Violet - So hot - Monica Murphy - E-Book

Violet - So hot E-Book

Monica Murphy

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Beschreibung

Ich bin die mittlere Tochter, die Pflichtbewusste. Die, die sich für das Firmenimperium ihrer Familie aufopfert. Ich weiß nichts über Ryder McKay – nur, dass er in mir bisher ungekannte Gefühle weckt. Ich bin bereit, alles zu riskieren, nur um bei ihm zu sein – auch mein Herz und meine Seele. Alles.

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Das Buch

Ich habe mein Leben lang getan, was von mir erwartet wurde. Ich bin die mittlere Tochter, die, auf die man sich verlassen kann. Die, die einen grausamen Angriff überlebt hat und sich für das Firmenimperium ihrer Familie aufopfert. Die, die sich in einen zielstrebigen Mann verliebt hat. Zachary und ich, wir wollten Fleur Cosmetics gemeinsam führen. Doch dann wurde er befördert und machte sich aus dem Staub. Vielleicht ist es das Beste, wo er so treulos war und anderen Frauen nachgejagt hat. Doch ein neuer Mann wartete schon, der mich wirklich wollte. Wie Zachary hat auch er einen unstillbaren Erfolgsdrang, der bei ihm vielleicht sogar noch stärker ausgeprägt ist. Auch er ist rücksichtslos. Und geheimnisvoll. Ich weiß nichts über Ryder McKay – nur, dass er in mir bisher ungekannte Gefühle weckt.

Die Autorin

Die New York Times-, USA Today- und Internationale-Bestseller-Autorin Monica Murphy stammt aus Kalifornien. Sie lebt dort im Hügelvorland unterhalb Yosemites, zusammen mit ihrem Ehemann und den drei Kindern. Sie ist ein absoluter Workaholic und liebt ihren Beruf. Wenn sie nicht gerade an ihren Texten arbeitet, liest sie oder verreist mit ihrer Familie.

Lieferbare Titel

Total verliebt

Zweite Chancen

Verletzte Gefühle

Unendliche Liebe

Aus dem Amerikanischen von Lucia Sommer

Wilhelm Heyne VerlagMünchen

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Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel Owning Violet bei Bantam Books.

Taschenbucherstausgabe 05/2016Copyright © 2014 by Monica MurphyCopyright © 2016 der deutschsprachigen Ausgabeby Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenRedaktion: Eva PhilipponUmschlaggestaltung: Zero Werbeagentur GmbH, München,unter Verwendung FinePic®, MünchenSatz: Fotosatz Amann, MemmingenISBN 978-3-641-18512-1V001www.heyne.de

Meiner Kritikpartnerin, Freundin und heimlichen Angetrauten Katy Evans, die mich während des Schreibens von diesem Buch immer wieder ermutigt hat und die Ryder für sich verlangt hat. Ohne dich hätte ich es niemals geschafft, Katy!

»Aber dann sieht sie dich an,und in dir ist Sonne,ist Liebe, ist Leben.«Fellini

KAPITEL 1

Violet

Heute Abend wird mein Leben sich verändern.

Ich habe den ganzen Tag im Spa verbracht, um mich darauf vorzubereiten. Ich habe mir eine Gesichtsbehandlung gegönnt, eine Massage, Waxing, Maniküre und Pediküre. Meine Haut ist glatt, mein Gesicht rein, meine Finger und Zehen sind mit perfekt dezentem Rosa lackiert. Meine Muskeln sind entspannt, aber meine Nerven … Meine Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Ich bin total nervös. Mein äußeres Erscheinungsbild ist das komplette Gegenteil davon, wie ich mich fühle, weil so viel auf dem Spiel steht. Alles, worauf ich die letzten Jahre hingearbeitet habe, wird heute Abend seinen Höhepunkt erreichen.

Endlich.

Vor ein paar Tagen habe ich bei Barneys das perfekte Kleid für diesen besonderen Moment gefunden, eins, von dem ich weiß, dass es Zachary gefallen wird. Ein marineblaues enges Kleid, das kurz überm Knie endet und unauffällig sexy meine Kurven umspielt, denn zu Aufdringliches mag er nicht.

Was bedeutet, dass er alles, was meine ältere Schwester trägt, tut und sagt, abscheulich findet. Genauso wie er die direkte Art meiner kleinen Schwester nicht ausstehen kann.

Aber das ist in Ordnung. Er wird heute Abend mich fragen, ob ich ihn heirate. Nicht Lily oder Rose.

Mich.

Es ist nichts Aufdringliches an mir. Ich bin der Inbegriff des Understatement. Ich wäre eine perfekte Politikergattin. Ich würde immer hinter meinem Mann stehen, ihn in allem unterstützen und dabei die ganze Zeit das liebenswürdige Lächeln aufsetzen, das ich über die Jahre bis zur Perfektion geübt habe. Es gab ein paar unschöne Ereignisse in meiner Vergangenheit. Ich hatte einmal ziemlich zu kämpfen. Ich habe wirklich um mein Leben gekämpft – und überlebt.

Mein Vater und meine Großmutter tun gern so, als wäre das nie passiert. Zachary weiß noch nicht einmal davon. Es ist eine Sache – die passiert ist, bevor ich ihn kennengelernt habe –, die meine Familie lieber unter den Teppich kehrt.

Möchtest du diese unangenehme Geschichte nicht lieber vergessen?, hat mich mein Vater einmal gefragt.

Also versuche ich es. Für die Familie.

Zachary holt mich pünktlich auf die Minute bei mir zu Hause ab. Gott bewahre, dass er jemals zu spät käme. Das ist eine der vielen Eigenschaften, die ich an ihm bewundere. Er ist pünktlich, aufmerksam, tüchtig, gut aussehend und klug. Unglaublich klug. Manche nennen ihn hinterhältig. Andere nennen ihn gnadenlos. Es gibt Gerüchte, dass er andere Frauen hätte. Ich bin nicht blöd. Ich habe meine Vermutungen. Die sich vielleicht ein- oder zweimal bestätigt haben. Aber wenn wir erst einmal verlobt sind, wenn wir verheiratet sind …

Wird sich das ändern. Das muss es.

Zachary und ich haben eine perfekte Beziehung. Die Art von Beziehung, von der ich geträumt habe, seit ich ein kleines Mädchen war. Über die Lily sich ständig lustig macht, aber was weiß sie schon über Liebe?

Über Sex und Abhängigkeit und darüber, wie sie sich Probleme einhandelt, weiß sie sehr gut Bescheid. Aber über Liebe? Ich glaube, sie hat in ihrem ganzen Leben noch nie eine richtige Beziehung geführt.

Ich dagegen schon. In der Mittelstufe und auf der Highschool hatte ich schon eine ganze Reihe Freunde, und dann im College meinen ersten richtigen Freund. Den, von dem ich ursprünglich glaubte, dass ich ihn heiraten würde. Den, dem ich im ersten Jahr am College meine Jungfräulichkeit geopfert habe. Ich hatte mich lange verweigert, war eine der letzten Jungfrauen unter meinen Freundinnen.

Am Anfang des dritten Semesters hat er mich dann sitzen gelassen. Genau nachdem … das alles passiert ist. Nach dem Vorfall, wie ich es nenne. Die Sache, über die niemand reden mag. Also rede ich auch nicht darüber.

Nach der Trennung bin ich erst einmal Single geblieben. Ich habe versucht, alles, was geschehen war, hinter mir zu lassen und mich aufs College und danach auf meine Karriere, mein Erbe bei Fleur Cosmetics zu konzentrieren.

Eine Weile ging es mir nicht besonders gut. Es gibt nur wenige Leute, die davon wissen. Wir hielten es geheim. Vater wollte nicht noch mehr öffentliche Demütigung. Es war bereits lange her, dass wir Mom verloren hatten, und er hat schon immer gesagt, ich wäre wie sie. Zart, aber entschlossen. Klug, aber nicht besonders praktisch veranlagt.

Eine kurze, nicht so glänzende Zeit lang wurde ich seinen Erwartungen gerecht. Dann musste ich zur Therapie. Ich brauchte Medikamente. Ich wollte mich nur noch betäuben. Ich sehnte mich danach, taub zu sein. Ich wollte nichts mehr empfinden, denn ich empfand nur noch Schmerz.

Doch schließlich musste ich lernen, wieder so klarzukommen.

Nach einer kurzen Auszeit ließ Vater mich zur Arbeit zurückkehren. Und als Zachary Lawrence vor zwei Jahren bei Fleur anfing, war mein Interesse sofort geweckt. Und seins auch. Das merkte ich schnell. Es war mir egal, ob er anfangs vielleicht nur mit mir redete, weil ich die Tochter des Geschäftsführers war. Ich flirtete mit ihm. Ich wollte seine Aufmerksamkeit.

Und schließlich bekam ich sie. Ich bekam ihn.

Ich wusste, dass es nicht besonders klug ist, mit jemandem von der Arbeit zusammenzukommen, aber ich konnte nicht anders. Wo sonst sollte ich einen Mann mit seinen Qualitäten kennenlernen? Jemanden, dem ich vertrauen konnte? Ich habe nicht besonders viel Vertrauen. Was kein Wunder ist, bei dem, was ich durchgemacht habe.

Obwohl mein Vater das Sagen hat, ist Fleur Cosmetics eigentlich ein Familienunternehmen. Rose und ich arbeiten beide dort. Sogar meine Großmutter kommt noch ab und zu, obwohl sie schon fünfundachtzig und natürlich längst im Ruhestand ist.

Sie liebt Fleur Cosmetics and Fragrance. Meine Grandma ist praktisch Fleur Cosmetics and Fragrance. Sie hat das Unternehmen gegründet. Ihr Gesicht war jahrelang in allen Anzeigen zu sehen. Dahlia Fowler ist eine Legende in der Kosmetikindustrie.

Und trotz meiner Schwächen und trotz dessen, dass mein Vater das Vertrauen in mich einmal komplett verloren hatte, will ich unbedingt in ihre Fußstapfen treten. Natürlich mit Zachary an meiner Seite, denn er arbeitet in der Marketingabteilung und hat Ambitionen. Wir beide könnten Fleur enorm voranbringen. Ich weiß es. Er weiß es.

Zusammen sind wir nicht aufzuhalten. Und wenn wir erst einmal verheiratet sind …

»Du wirkst nachdenklich.«

Zacharys tiefe Stimme dringt in mein Bewusstsein. Ich blinzle, und da fällt mir auf, dass er mich beobachtet. Er hat die Stirn gerunzelt, und seine Mundwinkel zeigen nach unten. Er wirkt besorgt.

»Es ist alles gut.« Ich lächle, und als die Sorgenfalten aus seinem schönen Gesicht wieder verschwinden, flammt meine Hoffnung erneut auf. Seine blauen Augen strahlen, er greift nach meiner Hand auf dem Tisch und drückt sie.

»Es gibt da etwas, worüber ich mit dir reden möchte«, sagt er in seinem tiefen, beruhigenden Tonfall.

Ich lächle etwas mehr, nicke, erwidere den Druck seiner Hand. »Jetzt?«

»Ja.« Er holt tief Luft und lässt meine Hand los. Seltsam.

»Es beschäftigt mich schon eine ganze Weile, und … ich habe mich bisher nicht getraut, es anzusprechen.«

Oh. Wie süß. Er ist nervös. Zachary ist sonst immer so selbstsicher – das erstaunt mich. »Rede ruhig weiter, Zachary. Ich bin mir ziemlich sicher, dass letztendlich alles gut werden wird.«

»Das denke ich auch. Dein Vater hat das auch gesagt.«

Mein Herz setzt einen Schlag aus. Er hat mit meinem Vater gesprochen. Er meint es wirklich ernst. Das ist genau das, worauf ich die ganze Zeit gewartet habe. Meine Finger fangen in Erwartung des Rings, den er mir gleich schenken wird, buchstäblich zu zittern an. Wie groß er wohl ist? Ich mag ja keinen protzigen Schmuck. Aber Zachary auch nicht. Understatement, zurückhaltende Eleganz – das ist schon eher unser Stil. Vielleicht hat er mit Großmutter gesprochen, und sie hat ihm ihren Verlobungsring gegeben, auch wenn er rechtmäßig eigentlich Lily zustehen würde, weil sie die Älteste ist …

»Er hat mich gebeten, mich auf die neue Stelle in London zu bewerben, und ich habe es gemacht.«

Moment. Was? »I-in London? Wovon redest du?« Ich räuspere mich und bin stolz, dass ich meine Stimme so ruhig halten kann. Ich würde in einem der elegantesten Restaurants Manhattans auf keinen Fall eine Szene machen wollen. Ich kann fast die Stimme meines Vaters hören.

Violet, das gehört sich nicht.

»Dein Vater schickt mich für eine Weile in die Zweigstelle nach London. Da wird ein neuer Posten errichtet, weil der Markt in England und Europa in den letzten Jahren so gewachsen ist. Ich werde Leiter der Marketingabteilungen in London und Paris sein. Das ist eine unglaubliche Chance, Violet. Die muss ich wahrnehmen. Diese Beförderung kann alles ändern.« Der Blick, den er mir zuwirft, sagt, dass er seine Entscheidung bereits getroffen hat und ich gar nicht erst zu versuchen brauche, ihm die Sache auszureden.

»Aber … Moment.« Ich schüttele den Kopf und muss ungläubig lachen. Das kann nicht sein Ernst sein. Darüber wollte er mit mir reden? Über seine mögliche Beförderung? Darüber, dass er nach London geht? »Was ist …«

»Mit uns?«, beendet er meine Frage mit einem reuevollen, charmanten Lächeln. Einem Lächeln, das verrät, dass er sich dessen bewusst ist, ein bisschen in der Klemme zu stecken, aber dass er es irgendwie schaffen wird, sich da herauszureden. Wie immer. »Ich werde nicht lange weg sein, nur ein paar Monate. Hey, du kannst doch mal für ein Wochenende rüberkommen. Nach London oder, noch besser, nach Paris. Wir können zusammen die Städte erkunden.«

Kein Angebot, mich mitzunehmen, um gemeinsam dort zu leben – nicht, dass ich es annehmen würde, besonders, wo es nur vorübergehend ist. Aber es könnte ja auch sein, dass er nachher doch dort bleibt. Das weiß man schließlich nicht.

Würde ich New York verlassen, um mit Zachary zusammenzuleben? Nur, wenn er mir versprechen würde, mich zu heiraten – und wenn er mir seine absolute Treue schwören würde. Ich fühle mich hier sicher. Alles, was ich kenne, meine Familie, meine Freunde, mein Beruf, alles ist hier. In New York. Nicht in London oder Paris. Und was ist jetzt mit dem Ring? Und der Verlobung?

Es klingt schrecklich in meinen Ohren, aber ich hatte fest damit gerechnet. Mit einem wunderschönen Diamantring, der mir zusammen mit einem Heiratsantrag und Zacharys Versprechen von unsterblicher Liebe und ewiger Treue überbracht wird. Eine Frau kann nun mal nicht alles ertragen, und ich weiß zwar, dass es dumm ist, aber … ich liebe ihn.

Wirklich.

»Ich glaube, ich weiß, was du dir erhofft hast«, sagt er sanft. »Aber was für eine Ehe sollte das sein, wenn wir auf verschiedenen Kontinenten leben? Das wäre doch keinem von uns beiden gegenüber gerecht. Wir sind noch jung, Schatz, besonders du. Wir haben noch so viel Zeit.«

»Wir sind schon seit fast zwei Jahren zusammen …« Meine Stimme versagt, und ich senke den Kopf und schließe einen qualvollen Moment lang die Augen, bevor ich ihn wieder ansehe. Ich werde nicht weinen. Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt. Ich werde nicht weinen wie ein kleines Mädchen.

»Und vielleicht haben wir noch ein oder zwei solcher Jahre, aber ich verspreche, ich werde dich heiraten.« Mein Herz macht einen Sprung. »Ich schwöre es dir. Aber ich – ich brauche das. Diese Beförderung ist mir enorm wichtig, und ich bin nicht der Einzige, den dein Vater in die engere Wahl gezogen hat. Ich bin einer der Favoriten, aber es gibt keine Garantie. Für dich ist das anders. Es ist schließlich deine Familie. Du bekommst alles, was du willst.« Zachary klingt verärgert. Ob er die Veränderung in seinem Tonfall eigentlich bemerkt? »Aber ich? Ich muss dafür arbeiten. Permanent.«

Ich versteife mich. Seine Worte verletzen mich. Er stellt es so dar, als wäre ich eine verwöhnte Göre, die ständig alles kriegt, was sie will. »Ich arbeite hart für Fleur, und das schon seit ich ein Teenager war«, protestiere ich. »Das weißt du ganz genau.«

Er winkt ab. Ob er damit meine oder seine Worte abtut, weiß ich nicht so genau. »Du weißt, was ich meine. Lass es mich doch einfach tun. Ich bin nicht egoistisch, aber ich habe verdammt hart für diese Karriere gearbeitet, Vi.« Ich kann es gar nicht leiden, wenn er mich Vi nennt, und das weiß er ganz genau. »Ich bin fast dreißig. Ich muss das jetzt machen. Bevor ich dich heirate und wir Kinder kriegen und ich nicht mehr wegkann.«

Das klingt fast, als würde er meinen, bevor er eine Frau und Kinder am Hals hat und nicht wieder loswird. Mit anderen Worten, mich und unsere zukünftigen Kinder. Warum geht mir das so nah? Bin ich zu empfindlich? Es stimmt doch, was er sagt. Er muss seine Karriere voranbringen. Das kann ich verstehen. Aber ich muss das auch. Und ich muss mein Leben voranbringen. Mein persönliches Leben mit Heirat und Kindern und …

Zögerlich antworte ich: »Ich könnte meinen Vater doch auch bitten, dir hier eine Beförderung anzubieten …«

»Nein. Ich will keine Almosen. Ich will mir die Beförderung verdienen«, erwidert er heftig. »Ich will das machen. Ich würde dich nicht davon abhalten.«

»Das ist nicht fair«, murmele ich. Ich werde von einer Mischung aus Wut und Trauer erfüllt, aber er scheint überhaupt nicht traurig zu sein. Nein, er sieht aus, als würde er sich freuen. Als wäre es genau das, was er will. Was er braucht.

Heißt das etwa, dass er mich nicht will? Mich nicht braucht?

»Es ist die Wahrheit«, sagt er einfach. »Und du weißt es.«

Er hat mir nie davon erzählt, dass er sich auf die Stelle beworben hat. Und solche Bewerbungsverfahren dauern Wochen. Manchmal Monate. Mein Vater hat mir auch nichts davon erzählt, und das tut weh, denn er wusste, was los ist, und hat mich nicht gewarnt. Aber am meisten ärgert mich, dass Zachary es vor mir geheim gehalten hat.

Weswegen sich mir die Frage stellt, ob er noch mehr vor mir geheim hält.

Mach dir doch nichts vor. Er hat jede Menge Geheimnisse vor dir. Warum gibst du dich mit ihm ab?

Ich höre die Stimme meiner Schwester in meinem Kopf, wie sie mich ausschimpft. Ich kann mir ihren selbstgefälligen Gesichtsausdruck schon vorstellen, wenn sie mir sagen wird, dass sie es ja von Anfang an gewusst hat. Zachary Lawrence verdient mich einfach nicht. Das hat sie mir schon unzählige Male gesagt. Genau wie Rose.

Allmählich frage ich mich, ob sie recht haben.

Da höre ich das raue Lachen einer Frau, und als ich sehe, wer nicht weit von unserem Tisch entfernt sitzt, krampft sich mein Magen zusammen. Oh Gott, natürlich muss ausgerechnet er hier sein. Es gibt Tausende Restaurants in Manhattan, und er muss unbedingt hier hingehen. Der mysteriöse, arrogante Ryder McKay, Kollege bei Fleur Cosmetics.

Und Ryder ist natürlich mit … Pilar Vasquez hier, seiner ehemaligen Chefin, angeblichen Geliebten, Freundin, wie auch immer er sie nennen mag. Ihre Beziehung ist seltsam, um es vorsichtig zu formulieren.

Seltsam, weil Pilar nicht darüber spricht und Ryder genauso wenig. Niemand weiß so genau, was zwischen den beiden ist, aber alle wüssten es nur zu gern.

Nicht, dass ich es gern wissen würde. Oder es mich auch nur im Geringsten interessiert. Seine Arroganz, die sich auf seinem schönen Gesicht widerspiegelt, und wie er immer durch das Gebäude schreitet, als würde er über alles herrschen, das macht mich wahnsinnig.

Doch wenn es so läuft wie geplant, dann wird das Recht eines Tages Zachary zufallen. Er ist ohne Zweifel der zukünftige Geschäftsführer von Fleur.

Oder ich bin es. Ich könnte die Geschäftsführerin sein. Grandma hat mir das schon mehr als einmal gesagt. Wenn ich nur die Hälfte von ihrem Selbstbewusstsein hätte, könnte ich die Welt regieren.

Auf jeden Fall ist Ryder McKay eindeutig nicht ebenbürtig mit Zachary und all seinen Erfahrungen. Auch wenn er schon ein bisschen länger bei Fleur arbeitet, etwas mehr als zwei Jahre. Er ist durch Pilar ins Unternehmen gekommen, die bereits in ihrer vorigen Firma mit ihm zusammengearbeitet hat. Und irgendwie hat er es geschafft, bei praktisch allen in der Führungsetage von Fleur gut angeschrieben zu sein. Er ist für seinen Charme bekannt, und ich muss widerwillig zugeben, dass er ein geschätzter Mitarbeiter ist.

Was ihn gefährlich macht. Und ich weigere mich, seinem Charme zu erliegen. Irgendetwas an Ryder stört mich. Und Zachary kann ihn auf den Tod nicht leiden.

Ich versuche, den Abscheu, der durch meine Adern kriecht, zu ignorieren und meine Aufmerksamkeit wieder Zachary zuzuwenden, auch wenn der Traum von dem Leben, das ich mir mit ihm ausgemalt hatte, gerade zerstört wurde. Aber da klingelt Zacharys Handy, und er nimmt den Anruf an, ohne mich zu fragen, ob es mir etwas ausmacht. Als würde ich überhaupt nicht zählen. Was ich unmöglich finde. Und ich finde es noch viel unmöglicher, dass er sich jetzt wegdreht, sodass ich nicht hören kann, was er ins Telefon murmelt.

Noch mehr Geheimnisse. Wahrscheinlich ist es eine Frau. Dass ich hier sitze und dieses Verhalten toleriere … Ich hätte Lust, ihm eine Ohrfeige zu verpassen.

Oder mir selbst eine zu verpassen.

Ich weiß nicht mehr weiter. Ich weiß nicht, was ich tun soll, wie ich mich verhalten soll, und ich kann nichts dagegen tun, dass mein Blick immer wieder dahin abdriftet, wo Ryder sitzt. Er sieht abstoßend umwerfend aus in seinem anthrazitgrauen Anzug und dem blendend weißen Hemd. Er trägt keine Krawatte und hat das Hemd ein paar Knöpfe weit geöffnet, sodass sein verführerischer Hals besser zur Geltung kommt. Seine dunkelbraunen Haare sind leicht durcheinander, so als wäre er sich unzählige Male mit den Händen hindurchgefahren, und insgesamt strahlt er eine Verwegenheit aus, die verrät, dass es ihn nicht im Geringsten interessiert, was die Leute von ihm denken, während er in einem Restaurant sitzt, das einige der reichsten Leute in Manhattan beliefert.

Das ist genau die Attitüde, die Ryder McKay immer an den Tag legt, und das bringt mich zur Weißglut. Nicht, dass ich mich großartig mit ihm abgeben müsste. Er wurde vor ein paar Monaten zum Leiter der Abteilung für Verpackungsgestaltung ernannt, eine Stelle, auf die Zachary sich ruhig auch mal hätte bewerben können, auch wenn das für ihn kein Aufstieg, sondern eher eine Position auf gleicher Ebene gewesen wäre. Aber dann würde er in New York bleiben.

Es sei denn, Zachary wollte überhaupt nicht in New York bleiben …

Ich sehe Ryder an und wünschte, ich könnte etwas von seinem Gespräch mit Pilar mithören, aber ich verstehe kein Wort. Sein Gesicht liegt im Schatten und wird nur von der Kerze erhellt, die in einem dunkelroten Glas in der Mitte des Tisches steht und ein goldenes Licht auf ihn wirft. Er ist ziemlich attraktiv, das muss ich zugeben. Er lächelt Pilar verrucht an, und dann lässt er ein durch und durch dreckig klingendes Lachen hören, sodass mir auf einmal ganz heiß wird.

Nur weil es so schockierend schmutzig klingt, nicht weil ich irgendwie an ihm interessiert wäre. Er ist viel zu still, zu mysteriös, zu … dunkel und voller Geheimnisse. Das verruchte Lächeln spielt immer noch um seinen Mund, als er nach Pilars Hand greift und sie an seine verführerischen Lippen führt, um sie zu küssen.

Fasziniert beobachte ich, wie Pilar ihn lachend und mit rauer Stimme zu ermahnen scheint. Er schüttelt zur Antwort bloß den Kopf und lässt ihre Hand los, dann blickt er eine Sekunde lang zu mir herüber, um mich kurz darauf wieder anzusehen.

Ich bin gefangen. In die Falle seines intensiven Blicks getappt, und einige spannungsgeladene Sekunden lang erwidere ich seinen Blick. Da scheint er mich zu erkennen, und schnell sehe ich weg. Meine Wangen brennen, und ich bin froh, dass das Licht hier so gedämpft ist, dass er es nicht sehen kann. Er macht sich nichts besonders viel aus mir, da bin ich mir sicher. Ich tauche wahrscheinlich überhaupt nicht auf seinem Radar auf, und das ist mir auch ganz recht so. Ich will seine Aufmerksamkeit überhaupt nicht.

Seine Art von Aufmerksamkeit … macht mir Angst.

Ich blicke wieder Zachary an und wedle mit der Hand vor seinem Gesicht herum, aber er bemerkt mich gar nicht. Also zische ich seinen Namen, woraufhin er mir einen finsteren Blick zuwirft und sich wieder abwendet.

Ich unterdrücke ein Seufzen und riskiere einen weiteren Blick in Ryders Richtung. Er sieht mich immer noch an. Dann lehnt er sich zurück und lächelt. Er hat die Ausstrahlung eines Mannes, der weiß, wie man eine Frau glücklich macht – und er hat keinerlei Skrupel, mit einer Frau zu flirten, während er mit einer anderen am Tisch sitzt.

Ich rufe mir ins Gedächtnis, dass ich ihn nicht ausstehen kann. Ich finde seine großspurige Art unerträglich. Sein übertriebenes Selbstbewusstsein ist einfach nur anstrengend, und Zachary kann ihn genauso wenig leiden wie ich. Ich sollte eigentlich empört sein, dass er mich die ganze Zeit ansieht, doch … irgendwie bin ich krankhaft fasziniert.

Wie es wohl ist, so zu denken? So zu fühlen? Pilar scheint von seiner Gesellschaft sehr angetan zu sein, was meine Vermutung, dass zwischen den beiden etwas läuft, nur bestätigt. Und ich bezweifle nicht, dass er davor zurückschrecken würde, sie irgendwie unanständig zu berühren, wenn er es nicht ohnehin schon getan hat. Und sie würde wahrscheinlich noch nicht einmal protestieren. Sie macht alles, um voranzukommen, sie würde auch über Leichen gehen, um zu bekommen, was sie will, sowohl beruflich als auch privat.

Die beiden sehen allerdings aus, als würden sie den Abend genießen. Während ich an Zacharys Zurückweisung zu knabbern habe, sitzen sie da und lachen, als hätten sie keinerlei Sorgen.

Seltsam, irgendwie muss ich denken, dass Pilar ganz schön Glück hat. Sich so dem Vergnügen von Ryders verführerischer Gesellschaft hingeben zu können. Während ich beim Gedanken, dass Zachary mich verlässt, einfach nur heulen könnte. Beim Gedanken, allein zu sein.

Mal wieder.

Ich reiße den Blick von Ryder McKay und konzentriere mich wieder auf Zachary, der jetzt aufgehört hat zu telefonieren und mich erwartungsvoll ansieht. »Wo waren wir stehen geblieben?«, fragt er und scheint es wirklich nicht mehr zu wissen. Wie kann er nur vergessen haben, dass er mir gerade etwas mitgeteilt hat, das alles verändert?

»Du hattest mir von deiner möglichen neuen Stelle erzählt.« Ich halte die Luft an, zähle bis drei, dann atme ich langsam wieder aus. »Ich freue mich für dich«, sage ich schließlich und ringe mir ein Lächeln ab. Aber es fühlt sich nicht echt an. Meine Mundwinkel zucken, und ich gebe es auf. »Herzlichen Glückwunsch, Zachary.«

»Ich wusste, du würdest es verstehen. Du verstehst immer alles.« Er fasst wieder nach meiner Hand und drückt sie leicht. »Ich glaube nicht, dass ich länger als zwei Jahre in London bleiben werde. Wir bekommen das hin, Schatz, nicht wahr?«

»Na klar«, flüstere ich. Aber ich bin mir da nicht so sicher. Wenn Zachary zwei Jahre lang in einem anderen Land ist, wo er unzählige Frauen kennenlernt? Höchstwahrscheinlich mit unzähligen Frauen ins Bett geht?

Ich fürchte, das wäre der Anfang vom Ende.

KAPITEL 2

Ryder

»Ich werde Violet Fowler verführen.« Ich blicke weiter auf die Frau, von der ich gerade rede. Ich bin ganz fasziniert davon, wie sie sich eine lose Strähne ihrer glänzenden braunen Haare hinters Ohr streicht, während sie ihrem Arschloch-Freund ihr hübsches Lächeln schenkt.

Ich hasse Zachary Lawrence. Und ich will seine Freundin.

Wozu mir so einige Gedanken durch den Kopf gehen. Und nicht einer davon ist gut.

»Auf keinen Fall.«

Ich reiße den Blick von Violet und sehe ungläubig meine ehemalige Chefin und gelegentliche Bettpartnerin an. »Was hast du gerade gesagt?«

»Bitte. Du hast mich verstanden.« Sie legt die Stirn in Falten und zieht mit ihren blutroten Lippen einen Schmollmund. Auch wenn sie sauer ist, ist Pilar unglaublich schön. Ihr außergewöhnliches Aussehen lässt sie überall hervorstechen. »Warum um alles in der Welt solltest du Violet überhaupt nur anfassen wollen? Sie ist doch so was von langweilig.«

Sie klingt eifersüchtig. Nicht, dass ich das jemals sagen würde. Pilar hat extrem scharfe Krallen und schreckt nicht davor zurück, sie zu benutzen. »Das ist es ja, was sie so interessant macht.« Ich habe das starke Gefühl, dass Violet Fowler in den Händen des richtigen Manns alles andere als langweilig wäre.

»Du willst sie doch nur, weil du sie nicht haben kannst. Typisch Mann.« Pilar winkt geringschätzig ab. »Können wir über etwas anderes reden?«

»Okay.« Ich blicke sie an. Pilar hat Informationen, die mich interessieren. Weswegen ich sie gefragt habe, ob sie heute Abend mit mir essen geht. »Erzähl mir, was du über Zachary weißt.«

Pilars Lippen formen sich zu einem Lächeln wie bei einer Katze, die eine Maus gefangen hat. Das Thema gefällt ihr schon besser. »Was willst du wissen?« Sie klingt gelangweilt, aber ich durchschaue sie. Das Glänzen ihrer goldbraunen Augen verrät mir, dass sie sich alles andere als langweilt.

»Ich habe gehört, er geht nach London«, sage ich.

»Das ist korrekt.«

»Und er bekommt die neu geschaffene Stelle als vorläufiger Marketingleiter für Europa«, fahre ich fort.

»Richtig. Das ist eine unglaubliche Chance. Über die sich viele freuen würden.« Sie wirkt so verdammt selbstzufrieden, als sie das sagt. Sie weiß ganz genau, dass ich innerlich koche.

Ich platze gleich. »Genau. Ich zum Beispiel. Ich will den Job.« Ich will ihn so sehr, dass mir das Thema überhaupt keine Ruhe mehr lässt. Ich bin verdammt gut in dem, was ich mache. Ich bin bei Fleur in einem Affentempo aufgestiegen.

Sie verdreht die Augen. »Du hast ihn dir aber noch nicht verdient.«

»Ich arbeite doch wie ein Bekloppter. Ich habe den Job ja wohl mehr verdient als dieser Scheiß-Lawrence. Er bekommt ihn doch nur wegen seiner Freundin.« Ich kann noch nicht einmal seinen Vornamen aussprechen. Es regt mich auf, wie er immer darauf besteht, dass alle ihn Zachary nennen. Was ihn klingen lässt wie ein totales Weichei. Eingebildetes Arschloch. »Ich habe es Fowler gesagt.«

Pilar runzelt die Stirn, ihre Augen verfinstern sich. Das freudige Funkeln ist dahin. »Was hast du ihm gesagt?«

»Dass ich den Job will.«

Sie sieht schockiert aus. Gut. Es kommt selten vor, dass irgendjemand sie überraschen kann. »Und was hat er gesagt?«

»›Dann beweise dich.‹ Wortwörtlich.« Ich beuge mich über den Tisch und sehe Pilar in die Augen. »Und genau das habe ich vor.«

Sie zieht eine ihrer perfekt geschwungenen Augenbrauen hoch. »Und wie? Indem du Violet aus ihrer Oma-Unterhose befreist? Ich bitte dich. Die ist doch so prüde, die lässt sich doch noch nicht mal von dir ansehen. Wie willst du denn mit deinen schmutzigen Pranken an ihren unberührbaren Körper kommen?«

Das habe ich mir noch nicht überlegt. Aber das macht nichts. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, bekomme ich es. Früher war das anders. Als Jugendlicher habe ich gebettelt und geklaut und mich prostituiert, um zu bekommen, was ich wollte. Aber meine Vergangenheit hat mich stark gemacht. Ich bin jetzt viel entschlossener.

Und wenn ich Violet Fowler so ansehe, wie sie da mit ihrem hübschen kleinen Körper in diesem hübschen Kleidchen sitzt und es hinnimmt, dass dieses Arschloch Lawrence sie einfach ignoriert, während er mit irgendwem telefoniert, dann würde ich sie am liebsten bespringen. Ihr zeigen, was ein echter Kerl für sie tun würde.

Ich würde ihr wahrscheinlich einen gehörigen Schrecken einjagen. Verdammt, es würde mir wahrscheinlich erst recht Spaß machen.

Ich bin ein ganz schöner Perversling.

»Wenn ihr Arschloch-Freund sie nicht mitnimmt, kann ich da sicher was drehen.« Ich zucke die Achseln. »Sie wird allein und verletzlich sein, ihn vermissen. Und dann komme ich und tröste sie.«

»Ganz schön mutig«, murmelt sie. »Und was ist mit mir? Soll ich es einfach hinnehmen, dass du eine andere vögelst?«

»Das machst du doch sonst auch. Hast du schon oft genug gemacht. Wir sind ja schließlich nicht zusammen.« Unsere Beziehung ist alles andere als gewöhnlich. Wir sind einander verbunden, aber es ist keine Bindung fürs Leben. Pilar benutzt mich.

Genau wie ich sie. Deswegen funktioniert das mit uns beiden auch so gut, sowohl beruflich wie auch privat.

In letzter Zeit bin ich allerdings nicht mehr ganz so glücklich mit unserer Abmachung. Ich würde meine sexuelle Beziehung mit Pilar gern beenden, aber wir haben eine Geschichte. Sie ist die einzige Frau, die sich jemals um mich gekümmert hat, also kümmere ich mich um sie.

Meine Mom ist verschwunden, als ich noch ganz klein war, ich kann mich gar nicht an sie erinnern. Und Dad war immer nur halb anwesend, er war nie ein richtiger Vater. Eher so etwas wie ein Mitbewohner. Ein Kerl, der Huren mit nach Hause gebracht und mir, als ich zwölf war, den ersten Drink eingeschenkt hat. Ein leuchtendes Beispiel für elterliche Fürsorge.

Als Pilar in mein Leben trat und entschied, mich zu ihrem persönlichen kleinen Projekt zu machen, war ich erleichtert. Und verdammt froh.

Ich war neunzehn Jahre alt, hatte ein kleines Drogenproblem, keinen Job und keine Wohnung. Nachts schlief ich auf einer Parkbank, und tagsüber hing ich bei Starbucks herum. Da war es wenigstens warm. Ich konnte mir einen kleinen Kaffee und ein Glas Leitungswasser leisten. Da habe ich mich den ganzen verdammten Tag lang dran festgehalten. Es war mir egal.

Pilar kam jeden Morgen in den Starbucks, als würde ihr der Laden gehören. Eines Tages bemerkte sie mich und betrachtete mich wie einen Käfer unter dem Mikroskop. Sie kam näher und sah mich ganz genau an. Pilar ist älter als ich, wunderschön und strahlt so viel Selbstbewusstsein aus, dass ich ihr sofort verfallen war. Verdammt, ich wollte ihr verfallen sein.

Sie nahm mich mit nach Hause, damit ich mich duschen konnte. Ihre Wohnung kam mir vor wie ein Palast. Sauber, mit neuen Möbeln und Essen im Kühlschrank und einer Toilette mit Spülung, mit einer Dusche mit heißem Wasser und weichen Handtüchern und mit einem warmen Bett in der Nacht. Ich fühlte mich wie im Himmel.

Als sie sagte, sie könne mir in ihrer Firma einen Job als ihr Assistent besorgen, sagte ich Ja. Dieser Job war mehr, als mir jemals zuvor irgendjemand gegeben hatte. Und das Essen, das sie auftischte? Ich aß so viel, wie ich in meinem ganzen Leben noch nicht gegessen hatte. Am ersten Abend musste ich mich übergeben, weil ich mich derart überfressen hatte. Ich weiß noch, dass ich es für eine wahnsinnige Verschwendung hielt, als ich über der Kloschüssel hing und mir die Seele aus dem Leib kotzte.

Niemand hatte mich jemals gewollt. Niemand hatte sich je auch nur im Geringsten um mich geschert. Wenn einem noch nie im Leben jemand etwas gegeben hat, nicht ein einziges Mal, und dann kommt auf einmal jemand und gibt einem nicht nur, was man braucht, sondern auch, was man will … dann vergisst man das nie.

Was Pilar und ich zusammen haben, ist weit davon entfernt, perfekt zu sein. Aber es ist mehr, als ich mir jemals erträumt hätte.

Dass sie sich für mich interessierte, haute mich total um. Ich wollte umso härter für sie arbeiten, beweisen, dass ich es tatsächlich zu etwas bringen konnte. Und sie belohnte mich dafür. Zuerst mit Sex und schließlich mit Jobangeboten, und ich habe ihr gezeigt, dass ich es wert war. Obwohl ich nicht mehr direkt unter ihr arbeite, meint sie immer noch, ich wäre ihr etwas schuldig.

Doch ich würde meine Schuld gern ein für alle Mal abtragen.

»Ich werde bestimmt nicht mit ansehen, wie du mit ihr was anfängst. Hast du den Verstand verloren? Glaubst du wirklich, wenn du Violet Fowler ins Bett bekommst, wirst du automatisch befördert? Forrest Fowler passt ganz schön auf seine Töchter auf. Wahrscheinlich kastriert er dich, wenn er herausfindet, dass du mit seinem kleinen Mädchen im Bett warst. Besonders, wo sie diejenige ist, die sowieso schon eine problematische Vergangenheit hat.«

Der Geschäftsführer von Fleur ist wirklich übertrieben fürsorglich, was seine zwei jüngeren Töchter angeht. Die Älteste – Lily – ist eine Katastrophe. Und ziemlich sexy. Auf Partys zeigt sie sich gern halbnackt und betrunken, weswegen sie oft Thema der miesen Klatschmagazine im Internet ist.

Violet dagegen ist zurückhaltend, zerbrechlich. Angeblich war sie schon mal in der Psychiatrie. Ihre Mutter soll sich umgebracht haben, als die Mädchen noch klein waren, und Violet soll genauso sein wie sie. Verletzlich. Psychisch instabil.

Ein seelischer Scherbenhaufen.

Sie ist ein perfektes Opfer. Ich könnte sie vernaschen und wieder ausspucken, kein Problem.

»Ich will einfach in ihrem Ansehen steigen«, sage ich, denn was soll ich sonst sagen? Ich weiß, dass Violet Fowler sich nicht die Bohne für mich interessiert. Dass ich sie vor ein paar Minuten ertappt habe, wie sie mich angesehen hat, fand ich schon ziemlich erstaunlich. »Außerdem – wolltest du nicht schon immer mal mit Lawrence ins Bett?«

Die gespielte Überraschung auf Pilars Gesicht ist vielsagend. »Ich finde ihn … zum Anbeißen. Gelegentlich.«

Zum Anbeißen. Das Wort tut mir in Zusammenhang mit Zachary Lawrence regelrecht in den Ohren weh. Der Typ ist ein arroganter Wichser. Ich muss mich sehr beherrschen, nicht das Gesicht zu verziehen. »Dann hilf mir dabei. Blas Lawrence einen, mach irgendwie ein paar Fotos davon, und spiel sie Violet zu. Dann wird sie sich von ihm trennen, ich werde sie trösten und als der Superheld dastehen, sodass Fowler überhaupt keine andere Möglichkeit hat, als mich zu befördern.« Es klingt nach einem Scheißplan, und eigentlich ziehe ich es vor, meine Beförderung auf altmodische Weise zu verdienen – indem ich einen verdammt guten Job mache –, aber ich bin echt sauer. Ich würde nichts lieber tun, als Lawrence diesen Job wegzunehmen.

Ihm den Job und seine Freundin wegzunehmen, beides auf einmal.

»Das ist nicht so einfach, Schätzchen. Zachary geht nach London. Schon vergessen?«

»Aber erst in ein oder zwei Wochen. Da hast du noch jede Menge Zeit, ihn rumzukriegen.« Pilar handelt schnell, wenn sie will. Genau wie ich.

Sie wirft den Kopf in den Nacken, um ein kehliges Lachen erklingen zu lassen. Ein Lachen, das sie über die Jahre immer mehr perfektioniert hat. Nichts, was Pilar tut, ist spontan. Sie ist bis ins kleinste Detail berechnend. »Findest du das nicht ganz schön viel verlangt, dass ich Zachary Lawrence flachlegen soll, damit du in der Firma aufsteigst? Was springt für mich dabei raus?«

»Sex mit Lawrence?«

Sie grinst. »Das reicht mir nicht. Ich will mehr.«

Ich wechsele das Thema. »Wo wir gerade bei dem Idioten sind, er sitzt da drüben und isst mit Violet zu Abend.« Er ist so ein schmieriger Kerl. Er weiß ganz genau, wie er mit seinem Charme so gut wie alle in der Firma für sich einnehmen kann, aber ich sehe hinter seine Fassade. Ich habe genug Erfahrung, besonders aus meinen ersten neunzehn Lebensjahren, um zu erkennen, wenn jemand irgendeine Scheiße abzieht, und was Lawrence abzieht, ist ganz große Scheiße.

»Ich habe sie schon gesehen.« Pilar greift nach ihrem Weinglas und trinkt einen Schluck, bevor sie antwortet. »Was für ein Zufall, dass wir im selben Restaurant gelandet sind. Ich wette, er erzählt ihr gerade, dass er demnächst weg ist.«

Gott sei Dank. Ich werde den Typen nicht vermissen, auch wenn bestimmt fünfundneunzig Prozent der Leute bei Fleur ihm eine große Abschiedsparty schmeißen wollen. Ich wette, er hat fünfundneunzig Prozent der weiblichen Angestellten schon gefickt, so ein Schürzenjäger, wie er ist.

Ich habe schon öfter gehört, dass Violet von Lawrence‘ sexuellen Aktivitäten außerhalb ihrer Beziehung weiß, aber es vorzieht, die Augen davor zu verschließen. Warum sie sich überhaupt mit ihm abgibt, kann ich mir absolut nicht erklären.

Als ich nichts antworte, stützt Pilar seufzend den Kopf auf, was sie aussehen lässt wie ein sehnsüchtiger Teenie. »Alle werden ihn vermissen.«

»Ich nicht«, brumme ich.

Sie lacht. »Du bist doch bloß neidisch.«

»Auf Lawrence? Bestimmt nicht.« Ich schüttele den Kopf. »Er ist ein Arschloch.«

»Ein charmantes Arschloch, das alles hat, was du dir wünschst.« Pilars Miene verrät, dass sie meint, ganz genau Bescheid zu wissen. »Gib es doch zu. Du bist neidisch. Er ist dein größter Konkurrent.«

Ich zucke die Achseln. Das stimmt tatsächlich, was die Arbeit angeht. Ich habe sechs Monate vor ihm bei Fleur angefangen. Wir sind beide ziemlich schnell aufgestiegen, aber er hat mich in letzter Zeit etwas abgehängt. Was er wohl seiner Beziehung mit Violet zu verdanken hat.

Es ist mir egal, was alle anderen sagen. Der Typ vögelt die Tochter des Geschäftsführers. Irgendeinen Vorteil wird er daraus ziehen.

»Erzähl mir, was du willst, Pilar«, sage ich, weil ich wieder auf das eigentliche Thema zurückkommen will. Zurückkommen muss. Ich brauche einen neuen Plan. Nachdem ich vorhin mit Forrest Fowler gesprochen und ihm mitgeteilt habe, dass ich die Stelle will, die Lawrence vorläufig übernehmen wird, will ich jetzt meine Chance bekommen.

Ich verdiene eine Chance. Und deswegen muss ich jeden möglichen Vorteil ausnutzen.

Pilar tippt sich nachdenklich mit dem Zeigefinger an die gespitzten Lippen. Ihr Nagellack hat den gleichen blutroten Farbton wie ihr Lippenstift. »Ich weiß was«, sagt sie plötzlich und zeigt mit dem Finger auf mich. »Ich will, dass Violet verschwindet.«

Jetzt runzle ich die Stirn. »Verschwindet?«

»Hmm.« Pilar nickt. »Zachary hat etwas, was du gern hättest? Tja, ich will das, was Violet hat.«

»Und das wäre?«

»Macht«, antwortet sie schlicht.

Was sie nicht sagt. »Sie ist eine Fowler. Natürlich hat sie Macht.«

»Ja, aber wenn sie nicht mehr da ist, ist das eine Fowler weniger, mit der ich mich herumschlagen muss, nicht wahr? Und Violet ist so entschlossen, in die Fußstapfen ihrer Großmutter zu treten. Viel mehr als Rose.« Verschwörerisch lächelnd sieht Pilar mich an. »Du kümmerst dich um Violet und verletzt sie, bis sie am Boden zerstört und ein psychisches Wrack ist, wie sie es schon einmal war. Und dann … komme ich.«

Irgendwie ist mir bei dem Gedanken unwohl. Ja, klar, wir haben diese Art von Spielchen schon vorher betrieben, aber Pilar hat mich noch nie dazu aufgefordert, jemanden zum psychischen Wrack zu machen, vor allem nicht jemanden so Empfindliches wie Violet.

»Du hast doch gesagt, dass du mit ihr ins Bett willst, oder? Wenn Zachary erst mal weg vom Fenster ist, bekommst du seinen Job und ziehst nach London.« Pilar lehnt sich zurück. »Ich persönlich finde ja, das ist ein genialer Plan.«

Das ist ein verdammt gefährlicher Plan. Aber das würde ich Pilar gegenüber niemals zugeben. Sie würde es nur gegen mich verwenden.

Ich lasse den Blick wieder zu Violet schweifen, beobachte, wie sie auf ihrer Stuhlkante sitzt und mit ihren großen, samtbraunen Augen dieses Arschloch Lawrence ansieht und begierig alles aufnimmt, was er zu sagen hat. Wenn sie mich erst mal so ansieht … Als hätte ich den Mond und die Sterne und alles dazwischen nur für sie an den Himmel gehängt.

Ja, ich habe mir schon öfter vorgestellt, dass sie mich so ansieht. Welcher Mann würde nicht davon träumen? Manchmal denke ich sogar an Violet, wenn ich mit Pilar ficke. Dann stelle ich mir Violet unter mir vor, mit ihren langen, seidigen dunklen Haaren auf meinem Kissen, wie sie mich mit leuchtenden Wangen und samtenem Blick ansieht. Nur mich. Irgendetwas an ihrer schüchternen, zurückhaltenden Art bringt mich einfach total um den Verstand. Und bewirkt, dass ich sie um den Verstand bringen will.

Mit meinem Schwanz tief in ihr drin.

»Ich weiß nicht. Wir haben keinerlei Garantie, dass es so laufen wird«, sage ich schließlich kopfschüttelnd. Ein kleiner Fehler, und wir beide könnten gefeuert werden. Ich kann mir das nicht leisten. Ich muss mich konzentrieren. Ich muss ein für alle Mal von Pilar loskommen und sie von mir fernhalten.

Ich muss verdammt noch mal erwachsen werden und etwas aus meinem Leben machen. Ich bin es leid, mich ständig ablenken zu lassen. Aber so krank, wie es auch ist, Pilar ist alles, was ich habe. Ich habe keine Familie, keine engen Freunde. Es ist schwer, mich von ihr zu lösen.

Und sie weiß das.

»Da erkläre ich mich bereit, mich auf deinen Plan einzulassen, und dann willst du kneifen. Mit dir kann man gar keinen Spaß mehr haben.« Sie zieht einen Flunsch. »Du bist in letzter Zeit immer so furchtbar ernst.«

»Das muss ich auch. Hör zu, Pilar.« Ich beuge mich über den Tisch, denn sie soll sehen, wie verdammt ernst es mir ist. »Ich kann es mir nicht leisten, so weiterzumachen wie bisher. Ich will diese Beförderung. Ich will endlich weiterkommen. Und wenn wir zu viele Leute in diese Geschichte mit reinziehen und tatsächlich jemanden … verletzen, und ausgerechnet die Tochter des Geschäftsführers – das ist viel zu riskant.«

»Ach, hör auf, das wird lustig. Als ob dir Violets Gefühle irgendwie wichtig wären. Hat sie jemals irgendetwas für dich getan? Sie guckt dich doch normalerweise an wie ein dreckiges Kaugummi, das an ihrer Schuhsohle klebt.«

Pilar hat wahrscheinlich recht. Das ist mir aber egal. Ich bin vielleicht jemand, der andere benutzt, aber die Vorstellung, Violet fertigzumachen, gefällt mir nicht.

Anscheinend habe ich doch so etwas wie moralisches Empfinden.

»Ich weiß nicht …«, setze ich an, aber Pilar unterbricht mich.

»Ich bitte dich«, tut sie meine Worte mit einer Handbewegung ab. »Kannst du mir nicht mal einen kleinen Gefallen erweisen?« Seit wann ist das hier eigentlich ihr Projekt? »Nachdem ich dich bei mir aufgenommen habe. Dir einen Job verschafft habe, als du nichts hattest. Du wärst tot, wäre ich nicht gewesen.«

Verdammt. Ich weiß. Sie hat es mir schließlich schon oft genug gesagt.

»Du bist mir was schuldig«, fährt Pilar fort. »Ich habe dir Geld geliehen.«

»Und ich habe es dir zurückgezahlt, oder etwa nicht?« Und zwar mehrfach, würde ich am liebsten hinzufügen.

»Ich habe dein Leben gerettet«, wiederholt sie. »Komm schon. Ich finde, deine Idee klingt nach einer Menge Spaß. Und alle bekommen, was sie wollen.«

Spaß. Das klingt noch nach etwas ganz anderem als bloß Spaß. »Du meinst du und ich.«

»Schätzchen, wir beide sind die Einzigen, die zählen. Wenn wir uns nicht umeinander kümmern, dann tut es niemand.« Sie fasst über den Tisch und legt ihre Hand auf meine. »Komm schon, mein Schatz, mein süßer Junge. Tu es für mich – tu es für dich –, und unser beider Aufstieg bei Fleur ist sicher. Das verspreche ich dir.«

Wie zum Teufel kann sie mir so etwas versprechen? Ich bin nicht mehr das leichtgläubige Kind, das ich noch war, als wir uns kennenlernten. »Hör auf, Pilar«, murre ich und ziehe meine Hand weg.

Ich kann Violets Blick auf mir spüren, wie sie mich beobachtet. Mich abschätzig mustert. Wahrscheinlich hält sie mich für einen totalen Idioten, dabei lädt sie jede Nacht das größte Arschloch auf der ganzen Welt zu sich ins Bett ein.

Wie sie wohl im Bett ist? Total prüde und verklemmt? Lawrence muss ihre Schenkel wahrscheinlich jedes Mal mit einem Brecheisen aufstemmen, und dann fängt sie wahrscheinlich jedes Mal an zu heulen, wenn sie Sex haben.

Ein absoluter Albtraum.

Und trotzdem bekomme ich bei dem Gedanken einen Steifen.

Was bedeutet … dass ich es tun sollte. Scheiß drauf. Was habe ich schon zu verlieren? Und wenn alles so läuft, wie geplant, habe ich eine Menge zu gewinnen. Nämlich alles.

»Wenn ich es mache …«, fange ich an und senke die Stimme. Die Erregung in Pilars Blick steigert meine eigene. »Wenn ich mit ihr ins Bett gehe … und eine Weile mit ihr spiele, dann müssen wir aber diskret vorgehen. Was bedeutet, dass du dich zurückhalten musst.«

Pilar nickt, und ihre Augen weiten sich. »Kein Problem.«

»Du kümmerst dich um Lawrence und bringst die beiden dazu, sich zu trennen, aber mach keine große Szene. Dann kann Lawrence bei Fleur seinen Hut nehmen. Ich tröste Violet, und wir werden langsam vertrauter miteinander. Währenddessen beweise ich ihrem Vater, dass ich der beste Mann für die Stelle in London bin, und er wird keine andere Wahl haben, als mich zu befördern. Dann lasse ich Violet zurück, sie wird vollkommen verzweifelt sein, weil ich mich so plötzlich von ihr getrennt habe, und dann muss sie … für eine Weile die Firma verlassen, um sich wieder zu erholen. Und dann kommst du und übernimmst ihre Aufgaben«, fasse ich unseren Plan zusammen.

»Klingt perfekt«, flüstert Pilar, legt wieder ihre Hand auf meine und fährt mir mit dem Fuß das Bein empor. Mein Schwanz zuckt, erregt durch Pilars Berührung und die Herausforderung der Jagd, durch die Aussicht auf den Preis.

Violet Fowler flachzulegen und den Job in London zu bekommen, weit weg von Pilar? Ich könnte mir nichts Besseres vorstellen.

»Danach war es das aber. Keine weiteren Spielchen. Wir sind dann nur noch Freunde, Pilar. Das ist alles«, erkläre ich.

Das Lächeln auf ihrem Gesicht verblasst, aber ich kann immer noch das Strahlen in ihren Augen sehen. Sie liebt es, wenn ich das sage, denn sie denkt, ich würde es nicht so meinen. Diesmal tue ich es aber. »Gut. Was immer du willst, mein Schatz. Das wird lustig. Wir können uns über die Details austauschen.«

Ich versteife mich leicht, als sie mit ihrem Stuhl näher rückt und meine Schulter umfasst, während ihr Blick zu meinem Schoß wandert. »Du kannst ja gern so tun, als hätte ich Violet als deine letzte Eroberung ausgesucht, aber vergiss nicht, es war deine Idee. Ich schätze mal, du willst sie schon länger?«, flüstert sie und legt mir die Hand auf den Schwanz. »Oder willst du mir etwa erzählen, deine Latte wäre nicht ihretwegen?«

Ich hole tief Luft und zwinge mich, ruhig zu bleiben. »Ist sie nicht. Die ist nur wegen dir«, lüge ich aalglatt. Mein Leben ist ein einziges Chaos. Ich kann es echt nicht gebrauchen, dass Pilar es noch chaotischer macht, als es ohnehin schon ist, und das weiß sie ganz genau. Das ist das Beängstigende daran. »Du nimmst also morgen Lawrence in Angriff?«

Sie zieht eine perfekt gezupfte Augenbraue hoch und nimmt zum Glück wieder die Hand von meinem Schwanz. »Und du nimmst Violet in Angriff?«

»Ja.« Ich hole tief Luft und schiebe das ungute Gefühl, das sich in mir breitmachen will, beiseite. »Aber wie gesagt, danach war es das. Die Sache mit uns ist dann vorbei. Ich gehe meinen Weg, und du gehst deinen. Danach ist meine Schuld beglichen.«

»Okay.« Das Lächeln ist wieder da, dunkler diesmal, und ihre Augen leuchten mit einem unbekannten Feuer, das mich wachsam werden lässt. »Dann sollten wir die Sache besser interessant gestalten, nicht wahr?«

»So interessant es nur geht«, sage ich und rutsche auf meinen Stuhl zurück. Sie nimmt die Hand von meiner Schulter. Endlich.

Als ich wieder zu Zacharys und Violets Tisch hinübersehe, ist er leer. Sie sind gerade aufgestanden, Zachary ist auf dem Weg zum Ausgang, Violet geht in die entgegengesetzte Richtung, höchstwahrscheinlich zur Toilette.

»Vielleicht sollte ich ihr hinterher«, sage ich, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Verdammt, sie ist wunderschön. Ich will sie.

Auch wenn ich es nicht sollte.

»Ja, mach. Na los.« Pilar wedelt mit der Hand, als wäre sie eine Entenmutter, die mich zum allerletzten Mal aus dem Nest scheucht. »Lass deine McKay-Magie auf sie wirken. Ich sehe mal nach Zachary.«

Ohne ein weiteres Wort stehe ich auf und folge Violet zwischen den Tischen hindurch. Es wird ein Spiel. Es wird Spaß machen. Wie lange wird es wohl dauern, bis sie mir verfällt?

Ich habe so etwas schon öfter gemacht, und ich kann es wieder tun. Ich weiß, wie das funktioniert. Ich muss einfach nur der sein, den sie sich wünscht. Ich bin ein Chamäleon. Das hat man mir schon früher immer gesagt. »Anpassungsfähig«, ist die nettere Art es auszudrücken.

Aber eigentlich bin ich ein Schwindler. Ein Betrüger.

Ich prostituiere mich praktisch immer noch.

KAPITEL 3

Violet

Es war gelogen, als ich Zachary gegenüber so getan habe, als wäre ich nicht sauer, dass er nach London geht, und wie immer ein tapferes Lächeln aufgesetzt habe. Darin bin ich inzwischen unglaublich gut. Gerade noch habe ich gedacht, alles würde nach Plan verlaufen, da verkündet er mir Neuigkeiten, die mich treffen wie ein Schlag in die Magengrube. Aber ich bin stark, nicht schwach, zumindest hat man mir das immer und immer wieder gesagt. Jetzt geht es darum, mein Pokerface aufzusetzen. So nennt Vater das.

Als wäre das Leben nichts weiter als ein Spiel. Wer denkt denn so? Und wer lebt tatsächlich so?

Der Kellner hat gerade unsere Teller abgeräumt, da sagt Zachary, dass er vorhat, mich bei mir zu Hause abzusetzen. »Hab noch viel zu tun«, murmelt er und setzt wieder dieses beruhigende Lächeln auf. So ein Lügner. Warum glaube ich ihm eigentlich alles? Bin ich so unsicher? »Ich kann nur abends packen, nach der Arbeit. Und ich fliege in weniger als zwei Wochen. Das verstehst du doch, oder, Süße?«

Natürlich verstehe ich das. Ich bin die perfekte Freundin, die immer hinter ihrem Mann steht und ihn tun lässt, was er will. Auch wenn er sie verlässt, um einen neuen glanzvollen Job in einem anderen Land anzunehmen. Wo er höchstwahrscheinlich auch gleich eine neue glanzvolle Frau findet.

Was er schon öfter getan hat … wenn auch nie außerhalb des Landes. Das wird also ein neues Abenteuer für ihn. Das ich mal wieder ignorieren darf.

Die Tränen brennen mir in den Augen. Ich muss hier raus. Ich muss ein paar Minuten allein sein. Zachary wäre peinlich berührt, wenn ich vor ihm weinen würde. Außerdem würde er es wahrscheinlich Vater erzählen, und er … er darf nicht erfahren, wie sehr mich das aufwühlt. Mir geht es gut. Ich bin vollkommen gefasst. Ich bin glücklich.

Ich bin perfekt.

Als sich eine kleine Unvollkommenheit in Form von Tränen ihren Weg bahnen will, entschuldige ich mich also und gehe zur Toilette. Ich verstecke mich in einer Kabine, damit niemand mich sieht, wie ich mich mit dem Gesicht in den Händen an die Wand lehne und mir die Tränen über die Wangen laufen. Ich erlaube mir nur etwa neunzig Sekunden zu weinen. Sonst bekomme ich fleckige Wangen und rote Augen. Und dann wüsste Zachary, dass ich geweint habe.

Und das darf nicht passieren.

Für solche Notfälle habe ich immer Visine-Augentropfen dabei. Während ich mir die Hände wasche, betrachte ich mich im Spiegel. Ich sehe aus … als hätte ich geweint. Meine Wangen sind leicht fleckig und meine Augen feucht und etwas rot. Ich trockne mir die Hände ab und nehme die Augentropfen aus der Handtasche, um mich um das Problem zu kümmern. Ich bin immer auf alle Eventualitäten vorbereitet. Meine Schwestern finden das zum Schießen. Sie machen sich gern darüber lustig, was ich alles in der Handtasche mit mir herumschleppe.

Ich tropfe mir die Visine-Lösung in die Augen und blinzle, dann tupfe ich mir mit einem Taschentuch die Augen. Meine Haut ist immer noch gerötet, also spritze ich mir kaltes Wasser ins Gesicht und trockne es wieder ab. Dann kaschiere ich die Flecken auf den Wangen mit etwas Fleur Cosmetics Kompaktpuder. Noch ein bisschen Macadamia-Nut-Lipgloss auf die Lippen, und ich sehe wieder präsentabel aus, bereit, der Welt entgegenzutreten. Zachary entgegenzutreten.

Trotz meiner Wut weiß ich, dass ich diese letzten Tage vor seiner Abreise mit ihm auskosten muss, aber ich bekomme Magenschmerzen, wenn ich daran denke, dass er und Vater diese Sache wochenlang vor mir geheim gehalten haben. Er hätte mich darauf vorbereiten können. Stattdessen hat er mich vollkommen überrumpelt.

Komm drüber hinweg. Sei stark. Du kommst auch ohne ihn zurecht. Es ist nur vorübergehend. Er hat ja nicht Schluss gemacht. Es gibt jede Menge Paare, die eine Fernbeziehung führen.

Die gibt es. Und wir können das auch. Zachary liebt mich auf seine Weise. Er braucht mich, aber er muss auch an seine Karriere denken. Sonst würde er mir das ewig übelnehmen.

Ich hole tief Luft, nehme meine Chanel-Tasche und trete hinaus auf den dunklen Flur. Doch dann bleibe ich wie angewurzelt stehen, als ich einen Mann vor mir stehen sehe, der ganz offenbar auf mich gewartet hat. Sein Gesicht liegt im Schatten, aber ich erkenne ihn an seiner Statur und seiner Haltung. Selbstsicher, den Kopf auf seine arrogante Art zur Seite geneigt, und dann diese unglaublich breiten Schultern.

Es ist Ryder McKay.

»Sieh mal einer an. Violet Fowler. Wie geht es Ihnen?«, fragt er mit seiner tiefen Stimme, während er groß und beeindruckend und unglaublich gut aussehend aus dem Dunkeln auf mich zukommt.

Ich mache einen Schritt zurück, ich will ihn nicht zu nah an mich heranlassen, aber er kommt mir hinterher. »Mr. McKay«, sage ich höflich. Ich traue mich nicht, ihn beim Vornamen anzusprechen. Das würde implizieren, dass ich ihn kenne, dass wir befreundet sind oder zumindest kollegial miteinander verbunden, und davon kann nicht die Rede sein. Er arbeitet zwar bei Fleur, aber ich rede so gut wie nie mit ihm. Ich brauche nicht mit ihm zu reden, und abgesehen davon …

Da ist irgendetwas an dieser intensiven Düsterheit, die er ausstrahlt. Er verlangt Aufmerksamkeit, ohne ein Wort zu sagen, und es liegt so etwas wie Bedrohung in der Luft, die mich trotz meines Widerstrebens gefangen nimmt. Diese natürliche Sexualität, die er verkörpert … macht mir Angst.

Er macht mir Angst.

»Ich arbeite doch schon lange genug bei Fleur, dass Sie mich Ryder nennen können, oder?« Eine lange Sekunde hält er inne, und die Luft zwischen uns scheint vor Elektrizität zu knistern, während ich darauf warte, dass er weiterspricht. »Es macht Ihnen doch nichts aus, wenn ich Sie Violet nenne?«

So wie er meinen Namen ausspricht, klingt es beinah wie ein sexuelles Versprechen. Ich mache einen weiteren Schritt zurück und stoße mit dem Hintern gegen die Wand. Er lächelt, denn er weiß, dass ich merke, wie ich in der Falle sitze. »Natürlich nicht«, sage ich, froh, dass meine Stimme nicht zittert. Ich habe keine Ahnung, was ich zu ihm sagen soll, wie ich mich verhalten soll. »Hatten Sie einen schönen Abend?«

Er grinst. »Oh ja, den hatte ich. Danke der Nachfrage. Die Aussicht war fantastisch.« Er lässt den Blick an mir herabwandern. Er betrachtet meine Brüste, meinen Bauch, meine Hüften, die Beine, dann verweilt er kurz bei meinen Füßen, bevor er wieder hochsieht und mir in die Augen blickt. »Das Essen war auch nicht schlecht.«

Ich merke, wie ich rot werde, aber das liegt nicht an den Tränen, die ich noch nicht vergossen habe. Es liegt daran, wie er mich ansieht, als wolle er mich am liebsten verschlingen. Mit der fantastischen Aussicht meint er mich. Als würde er sich irgendwie zu mir hingezogen fühlen.

Was ich ihm nicht abnehme. Er versucht doch nur, mich mit seinem alles andere als subtilen Flirten zu ärgern. Es ist ihm gelungen.