TOTENGRUND - Eine Heidereise - Julia Sypke - E-Book

TOTENGRUND - Eine Heidereise E-Book

Julia Sypke

0,0

Beschreibung

Die dunkelste Stunde ist die vor der Morgendämmerung ...Ausgebrannt nach einer toxischen Beziehung schmeißt die 35-jährige Rose auch ihren ungeliebten Job hin und flüchtet in die verschlafene Idylle eines kleinen Heidedorfes, um dort ganz von vorn zu beginnen.Noch einmal alles auf Anfang und zumindest in Sachen Liebe stehen ihre Chancen gut. Wären da nicht ihr Ex, der sie plötzlich unbedingt zurückhaben will, und die Dorfbewohner, die ihr geradezu feindselig begegnen. Rose kann sich auf all das keinen Reim machen bis sie auf dem Dachboden ihrer kleinen Kate einige Hefte findet, auf denen in kaum lesbarer altdeutscher Schreibschrift »Erlebnisse einer Heidereise« steht ...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 649

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Totengrund

Eine Heidereise

Für Bettina, Edith, Julie, Marion, Sanne und Sibylle.

Schön, dass es euch gibt.

Die dunkelste Stunde ist die vor der Morgendämmerung ...Ausgebrannt nach einer toxischen Beziehung schmeißt die 35-jährige Rose auch ihren ungeliebten Job hin und flüchtet in die verschlafene Idylle eines kleinen Heidedorfes, um dort ganz von vorn zu beginnen.Noch einmal alles auf Anfang – und zumindest in Sachen Liebe stehen ihre Chancen gut. Wären da nicht ihr Ex, der sie plötzlich unbedingt zurückhaben will, und die Dorfbewohner, die ihr geradezu feindselig begegnen. Rose kann sich auf all das keinen Reim machen – bis sie auf dem Dachboden ihrer kleinen Kate einige Hefte findet, auf denen in kaum lesbarer altdeutscher Schreibschrift »Erlebnisse einer Heidereise« steht ...

Über die Autorin:Julia Sypke, geboren 1971 in Braunschweig, wuchs in einem kleinen Dorf bei Peine auf. Nach ihrem Studium der Biologie war sie einige Zeit im Artenschutz tätig. Nach einem längeren Ausflug in den pharmazeutischen Außendienst arbeitete sie zuletzt wieder als Biologin und selbstständige Fotografin.Julia Sypke lebt mit ihren Katzen und Pferden im Herzen der Lüneburger Heide.

»Jedes Werden in der Natur, im Menschen,

in der Liebe muss abwarten, geduldig sein,

bis seine Zeit zum Blühen kommt.«

Dietrich Bonhoeffer

Kapitel 1

»Es ist aus!«

Rose schwieg, das Handy am Ohr. Was sollte sie auch sagen? Draußen schien die Sonne, die Blumen aus der Gärtnerei warteten darauf, eingepflanzt zu werden und die Vögel in den alten Eichen zwitscherten so laut, dass sie es durch die angelehnte Küchentür bis ins Wohnzimmer hören konnte. Ein herrlicher Frühsommertag im Juni, ein Traum, wie sie ihn sich schon vor ihrem Umzug immer ausgemalt hatte – bis zu dem Augenblick, als das Telefon klingelte.

Die Nummer sagte ihr nichts, aber die Stimme hatte sie gleich erkannt: René.

Vermutlich hätte sie gleich wieder auflegen sollen. Das wäre sicher das Beste gewesen. Aber er hatte sofort angefangen zu reden. Von seiner Arbeit und den Kumpels. Von seiner neuen Wohnung mit Blick auf die Außenalster. Und davon, wie mies es ihm gerade ging und wie oft er an die Zeit mit ihr, Rose, denken musste.

Rose hatte ihm zugehört, sprachlos, während alles, was sie in den letzten Monaten glaubte überwunden zu haben, wieder auf sie einprasselte.

Sprachlos – bis zu dem Moment, als er seinen Monolog mit einer bedeutungsvollen Pause unterbrach und damit signalisierte, dass er auf eine Reaktion von ihr wartete. Natürlich hatte sie sich aus Höflichkeit dazu verpflichtet gefühlt, nach dem Grund seiner schlechten Verfassung zu fragen.

Und nun das.

Die unterschiedlichsten Gedanken rasten durch ihren Kopf. War sie erleichtert? Empfand sie Genugtuung? Triumph?

Sie wusste es nicht, und noch weniger wusste sie, was sie auf diese Eröffnung entgegnen sollte. Also flüchtete sie sich in eine Phrase, für die sie sich schon im nächsten Moment hasste.

»Das tut mir leid.«

»Echt, die Alte ist voll gestört. Kannst du dir das vorstellen? Sie hat sich absichtlich in unsere Beziehung gedrängt. Genauso wie sie auch gerade versucht, mir im Job alles kaputtzumachen.«

Rose schwieg.

»Ich bin total runter mit den Nerven, seit Tagen habe ich nicht mehr richtig geschlafen. Ich muss unbedingt auf andere Gedanken kommen. Wie sieht’s aus, hast du Lust, irgendwo einen Kaffee trinken zu gehen?«

War das sein Ernst? Er wollte einen Kaffee mit ihr trinken – nach allem, was passiert war?

»René, ich …«

»Ach stimmt, du wohnst ja jetzt draußen in der Pampa. Mal ehrlich, Rose: Glaubst du nicht, dass du da etwas übertrieben hast? Einfach alles hinzuschmeißen – deinen Job, unsere schöne Wohnung am Stadtpark?«

»René …«

»Ich meine, wir wissen ja beide, dass du öfter mal ein wenig überreagierst. Deine Mutter ist schließlich genauso. Aber man wirft doch nicht gleich alles weg, nur weil man sich von seinem Partner getrennt hat. Oder findest du das wirklich normal?«

Da war es wieder, dieses Gefühl. Eine Mischung aus Hilflosigkeit und quälenden Zweifeln. Ob sie nicht souveräner mit der Situation damals hätte umgehen müssen. Erwachsener. Und vor allem: Weniger hysterisch, wie ihr René immer wieder vorgeworfen hatte.

»Komm schon, Rose. Die letzte Zeit war für uns beide hart. Aber jede Beziehung erlebt ihre Höhen und Tiefen. Und ja, ich gebe zu, es war nicht richtig, was ich gemacht habe. Es tut mir leid, okay?«

Leid? Rose schüttelte ungläubig den Kopf, was René durch das Handy natürlich nicht sehen konnte. Es tat ihm leid? Sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte.

»Rose, bist du noch dran?«

»Ja, ich …« Sie schluckte. Nie hätte sie gedacht, dass es immer noch so verdammt weh tun würde, selbst jetzt, nach über einem halben Jahr.

»Rose?«

»René, ich …«

»Komm, gib deinem Herzen einen Ruck. Wir waren doch immer ein gutes Team, oder?«

»Ja, aber … verdammt René, du hast mich wegen dieser Frau verlassen!«

Einen Moment lang war Schweigen am anderen Ende der Leitung. Dann räusperte er sich. »Ja, ich habe einen Fehler gemacht, Rose. Einen blöden Fehler. Ich habe dich verletzt. Aber … na ja, wenn wir jetzt schon so ehrlich zueinander sind, möchte ich auch mal die andere Seite der Medaille ansprechen. Hast du jemals darüber nachgedacht, dass du an der Sache nicht ganz unschuldig warst?«

»Ich?«

»Ja, genau du, Rose. Das willst du natürlich nicht sehen, klar. Aber ich hatte schon vor unserer Trennung mit etlichen Leuten gesprochen, und alle waren erschüttert, als sie erfuhren, wie es in unserer Beziehung inzwischen aussah. Die meisten hatten uns immer für das Traumpaar schlechthin gehalten.«

»Das hatte ich auch gedacht«, meinte Rose tonlos.

»Ja, kann ich mir vorstellen. Aber weißt du eigentlich, wie egoistisch es ist, immer nur deine Sicht der Dinge wahrhaben zu wollen? Sicher nicht – oder hast du dich jemals gefragt, wie es mir in unserer Beziehung ging?«

»Aber …«

»Nicht gut, Rose, das kann ich dir sagen. Nur konnten wir darüber ja nie reden, weil ich jedes Mal Angst haben musste, dass du überreagierst. Kannst du dir vorstellen, wie es ist, wenn man sich mit seinen Problemen nicht vertrauensvoll an seine Partnerin wenden kann, aus Sorge, dass sie einem dann wieder eine völlig überzogene Szene macht?«

»Ich soll dir …?«, fragte Rose fassungslos.

»Ja, Rose. Du fängst übrigens schon wieder an, fällt dir das auf?«

»Aber ich …«

»Und dann war da mit einem Mal Anett. Rose, verdammt! Ich hatte mich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder verstanden gefühlt. Und auch alles andere, was in unserer Beziehung nicht mehr möglich war, weil du dich nur noch um deine Sachen gekümmert hast. Deinen Job, deine Karriere! Und abends warst du ständig bei Stefanie …«

»Steffi hatte sich gerade erst von Robert getrennt. Sie brauchte mich!«, begehrte Rose auf.

»Na klar brauchte sie dich. Aber ich brauchte dich auch, hattest du daran auch nur mal einen einzigen Gedanken verschwendet? Nein, natürlich nicht, du warst ja die ganze Zeit nur mit deinem Kram beschäftigt. Und wofür das Ganze? Deinen Job hast du inzwischen geschmissen, und deine beste Freundin ist nach Australien ausgewandert.«

»Wie bitte? René, das ist Blödsinn, und das weißt du auch. Sie macht nur ein Sabbatical für ein Jahr.«

»Ja klar, sagt sie. Aber hey, lass uns doch nicht wieder streiten.« Renés Stimme wurde plötzlich versöhnlich. »Ich habe doch gesagt, dass es mir leidtut. Was soll ich denn noch tun, auf Knien zu dir in die Heide rutschen? Würde dir das gefallen? Komm schon Rose, gib deinem Herzen einen Ruck. Du fehlst mir. Ist es denn so schwierig, über deinen Schatten zu springen und mir zu verzeihen? Jeder von uns macht schließlich mal Fehler. Also versuch doch einfach auch mal Verständnis für meine Situation aufzubringen, anstatt immer nur selbstsüchtig deinen eigenen Standpunkt zu sehen, ja?«

»Selbstsüchtig?«, echote Rose. »Du nennst mich selbstsüchtig? Mich? Du hattest doch was mit deiner … Kollegin angefangen und bist aus unserer Wohnung ausgezogen. Unsere Beziehung wäre schon lange am Ende, das waren doch deine Worte!«

»Das habe ich so nie gesagt, da verwechselst du was. Ich war am Ende, ja, und den Grund dafür habe ich dir eben erklärt. Aber du steigerst dich da gerade wieder rein. Vielleicht solltest du dich wirklich erst mal beruhigen.«

»René, ich …«

»Nein, so emotional, wie du reagierst, kommen wir im Moment nicht weiter. Ich liebe dich immer noch, und ich mache mir echt Sorgen um dich, weißt du das, Rose? Bitte pass auf dich auf – ich melde mich die Tage noch mal. Okay? Bis dann!«

Nachdem René aufgelegt hatte, behielt Rose das Handy noch eine Weile in der Hand und starrte blicklos durch das Fenster nach draußen.

Alles war wieder da: der Schmerz, die Erinnerung. Renés Gesicht, als er Anfang Dezember nach Hause gekommen war, übermüdet und aufgedreht, und ihr eröffnet hatte, er müsse mit ihr reden. Die Vorahnung, die plötzlich zur Gewissheit wurde.

Nicht nur eine Kollegin.

Nicht nur ein Arbeitsessen.

Und vor allem: Nicht erst seit ein paar Tagen.

René, der sich zerknirscht gab. Vordergründig reumütig und voller Entschuldigungen. Er könne sie verstehen, natürlich. Überhaupt wäre sie, Rose, für einen Typen wie ihn viel zu schade, aber er käme nicht dagegen an, was solle er machen?

Was hätte Rose dazu sagen sollen? Das ihm das nach fast zehn Jahren Beziehung reichlich spät einfiel? Das sich seine Ansprache komplett auswendig gelernt und wie aus einer drittklassigen Nachmittagsserie anhörte, seine Erklärungen halbherzig und schal, während ihr die Galle bitter in der Kehle brannte?

Später hatte sich Rose oft gewünscht, sie hätte souveräner reagiert. Ihn mit irgendeiner toughen Antwort in die Schranken gewiesen und ihm damit gezeigt, was für ein erbärmlicher Feigling er doch war, sich hinter diesen abgedroschenen Phrasen zu verstecken. Dass er wenigstens jetzt den Anstand haben sollte, ehrlich zu sein und ihr kein Theater vorzuspielen. Und dass es ihm bei seinem Geständnis nicht mal ansatzweise um sie ging, sondern nur um sich selbst und das Gefühl, ›sauber‹ aus der ganzen Sache herauszukommen. Denn genau das hatte er von seinem Auftritt offenbar geglaubt. Dass er sie vorher schon wochenlang belogen und betrogen hatte, war für ihn damit gleich mit abgegolten – schließlich hatte er sich bei ihr entschuldigt. Wie einfach die Welt doch sein konnte, wenn man sie sich so zurechtlegte.

Vor lauter Wut, Enttäuschung und dem Gefühl der Demütigung hatten ihr die Worte gefehlt. Vielleicht hätte sie stattdessen irgendwas zerschlagen sollen. Die kleine antike Vase beispielsweise, die er ihr vier Wochen zuvor noch geschenkt und über die sie sich so gefreut hatte, weil es sie an ihre verstorbene Großmutter erinnerte. Jugendstil. Und sicher nicht günstig – ein Unterpfand der Schuld, nur dass sie das damals noch nicht geahnt hatte. Natürlich nicht.

Vielleicht hätte sie die Vase auch nicht nur zerschlagen, sondern gleich in seinen 85-Zoll LCD Monitor ballern sollen, den er sich erst kürzlich gegönnt hatte und auf den so stolz war. Unreif und kindisch wäre das gewesen, natürlich, aber auch absolut befreiend. Zumindest wäre es ihr danach besser gegangen.

Doch Rose hatte nichts davon gemacht. Sie hatte ihn nur reden lassen und am Ende genickt. Nicht einmal laut war sie geworden, selbst nicht, als er längst die Wohnung verlassen hatte. Stattdessen war sie still und leise ins Badezimmer gegangen. Dort hatte sie sich ausgezogen und unter die Dusche gestellt, bis das Wasser aus der Therme nur noch kalt aus dem Brausekopf strömte, und sich dann ins Bett gelegt. Nackt, ohne sich abzutrocknen oder sich zuzudecken, es hatte keine Rolle mehr gespielt. Nichts hatte noch irgendeine Rolle gespielt.

Inzwischen war das Ganze mehr als ein halbes Jahr her, und seit sie hierher in die Heide gezogen war, hatte sie es endlich auch geschafft, die Erinnerungen an ihre gescheiterte Beziehung zu verdrängen. So viel war passiert, seit Steffi ihr kurz nach der Trennung abends beim Rotwein mehr aus Spaß vorgeschlagen hatte, sie mit nach Australien zu begleiten. Alles hinschmeißen, ein Jahr lang auf Selbstfindungstrip gehen und immer nur dahin ziehen, wohin die Nase zeigt …

Rose hatte ihre Freundin überrascht angesehen.

Nein, nicht Australien, und hinschmeißen konnte sie ihren Job auch nicht so einfach. Dafür stand dort gerade viel zu viel auf dem Spiel. Aber plötzlich hatte sie wieder ein Bild vor ihren Augen, von blühendem Heidekraut, summenden Bienen, Sandwegen und reetgedeckten Häusern. Kindheitserinnerungen an unbeschwerte Ausflüge und glückliche Zeiten in der Lüneburger Heide, lange bevor ihre Großmutter starb und ihre Eltern sich trennten – Erinnerungen, die sie wie einen Schatz in ihrem Herzen trug.

Als sie Steffi davon erzählte, sah diese sie verblüfft an.

»Die Heide? Echt jetzt? Und warum höre ich das gerade zum ersten Mal?«

Rose zuckte die Schultern. »René reagierte immer ziemlich genervt, wenn ich damit anfing. Er meinte, ich hätte das alles nachträglich verklärt, um Oma Gretes Tod und die Scheidung meiner Eltern zu kompensieren.«

»Das hat er allen Ernstes gesagt?«

Rose hob erneut die Schultern. »Er ist halt Realist.«

»Er ist ein selbstgerechter, herzloser Arsch.«

»Das auch.« Rose lächelte traurig. »Jedenfalls hatte ich in den letzten Jahren nicht mehr viel daran gedacht. Aber jetzt, wo du mir von Perth und Sydney vorgeschwärmt hast …«

»Na klar, wenn ich an Sydney denke, fällt mir auch immer sofort die Lüneburger Heide ein. Die Assoziation ist ja geradezu klassisch«, gluckste Steffi. »Okay, dann muss ich in Down Under wohl notgedrungen auf dich verzichten. Aber nur unter der Bedingung, dass du mich zum Ende meines Sabbaticals höchstpersönlich vom Flughafen abholst. Und mich dann direkt zu deinem alten Heidehof bringst, um mich dort der Liebe deines Lebens vorzustellen. Und ich will Brautjungfer und Trauzeugin werden. Und natürlich auch Blumenkind!«

Rose hatte ihr einen Vogel gezeigt und demonstrativ die Rotweinflasche gehoben, die Steffi inzwischen fast allein geleert hatte. Aber Steffi hatte nur gelacht.

Am nächsten Morgen hatte Rose trotzdem einen dicken Schädel, aber immer noch die Bilder vor ihrem inneren Auge. Die weite Natur, mystische Moore, Bauernhöfe unter alten Eichen und im August die Heideblüte, deren gigantisches Blütenmeer den kargen Sandboden überdeckte und die Luft mit Honigduft tränkte.

Auch in den nächsten Wochen hatte sie diese Bilder weiter mit sich herumgetragen, unschlüssig, wie sie mit der Sehnsucht umgehen sollte, die ihre Erinnerungen in ihr geweckt hatten. Steffi hatte ihr vorgeschlagen, dass sie vor ihrer Abreise noch mal zusammen in die Heide fahren sollten, doch das hatte Rose abgelehnt. Jetzt im Spätwinter war die Heide nur braun, kahl und trostlos – und damit kaum der richtige Zeitpunkt, um Pläne für einen verheißungsvollen Neuanfang zu schmieden. Und ihre Arbeit hatte sie hier in Hamburg ja auch noch.

Ende März hatte sie Steffi schließlich nach Fuhlsbüttel zum Flughafen gebracht.

Obwohl keine Ferien waren und die Woche gerade erst angefangen hatte, war es im Terminal voll und die Schlange vor dem Check-in von British Airways ziemlich lang.

Steffi war, nachdem sie am Abend zuvor schon den Online-Check-in vergessen hatte, komplett überdreht und hüpfte während des Wartens aufgekratzt zwischen allen möglichen Themen hin und her. Zwischen ihren Witzeleien, dass der Winter in Perth vermutlich wärmer als der Sommer in Hamburg werden würde, nahm sie Rose aber noch das Versprechen ab, demnächst endlich in die Lüneburger Heide zu fahren.

»Ich sehe das schon kommen. Ich bin in einem Jahr zurück, und du hockst immer noch in Winterhude in deiner sündteuren Wohnung. Erlaube dir doch endlich mal zu träumen, Rose! Warum suchst du dir nicht ein Häuschen in der Heide und fängst noch mal ganz von vorne an? Aussteigen ist doch voll im Trend, gerade jetzt, wo du frei und ungebunden bist!« Sie schob ihren Gepäckwagen mit den beiden Koffern ein winziges Stück weiter. Die Schlange vor dem Schalter bewegte sich nur langsam voran.

Rose lachte auf. »Hey, ich arbeite immerhin hier in Hamburg. Träume hin oder her, das werde ich sicher nicht einfach so hinschmeißen.«

Steffi wurde plötzlich ernst und sah sie skeptisch an. »Du glaubst immer noch, dass Tom dir die Stelle als stellvertretende Geschäftsleitung gibt, oder? Schätzchen, ich will dir ja nicht die Hoffnung rauben, aber er hält dich jetzt seit Monaten hin.«

Rose lächelte und schüttelte den Kopf. »Ich hatte vor dem Wochenende noch mal mit ihm gesprochen. Er meinte, spätestens Mitte dieser Woche würde die Entscheidung fallen. Das Designbüro Meckelbach hat inzwischen über zwanzig Mitarbeiter, da kann das schon seine Zeit dauern.«

Steffi seufzte. »Gut, musst du wissen. Wobei ich immer noch nicht verstehe, warum du ausgerechnet in einem Job, den du eigentlich nie machen wolltest, die Karriereleiter hochklettern willst.«

»Was soll ich denn sonst machen? Ich kann doch nichts anderes«, witzelte Rose. »Außerdem arbeite ich seit über einem Jahr auf diese Stelle hin, von meinen Überstunden ganz zu schweigen. Tom wäre ein echter Schuft, wenn er mir den Job jetzt nicht geben würde.« Und für irgendwas musste es doch auch gut gewesen sein, dachte Rose, als sie an die Vorwürfe dachte, die ihr René deswegen gemacht hatte. Aber das sprach sie nicht laut aus.

Ihre beste Freundin schien trotzdem nicht überzeugt zu sein. »Bilanzen und die ganze Betriebswirtschaft liegen dir doch gar nicht. Warum machst du nicht lieber wieder was im zeichnerischen Bereich? Du kannst so wunderbare Illustrationen erstellen!«

Rose zuckte die Achseln. »Da gibt’s aber so gut wie keine offenen Stellen, das weißt du. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass ich mich selbstständig machen müsste, mit allen Risiken und Unwägbarkeiten, die so eine Entscheidung mit sich bringt. Mal ehrlich, welchen Grund sollte ich haben, dafür meinen gut bezahlten Job aufzugeben?«

Steffi sah sie mit gerunzelter Stirn an. »Interessante Frage. Zufriedenheit? Berufliche Erfüllung? So unwichtige Dinge halt.«

Rose hatte daraufhin nur gelacht und gesagt, dass ihr das kaum den Kühlschrank füllen würde. Anschließend hatten sie das Thema gewechselt und über die Rundreise gesprochen, die Steffi gleich zu Anfang unternehmen wollte. Die letzten Minuten verstrichen viel zu schnell, und Rose musste ihre Tränen zurückhalten, als sie ihre beste Freundin ein letztes Mal in den Arm nahm, bevor Steffi durch die Sicherheitskontrolle in Richtung der Gates verschwand.

Zwei Tage später hatte sich Rose vor der Arbeit sorgfältig frisiert und geschminkt. Dazu das anthrazitfarbene Kostüm, eins ihrer Lieblingsstücke. Sonst reichten ihr im Büro Jeans und Bluse – doch dies würde ein besonderer Tag werden, das hatte sie im Gefühl. Nicht nur, dass der Deal mit VegChocolate Dreams kurz vor dem Abschluss stand, auf den sie seit Monaten hingearbeitet hatte, heute war auch Mittwoch und damit Mitarbeiterkonferenz.

Beschwingt ging Rose ihren täglichen Weg in Richtung Goldbekkanal, wo das Designbüro Meckelbach in einem Neubau mit spiegelnden Fensterfronten untergebracht war. Als sie das Büro betrat, sah sie Tom hinter seinem Schreibtisch eifrig gestikulierend telefonieren. Er war Mitte Dreißig, also in ihrem Alter, und Mediendesigner mit ganzem Herzen. Aus dem ehemaligen Grafikbüro seines Vaters, einer in die Jahre gekommenen Klitsche in Eppendorf, hatte er nach dem Umzug nach Winterhude ein florierendes Unternehmen aufgebaut, das inzwischen auch internationale Aufträge an Land zog. So wie der von VegChocolate Dreams, die sich auf vegane Pralinen und andere Süßwaren spezialisiert hatten und das komplette Marketing plus Corporate Design gestaltet haben wollten. Das Unternehmen selbst war in Hamburg ansässig, doch hinter dem Ganzen stand ein großer internationaler Süßwarenhersteller – und so war von Anfang an klar gewesen, dass hier keine halben Sachen gemacht werden durften.

Rose lächelte stolz. Ein verdammt großer Fisch, so hatte es Tom genannt. Das traf es genau – und sie, Rose, war maßgeblich daran beteiligt gewesen, diesen Auftrag an Land zu ziehen. Im Vorbeigehen winkte sie Tom zu. Er erwiderte den Gruß abwesend, ganz auf sein Telefonat konzentriert. Es schien wirklich wichtig zu sein – aber okay, Tom würde bestimmt noch Zeit finden, um vor der Konferenz mit ihr zu reden. Davon abgesehen war es auch noch früh; außer ihr und Tom waren bisher nur Toms Assistentin Magret, Frank und die neue Kollegin Bella im Büro. Bis zur Konferenz um elf waren es immerhin noch drei Stunden. Und es war ja nicht so, dass es bis dahin nicht noch einiges zu tun gab, wie sie sich selbst zur Ordnung rief, während ihr Rechner hochfuhr.

Als sie sich jedoch kurz vor elf auf den Weg in den ersten Stock machte, hatte ihre Vorfreude schon einen Dämpfer erhalten. Tom war bis eben am Telefonieren gewesen, es hatte sich keine freie Minute gefunden, um mit ihm noch vor der Konferenz zu sprechen. Aber gut, vermutlich waren es neue Auftraggeber, sagte sich Rose. Das ging natürlich vor.

Oben im Konferenzraum hatte Magret bereits alles vorbereitet. Getränke und Gebäck standen auf dem langen Tisch aus hellem Ahornholz, der Beamer war warmgelaufen und projizierte das Meckelbach-Logo auf die Leinwand. Nach und nach trudelten jetzt auch die anderen Kollegen ein und setzten sich auf ihre Plätze. Der Einzige, der immer noch fehlte, war Tom. Rose spürte, wie ihre Nervosität weiter anstieg.

Als Tom schließlich mit zehnminütiger Verspätung in den Raum trat, wurde er von einem jungen, sympathisch aussehenden Mann in Jeans und Cashmere-Pulli begleitet.

Jemand von VegChocolate? Doch bevor Rose noch weiter darüber nachdenken konnte, ergriff Tom das Wort.

»Liebe Kollegen, liebe Freunde, ich freue mich, euch heute gleich zwei großartige Mitteilungen machen zu können. Zum einen habe ich eben erfahren, dass wir den Auftrag von VegChocolate Dreams jetzt definitiv bekommen werden.« Er wartete kurz ab, bis der Beifall und die zustimmenden Rufe wieder abgeklungen waren. »Und zum anderen habe ich die große Freude, euch heute unseren neuen stellvertretenden Geschäftsleiter Michael Neuhaus vorzustellen.«

Rose erstarrte. Auch die anderen sahen überrascht aus. Keiner sagte ein Wort, bis Tom wieder das Wort ergriff.

»Allen von Euch ist die Werbeagentur Wertlieb mit Sicherheit ein Begriff, die von Michaels Vater schon in dritter Generation geführt wird. Michael hat sein Handwerk also sozusagen von der Pike auf gelernt«, Tom lachte kurz über seine Anspielung auf das Logo der Wertliebschen Agentur, »und hatte bereits herausragende Erfolge im Bereich Marketing sowie mehrere Werbepreise gewonnen. Ich bin mir sicher, dass er unser Team hervorragend ergänzen wird, genauso wie ich weiß, dass er mit offenen Armen in unsere kleine Familie aufgenommen wird. Michael, du möchtest doch sicher auch ein paar Worte sagen?«

»Gern, Tom. Zuerst einmal möchte ich mich natürlich dafür bedanken …«

Während Michael weitersprach, wurde Rose mit voller Wucht bewusst, was ihnen gerade mitgeteilt worden war. Das Designbüro Meckelbach hatte einen neuen stellvertretenden Geschäftsleiter.

Und das war nicht sie.

Die ganze Arbeit, die unzähligen Überstunden der letzten Monate. Dazu die Vorwürfe von René, sein Betrug und die Trennung. Alles für nichts.

»… jede Unterstützung, die du brauchst«, hatte Tom das Wort inzwischen wieder übernommen. »Gerade der Deal mit VegChocolate Dreams ist ziemlich umfangreich, aber Rose Hermanns wird dir da zu Anfang sicher gern Schützenhilfe leisten. Nicht wahr, Rose?«

Während die Gedanken noch in ihrem Kopf durcheinanderwirbelten, hatten plötzlich alle zu ihr herübergesehen. Rose war nicht in der Lage gewesen zu antworten. Stattdessen hatte sie Toms Blick nur kurz erwidert, war dann aufgestanden und hatte den Konferenzraum und das Büro ohne ein weiteres Wort verlassen.

Auch zurück in ihrer Wohnung konnte sie immer noch keinen klaren Gedanken fassen. Also hatte sie nur das Nötigste zusammengepackt, alles in ihren kleinen blauen VW Up geladen und war dann in Richtung Undeloh losgefahren, um sich dort ein Hotel zu suchen, in dem sie in Ruhe nachdenken konnte.

Als sie abends nach einem langen Spaziergang durch die spätwinterlich-triste Landschaft der Lüneburger Heide wieder im Hotel auf ihrem Bett saß, klingelte das Handy. Auch vorher hatte sie schon mehrere Anrufe gehabt, alles Nummern aus dem Büro, die sie jedes Mal weggedrückt hatte. Dieses Mal war es allerdings die private Nummer eines Kollegen.

»Hermanns?«

»Mensch Rose, endlich erreiche ich dich. Weißt du eigentlich, was hier los war? Ich hatte mir schon Sorgen um dich gemacht!«

»Das ist lieb, Hannes, aber bei mir ist alles okay. Ich war vorher nur nicht drangegangen, weil ich nicht wusste, ob sich Tom nicht den nächstbesten Apparat geschnappt hat. Und mit dem wollte ich heute ganz bestimmt nicht mehr sprechen.«

»Tom hatte es tatsächlich auch mehrmals bei dir probiert. Er ist immer noch verdammt sauer nach deinem Auftritt heute Vormittag.«

»Nicht halb so sauer wie ich, Hannes, da wette ich mit dir.«

Ein Seufzen erklang am anderen Ende der Leitung. »Ach min Deern, ich kann dich ja verstehen. Aber glaubst du wirklich, dass das klug war? So wie heute habe ich Tom noch nie erlebt. Kurz vor Feierabend hat er Magret vor versammelter Mannschaft angewiesen, deine Kündigung aufzusetzen. Fristlos. Du solltest dir bis morgen gut überlegen, was du ihm sagen willst.«

»Das weiß ich jetzt schon, Hannes. Nämlich gar nichts. Ich werde nicht zurückkommen, weder morgen noch sonst irgendwann.«

»Toms Entscheidung hat dich echt hart getroffen, oder?«

»Tja. Schwer nachvollziehbar, oder?«, erwiderte Rose sarkastisch. »Gut sechshundert Überstunden, und noch fast alle Urlaubstage vom letzten Jahr offen. Für meinen Exfreund war das übrigens der Trennungsgrund. Und wofür das alles? Damit ich unserem neuen stellvertretenden Geschäftsleiter Schützenhilfe leisten darf – und wenn ich ganz artig bin, darf ich ihm bestimmt auch Kaffee an den Schreibtisch bringen!«

Am anderen Ende der Leitung war ein verhaltenes Räuspern zu hören. »Ich kann dich ja verstehen, Rose. Und unter uns: Toms Entscheidung ist bei den meisten Kollegen nicht auf Wohlwollen gestoßen.«

»Oh, Wohlwollen! Heißt das, dass jetzt alle Kollegen die Arbeit niederlegen, um sich mit mir zu solidarisieren?«

»Nein, das natürlich nicht.«

»Natürlich nicht«, echote Rose. »Schließlich will sich’s keiner mit dem Boss verscherzen. Ist ja jeder von uns ersetzbar, wie wir heute erfahren durften. Aber weißt du was, Hannes? Ich habe trotzdem keinen Bock mehr, verarscht zu werden. Und genau das ist passiert: Ich bin verarscht worden, und das seit Monaten. Und zwar nach Strich und Faden.«

Hannes seufzte wieder.

»Dem kann ich kaum widersprechen. Aber wie soll’s jetzt weitergehen?«

»Im Büro? Keine Ahnung, das ist nicht mehr mein Problem. Soll sich doch der neue stellvertretende Geschäftsführer um den Deal mit VegChocolate Dreams kümmern. Das Einzige, was ich vom Designbüro Meckelbach noch erwarte, ist die Auszahlung meiner Urlaubstage und der Überstunden. Und zwar bis auf den letzten Cent, das kannst du Tom gern von mir ausrichten.«

»Ach, min Deern …« Hannes Stimme klang jetzt resigniert. »Das werde ich Tom natürlich weitergeben, kein Thema. Aber was ist mir dir? Hast du schon einen neuen Job? Dein Abgang heute wird sich ziemlich schnell rumsprechen, das wird dir die Suche nicht gerade erleichtern.«

»Nein, einen neuen Job habe ich noch nicht. Aber einen Plan.«

»Und der wäre?«

»Alles auf Anfang«, hatte Rose geantwortet, und zum ersten Mal seit dem Vormittag wieder gelächelt. »Und den ersten Schritt habe ich bereits gemacht.«

Gleich am nächsten Morgen hatte sie ihren Aufenthalt im Hotel Zur Dorfeiche von zwei Übernachtungen auf eine Woche verlängert. Glücklicherweise war das problemlos möglich gewesen – Ostern war erst in zwei Wochen, und bislang gab es nur eine Handvoll Gäste im Hotel, sodass sie sogar ihr Zimmer behalten konnte.

In den kommenden Tagen nutzte sie die Ruhe und Einsamkeit, um stundenlange Spaziergänge durch die Heide zu machen. Das sanft gewellte Radenbachtal bei Undeloh, der Wilseder Berg, das winzige Heidedorf Wilsede, das mit seinen reetgedeckten Fachwerkhöfen und den wenigen Einwohnern im Grunde ein halbes Museumsdorf war – über allem schien noch die Stille des Winters zu liegen.

Sobald aber die Sonne mal hinter den dichten Wolken hervorlugte, war hoffnungsvolle Erwartung zu spüren: Das Versprechen auf wärmere Tage, auf frisches Grün an Sträuchern und Bäumen und auf neues Leben, das längst unter dem kargen, braunen Heidekraut darauf wartete, wieder ans Licht zu kommen.

Bei einem ihrer Spaziergänge kam sie einmal mehr an einem der reetgedeckten Schafställe vorbei, die für diese Landschaft typisch waren. Doch während die anderen Ställe alle leer und verlassen gewirkt hatten, klang aus diesem lautes Mähen und Blöken, das schon von Weitem zu hören war.

Der Schäfer stand gerade draußen, als sie den Stall erreichte, und spülte vor dem großen, halbgeöffneten Tor Bottiche aus. Ein freundlich aussehender Mann Mitte fünfzig, mit wettergegerbtem Gesicht, grauem Rauschebart und dem typischen Lodenmantel der Schäfer, der ihr lächelnd zunickte, als sie ihn grüßte.

Rose war entzückt. Die Schäfer, die mit ihren Schnuckenherden über die weiten Heideflächen zogen, waren untrennbar mit den Erinnerungen ihrer Kindheit verbunden, doch damals hatte sie die Tiere immer nur aus einiger Entfernung beobachten dürfen. Daran, dass Heidschnucken so laut waren, konnte sie sich allerdings nicht mehr erinnern. Als sie den Schäfer danach fragte, musste sie fast schreien, um sich verständlich zu machen.

Während der Schäfer sich mit einem zerschlissenen Stück Stoff die Hände abtrocknete, erklärte er ihr, dass Heidschnucken entgegen der Erwartung der meisten Menschen tatsächlich keine leisen Tiere seien. Eine Schnuckenherde konnte man üblicherweise schon aus mehreren hundert Metern hören. Und jetzt zur Lämmerzeit ginge es natürlich besonders lebhaft zu.

Lämmer!

Als der Schäfer Roses sehnsuchtsvollen Blick bemerkte, stahl sich ein Schmunzeln in sein Gesicht. Dann drehte er sich zum Stall um und bedeutete ihr, ihm zu folgen.

Drinnen war es sogar noch lauter als draußen, denn zwischen dem dunklen Blöken der erwachsenen Tiere mischten sich jetzt unzählige helle Stimmchen. Es dauerte einen Moment, bis sich Roses Augen an das dämmerige Licht, das durch das halboffene Tor und die kleinen Seitenfenster ins Innere des Stalls fiel, gewöhnt hatten. Doch dann sah sie sie: Dutzende – nein, bestimmt mehr als hundert kleine, wollige Pompons mit großen, schwarzen Knopfaugen, die zwischen den größeren Tieren herumwuselten, kläglich blökend, sobald sie ihre Mütter aus den Augen verloren, dann plötzlich wieder ganz still und mit eifrig wackelndem Schwänzchen, sobald sie sich erneut zwischen die Hinterbeine ihrer Mama werfen konnten, um auf den Schreck die nächste Portion Milch zu trinken.

Rose war wie verzaubert. So viele Lämmer! Einige von ihnen waren schon älter und größer, andere dagegen noch ganz zart und wackelig auf den Beinen. Und zwei waren offenbar gerade erst auf die Welt gekommen; ihre Mütter kümmerten sich bereits liebevoll um die nassen Fellbündel, obwohl die Nachgeburt noch nicht ganz abgegangen war. Die Geburt neuen Lebens, ein Wunder – und gleichzeitig doch die natürlichste Sache der Welt.

Während Rose ganz verzückt die wuselnden, felligen Leiber um sich herum bestaunte, war der Schäfer wieder neben ihr aufgetaucht, in den Händen zwei Milchflaschen mit Sauger. Nicht alle Mütter hätten genug Milch, erklärte er. Ob sie vielleicht helfen mochte, wenn sie schon mal hier war?

Rose hatte ihn angestrahlt und genickt. Und als sie einem der Wollknäuel, das ihr der Schäfer gezeigt hatte, die Flasche hinhielt und auf das eifrig wackelnde Schwänzchen sah, fühlte sie sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder vollkommen glücklich.

Der Frühling hatte begonnen.

Kapitel 2

Während Rose mit dem Auto ins drei Orte weiter gelegene Handeloh zum Supermarkt fuhr, war sie in Gedanken noch immer bei dem Telefonat, dass sie vorhin mit René geführt hatte.

Das Gespräch hatte sie mehr aufgewühlt, als sie sich eingestehen mochte, und je länger sie darüber nachdachte, umso schlimmer wurde es. Inzwischen war sie völlig verunsichert. Hatte sie damals wirklich überreagiert, als sie ihr altes Leben komplett hingeschmissen hatte? Sie dachte an ihre kleine Kate, die sie noch während ihres Aufenthalts im Hotel durch eine Anzeige im Wochenblatt entdeckt hatte, und das heimelige Gefühl von Geborgenheit bei ihrem Einzug.

Sicher, es war damals alles sehr schnell gegangen. Auch für ihre Wohnung in Hamburg hatte sich innerhalb kürzester Zeit eine Nachmieterin gefunden, eine Frau mittleren Alters, die sich selbst erst von ihrem Mann getrennt hatte und am liebsten sofort eingezogen wäre. Nachdem sie sich mit dem Vermieter geeinigt hatten, blieben Rose gerade noch drei Wochen, um alles für ihren Umzug in die Heide zu organisieren. Sie hatte mehr als neun Jahre in dieser Wohnung gelebt, doch als sie schließlich die Schlüssel übergab, spürte sie keinerlei Wehmut, sondern nur Erleichterung. Alles hatte sich auf wunderbare Weise gefügt und absolut richtig angefühlt – bis zu dem Moment, als vorhin das Telefon klingelte.

Rose seufzte, während sie auf der Landstraße durch den Wald und die Heideflächen fuhr, die zwischen Wesel und Inzmühlen lagen. Jetzt im Frühsommer war die Landschaft längst in ihr grünes Gewand gekleidet, doch zum ersten Mal seit ihrem Einzug hatte Rose keinen Blick für die Schönheit der Natur um sie herum.

Hatte René womöglich recht? Bis eben war Roses Welt einfach gewesen: Er hatte sie betrogen und verlassen, Punkt. Das einzusehen war zwar schmerzhaft gewesen, aber irgendwann hatte sie es akzeptiert. Er war halt ein mieser Dreckskerl, ein Bastard, eine eierlose Kröte, wie Steffi ihn genannt hatte. Aber zumindest war die Schuldfrage eindeutig geklärt.

Doch jetzt nach ihrem Gespräch … Rose spürte, wie sich das altbekannte Gefühl der Unsicherheit wieder in ihr breitmachte. So wie René es darstellte, trug sie einen mindestens ebenso großen Anteil an der Trennung. Ob sie, Rose, sich jemals gefragt hätte, wie verzweifelt er damals gewesen sein musste?

Nein, das hatte sie sich tatsächlich nicht gefragt. Sicher, sie hatten sich mehr als früher gestritten. Wegen ihres Jobs, vor allem aber wegen irgendwelcher Belanglosigkeiten. Ihrer neuen Lieblingsbluse, die er geschmacklos fand. Oder einer neuen Bekannten, die er nicht mochte. Sinnlose Streitigkeiten, die meist in persönliche Kränkungen ausarteten und damit endeten, dass Rose mit erstickter Stimme und verheulten Augen das Zimmer verließ, weil sie sich nicht mehr anders zu helfen wusste. Natürlich hatte sie da verletzt und emotional reagiert – aber nicht hysterisch, wie René es ihr vorwarf. Oder doch?

Inzwischen hatte Rose Handeloh erreicht. Der Ort war nicht übermäßig groß, vielleicht zwei- bis dreitausend Einwohner, aber es war alles vorhanden, was man zum täglichen Leben brauchte. Für alles andere gab es die Heidebahn, den Erixx, mit dem man innerhalb einer knappen Stunde in Hamburg sein konnte, ohne sich mit dem Stadtverkehr oder den teuren Parkhäusern herumschlagen zu müssen.

Wenn man es denn wollte. Rose wollte es nicht, zumindest nicht in der nächsten Zeit, und schon gar nicht, nachdem ihre Erinnerungen gerade erst wieder so schmerzhaft aufgewühlt worden waren.

Als sie auf den Parkplatz des kleinen Supermarktes einbog, wanderten ihre Gedanken zurück zu René. Es war schon wieder aus zwischen ihm und seiner Kollegin, und es ging ihm, wie er behauptet hatte, dreckiger als je zuvor.

Rose hörte in sich hinein. Freute sie sich darüber?

Nein.

Das Einzige, was sie spürte, war Traurigkeit. Renés neue Beziehung war schon wieder zerbrochen, gerade mal sechs Monate nach ihrer eigenen Trennung. Ein Strohfeuer, mehr nicht – und dafür hatte er alles zerstört, was ihm und Rose wichtig und wertvoll gewesen war. Alles, was sie sich in beinahe zehn Jahren zusammen aufgebaut hatten.

Alles für nichts.

Genauso wie ihr monatelanger Einsatz für ihren Job. Dort hatte Tom allerdings noch allen Ernstes versucht, sie im Nachhinein zu erpressen. Falls sie auf die Auszahlung ihrer Überstunden bestehen sollte, würde sich dies nicht nur in ihrem Arbeitszeugnis niederschlagen … Rose hatte ihm nur geantwortet, dass er das gern mit ihrem Anwalt klären könne, wenn das Geld nicht vollständig bis zum Ende des Monats auf ihrem Konto wäre. Dann hatte sie aufgelegt und seine Nummer gesperrt. Das Spielchen konnten auch zwei Leute spielen – und tatsächlich war das Geld, eine recht stattliche Summe, zwei Wochen später auf ihrem Konto eingegangen. Das Zeugnis war allerdings wirklich nur mäßig ausgefallen, gerade noch gut genug, dass sie nicht rechtlich dagegen vorgehen konnte. Aber geschenkt – inzwischen wusste sowieso jeder in der Branche, dass Tom und sie sich nicht gütlich getrennt hatten.

Ein Mistkerl mieser als der andere!

Aber okay, ohne das unschöne Vorspiel in den letzten Monaten wäre sie jetzt weder hier in der Heide, noch hätte sie ihre gemütliche Kate am Wald gefunden. So betrachtet hatte die Sache also eindeutig was Gutes gehabt. Rose lächelte, als sie an ihren Garten dachte, in dem der Lavendel und die anderen Kräuter noch darauf warteten, eingepflanzt zu werden. Die hatte sie nach dem Telefonat vorhin völlig vergessen. Genauso wie die Vorhänge aus ungebleichtem Leinen, die heute früh mit der Post gekommen waren. Der Karton stand immer noch ungeöffnet auf dem Wohnzimmertisch. Die würde sie bei ihrer Rückkehr gleich aufhängen, noch bevor sie wieder in den Garten ging. Obwohl – vielleicht sollte sie die weißen Wände ihres Schlafzimmers vorher in einem hellen Cremeton streichen? Das würde zusammen mit den dunklen Dielenbrettern und ihren Möbeln bestimmt wunderbar aussehen, gemütlich und gleichzeitig zeitlos …

Zufrieden mit ihrem Plan stellte Rose den Motor aus. Inzwischen wohnte sie schon seit zwei Monaten in der Kate – ihrer Kate, wie sie sie längst nannte – aber es gab immer noch genug zu tun. Außerdem musste sie sich auch langsam mal Gedanken darüber machen, wie sie zukünftig ihren Lebensunterhalt bestreiten wollte, denn weder ihr Erspartes, noch das Geld, das Tom ihr überwiesen hatte, würden ewig reichen.

Was sie zu einem weiteren Problem brachte, denn auf dem Land waren die Jobs für Mediendesigner noch deutlich spärlicher gesät als in Hamburg. Soweit sie wusste, arbeiteten die meisten von ihnen hier selbstständig – doch dafür brauchte man wiederum Zeit, um sich einen eigenen Kundenstamm aufzubauen. Ob sie dafür vielleicht ihre alten Kontakte aus dem Designbüro nutzen konnte?

Während sie ihren Weidenkorb in einen der bereitstehenden Einkaufswagen stellte und zum Eingang ging, prüfte sie in Gedanken die Liste der Kunden durch, mit denen sie persönlich zusammengearbeitet hatte. Viele kamen dafür nicht infrage; gerade größere Firmen nahmen für ihre Aufträge eher eine Agentur in Anspruch, bei der sie alles aus einer Hand bis hin zum fertigen Marketing bekommen konnten. Und um ehrlich zu sein war das auch nicht das Klientel, mit dem sie zukünftig zusammenarbeiten wollte. Eher mit regionalen Firmen, Buchverlagen oder anderen Medienunternehmen. Kunden, bei denen sie auch ihr Talent für Zeichnungen und Illustrationen mit einbringen konnte, das hatte sie in den letzten Jahren leider wirklich vernachlässigt.

Doch dazu musste sie erst mal an neue Kontakte kommen. Und sie bräuchte vorab ein entsprechendes Portfolio, überlegte sie, während sie ihren Einkaufswagen zwischen den Gängen entlangschob und nach und nach alles zusammensuchte, was sie benötigte.

Nicht zum ersten Mal fiel ihr dabei auf, dass der kleine Laden erstaunlich gut sortiert war – es gab kaum etwas, was sich nicht finden ließ, zumindest was den täglichen Bedarf betraf. Selbst ihren Kokosnuss-Joghurt gab es im Kühlregal.

Rose musterte ihren Einkaufswagen: Obst und frisches Brot, Eisbergsalat, Tomaten und Ziegenkäse für heute Abend, dazu der Joghurt für ihr Müsli morgen früh und zwei Flaschen Milch. Doch, damit hatte sie alles. Trotzdem hielt sie noch einmal an einem kleinen Tisch an, auf dem regionale Produkte liebevoll zwischen Töpfen mit Heidekraut arrangiert lagen. Heidehonig, Honigbonbons und sogar eine Backmischung für Buchweizentorte waren dort ausgelegt, dazu drei Sorten Schnaps, falls die Dosenwurst von der Heidschnucke zu schwer im Magen liegen sollte. Außerdem Wacholderbeeren zum Kochen, Gewürzmischungen aus einer ›Kräuterey‹ und Früchtetees mit Heideblüten. Geschäftstüchtig waren die Heidjer ja, das musste man ihnen lassen, dachte Rose schmunzelnd. Ihr Blick blieb schließlich an einer der handgesiedeten Seifen hängen. Haarseife mit Avocado- und Mandelöl, dazu pürierte Kapuzinerkresse – das klang im Gegensatz zu den anderen Produkten richtig exotisch. Aber warum nicht? Seit ihrem Umzug ließ Rose ihre dunkelblonden, ehemals schulterlangen Haare wachsen. Warum also statt der Shampoos und Pflegemittelchen ihres Hamburger Figaros nicht mal was Neues ausprobieren? Die Buchweizentorte nahm sie sich zu einem späteren Zeitpunkt vor, aber zwei der Teemischungen wanderten ebenfalls in ihren Einkaufswagen.

Auf dem Weg zur Kasse ließ sie sich dann noch von einer der dort ausliegenden Gartenzeitschriften verführen, in der etliche schöne Dekoideen abgebildet waren. Vielleicht die ersten Inspirationen für ihre Illustrationen? Die Rosenblüten und Hortensienzweige, ja, aber ein anderer Ausschnitt, und statt der Schleifendeko einige Schmetterlinge, die es hier in der Heide gab. Doch, das wäre schon mal ein guter Anfang: typische Szenen aus ihrer neuen Heimat …

Beschwingt von ihrer ersten konkreten Idee stellte sie sich an die Kasse und begann, ihren Einkauf auf das Band zu packen. Jetzt, zur Mittagszeit, war es ziemlich ruhig im Laden. Ein weiterer Vorteil auf dem Dorf, ging es Rose nebenbei durch den Kopf. Es gab nicht nur genügend Parkplätze direkt vor jeder Tür, auch die Schlangen an den Supermarktkassen waren überschaubar. Genaugenommen bestand diese hier nur aus zwei Leuten, nämlich ihr selbst und dem Mann vor ihr, der gerade sein Brot, abgepackten Käse und eine Flasche Cola aufs Band gelegt hatte.

Rose musterte ihn beiläufig. Helle Haare, Ende Dreißig, Typ unauffällig. Feste Schuhe, schwarze Arbeitshose und ein dunkelblaues T-Shirt ohne Aufdruck. Die verwuschelten Haare gaben ihm etwas jungenhaftes, doch er schien sich darüber keine Gedanken zu machen, genauso wenig wie über die beige-grauen Halmstückchen, die überall an seinen Klamotten hingen.

Stroh? Rose wusste es nicht, und es war im Grunde auch egal. Während er bei der jungen Frau an der Kasse bezahlte, war sie in Gedanken längst wieder bei den Zeichnungen, mit denen sie gleich heute Abend beginnen wollte.

»Das macht dann dreißig Euro und neun Cent.« Die Kassiererin lächelte Rose freundlich an. Doch als Rose ihre Karte zücken wollte, schüttelte sie bedauernd den Kopf.

»Tut mir echt leid, aber wir haben gerade Probleme mit dem EC-Gerät. Haben Sie es auch bar dabei?«

»Oh, ich weiß nicht …«

Rose begann in ihrem Portemonnaie zu wühlen, das mit zahllosen Kassenzetteln und Visitenkarten vollgestopft war. Dann förderte sie einen Schein und einige Münzen zu Tage.

»Neunundzwanzig Euro und fünfzehn Cent.« Sie hob bedauernd die Schultern. »Dann muss ich wohl irgendwas hier lassen.« Sie überlegte rasch. Vielleicht den Tee? Oder die Milch? Zuhause hatte sie noch zwei Tüten H-Milch, die mussten dann eben erst mal reichen.

»Kann ich dir aushelfen?«

Als Rose überrascht aufsah, stellte sie fest, dass ihr der Typ mit den wuscheligen Haaren auffordernd eine Münze hinhielt.

Im ersten Moment war sie völlig perplex. »Aber – das kann ich nicht annehmen!«

»Warum nicht? Ist doch nur ein Euro.«

Er lächelte sie an. Erst schelmisch, dann wandelte es sich in ein Lächeln voller Wärme. Einen Augenblick lang nahm es Rose vollkommen gefangen. Dann zwinkerte er, und der Zauber war gebrochen.

»Du solltest es annehmen. Alles andere wäre egoistisch.«

»Egoistisch?« Rose hatte keinen blassen Schimmer, was er meinte.

»Na klar – jeden Tag eine gute Tat. Wenn du sie nicht annimmst, versaue ich mir meinen Schnitt. Und das wäre ziemlich herzlos von dir.«

Rose fand zwar die Logik nicht ganz schlüssig, nahm aber die Münze trotzdem an und bedankte sich.

»Keine Ursache, gern geschehen.« Er zwinkerte ihr noch einmal zu, nahm seine drei Teile und verschwand mit einem Abschiedsgruß in Richtung Ausgang.

Rose gab die Münze an die Kassiererin weiter, noch immer ziemlich verdattert.

»Das war aber … nett.«, meinte sie lahm, als sie einen Cent Wechselgeld zurückbekam.

»Ein Glückscent«, sagte die Kassiererin. »Verschenken Sie ihn weiter. Das bringt beiden Glück, dem Schenkenden und dem Beschenkten.«

»Das mache ich. Wollen Sie …?« Aber die Kassiererin winkte lachend ab.

Als Rose mit ihrem Einkaufskorb nach draußen trat, sah sie gerade noch einen weißen Transporter vom Parkplatz fahren. Auf der Seite des Fahrzeugs stand ein Firmenname: Bent Sage – Reetdachdeckerei – und eine Telefonnummer, die sie aber schon nicht mehr erkennen konnte. Aber gut, die sollte herauszubekommen sein; vielleicht bekam sie ja die Möglichkeit, sich bei Gelegenheit für die nette Geste zu revanchieren.

Rose hatte eben erst die letzten Einkäufe ins Haus getragen, als ihr Handy klingelte.

Nicht schon wieder.

Aber es war nicht René, sondern eine Festnetznummer mit örtlicher Vorwahl.

»Hermanns?«

»Kindchen, ich bin’s, Käthe. Es ist mir wahnsinnig unangenehm, aber ich wollte dich trotzdem fragen, ob ich dich um einen Gefallen bitten darf. Du kannst natürlich auch ›Nein‹ sagen, ich hatte ja eigentlich versprochen, dass ich nichts mehr vom Dachboden brauche.«

Rose musste über die etwas umständliche Art ihrer Vermieterin schmunzeln. »Ich denke, das bekommen wir hin. Um was geht es denn?«

»Oben auf deinem Dachboden muss noch eine alte Kaffeemühle stehen. War damals ein Geschenk der Mutter meines Mannes zu unserer Hochzeit. Scheußliches Teil, aber meine Nachbarin hat mich gefragt, ob ich etwas zu der Heimatausstellung der Landfrauen beisteuern könnte. Und das wäre eine gute Möglichkeit, das Ding in Ehren zu halten.«

Rose musste sich auf die Zunge beißen, um sich ein Lachen zu verkneifen. Käthes Tonfall hatte etwas Triumphierendes. Offenbar war das Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter nicht das Beste gewesen.

»Kein Problem, ich schaue gleich mal nach.«

»Das ist lieb von dir. Aber es hat keine Eile, Kindchen. Die Landfrauen sind die letzten fünfzig Jahre ohne die Kaffeemühle ausgekommen, sie werden es auch noch ein bisschen länger aushalten. Bring sie einfach vorbei, wenn du sie findest. Und hab schon mal vielen Dank!«

Eine schwache Lampe erhellte den Dachboden, in dessen Mitte Rose gerade halbwegs stehen konnte. Hier oben hatte man einen guten Blick auf die unverkleidete Unterseite des Reetdaches und die vom Alter geschwärzten Dachsparren – soweit man sie zwischen den Unmengen an Gerümpel überhaupt erkennen konnte. Alte hölzerne Gartengeräte, ein Waschzuber und ein Butterfass, ein in seine Einzelteile zerlegtes Bett, Milchkannen, Kisten, Kästen und Kartons – jeder freie Platz war über Jahrzehnte hinweg vollgestellt worden, und dort, wo es möglich war, hatte man die Sachen auch kreuz und quer übereinandergestapelt. So wie das Spinnrad, das auf zwei Kartons stand und als Krone noch einen Tuff irgendeines farblosen faserigen Materials trug.

Rose seufzte. Seit ihrer ersten Besichtigung der Kate war sie nicht mehr hier oben gewesen, und die Unmengen alten Zeugs hatte sie schlichtweg verdrängt. Vermutlich, weil ihr von Anfang an klar gewesen war, dass sie den Dachboden nicht würde nützen können. Nicht, dass es sie damals gestört hätte; nachdem sie beim ersten Gespräch mit ihrer Vermieterin bereits das Schlimmste befürchtet hatte, war sie im Anschluss von der kleinen Kate angenehm überrascht worden.

›Kl. Haus, idyll. Lage, Bad., ca. 70qm Wf, an EP o.Paar z. verm.‹ Die Anzeige war Rose ins Auge gesprungen, als sie im hell und gemütlich eingerichteten Frühstücksraum des Hotels Zur Dorfeiche zwischen Teetasse und Marmeladenbrötchen die druckfrische Ausgabe der regionalen Wochenzeitung durchgeblättert hatte.

Warum eigentlich nicht? Rose hatte ihr Handy genommen und war in das um diese Uhrzeit ungenutzte Kaminzimmer des Hotels gegangen, um dort in Ruhe telefonieren zu können.

Die Frau am anderen Ende der Leitung hatte sympathisch geklungen. Doch, die Kate wäre noch frei. Sie solle gleich vorbeischauen, wenn es ihr passen würde – später wäre sie unterwegs, und sie wisse nicht, wann sie wieder zurück sei. Rose war es recht gewesen. Der Wohnungsmarkt schien hier auf dem Dorf deutlich entspannter zu sein als in Hamburg, wo es nahezu unmöglich war, ohne Beziehungen eine annehmbare Wohnung zu bekommen. Trotzdem wollte sie die Gelegenheit nicht vertrödeln, zumal die Adresse, die ihr Frau Husmann genannt hatte, in Handeloh, also gerade mal drei Orte weiter war. Kein großer Aufwand, selbst wenn sich das Haus als ungeeignet herausstellen sollte. Außerdem war sie inzwischen auch ziemlich neugierig.

Als Rose eine knappe halbe Stunde später mit ihrem Auto auf den mit Kopfsteinpflaster befestigten Hof holperte, war erst einmal niemand zu sehen. Sie parkte den Wagen neben einem kleinen Schuppen, stellte den Motor aus und orientierte sich kurz, bevor sie ausstieg. Das Haupthaus unter den mächtigen Eichen war eins der typischen neueren Hofgebäude hier in der Nordheide, ein kastenförmiger Bau in rotem Klinker, mit den in den Sechzigern üblichen kleinen Fenstern. Rechteckig, pragmatisch, ohne Schnörkel und Verzierungen – und im Vergleich zu den vielen alten Fachwerkhäusern dieser Gegend auch nicht sonderlich einladend. Rechts des Haupthauses waren die ehemaligen Stallungen, inzwischen offenbar zu Wohnungen umgebaut. Deren Anmutung war schon etwas moderner, die Fenster größer, das Dach neu eingedeckt, doch trotz der Töpfe mit Frühlingsblumen, die vor den drei Eingängen standen, genauso wenig anheimelnd. Dazu gegenüber noch eine Remise, die mehreren Autos als Garage diente – viel mehr gab es hier nicht.

Eine Kate war jedenfalls nicht zu sehen. Oder sollte die Frau am Telefon etwa den winzigen Treppenspeicher gemeint haben, den Rose hinter dem Stallgebäude erkennen konnte?

Zweifelnd stieg Rose aus ihrem Wagen und ging ein Stück in Richtung des Speichers. Je dichter sie kam, umso mehr sank ihr Mut; das bemitleidenswerte Gebäude hatte schon eindeutig bessere Zeiten gesehen. An dem Häuschen schien alles noch im Originalzustand zu sein, der Zahn der Zeit hatte inzwischen sichtlich daran genagt. Trotzdem standen vor der Holztür zum Speicher ebenfalls einige Blumentöpfe.

Das darf doch nicht wahr sein! Am liebsten wäre Rose sofort auf dem Hacken umgekehrt. Doch ihre gute Erziehung nötigte sie, sich zumindest am Haupthaus zu melden und Bescheid zu sagen, dass die Bruchbude für sie nicht in Frage kam.

Es dauerte einen Moment, bis auf ihr Klingeln geöffnet wurde. Vor ihr stand ein Mann Anfang fünfzig, graubraune Haare, wettergegerbtes Gesicht, Cordhose und Karohemd. Er sah sie stirnrunzelnd an.

»Ja?«, schnauzte er.

Lieber Himmel, was für eine Begrüßung.

Rose bemühte sich trotzdem um ein höfliches Lächeln. »Mein Name ist Rose Hermanns. Es geht um das Haus, das Sie vermieten wollen. Ich –«

»Welches Haus?«, fiel ihr der Mann schroff ins Wort.

Rose sah ihn überrascht an. »Das Haus, dass Sie im Nordheide Wochenblatt inseriert hatten.«

»Da müssen Sie sich vertan haben. Hier gibt es kein Haus, und die Wohnungen sind alle vermietet.«

»Aber Ihre Frau hat mir doch extra den Weg hierher … das ist doch hier die Nummer vierzehn, oder bin ich hier falsch?«

Der Typ musterte sie von oben bis unten. »Ich habe keine Frau.«

Rose blinzelte ihn an wie eine Eule. Anscheinend erlaubte sich jemand einen ziemlich üblen Scherz mit ihr – nur schien dieser furchtbare Kerl genau dasselbe von ihr zu denken. Wie auch immer: Ihr erster Anlauf mit einem Häuschen in der Heide war jedenfalls ein Reinfall auf ganzer Linie.

»Dann entschuldigen Sie bitte die Störung. Ich hatte mit einer Frau Husmann telefoniert, und die hatte mich gebeten, jetzt gleich vorbeizukommen. Offenbar gab es da ein Missverständnis. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.«

Tief enttäuscht drehte sie sich um und machte sich auf den Weg zurück zu ihrem Auto.

»Warten Sie mal!«, brüllte ihr der Typ plötzlich hinterher, dem sie eben nicht mal ein paar höfliche Abschiedsworte wert gewesen war. Rose war im ersten Moment versucht, nicht zu reagieren. Doch dann siegte ihre Neugier und sie drehte sich noch mal um.

Der Muffelkopp war inzwischen schon halb über den Hof zu den Mietwohnungen marschiert und winkte ihr mit einer nachlässigen Bewegung zu, dass sie folgen solle. Rose starrte ihm empört hinterher. Was glaubte dieser Kerl eigentlich, wer er war?

Normalerweise wäre sie jetzt umstandslos in ihr Auto gestiegen und vom Hof gefahren. Doch die Szene war so absurd, dass sie nicht widerstehen konnte und dem Stoffel mit einigen Schritten Abstand folgte.

Dieser stürmte zur Rückseite des Hauses, wo sich drei weitere Eingänge befanden. In den ersten marschierte er ohne zu klingeln hinein.

»Mutter?«

Die Antwort konnte Rose von draußen nicht hören, aber sie würde einen Teufel tun, und dem Typen einfach so in die Wohnung folgen. Also blieb sie vor der Tür stehen.

Lange musste sie nicht warten, bis er wieder nach draußen kam. Er deutete mit dem Kopf in die Wohnung.

»Sie hatten mit meiner Mutter telefoniert. Den Flur durch, im Wohnzimmer.« Damit ging er an Rose vorbei zum Haupthaus zurück und ließ sie völlig verdutzt vor der Wohnungstür stehen.

So, und nun? Rose hatte nicht den leisesten Schimmer, was sie jetzt tun sollte. Also ging sie durch die Tür einen Schritt in den hell gefliesten Flur hinein und blickte zur offenen Wohnzimmertür. »Hallo?«

»Ich bin hier, Liebes!«, erklang die Stimme der Frau, mit der sie vorhin telefoniert hatte. Eine kleine, zierliche Person erschien in der Tür. Sie hielt eine Tasse in der Hand, die sie gerade mit einem Geschirrtuch abtrocknete, und lächelte, als sie zu Rose hochsah. Dann erschien plötzlich ein sonderbarer Ausdruck auf ihrem Gesicht und die Tasse rutschte aus ihren Händen.

»Warten Sie, ich helfe Ihnen!« Mit wenigen Schritten war Rose bei der alten Dame und half ihr, die Scherben von den Fliesen aufzulesen.

»Ach, ich bin aber auch tüddelig. Wie das nur wieder passieren konnte …«

»Kein Problem«, beruhigte Rose die alte Dame, die ihr Missgeschick sichtlich aufgewühlt hatte. Ihre Hände zitterten, während ihr die aufgesammelten Porzellanstücke immer wieder aus den Finger glitten.

»Nicht schlimm, dass passiert jedem mal. Warten Sie, ich sammle die kleinen Scherben auf. Oder haben sie was zum Auffegen?«

»Unter der Spüle.« Die alte Dame deute hinter sich durch die Tür, immer noch sichtlich erschüttert.

Rose ging durch das altmodisch und dunkel eingerichtete Wohnzimmer in die winzige Küche und kam dann mit Handfeger und Kehrblech zurück.

»Sehen Sie, ist schon erledigt«, meinte sie, nachdem sie die letzten Bruchstücke auf das Kehrblech gefegt hatte. »Gleich in den Mülleimer?« Sie lächelte Frau Husmann warm an. Immerhin schien sich die alte Dame inzwischen wieder gefangen zu haben, denn sie nickte und ging mit Rose in die Küche. Während Rose alles wegräumte, öffnete sie einen der Hängeschränke und nahm zwei neue Tassen mit Untertassen heraus.

»Auf den Schreck brauche ich jetzt erst mal eine Tasse Tee. Mit Milch und Zucker?«

»Danke, aber eigentlich wollte ich nur …«

»Papperlapapp. Wir können jetzt beide ein Tässchen gebrauchen. Ich freue mich übrigens sehr, dass du die Kate mieten möchtest, Kindchen.«

Rose wollte die Bruchbude draußen ganz bestimmt nicht mieten, mochte der alten Dame aber auch nicht direkt vor den Kopf stoßen, nachdem sie sich gerade erst wieder etwas gefangen hatte.

»Frau Husmann …«

»Nenn mich Käthe, Kindchen.« Sie schenkte nacheinander die beiden mit Goldrand verzierten Teetassen voll und stellte dann die Porzellankanne zurück auf ein zierliches Stövchen. Offenbar hatte sie für Roses Besuch schon alles vorbereitet.

Rose seufzte unhörbar. Sie konnte sich kaum drücken, wenn sie nicht ganz und gar unhöflich erscheinen wollte. Außerdem erinnerte sie die alte Dame – nein, Käthe – an ihre eigene Großmutter Grete. Auch sie hatte ihre liebenswerten Schrullen gehabt. Rose beschloss, ihren Tee in Ruhe zu trinken und Käthe in der Zwischenzeit einfach gewähren zu lassen. Was konnte schon passieren?

»Ihr Sohn schien gar nicht zu wissen, dass die Kate vermietet werden soll«, meinte sie stattdessen, als sie die Tassen auf einem Tablett zu dem wuchtigen Eichentisch im Wohnzimmer hinübertrug und sich anschließend auf das mit Häkeldeckchen geschmückte Sofa setzte.

Käthe Husmann setzte sich umständlich in den gegenüberliegenden Sessel, nahm die Tassen vom Tablett, maß aus dem bereitstehenden Porzellanset je einen Löffel Zucker und einen Schuss Milch in die Tassen und schob Rose dann ihren Tee zu.

»Reinhard? Sicher weiß er das, ich hatte es ihm doch gesagt. Oder wollte ich es ihm sagen? Nun, egal. Mach dir nichts draus, falls er kurz angebunden war. Frauen gegenüber ist er immer etwas unbeholfen.«

Unbeholfen wäre jetzt zwar nicht das Wort gewesen, das Rose gewählt hätte, aber sie nickte höflich.

Einen Moment lang schwiegen beide und tranken die ersten Schlucke Tee. Rose überlegte kurz, ob sie die Dame um einen Löffel zum Umrühren bitten sollte, kam dann aber zu dem Schluss, dass es den Aufwand nicht lohnte. Inzwischen schien sich die alte Dame wieder beruhigt zu haben, so dass sie den Besuch langsam abschließen konnte.

»Nun, jedenfalls habe ich die Kate ja eben schon gesehen. Und ich muss gestehen, dass sie für meine Zwecke … na ja, zu dunkel sein wird mit den kleinen Fenstern.«

»Du hast sie schon gesehen?« Käthe musterte sie verblüfft über den Rand ihrer Teetasse hinweg.

»Ja, natürlich. Sie meinen doch die Kate hinter den Wohnungen, oder?«

»Du, Kindchen, nicht Sie. Und welche Kate … meine Güte, du meinst doch nicht etwa den alten Treppenspeicher?« Sie fing an zu lachen. Zum Glück war die Tasse nicht mehr voll, sonst hätte Rose vermutlich als Nächstes auch noch aufwischen dürfen.

»Nein, Liebes. Die Kate befindet sich in Eickenloh, direkt im Naturschutzgebiet. Hast du eine Karte?«

»Ich habe ein Navi im Auto.«

»Das wird dir nichts nützen, in Eickenloh gibt es nur Hausnummern, keine Straßennamen. Aber warte, ich müsste hier doch irgendwo …« Käthe stand auf und ging zu einer Anrichte aus dunkler Eiche hinüber.

»Nein, bleib sitzen, Kindchen. Wo war sie noch … ach ja, hier.« Sie schob die Schublade wieder zu und kam zu Rose zurück.

»Hier ist Handeloh«, sie tippte mit einem schmalen Finger auf die Karte, nachdem sie sie halb aufgeklappt neben Roses Teetasse auf den Tisch gelegt hatte. »Hier ist Undeloh, von dort bist du gekommen. Eickenloh ist hier, und die Kate liegt etwas außerhalb am Wald. Hier.« Sie tippte wieder auf die Karte, auf der Rose nichts außer topografische Zeichen für Bäume, Wiese und Heide sehen konnte. Immerhin schien ein Weg dahin zu führen, auch wenn der Strich schmal und wenig vertrauenserweckend aussah.

»Die Kate liegt wirklich idyllisch. Mein Mann und ich haben die Ruhe immer sehr genossen, als wir dort noch wohnten. Aber es ist nicht gut, solch ein Haus zu lange leer stehen zu lassen. Das macht es traurig.« Sie setzte sich wieder in ihren Sessel und trank einen Schluck Tee.

Rose fand diese Aussage ziemlich seltsam, beschloss aber, nicht weiter darauf einzugehen. »Warum sind Sie … seid ihr dann umgezogen?«, fragte sie stattdessen. Doch schon im nächsten Augenblick hätte sie sich am liebsten für ihre Taktlosigkeit geohrfeigt.

»Nach dem Tod meines Mannes war es nicht mehr dasselbe.« Käthe lächelte wehmütig in ihre Teetasse.

»Entschuldigung. Das tut mir leid.«

»Das muss es nicht, Kindchen. Wir hatten eine gute Zeit, mehr als fünfzig Jahre. Und wir konnten Abschied nehmen. So viel Glück ist nicht jedem vergönnt.« Sie schwieg einen Moment, dann sah sie wieder auf und lächelte. »Du wirst sehen, es ist ein wundervolles Häuschen. Und ich freue mich sehr, dass jetzt jemand darin einzieht, der es zu schätzen weiß.«

»Nun, ich …«

»Einen Keller hat die Kate leider nicht, aber du kannst den Dachboden natürlich mitbenutzen.«

Rose fühlte sich auf äußerst charmante Art überrumpelt. Aber alte Menschen hatten ja oft diese bestimmende Art, also ließ sie sich erst einmal darauf ein und konzentrierte sie sich auf das Nächstliegende.

»Mitbenutzen? Wohnt denn schon jemand in dem Haus?«

»Was? Ach so, nein. Aber auf dem Dachboden steht noch allerlei Gerümpel. Halt das, was sich im Laufe der Jahrzehnte so angesammelt hat. Ein paar persönlichen Dinge hatte ich bei meinem Umzug mitgenommen, aber der Rest ist eben dort geblieben. Zum Wegschmeißen zu schade, aber hier habe ich einfach nicht genug Platz.«

»Ja, okay … aber es ist schon etwas ungewöhnlich, dass ein Mietobjekt auch gleichzeitig vom Vermieter genutzt wird, oder? Wie soll ich mir das vorstellen? Den Dachboden kann man ja nur durch das bewohnte Haus erreichen, oder?«

Käthe schüttelte den Kopf.

»Es gibt noch eine Außentreppe. Aber da musst du dir wirklich keine Sorgen machen, meine Liebe. Auf dem Dachboden befindet sich nur noch nutzloser Krempel, an den niemand mehr drangeht. Ich bin die Letzte, die damit nostalgische Erinnerungen verbindet, und wenn ich meinem Hans irgendwann mal nachfolge, wird Reinhard den ganzen Kram vermutlich ungesehen abfahren lassen. Im Grunde könnte man es jetzt schon machen, aber ich bringe es einfach nicht übers Herz.« Sie überlegte kurz, bevor sie weitersprach. »Wenn dir die Vorstellung trotzdem unangenehm ist, können wir das alte Kinderzimmer aus dem Vertrag herausnehmen. Das ist das Zimmer mit der Außentreppe, von dort gelangt man auch auf den Dachboden. Es gab sogar mal die Überlegung, das Kinderzimmer komplett abzutrennen und als Gästezimmer umzubauen, aber von der Idee sind wir damals zum Glück wieder abgekommen.«

Rose war immer noch skeptisch. »Das klingt alles recht umständlich.«

»Das ist es nicht. Am besten schaust du es dir an, dann weißt du, was ich meine. Wobei es schade wäre, auf das Kinderzimmer zu verzichten. Es liegt nach Süden und ist herrlich sonnig. Außerdem kommt man von dort aus direkt in den Garten.«

Rose gab es auf. Am besten sah sie sich das Wunderwerk der Baukunst tatsächlich erst einmal an. Nach der Besichtigung konnte sie dann immer noch behaupten, dass sie eine Nacht darüber schlafen müsse, bevor sie eine Entscheidung traf. Und absagen würde sie morgen einfach telefonisch.

»Gut, wollen wir gleich losfahren?«

Käthe sah sie überrascht an. »Aber nein. Ich hatte doch erzählt, dass ich noch Termine habe. Die kann ich unmöglich warten lassen.«

Jetzt war es an Rose, sie verblüfft anzustarren. »Ja, aber …«

»Wir sind hier auf dem Dorf, Kindchen«, unterbrach sie die alte Dame und strahlte sie an. »Ich gebe dir die Schlüssel mit. Dann siehst du dir alles in Ruhe an und meldest dich, sobald du weißt, wann du einziehen willst. Du wirst sehen, die Kate wird dir wunderbar gefallen.«

Als ihr Wagen eine Viertelstunde später über Kopfsteinpflaster holperte, zweifelte Rose nicht mehr daran, dass sich hier jemand einen ausgesprochen miesen Scherz mit ihr erlaubte. Das Dörfchen Eickenloh, ein hübscher kleiner Ort mit überwiegend reetgedeckten Fachwerkhäusern, hatte sie bereits hinter sich gelassen. Jetzt befand sie sich mitten im Wald. Um sie herum waren nur kahle Bäume, kahle Büsche und am Wegesrand kahles Gestrüpp – und sonst nichts.

Oder hatte sie sich in dieser Wildnis verfahren? Sie brachte den Wagen zum Stehen und warf noch mal einen Blick auf die Landkarte, die ihr Käthe zusammen mit den Schlüsseln in die Hand gedrückt hatte.

Nein, alles okay – sie hatte die Abbiegung direkt hinter dem Hofgebäude mit der Inschrift ›De Minsch ward toe freuh ool un toe laat klook‹