Touch only - Michel Faucon - E-Book

Touch only E-Book

Michel Faucon

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Beschreibung

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Mit diesem Zitat aus "Der kleine Prinz" lockt eine anonyme Internetbekanntschaft den glücklosen Bruno in ein aufregendes erotisches Abenteuer: Sie trifft sich mit ihm ausschließlich in einem völlig abgedunkelten Raum und will kein Wort mit ihm wechseln. Nach anfänglichen Irritationen akzeptiert Bruno die Regeln dieser merkwürdigen Beziehung, muss aber feststellen, dass seine unbekannte Geliebte besitzergreifender ist, als sie vorgibt zu sein. Oder bildet er sich dies nur ein? Seine Freundin Vera, von der er sich zur Probe für ein Jahr getrennt hat, ist überzeugt: Diese Affäre kann nur böse enden. Doch ist sie im fernen New York so viel besser dran? Auch ihre Liebesabenteuer verlaufen längst nicht so, wie die unverbesserliche Romantikerin sie sich vorstellt. Ebenso wenig die ihrer Freundin Lea: Sie muss sich eines Verehrers erwehren, der immer aufdringlicher und schließlich zur Bedrohung wird. Doch so vertrackt die Beziehungskisten des Trios auch sind: Ein Happy End ist nicht in allen Fällen ausgeschlossen ... Michel Faucons Romandebüt: Ein ungewöhnlicher Liebesreigen, eigenwillig in Form und Inhalt, hoch erotisch und erfrischend anders.

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Seitenzahl: 370

Veröffentlichungsjahr: 2013

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ISBN 978-3-8442-5003-9

Umschlagfoto: Jochen Schönfeld

© 2013 by Dr. Feelbook, Mainz

Alle Rechte vorbehalten

www.dr.feelbook.de

[email protected]

Published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

eins

Von:meretseger

Betreff:gestern

Datum:7. Mai 2011 9:05:11 MESZ

An:sundowner

Hatte ich zu viel versprochen?

Von:sundowner

Betreff: Re.: gestern

Datum:7. Mai 2011 9:09:11 MESZ

An: meretseger

Zu viel? Ich bitte Dich ... Du hattest viel zu wenig versprochen. So sehr Du Dich auch bemüht hast, viel zu versprechen. Doch manchmal werden Worte der Wirklichkeit einfach nicht gerecht. Hast Du eine Ahnung, wie schwer es für mich heute Morgen ist, einen klaren Gedanken zu fassen? Ich bin einfach noch zu überwältigt.

Und, ehrlich gesagt, auch ganz schön ausgepumpt ...

P.S.: Ich hoffe, es ist für Dich Ordnung, dass wir uns jetzt duzen ...

Von:meretseger

Betreff:Re-2: gestern

Datum:7. Mai 2011 9:37:11 MESZ

An: sundowner

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich BEMÜHT habe, Ihnen viel zu versprechen. Was das „Du“ angeht: SIE scheinen nicht begriffen zu haben. Schade eigentlich ...

Und was für ein schäbiges Wort. „Ausgepumpt“. Ich kann mich erinnern, in unseren ersten Briefwechseln haben Sie sich mal als Romantiker bezeichnet ...

Ich bin enttäuscht.

Von:sundowner

Betreff:Re-2: gestern

Datum:7. Mai 2011 9:48:11 MESZ

An: meretseger

Sehr geehrte Meretseger,

bitte entschuldigen Sie, wenn ich Sie verärgert habe. Sie haben sich natürlich nicht bemüht, mir etwas zu versprechen. Ihr Versprechen – eigentlich war es ja nicht einmal das, eher eine Einladung, aber Sie haben in Ihrer Eingangspost auch selbst das Wort „versprochen“ gebraucht – kam Ihnen absolut mühelos über die Lippen, beziehungsweise es floss Ihnen absolut mühelos aus den Fingern. Ich bin überzeugt, alles in Ihrem Leben glückt Ihnen so mühelos.

Entschuldigen Sie bitte erst recht meine idiotische Idee, Ihnen das „Du“ anzutragen. Mittlerweile habe ich verstanden: Die Distanz zwischen uns zu belassen, gehört zu den vielen Dingen, die „es“ zwischen uns so interessant, so aufregend, so spannend, so einzigartig, so Ich-weiß-gar-nicht-was-sonst-Noch machen? Habe ich recht? Ich schwöre, ich werde niemals wieder etwas so Törichtes vorschlagen ...

Von:meretseger

Betreff:Re-3: gestern

Datum:7. Mai 2011 10:07:11 MESZ

An: sundowner

Wie devot Ihresgleichen doch immer gleich wird, wenn er seine Felle davonschwimmen sieht. Schämen Sie sich ...

Von:sundowner

Betreff:Re-3: gestern

Datum:7. Mai 2011 10:13:11 MESZ

An: meretseger

Entschuldigen Sie bitte auch meine Unterwürfigkeit. Aber seien Sie bitte nicht so streng mir. Ich bin einfach nur verwirrt nach diesem überwältigenden Erlebnis und möchte nichts falsch machen. Vor allem nichts Falsches schreiben.

Von:sundowner

Betreff:hallo?

Datum:7. Mai 2011 12:05:17 MESZ

An: meretseger

Hallo? Ist da noch jemand?

Von:bigapple

Betreff:Hi!

Datum:7. Mai 2011 19:05:11 MESZ

An:[email protected]

Hi, Brunomaus!

Ich bin’s – Deine Vera! Mit neuem Nick! Passt, oder?

Ich dachte, ich meld mich mal, weil Du es von Dir aus ja sowieso nicht tun wirst. Oder erst an Weihnachten. Also: Ja, ich bin gut angekommen und auch gut aufgenommen worden. Lower Manhattan sieht genauso aus, wie Du es aus dem Vorspann von „Kojak“ kennst, halt ohne WTC.

Nur wirkt es halt völlig anders, wenn man nicht mit Hubschrauber drüberfliegt und von oben in die Häuserschluchten schaut. Wenn Du da unten stehst und an den Fassaden hochblickst, fühlst Du Dich einfach nur mickrig. Dunkel ist es, auch mitten am Tag, verdammt dunkel. Der Himmel öffnet sich Dir nur in länglichen Quadraten zwischen Wolkenkratzerkanten. Und laut ist es, verdammt laut.

Das hört sich jetzt vielleicht nicht sehr gemütlich an, aber das sind nur erste Eindrücke. Keine Angst, ich bereue nichts. Bald werde ich mich nicht mehr klein fühlen in dieser Stadt, das verspreche ich Dir. I wanna be a part of it ...

Ich weiß nur noch nicht, wann ich das sein werde.

Im Moment sind meine Tage in der Bank noch so stressig, dass ich meistens direkt ins Bett falle, wenn ich abends nach Hause komme, meistens so gegen neun. The city that doesn’t sleep kann ich noch nicht in vollen Zügen genießen, noch brauch ich meinen Schlaf. Die Leute in der Bank geben sich wirklich Mühe, mich schnell einzuarbeiten. Ich glaube, sie sind bis jetzt ganz zufrieden mit mir. Die Vorbereitungskurse in Wirtschaftsenglisch waren Gold wert, aber jetzt wird mein Englisch richtig gut, es geht eben nichts über permanenten Gebrauch im Alltag. Ich bin sicher, in einem Jahr spreche ich ohne jeden Akzent, vielleicht ja sogar New Yorker Dialekt. Der soll aber, wie man mittlerweile sagt, im Aussterben begriffen sein, die Jungen sprechen ihn immer weniger.

Fürs Erste haben sie mich in der Wohnung meiner Vorgängerin untergebracht. Ich muss dort aber nicht bleiben. Wenn ich möchte, helfen sie mir was anderes suchen. Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, ob’s mir hier gefällt, oder zumindest noch nicht. Ist ein Einzimmer-Appartment, immerhin aber fast 40 Quadratmeter, nicht schlecht eigentlich. Und ich kann jeden Morgen zu Fuß zur Arbeit gehen, die anderen sind alle eine Ewigkeit mit der U-Bahn unterwegs. Ich hab mir bis jetzt allerdings lieber was Eigenes gesucht, doch wem erzähl ich das.

Willst du jetzt hören, dass ich Dich vermisse? Ich sag mal so: Wenn’s so wäre, würde ich’s nicht sagen, Du weißt, warum. Weil ich nach wie vor überzeugt bin, dass wir das Richtige tun.

Revidieren möchte ich mich eigentlich nur in einem Punkt: Dass wir uns ein Jahr lang nur schreiben, nicht sehen wollen. Das passt irgendwie nicht mehr ins 21. Jahrhundert, finde ich. Hin und wieder könnten wir schon mal skypen, denke ich. Damit ich sehe, dass Du nicht verlotterst. Oder verfettest. Du kannst doch nicht erwarten, dass ich in der Woche vor unserem Wiedersehen George und Brad von der Bettkante schubse, weil ich niemand anderen als meinen Bruno zurückwill, und dann auf Robbie Coltrane treffe.

Was meinst Du?

Und wie geht’s Dir sonst so? Alle wohlauf?

Von:[email protected]

Betreff:Re.: Hi!

Datum:7. Mai 2011 14:02:17 EDT

An: bigapple

Jens und Nike sind wohlauf. Haben sich schon zwei oder drei Mal bei mir gemeldet, seit Du weg bist. Geht mir, ehrlich gesagt, ein wenig auf die Nüsse, haben wohl Angst, dass ich jetzt vereinsame oder mich umbringe oder einer Teufelssekte beitrete. Michaela habe ich unlängst in der Stadt mit ’nem neuen Typen gesehen, so ein Matthew McConaughey-Lookalike, steht bestimmt auf Windsurfen und Zahnseide, könnte also passen. Freddy scheint völlig untergetaucht zu sein. Die anderen haben sich rar gemacht. Aber ich muss die auch nicht sehen, um zu wissen, dass beispielsweise Angie und Herbie immer noch zusammen sind, obwohl jeder über den anderen herzieht, sobald einer dem anderen den Rücken zudreht. Mama besuche ich nach wie vor jeden Sonntag im Heim, die letzten beiden Male hat sie mich gar nicht mehr erkannt.

Im Büro haben gegenüber jetzt die Bauarbeiten begonnen. Ein Höllenlärm. Wenn ich dran denke, dass das jetzt zwei Jahre so gehen soll ...

Eigentlich auch egal, denn im Geschäft läuft nach wie vor nicht viel. Meistens komme ich spät und gehe früh. Telefon habe ich natürlich aufs Handy umgestellt, sodass es nicht auffällt. Hänge dann schon nachmittags in Cafés und Bistros herum, wo die Leute kaum noch miteinander, sondern mit ihren Handys reden. Der Klingeltonterror wird immer bescheuerter: Märsche, Polizeisirenen, Rülpser – warum nur gibt’s dieses Programm, das wirklich jeden Laut, den Menschen produzieren, in Klingeltöne verwandeln kann?

Immerhin: Wir haben endlich die Schusterstraße verkauft.

Was das Skypen angeht: Ich finde, wir sollten konsequent bleiben. Und uns erst in einem Jahr wiedersehen. Denn dann werden wir sozusagen auf den ersten Blick wissen, ob wir noch zueinander passen. Wenn ich mich bis dahin in einen Sumo-Ringer verwandelt habe – mein Pech. Und deins.

Entweder funkt noch mal was, wenn wir uns wiedersehen, oder nicht. Ist doch auch in Ordnung so, so müssen wir anschließend nichts mehr „aufarbeiten“. Mein Gott, wie ich allein schon dieses Wort hasse.

Von:sundowner

Betreff:Gute Nacht!

Datum:7. Mai 2011 23:57:08 MESZ

An: meretseger

Lieb(st)e meretseger,

ich hoffe, ich werde nicht wieder zu persönlich, wenn ich Ihnen eine Gute Nacht wünsche.

Und gestatten Sie mir, Ihnen darüber hinaus mitzuteilen, dass auch ich ein wenig enttäuscht bin. Denn wenn ich irgendwas gesagt – ich meine natürlich: geschrieben – habe, was Sie verärgert hat, sollten Sie mich wenigstens darauf hinweisen. Damit ich eine Chance habe, mich zu bessern. Oder haben Sie bereits mit mir abgeschlossen? Deutet Ihr „Sie scheinen es nicht begriffen zu haben. Schade eigentlich ...“ etwa darauf hin?

Das kann doch nicht sein! Nicht nach dem, was wir miteinander erlebt haben!

Geben Sie mir daher doch bitte die Gelegenheit, Sie zu verstehen. Auch ich kann noch dazulernen. Ich habe mich auf das Spiel – o Gott, hoffentlich machen Sie mich jetzt nicht nieder, weil ich es „Spiel“ nenne – ganz zu Ihren Bedingungen eingelassen, und gestern Abend hatte ich den Eindruck, dass ich es durchaus zu Ihrer Zufriedenheit spielen kann.

Was für ein Wort in diesem Zusammenhang! „Zufriedenheit“! Zufriedenheit? Es war doch nicht zu unserer Zufriedenheit – es war ein Traum, der Himmel auf Erden, ein Ausflug ins Paradies!

Oder irre ich mich? Kanzeln Sie mich jetzt als Großmaul ab, weil ich „es“ dermaßen überschätze, weil ich Ihren Ansprüchen längst nicht so genügte wie Sie meinen?

„Ansprüche“! Was für ein Wort!

War es für Sie etwa nicht überwältigend, etwas Einzigartiges, etwas, was zwischen zwei Menschen nicht beliebig wiederholbar ist?

Dann verzeihen Sie, verzeihen Sie, verzeihen Sie meine Fehleinschätzungen, meine Unterwürfigkeit, meine Angst, „meine Felle“ könnten davonschwimmen, verzeihen Sie noch diese letzten drei Male, es geht mir wirklich nur darum, Sie zu ein paar Worten der Aufklärung zu bewegen.

Von:bigapple

Betreff:Re-2: Hi!

Datum:8. Mai 2011 15:05:37 MESZ

An:[email protected]

Auch wenn Dir Jens und Nike auf die Nüsse gehen und ich jetzt wahrscheinlich auch tue: Du solltest tatsächlich aufpassen, dass Du nicht vereinsiedelst. Dass die anderen Paare, die mit uns befreundet sind, sich bei Dir jetzt nicht mehr so melden, ist doch ganz normal: Sie wissen mit Dir als Einzelperson nichts anzufangen. Du solltest vielleicht mal wieder die Kontakte zu Deinen Singlefreunden aufleben lassen, damit Du unter die Leute kommst. Oder flirten.

Wir haben doch lang und breit darüber gesprochen, oder? Es ist in Ordnung. Wir haben vereinbart, dass wir jetzt für ein Jahr getrennte Wege gehen. Mit allen Konsequenzen. Also leg los. Glaub mir, ich tu’s auch. Oder werde es tun, sobald ich die Zeit dazu habe.

Du hast es doch gut, Du hast einen Job, in dem Du fast jeden Tag Frauen kennenlernst, die gerade wieder Single werden.

Die Schusterstraße ist endlich verkauft, nach fast zwei Jahren? Das ist doch großartig. Wem hast Du die denn angedreht? Gratuliere jedenfalls.

Dass Du geschrieben hast, „wir haben die Schusterstraße verkauft“, ist hoffentlich unbewusst geschehen, und war kein Signal, das Du bewusst setzen wolltest.

Von:[email protected]

Betreff:Re-2: Hi!

Datum:8. Mai 2011 10:35:42 EDT

An: bigapple

Darf ich denn eigentlich auch so etwas wie ein Berufsethos haben? Weißt Du, wie schäbig ich mir vorkommen würde, würde ich eine meiner Kundinnen anbaggern? Übrigens: Ich hatte zuerst „unserer“ geschrieben, dann aber durch „meiner“ ersetzt, weil ich weder bewusst noch unbewusst Signale setzen will.

Was tue ich denn mein Leben lang, beziehungsweise: haben wir beide jahrelang getan? Wir haben Menschen geholfen, eine gemeinsame Wohnung zu finden, in der sie zusammenleben wollten, nachdem sie zueinander gefunden hatten, oder geholfen, neue vier Wände für sich allein zu finden, nachdem sie sich wieder getrennt hatten. Oder wir haben ihnen geholfen, ihre Behausungen loszuwerden.

Ein Scheißspiel ist das, wenn Du mich fragst. Bei manchen wiederholte es sich gleich mehrmals. Und bei einigen, denen wir in eine gemeinsame Wohnung halfen, hatte ich schon bei der ersten Begegnung den Eindruck, ich sehe einen Film, dessen Ende ich schon kenne. Mit den Jahren hatte ich dieses Gefühl immer öfter.

Du willst wissen, wer die Schusterstraße gekauft hat? Ein viel zu fetter Mann und mit einer viel zu hübschen Frau. Beide mit viel zu wenig Geschmack. Sie hat sich für den begehbaren Kleiderschrank begeistert, er für die Nähe zum Park, weil er sich endlich angewöhnen will, regelmäßig zu joggen. Mit den beiden wird es zu Ende sein, noch bevor er die Bude auch nur zur Hälfte abbezahlt hat.

Angenommen, ich griffe in dieses Scheißspiel aktiv ein, indem ich was mit ihr anfinge. Wäre das nicht so, als störte ich einen zwar idiotischen, aber dennoch festgefügten Ablauf, eine Art Ordnung, vielleicht ja sogar eine gottgewollte?

Unsere Aufgabe in dem Scheißspiel ist es, es am Laufen zu halten, sonst nichts. Das ewige Wechselspiel zwischen Zusammenziehen und Sich-wieder-Trennen im Fluss zu halten und den handelnden Personen die jeweils passenden Unterkünfte zu besorgen. Dabei haben wir neben dem Spielfeld zu stehen und freundlich zu lächeln.

Davon abgesehen: Ist es nicht auch einer Deiner Grundsätze, nie was am Arbeitsplatz anzufangen?

Aber mach Dir keine Sorgen: Ich kann mich auch auf anderen Spielfeldern bewegen. Ich vereinsiedele schon nicht. Ganz bestimmt nicht.

Ganz bestimmt nicht!

Von:bigapple

Betreff:Re-3: Hi!

Datum:8. Mai 2011 16:49:51 MESZ

An:[email protected]

Nun ja – angesichts des Unsinns, den Du da zusammenschwadronierst, muss ich wohl davon ausgehen, dass Du einen im Tee hast. Bei Euch ist es gerade wie spät? Später Nachmittag? Früher Abend? Ganz schön früh jedenfalls, um schon angeschickert zu sein. Und das deutet doch eher darauf hin, dass Du doch bereits am Vereinsiedeln bist. Von wegen, schon am Nachmittag in Cafés und Bistros rumhängen.

Ich kenne ja auch die Phasen, die Du mit steigender Promillezahl durchläufst. Eine Zeit lang bist Du richtig witzig, dann wirst Du zynisch. Jetzt hast Du die Grenze zum Zynismus schon überschritten, und das um diese Uhrzeit. Besorgniserregend.

Andererseits: Dieses „Ganz bestimmt nicht“, und dann auch mit Wiederholung und mit Ausrufezeichen, das klingt, als wolltest Du was andeuten. Oder? Jetzt hast Du mich neugierig gemacht. Hast Du was am Laufen?

Von:[email protected]

Betreff:Re-4: Hi!

Datum:8. Mai 2011 11:35:42 EDT

An: bigapple

Das willst Du gar nicht wissen.

Von:bigapple

Betreff:Re-4: Hi!

Datum:8. Mai 2011 17:38:17 MESZ

An: [email protected]

Aha. Es gibt also was, was ich nicht wissen will? Und ob ich das wissen will!

Also raus mit der Sprache, bevor Du wieder nüchtern bist.

Von:bigapple

Betreff:Re-4: Hi!

Datum:8. Mai 2011 21:38:17 MESZ

An: [email protected]

Komm schon, stoffel nicht so rum - hast Du was am Laufen? Genierst Du Dich, es mir zu berichten? Erinner’ Dich an unsere Abmachung: Wir wollten dieses Jahr auch als Chance für uns als Paar begreifen. Ausprobieren, wie es ohne den anderen ist – wie ich schon sagte: mit allen Konsequenzen. Also ganz bewusst auch Erfahrungen mit anderen sammeln. Weil wir nur so herausfinden können, ob wir füreinander bestimmt sind: Wenn wir danach immer noch keinen anderen wollen. Schon vergessen? Also raus damit. Oder genießt Du’s nur, mich immer neugieriger zu machen?

Von:bigapple

Betreff:Re-4: Hi!

Datum:9. Mai 2011 00:38:15 MESZ

An: [email protected]

Arschloch.

Von:sundowner

Betreff:Lovefinder

Datum:9. Mai 2011 3:42:18 MESZ

An: meretseger

Wie ich sehe, haben Sie Ihr Profil bei Lovefinder gelöscht. Was darf ich dem entnehmen? Dass ich ein Experiment war, das Sie auf keinen Fall wiederholen möchten, weder mit mir noch mit jemand anderem?

Ich kann es einfach nicht glauben. Was zwischen uns geschehen ist, kann Sie doch nicht kalt gelassen haben! Ich mag ja keine Ahnung von Frauen haben, von Ihnen schon gar nicht, und sie mögen auch nicht wollen, dass ich jemals eine Ahnung von Ihnen haben werde, aber so viel Verlangen, Leidenschaft, ja sogar Zärtlichkeit, wie zwischen uns war, das kann man doch nicht am nächsten Tag einfach abhaken, mit einem „Sie verstehen es nicht, schade eigentlich“?!?

Sind Sie hinterher vielleicht dann doch von Gewissensbissen übermannt worden, die was weiß ich woher rühren? Oder ist Ihnen Ihr Ehemann auf die Schliche gekommen?

Getötet haben kann er Sie ja nicht. Er hätte wohl kaum anschließend Ihr Profil gelöscht.

Von:meretseger

Betreff:Re.: Lovefinder

Datum:9. Mai 2011 08:07:19 MESZ

An: sundowner

O Gott, das wird ja immer abgeschmackter! Da es die Grenzen Ihrer doch recht einfach gestrickten Phantasie zu sprengen scheint – kurz zu Ihrer Information: Man kann bei Lovefinder ein Profil innerhalb weniger Sekunden löschen und genauso schnell wieder ein neues anlegen. Unter einem neuen Nick, um – um in Ihrem Jargon zu bleiben – das Spiel mit neuen Spielern zu beginnen.

Von:bigapple

Betreff:Achtung, Geständnis

Datum:9. Mai 2011 08:22:31 MESZ

An: sundowner

Sie mögen auch das für abgeschmackt halten, aber: danke. Ganz im Ernst. Alles war, alles ist besser als gar keine Reaktion. Sogar diese Reaktion. Sie möchten also das Spiel – Ihr Spiel – mit neuen Spielern – wohlgemerkt: Spielern – fortführen? Okay, dann soll es eben so sein.

Ein schönes Leben noch.

Von:sundowner

Betreff:Re-2: Lovefinder

Datum:9. Mai 2011 21:17:54 MESZ

An: meretseger

Gestatten Sie mir nur noch eine letzte Frage: Wird mit mir nicht mehr weitergespielt, weil ich das Spiel irgendwie verloren oder den Ansprüchen nicht genügt oder einen Regelverstoß begangen oder sonst irgendwas falsch gemacht habe? Oder spielen Sie aus Prinzip das Spiel mit jedem Spieler nur einmal und wechseln ihn dann aus?

Von:sundowner

Betreff:Re-2: Lovefinder

Datum:10. Mai 2011 01:05:49 MESZ

An: meretseger

Aha. Nicht einmal mehr diese Antwort bin ich Ihnen wert. Trotzdem danke. Diesmal für nichts.

Von:sundowner

Betreff:Re-2: Lovefinder

Datum:10. Mai 2011 03:17:22 MESZ

An: meretseger

Oder lassen Sie mich lieber sagen: Danke für diese überwältigende, groß- und einzigartige Erinnerung, die mir bleibt. Und entschuldigen Sie, wenn mein Pathos Ihnen abgeschmackt erscheint.

Von:bigapple

Betreff:Achtung, Geständnis!

Datum:14. Mai 2011 12:01:43 MESZ

An: [email protected]

Übrigens: Ich habe bereits mit einem anderen Mann geschlafen. So, jetzt weißt Du’s. Damit Du siehst, dass ich keine Hemmungen habe, es Dir zu erzählen. Also brauchst Du auch keine zu haben. Lass uns die Freiheit auskosten, in die wir uns entlassen haben. Weil wir beide es so wollten. Und uns davon erzählen, wie wir diese auskosten. Wie gute Freunde.

Von:[email protected]

Betreff:Re.: Achtung, Geständnis!

Datum:14. Mai 2011 06:07:43 EDT

An: bigapple

Wie war’s?

Von:bigapple

Betreff:Re-2: Achtung, Geständnis!

Datum:14. Mai 2011 12:11:25 MESZ

An: [email protected]

Mein Gott, Bruno, ist das Dein Ernst? Ich meine: Zu fragen, „wie war’s“, ist immer noch besser als: „War er besser als ich?“. Aber es geht doch in die gleiche Richtung, findest Du nicht?

Aber glaub mir: Auf dieses Niveau werde ich mich nicht herablassen. Ich habe zwar geschrieben, „wie gute Freunde“, damit meinte ich aber nicht, „wie Saufkumpel“.

Von:[email protected]

Betreff:Re-2: Achtung, Geständnis!

Datum:14. Mai 2011 06:31:51 EDT

An: bigapple

Ich muss Dich fragen, wie es war, um herauszufinden, ob Du die Wahrheit sagst. Bei Euch ist es gerade wie viel Uhr? Kurz nach sechs. Das heißt: Du bist aufgestanden und hast Dich direkt an Deinen Laptop gesetzt. Das heißt: Du warst heiß drauf, mir etwas mitzuteilen, etwas, was Du Dir in der Nacht, also vermutlich lange und gut überlegt hast. Warum aber musstest Du Dir das gut überlegen? Möglichkeit eins: Du hattest noch Gewissensbisse, ob Du es mir sagen sollst, und hast mit Dir gerungen. Möglichkeit zwei: Du hast darüber nachgedacht, wie Du mich dazu zu bringen kannst, Dir von meinen amourösen Abenteuern zu berichten. Und bist darauf gekommen, es halt mal mit einem „Geständnis“ zu versuchen, damit ich mich provoziert fühle und meinerseits loslege.

In diesem Fall wäre Dein Geständnis erfunden. Um es zu überprüfen, brauche ich Einzelheiten. Du weißt ja: Es sind immer die Einzelheiten, anhand derer man die Wahrheit von der Lüge unterscheiden kann.

Von:bigapple

Betreff:Re-3: Achtung, Geständnis!

Datum:14. Mai 2011 14:15:25 MESZ

An: [email protected]

Wie Du meinst. Also, wo soll ich anfangen, wo aufhören, wie detailliert darf ich werden, ohne dass es vulgär wird, ich aber dennoch glaubwürdig klinge?

Fangen wir mal damit an: Er heißt Mark. Brauchst Du noch einen Nachnamen, weil Du ihn vielleicht googeln willst? Okay: Maycomber. Mark Maycomber. Du musst zugeben, das klingt authentischer als Miller oder Smith. Gott sei Dank heißt er nicht so, denn dann hättest Du mir vorgeworfen, ich hätte den Namen erfunden, weil er ja so banal ist. Tatsächlich heißen hier sehr viele Menschen Miller oder Smith, sodass eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass auch Mark so hätte heißen können, schon gegeben war. Was Dich freilich nicht gekümmert hätte. Glück gehabt.

Mark hat offenbar schon mehrere Immobiliengeschäfte mit der Bank abgewickelt. Jetzt will er seine eigene Wohnung verkaufen. Sie haben mich hingeschickt, um diese zu bewerten. Allein. Jetzt wirst Du sagen, das kann doch noch gar nicht sein, Du bist doch erst drei Wochen dort. In der Tat: Ich glaube, dass es ein Test war. Dass für die Wohnung bereits eine Bewertung vorlag und sie mich einfach noch mal hinschickten, um meine Ergebnisse mit ihren zu vergleichen, um zu sehen, wie das Frollein aus Germany die Sache angeht.

Mark wohnt in der Nähe der Wall Street – die sieht in echt allerdings eher unspektakulär aus. Und zwar in der – Achtung, jetzt kommt wieder was, was Du für unglaubwürdig, weil aufgesetzt witzig halten wirst – Maiden Lane. Die Straße heißt aber nun einmal so. Er hat eine Apartment-Wohnung im 37. Stock, eigentlich nichts Besonderes, bis auf die Außenwand im Wohnzimmer, die voll verglast ist. Wenn man direkt davor steht, wird einem schon ein wenig mulmig, aber der Blick auf die Skyline ist großartig.

Wir haben uns erst am späten Nachmittag getroffen, lange unterhalten, natürlich zunächst mal rein beruflich, aber irgendwann war es Abend, und er fragte mich, ob ich nach diesem Termin Feierabend habe. Ich sagte ja, und er lud mich ein, mit ihm zu Abend zu essen, in einem Lokal in der Straße, er sei heute noch gar nicht zum Essen gekommen.

Warum hätte ich nein sagen sollen? Ich war, seit ich New York bin, noch nicht einmal aus, und die Vorstellung, wieder nach Hause zu fahren und die Wände meiner mickrigen Bude anzustarren, ödete mich an. Also ging ich mit. Der Laden hieß übrigens Brady’s, falls Du dies überprüfen willst.

Beim Essen redeten wir dann natürlich auch über private Dinge. Er gefiel mir: höflich, gepflegt, gut gekleidet, charmant und zurückhaltend, keiner, der laut loslacht, sondern immer nur versonnen lächelt – nein, ich schreibe jetzt nicht, irgendwie hat er mich an Dich erinnert.

Und vor allem hatte er diesen wunderschönen Mund. Groß, weich und mit sinnlich geschwungenen Lippen, mit kleinen, aber sehr gepflegten, gesund blitzenden Zähnen. Vor allem der Mund war es, der mich magisch anzog. Bald schon musste ich mich selbst zur Ordnung rufen: Hör auf, auf diesen Mund zu starren, das fällt auf. Ich versuchte, mich mehr auf seine Augen zu konzentrieren, doch dies wirkte ja noch fataler. Also schaute ich wieder auf seinen Mund. Er zog mich magisch an. Ich konnte einfach nicht wegsehen.

Er redete nicht viel, meistens ließ er mich reden, und nach einiger Zeit tat ich es wohl auch, um meine Unsicherheit zu überspielen. Und immer wieder dieser Mund. Er öffnete sich immer nur, um einen oder zwei Sätze zu sagen, passend, prägnant, danach er schloss er sich wieder zu einem sanften Lächeln. Dann und wann strich seine Zunge kurz über die Lippen – doch längst nicht so anzüglich, wie Du es Dir jetzt vorstellst.

Tja, und irgendwann waren wir wieder in seiner Wohnung. Er bot mir einen Wein an, und siehe da: Der Weingeschmack der Amis ist besser, als wir ihnen zutrauen. Wobei die New Yorker ja keine richtigen Amis sind, eigentlich sind sie mehr Europäer als Amerikaner, aber das muss ich jemandem, der jeden Woody-Allen-Film mindestens zwei Mal gesehen hat, ja wohl kaum erzählen.

Wir setzten uns nebeneinander auf seine tabakfarbene Ledercouch, leerten ein Fläschchen Chablis, begannen mit dem nächsten. Ich versuchte schon gar nicht mehr, die Augen von diesem Mund zu nehmen. Im Stillen begann ich zu phantasieren, stellte mir vor, wie dieser Mund sich mir nähert, ganz langsam, mit leicht geöffneten Lippen ... eine Handbreit vor meinen Lippen stoppt er, das letzte Stück des Weges lässt er mich gehen, ganz alte Schule. Ich zwinge mich zu so viel stilvoller Langsamkeit, wie ich kann, beuge mich ihm entgegen. Endlich schließt sich sein Mund um meinen. Viel, viel später küsst er sich sanft meinen Hals hinunter, saugt an meinen Nippeln ...

Irgendwann mussten mich meine Phantasien derart überwältigt haben, dass ich das Reden wohl einstellte. Er sprach seinerseits noch ein paar Sätze, um der drohenden Stille zu begegnen, stellte dann aber fest, dass ich ihm gar nicht mehr zuhörte. Er runzelte kurz mit der Stirn und begriff. Und dann kam dieser Mund, den ich den ganzen Abend fixiert hatte, tatsächlich näher.

Es war, als hätte ich ihn herbeigeträumt.

Und tatsächlich: Alles geschah genau so, wie ich es mir eben noch ausgemalt hatte.

Noch mehr Einzelheiten? Bist Du sicher, dass Du sie ertragen kannst?

Okay: Mark ist sehr schlank, zierlich fast, aber nicht so ein Hungerhaken wie Andy, falls Du das jetzt denkst. Es war das erste Mal, dass ich mit einem Mann zusammen war, der fast schmächtiger war als ich – bis jetzt hatte ich es immer mit massigeren Typen zu tun. Was schon eine sehr auf- und erregende Erfahrung war.

Anatomische Details erspare ich mir aber. Und Dir.

Dürfen es vielleicht andere Kleinigkeiten sein, weniger anstößige vielleicht? Er hat braunes, leicht gelocktes Haar, kurz geschnitten. Seine Brust ist unbehaart, was ich ebenfalls sehr erregend fand, bin dem übrigens das erste Mal seit bestimmt zwanzig Jahren – damals, fürchte ich, im Autokino – wieder begegnet. Glaube übrigens nicht, dass er von Natur unbehaart ist, er tut bestimmt was dafür, gehört zu seiner Körperpflege, kannst Du Dir eine Scheibe von abschneiden. Er hat kein Gramm Fett am Leib, aber keine aufgepumpten Muskeln, offenbar hält er sich nicht im Fitnessstudio, sondern mit Joggen fit. Er ist am ganzen Körper gut gebräunt, obwohl Sonnenstudio nicht zu ihm passt. Vielleicht finde ich ja noch heraus, wo er seine Ganzkörperbräune herhat. Vielleicht joggt er ja nackt.

Narben und Tätowierungen, von denen Du jetzt vielleicht gerne hören willst, hat er keine. Das heißt, am Oberarm, direkt neben der Schulter, hat er so ein Mal – da scheint ein Schnitt nicht richtig verheilt zu sein.

Noch was? Wir sind die ganze Zeit auf der tabakfarbenen Couch geblieben. In seinem Wohnzimmer. Also unmittelbar vor der gläsernen Wand. Vor der abendlich erleuchteten Skyline. Ich kam mir vor wie der Star einer Peepshow.

Und soll ich Dir noch was verraten? Ich fand das einfach geil. Das heißt, zuerst schoss es dem German Frollein vom Lande natürlich schon durch den Kopf: Was ist, wenn all die Leute da draußen jetzt zuschauen? Wenn hinter jedem Lichtlein auf diesen schwarzen Quadern, die sich da vom Nachthimmel abheben, jetzt jemand steht und euch zusieht? Als sich Marks schöner Mund dann aber zwischen meinen Beinen wohlzufühlen begann, war’s mir endgültig egal. Und als ich ihn auf die Couch zurückgezogen, seinen Rücken in die Polster gedrückt hatte und auf ihm ritt, machte die Vorstellung mich nur noch scharf: Sollten sie sich ihre Nasen doch an den Fensterscheiben platt drücken, ihre Operngläser hervorkramen und ihre Teleskope neu fokussieren, ich biete ihnen die Show ihres Lebens. Das Frollein aus Germany zeigt’s euch, New York, ich komme ...

I’m coming now, I’m coming now to reward them, first we take Manhattan, than we take Berlin ...

Um ein Haar hätte ich meinen Mark glatt zu Schanden geritten. Als ich merkte, dass ich ihm zu stark zusetzte, litt er schon heftig unter Atemnot und hatte bereits die Farbe gewechselt. Also stieg ich ab, obwohl ich nur noch ein Schmetterlingsflügelschlag weit davon entfernt war zu kommen, und ließ ihn verschnaufen. Ich lag auf dem Fußboden des Wohnzimmers, so nackt wie die Keramikfliesen um mich herum, und schaute ihm beim Luftschnappen zu. Doch ich hatte noch nicht genug. Sein Mund machte mich immer noch wahnsinnig. Ich wartete sehnsüchtig, bis Mark wieder einigermaßen hergestellt war, und kletterte dann noch mal auf ihn. Diesmal setzte ich mich direkt auf sein Gesicht. Dieser Mund, dieser Mund ...

Das aber machte er erst recht nicht lange mit. Ich gab auf. Rollte mich wieder auf den Fußboden und betrachtete mir wieder die Skyline, während ich versuchte, mich zu beruhigen.

Hi folks, did you like the show?

Mark erriet meine Gedanken. Von der anderen Seite könne man nicht durchs Glas sehen, erklärte er mir, als er wieder sprechen konnte.

Und? War das detailliert und glaubwürdig genug?

Von:[email protected]

Betreff:Re-3: Achtung, Geständnis!

Datum:12. Mai 2011 08:45:16 EDT

An: bigapple

Du hast Dich gleich am ersten Abend flachlegen lassen? Tz, tz, tz ...

Von:bigapple

Betreff:Re-3: Achtung, Geständnis!

Datum:10. Mai 2012 14:48:25 MESZ

An: [email protected]

Muss ich darauf antworten? Okay, aber nur, um zu verhindern, dass jetzt noch mehr blöde Kommentare in der Art kommen ...

Irgendwo hast Du natürlich recht: „Niemals am ersten Abend“ - das war und ist ein Grundprinzip, zu dem ich immer gestanden habe und noch stehe. Insofern war das untypisch für mich, zugegeben. Warum ich es dennoch getan habe?

Das heißt: Eigentlich müsste es ja heißen, „getan haben könnte“, denn so ganz hinterfragt man seine Handlungen in so einer Situation ja nicht, man entscheidet eher aus dem Bauch heraus, wie Du vielleicht nachvollziehen kannst. Also ist man gezwungen, hinterher zu analysieren, was einen dazu getrieben haben könnte, es so spontan zu treiben. Ich weiß: Grässliches Wortspiel, ’tschuldigung.

„Notgeil“ war ich jedenfalls ganz bestimmt nicht. Es kann aber schon sein, dass ich mich hinreißen ließ, weil ich es einfach endlich tun wollte: den ersten Schritt in die Freiheit gehen. Nicht noch länger drüber reden oder auch nur nachdenken.

Du verstehst? Jedenfalls bist jetzt Du dran. Ich werde mich jetzt ein wenig hinaus in die Stadt stürzen, irgendwann muss mich ihr Charme doch einfangen. Maybe I’m taking a Greyhound, on the Hudson River Line, I’m in a New York state of mind ...

Und wenn ich heute Abend heimkomme, will ich Dein „Geständnis“ in der Mailbox finden. Mittlerweile hoffe ich sogar inständig für Dich, dass auch Du eines abzulegen hast, bis jetzt hast Du’s ja nur so nebulös angedeutet ...

zwei

Von:[email protected]

Betreff:Re-4: Achtung, Geständnis!

Datum:15. Mai 2011 20:04:16 EDT

An: bigapple

Sorry, dass ich Dich einen ganzen Tag lang warten ließ. Ich musste mir erst noch einmal in Ruhe überlegen, ob ich Dir das wirklich antun soll. Aber Du willst es ja anscheinend nicht anders. Dann wollen wir mal.

Ja.

Ja, ich hab’s getan.

Nicht nur das, was Du denkst, beziehungsweise unbedingt wissen willst, sondern auch etwas, von dem Du wohl niemals gedacht hast, dass ich es jemals tun würde. Schließlich habe ich mich immer lustig gemacht über die, die so etwas tun.

Ich habe versucht, Frauen im Internet kennenzulernen. In einem dieser Flirtforen. Lovefinder. Blöder Name, ich weiß, aber glaub mir, es gibt welche, die heißen noch viel dämlicher. Ich hab mir ein Profil dort angelegt und rumgeflirtet, als wäre ich der Mailer-Daemon persönlich.

Und jetzt kann ich mir Dein Grinsen vorstellen. Aber wie.

Ich könnte nun sagen, ich wollte mir nur selbst einmal bewiesen, wie unsinnig das ist, dieses Matchen und Chatten in der Anonymität, in der ewigen Gesichtslosigkeit – denn was sind die merkwürdigen Fotos, die man da angeblich von sich einstellt, schon wert. Entweder zeigt sich frau in ihrer Maienblüte, die lange vorbei ist, oder so vorteilhaft ausgeleuchtet, wie frau sich in der Realität niemals präsentieren könnte, oder sie hat sich in Photoshop aufpoliert oder lediglich ein Bild von der Person eingestellt, die sie gerne wäre.

Aber ich will ehrlich sein: Auch wenn ich übers Internetflirten bislang immer nur abgelästert habe – natürlich hoffte auch ich kleine, dumme, naive, verlorene und vor allem geile Seele auf ein erotisches Abenteuer, auf die eine attraktive Frau, die den Weg über die Anonymität im Internet geht, obwohl sie nur einmal über die Straße gehen müsste, um ein Heer von Verehrern um sich zu scharen. Ich hoffte auf den Sechser im Lotto.

Warum hätte ich mich auch nicht darauf einlassen sollen? Mit Worten und behaupteten Identitäten zu spielen, ist für mich doch kein Problem. Vor allem ist es zunächst einmal total ungefährlich, schließlich kann man selbst bestimmen, wie lange man im Schatten bleibt, sich in der Anonymität versteckt, ehe man sich zu einem Date verabredet. Wozu es im Übrigen seltener kommt, als viele glauben, die noch nie im Internet geflirtet haben.

Außerdem, und jetzt wirst Du wieder grinsen, ist es auch für mich nicht mehr so ganz einfach, draußen in der freien Wildbahn jemanden kennenzulernen. Jünger werde ich schließlich nicht, und nach fünf Jahren mit Dir bin ich ein wenig aus der Übung, was Flirten in Kneipen und Cafés angeht. Und einfach eine der frisch getrennten Seelen anzubaggern, die bei uns ihren nächsten Single-Zwischenstopp sucht, verbiete ich mir, aber das habe ich Dir ja schon erklärt – und das übrigens nicht im Suff.

Zunächst sah ich meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Viele, die sich im Netz rumtreiben, hat das Leben zwischen Mikrowelle und PC so wunderlich gemacht, dass ihnen die Internetflirterei längst genug ist, dass sie sich mit dem Gedankenaustausch, manchmal auch ein wenig Dirty Talk sowie dem Spiel mit den Möglichkeiten bereits zufriedengeben und gar nicht mehr daran denken, mit ihrem „Flirt“ physisch in Kontakt zu treten. Andere suchen so verzweifelt nach der großen Beziehungsendlösung, dass sie etwaige Interessenten schon von vorneherein abschrecken. Wenn man sich tatsächlich mit ihnen verabredet, muss man fürchten, beim Abschiedskuss an der Haustür chloroformiert, ins Haus gezerrt und im Keller angekettet zu werden.

Wieder andere – wahrscheinlich die wenigen wirklich attraktiven Jungs und Mädels, die im Netz unterwegs sind, oder auch nur die, die sich dafür halten – sind so arrogant, dass sie zwischen ihren Kandidaten wählen wollen wie zwischen fettarmen Joghurts im Supermarkt. Denen muss man erst mal aussagekräftige Fotos von sich schicken, ihnen versichern, dass diese auch aktuell sind und dass vor allem die Angaben zum eigenen Körpergewicht der Wahrheit entsprechen, sie wollen aber auch charmant und kultiviert unterhalten werden, das heißt, Du musst ihnen geistreiche, humorvolle und dennoch tiefgründige Mails schreiben, während sie nur uninspirierte Oneliner zustande bringen. Denn angeblich sind sie ja nicht nur auf Äußerlichkeiten fixiert, diese Top-Frauen. Vor allem aber muss man ständig und regelmäßig in ihrer Mailbox präsent sein, damit sie sehen, dass du es auch ernst meinst, und du darfst niemals den Eindruck erwecken, dass du zeitgleich auch andere im Forum beflirtest, das geht natürlich gar nicht. Und irgendwann brechen sie den Kontakt dann einfach so ab, antworten einfach nicht mehr auf das Gesülze, das du in ihre Mailbox geseiert hast.

Nachdem ich diese Erfahrungen gesammelt hatte, überlegte ich eigentlich schon, mich von dieser freudlosen Flirterei wieder zu verabschieden. Doch dann wurde ich doch einmal positiv überrascht, als ich mich abends einloggte: Jemand hatte mich angeschrieben. Das kommt eher selten vor, dass die Damen den ersten Schritt machen, mir war es bis dahin noch gar nicht passiert. Denn so hip diese Internetflirterinnen auch sein wollen, in dieser Beziehung funktionieren sie erzkonservativ: Er hat die Initiative zu ergreifen.

Sie sprach mich auf eine Antwort an, die ich in meinem Profil gegeben hatte. Zu Deinem Verständnis: Im Profil befindet sich ein Fragenkatalog, an dessen mehr oder weniger geistreichen Antworten andere erkennen sollen, ob du interessant für sie bist. „Worüber lachen Sie am liebsten?“, heißt es da unter anderem.

Ich hatte mir vorher natürlich angesehen, was andere da geschrieben hatten. Die meisten zählten irgendwelche Komiker auf, Filme oder Bücher, manche schrieben einen kurzen Witz hin („Kommt ein Mann zum Arzt ...), und etliche versuchten es mit: „Ich lache am liebsten über mich selbst.“

„Wer so etwas schreibt, ist ein gnadenloser Schleimer“, schrieb ich in meiner Antwort, „ich lache am liebsten über andere.“

„Wenigstens sind Sie ehrlich“, stand in der ersten Mail, die ich von „Meretseger“ bekam – ich selbst hatte mir übrigens den Nick „Sundowner“ verpasst. Sie schrieb selten mehr als ein oder zwei Sätze, die aber waren immer sehr präzise auf den Punkt formuliert. Ich antwortete: „Ehrlich währt eben am längsten.“ Sie schrieb zurück: „Muss für Sie denn immer alles lange währen?“ Das klang, also ob da jemand auf ein schnelles Abenteuer aus war, was mir nur recht sein konnte. Ich antwortete: „Wenn’s schön ist, schon – doch wie lange ist lange?“ Sie schrieb: „Auf jeden Fall nicht ewig.“ Damit zählte sie schon mal nicht zur verzweifeltsten Lovefinder-Fraktion – zu denen, die noch an die ewige Liebe glauben. Die Sache versprach, interessant zu werden.

So ging es eine Weile weiter. Wir tauschten mehr oder weniger hintergründige Einzeiler aus. Sie verlangte nie ein Bild von mir, hatte allerdings auch keines von sich in ihr Profil gestellt. Das lässt eigentlich nichts Gutes erwarten, regt aber enorm die Phantasie an, das kann ich Dir sagen. Stets vermittelte sie den Eindruck einer Frau, die weiß, was sie will, und die sich nimmt, was sie will. Das inspirierte mein Kopfkino erst recht – was ihr wiederum in jeder Sekunde bewusst zu sein schien.

Bald wechselten wir aus dem Forum ins normale E-Mail-Programm, behielten aber unsere Nicks bei. Sie fragte mich nie nach meinem richtigen Vornamen, also tat ich es auch nicht – das ist ebenfalls sehr ungewöhnlich bei solchen Internetflirts, wenn sie sich weiterentwickeln sollen. Nach einiger Zeit fragte ich endlich nach, wie es wohl mal mit einem Treffen aussähe, und sie antwortete: „Fürchten Sie denn nicht, damit Ihre Vorstellung von mir zu zerstören?“

Das deutete auf eine abstoßend hässliche Schabracke hin, die sich zwar gut auszudrücken verstand, sich aber in der Gesichtslosigkeit des Internets bewegte, weil in der Realität jeder sofort das Weite suchte, der mit ihr zu tun bekam. Ich konnte und wollte dies aber nicht glauben, dazu hatte sie meine Phantasie einfach schon zu stark angeheizt. Ich schrieb zurück: „Ich gedenke eigentlich, mit einer Begegnung meine Vorstellung von Ihnen zu vervollkommnen.“ Wir waren, auch das ist im Netz total unüblich, immer noch per Sie.

Ihre Antwort: „Eine vollkommene Vorstellung von jemandem zu haben – ist das denn so erstrebenswert? Und: Ergibt diese Formulierung überhaupt Sinn? Bedeutet denn, eine Vorstellung zu haben, nicht etwas Ungefähres, etwas nicht oder nicht hundertprozentig Erfassbares? Und wenn diese Vorstellung schön ist, warum soll man dann riskieren, sie durch das, was Sie Vervollkommnung nennen, zu zerstören?“ Das war bis dato einer der längsten Posts, die ich von ihr bekommen hatte. Ich hatte keine Ahnung, was ich darauf zurückphilosophieren sollte, also fragte ich so direkt, wie ich konnte, ohne unverschämt zu werden:

„Haben Sie denn so wenig Vertrauen in Ihre physische Präsenz?“

Zurück kam: „Das finde ich interessant: Sie schreiben von physischer Präsenz, nicht von optischer Erscheinung. Dabei wollen Sie doch eigentlich nur wissen, ob ich für Sie attraktiv genug bin. Sie verstehen es wirklich, sich auszudrücken. Soeben haben Sie ganz entscheidend gepunktet.“ Für ihre Verhältnisse ein weiterer halber Roman.

Ich schrieb: „Nun ja, nach meinem Verständnis schließt die physische Präsenz das rein optische Erscheinungsbild mit ein – das, was man mit hübsch oder hässlich bezeichnet. Die Optik ist jedoch nur ein Bestandteil dessen, was ich physische Präsenz nenne. Denn sie ist nicht alles. Zur physischen Präsenz kommt nämlich noch Ausstrahlung. Auch ein nach den objektiven Maßstäben für menschliche Schönheit nicht makelloser Mensch kann eine enorme Wirkung auf andere entfalten.“

Ich wollte damit eigentlich nur sagen: Auch wenn Du Dich nicht schön findest, tun’s andere vielleicht dennoch. Das soll es ja hin und wieder auch geben. Aber ehrlich gesagt, schwand sogar mir hoffnungslosem Träumer in diesen Sekunden jede Hoffnung, es hier mit einer wirklich begehrenswerten Frau zu tun zu haben. Wer so herumdruckste, der hatte etwas zu verbergen. Wahrscheinlich sich selbst.

„Und eben das glaube ich nicht“, antwortete sie. „Warum soll die optische Erscheinung, das oberflächlich Sichtbare also, ein wesentlicher Bestandteil der physischen Präsenz sein? Nimmt sie nicht viel mehr den Dingen ihr letztes Geheimnis? Haben Sie denn den Kleinen Prinzen nicht gelesen? Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Gestatten Sie mir, Sie zu überzeugen.“

Ich fragte, wie sie sich das denn nun vorstelle.

Daraufhin schlug sie ein Treffen vor. Allerdings in einem vollständig verdunkelten Raum.

Okay, ich hatte schon einmal von solchen Darkrooms gehört. Sie waren mir allerdings nur aus der Schwulenszene bekannt, mittlerweile mochte es sie auch in einigen ausgefallenen Swingerclubs geben. Soweit ich wusste, trafen sich in diesen Darkrooms zwei Menschen zum Sex, die anonym bleiben wollten, weil es ihnen so leichter fiel, ihre Phantasien auszuleben. Das verhieß also nichts Gutes.

Ich überlegte daher, den Kontakt an dieser Stelle einfach zu abzubrechen. Wie durchgeknallt war dieses Weib denn? Beziehungsweise wie arm dran?

Mit dem vermeintlich letzten Rest Neugier fragte ich: „Und dann?“

„Werden wir uns kennenlernen. Oder sagen wir lieber: Einander erfahren.“

„Was heißt das? Wir trinken im Dunkeln einen Kaffee und plaudern ein wenig?“

„Nein. Wir reden nicht, wir sehen uns nicht. Wir berühren uns nur.“

„Wir berühren uns nur? Wie denn?“

„Wie Sie wollen. Wir berühren uns mit den Fingern, den Lippen, der Zunge und was Ihnen sonst noch so einfällt.“

Mein Verstand sagte mir immer noch, dass mich unter diesen Vorzeichen doch eigentlich nur ein Alptraum erwarten konnte, doch meine Lust auf ein aufregendes Abenteuer wollte sich trotz aller offenkundigen Fallstricke einfach nicht besiegen lassen.

„Was ist, wenn ich irgendetwas ertaste oder fühle, was mir nicht behagt? Darf ich dann einfach gehen?“ Ich stellte mir vor, wie meine Hände über fettes, runzliges oder vielleicht sogar verbranntes oder faules Fleisch gleiten, mich Panik erfasst, Brechreiz übermannt, ich aus einem vollkommen nachtschwarzen Raum zu fliehen versuche, einen Türgriff ertaste, diesen drücke, die Tür aber abgeschlossen ist ...

„Selbstverständlich dürfen Sie gehen. Jederzeit.“

Darauf antwortete ich nicht mehr. Ich wusste nicht, was ich zurückschreiben sollte: Ja oder nein? Etwa eine Stunde später schickte sie noch eine Mail.

„Münsterstraße 8. 19. Stock. Vom Lift aus den Gang hinunter, letzte Tür rechts. Morgen, 21 Uhr.“

Das war’s dann, und ich wusste nur zu gut, dass von nun an auch nichts mehr kommen sollte – egal, wie oft ich noch nachfragte. Dazu konnte ich „Meretseger“ mittlerweile gut genug einschätzen, doch was hieß das schon: „gut genug“, das würde bei ihr niemals „wirklich gut“ bedeuten. Sie hatte gerade genug Worte gesetzt, um mich so anzufeuern, dass ich die Nacht nicht schlafen konnte, meine Phantasie so angefixt, dass sie meinem Verstand bis in den Morgen gnadenlos zusetzte. Entsprechend angeschlagen startete der dann in den nächsten Tag.

Wer anders als Quasimodos Schwester persönlich konnte mich in diesem total abgedunkelten Raum erwarten?

Oder würde vielleicht, wenn ich, vor Aufregung und Geilheit sabbernd, in der Schwärze stand, plötzlich das Licht angehen – und ich würde einer giggelnden Schar pickliger Psychologiestudentinnen gegenüberstehen, die sich, mit Videokamera und Diktiergeräten bewaffnet, vor Lachen ausschütteten und einander beglückwünschten, was für großartige Ergebnisse ihnen diese Art der Feldforschung für ihre Seminararbeit doch bescherte?

Aber diese wohldosierten, mysteriösen Worte wollten mir einfach keine Ruhe lassen: Einander erfahren, berühren mit was auch immer, den Dingen nicht ihr letztes Geheimnis lassen. Da sprach keine picklige Psychologiestudentin, sondern jemand, der wusste, was er tat.

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

Konnten das nicht doch die Worte einer wunderbar geheimnisvollen Schönen – wohlgemerkt: Schönen – sein, die auch sich selbst nur eine erotische Phantasie verwirklichen wollte? Doch dazu hätten sie doch wenigstens die Eckdaten meiner körperlichen Beschaffenheit interessieren müssen. Quasimodos Schwester würde es sicher nichts ausmachen, im Dunkeln Quasimodos Profil zu ertasten, doch eine Schönheit, die sich eine erotische Phantasie erfüllte, musste sich doch ein wenig mehr Gewissheit verschaffen, dass ich ihrer Phantasie wenigstens einigermaßen gerecht werden konnte.

Sicher, meine Größe und mein Gewicht hatte ich in meinem Lovefinder-Profil angegeben, somit verfügte sie zumindest über Basisangaben. Andererseits: So naiv, diese Angaben einfach zu glauben, konnte sie doch nicht sein. Diese Zahlen schönte sich ja wohl jeder Lovefinder-Kunde zu seinen Gunsten, die einen weniger, die anderen mehr.

Oder war sie vielleicht ein VIP, eine Frau in hoher gesellschaftlicher oder beruflicher Position, eine „Dame von Rang“, wie es in einem Roman des 19. Jahrhunderts heißen würde – eine Frau, die ein erotisches Abenteuer wollte, ohne dass jemand ihr Gesicht erkannte?

Ich weiß: Die aufregendste aller Möglichkeiten, doch gegenüber den vorangegangenen die mit weitem Abstand unwahrscheinlichste. Abgesehen davon hätten es für die „Dame von Rang“ doch auch Masken getan, oder? Ich vielleicht als Arnold Schwarzenegger, sie als Miss Piggy ...