.

»Ich brauche deine Hilfe.«

Ich runzle die Stirn und stemme die Hände in die Hüften. Was gar nicht so einfach ist bei dem unförmigen Mantel, den ich anhabe. Es ist eisig, und der dünne Rock, den ich zur Arbeit trage, schützt meine Beine nicht vor der Kälte. Gott sei Dank gibt es so etwas wie Wollstrumpfhosen, auch wenn mein Chef sie nicht ausstehen kann. Er meint, die wären nicht besonders sexy.

Ist mir doch egal, was er für sexy hält. Meine Trinkgelder sind trotzdem gut. Allein heute Abend habe ich über hundert Dollar bekommen. Auch wenn ich sie schon längst ausgegeben habe.

Mein Geld ist immer schon ausgegeben, bevor ich es tatsächlich in der Hand halte.

»Wozu brauchst du meine Hilfe?«, frage ich.

Er blickt sich um, als hätte er Angst, uns könnte jemand beobachten. Was keine Überraschung ist. Die meisten Typen wollen nicht mit mir zusammen gesehen werden.

Manchmal ist es echt ätzend, die Campus-Schlampe zu sein. Besonders, wo ich noch nicht mal auf dieses blöde College gehe.

»Vielleicht können ja wir irgendwo hingehen und reden«, sagt er mit einem Anflug von einem Lächeln. Die meisten Mädels würden bei dem verführerischen Blick garantiert dahinschmelzen. Er sieht gut aus mit seinen dunklen Haaren und den leuchtend blauen Augen und ist sich dessen auch vollkommen bewusst.

Aber ich bin keins von diesen Mädels. Ich mache mir aus ziemlich vielen Dingen nichts. »Ich gehe nirgendwo mit dir hin, um zu reden. Wenn du was zu sagen hast, kannst du es genauso gut hier tun. Und beeil dich, ich muss nach Hause.« Meine Mom ist bestimmt nicht da, das heißt, mein kleiner Bruder ist ganz allein.

Gar nicht gut.

Er schnaubt. Mir egal. Um was auch immer er mich bitten will, ich werde es ihm abschlagen. Aber trotzdem bin ich neugierig, ich will wissen, was es ist. Damit ich mich später daran laben kann.

Drew Callahan redet nicht mit Mädchen wie mir. Ich bin eine Einheimische. Eine Kleinstädterin. Er ist der Quarterback unseres siegreichen College-Football-Teams. Er ist eine Art Superstar, legendär, mit Fans und allem. Er will mal in der Profiliga spielen, um Himmels willen.

Ich dagegen hab einen beschissenen Job und komme kaum über die Runden. Meine Mom ist eine rumhurende Alkoholikerin, und mein kleiner Bruder bekommt langsam Probleme in der Schule. Ich lebe in so einer vollkommen anderen Welt als er. Keine Ahnung, worüber er mit mir reden wollen könnte.

»Wir haben nächste Woche frei, wegen Thanksgiving«, fängt er an, und ich verdrehe die Augen.

Ach nee. Ich freue mich auch schon darauf. Das bedeutet nämlich, dass alle die Stadt verlassen und die Kneipe so gut wie leer sein wird. Da wird die Arbeit ein Kinderspiel. »Und weiter?«

»Ich muss über die Ferien nach Hause.« Er macht eine Pause und wendet den Blick ab. Auf einmal werde ich unruhig. Was hat denn das mit mir zu tun? »Ich möchte, dass du mitkommst.«

Okay. Damit habe ich nicht gerechnet. »Was? Warum?«

Er sieht mir wieder in die Augen. »Ich möchte, dass du eine Woche lang so tust, als wärst du meine Freundin.«

Ich starre ihn an. Ich fühle mich wie ein Fisch auf dem Trockenen. Mein Mund geht auf und wieder zu. Als würde ich meine letzten Atemzüge machen, was sich irgendwie auch gerade tatsächlich so anfühlt. »Das soll ja wohl ein Witz sein.«

Er schüttelt langsam den Kopf. »Nein.«

»Warum ich?«

»Ich …« Er schüttelt wieder den Kopf und presst die Lippen aufeinander, als ob er es mir nicht sagen will. »Ich bezahle dich dafür.«

Ich verschränke die Arme vor der Brust. Durch die bescheuerte aufgeplusterte Jacke werden meine Möpse noch extra hochgedrückt. Ich hasse die Jacke, aber es ist die wärmste, die ich hab. Ich wette, ich sehe aus wie eine Tonne. »Ich bin nicht käuflich.«

»Hör zu, ich will dich nicht für irgendwelche … sexuellen Dienste bezahlen.« Seine Stimme ist jetzt um eine Oktave tiefer, und ich bekomme eine Gänsehaut. Es klang gerade unglaublich sexy, wie er das gesagt hat, auch wenn das bestimmt gar nicht seine Absicht war. »Du musst nur so tun, als wärst du meine Freundin. Wir müssen uns auch nicht das Zimmer teilen oder so. Ich werde dir nicht an die Wäsche gehen. Aber es muss so aussehen, als wären wir zusammen. Verstehst du?«

Keine Antwort. Ich will ihn noch etwas weiterreden lassen, damit ich mich später daran erinnern kann, wie der unglaubliche Drew Callahan mich angefleht hat, seine Freundin zu spielen. Dabei kann das hier gar nicht noch absurder werden, als es bereits ist.

»Ich weiß natürlich, dass du dein Leben hast und einen Job und so. Es ist wahrscheinlich nicht so einfach für dich, alles stehen und liegen zu lassen, um ’ne Woche mit mir wegzufahren, aber ich verspreche dir, dass es sich für dich auszahlen wird.«

Durch den letzten Satz fühle ich mich auf einmal total billig. Als wäre ich tatsächlich die Hure, mit der alle Typen immer rumprahlen. Dabei übertreiben sie maßlos. Die Geschichten sind so unglaublich, dass ich gar nicht erst versuche, sie abzustreiten. Es wäre zwecklos. »Von wie viel reden wir hier?«

Er sieht mir in die Augen, und ich sitze in der Falle. Erwartungsvoll warte ich auf seine Antwort.

»Dreitausend Dollar.«

KAPITEL 2

2 Tage vorher

Wenigstens einmal will ich wissen, wie es sich anfühlt,die erste Wahl von jemandem zu sein.

– Fable Maguire

Fable

Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich zugestimmt habe. Aber dreitausend Dollar sind einfach viel zu viel, um sie mir entgehen zu lassen. Und Drew weiß das. Er hatte mich von dem Moment an, als diese unglaubliche Zahl über seine perfekten Lippen kam. Trotz meiner üblichen Vorsicht und meiner Sorge darüber, wie zum Teufel ich eine Woche lang die Stadt verlassen soll, ohne dass es in meiner Abwesenheit zur totalen Katastrophe kommt, sagte ich ohne zu zögern Ja.

Wahrscheinlich bin ich einfach zu gierig. Aber ich kann mir so eine Gelegenheit nicht entgehen lassen, auch wenn ich mich dadurch fühle wie der letzte Abschaum. Da kann ich mir noch sosehr sagen, dass ich es nur für meine Familie tue. Für meinen Bruder, Owen. Er ist gerade mal dreizehn, und ich finde es schrecklich, wie er sich jetzt schon zu einem Unruhestifter entwickelt. Er ist süß und hat wirklich ein gutes Herz, aber er ist in so einer scheiß Jungsclique in der Schule und schwänzt ständig den Unterricht und klaut, und ich weiß, dass er schon ein paarmal gekifft hat. Seine Klamotten haben danach gerochen.

Unserer Mom ist das egal. Ich bin die Einzige, die das juckt. Und jetzt fahre ich eine Woche weg. Er hat nur die Hälfte der Zeit schulfrei, aber das reicht völlig aus, um Mist zu bauen.

Das Tauziehen in meiner Brust ist fast nicht auszuhalten.

»Warum musst du weg?«

Aus dem obersten Schrankfach ziehe ich den alten Seesack, den seit Ewigkeiten keiner mehr benutzt hat, und schmeiße ihn auf Moms Bett. Eine Staubwolke wirbelt auf. »Es ist ja nicht lange.«

»Eine Woche, Fable. Du lässt mich sieben verdammte Tage mit Mom allein.« Owen wirft sich neben den Seesack aufs Bett und fängt wegen des ganzen Staubs in der Luft an zu husten.

»Hör auf zu fluchen.« Ich schlage nach seinem Knie, und er rollt sich übertrieben aufjaulend auf die Seite. »Es ist ein richtig guter Job, der mir ziemlich viel Geld einbringen wird. Er wird uns ein tolles Weihnachten bescheren.«

»Ich scheiß auf Weihnachten.«

Ich werfe ihm einen tadelnden Blick zu, und er murmelt eine halbherzige Entschuldigung. Seit wann flucht er in meiner Gegenwart so ungeniert? Was ist nur aus dem weinerlichen kleinen Bruder geworden, der mir überall hin folgte, als würde er mich vergöttern?

»Und was für ein richtig guter Job ist das, wo du in so kurzer Zeit so viel Geld verdienst?« Der Sarkasmus in seiner Stimme ist nicht zu überhören. Er ist eigentlich noch zu jung – nein, eigentlich nicht, ich mache mir nur selbst etwas vor –, aber ich hoffe sehr, dass er nicht denkt, dass ich mich prostituiere.

Ich fühle mich auf jeden Fall so, als würde ich es tun.

Mein Hirn bekommt fast einen Knoten, als ich krampfhaft versuche, mir eine Erklärung einfallen zu lassen. Ich kann Owen nicht sagen, was ich wirklich mache. Ich hab ihm nicht gesagt, wie viel Geld ich bekommen werde; er weiß nur, dass es eine Menge ist. Meiner Mom hab ich’s auch nicht gesagt – nicht, dass es sie interessieren würde. Ich hab sie schon seit über vierundzwanzig Stunden nicht gesehen, aber sie hat einen neuen Freund, also wird sie wohl bei ihm sein. »Ich werde als Kindermädchen arbeiten. Es ist eine Familie mit drei Kindern, und sie fahren über Thanksgiving in den Urlaub.«

Die Lüge kommt mir ganz leicht über die Lippen, und das macht mir Angst.

Owen fängt an zu lachen, der Idiot. »Du und Kindermädchen? Du kannst Kinder nicht ausstehen!«

»Das stimmt nicht.« Und ob. »Die Familie ist sehr nett.« Ich hab keine Ahnung, ob die Callahans nett sind. »Und ich werde in einem riesigen Haus wohnen.«

Drew hat erzählt, seine Familie wohnt in Carmel. Ich war noch nie da, aber ich hab davon gehört. Ich hab es in der Bibliothek gegoogelt und mir Fotos angesehen. Es sieht toll aus. Teuer.

Angsteinflößend.

»Du willst bestimmt nicht wieder weg, wenn du erst mal da bist.« Owen setzt sich auf und fährt mit den Fingern über den Seesack, wobei er eine Spur im Staub hinterlässt. »Du wirst aussehen wie ’ne abgebrannte Schlampe, wenn du mit der Tasche da aufkreuzt.«

»Hast du mich grad ›abgebrannte Schlampe‹ genannt?« Ich kann es ihm nicht übelnehmen, schließlich sagt er die Wahrheit. Ich werde lächerlich aussehen mit meiner dürftigen Garderobe und meinem zerrissenen, staubigen Seesack. Seine Familie wird mich auslachen. Drew wird mich wahrscheinlich auslachen. Dann wird er mir einen Fünfziger in die Hand drücken und mich zur Bushaltestelle fahren, weil ihm plötzlich bewusst wird, dass ich die mieseste angebliche Freundin bin, die man sich nur vorstellen kann.

»Kann sein.« Owen grinst. »Ich hoffe, es lohnt sich.«

Die Angst droht mich jeden Moment aufzufressen, aber ich stoße sie weg. »Das wird es, versprochen.«

»Und was ist, wenn Mom verschwindet?« Kurz erhasche ich einen Blick auf den alten Owen. Den kleinen Jungen, der von mir abhängig ist. Der sich mir gegenüber verhält, als wäre ich seine Mom, seit unsere so unzuverlässig geworden ist.

»Wird sie nicht.« Ich hab bereits mit ihr gesprochen und werde es auch noch mal tun, bevor ich fahre. Ich muss ihr alles dreimal sagen, als wäre ich die Mutter und sie das Kind. »Ich werde sie versprechen lassen, dass sie jeden Abend nach Hause kommt.«

»Na hoffentlich. Sonst rufe ich dich an, damit du nach Hause kommst.« Das Grinsen ist wieder da. »Könnte sein, dass ich dich wieder ›abgebrannte Schlampe‹ nenne und du so sauer wirst, dass du sofort nach Hause kommen musst, nur um mir den Arsch zu versohlen.«

»Jetzt reicht’s aber.« Ich kralle ihn mir und fange an, ihn zu kitzeln. Ich bohre die Finger in seine Rippen, und sein Lachen macht mich glücklich.

»Hör auf!«, keucht er zwischen den Lachanfällen. »Lass mich los!«

In diesem kurzen Moment kann ich beinah vergessen, was für ein Mistleben wir haben. Beinah.

Drew

»Du bringst jemanden mit?« Mein Dad legt die Hand über die Sprechmuschel, aber ich kann ihn immer noch hören. »Adele, Drew bringt zu Thanksgiving jemanden mit.«

Ich zucke zusammen. Ich wollte echt nicht, dass mein Dad es gleich meiner Stiefmutter weitererzählt, vor allem nicht, wenn ich immer noch am Telefon bin. Sie hätte es früher oder später eh rausbekommen, und ich hatte auf später gehofft.

»Wie heißt sie denn?«, höre ich sie fragen. Sie hört sich nicht gerade begeistert an. Alles in mir zieht sich zusammen.

»Fable«, sage ich zu meinem Dad.

Mein Dad sagt nichts, und ich denke schon, er hat aufgelegt, aber dann höre ich Adele im Hintergrund flüstern. »Nun, Andy? Wie heißt sie?«

Sie klingt wie eine eifersüchtige Zicke. Was sie wahrscheinlich auch ist.

»Ist das ihr Spitzname?«, fragt mein Dad.

»Es ist ihr richtiger Name.« Ich hab auch keine Erklärung dafür. Herrgott, ich kenne Fable Maguire so gut wie nicht. Sie ist eine Einheimische. Sie ist zwanzig Jahre alt, hat einen kleinen Bruder und arbeitet in einer Kneipe.

Außerdem hat Fable schöne hellblonde Haare, grüne Augen und nette Titten. Aber das werde ich meinem Dad nicht sagen. Das wird er schon früh genug selbst herausfinden.

Wieder sind gedämpfte Stimmen zu hören. Wahrscheinlich sagt er ihr jetzt Fables Namen. Sie lacht. Blöde Kuh. Ich hasse Adele. Meine Mom ist gestorben, als ich zwei war. Ich kann mich nicht an sie erinnern. Ich wünschte, ich könnte es. Mein Dad hat angefangen, mit Adele auszugehen, als ich acht war, und drei Jahre später haben sie geheiratet.

Adele ist die einzige Mutter, die ich je gehabt hab, aber ich will sie nicht. Und sie weiß das.

»Na, dann bring deine kleine Fable mit, sie ist herzlich willkommen.« Dad macht eine Pause, und ich warte, voller Angst, was er wohl als Nächstes fragen wird. »Du bist ja nicht gerade der Typ für eine feste Freundin.«

»Mit ihr ist es anders.« Mehr das Gegenteil von dem, womit sie rechnen. Doch in meinen Augen macht das Fable umso perfekter.

»Bist du verliebt?« Dad senkt die Stimme. »Fragt Adele.«

Ich koche vor Wut. Als wenn sie das irgendwas anginge. »Ich weiß nicht. Was ist denn das schon, Liebe?«

»Du klingst wie ein Zyniker.«

Ich hab halt von den Besten gelernt. Mein Dad ist ziemlich unterkühlt. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal gesehen hab, wie er Adele geküsst oder in den Arm genommen hat. Mich küsst und umarmt er jedenfalls nicht, auch wenn ich das gar nicht wollte.

»Ach, was soll ich sagen. Wir sind jetzt schon ’ne Weile zusammen, aber ich weiß es nicht.« Ich zucke mit den Schultern, dann fällt mir ein, dass er mich ja nicht sehen kann, und ich komme mir vor wie ein Idiot.

»Du hast sie noch nie vorher erwähnt.«

»Was wird das hier, ein Kreuzverhör?« Ich fange an zu schwitzen, nur weil ich lüge. Ich hab den ganzen Tag noch nicht mit Fable gesprochen, und es ist Donnerstagabend. Wir fahren Samstagnachmittag. Wir müssen uns unbedingt noch zusammensetzen und unsere Geschichten aufeinander abstimmen, auch wenn wir während der vierstündigen Fahrt wahrscheinlich genug Zeit haben werden, die Details zu besprechen.

Bei dem Gedanken, vier Stunden allein mit Fable in meinem Pickup zu sitzen, bekomme ich einen ganz trockenen Mund. Worüber sollen wir bloß reden? Ich kenne sie überhaupt nicht, und ich nehme sie mit zu meinem Dad und tue so, als wäre sie meine Freundin. Wir müssen wirken wie ein echtes Paar.

Was zum Teufel hab ich mir nur dabei gedacht?

»Ich bin bloß neugierig. Aber wir werden die Details schon noch herausbekommen, wenn ihr zwei erst mal hier seid. Samstagabend kommt ihr, ja?«

»Ja.« Ich schlucke schwer. »Samstagabend.«

»Da werden wir bei so einer Veranstaltung vom Country Club sein. Hast du deinen Schlüssel noch?«

»Ja, hab ich.« Verdammt, ich will echt nicht nach Hause zurück. Da ist ganz schöne Scheiße passiert. Ich hab den Ort jetzt schon eine ganze Weile gemieden wie die Pest. Die letzten Jahre sind wir an den Feiertagen immer weggefahren und haben Thanksgiving oder Weihnachten auf Hawaii in Dads Ferienhaus verbracht. Oder ich bin wegen des Football-Trainings am College geblieben oder was für eine Ausrede auch immer ich mir hab einfallen lassen, um noch ein bisschen länger fernbleiben zu können.

Ganz schön hartes Leben, ich weiß. Von außen gesehen, hab ich eine perfekte Familie. Na ja, so perfekt wie eine Familie mit einer toten Mutter, einer toten Schwester, einer beschissenen Stiefmutter und einem eiskalten Vater eben sein kann.

Ja. Richtig perfekt eben.

Dass mein Dad darauf besteht, dass ich dieses Thanksgiving nach Hause komme, ist echt scheiße. Als wir das letzte Mal telefoniert haben, meinte er, er sei es leid, dass wir das Haus über die Feiertage immer meiden. Wir müssten eben neue Erinnerungen schaffen.

Aber ich will keine neuen Erinnerungen. Nicht an das Haus. Und nicht mit Adele.

»Okay, dann bis dann.« Ich kann hören, wie er über den Fliesenboden geht, als würde er sich ein Stück von Adele entfernen. »Dieses Thanksgiving wird gut werden, mein Sohn. Du wirst schon sehen. Es ist schönes Wetter angekündigt, und deine Mutter macht einen viel gesünderen Eindruck.«

»Sie ist nicht meine Mutter«, sage ich durch zusammengebissene Zähne.

»Was?«

»Adele ist nicht meine Mom.«

»Sie ist die einzige Mutter, die du jemals hattest.« Großartig. Jetzt ist er beleidigt. »Warum kannst du sie nicht einfach akzeptieren? Meine Güte, sie ist jetzt schon so lange Teil deines Lebens.«

Sie ist der beschissenste Teil meines Lebens, auch wenn ich das meinem Dad nicht sagen kann. Wenn er damals nicht begriffen hat, was los war, dann wird er es jetzt erst recht nicht glauben können.

»Ich mag es nicht, wie leicht du meine richtige Mom vergisst. Ich werde sie niemals vergessen«, sage ich mit Nachdruck.

Er schweigt einen Moment, und ich starre aus dem Fenster, obwohl nichts zu sehen ist. Es ist dunkel und nieselt, und der Wind ist wieder aufgekommen und peitscht durch die Zweige der Bäume im offenen Hof vor meinem Apartmentkomplex.

Die Leute denken, ich hätte so ein tolles Leben. Aber das hab ich nicht. Ich pauke, und ich trainiere hart, weil es mir hilft zu vergessen. Ich habe Freunde, aber es sind eigentlich keine richtigen Freunde. Meistens bin ich allein. So wie jetzt. Ich sitze im Dunkeln in meinem Zimmer. Ich telefoniere mit meinem Dad und wünsche mir so sehr, ich könnte ihm die Wahrheit sagen.

Aber ich kann es nicht. Ich bin gefangen. Ich brauche einen Puffer, um mir durch das hindurchzuhelfen, was zu einer der schlimmsten Wochen meines Lebens werden könnte. Gott sei Dank hab ich Fable. Sie weiß noch nicht mal, wie sehr sie mir hilft.

Und sie darf es auch niemals erfahren.

KAPITEL 3