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Ich widme diese kleine Geschichte den Menschen, die ich kennenlernen durfte und die zu früh von uns gingen sowie denen, die niemand kennt und die jeden Tag dafür Sorge tragen, dass wir jede Nacht schlafen können. Thomas Milles Herausgeber: Hans-Jürgen Sträter, Adlerstein Verlag
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Seitenzahl: 166
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Vorwort
One - Frank
Frank & Claire
Miguel, Hoi & Bill
Diner
Emely
Doris
Barney & Fred
Lake Superior
Herman the German
Michael & Gabriel
Nancy
Nachwort
Im Dezember 2009 begann ich dieses kleine Buch und versuchte meine Gedanken zu Papier zu bringen. Vieles was hier zu lesen ist entspricht der Realität, einiges ist frei erfunden. Die meisten Personen sind Geschöpfe meiner Phantasie, doch was ist Fiktion, was Realität?
Heute nun ist es fertig geworden - kann ein Buch je fertig werden? In den vergangenen Monaten ist viel geschehen, hat sich viel verändert in der Welt und diese Veränderungen finden teils ihren Platz in den Zeilen.
Ich widme diese kleine Geschichte den Menschen, die ich kennenlernen durfte und die zu früh von uns gingen sowie denen, die niemand kennt und die jeden Tag dafür Sorge tragen, dass wir jede Nacht schlafen können.
Ihr seid und bleibt unvergessen
Ganz besonders möchte ich einer lieben Freundin danken, die mich aufbaute, als scheinbar nichts mehr ging und mich weiterschreiben ließ.
Der Autor, im August 2010
Oft tut auch der Unrecht,
der nichts tut;
Wer das Unrecht nicht verbietet, wenn er kann,
befiehlt es.
(Marcus Aurelius)
Frank Morton schaute auf die Uhr. Es war Donnerstag, 14:30 Uhr. Der Kalender auf seinem dunkelroten Schreibtisch aus afrikanischem Edelholz zeigte mit großen Lettern den 24. Dezember 2009. Über die Sprechanlage rief er seine Sekretärin in sein Büro und Claire de Moin ließ ihren Chef nicht warten.
Die schweren Holztüren öffneten sich und eine hochgewachsene, sehr attraktive Mittvierzigerin betrat das spartanisch eingerichtete Büro. Sie schloss die schweren Türen und trat die drei Meter bis zu seinem Tisch heran. „Was kann ich für dich tun Frank?“ Die Worte kamen sanft aber bestimmt über ihre Lippen, während sie sich mit einer eleganten Bewegung auf den Rand des Tisches setzte. Sie schaute ihren Vorgesetzten, einen eher kleinen Mann 45 Jahre alt, graumelierte Haare, leichter Bauch und stahlblaue Augen an. Er sah sehr müde aus, die Vertragsverhandlungen der letzten Wochen hatten ihm das Letzte abverlangt.
Langsam hob sich sein Blick, wanderte an ihrem Körper empor und blieb an ihren wunderschönen klaren braunen Augen hängen. „Ja, Claire. Bitte streiche für die nächsten fünf Tage alle meine Termine. Wir haben es geschafft… wir haben es geschafft mein Schatz!“ Er sprang aus dem Sessel, eilte zu der kleinen Anrichte links neben der Tür und öffnete eine Flasche Scotch. „Der Kongress hat die Gelder bewilligt Kleines… und… wir haben den Auftrag! Auch einen?“ Er füllte zwei Gläser noch bevor Claire antworten konnte.
Mit den Gläsern in der Hand ging er zu ihr, drückte ihr eines in die Hand und sagte: „Auf uns mein Liebling, auf drei Milliarden Dollar im ersten Jahr und auf 25 Milliarden die nächsten 10 Jahre… Ich liebe Dich.“ Mit diesen Worten kippte er den Scotch in einem Schluck herunter und setzte anschließend das Glas mit einem lauten Knall auf dem Tisch ab.
Claire de Moin, die Scotch nun überhaupt nicht mochte, nippte aus Höflichkeit an dem Alkohol, stellte ihr Glas neben das seine und nahm ihn in den Arm. „Das ist ja wundervoll Frank. Ich freue mich so für dich.“ Sie küsste ihn zärtlich, spürte sein Zittern und strich ihm liebevoll über den Rücken. Er hatte seit acht Jahren an diesem Projekt gearbeitet. Jeden Tag, sieben Tage die Woche… ER war das Projekt. Jede Woche in einem anderen Land, jedes Mal neue Regierungsvertreter bestechen, schmieren…Vorträge an Universitäten halten, viel versprechende Talente innerhalb der Firma entdecken und fördern, Versager feuern. Wer sein Pensum nicht schafft, fliegt raus. Und immer die Angst, dass der Kongress die Gelder schlussendlich nicht bewilligt.
Sie löste sich von Ihm, schaute Ihm tief in die Augen und entdeckte wieder den frisch gebackenen Ingenieur von damals… Kernphysik, Avionik, Mathematik… und alles mit Auszeichnung. Offener Blick, wilde Frisur, hellbrauner Cordanzug, eine alte zerknitterte Aktentasche… so stand er im Personalbüro von Alliant Techsystems. Keine Spur von Nervosität. Und als der Personalchef erfuhr, dass auch General Dynamics Interesse an dem jungen Mann zeigte, war dessen Einstellung in das Unternehmen nur noch Formsache.
Und so begann die steile Kariere Frank Mortons im Januar 1984.
Die Entwicklung von Munition für die Pistolen und Gewehre der Amerikanischen Polizei war seine Aufgabe. Aber bald schon wurde sein Talent für physikalische Zusammenhänge in Verbindung mit günstigen Produktionsmethoden erkannt und schon ein Jahr später kam er ins ATOM-Team.
Anfang 1985 war die Welt im Atomzeitalter. Nichts ging über diese makellose Art der Energiegewinnung. Frank war Mitglied in einem fünfköpfigen Team, bestehend aus den besten Ingenieuren und Wissenschaftlern der Firma und begierig auf jedes Gramm Wissen, welches er aufsaugen konnte.
Im Januar 1985, kurz nachdem er seine spätere Frau Rose kennenlernte, reisten die fünf mit falschen Pässen nach Russland ein. Ihr Ziel war ein kleines Dorf namens Prypjat in der Ukraine. Russland war zu diesem Zeitpunkt schon nahezu bankrott und da kamen die Amerikaner mit ihren Millionen in der Tasche sehr gelegen. Es ging um Versuche mit abgereichertem Uran, die Sicherheitsvorkehrungen, Verbote und Bestimmungen der USA waren zu rigoros und so durfte man in dem kleinen Atomreaktor in der Ukraine unbehelligt von der Welt und irgendwelchen Kontrollbehörden Versuche durchführen.
Die fünf bekamen von der russischen Regierung die Genehmigung für Block 4 des Reaktors in Tschernobyl. Es herrschte reger Verkehr in den Wochen danach zwischen Prypjat und Minneapolis, der Zentrale von Alliant Techsystems. Die Fünf reisten oft hin und her, in den USA wurde entwickelt und theoretisiert.
In der Ukraine wurden die Berechnungen in Versuche umgesetzt.
Nach Geheimdienstmeldungen war ein Krieg in den nächsten fünf Jahren im nahen Osten vorstellbar und so drängte die Zeit. Das Ziel, kostengünstige nukleare Munition für die Luftwaffe herzustellen, war noch so weit weg. Nächtelang hockte Frank am Computer in Minneapolis, endlose Stunden Simulationen von Kernschmelzen, Neutronenabsorbtionen durch Xenon-Isotope und die Beseitigung von diesen verdammten Temperaturschwankungen im Kühlsystem. Seit Tagen hatte er seine Frau nicht mehr gesehen. Nur zum Schlafen kam er heim… wenn er denn schlief. Oft lag er mit offenen Augen, addierte Zahlenkolonnen oder errechnete Wahrscheinlichkeiten.
Im Oktober 1985 erhielt Frank von Rose eine E-Mail in der sie ihm mitteilte, dass sie schwanger sei. Frank war zu diesem Zeitpunkt in der Ukraine und kontrollierte das abgepumpte Kühlbecken von Reaktorblock 4. Wieder vergingen Wochen, Monate von zahllosen Simulationen, aber dann stimmten die Zahlen. Alle Computer, Frank und seine Kollegen waren sich einig… Es musste klappen.
Es war der 25. April 1986, 14:00 Uhr. Chefingenieur Anatoli Stephanowitsch Djatlow drehte die Schlüssel auf dem Kontrollpult und betätigte die Starttaste. Auf der Wand vor ihm leuchteten hunderte kleine Lampen. Drei Neue kamen dazu als Anatoli die Kühlmittelpumpen aktivierte. Hinter ihm standen die fünf Wissenschaftler, nervös und nicht ahnend was in den nächsten Stunden passieren würde. Anatoli drehte sich zu ihnen um und sagte: „Ich starte nun die Automatik um die Brennstäbe einzuführen. Beten sie, dass ihre Zahlen stimmen.“
Er drückte einen weiteren Schalter und ein weiteres Licht leuchtete an der Wand vor ihnen auf…
Das Klingeln des Telefons auf dem Kontrollpunkt schreckte alle aus ihrer Spannung. Anatoli nahm den Hörer ab und nach ein paar Worten drehte er sich zu Frank um und hielt ihm den Hörer hin: „Für sie.“ Frank nahm den Hörer und nach zehn Sekunden knallte er ihn wieder auf die Gabel. „Es kommt“, schrie er. „Das Baby kommt.“ Alle drehten sich zu ihm um. Seine Kollegen lachten, schlugen ihm auf die Schulter und auch die anderen Arbeiter im Kontrollraum lachten, obwohl sie wohl kaum ein Wort verstanden haben konnten. „Mensch, ab nach Haus. Vielleicht bekommst du noch mit, wie dein Kind aufs College geht“, feixte Sam, mit 63 Jahren der Senior im Team.
Frank war hin und her gerissen… nach fünf Minuten, endlosen fünf Minuten für seine Kollegen, verkündete er fröhlich: „Ich fahre heim. Meldet euch. Ruft mich an… ich muss wissen ob es geklappt hat. Ruft mich an.“
Um 14.10 Uhr verließ Frank Morton den Kontrollraum, stieg in den Wagen des KGB Offiziers, der den Auftrag hatte die ausländischen Gäste zu „schützen“ und doch nicht mit in den Kontrollraum durfte. „Zum Landeplatz Sergej, bitte schnell, mein Kind ist unterwegs.“ „Meinen Glückwunsch Frank, schlechtes Timing allerdings. Gerade heute, wo euer großer Tag ist. Heute startet doch das Experiment, oder?“ „Als ob du das nicht wüsstest Sergej“, lachte Frank.
Sergej gab Gas. Kurz vor dem Haupttor war ein kleiner Hubschrauberlandeplatz, wo ein Hind-Kampfhubschrauber wartete.
Als der Pilot den herannahenden Wagen bemerkte, drückte er die Zigarette an dem Raketenträger der rechten Tragfläche aus und stieg in seinen Hubschrauber. Sergej stoppte den Schwarzen Wolga 20 Meter vor dem Hind und stieg aus dem Fahrzeug. Frank verließ den Wagen ebenfalls und beide liefen geduckt zu der offenen Seitentür des lärmenden Hubschraubers. Der KGB-Offizier kletterte bis ins Cockpit und gab dem Pilot die nötigen Instruktionen. Frank setzte sich im Laderaum auf die Notpritsche und schnallte sich an. Sergej verließ das Cockpit, klopfte Frank auf die Schulter und sagte: „Wir sehen uns später Frank.“ „Ja bis in ein, zwei Tagen, Sergej. Dann bin ich wieder hier.“Als der Offizier aus dem Hind sprang, drückte der Pilot den Steuerknüppel und die Turbine des Hinds heulte auf.
Es war 14:32 Uhr und mittlerweile waren vier Brennstäbe aus Uran 235 an ihren Positionen. Nach ca. zwei Stunden waren alle 400 Brennstäbe in ihren Behältern. Die Reaktionen begannen zaghaft, die Temperatur stieg nur mäßig an. Um den Ausstoß an Neutronen zu reduzieren, aktivierte Anatoli die Automatik für die Steuerstäbe.
Nach dem Betätigen des Schalters setzte sich die Anlage für die Steuerstäbe in Bewegung. Langsam wurden die Stäbe zwischen den Brennstäben in Position gebracht. Je mehr Stäbe eingebracht wurden, umso weniger Neutronen wurden durch das Uran freigesetzt. Die Reaktion war unter Kontrolle.
Diesmal ging es nicht um Energiegewinnung. Dieses Mal ging es um den Abfall. Die mittlerweile nur noch vier Wissenschaftler brauchten abgereichertes Uran.
Die enorme Dichte von über 19 Gramm pro cm3machte den radioaktiven Stoff zu idealen Geschossen. Durchschüsse selbst durch die härtesten Panzerungen aus Aramid, Kevlar oder gar hoch legierten Stählen mit gleichzeitiger Verstrahlung der Weichziele… Der Vorstand in Minneapolis würde zufrieden sein. Block 4 arbeitete einwandfrei.
Um 0:00 Uhr am 26. April übernahm die neue Schicht den Kontrollraum. Die vier vom ATOM-Team saßen mittlerweile vor ihren Computern, berechneten Menge, Gewichte und natürlich auch Profite des neuen Wunderstoffes. Um 00:28 begann die Katastrophe. Durch zu hohen Strombedarf der umliegenden Städte und Dörfer waren die Blöcke 2 und 3 überfordert. Block 1 war zu diesem Zeitpunkt abgeschaltet und in Wartung. Um die fehlende Leistung zu erbringen wurde Block 4 automatisch heruntergefahren, um anschließend mit anderem Programm wie neu gestartet zu werden. Der Computer fuhr die Leistung von Block 4 herunter. Noch bevor Schichtleiter Aleksandr Akimow reagieren konnte war die Leistung unter 20% gefallen. Die Kühlpumpe schaltete sich ab. Man wird nie herausfinden warum sie das tat.
Das Kühlwasser kochte. Durch die zu geringe Leistung bildete sich das Xenon-135 Isotop. Zu viel davon löst eine Kettenreaktion aus. Um zu verhindern, dass zu viele Neutronen durch das Xenon freigesetzt werden, mussten mehr Steuerstäbe eingesetzt werden. Die Behälter, welche diese Stäbe zwischen den Brennstäben fixierten, hatten sich aber durch das kochende Wasser verzogen.
Die Stäbe konnten nicht mehr eingeführt werden. Die Reaktion war nicht mehr zu stoppen…
Um 01:23 Uhr und 40 Sekunden schlug Aleksander Akimow unter den entsetzten Augen aller Anwesenden im Kontrollraum auf den Knopf Nr.5, der die Notabschaltung des Reaktors einleiten soll. Vier Sekunden später explodierte Block 4 des Reaktors in Tschernobyl…
Frank Morton landete in Minneapolis auf einem privaten Flugplatz, wo er von Gilbert Decker - Mitglied im Aufsichtsrat - erwartet wurde. Auf der Fahrt zum Krankenhaus, in dem seine Frau Rose eine Tochter gebar, wurde er von der Katastrophe und dem Tod seiner vier Freunde informiert.
Das alles stand in der Personalakte von Frank Morton. Claire de Moin kannte sie auswendig, musste sie kennen, denn der Vorstand schickte Sie, um Frank zu überwachen. Er war ein genialer Wissenschaftler, ein genialer Konstrukteur und solch tiefe Einschnitte - Scheitern des Projekts und Verlust geliebter Menschen- konnten einen schon mal aus der Bahn werfen. General Dynamics wartete nur auf die Chance ihn abzuwerben.
Er wurde befördert, bekam seine eigene Abteilung, sein eigenes Budget, 100 Ingenieure und 4.000 Arbeiter weltweit unterstanden nur ihm. Aus seinen 1.000 Dollar die Woche wurden 450.000 im Jahr.
Claire wusste alles über Frank. Sie war ja jeden Tag über 12 Stunden mit ihm zusammen. Sie wusste, dass er sich nach dem Vorfall in Russland in noch mehr Arbeit stürzte, um abzulenken. Sie wusste, dass seine Ehe dadurch zerbrach. Manchmal konnte sie durch die geschlossene Tür hören, wie er mit seiner Frau am Telefon stritt.
Er wurde immer mehr zum Einzelgänger, ging selten aus und zog sich oft in sein Wochenendhaus in Gooseberry Falls am Lake Superior zurück.
An einem Sonntagmorgen, es war einer dieser seltenen Momente wo die Familie Morton gemeinsam am Tisch saß, kam Nancy mit einem großen braunen Umschlag an den Frühstückstisch. Frank saß stumm neben Rose, biss in seinen Toast und studierte den Börsenteil der Washington Post. Nancy holte drei Hochglanzfotos aus dem Umschlag, legte sie Ihrem Vater auf die Zeitung und mit bebender Stimme fragt sie ihn: „Warst du das?“ Frank schaut auf und auch Rose, die gleichgültig ihren Kaffee umrührt, hob den Kopf. „Was war ich?“, fragte Frank und schaut auf die Bilder. Rose schaute zu Nancy, sah das tränenverschmierte Gesicht. „Was hast du mein Schatz?“, rief sie und nahm ihre Tochter bei der Hand.
Frank betrachtet die Bilder. Hochglanzfotos des Geheimdienstes. Auf der Rückseite markiert mit „confidental - nicht weitergeben“.
Die Bilder zeigten zerfetzte Frauen und Kinder. Körper, abgetrennte Gliedmaßen… Ein Marktplatz… irgendwo auf der Welt. Tische, Bänke, Stühle.. alles umgeworfen.
Ein paar Sanitäter bergen Leichen….der ganze Boden durchtränkt von Blut. Umherliegendes Obst, Körbe, Taschen…
Überall Feuer… und zwischen den stummen Schreien, zwischen den toten Körpern liegen überall kleine Zylinder aus Metall, jeder etwa so groß wie eine Zigarre.
Die anderen Fotos zeigten Großaufnahmen dieser Zigarren… auf allen prangt ATK und „Made in USA“ an der Seite.
„Wo hast du die Fotos her“, fragte er laut und erregt. „Das ist nichts für deine Augen.“ Er kochte vor Wut. Nancy brach in Tränen aus und lief aus der Küche. Rose starrte auf die Bilder. Fassungslos versuchte sie zu realisieren, was sie dort sah. „Bist du dafür verantwortlich Frank?“
„Natürlich“, entgegnete er. „Das ist mein Job. Allerdings sind diese Fotos Verschlusssache. Wo hat sie die nur wieder her?“ „Wahrscheinlich aus deinem Arbeitszimmer, welches du ja nie abschließt.“ Rose war unendlich wütend. Sie rannte ihrer Tochter hinterher. Frank biss noch einmal in seinen Toast und fuhr dann ins Büro. Zuhause wollte er nicht mehr sein.
Seit diesem Tag traf man Frank auch sonntags im Büro an… ein halbes Jahr später ließ sich Rose scheiden.
Diese Dinge standen nicht in Franks Akte, diese Dinge wusste nur Claire. Wenn Frank Überstunden machte, und er machte jeden Tag Überstunden, blieb sie auch länger, half ihm bei der Korrespondenz mit Politikern und Konzernen, kochte literweise Kaffee, besorgte Fastfood vom Chinesen an der Ecke… und irgendwann war sie auch mehr für ihn da, als es ihr Arbeitsvertrag vorsah. Es entwickelte sich schnell eine tiefe Freundschaft. Unauffällig, distanziert aber respektvoll dem anderen gegenüber.
Die Wochenenden verbrachte er immer häufiger mit Claire in seinem Wochenendhaus.
Seine Villa am Stadtrand von Minneapolis wurde seiner Ex-Frau zugesprochen. Es interessierte ihn nicht mehr. Den Job machte er schon seit langem nicht mehr für Geld.
Wenn er mit Claire am Westufer des Lake Superior spazierte, konnte er neue Energie tanken, konnte er durchatmen. Sie war ein guter Zuhörer, auch wenn seine Themen sich meist nur um die Arbeit drehten, immer effektivere Mittel zu erfinden um Menschen zu töten. Tief im Inneren hasste Claire diesen Job.
Manchmal jedoch kamen die privaten Momente von Frank zum Vorschein und dann brach es aus ihm heraus. Unter Tränen verfluchte er sein Leben, den Tod seiner Freunde. Er gab sich immer noch die Schuld an der Explosion. Den Verlust seiner Frau, die er so über alles geliebt und es ihr doch niemals hatte richtig zeigen können. Und zu Letzt… seine Tochter wandte sich von ihm ab, verleugnete ihn. Seit der Scheidung vor sieben Jahren hatte er sie nicht mehr gesehen. Die Wochenenden waren am schlimmsten. Zuviel Zeit zum Denken. Einsamkeit und Depressionen forderten ihr recht ein…
Am Montagmorgen, nach einem einsamen Wochenende voller Alkohol und Kokain, schloss er sein Büro auf, ging zu seinem Schreibtisch, zog die oberste Schublade auf und nahm die Pistole hervor. Während er sich umdrehte und sich auf seinem Ledersessel niederließ lud er die Pistole durch und vergewisserte sich, dass eine Patrone in der Kammer war. Er rollte mit dem Stuhl zum Fenster, dicht an das Glas heran.
Achtzig Meter unter ihm pulsierte der Berufsverkehr. Auf den Bürgersteigen war hektisches Treiben. Er schaute in die aufgehende Sonne und spürte den kalten Stahl an seiner Schläfe.
Er krümmte den Finger seiner rechten Hand leicht, spürte wie der erste Sicherheitsrast der Pistole sich deaktivierte und das sanfte, fast zärtliche „klick“ auf seiner haut fühlte… noch zwei Millimeter ziehen, dann war er in einer besseren Welt… Der Stift würde auf den Patronenboden treffen, eine kleine Stichflamme frisst sich in die Hülse, entzündet das Pulver, Gase dehnen sich aus, es entsteht Druck. Das Geschoss löst sich von der Hülse, presst sich in die acht Züge und nur noch 114 Millimeter bis es auf den Knochen trifft, sich in tausende kleine Splitter verliert und den Kopf in eine rot weiße Masse verwandelt… er kannte das alles so genau. Es war sein Job. Es war sein Leben. Es wird sein Ende sein… noch einen Millimeter ziehen.
Die Sprechanlage knackte und Claire de Moin war am anderen Ende der Leitung. „Guten Morgen Frank, der Vize Präsident auf Leitung eins…“
Frank erschreckte sich dermaßen, dass er auf dem Stuhl verrutschte. Der Schuss löste sich und die Kugel verfehlte nur knapp seinen Kopf und schlug in das schwere dunkle Holz des Wandschranks ein. Das Piepen in seinem rechten Ohr war höchst schmerzhaft und so hörte er auch nicht wie Claire die Tür aufriss und in den Raum stürzte. Frank schaute sie an als wäre er gerade beim Klauen an der Tankstelle erwischt worden. Claire blickte voller Entsetzen und auch Angst auf ihn. Sie blieb einen Meter vor seinem Tisch stehen und beobachtete, wie er die Pistole wieder in die Schublade legte, sie sanft zuschob und den Hörer abnahm.
Er drückte die kleine blinkende Taste an seinem Telefon, drehte sich zum Fenster und sprach in das Telefon: „Guten Morgen Mister Biden Sir, Morton am Apparat. Was kann ich für sie tun?“ Claire drehte sich um, schloss die Tür seines Büros, setzte sich auf ihren Stuhl und brach in Tränen aus.
Sie mochte ihn sehr, vielleicht mehr als sie sich eingestehen wollte. Wenn sie mit ihm in der Kantine saß, und sie wieder das Ende der Pause verpassten, wenn sie an seinen Lippen hing wenn er erzählte, wenn sie in seine Augen schaute und dort einen anderen Frank entdeckte, einen fürsorglichen, liebevollen Frank…
Die sehr seltenen Wochenenden mit ihm waren jedes Mal eine Wohltat. Sie konnte dann selbst Ruhe finden. Die langen Spaziergänge am See, die Abende am Kamin in seinem Wochenendhaus. Irgendwie hatte Sie das Gefühl das er derjenige war, den sie gesucht hat. Das letzte Puzzleteil in Ihrem Leben.
Vor sechs Jahren hat sie sich scheiden lassen. Die kinderlose Ehe verlief höchst unharmonisch. Bob war ein Idiot und irgendwie passten sie doch nicht zusammen. Ihr tat es um die verlorene Zeit leid.
Zeit… eines ihrer Probleme. Ihr Job forderte Sie sehr. Bis spät abends im Büro. Manchmal die Wochenenden, wenn Frank mal wieder vor seiner Familie flüchtete. Dann die Geschäftsreisen. Eine Woche Paris, Deutschland, England und auch Asien… überall wo die großen Rüstungskonzerne ihre Standorte haben, da waren auch Frank und Claire von der Alliant Techsystems. Ihr Privatleben kam eindeutig zu kurz.
