Tote Zeilen - Melanie Reba - E-Book

Tote Zeilen E-Book

Melanie Reba

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Beschreibung

Ein Verbrechen, das sechs Jahre zurückliegt. Ein geständiger Täter, welcher seine Haftstrafe bereits verbüßt hat. Und doch sucht Anna noch immer verzweifelt nach Antworten. Als sie Jahre später plötzlich Briefe von ihrer toten Schwester erhält, gerät sie in einen Strudel, der nicht mehr aufzuhalten scheint. Sie kämpft für Gerechtigkeit und gerät dabei selbst ins Visier des Täters. Gelingt es Anna, die Wahrheit doch noch ans Licht zu bringen? Und was zählt am Ende mehr – Gerechtigkeit oder ein Leben? Das Katz-und-Maus-Spiel kann beginnen.

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Seitenzahl: 344

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Melanie Reba

Tote Zeilen

Impressum
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autor verantwortlich.
© 2024 united p. c. Verlag 
ISBN Printausgabe: 978-3-7103-0769-0
ISBN e-book: 978-3-7103-0835-2
Umschlagfoto: www.pixabay.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: united p. c. Verlag 
www.united-pc.eu

Die Pinie scheint zu horchen, die Tannezu warten: und beide ohne Ungeduld: – siedenken nicht an den kleinen Menschen untersich, den seine Ungeduld und seineNeugierde auffressen.

Friedrich Nietzsche

PROLOG

Die Dämmerung setzt langsam ein.

Schneeflocken rieseln leise neben ihr zu Boden. Es ist Freitagabend, halb fünf. Ein Freitagabend wie so viele im November.

Sie hört den einsetzenden Feierabendverkehr in der Ferne, die Straßenbahn, die nur wenige 100 Meter entfernt von ihr in die herannahende Dunkelheit rauscht. Sie stellt sich die Gesichter der Reisenden vor. Männer und Frauen in Anzügen und Kostümen, die sich nach einer anstrengenden Woche auf das lang herbeigesehnte Wochenende freuen.

Junge Studenten und Studentinnen, die geschäftig in ihre Bücher blicken, um dabei möglichst klug zu wirken und letztlich doch heimlich mit ihren EarPods im Ohr ihrer Lieblingsband lauschen. Das frühe Partyvolk, junge Menschen, die es in ihrer kleinen Einzimmerwohnung nicht mehr ausgehalten haben und sich auf den Weg zum Vorglühen bei Freunden machen. All diese Leute, die unbekümmert und sorglos in den Abteilen sitzen, Menschen, die im Großstadtdschungel untergehen und verblassen - mitgerissen von der Gleichgültigkeit, die sich über die Landeshauptstadt bis in die Berliner Vororte zieht. Gleichgültigkeit, die ihren Schleier über das gesamte Stadtgebiet wirft und hunderte von Verbrechen und Abscheulichkeiten in ihrem Schatten unter sich begräbt. Die Welt dreht sich weiter, hier am Rande Berlins. Hier vor diesem kleinen beschaulichen Einfamilienhaus Ende November.

Verborgen im Schutz der einbrechenden Dunkelheit steht sie an diesem Abend unter der großen Tanne und blickt auf das große Grundstück ihr gegenüber, welches nur spärlich umzäunt ist und somit den Blick freigibt auf die Menschen, die dort leben.

Das Haus ist klein, aber von der gemütlichen Sorte. Keine charakterlose Bestellware aus dem Katalog. Kein charakterloser Abklatsch, wie es so viele andere heutzutage in den ganzen Neubaugebieten der Republik sind. Hier in Mahlsdorf herrscht noch Individualität vor. Keine Häuser, die all den anderen gleichen und es den stolzen neuen Besitzern sicherlich hin und wieder schwer machen, auch den richtigen Eingang nach einer langen Partynacht finden zu können.

Dieses spezielle Häuschen hier wirkt ein wenig in die Jahre gekommen, zugegebenermaßen. Vielleicht ein Bau aus den frühen 90ern. Die Fassade ist ergraut und bröckelt an der einen oder anderen Stelle bereits leicht ab. Doch das große Grundstück rundherum zeugt von besseren Zeiten, als der Platzmangel und die Wohnungsnot noch nicht in aller Munde waren und Grundstücke noch nicht die Größe von Schuhkartons angenommen hatten. Trotz seines älteren Baujahres wirkt es durch seine Größe beinahe anmutig, einladend familiär. Es schreit geradezu nach Wohlbefinden und Zufriedenheit - es schreit nach Freiheit.

Anna studiert aufmerksam die Bewohner des Hauses. Einen Mann und eine Frau mittleren Alters, die sie seit nunmehr einer halben Stunde von ihrem Versteck aus beobachtet. Es herrscht reges Treiben. Sie treffen Vorkehrungen, bereiten ihren Garten für die anstehende Weihnachtszeit vor. Der Mann hält die letzte Lichterkette zwischen seinen Händen, die sie nach langem Hin und Her nun um die kleine Brüstung rund um ihre Terrasse schlingen.

Ein kurzer Blick zwischen den beiden, ein anerkennendes Nicken als Zeichen einer stummen Übereinkunft. Beide scheinen den Anblick, der sich ihnen bietet, ansprechend zu finden.

Der ältere Mann ist groß, mindestens 1,85m und füllig. Sein Bauch lässt sich selbst unter der dick wattierten Jacke nicht mehr verstecken. Er hat lichtes, hellbraunes Haar und grobe Hände. Mit entsprechender Kostümierung würde er sicherlich selbst einen guten Weihnachtsmann abgeben. Sein Bauch wölbt sich über den Hosenbund und lässt die Jacke noch enger wirken. Eine Jacke, die ihr seltsam vertraut ist nach all der Zeit. Die Frau neben ihm hingegen ist klein und zierlich. Ihr langes, dunkelbraunes Haar fällt in leichten Wellen offen über den überdimensional groß wirkenden Pelzkragen ihres Wintermantels.

Erste graue Strähnen durchziehen ihr Haar, was ihre Attraktivität jedoch nicht schmälert. Sie hat sich gut gehalten für eine Frau über 50. Ihrem Akzent nach ist sie osteuropäischer Abstammung, polnisch oder russischstämmig vielleicht. Doch die Frau interessiert sie nicht weiter, wegen ihr war sie nicht hergekommen.

Anna neigt ihren Kopf und blickt wieder hinüber zu dem Nikolausverschnitt. Sie fixiert ihn, beobachtet jede seiner Bewegungen. Der Mann löst sich aus seiner Starre, dreht sich einmal um die eigene Achse und ist nach wenigen, aber groß ausfallenden Schritten an der Terrassentür angekommen. Nur Sekunden später erstrahlt der Garten wortwörtlich in neuem Glanz.

Die Lichterketten flackern kurz auf und erhellen das feierliche Szenario vor ihr.

Neben kleinen und großen Figuren unterschiedlichster Ausführungen, bunten Schneemännern,Bethlehem Sternen und Lichtschweifen winden sich Lichterketten und schlangenartige Kunstlichter durch den gesamten Vorgarten.

Durch die plötzlich einsetzende Helligkeit wirkt die nun folgende Situation beinahe skurril. Das Ehepaar strahlt vor Glück, wirkt sichtlich erfreut über ihr getanes Werk. Anna kann ihre Gesichter sehen - glänzend und gerötet von der klirrenden Kälte. Der Atem, der sich wegen der anhaltenden Minustemperaturen zu kleinen Rauchwölkchen aufbläht, das breite Lachen auf ihren Gesichtern in freudiger Erwartung auf die bevorstehende Weihnachtszeit. -Familienzeit- schießt es ihr durch den Kopf. Anna muss unweigerlich an vergangene Zeiten zurückdenken, als sie selbst noch im Kreise ihrer Liebsten ihr Zuhause schmücken und sich auf die anstehenden Festtage freuen konnte – unbekümmert und sorglos. Doch die Erinnerung verblasst so schnell wie sie gekommen war.

Sie spürt wieder die aufsteigende Wut in sich, die sich bei dem Anblick augenblicklich in ihrem gesamten Körper ausbreitet. Langsam, schwelend und doch intensiver als je zuvor. Anna greift in ihre rechte Manteltasche und spürt das kalte Metall zwischen ihren Händen. Sie streicht vorsichtig über den Griff ihrer Pistole und nähert sich mit ihren Fingern behutsam dem Abzug. In Gedanken visiert sie bereits den Kopf des Mannes an. Nur ein paar Meter Entfernung, lediglich ein Schuss wäre nötig, das weiß sie genau. Sie ist zielsicher, da Anna beinahe ihre gesamte Kindheit und Jugend gemeinsam mit ihrem Vater auf der Jagd verbracht hat.

Sie umschließt den Griff nun fester.

Nimmt die Waffe aus ihrer Jackentasche und reckt ihren Arm der Dunkelheit entgegen.

Sie kann noch immer das Lachen sehen, kann es hören. Das Gesicht des alten Mannes, der sich ahnungslos in ihrem Schussfeld befindet, verzieht sich in ihrem Geiste zu einer teuflischen Fratze. Und doch erkennt sie das Glück darin, sie kann die Freude der beiden greifen. Vertrautheit und Liebe. Die Welt dreht sich weiter - für das Paar und für den Rest der Welt. Als wäre nichts geschehen. Sie dreht sich weiter – auch für den Mörder ihrer Schwester, der sich nun exakt in ihrem Schussfeld befindet.

Anna seufzt leise und presst die kalte Abendluft tief in ihre Lungen als letzten symbolischen Akt. 1, 2, …3 sind die letzten Gedanken, die ihr durch den Kopf gehen, bevor sie abdrückt.

1

Anna Funke sitzt an diesem Morgen wie üblich an ihrem Küchentisch. Ihr gegenüber kauert gedankenverloren ihre 10-jährige Tochter Clara. Die langen, blonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, einen Ellbogen auf den Tisch gestützt und gähnend, hält sie den Löffel nun seit ϭϯ

Minuten wie in Trance in ihrer rechten Hand. Sie hat Kopfhörer im Ohr und stochert lustlos in ihren Cornflakes herum. Gegessen hat sie bisher lediglich einen halben Löffel. Das weiß Anna so genau, da es jeden Tag das Gleiche ist -

das gleiche Bild, die gleiche andauernde Diskussion. Lediglich das von ihr angebotene Essen ändert sich von Zeit zu Zeit, in der Hoffnung, doch noch auf die eine goldene Mahlzeit zu stoßen, welche ihre Tochter zum Essen vor der Schule bewegen könnte. „Clara?“, keine Reaktion.

„Claaara!!“, noch immer keine Antwort.

Anna greift über den Tisch hinweg nach dem langen Kabel, welches von den Kopfhörern zu dem Handy ihrer 10jährigen Tochter führt. Ein Handy für eine 10jährige denkt sie genervt. Anna war dagegen gewesen, wie so oft. Warum sollte eine 10jährige auch ein Handy besitzen? Wofür? Doch wie viele Male zuvor hatte sich ihr Mann Tom, trotz vorheriger Absprachen, nicht darangehalten und seiner Tochter zu ihrem 10. Geburtstag ein nigelnagelneues Handy geschenkt. Tom, der große Held. Tom der Superdaddy. Wieder einmal hatte er es geschafft, sich die hingebungsvolle Liebe seiner Tochter zu ergaunern. Anna hätte es ihr wegnehmen können, hätte ein riesiges Fass aufmachen und darauf bestehen können, dass sie es beide einbehielten, bis Clara wenigstens die Grundschule hinter sich gebracht hatte. Doch einer Vorpubertären ein Mobiltelefon wieder wegzunehmen ist kein leichtes Unterfangen. Anna kann sich den Tobsuchtanfall lebhaft vorstellen, der daraufhin folgen würde, aber das wahre Ausmaß konnte sie wahrscheinlich trotzdem nur erahnen. Und für was auch? Was wäre das Ergebnis? Tom wäre wieder einmal der Gute und sie die Böse, wie so oft. Nein falsch, nicht wie so oft, wie immer! Und so hatte Anna es einfach hingenommen und ihren Ärger still und leise runtergeschluckt. Sie saß abwesend daneben, während Tom seiner kleinen Prinzessin das Handy erst sorgsam eingerichtet und ihr es im Anschluss daran feierlich überreicht hatte. Einer Einführung oder Erklärung bedurfte es erst gar nicht, was Anna durchaus aufgefallen war und stutzig werden ließ. Anscheinend war es nicht das erste Handy, mit welchem Clara in Kontakt gekommen war. Souverän wischte sie mit dem Daumen erst über das Display und ging mit ihrem Vater die einzelnen vorinstallierten Apps durch. Mit verzücktem Gesicht und ihren großen blauen Augen fiel sie Tom gleich mehrmals um den Hals und schmalzte ihm ihr herzallerliebstes „Danke Papa, du bist der Beste“ ins Ohr. Die Bücher und der teure, neue Schreibtischstuhl, der von ihr kam, fanden keine große Beachtung mehr. Der kurze, abwesende Blick sowie das kaum hörbare, gehauchte „Danke Mama“ standen in solch einem Kontrast zur vorhergehenden Dankesbekundung, dass Anna heute, vier Wochen nach besagtem Geburtstag nicht einmal mehr hätte beschwören können, ob sie sich das „Danke Mama“ vielleicht auch nur eingebildet hatte.

Manchmal fragte sie sich, ob ihre innere Unruhe daher rührte, dass sie ihrem Ärger schon lange nicht mehr richtig Luft gemacht hatte. Über die vielen Ehejahre hinweg, hatte sie längst resigniert- oder vielmehr kapituliert? Sie stellte sich den Ärger, der sich über die Zeit in ihr angesammelt hatte, gerne bildlich vor. Ein großer, runder Ball in ihrem Innersten, eine schwerfällige Kugel aus Schleim und Geweberesten, welcher von Jahr zu Jahr anwuchs und drohte, ihren Körper innerlich zu zerbersten und in kleine Stücke zu zerreißen. Konnte man an Wut tatsächlich ersticken? Drohte ihr irgendwann der Kollaps, wegen einer Lappalie von vielen?

Wegen einer Lappalie zu viel vielleicht?

Wegen eines noch neueren Handys eventuell oder doch wegen einer neuen Playstation?

Mit Sicherheit jedoch an dem Tag, an dem Tom ihrer Tochter ein eigenes Auto vor die Haustür stellen würde. An dem Tag, an dem sich die angestaute Wut mit ihrer noch größeren Sorge um Clara vermischen würde.

Eine explosive Mischung, da war sich Anna sicher.

Doch an diesem Montagmorgen hatte sie nicht vor zu kapitulieren. Tom war das vielleicht über die Zeit hinweg gelungen, aber bei ihren Kindern trieb sie ein eiserner Wille an, eine matronenhafte Disziplin, die sie von frühester Jugend an lernen musste und die bereits viele Jahre zuvor schon einmal funktioniert hatte. Bei ihrer kleinen Schwester Ruby.

Anna war so versunken in ihre Gedanken, dass sie nun umgekehrt Claras Rufe nicht hören konnte: „Mom!“, „Mooom, hörst du mich?“ Der anklagende Tonfall in der Stimme ihrer Tochter dringt langsam zu ihr durch, bahnt sich einen Weg durch die Bilder und Schneestürme in ihrem Kopf.

Anna blickt in das missmutige Gesicht ihrer Jüngsten. „Warum nimmst du mir die Kopfhörer weg und dann sagst du noch nicht mal was?!“ Clara guckt genervt über ihre Müslischale hinweg. Anna wirft einen schnellen Blick auf die Uhr - 06:53 Uhr.

In 7 Minuten würde der Schulbus vorfahren.

„Clara-Schatz, iss bitte noch zwei, drei Löffel. Wir müssen gleich los und du weißt, dass es ohne Frühstück keine Handyzeit am Abend gibt.“ Clara schnaubt empört auf und wollte gerade zu einem Widerspruch ansetzen, als ihr einzufallen schien, dass es zwecklos war. Hastig schiebt sie sich zwei Löffel (keinen mehr natürlich!) in den Mund und lässt das Besteck anschließend demonstrativ in ihre Müslischale platschen. Die Milch spritzt über den halben Tisch hinweg hinüber zu Anna und hinterlässt weiße Schlieren auf dem Fußboden. Gleichstand, Matchball.

Beide verlassen den Tisch gefrustet, als Gewinner oder Verlierer - Ansichtssache.

Während ihre Tochter noch mit ihren Winterstiefeln kämpft, schlingt sich Anna bereits ihren Schal um den Hals. Sie mag die Winterzeit eigentlich, doch dieses ständige An- und Ausziehen, sich in Klamotten hineinzwängen, nur um sich dann in aufgeheizten Räumlichkeiten wieder herausschälen zu müssen, ließ jede Kleinigkeit, jede Routine gleich doppelt so mühsam erscheinen. Als beide endlich fertig angezogen sind, verlassen sie die Wärme ihres Einfamilienhauses in Lichterfelde und schließen die Haustür hinter sich ab – zweimal!

Sie stapfen durch den Schnee, der sich in ihrer Einfahrt mittlerweile knöchelhoch angesammelt hat, in Richtung Bushaltestelle. Tom belächelt sie stets für ihre Fürsorge und den Umstand, dass sie ihre 10jährige Tochter noch immer nicht allein zu der nur 500m entfernten Schulbushaltestelle laufen lässt, als wäre diese noch ein Kleinkind. Anna weiß, dass es längst an der Zeit wäre ihre kleine Tochter loszulassen. Und sie weiß auch, dass Clara sich dafür schämt, dass ihre Mutter sie täglich zum Bus bringt und sie auch pünktlich um 13:00 Uhr von dort wieder abholt. Sie würde ihr das alles gerne ersparen und hält sich den kurzen Fußmarsch über deswegen meist absichtlich im Hintergrund. Wenigstens das kann sie für Clara machen. Wie immer ist sie auch an diesem Tag die einzige Mutter, die an der Haltestelle steht und den Bus einfahren sieht, der pünktlich um 07:00

Uhr - trotz Berliner Stadtverkehr - vor der Kinderschar zum Stehen kommt. Clara steigt in den Bus, ohne sich noch einmal nach ihrer Mutter umzudrehen, ohne Abschiedsfloskel, kein Blick zurück. Anna kennt dieses Verhalten bereits und ist nicht weiter darüber verwundert. Sie versteht Clara. Sie versteht sie wirklich.

Ihre Tochter weiß nichts von den Gefahren, die überall lauern. Sie weiß nicht das, was ihre Mutter weiß, hat nicht erlebt, was ihre Mutter erlebt hat, und Anna wird alles in ihrer Macht Stehende tun, damit das auch genauso bleiben würde.

2

Nachdem Anna wieder zurück im Haus ist und die Reste der Cornflakes in den Abfluss gekippt hat, setzt sie sich mit einem Kaffee an ihren Sekretär, der im Wohnzimmer steht. Sie mag diese Zeit. Die einkehrende Ruhe, nachdem alle außer ihr das Haus verlassen haben. Tom ist wie jeden Morgen bereits früh zur Arbeit gefahren. Er arbeitet als Unternehmensberater in einer kleinen, aber gut laufenden Werbeagentur. Eigentlich kann er Kommen und Gehen, wann er möchte, ein Gleitzeitmodell, wie es so viele aufstrebende hippe Firmen in Berlin mittlerweile anbieten. Doch ihr Mann war schon immer ein Frühaufsteher. Egal um welche Uhrzeit er auch am Vorabend ins Bett gegangen ist, egal ob Party am Tag zu vor, Sonn- oder Feiertage, Tom war pünktlich um 05:00 Uhr wach. Ohne Wecker, ohne Klingeln. Wie eine perfekt programmierte Maschine. Damit hatte sie ihn früher oft geneckt, wenn es ihr trotz aller Versuche wieder einmal nicht gelingen wollte, ihn im warmen Bett zu behalten. Bis sie selbst sich um 06:00 Uhr aus dem Bett quälen musste, um Clara zu wecken, war Tom längst auf dem Weg zur Arbeit. Wenn Clara dann schließlich nach dem dritten Anlauf verschlafen und griesgrämig die Treppe heruntertrottete, stellte Anna hin und wieder erleichtert fest, dass sie wenigstens diese Eigenschaft von ihrer Mutter geerbt hatte.

Nun öffnet Anna den Laptop, der vor ihr auf dem kleinen Tischchen steht und gibt ihren Pin-Code ein – 12061991 – der Geburtstag ihrer kleinen Schwester.

Zielstrebig öffnet sie den Internetbrowser und muss lediglich einen Buchstaben in die Suchzeile eingeben, bevor das technische Gehirn ihres Laptops sich augenblicklich erinnert und ihre täglich, gleichlautende Suchanfrage automatisch wiedergibt: Josef KöblerBerlin. Während sich die Suchergebnisse auf dem Monitor überschlagen, fällt ihr Blick auf die Fotos, die an oberster Stelle angezeigt werden. Ein Mann der zusammen mit einer Frau auf einer Spendengala glücklich in die Kamera strahlt. Weiter unten eine jüngere Ausgabe des gleichen Mannes aus einem Jahrbuch von 1975, welches von irgendeinem Facebook-Profil stammt. Der gleiche Mann, der von der Polizei abgeführt wird, mit ruhelosem Blick, den Rücken gebeugt und die Hände in Handschellen gelegt, der Mann der anteillos im Gerichtssaal sitzt, als sein Urteil verkündet wird. Anna löst ihren Blick von den ihr vertrauten Bildern und klickt im nächsten Schritt auf Suchoptionen. Sie sortiert die Daten und grenzt die Suchergebnisse auf die letzten 24 Stunden ein – keine Treffer. Sie atmet erleichtert aus. Heute gab es also keine glücklichen Erfolgsmeldungen von Köbler.

Keine neuen Fotos oder Artikel, die zeigten, dass er im Kleingartenverein eine Auszeichnung erhalten hatte oder wie er sich ehrenamtlich bei der Obdachlosenhilfe engagierte. Tatsächlich kamen neue Ergebnisse nur selten vor, aber an den Tagen, an denen es doch passierte, wusste Anna bereits am Morgen, dass dieser Tag kein guter für sie werden würde. So aber konnte sie sich bereits nach nur wenigen Minuten wieder vom Bildschirm lösen und ihrem Alltag nachgehen. Sie musste sich nicht stundenlang durch die Artikel klicken, wieder und wieder, bis sie auch das letzte Wörtchen in ihrem Kopf abgespeichert hatte.

3

Den restlichen Vormittag verbringt Anna mit den üblichen Aufgaben im Haushalt. Als sie gerade das vorbereite Mittagessen vom Herd nehmen will, klingelt der Wecker ihres Handys – 12:50 Uhr. Anna schnappt sich ihre Winterstiefel, schält sich zügig in ihren Mantel und den Schal und verlässt das Haus erneut, um Clara, pünktlich wie jeden Tag, wieder vom Bus abzuholen.

Nach einem kurzen und recht wortkargen Mittagessen - „Wie war es in der Schule“,

– „Gut“. „Hast du viele Hausaufgaben auf?“, – „Geht“, verschwindet Clara in ihrem Zimmer und schlägt die Tür hinter sich zu. Vor Anna liegt erneut ein einsamer, langer Nachmittag, der sich mit all der Wucht ihrer Trauer, um das, was sie verloren hat, vor ihr niederstreckt.

Gegen halb fünf ruft Tom vom Büro aus an. Er teilt ihr kurz angebunden mit, sie solle mit dem Abendessen nicht auf ihn warten, er schaffe es nicht und müsse Ϯϲ

länger im Büro bleiben. Eine frühere Ausnahme war längst zur Regel geworden.

Meistens saßen sie und Clara genauso stumm und abwesend, wie auch schon mittags, beim Abendessen zusammen. Trotzdem wollte Anna nicht auf dieses Ritual verzichten. Ihr war es wichtig, das Essen gemeinsam einzunehmen. Auch wenn Clara längst an dem Punkt angekommen war, an dem sie sich wohl nichts sehnlicher wünschte, als sich mit ihrem Essen allein in ihrem Zimmer verkriechen zu können. Doch Anna brauchte die gemeinsame Zeit. Als Kind hatte sie es geliebt, mit ihren Eltern und ihrer Schwester an einem Tisch zu sitzen und über den Tag zu sprechen. Es hatte etwas Heimeliges an sich gehabt und bis heute konnte sie die Vertrautheit spüren, die zwischen ihnen geherrscht hatte. Wie bei so vielen anderen Dingen, wusste sie es trotzdem erst richtig zu schätzen, als sie das alles plötzlich nicht mehr hatte.

Viele Jahre später schien sie diesem Glück dann wieder nahe zu kommen – mit Tom. Als sie sich kennenlernten, war sie gerade 24 Jahre alt geworden. Mit 24 hatte ihr neues Leben begonnen - mit 24 hatte Rubys Leben viel zu früh geendet.

Sie arbeitete damals als Mitarbeiterin in einem Backshop in einer großen Lebensmittelfiliale am Ostbahnhof. Obwohl die Tätigkeit sie zu Beginn nicht gerade angesprochen hatte, waren ihr Jahre später die Abläufe bereits ins Blut übergegangen.

Mit 20 hatte sie dort angefangen. Zuerst als Aushilfe, dann in Teilzeit, später in Vollzeit. Ihr machte die Arbeit Spaß. Der tägliche Kontakt zu den Kunden, die wiederkehrende Routine. Auf der anderen Seite immer neue Leute. Neue Gesichter von überall her. Da der Backshop am Ostbahnhof lag, einem Dreh- und Angelpunkt in Berlin für Touristen und Reisende aus aller Welt, wurde es dementsprechend nie langweilig.

Sie malte sich gerne die Lebensgeschichte ihrer Kundschaft aus, während sie Brötchen und unterschiedlichste Teigwaren in die Tüten packte. Sie träumte von fernen Ländern und spannenden Abenteuern, die die Leute zu berichten hätten, hätte sie den Mut gehabt, sie danach zu fragen.

An einem Freitag, im März 2008, kurz vor ihrem Feierabend, tauchte schließlich ER

auf. Er war locker gekleidet, trug hellblaue, verwaschene Jeans, ein weißes, locker sitzendes Shirt und eine dazu passende Lederjacke in schwarz. Ein junger Mann – groß - blondes, welliges Haar-gutaussehend, aber auf eine unaufdringliche Art. Nicht der Typ Mann, der es zu genießen schien, wenn alle Blicke auf ihm hafteten. Niemand, der zwingend auffallen wollte. Und trotzdem, oder gerade deswegen, strahlte er eine Natürlichkeit aus, die es ihr unmöglich machte, ihn nicht anzustarren. Sie musste sich unwillkürlich fragen, woher er denn kam, was er wohl vorhatte und was ihn an diesem Abend in die kleine Bäckerei am Ostbahnhof verschlagen hatte. Sie malte sich aus, dass er vielleicht gerade von einer Bandprobe kam. Von irgendeiner hippen Alternativband. Junge gutaussehende Ϯϵ

Männer, die in einem verrauchten Zimmer in irgendeiner heruntergekommenen Studenten-WG zusammensaßen und an ihren Liedtexten feilten. Einer mit einer Gitarre in der Hand, der andere mit einem Joint. Hinter ihnen die Wände tapeziert mit Kurt Cobain Postern und David Bowie (einfach, weil Bowie immer ging, weil Bowie niemals nicht hipp sein würde). Der Mann, der nun breit grinsend vor ihr stand und so unverschämt gut aussah, war mit Sicherheit der Leadsänger. Gerade dabei, sich noch schnell ein Abendessen zu organisieren, um dann auf direktem Weg zu seiner - ebenso auf natürliche Art und Weise - hübsch aussehenden, blonden jungen Freundin zu fahren, die gerade von einem längeren Studentenaustausch aus Australien zurückgekehrt war und braungebrannt und leicht bekleidet auf ihn zuhause warten und ihn mit einem Lächeln um ihre Lippen empfangen würde. Ihre Sommersprossen zogen sich in ihrer Vorstellung von einem Auge zum anderen und ihr herzliches Lachen ließ jedes noch so harte Herz erweichen…

Als Anna schließlich aus ihren Tagträumereien erwachte, bemerkte sie, dass sie ihn die ganze Zeit über unverhohlen angestarrt hatte. Sie errötete, da er sie nicht zum ersten Mal zu fragen schien, ob er denn nun das belegte Brötchen haben könne. Anna zuckte zusammen, als sie seine Stimme hören konnte – sie wirkte einerseits fordernd und doch nicht barsch. Beim Einpacken fiel ihr das Brötchen mehrmals aus der Zange, bevor es ihr schließlich gelang, ihm das Tütchen mit zittrigen Händen über die Theke hinweg zu reichen. Sie ärgerte sich selbst über ihre Nervosität, da sie in der Arbeit eigentlich nicht so schusselig war.

Doch irgendetwas löste er in ihr aus. Sie konnte es nur noch nicht richtig zuordnen.

Selbst nachdem er sich längst verabschiedet hatte, stand Anna immer noch reglos an Ort und Stelle. Vielleicht war es damals die Erkenntnis, dass sie seit ihrer letzten Trennung, die zu diesem Zeitpunkt bereits 7 Jahre zurücklag, keinen Mann mehr derart bewusst ϯϭ

wahrgenommen hatte. Nicht auf diese Art jedenfalls. Sie hatte sich so sehr auf ihr eigenes Leben konzentriert, auf ihre tägliche Routine, dass sie schlichtweg keine Zeit dafür gehabt hatte.

Nachdem sie alles geputzt und sich umgezogen hatte, trat sie eine halbe Stunde später vor die Tür des Supermarkts.

Es war ein schöner Abend. Obwohl es erst März war, schien der Winter bereits längst vergessen. Die Blumen und Bäume um sie herum, die vor dem Eingang auf dem großen Vorhof drapiert waren, trieben bereits erste Knospen. Anna zog ihre Jeansjacke aus und schlang sich diese lässig um ihre Hüften. In ihrem T-Shirt marschierte sie geradewegs los in Richtung U-Bahn-Station, als sie aus dem Augenwinkel Rauchschwaden aufsteigen sah. Sie warf einen Blick zurück in Richtung Haupteingang und da stand er - rauchend, mit einem Fuß an die Hauswand gelehnt, an der Ecke des Gebäudes. Genauso entspannt, wie noch 30

Minuten zuvor im Laden. Er lächelte sie an. „Na?! Krieg ich auch kein Hallo von dir?“

So fing alles an. Wenn Anna heute daran zurückdenkt, fällt es ihr schwer, den coolen, lockeren, rauchenden Tom mit ihrem heutigen organisierten, frühaufstehenden, miesgelaunten Ehemann in Einklang zu bringen. Doch so war es, so war er. In einer anderen Zeit, in einem anderen Leben. Anna fragte sich manchmal, wer von beiden sich mehr verändert hatte. Sie oder Tom? Doch sie hatte keine Antwort auf diese Frage. Sie hatten sich wohl schlicht beide verändert, in denkbar unterschiedlichste Richtungen.

Sie trafen sich von diesem Tag an, jeden Freitag nach Feierabend vor dem Backshop, um gemeinsam eine zu rauchen. Und dass, obwohl Anna eigentlich gar nicht rauchte, weder vor dieser Zeit noch danach. Zu Beginn redeten sie nur über Unverfängliches. Smalltalk, um einander abzuklopfen, um sich ein erstes Urteil bilden zu können. Doch schon bald erfuhr sie mehr, Stück für Stück. Langsam und zaghaft formte sich in ihrem Kopf ein genaueres Bild von ihm. Sie erfuhr, dass Tom keine braungebrannte gutaussehende Freundin hatte und er auch in keiner Band der Leadsänger war. Im Gegenteil, er schien recht allein auf der Welt zu sein.

Ein junger Mann, den es von einem kleinen Dorf, irgendwo in Baden-Württemberg nach Berlin verschlagen hatte, um dort BWL zu studieren und der nie so richtig angekommen war. Wenn sie ihn danach fragte, was er am Wochenende vorhatte oder woher er gerade kam, war nie die Rede von Freunden oder großen, ausschweifenden Partys. Doch es schien ihn nicht weiter zu stören. Er wirkte nicht unzufrieden oder gar einsam auf sie. Er ruhte in sich und diese innere Ausgeglichenheit zog Anna in ihren Bann. Sie fühlte sich von Beginn an wohl in seiner Nähe, unaufgeregt - ja, so nahm sie ihn wahr. Viele Jahre später meinte ihre Therapeutin zu ihr, dass es wohl exakt dieses von ihm verursachte Gefühl war, welches sie zu ihm ϯϰ

hingetrieben hatte. Eine Sicherheit, die sie zuletzt in ihrer Jugend verspürt hatte, als ihr Vater noch am Leben war und ihre Welt noch nicht in Trümmern lag. Als ihre Familie noch ganz war und sich keine Katastrophe an die Nächste reihte.

Tom wurde für sie zu einer Konstante in ihrem unsteten Leben. Sie, die immer gehetzt und getrieben war und alles daransetzte, alles zu bewältigen, alles zu organisieren. Sie hatte in dieser Zeit ein zu großes Maß an Verantwortung zu tragen und Tom schien das alles mit Leichtigkeit für sie mittragen zu können und was noch viel wichtiger war, auch mittragen zu wollen. Und doch brauchte es noch viele Wochen, bis sie sich endlich dazu durchringen konnte, ihm von ihrem kleinen Geheimnis zu erzählen – ihrem kleinen Sohn Luka, den sie bis dahin noch mit keiner Silbe erwähnt hatte, aus Angst, ihn zu verschrecken, aus Angst, ihn dadurch zu verlieren. Schon zigmal hatte sie den Satz in ihrem Kopf geübt, die Worte mit ihren Lippen geformt. Doch jedes Mal, wenn sie das Thema gerade anschneiden wollte, machte ihr Herz einen kurzen Aussetzer.

Immerhin war Tom zu dieser Zeit gerade einmal 26 Jahre alt und lebte in einem kleinen Studentenzimmer am Rande von Tempelhof. Was konnte sie von ihm erwarten? Welche Reaktion sich wünschen?

Dass er sagen würde „Hey, ist doch kein Problem, ich kümmere mich liebend gerne um einen kleinen 6-jährigen Jungen, der nicht einmal von mir ist.“ Oder „Klar, lass uns zusammenziehen und unsere Spontanität einfach begraben?“. Wer würde schon seine Unabhängigkeit in diesem Alter bereitwillig für ein Stiefkind opfern? Was hatte sie ihm denn schon im Gegenzug zu bieten?

Luka war zu diesem Zeitpunkt bereits Jahre alt und ihr gegenüber stand ein Mann, den sie zwar erst seit ein paar Wochen kannte, der ihr aber bereits so wichtig geworden war, dass sie sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen konnte. Als sie es schließlich ausgesprochen hatte und gespannt auf seine Reaktion wartete, hielt sie, ohne es zu bemerken, ihren Atem an. Sie starrte auf den Boden vor sich, wagte es nicht ihm in die Augen zu blicken. Anna befürchtete, darin etwas zu erkennen, was sie schon viele Male zuvor in den Blicken von Leuten gesehen hatte – Mitleid. Mitleid für ihre verlorene Jugend, für ein verschwendetes Leben. Ein gefälltes Urteil, dass über den Köpfen der Menschen zu schweben schien, wenn sie erst einmal realisiert hatten, dass sie noch minderjährig gewesen sein musste, als sie schwanger geworden war.

Sie hatte sich inzwischen an den anklagenden Ausdruck in den Gesichtern gewöhnt. Doch von Tom hätte sie eine solche Reaktion mehr verletzt als von irgendeiner anderen Person jemals zuvor.

Als sie also so dastand mit gesenktem Kopf und auf das Schlimmste gefasst, spürte sie schließlich eine Hand an ihrer, erst zaghaft, dann fester. Ein Daumen, der ihr zärtlich über den Handrücken strich und schließlich innehielt, um sie festzuhalten. Als Anna ihren Kopf anhob und ihn so vor sich sah, war ihr erster gedanklicher Impuls „Er ist noch hier, er ist noch nicht weggelaufen“. Sie wagte wieder zu atmen, zog die Luft tief ein und merkte, wie der Sauerstoff langsam ihre Lungen füllte. Tom schaute ihr tief in die Augen und sagte lediglich: „Er muss der glücklichste Junge der Welt sein“. In diesem Augenblick wusste Anna, dass er der Mann für den Rest ihres Lebens sein sollte. Dass er der Mann war, den sie irgendwann heiraten würde. Und so kam es dann auch.

Tom und sie heirateten bereits ein Jahr später. Zu zweit, standesamtlich in Berlin. Und in all den Jahren hatte er nie ein Thema aus der Sache mit Luka gemacht.

Er hatte nie von sich aus Fragen gestellt, hatte immer geduldig abgewartet, bis sie bereit dazu war, ihm alles von sich aus zu erzählen. Er eroberte Lukas Herz im Sturm und tat dies auch heute noch. Auch 13 Jahre später und auch wenn Luka mittlerweile nach Baden-Württemberg zu seiner Tante gezogen war, waren Tom und er immer noch ein Herz und eine Seele. Und obwohl Luka als auch Clara wussten, dass sie beide unterschiedliche Väter hatten, hätte es ein Außenstehender niemals vermutet. Tom hatte Luka vollkommen als seinen Sohn akzeptiert, aus dem einfachen Grund, weil er ihr Sohn war.

4

Am nächsten Morgen betrachtet Anna wehmütig den leeren Platz neben sich. Die große Bettdecke, die lediglich von ihrem Körper ausgefüllt wird. Das leere, zerwühlte Laken, auf dem sich noch die Umrisse ihres Mannes abzeichnen. Sie fasst mit der rechten Hand auf die Stelle, auf die irgendwann spät nachts, ihr Mann gekrochen war, in dem Versuch, sie bloß nicht aufzuwecken. In dem Versuch nur kein Geräusch von sich zu geben. Das Laken ist bereits kalt.

Anna hatte gestern Nacht noch wachgelegen, wie so oft in den letzten Jahren. Sie schlief schlecht ein und sobald schließlich doch ein leichter Schlaf über sie kam, hatte sie Probleme damit durchzuschlafen. Jedes noch so kleinste Geräusch schreckte sie aus ihren Träumen hoch. Jede Bewegung, jeder Luftzug riss sie aus der tröstenden Dunkelheit.

Und doch tat sie Tom den Gefallen und stellte sich schlafend. Sie hatte schließlich selbst keine Lust auf Diskussionen. Keine Lust zu fragen, wo er denn so spät noch herkam.

Als Anna nun ihr Handy vom Nachttisch nimmt, sieht sie einen verpassten Anruf von Jonas auf dem Display. Sofort lösen sich ihre düsteren Gedanken in Luft auf und ein wohliges Gefühl macht sich in ihr breit. Anna hatte Jonas vor 6 Jahren auf Rubys Beerdigung kennengelernt. Er war ein Kollege von ihrer Schwester in der großen, renommierten Anwaltskanzlei am Potsdamer Platz gewesen. Sie hatte ihn bereits zuvor ein-, zweimal bei Firmenveranstaltungen der Kanzlei gesehen, zu welchen sie Ruby begleitet hatte. Doch seit der Beerdigung standen sich beide nahe. Aus der flüchtigen Bekanntschaft war nun, Jahre später eine innige Freundschaft geworden.

Beinahe so, als hätte sie der plötzliche Tod von Ruby wie ein unsichtbares Band auf ewig miteinander verbunden. Jonas war die einzige Person, mit der sie wirklich über ihren Verlust sprechen konnte. Der Einzige, dem sie sich offen anvertraute, vor dem sie ihre Wut und ihre Emotionen nicht verbergen musste. Im Gegenzug erhellte Jonas ihre dunkelsten Stunden durch seine lebhafte und ungezwungene Art, mit der an Banalität grenzenden Leichtigkeit, mit der er über Ruby auch Jahre später noch offen sprechen konnte und sie vor ihrem geistigen Auge dadurch ein Stück weit für sie am Leben erhielt.

So wie sie war, nicht so wie sie ging.

Jonas hatte ein Talent dafür, Ruby in all ihren Farben zu beschreiben. Ihre Eigenheiten und Ticks, ihr selbstbewusstes Auftreten, genauso wie ihre verletzliche Seite. Sie schätzte das sehr an ihm. Außer Jonas sprach niemand mehr über Ruby. Und wenn doch, dann mit leiser Stimme, hinter vorgehaltener Hand und stets darauf bedacht, nur nichts Falsches zu sagen. Und doch konnte sie den Leuten, Tom eingeschlossen, nicht einmal einen Vorwurf machen. Es war schwer über Ruby zu sprechen ohne an das Grauen, dass über sie gekommen war, zu denken. Und noch schwerer war es, einen toten Menschen wahrhaftig zu skizzieren. Diesen auch hin und wieder zu kritisieren, weil sich jede Bemerkung, die sie nicht zu einer übermächtigen Superheldin stilisierte, in den Köpfen der Menschen falsch anfühlte. Man lästert eben nicht über Tote. Und aus eben diesem Grund hörte sie irgendwann einfach auf damit, mit ihrer Familie über sie zu sprechen.

Sie wollte niemanden in diese Zwickmühle bringen. Doch mit Jonas war es anders. Er war ihr Anker in all den Jahren gewesen.

Er hielt Ruby für sie am Leben. Und er akzeptierte jede noch so emotionale Anwandlung, die Anna von Zeit zu Zeit immer noch überkam. Er schulterte mit ihr die Trauer in den ersten Monaten und auch die Wut und den Hass in der Zeit danach.

Auch ihre Rachegedanken waren für Jonas kein Geheimnis.

Als sie nun auf den Namen auf ihrem Display drückt und das Freizeichen hört, wächst in ihrem Bauch die Vorfreude auf seine Stimme. „Anna! Schön, dass du zurückrufst! Wie geht es dir?“ Sie lächelt bei der Vorstellung daran, wie Jonas in seinem schicken Anzug die U-Bahn-Treppen hinaufläuft, zwei Stufen auf einmal nehmend, da er aus „Umweltgründen“ trotz sechsstelligem Verdienst im Jahr, noch immer vorbildlich auf ein Auto verzichtete. Anders als seine Kollegen fuhr Jonas keinen schicken Mercedes oder Audi. Und mit Sicherheit würde er auch nicht 7 Tage die Woche in teuren Designeranzügen herumlaufen, wenn seine Kanzlei das nicht explizit in ihren Arbeitsverträgen gefordert hätte.

Nun hörte sie am anderen Ende der Leitung das vertraute Einfahren der Züge und die heranströmenden Menschenmaßen, die sich im allmorgendlichen Berufsverkehr in Berlin Mitte ihren Weg zu bahnen versuchten. Sie sah den großgewachsenen Jonas vor sich, der mit einem Lächeln um die Mundwinkel die Treppe hinaufsprintete.

Nach den üblichen Begrüßungsfloskeln kam Jonas zum eigentlichen Grund seines Anrufs. „Ich wollte dich eigentlich nur fragen, ob du schon Pläne für diesen Sonntag hast? Wollen wir zusammen zum Friedhof fahren?“

Der Friedhof - richtig. Nur Jonas schaffte es, die Frage nach einem gemeinsamen Besuch am Grab ihrer Schwester nebensächlich klingen zu lassen. So, als hätte er sie gerade gefragt, ob sie am Sonntag gemeinsam mit ihm ins Kino gehen wollte. Anna hatte die letzten Tage vergeblich versucht, das kommende Wochenende aus ihrem Kopf zu verdrängen.

Der 6. Todestag stand kurz bevor und Anna fragte sich wieder einmal, wie sie die letzten Jahre bloß hatte überstehen können. Wie schnell die Zeit doch offensichtlich vergangen war. Wie lange das Ganze nun bereits zurücklag, obwohl für sie die Welt doch seit dem 28.11.2015

still zu stehen schien. Wie hatte sie es trotzdem geschafft, sich 6 Jahre lang weiter zu drehen?

In diesem Moment überkam sie Dankbarkeit, dass sie an diesem Tag nun wenigstens nicht allein zum Grab gehen musste. Tom wollte sie nicht mitnehmen und seitdem Luka vor einem Jahr zum Studieren zu seiner Tante väterlicherseits nach Köln gezogen war, wollte sie auch Clara nicht mehr dazu nötigen, mitzukommen. Sie verstand, dass es für eine 10jährige schwierig war, mit dem Tod ihrer Tante umzugehen. Vor allem, da Clara noch viel zu jung gewesen war, als die Sache mit Ruby passiert ist. Sie hatte keinen Bezug mehr zu ihrer Tante, wahrscheinlich nicht einmal eine echte Erinnerung an sie.

Deswegen sagte sie nun zu Jonas. „Ich bin froh, dass du fragst. Ich würde mich freuen, wenn du mitkommst. Wann sollen wir uns treffen?“

„Ich hole dich um 11 Uhr ab, wenn du magst. Dann können wir im Anschluss noch etwas trinken gehen, wenn du Lust hast.“

Sie lacht auf. Jonas schaffte es tatsächlich wie kein anderer mit dieser Situation umzugehen. Vielleicht war es auch einfach seine unschuldige, charmante Art, die es Anna unmöglich machte, ihn nicht dafür zu verurteilen. Anders als bei Tom war sie bei Jonas weitaus nachsichtiger. Das war ihr bewusst.

5

Freitag – endlich! Die restliche Woche war wie im Traum an ihr vorbeigezogen. Anna hatte die meiste Zeit damit verbracht, alles bereits für Weihnachten vorzubereiten. Es war gerade erst Ende November, doch weil sie nicht gewusst hatte, womit sie sich sonst hätte ablenken können, war bereits jetzt schon alles für die Feiertage bereit. Tom ließ den Dekorationswahnsinn größtenteils unkommentiert. Er kannte ihre Ruhelosigkeit schließlich nur allzu gut.

Anna redete sich jedenfalls ein, dass seine Ignoranz ihr gegenüber daran lag und nicht etwa daran, dass es ihm mittlerweile schlichtweg egal war, was seine Frau den ganzen Tag über so trieb. Sie hatten sich die gesamte Woche nur wenig gesehen - hier und da ein kurzes Hallo im Vorbeigehen oder ein pflichtbewusster Plausch über Claras Schulleistungen am Telefon. Obwohl Anna eigentlich die meiste Zeit über zuhause gewesen war, hatte es Tom doch erstaunlich gut geschafft, ihr aus dem Weg zu gehen.

Am Mittwoch dann hatte es Anna schließlich nicht mehr ausgehalten und den Weihnachtsbaum besorgt. Der Mann, bei dem sie diesen gekauft hatte, war gerade erst dabei gewesen, seine Freifläche vorzubereiten, weswegen der Platz nur spärlich bestückt, gewesen war. Das „Zu Verkaufen Schild“ hing noch nicht an den rostigen Maschendrahtzäunen - welche offensichtlich wenig effektiv - Schutz vor Diebstahl suggerieren sollten.

Anna hatte ihm eine Geschichte von einer bevorstehenden, längeren Reise vorgegaukelt und dass ihre Familie deswegen Weihnachten dieses Jahr gerne zusammen vorverlegen wollte. Der Verkäufer sprang auf die Story an und legte sein freundlichstes „Meine-gute-Tat-vor-Weihnachten“ Lächeln auf. Er überließ ihr den Baum für unglaublich überteuerte 40Euro, obwohl dieser nicht einmal besonders schön oder beeindruckend groß war, wie Anna fand. Seinen Vorteil, dass noch keine Preisschilder angebracht waren, hatte der Mann, trotz vorgeschwindeltem Mitgefühl, gut genutzt – dieses Mal ging er als klarer Gewinner hervor - kein Matchball.

Der Donnerstag war immer am schlimmsten für sie. So kurz vorm Ziel und doch zogen sich die letzten verbleibenden Stunden zäh wie Kaugummi. Anna kannte dieses Gefühl nur zu gut und hatte den langen Tag dementsprechend pragmatisch genutzt, um sich für ihr Freitagsritual zu wappnen.

Wieder und wieder hatte sie sich in ihren Laptop eingeloggt und ihre übliche Suchanfrageaktualisiert. Doch auch bis kurz vor dem Zubettgehen, hatte es glücklicherweise keine Neuigkeiten zu Josef Köbler gegeben.

Die restlichen Sachen waren fertig vorbereitet. Ihr Mantel und ihr Schal lagen bereit, die Handschuhe und die dunkle Sonnenbrille waren in ihrer Handtasche verstaut, ebenso die beiden wichtigsten Dinge - tief unten am Boden der XXL-Tasche – ihre Smith & Wesson 9mm, tief vergraben unter dem üblichen Gemisch aus Taschentüchern, Kopfschmerztabletten und vergilbten Einkaufslisten, die aus einem anderen Jahrhundert hätten stammen können, sowie ihr aufklappbarer Blindenstock, schwarz, klein, unauffällig.

Die Waffe hatte sie bereits kurz nach Rubys Tod irgendeinem zwielichtigen Kerl im Görlitzer Park für gerade einmal 500€ abgekauft. Sie hatte nicht mehr viele Erinnerungen an den Abend, doch das Geld schien gut investiert. Anna hatte die Entscheidung nicht bereut und selbst Jahre später war eben diese Waffe ihr noch immer ein treuer Begleiter.

Als sie nun an diesem Freitagmorgen Clara zur Bushaltestelle begleitete, fragte sie - nur um sicher zu gehen - noch einmal nach, ob der Klavierunterricht heute um 16:00 Uhr auch stattfinden sollte. Die letzten Wochen war es immer häufiger vorgekommen, dass die Klavierlehrerin sich kurzfristig krankmeldete und damit Annas Pläne kurzerhand über Bord warf. Für Anna war die spontane Planänderung dabei immer unerträglich. Die Erkenntnis und der Stolz, die Woche bis zu diesem Punkt geschafft zu haben, nur um dann kurz vor dem Ziel eine weitere unerträglich lange Woche damit zubringen zu müssen, sich auf die Google-Suchmaschine zu verlassen. Doch an diesem Freitag nickte Clara zustimmend und versicherte ihr nach erneuter Nachfrage, dass sie Frau Dorfner gestern noch in der Schulcafeteria getroffen habe und diese ihr den Termin heute bestätigt hatte.

Anna hatte ihr Glück damals gar nicht fassen können, als sie herausgefunden hatte, dass die Musiklehrerin von Claras Schule auch Privatstunden erteilte und diese auch noch ausgerechnet in Kaulsdorf wohnte – lediglich 500m Luftlinie entfernt von ihrem eigentlichen Ziel in Berlin-Mahlsdorf. Ein Wink des Schicksals, Fortunas Kuss, welcher nur bestätigt hatte, was Anna bereits tief in sich wusste – sie war auf dem richtigen Weg und sie würde nicht lockerlassen, bis sie hatte, was sie wollte. Gerechtigkeit.

6

Sie parkte das Auto immer an einem anderen Ort. In einer anderen Straße, auf einem anderen Parkplatz einer großen Burger Kette oder eines Supermarktes. Hier draußen war es vergleichsweiße einfach eine Parkmöglichkeit zu finden - anders als im Rest Berlins.

Sie stellt den Motor ab, blickt noch einmal durch den Rückspiegel, damit auch niemand in unmittelbarer Nähe sie vielleicht hätte beobachten können. Sie zieht ihre Handtasche aus dem Fußraum des Beifahrersitzes und legt sie auf ihren Schoß. Zuerst der Schal - groß und schwarz. So groß, dass sie ihn ohne Probleme auch als Überwurf hätte tragen können. Sie schlingt ihn sich dreimal um den Hals, damit auch keine einzige dunkle Haarsträhne mehr im Nacken zu sehen sein könnte. Dann die Mütze. Jetzt im Winter war es leicht - eine grobe Strickmütze, die nicht nur ihre Schädeldecke unter sich vergrub, wie es die Baseballcaps im Sommer notdürftig taten, sondern den gesamten Hinterkopf gleich mitbedeckte. Sie zieht sich die Mütze tief über die Stirn und ihre Ohren und streift sich schließlich zuallerletzt ihre Sonnenbrille und die Handschuhe über. Ein letzter Blick in den Rückspiegel - Anna nickt zufrieden. Nicht einmal Tom hätte sie vermutlich in diesem Aufzug erkannt.

Die letzten Meter lief sie gerne zu Fuß.