Trabant - Stefan Sommer - E-Book

Trabant E-Book

Stefan Sommer

0,0
20,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Liegt sein Vater in dieser Nacht im Sterben – oder wurde er als ehemals ostdeutscher Spion enttarnt? Haben seine Eltern gemeinsam Suizid begangen – oder liegen sie auf Madeira am Strand? Oder hat er sich das alles nur ausgedacht? In dieser Spätsommernacht scheint für Georg Himmel alles, aber auch alles möglich zu sein. Als der junge Mann auf der Hochzeit seines besten Freundes in einem istrischen Grand Hotel eine Kurznachricht erhält, die sein Vater wohl eigentlich einer Affäre schicken wollte, beginnt für ihn eine lange Reise. Georg setzt sich in den alten Corsa und fährt los, um den Vater in den frühen Morgenstunden am Münchner Flughafen abzufangen und ein Auseinanderbrechen der Familie zu verhindern. Aber: Ist da überhaupt noch etwas zu retten? Sind die Eltern die, für die er sie immer gehalten hat? Oder wollte er sie dafür halten? Georg spürt Erinnerungen nach, versucht Hinweise zu finden auf Risse in der Ehe seiner Eltern, die er übersehen hat. Er stellt sich Urängsten und Hirngespinsten, seiner Einsamkeit, seinen Enttäuschungen. Zwischen Autobahnraststätten und Umleitungen erzählt "Trabant" vom Hoffen, Zaudern, Wüten und Bangen, vom stillen Gleiten durch die schwarze Nacht, vom Ankommen und einer großen Überraschung.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 220

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Liegt sein Vater in dieser Nacht im Sterben – oder wurde er als ehemals ostdeutscher Spion enttarnt? Haben seine Eltern gemeinsam Suizid begangen – oder liegen sie auf Madeira am Strand? Oder hat er sich das alles nur ausgedacht?

In dieser Spätsommernacht scheint für Georg Himmel alles, aber auch alles möglich zu sein. Als der junge Mann auf der Hochzeit seines besten Freundes in einem istrischen Grandhotel eine Kurznachricht erhält, die sein Vater wohl eigentlich einer Affäre schicken wollte, beginnt für ihn eine lange Reise. Georg setzt sich in den alten Corsa und fährt los, um den Vater in den frühen Morgenstunden am Münchner Flughafen abzufangen und ein Auseinanderbrechen der Familie zu verhindern. Aber: Ist da überhaupt noch etwas zu retten? Sind die Eltern die, für die er sie immer gehalten hat? Oder wollte er sie dafür halten? Georg spürt Erinnerungen nach, versucht Hinweise zu finden auf Risse in der Ehe seiner Eltern, die er übersehen hat. Er stellt sich Urängsten und Hirngespinsten, seiner Einsamkeit, seinen Enttäuschungen. Zwischen Autobahnraststätten und Umleitungen erzählt „Trabant“ vom Hoffen, Zaudern, Wüten und Bangen, vom stillen Gleiten durch die schwarze Nacht, vom Ankommen und einer großen Überraschung.

Stefan Sommer

Trabant

Roman

Die Drucklegung dieses Buches wurde gefördert von:

www.omvs.at

ISBN 978-3-7013-1313-6

eISBN 978-3-7013-6313-1

© 2024 OTTO MÜLLER VERLAG SALZBURG–WIEN

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Christine Rechberger

Satz: MEDIA DESIGN: RIZNER.AT

Druck und Bindung: Florjančič tisk

Umschlagmotiv: „Hey, that’s no way to say goodbye“,by Nancy Friedland © the artist.

Courtesy smoke the moon gallery,

Santa Fe, New Mexico

Umschlaggestaltung: Leopold Fellinger

„Unter zornigen Planeten,kurz vor der Morgendämmerung,hinter dem Halleyschen Kometen,die Rache der Erinnerung.“

Inhalt

1. Partielle Phase

17:11 Uhr

18:59 Uhr

2002

22:55 Uhr

2005

00:34 Uhr

00:57 Uhr

01:43 Uhr

2. Totale Finsternis

2015

02:48 Uhr

03:21 Uhr

2015

3:54 Uhr

1999

04:03 Uhr

3. Bailysche Perlen

04:49 Uhr

2013

05:55 Uhr

1999

07:02 Uhr

1991

07:13 Uhr

Stefan Sommer

1.

Partielle Phase

17:11 Uhr

„Ich heiße Georg Himmel“, leiert Georg Himmel in den leeren Aufzug. Er und sein Spiegelbild schütteln den Kopf.

So glaubt ihm das niemand.

Die Sonne brennt auf ihn herab. Wie im Gewächshaus staut sich die Hitze in der gläsernen Kabine, die an der Westseite des Gebäudekomplexes die Fassade entlanggleitet. Wolken schleichen über die Leuchtschrift des Hotels. Möwen rasten auf den Wäscheleinen, die zwischen den Balkonen der Suiten mit Meerblick gespannt sind. „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig“, übt Georg seinen Text vor dem Fensterglas, als wäre der unvermeidliche Moment gekommen, als hielte er das Mikrofon schon in seinen Händen. Er lächelt, wie er ihnen später zulächeln will. Er prostet in den Aufzug, wie er ihnen zuprosten will. Er starrt hinauf ins Licht. Über ihm, wo der Beteigeuze und all die anderen Gestirne der südlichen Hemisphäre auf die Nacht warten, warten, bis die Tagblinden sie wieder sehen können, kann er ihre Positionen im Perlmutt nur erahnen. Vielleicht hofft er auch nur, dass sie da sind. Wenn er zu ihnen hinaufsieht, fehlen sie. Und auch der Beteigeuze, ihr Beteigeuze, der Riesenstern, den Georg und der Vater entdeckt haben, fehlt heute da oben, als hätte der Himmel ein Loch.

Als das Kitzeln der Sonnenstrahlen hinter Georgs Augen dann endlich schmerzt, setzt der photische Reflex ein. Sein Drillingsnerv, der bei ihm erblich bedingt ungewöhnlich nah am Sehnerv liegt, meldet dem Gehirn den Lichtreiz. Der Frontallappen, so erklärte es ihm der Vater am schwarzen Sandstrand Fuerteventuras als er noch ein Kind war, missverstehe die Helligkeit als Eindringling und gebe Befehl, die Nasenschleimhaut freizupusten. „Zieh, Sohnemann“, sagte der Vater damals im ersten Urlaub mit dem Flugzeug, hielt ihm den Zeigefinger vor das sonnenverbrannte Gesicht und ließ die Nasenschleimhaut tun, was die Nasenschleimhaut tun wollte. Diesen anatomischen Zaubertrick hat der Vater auf seinen Kindergeburtstagen aufgeführt. „Zieh mal“, schnoddert Georg also in den Aufzug wie der Vater.

Und zieht.

Und niest.

Ihm und seinem Spiegelbild huscht ein Lächeln über die Lippen.

Unter ihm ist Sommer. Georgs Augen wandern das Gelände ab, den Trampelpfad entlang, über die Tennisplätze, die Cliffs hinab ins Meer. In den Wellen treibt ein aufblasbares Krokodil. Beachboys schleifen Sonnenschirme durch den Sand vor einen azurblauen Bungalow. Und Georg fällt ein, wie er als Pimpf drüben vor der italienischen Küste beinahe ersoffen wäre, hätte ihn der Vater nicht aus dem Wasser gefischt. Georg hat am 11. August 1999 die Jahrhundertsonneneklipse vergessen. Plötzlich wurde es über ihm dunkel und Rimini versank in seinem Rücken in Finsternis. Nicht frei von gewissen Zweifeln, ob sich die Ereignisse auf hoher See zugetragen haben, wie er sich erinnert, vergisst er das Röcheln der nachtschwarzen Gischt um ihn doch nie wieder.

Als sich dann unten im Erdgeschoss vor Georg die Schiebetüren des Aufzugs zur Hotellobby öffnen, tritt er hinaus in ein lebendiges Wimmelbild. Pagen, Kellner, Männer in Anzügen, Frauen in Kleidern, ein Priester. Ein Meer aus Körpern. Und Georgs Herz rast los. Alle im feinsten Zwirn. Barkeeper, Neureiche, ihre Kleinkinder, ein Pudel und ein Kammerorchester. Ihm ist so, als würden sich alle auf Kommando zu ihm umdrehen. Und Vorahnungen, wie er sich vor ihnen lächerlich macht, überfallen ihn. Er, wie er stolpert, er, wie er schwankt, er, wie er stürzt und er, wie er im Grande Finale der Peinlichkeiten auf den roten Sisalteppich speit.

Den ganzen Tag hat er sich davor gedrückt, zu ihnen herunterzukommen. Erst jetzt, erst viel zu spät, hat er sich überwinden können. Und es ist alles noch schlimmer, als er befürchtet hat. Das Notfallprotokoll, ein mentales Rettungsnetz, das er während der Schulzeit in sich geflochten hat, fängt den ersten Sturz in die Panik aber auf: Wie immer in diesen Situationen hält er das Smartphone vor sich, tut so, als würde er scrollen. Ein Hochziehen der Augenbrauen, ein wacher Blick, ein Stirnrunzeln, das Georg zu imitieren weiß. Zu überrascht darf dieses Stirnrunzeln aber nicht wirken, um keine Fragen nach dem Grund des Runzelns aufkommen zu lassen. Und erst als Georg sicher ist, dass sich niemand mehr für seinen Gang über das unebene Geläuf interessiert, schaut er wieder vom Display auf. Noch mehr fremde Körper, noch mehr fremde Gesichter. Hausdiener in frisch gebügelten Uniformen tragen Blumenbouquets in den Speisesaal mit den bodentiefen Fenstern. Von Vedad keine Spur.

Georg will zurück in sein Hotelzimmer. Aber anstatt sich in den Aufzug zu flüchten, drückt er die Ohrstöpsel rein. Seit Windows XP sammelt er Aufnahmen der Radioteleskope in Green Bank und Parkes. In seiner Wohnung neben dem Planetarium stapeln sich die Festplatten. Nach einem von ihm selbst entwickelten System ist da das Sausen und Brausen des Weltalls archiviert. Wenn er sich allein fühlt, lauscht er den Schwingen des Beteigeuze, die in seiner Einbauküche lagern, wenn er nervös ist, dem Lichtblitz FRB 121102, den er am Mann trägt. Nichts beruhigt ihn wie FRB 121102. Sein Zweifel, seine Person, seine Welt versinkt im Flüstern der Sterne.

Nun, meistens.

Die Hotellobby ist Augenblicke von einer Polonaise entfernt, fürchtet Georg, der sich nicht als großer Freund von Polonaisen beschreiben würde. Da sich am morgigen Sonntag das Universum einen Scherz erlaubt und das Kalenderblatt eine nie da gewesene Schnapszahl herzeigen wird, hat die ganze Welt beschlossen zu heiraten. Im Akkord sollen von Mitternacht an Paare in der hoteleigenen Kapelle vermählt werden. Selbst eine dänische Königstochter und ihr „Bürgerlicher“, wie Georg einer Gazette beim Frühstücksbuffet entnommen hat, wollen sich an einem anderen Strand Südeuropas unter einem anderen Himmel morgen trauen lassen. Welchen Einfluss eine symmetrische Zahlenfolge im Trauschein auf das Leben hat und wie die Position der Erde zur Sonne romantische Gefühle in den Menschen auszulösen vermag, erschließt sich Georg nicht. Bevor ihm das jemand im Raum ansehen kann, drückt er die Ohrstöpsel tiefer. In einem Chatroom, den er nachts aufsucht, wenn er wieder nicht schlafen kann, herrscht die Meinung vor, die MP3-Datei „FRB_121102_“ sei der Beweis für außerirdisches Leben. Eine F-Dur-Pentatonik klimpere daraus hervor, als wollten musisch begabte Marsianer durch die Galaxie zu uns herüberzwinkern.

Auch heute kann Georg das nicht bestätigen. Chaotisches Blubbern, nichts als chaotisches Blubbern, als er auf dem Weg zur Bar am Ende der Halle einen Geldschein aus der Badehose mit Flamingomuster friemelt, die er eher kurzfristig vor seiner Abreise erstanden hat. Im Durcheinander aus Speedos und Bikinis will Georg den Anfang der Getränkeschlange ausmachen. Zwischen denen, die mit Cocktails in den Sommerabend hinauswollen, und denen, die sich ihre Pinot Grigios an der Bar noch erkämpfen müssen, treibt er zwischen den Durstigen. Und selbst jetzt, selbst wenn sie sich laut und schrill und beschwipst an ihm vorbeidrängeln, selbst jetzt spürt Georg, wie ihre Heiterkeit, dieses kompromisslose, immerwährende Blindvertrauen in den Lauf der Dinge, auch ihn ein wenig aus seiner Enge holt. „Hochzeiten“, staunt er, „die Menschen lieben Hochzeiten.“ Und als dann das Kammerorchester auf einer Empore über ihm just einsetzt, als er zum Pool aufbrechen will, ganz so, als hätten ihre Instrumente auf ein Zeichen von ihm gewartet, macht Georgs Herz einen kleinen Sprung. „Hochzeiten“, murmelt er leiser für sich und schlendert durch die Terrassentüren ins Freie, „Menschen lieben Hochzeiten.“ Von der Küste weht ihm ein warmer Wind ins Gesicht. Unter dem sanft wogenden Fliederstrauch, der draußen tief über der Terrasse hängt wie ein lila-farbenes Dach, atmet er ihn so tief in sich hinein, wie er nur kann. Die Sonne taucht die Welt für ihn plötzlich in herrliche Pastelltöne. Über ihm ziehen Möwen ihre Bahnen. Darüber die Satelliten. Und am Pool scheint vor ihm ein Liegestuhl frei zu werden, von dem aus er das Treiben beobachten kann, ohne selbst zu sehr von anderen Hotelgästen beobachtet zu werden.

„Free?“, fragt er die ältere Dame und lächelt dieses perfekte Lächeln, das er im Aufzug geprobt hat.

„Sure, honey“, grinst sie hinter ihrem Fächer hervor. „But beware of the bottle.“

„Excuse me?“, hakt Georg nach, als hätte er sich verhört.

„The bottle, young man“, sagt sie milde und packt hastig ihre Sachen zusammen. „Over there, honey.“

Auf der anderen Seite der Poolanlage hampelt ein Mann in einem Bierflaschenkostüm um das Schwimmbecken. Auch wenn es so aussehen mag, als hätte er sich im Hotel vertan, scheinen sich die Gäste liebend gerne in sein Spiel verwickeln zu lassen. Jeder muss ein Tänzchen mit ihm aufführen. Wer sich weigert, fliegt ins Wasser. Dafür sorgt ein Tross an Handlangern, der die Flasche abschirmt und seine Urteile vollstreckt. Der große Auftritt, den er heute so dringend vermeiden wollte, scheint nur noch eine Frage der Zeit, fürchtet Georg. Soll er einen Telefonanruf simulieren? Sich schlafend stellen? Taub? Telekinese? Der tiefe Glaube, den Georg noch als Erwachsener hegt, er könne allein mit der Kraft der Gedanken die Entscheidungen seiner Umwelt beeinflussen, erweist sich aber schnell wieder als fragwürdig. Trotz intensiver Bemühungen, lenken Georgs stille Anweisungen die Flasche nicht in eine andere Richtung. Im Gegenteil: Als Georg sich für Plan B, als er sich für die Flucht hinter den Vorhang einer Umkleidekabine entschließt, steht die Bierflasche bereits vor ihm. Mit einem Handzeichen sorgt sie im weiten Rund für Ruhe, mit einem zweiten Wink befiehlt sie dem schlotternden Georg aufzustehen.

„Du!“, kommandiert die Flasche.

Und eine Versagensangst schießt in Georgs hochrote Birne, wie er sie seit Schulzeiten nicht empfunden hat. Im Angesicht der Bedrohung erinnert er sich an die Nacht vor seinem ersten Referat. Angstschweißgebadet liegt er damals im Bett, presst das Gesicht ins Kissen. Die Hände zu Fäusten gekrampft, zählt er die Stunden bis zu seiner Hinrichtung. Nebenan, fällt es ihm nach Jahren wieder ein, schnarcht damals die Mutter, im mucksmäuschenstillen Kinderzimmer wälzt er sich in den Laken hin und her, bis er endlich doch aufsteht. Überfragt, wo er die rettende Lebensmittelvergiftung herbekommen soll, bleibt Georg in jener Sonntagnacht nichts, als seinem Schicksal ins Auge zu sehen. Er nimmt sich die Aufschriebe vor. Er macht Notizen. Er unterstreicht. Er übt die Begrüßung. Er erdet sich: „Das sind meine Hände … und so weiter … und so weiter und so weiter.“

Die Schwachstelle seines Plans kennt er aber von Anfang an: Georg Himmel. Die Schwachstelle ist und bleibt er. Als die Sonne in den Morgenstunden durch die Lücken im Rollladen bricht, schleudert er seinen Zettelhaufen aus dem Bett. In seinem Zimmer, unter dem amerikanischen Grinsen von Buzz Aldrin, kann er den Text vorwärts, rückwärts, ohne Stolpern, ohne Blackouts. In der Fremde anderer Augen, das weiß er, würde er ihn niemals können. Erschöpft zieht er die Decke über den Kopf. Im Schoß der Daunenfedern driftet er in eine Welt ohne Referate, eine Welt ohne Frau Wirsching, eine Welt ohne Schule.

Dann

klingelt

der

Wecker.

Mit schweren Lidern kauert Georg am Frühstückstisch. Eine Kakaolache vor ihm, das Buttermesser am Boden unter ihm. Mehr Gespenst als Elfjähriger murmelt er Flüche in den Ellbogen, den er wie ein Kissen zwischen Kinn und Tischplatte geschoben hat.

„Ist es heute?“, versucht der Vater ihn in ein Gespräch zu verwickeln.

„Das Referat?

Georg?“

Aber Georg hört nicht zu.

„Das ist meine Stimme.

Das sind meine Finger.

Das sind meine Hände“, faselt er vor sich hin, während ihm die Mutter den Pullover richtig herum über den Kopf zieht. Kurz ist es schön dunkel. Die Wolle streichelt über Georgs Wangen. Gestern, vorgestern, letztes Jahr. Da war noch Zeit. Da war noch so viel Zeit. Dann rutscht sein Kopf durch die Öffnung ins Licht.

Und die Welt ist wieder da.

Auf der Autofahrt zur Schule gibt sein Körper dann auf. Flattermagen. Blitze schießen ihm damals durch den Bauch. Unter Krämpfen muss er die Eltern bitten, den Opel Corsa anzuhalten. Und bevor das Auto am Straßenrand ausrollen kann, stürzt Georg schon würgend aus der Tür ins Gebüsch. Ein Kribbeln hinter der Zunge. Ein Zucken im Schlund. Ein Sturz. Ein Schwall. Ein Zusammenbruch. Im Matsch vor ihm die Kakaoreste, über ihm plötzlich der Frühlingshimmel. Wolken, die der Wind wie Pappmachédrachen über der Stadt aufsteigen lässt. Amsel und Drossel, Fink und Star verschwimmen im warmen Licht. Georg ist kaum noch da, als etwas seinen zitternden Körper in die Höhe hebt.

Ein frisches Hemd am Leib, eine Wagenladung Mentholkaugummis im Mund, hält er später dieses hundsbeschissene Referat. In der Todeszone zwischen Pult und Tafel steht er doch nicht allein. Mit ihm haben sich eine Frau und ein Mann vor der Klasse aufgebaut. Sie erzählen, dass sie sich im Training befänden, um wahrscheinlich, vielleicht, ja eventuell in den Weltraum zu fliegen. Astronautenhelme unter den Armen, die nur Laien für Motorradhelme halten, geben die Weltraumpioniere Einblicke in ihren Weltraumpionieralltag. Sie berichten von Unterdrucktraining in Florida, dem erhabenen Gefühl, die Umlaufbahn zu verlassen. Geduldig beantworten sie die Fragen der staunenden Mädchen und Jungen, die den Schwindel nicht bemerken. An ihrer Seite hat Georg seine Angst vor dem Sprechen für eine Stunde verloren. Anders als sonst, wird seine Brust nicht eng. Anders als sonst, fließen die Worte weiter und weiter. Über die Abenteuer des russischen Kosmonauten Juri Gagarin, den er nur „Juri“ nennt, spricht er so, als hätte er sie persönlich erlebt. „Ich seh die Erde, bewundernswert, diese Schönheit!“, schließt er und weiß schon damals, dass ihn niemand mehr Georg nennen wird.

Wie recht er an jenem Morgen hatte, versteht Georg, der nach seinem frühverstorbenen Großvater eigentlich mit vollem Namen Georg Carl Himmel heißt, als er vor sich wieder den Palazzo des Grandhotels, wieder den Pool, wieder den wildgestikulierenden Mann im Bierflaschenkostüm wahrnimmt. Der ruft ihn nun auch zutiefst genervt bei seinem Spitznamen.

„Juri?

Jemand zu Hause?

Juri?“

Da bleibt Georg nichts mehr, als mitzuspielen oder tot umzufallen. Soll er antworten? Ernst? Ironisch? Oder schweigen? Und so steht er nun doch auf der Bühne unter dem Scheinwerfer und das Publikum wartet auf eine Pointe. Ihm ist, als würden seine Knie nachgeben, da zieht die Pulle endlich den Korken ab. Heraus kommt ein klatschnassgeschwitzter Kopf, den Georg bestens kennt.

„Tata! Schön, dass es auch der Trauzeuge zu meiner Hochzeit schafft, Juri!“, strahlt sein offensichtlich sehr alkoholisierter Freund Vedad und küsst ihn auf Backe, Augenbraue, Stirn, Nase und was er sonst erwischt.

„Flamingos?“, lacht er.

Und bevor Georg darauf dann eine schlagfertige Antwort einfallen will, reißt ihn Vedad unter Beifall in den Pool. Ihre Körper brechen durch die Wasseroberfläche. Georg ist heilfroh, dass er aus dem Aufzug gestiegen ist. Luftbläschen steigen aus seinen Mundwinkeln. Vom Grund schaut er ihnen nach. Über sich, im Verschwommenen, ahnt er einen Hotelpagen, der sich durch die Hochzeitsgesellschaft zum Beckenrand vor arbeitet. Es sieht aus, als hätte er Georgs Smartphone in der Hand. Vielleicht mögen sie ihn da oben tatsächlich, hofft Georg, als er die leeren Hosentaschen der Badehose abtastet und sanft zurück ins Sonnenlicht gleitet. Und niest.

18:59 Uhr

Das Gerät zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt, schleppt Georg Habseligkeiten hektisch zu seiner Sporttasche in die Hotelzimmermitte. Weil das Rauschen in der Leitung nicht nachlässt, trampelt er bis unter das Kinn beladen ins Bad. In der Dusche hat er Netz. „Spreche ich mit Lothar Matthäus? Oder sollte die SMS überhaupt nicht an mich gehen?“

Konnte er Vaters eigenwilligen Gebrauch von Emojis zwar nie gänzlich entschlüsseln, verwirrt ihn diese Nachricht trotzdem mehr denn je. Nein, so schreibt der Vater nicht. Nicht ihm. Und nein, auch niemandem sonst. Auch der kategorische Verzicht auf Satzzeichen überrascht Georg, der den Vater immer als bekennenden Freund sauberer Orthografie erlebt hat. Der Plan bleibt trotz der digitalen Herzen und Flaggen, der Totenköpfe und falschen Semikolons darin doch unmissverständlich. Der Vater will von seiner Geschäftsreise auf der Atlantikinsel Madeira am westlichen Ende Europas verfrüht zurückfliegen, um sich am Münchner Flughafen in den Morgenstunden mit einer Frau zu treffen. Georg müht sich zuerst, zwischen den Zeilen eine harmlose Erklärung zu wittern, versteckte Hinweise auf sie zu lesen. Er findet allerdings keine. In der Anrede steht eben nicht der Vorname seiner Mutter, sondern: Lisa.

Ist es also das, wofür er es hält?

Zuerst hatte Georg am Pool noch versucht, die Nachricht zu ignorieren. Erst als sie ihm keine Ruhe ließ, verschwand er auf sein Zimmer. Und schon im Fahrstuhl stieg dann die Angst in ihm auf, das könnte kein Irrtum sein, keine Verkettung linguistischer Umstände. Offensichtlich wollte der Vater nicht ihm, sondern dieser Lisa diese Zeilen zuschicken. Und wenn er dieses schwärmerische Ungetüm einer Textnachricht nicht missversteht, dieses pubertäre Gewäsch, Gesülze, Gesüßholzrasple nicht doch ein Scherz sein soll, will er sie in wenigen Stunden im Terminal 1 am Franz-Josef-Strauß Flughafen in München treffen. Zusammengefasst: ihre Familie ruinieren wie ein geifernder alter Sack, der zum Ende seiner Tage wieder Teenager spielt.

Nie und nimmer hätte er den Vater für so einen Mann gehalten. Der Vater schien in letzter Zeit stiller, manchmal gereizter, vielleicht abwesender als sonst, ja, aber dass das bedeuten könnte, dass er im Pfandhaus des Lebens sein altes mit Sohn und Frau gegen ein neues Leben mit dieser saublöden Lisa eintauschen würde, hätte Georg nicht erwartet.

„Woher kennst du die?“, hakt Georg hilfloser werdend am Telefon nach, als immer noch keine Antwort des Vaters aus dem Funkwellennirvana zu ihm dringt.

„Papa?“

Die Leitung knirscht.

„Juri, bist du das? … Ich verstehe dich schlecht … du bist weit weg … woher kenne ich wen?“, fragt der Vater mit einer gleichsam müden wie aufgekratzten Stimme, die Georg nicht einordnen kann. Und wieder ist der Vater verschollen. Georg presst das Gerät ans Ohr, bis sich die Muschel purpur färbt. Die Leitung bleibt tot. Der Vater stürzt in ein Funkloch. Und Georg tigert auf den Balkon, ins Schlafzimmer, zurück ins Badezimmer, dreht den Wasserhahn auf, dreht ihn ab, hält das Handy aus dem Fenster. Von der anderen Seite der Leitung dröhnt ein Mähdrescher, vielleicht aber auch eine Flugzeugturbine herüber, als stünde der Vater schon mit gepackten Koffern auf dem Rollfeld, bereit für ein neues Leben. Dann bricht die Verzweiflung aus Georg.

„Was willst du am Flughafen mit der?

Was soll das heißen, ‚Vermählung‘?

Spinnst du?

Du bist schon verheiratet?

Mit Mama?

Hast du das vergessen?“

„Juri?“, krächzt es Georgs Tirade von der anderen Seite nieder. „Bist du das, Juri?“, fragt der Vater.

„Wo bist du zur Hölle, Papa?“, versucht Georg ihn festzunageln.

„Ja … super Hotel … tolle Insel!“, leiert der Vater. Es könnte sein, dass er noch weiterspricht, aber Georg versteht ihn nicht mehr. Pfeifen saust durch die Leitung, als würden der Vater und sein Telefon im Auge eines Orkans stehen. Und dann ist alles still.

„Wer ist Lisa, Papa?

Und was ist mit Mama und mir?

Rede mit mir!

Ist das der Flughafen in Funchal?“

„Juri?“, taucht Vaters Stimme zum letzten Mal aus dem Telefonnebel auf, als Georg sich im Badezimmer auf den Klodeckel stellt. „Flughafen? Was soll ich am Flughafen? Eine Woche ohne das Schnarchen deiner Mutter lasse ich mir nicht entgehen. Wünsch Vedad und Lara das Beste, Sohnemann!“

2002

„Zapfenduster!“, quengelt Georg. „Zappenduster, Sohnemann!“, flüstert der Vater ihm von der Seite zu, aber weiß, er hätte besser geschwiegen. Wenn Georg sich in eine Sache verbissen hat, wieder nächtelang aus ihrem Dachstuhl in den Himmel starrt, um als erstes Kind einen interstellaren Nebel, einen Asteroidenschauer oder einen Exoplaneten vor das Teleskop zu bekommen, den selbst die NASA nie gesehen hat, macht ihn jede Einmischung rasend. Besonders die Besserwisserei des Vaters kann in ihm ungeahnte Kräfte des Bösen freisetzen. Und dann ist ein Wutausbruch nur noch ein falsches Wort entfernt.

„Zapfenduster! Zapfenduster!“, ätzt Georg schon kreuzwütend. Und anstatt das Okular am Fokussierrad zu justieren, wie es ihm der Vater beigebracht hat, rüttelt er jähzornig am Gerät, um die Gewitterfront aus dem Objektiv zu schütteln. Da das wider Erwarten seine Sicht auf den Andromedanebel nicht verändert, hämmert er mit dem Fingernagel so lange auf die Linse, bis plötzlich synchron vor dem Dachfenster ein Blitz im Apfelbaum des Nachbarn einschlägt. Die Äste brennen schnell lichterloh. Flammen wuchern im Donnergrollen in den Nachthimmel. Blitzadern krampfen über den Satellitenschüsseln des Neubaugebiets. Er zuckt zusammen. Erschrocken blickt sich Georg im Raum um. War er das? Sein Fingernagel das Streichholz? Vor ihm, neben ihm, über ihm schwingen Schatten wie Tentakel im Leuchten des Feuers durch die taghelle Dachkammer. „Gleich vorbei“, hört er den Vater dicht neben sich. „Gleich vorbei“, murmelt er und beobachtet, wie brennende Zweige ans Haus schwanken. An seinen Unterarmen stellen sich Härchen auf, als der Platzregen das glimmende Gehölz zischend löscht. Seine Wut auf die Nörgeleien des Vaters, das Teleskop, die Schule, die Welt, all das spült es mit jedem Tropfen, der vor ihm ans Fenster schlägt, aus seinen Gedanken.

„Scharf stellen, Sohnemann!“, schickt ihn der Vater aufmunternd zurück ans Teleskop. Und Lichtjahre schwindelerregender Schwärze strömen aus dem Weltall durch den Reflektor, das Teleskoprohr, die Iris, die Netzhaut, das Nervengeäst hoch in Georgs Hirn.

Und tatsächlich rührt sich was.

„Der Rote!“, juchzt er.

„Soso, der Rote?“, hält der Vater dagegen und drängelt sich an ihm vorbei ans Objektiv. „Wollen mal sehen, Herr Sohnemann.“

Da spitzt Georg die Ohren.

Ein „Herr Sohnemann“ plappert der Vater nicht so vor sich hin. Ein „Herr Sohnemann“, das weiß Georg ja, leitet im Hause Himmel seit jeher die ganz großen Gefühle ein. Wie es schon Großvater Carl Himmel Senior früher in der Metzgerei zum Vater, Carl Himmel Junior, gesagt haben soll, wenn der sich als Bub beim Blutwurststopfen nicht so ungeschickt anstellte wie so oft, lässt sich auch in Vaters „Herrn Sohnemann“ an Georg sein väterlicher Stolz nicht überhören. Und als hätte Georg der staatstragende Ton des Vaters die Tragweite der Angelegenheit nicht klargemacht, kramt der auch noch die Weltraumkarte hervor. Seine Altersvorsorge, wie er den ledrigen Wisch nennt. In seinem Kabuff hat der Ramschhändler Georg und dem Vater über die Ladentheke hinweg nämlich erklärt, irgendein Sigmund oder Siegfried, vielleicht auch ein Sigurd oder ein Siggi aus der DDR, wäre früher in einer roten Rakete mit der Karte durchs All geflogen.

„Und?

Ist er das?

Der Rote?

Ist das der Beteigeuze?“, drängelt Georg, dem es nicht schnell genug gehen kann. Sigmund hin oder her, auch seine Geduld hat Grenzen. Schön, dass der Vater die Suche ernst nimmt, aber seine Bummelei am Teleskop macht Georg kirre. Er hat sich diesen Moment anders vorgestellt. Der 9. Oktober 2002 soll der Tag seines Triumphs über den Vater sein, der behauptet, der Beteigeuze hätte seinen Wasserstoffvorrat längst verbrannt, wir auf der Erde müssten seinen Todeskampf nur noch nicht mitansehen. Da das Licht des Sterns vierhundert Jahre zu uns bräuchte, könnten wir erst in ferner Zukunft verstehen, dass er verglüht sei, sagte der Vater vorhin noch beim Abendbrot, auch wenn es doch in diesem Moment im Universum passiere. Allerdings sei das nicht weiter dramatisch, meinte er auf dem Gipfel seiner Einfalt, der Stern würde nach dem Ableben nur heller am Himmel strahlen, aus unseren Leben wäre er nicht verschwunden.

Dass das hirnverbrannter Quatsch ist, steht für Georg außer Frage. Amerikanische Forscher, von denen der Vater sicher noch nie gehört hat, sagen, der Beteigeuze könnte in einem Jahr, aber auch erst in zwanzigtausend Jahren sterben. Und so will Georg in dieser Nacht, von ihrem Dachboden aus, die nötigen Beweise finden, um diese Theorie zu bestätigen und den sentimentalen Vater zu widerlegen. Falls der Vater wider Erwarten doch recht haben sollte, wäre er aber bereit, dem hellsten Todgeweihten am Himmel zumindest die letzte Ehre zu erweisen.

„Ist er das?“, bohrt Georg nervöser nach, aber der Vater reagiert wieder nicht. „Papa? Der Rote?“

Als hätte der Vater Georg neben sich vergessen, studiert er in aller Seelenruhe die Abbildungen des Alpha Orionis in der Karte, die diesem Sigmund, Siegfried, Sigurd oder Siggi gehört haben soll. Er blättert vor. Er blättert zurück. Er nickt. Er schüttelt den Kopf. Was in Herrgotts Namen macht der da, ärgert sich Georg in sich hinein und beschließt Tatsachen zu schaffen. Ungeduldig schnappt er nach dem Papierbündel aus dem All. Doch da zuckt es im Vatergesicht. Ein Ruck in der Mimik, aber nicht Wut, wie Georg erwartet hätte, sondern Stolz hellt seine Züge auf.

„Tatsache, Major Georg, Tatsache!“, kann der Vater die Freude über ihren Fund nicht mehr länger verbergen und deutet eine Verbeugung vor dem Sohnemann an, der wie immer, wenn das Sekundenglück durch ihn wirbelt, bis über beide Ohren rot anläuft.

„Sie, Major Georg, haben der Menschheit einen Dienst erwiesen …“, will der Vater mit amerikanischem Akzent und militärischer Haltung zu einer Rede über die Leistungen seines jungen Rekruten ansetzen, aber kommt nicht weit.

„Und wie es so stand und gar nichts mehr hatte“, kichert es plötzlich in Georgs Rücken, „fielen auf einmal die Sterne vom Himmel … und so weiter.“