Trainingslager - Dominik Bardow - E-Book

Trainingslager E-Book

Dominik Bardow

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Beschreibung

Verkatert erwacht Holger »Holle« Schneise in den österreichischen Alpen: Wie jeden Sommer ist der Reporter des Boulevardblatts Berliner Bote ins Trainingslager von Bertha HSC gereist, um über den größten und erfolglosesten Fußballklub der Hauptstadt zu berichten. Ein Alptraum für Schneise, der harte Arbeit ebenso verabscheut wie den Medienwandel in seiner Männerwelt, in der es nur noch um schnelle Klicks geht statt um echten Journalismus. Und war Fußball nicht auch mal basisnäher? Doch als er schon droht, den Frust und seine Karriere im Obstler zu ertränken, fällt ihm eine große Story vor die Füße: Halb trunken, halb träumend beobachtet er, wie der brasilianische Bertha-Star Jimmi das Mannschaftshotel verlässt und in einen Wagen gezogen wird. Ist er ausgebüxt – oder entführt worden?

Schneise beschließt, den verschwundenen Fußballer zu suchen, und erhält bald Hilfe von Influencerin Amira Brösel, Jimmis tougher Verlobter, die den faulen Reporter durch den alpinen Wahnsinn schleift. Welche Rolle aber spielen der Verein, Jimmis zwielichtiger Spielerberater und der russische Oligarch, der ebenfalls in dem österreichischen Dorf logiert?

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Seitenzahl: 352

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Alle Personen, Schauplätze, Firmen und Vereine in diesem Roman sind frei erfunden. Nach Kenntnis des Autors (der sich echt gut im Profifußball auskennt) und des Lektors (der super recherchieren kann) hat sich auch die beschriebene Handlung niemals so oder so ähnlich zugetragen. Autor und Lektor würden sich wünschen, dass das auch so bleibt.

Für Lina und Bruno

»Ich tue so, als schriebe ich über Fußball, aber ich schreibe, wie immer, über die Zeit, die verrinnt.«

Jean-Philippe Toussaint

»Ich denke, man lässt das alles nochmal Paroli laufen.«

Horst Hrubesch

Tag 1

nachmittags

Scheiße. Der Geruch war unverkennbar. Dung, um genau zu sein. Warmer Mist in der Sonne, die demnach hoch am Himmel stand. Dumpfes Glockengeläut, vereinzelte Muh-Rufe vor dem Fenster. Also Kühe. Vermutlich. Sicher sein konnte er sich da nicht.

Landleben lag Holle Schneise nicht. Er war im wunderschönen Ruhrgebiet aufgewachsen, mit Schloten statt Scheunen, und lebte im lauten Berlin, voller Baustellen statt Bauernhöfen. Er kannte nur ein einziges Tier: einen Kater. Seinen Kater.

Der Schmerz rumorte im Kopf. Da half nur: Augen zu und durchschlafen. Aber wie sollte das gehen, bei dem Muhen? Wenn es wenigstens das Rattern einer U-Bahn wäre oder das Grölen eines Punks. Aber hier war nicht Berlin, hier war …

Ja, wo zur Hölle war Holle? An dieser Stelle eine Randnotiz: Niemand nannte Holger Schneise »Holger«. Nicht mal er selbst. Und in Gedanken sprach Holle nur von sich in dritter Person, also so: ein Holle Schneise dachte an einen Holle Schneise. Eine Spätfolge des zu häufigen Anhörens von Fußballerphrasen.

Mühsam sperrte also ein Holle Schneise seine Augen auf. Über der Welt lag Nebel. In Unschärfe zeichneten sich Objekte ab: geblümte Bettdecke, ein Holzschrank. Schräge Zimmerdecke. Überall Holz, kitschig ohne Ende. Ganz klar nicht Kreuzberg.

Schneise schlief oft in der U-Bahn ein und wachte am Arsch der Heide auf. Doch dann wurde er von Kontrolleuren geweckt, nicht von Kühen. Und sich einfach so in ein fremdes Bett zu legen, wäre selbst für ihn ein neuer Tiefpunkt gewesen.

Er drehte sich panisch zur Seite. Da lag niemand. Er atmete auf. Im schlimmsten Fall hätte er mit einem Rind gerechnet. Holle war schon neben Schlimmerem aufgewacht. Aber noch nie an einem so seltsamen Ort. Was war das hier?

Er könnte aufstehen und nachsehen. Das wäre fast zu einfach. Und dennoch zu schwer. Sein Kater war nicht fertig mit ihm. Holle atmete gegen den Schmerz an. Und gegen die Übelkeit. Ein Aufstoßen folgte und verriet im Abgang: Obstler.

Aha! Er befand sich also … in Österreich!

Holle holte tief Luft. Landluft. Nein, schlimmer: Berg­luft. Kein Hauch von Abgas oder anderen Anzeichen von Kultur. Er befand sich an einem Ort, der jeden Ansatz abendländischer Aufklärung seit jeher an sich abperlen ließ: in den Alpen.

Schneise folgerte: Wenn er sich im Hochsommer in diesem ihm verhassten Hochgebirge aufhielt, konnte das nur zwei Gründe haben. Entweder Stau nach Italien. Oder aber Trainingslager. Ihm fiel alles ein. Er war hier wegen ihr. Der dicken Bertha.

Die Erkenntnis wäre leichter zu verkraften gewesen, wenn es sich bei Bertha, wie der Name vermuten ließe, um eine Kuh handeln würde, aber das war nur im weitesten Sinne richtig. Bei Bertha HSC handelte es sich um einen Fußballverein. Den größten Berlins gar, gegründet vor 120 Jahren, allerdings in Brandenburg, und benannt nach der Lieblingskuh des Gründers. Um dem Verein nach Eingemeindung in die Stadt mehr Relevanz zu verleihen, wurde noch HSC hinzugefügt: für HauptStadtClub.

Trotz verordneter Weltstädterei blieb der Klub tranig wie ein grasendes Rindvieh, daher der Spitzname »dicke Bertha«. Dass später ein berühmtes Geschütz so hieß, verhalf dem Verein kurzfristig zu mehr Popularität und einer Kanone im Klublogo.

Imagemäßig blieb Bertha aber so grau, wie es die Kombination der Vereinsfarben Schwarz und Weiß schon früh vermuten ließ. Bertha hätte dennoch schrulliger Kultverein sein können, aber der Anspruch in der Führungsetage lautete leider stets, als HauptStadtClub ganz nach oben zu gehören. Was dann nie so klappte.

Zu Heimspielen blieb die Tropen-Arena meist halb leer. Dabei hatte man, nachdem kein Grundstück in Berlin mehr frei war, viel Hoffnung in diesen Neubau in Brandenburg gesetzt. Doch der benachbarte Freizeitpark zog deutlich mehr Besucher an. Die Rückkehr ins Umland kratzte dazu am HauptStadtClub-Image.

Der Verein hatte dennoch so viele Fans, dass sich jede Zeitung in Berlin genötigt sah, täglich über Bertha zu berichten. So auch der Bote, ein Boulevardblatt alter Schule, für das Holle Schneise die Ehre hatte, seit fast zwanzig Jahren über Fußball zu schreiben. Und über Bertha.

Selbst die Saisonvorbereitung interessierte Fans so sehr, dass Zeitungen Reporter mit ins Trainingslager schickten. Viele Vereine fuhren im Sommer traditionell in die Berge. Die Abgeschiedenheit der Alpen bot alle Annehmlichkeiten. Hier konnten sich die sonst so abgelenkten Kicker völlig konzentrieren. Eine Woche lang nichts – außer Bertha HSC.

Holle wurde übel. Verzweifelt griff er auf den Nachttisch, doch die Flasche Obstler war leer. Er erinnerte sich dunkel: Die hatte er gegen Mittag geleert, zur Feier seiner Ankunft. Und eines neuen Rekordes. In fünf Stunden war sein Granada die 800 Kilometer von Berlin bis nach Österreich gerast.

Schneise hatte es eben eilig hinter sich bringen wollen. Als könne er eine ganze Woche hastig herunterschlucken wie den Wodka in seinem Flachmann, der gerade ebenfalls leer war. Natürlich war er nicht so wahnsinnig, dass er ab Abfahrt Schnaps trank, bei durchgehend Tempo 220. Nein, es waren nur acht Bier gewesen.

Seine Gastgeberin, die vermutlich melken oder mähen war, hatte ihm zur Begrüßung eine Flasche feinen Fusels an die Treppe gestellt, die hoch zur Kammer führte. Auf der Karte stand schnörkelig: Willkommen in Irrding! Genießen Sie’s Ihren Aufenthalt! Holle hatte das Papier zerrissen und die Flasche noch auf dem Absatz entkorkt, ein »Willkommen am Arsch« brummend.

Die süßlichen Fruchtaromen hatten Holle am Mittag sanft in komatösen Schlaf gestreichelt. Das Erwachen war umso härter. Der Nachteil am tagsüber Trinken: auch tagsüber ausnüchtern.

Aber Holle musste jetzt aufstehen. Bertha kam sicher gleich an. Die Mannschaft bezog ihr Quartier. Das war natürlich nicht hier, auf einem biederen Bauernhof, der Zimmer an Zeitungsschreiber mit knapper Kasse vermietete. Die Starkicker residierten standesgemäß auf einem Schloss.

Das Hotel Palais thronte auf einer Anhöhe über Irrding. Natürlich bezahlte Bertha das Schloss nicht. Auch den Flug nach Graz zahlte ein Sponsor: leider ein Billigflieger. Nach einigen Wackel-Flügen samt verschüttetem Kaffee, kotzenden Mittelstürmern und desinteressierten Stewardessen hatte Schneise beschlossen, nur noch mit dem Auto anzureisen.

Berthas Flug war gegen ein Uhr gelandet, die Busfahrt von Graz hierher dauerte zwei Stunden. Gegen drei müssten sie in Irrding eintreffen. Holle griff nach rechts zum Urzeit-Knochen, den er Handy schimpfte; es zeigte immerhin die Zeit.

Also, die Mannschaft kam um drei an … Jetzt war es 15:22 Uhr. Holles Körper klappte hoch wie ein Flugzeugsitz. Er musste los. Hektisch die Hose hochziehend hopste er ins Badezimmer.

Ein Blick in den Spiegel machte ihm das ganze Elend seiner Situation deutlich, aktuell wie generell. Holle erblickte einen Mann Mitte 40, der aussah wie Ende 50. Wenn die Ringe unter den Augen reden könnten, würden sie lieber schweigen.

Das Gebiss verriet regen Gebrauch von Kolonialwaren. Sein kantiges Gesicht mit stark gespannter Haut wurde umflossen von Haaren undefinierbarer Farbe, die nach Schuppenshampoo dürsteten. Für Hygiene hatte ein Holle Schneise kaum Zeit.

Er biss kurz auf die Zahnbürste und duschte mit Deodorant. Zum Finish setzte er eine Hornbrille auf. Sie sollte ihrem Träger eine gewisse Finesse verleihen. Tatsächlich sah Schneise aus wie ein intellektuelles Nagetier. Er bleckte zufrieden die Zähne. Look gelungen, würde ich sagen, sagte er sich.

Angezogen war er ja. Fehlte nur noch ein Accessoire, das einzige Kleidungsstück, auf das Holle Schneise wirklich Wert legte: eine Kopfbedeckung. In diesem Fall eine karierte Schiebermütze. Die passte hervorragend zum Trenchcoat, den er überwarf wie ein Superheldencape.

Er trat die Tür auf, obwohl da eine Klinke gewesen wäre. Und schreckte zurück. Ihm sprang grässliches Idyll in die entzündeten Augen. Den Balkon schmückten Geranien in Weiß und Rot, auf der Wiese grasten seine muhenden Nachbarn.

Geradezu verlief ein Kiesweg zur Landstraße, am Horizont erstreckte sich vor dem Reporter ein majestätisches Panorama aus schneebetupften Gipfelketten, das ihm als eingefleischtem Berliner einen Schauer einjagte. Holle hatte nur Augen für eines: seinen guten alten Granada.

Der parkte quer über Kiesweg und Kuhwiese. Ein Wunder, dass sein Fahrer ihn überhaupt noch zum Halten bekommen hatte, angesichts von Tachostand und Pegel. Der Granada hatte alles überlebt. Er war wie Holle: ein Unikat aus anderen Zeiten.

Schneise hatte sich sofort in die babyblaue Blechbüchse verliebt, als er sie vor Jahren bei einem Schrotthändler vor sich hin rosten sah. Er hatte ein Herz für Auslaufmodelle mit Ecken und Kanten. Er wusste nicht, wieso. Vielleicht waren es die nachgerüsteten 160 PS. Definitiv waren es die 160 PS.

Schneise fragte sich, ob er schon wieder fahren konnte. Der Wagen widersprach nicht. Also alles in Ordnung. Er fummelte den Schlüssel aus der Trenchcoat-Tasche, öffnete die Tür und wich erstmal einem Schwall Dosen, Bechern und Flaschen aus. Holle wühlte im Müll. Irgendwo musste sie sein … Da war sie! Eine alte CD, auf der krakelig gekritzelt Trance 98 stand. Der dumpfe Kopfschmerz, den der Bass des monotonen Techno-Klangteppichs hervorrief, verdrängte den stechenden Kater sofort. Jepp, er war wieder fahrbereit. Also auf zum Hotel.

Mit einem Tritt aufs Gaspedal, unter Volleinschlag des Lenkrades wendend, brauste Holle vom Hof. Als der Granada in die Landstraße einbog, hielt er mit Vollgas auf die Berge zu. Das Panorama klebte wie ein Schmierfilm an der Frontscheibe.

Irrding lag in einem Tal, das von oben aussah, als habe es ein Riese mitten in die Alpen gelatscht. Die unberührte Landschaft mit grünen Hügeln und kristallklaren Seen lade, so versprachen Tourismus-Broschüren, zum Entschleunigen ein.

Ein Albtraum für Menschen wie Holle Schneise. Betongebäude, Baustellen und Verkehrslärm, das entspannte ihn; selbst das Geschrei der Geisteskranken am Straßenrand, die riefen, das Ende sei nahe. Ein beruhigender Gedanke, wie Holle fand. Die Alpenidylle hingegen produzierte Stresshormone bei ihm. Die spitzen Kirchtürme sahen für ihn gefährlich aus, die Blumenkästen vor den Balkonen bedrohlich. Hier lauerten Spießbürger in jedem Winkel. Und in manchem Keller Kinder.

Das Einzige, was Schneise an Irrding schätzte, stand still und finster in der Ferne – der Grimmig. Am Rande des Tales ruhte er: groß und grau im Sonnenschein wie ein Monolith der schlechten Laune. Mit 2400 Metern Höhe hatte er die Gegend im Blick, gleichzeitig strahlte er eine gewisse Gleichgültigkeit aus, als ginge ihn der ganze Scheiß rundherum gar nichts an. Holle hatte gelesen, er sei der höchste alleinstehende Berg Europas. Wer dachte sich ernsthaft solche Superlative aus?

In alten Sagen hieß es, hoch oben auf dem Grimmig verberge sich ein Tor und hinter dem befände sich eine Höhle mit Zapfen aus purem Gold. Doch wer den Schatz erreichen wolle, müsse zuerst einen See durchqueren, der Menschen erblinden lasse. Das war natürlich alles Bull­shit, aber dem Grimmig war alles recht, solange es ihm die Touristen vom Leib hielt. All die Legenden, dass er ein Herz aus Gold habe: Der Berg wusste es besser. Schneise verstand das sofort, ohne Worte. Die beiden Einzelgänger verband eine Düsternis, die seine Seele wärmte.

Es gab Zeiten, da hatte Holles Herz höhergeschlagen und fast ohne Aussetzer, wenn er über Fußballvereine berichtete. Als er sich noch regelrecht gefreut hatte, den Spieler-Stars im Sommer näherzukommen. Was war er doch für ein Idiot gewesen.

Holle fand es vermessen, dass die Berliner hier residierten wie Royal Madrid. Ihr letzter Titel rührte aus einer Epoche, als die Fotos noch Berthas Trikotfarbe hatten: Schwarz-Weiß. Der Verein wurde seitdem von einigen zwielichtigen Gestalten gelenkt, die stets Großtaten ankündigten, und denen es am Ende gelang, mit Bertha bis in die Amateur-Liga abzustürzen.

Vor ihm am Horizont zeichnete sich das Hotel Palais ab. Die weißen Türme der Schlossanlage reckten sich zum Himmel, als wollten sie den Bergen trotzen. Aber so hoch war die Anhöhe nun auch nicht. Dafür fehlte es dem Etablissement sonst an wenig: Es war Golf-, Romantik- und Sportresort in einem. Das Schlosshotel umfasste Junior-, Komfort-, Superior-, Panorama- und Präsidentensuiten. Wobei letztere dem Präsidenten des Vereins vorbehalten war und die Juniorsuiten den Kickern.

Der Klub schaffte die Rückkehr in die Bundesliga, erreichte sogar den Europapokal. Allerdings unter kolossalen Kosten: irrwitzige Gehälter, Transferflops, Trainerwechsel, teure Abstiege und noch teurere Wiederaufstiege summierten sich zu einem Schuldenberg, der etwa so hoch war wie der Gebirgszug, der das Irrtal umfing und den Hotelhügel winzig wirken ließ.

Der Mannschaftsbus stand schon dort. Der schwarz-weiße Luxusliner parkte auf einem großen Kiesbett auf der untersten Ebene der seltsam verschachtelten Schlossanlage.

Hier hätte man eine herrliche Aussicht auf das Tal gehabt. Doch das Hotel Palais ging nach Westen, so hatten die Gäste den Grimmig im Blick. Oder besser: Der Berg hatte sie im Blick.

So wie die Presse die Profis. Holle wuchtete seinen Granada gekonnt in eine viel zu enge Parklücke und sah sie bereits alle aufgereiht am Bus stehen. Wie ein müdes Wolfsrudel im Zoologischen Garten, das auf die tägliche Fütterung wartete.

Als da waren: Timur Lang, Reporter bei der BUMS-Zeitung. Rolf Haberer vom Lokalanzeiger. Und Maximilian Jakobi von der Berliner Allgemeinen. Die üblichen Verdächtigen also. Gemeinsam lungerten sie oft beim Bertha-Training herum und warteten darauf, dass irgendetwas Interessantes passierte.

Abseits des Bundesliga-Rummels, wenn das Flutlicht ausging, war die Arbeit eines Vereinsreporters wenig glanzvoll: Da, wo Fernsehkameras meist fehlten, schlug die Stunde der Schreiberlinge. Große Momente des Herumhänge-Journalimus.

Diesmal waren aber auch andere Medien hier. Holle sah Susanne Redlich von der Berlinwelle, die an ihrem Radiomikro herumschraubte. Offenbar hielt sie bewusst Abstand von diesem rüpeligen Reporterpulk aus mittelalten Cis-Männern, deren schlimmstes Exem­plar fraglos Holle Schneise war. Etwas weiter parkte ein Bulli mit Satellitenschüssel am Dach. Offenbar war eine Live-Schalte für Pay News Live SD geplant, was sollte ein Sportnachrichtensender sonst senden? Holle erblickte sogar junge Knilche mit bunten Iro-Frisuren, die sich aufbauten und Aufgeregtes in Handykameras laberten: Videoblogger, die neueste Epidemie, offenbar unheilbar.

Schneise beschloss, all die Amateure zu ignorieren und zur guten, alten Zeitungsmischpoke zu gehen, deren Teil er wohl oder übel war. Eine Schicksalsgemeinschaft aus Getriebenen, immer auf der Suche nach der nächsten großen Story, meist aber nur ketterauchend herumstehend und sich gegenseitig schlechte Witze erzählend. Die übelsten kamen oft von Holle.

»Guten Tag, die Damen«, raunte Schneise in die Runde. Widerwillig begab sich der Bote-Reporter an seinen Stammplatz: Linksaußen in der Reihe, direkt neben Jakobi, weit weg von Rechtsaußen Lang, BUMS-Konkurrent des Boten.

»Holle, auch schon hier?«, sagte Lang und grinste sinister unter seiner Baseballkappe. Zumindest vermutete Holle das, denn Lang war so klein gewachsen, dass man sein Gesicht selten sah. »Harte Nacht gehabt?«, fragte der BUMS-Reporter.

Holle Schneise beschloss, die Bemerkung gekonnt zu ignorieren, und zündete sich eine Beobachtungs-Fluppe an. »Hab’ ich was verpasst?«, blies er als Frage aus.

Haberer blickte gar nicht erst von seinem Notizblock auf, als stünden dort Fakten, die nur er als echter Experte verstehen würde.

Es war ein seltsames Verhältnis, das Schneise mit den Reporterkollegen pflegte: Einerseits waren sie Konkurrenten, arbeiteten für verschiedene Zeitungen, mussten sich also gegenseitig ausstechen. Mit schnelleren, heißeren Infos. Nur waren andererseits die Infos oft belanglos: Wer war verletzt, wer angeschlagen, wer konnte am Wochenende spielen? Da konnte man sich genauso gut aushelfen. Saßen doch alle im selben Boot oder standen zumindest auf demselben Parkplatz herum.

»Spieler sind schon alle raus, Holle.« Jakobi legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter. Als er die Schuppenspur auf Schneises Schulter bemerkte, wischte der weißhaarige Reporterveteran die Pfote flugs am eigenen Leinenjackett ab.

»Waren doch eher da«, wusste Haberer, wie immer bestens informiert. »Hast wohl wieder mal alles verpasst, Holle.«

Erst da fiel Schneise auf, dass die Bustür offen stand. Alle Stars waren also schon ausgestiegen und ins Hotel stolziert. Hardt, Stern, Schnell, Jimmi, Castro, all diese klangvollen Namen, die außerhalb des Fußballs kaum jemand kannte und über die Bertha-Fans doch alles wissen wollten.

Der Bote-Mann verfluchte seine Verschlafenheit. Am Suff konnte es nicht gelegen haben – aber das Nickerchen danach war unnötig gewesen. Holle Schneise war sich sicher, dass seine Vorgesetzten dafür vollstes Verständnis haben würden.

Tag 1: spätnachmittags

Die Sonne über den Alpen war bereits im Sinkflug begriffen wie aktuell die Reporterkarriere eines Holle Schneise. Aber noch stand das Ding da oben am Himmel und strahlte, also war es noch nicht zu spät für einen Bericht im Boten.

Wenn es einen Meister im Improvisieren von Geschichten gab, dann war es Holle. Er würde schon an ein paar Infos kommen. Egal, musste er eben Jakobi fragen, ob alle Spieler dabei waren, irgendwer fehlte oder jemand an der Bustür umgeknickt war.

Doch offenbar hatten sich die Kollegen einen Scherz erlaubt, denn der Bus war mitnichten leer. Es kam noch jemand heraus. Zu Schneises Schrecken war es Jörg Patzke. Er blieb in der Tür stehen und funkelte vernichtend in Richtung Reporter. Patzke war Pressesprecher bei Bertha HSC. Der rundliche, behäbige, jedoch gleichzeitig griesgrämige Riese ähnelte auf verblüffende Art Bärito, dem zotteligen Vereinsmaskottchen.

Mürrisch watschelte der Patzkebär herüber zur Medienmeute. »Tach, die Kollegen …«, knurrte er, womit er klarstellte: Wir sind keine Kollegen. Der Einzige in der Runde, den der Pressebär nicht voller Verachtung anblickte, war Rolf Haberer.

Die beiden Männer hatten früher zusammen beim Lokalanzeiger gearbeitet. Patzke hatte damals derart wohlwollend über Bertha berichtet, dass der Verein gar nicht anders konnte, als ihn auch gleich offiziell zum Pressesprecher zu machen.

Holle hingegen würdigte Patzke keines Blickes. Dabei waren sie einst auch Kollegen, hatten zusammen am Platz gelauert. Lange her. »Wir wollen uns doch an die Regeln halten«, brummte Patzke und ermahnte, Abstand zum Bus zu wahren.

Plötzlich zogen Wolken auf. Der Himmel über dem Hotel Palais war gerade noch strahlend blau gewesen, doch mit einem Moment schien es, als hätte ein schwarzes Loch die Sonne geschluckt. Holle fröstelte es, Jakobi knöpfte sein Jackett zu. Nur Haberer nickte kundig.

Denn es verließ den Bus: Martin Laake. Der Geschäftsführer war beim farblosen Bundesligisten Bertha die blasse Eminenz im Hintergrund. Der Architekt dreier Abstiege, aber auch anschließender Aufstiege. Der Manager war schwarz gekleidet, sein Teint so weiß, dass Vampire dagegen gebräunt wirkten.

Laake schien sich meist zu ducken vor der Presse, doch war er lang und hager. Das führte dazu, dass er etwas gebückt ging. Krummer Laake, so sein Spitzname, auch wegen einiger krummer Deals auf dem Transfermarkt. Holle fiel auf, dass Laake gebückten Hauptes alles besser im Blick zu haben schien.

Die Reporter reckten ihre Aufnahmegeräte zum Manager, riefen ihm Fragen hinterher: »Herr Laake, wie wollen Sie diesmal die Klasse halten?«, »Herr Laake, ist es nicht zu heiß hier für eine geordnete Vorbereitung?«, »Herr Laake, hält Ihr Lichtschutzfaktor das aus?« Die letzte Frage kam von Holle.

»Ich muss doch bitten, die Kollegen«, sagte Patzke. Was er meinte: Es sei doch offensichtlich, dass der Verantwortliche des Vereins hier keine Fragen zum Verein beantworten werde.

Der Manager machte sich schnell davon. Kaum hatte er das Hotel betreten, schien die Sonne auf einmal wieder. Die Welt wirkte nun so freundlich und bunt. So hätte sie sein können.

»Die Herren, es gibt hier nichts mehr zu sehen«, stellte der Pressesprecher stellvertretend für die Presse fest. Anders ausgedrückt: Feierabend, verzieht euch.

»Hatte ja mal wieder viel zu sagen«, höhnte Holle und nickte seinen Kollegen zu.

Doch die standen nicht mehr neben ihm. Schneise schaute sich um und erkannte, dass alle Reporter zu ihren Autos eilten, dort aufgeregt telefonierten oder Laptops aufklappten und noch im Stehen begannen zu tippen. Was war in sie gefahren?

Ein Jüngling mit Gelfrisur baute sich vor einer Kamera auf und stotterte einen Aufsager: »Hier ist Pay News Live SD. Ich melde mich aus Irrding in Österreich, wo Bundesligist Bertha HSC soeben sein Trainingsquartier bezogen hat …«

Hatten alle den Verstand verloren? Wo war hier die Nachricht?

Holles Urzeit-Knochen klingelte. Widerwillig zog er den brummenden Brocken aus der Manteltasche. Auf der Anzeige stand, schwarz auf orange, der Anrufer, einst besoffen abgespeichert als ArScHgeIGe. Der Chef! Wider besseren Wissens nahm Holle den Anruf an.

»Schneeeiiiseee!!!«, schrie eine Stimme, so laut, dass Holle den Hörer vom Ohr hielt. »Wo zur Hölle bleibt mein Bericht?« Als Sportressortleiter beim Boten war Stephan Tretmann auch Schneises Chef. Vor allem aber war er unfassbar nervig. Am besten ignorierte man die Quäkstimme einfach. Oft wusste Tretmann eine halbe Stunde später schon nicht mehr, was ihm vorhin die allerwichtigste Story auf der Welt gewesen war.

»Bericht?«, fragte Schneise zurück, mit dem routinierten Widerwillen eines Chefreporters.

»Na, Bertha ist doch gerade angekommen«, säuselte Tretmann. Der kackfreundliche Ton war deutlich gefährlicher als das gewohnte Geschrei. »Läuft doch überall über die Ticker. Wir müssen ein Update nachlegen.«

»Was denn für ein Update?«, blaffte Holle. »Dass die aus einem Bus gestiegen sind? Komm schon, das ist doch albern!«

»Holle, du weißt schon, von wo ich anrufe?« Tretmanns Stimme klang gepresst – wie bei Geiseln, deren Entführer mithörten. Im Hintergrund herrschte aufgeregtes Gemurmel, ein Geklapper von Tastaturen, dazu Gebrabbel von Nachrichtensprechern auf Fernsehschirmen.

»Ach du Kacke, bist du etwa im Newsroom?!?«

Schneise war schon einmal dort gewesen im obersten Stock des Bote-Verlagsgebäudes. Er dachte mit Schrecken daran zurück. Man saß dort eng an eng in der Content-Galeere. Statt Trommeln trieb die dort Rackernden das Rattern der Nachrichtenticker an. Und statt Peitschen knallten einem die Chefs Klickzahlen um die Ohren.

Wenn Tretmann vom Sport hoch in den Newsroom zitiert wurde, wurde es eng für sein Ressort. Dann musste er bald bessere Zahlen liefern. Bilderstrecken mit halbnackten Cheerleadern reichten dann nicht mehr.

»Holle, ich bitte dich, wir brauchen Con–tent!«, flehte sein Vorgesetzter am anderen Ende der Leitung fast. Wenn er um etwas bat, musste es schlimm sein.

»Ihr kriegt morgen einen Bericht, vom ersten Training«, versprach Schneise. Er hoffte, das würde ihm einen freien Abend und etwas Zeit zum Ausnüchtern bescheren. Außerdem hatte Holle ja die Ankunft des Teams souverän verschlafen.

Nun ging die Stimme an Schneises Ohr von einem normalen Gesprächsbrüllen zu echtem Schreien über. Holle hätte Tretmanns Organ auch ohne Handy über die Alpen hallen hören. »Hör mal zu, du Vollfriseur: Die Klickzahlen sind im Keller, die Chefredaktion hat mich an den Eiern, die Sportredaktion steht vor der Fusion mit den Verkehrsnachrichten. Entweder du bringst mir eine Knallerstory oder du sitzt künftig hier oben im Newsroom und bastelst Bilderstrecken, bis du keine Cheerleader-Ärsche mehr sehen kannst. Capisce?« Es klickte im Knochen. Tretmann hatte offenbar aufgelegt.

Die Warnung hatte gesessen. Schneise wusste, was die Stunde geschlagen hatte: Er brauchte einen Scoop. Keine verletzten Linksverteidiger oder Transfergerüchte über Nachwuchsspieler aus Nordmazedonien. Nein, er brauchte einen echten Knüller. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Das war es: stehlen!

Holle ging hinüber zum Granada und öffnete den Kofferraum. Mit einem Ruck zog er etwas aus dem Gerümpel, das aussah wie ein Grabstein. Er setzte sich auf die Kofferraumkante, seine Beine sackten unter dem Gewicht des Geräts zusammen.

Der Bote wollte Innovationsführer am Berliner Medienmarkt sein, aber die Technik stammte aus dem letzten Jahrhundert. Der Schlepptop wog wohl gut und gerne 15 Kilo, dafür hielt der Akku bestimmt eine halbe Stunde. Das reichte Schneise.

Nach zehn Minuten und fünf Zigaretten erblickte der Reporter den Startbildschirm, ein Modem quälte sich mit letzter Kraft dem World Wide Web entgegen. Dann sah er eine Auflistung aller Nachrichten aller Portale, die über Bertha HSC berichteten. Praktisch, dieses Internet. Irgendwo sollte ja eine Meldung sein, die er klauen konnte.

Hm, nichts … Überall das Gleiche. Abgeschriebene Gerüchte, gecopypastete Pressemitteilungen des Vereins. Überschriften wie: 10 Gründe, warum Bertha nicht gleich wieder absteigt. Nummer neun wird Sie überraschen, Nummer zehn deprimieren.

Holle klappte den Schlepptop zu und die Kippenschachtel auf. Den Käse konnte man sich echt sparen, dachte er rauchend. Richtige Storys, die kriegte man eben nur, wenn man noch selbst hinsah, nicht einfach von anderen abschrieb oder zusammenfasste, was eh schon alle wussten. Man musste sich an den Ort des Geschehens begeben und mit den entscheidenden Leuten sprechen. Nur leider sprachen die nicht mit Schneise.

Zumindest nicht die Verantwortlichen bei Bertha. Er war dem Verein zu kritisch. Dabei machte er sich nur über die dicke Bertha lustig. Er erinnerte sich, wie er einmal einen Baum am Trainingsplatz interviewt hatte, weil die Stürmer oft mehr ihn trafen als das Tor direkt davor. Es folgten ein Wutanruf von Jörg Patzke und wochenlanger Tinnitus im Reportergehör.

Humor half Holle, sich das ganze Elend einigermaßen erträglich zu halten. Seit zwanzig Jahren immer dasselbe …

Schneise schwor sich: Wenn er noch einen Fußball-Profi sagen hörte, er werde »im Training Vollgas geben« oder »sich auf dem Platz nicht verstecken«, würde Holle sich im Granada verstecken und Vollgas geben, auf irgendeinen Abgrund zu …

Er hockte sich hinters Steuer und seufzte etwas zu laut.

Es gab immerhin einen, der ihn verstand. Der genauso flach war wie Holles Witze. Der Reporter zauberte ihn aus der Innentasche seines Trenchcoats. Das Fläschchen funkelte in der Abendsonne. Ein Boxenstopp vorhin hatte den Flachmann frisch gefüllt. War Alkohol hier wirklich die Lösung?

Egal, Holle hatte schon angesetzt. Und fühlte sich sofort besser. Stark einen sitzen, alle Termine vergessen haben. Das war seine Definition von Reporterglück, dachte er noch, als der reaktivierte Restalkohol ihn in sanfte Träume zwirbelte.

Während er zwischen die Sitze sank, hob Holle zugleich ab. Majestätisch wie ein trunkener Adler schwebte er über dem Irrtal. Von hier hatte er alles im Blick: die Berge, die Wälder und Felder. Seinen Gasthof, ja ganz Irrding: den Ort, die Anhöhe, das Schlosshotel. Parkplatz mit Bus, sein Auto. Es schien alles so friedvoll und gar nicht mehr beschissen.

Dann sah er etwas: Ein Umriss bewegte sich am Hinterausgang des Hotels. Offenbar war er zu faul, in die Sonne zu treten. Das konnte nur Jimmi sein. Was machte der denn hier alleine?

Schneise wusste selbst im Schlaf: José Iago Marcelo de Máximo Ingênuo, kurz Jimmi genannt, war Spielmacher bei Bertha HSC. Der Brasilianer hatte die Berliner mit 20 Toren und 18 Assists fast im Alleingang zum Aufstieg geschossen. Der Mittelfeldregisseur galt als genial – auf dem Rasen.

Den Kopf aus der Tür streckend, blinzelte Jimmi ins Licht, den Mund weit offen. Er trug eine umgedrehte Baseballkappe und Badelatschen. Der Kindmann mit Bauchansatz sah eher aus wie ein Rio-Tourist als wie ein Samba-Kicker vom Zuckerhut. Also, austrainiert ging anders. Doch sobald Jimmi seine Latschen gegen Fußballschuhe tauschte, wirkte er wie ausgewechselt.

In der ersten Saison in Berlin war er noch durch deutlichere Gewichtsprobleme aufgefallen und als Rechtsverteidiger mit Orientierungsschwierigkeiten, der irrtümlich die linke Seite beackerte. Doch in Saison zwei, in Liga zwei, lief es besser. Jimmi fabrizierte Traumtore mit seinem linken Zauberfuß und Laufwerte, die immerhin als akzeptabel galten. So mutierte er zum Idol aller Bertha-Fans. Vor allem Kinder liebten den 27-Jährigen abgöttisch, weil er aussah wie das Plüsch-Maskottchen im Fanshop.

Verzeihung, den 28-Jährigen: Jimmi hatte ja heute Geburtstag.

Herzlichen Glückwunsch, kleiner Fresssack, dachte Holle in seiner adlerhaften Anmut. Er gönnte plötzlich jedem alles, auch Jimmi, der hier wohl nur nach etwas Essbarem suchte. Am Hotelausgang stand ein Snackautomat, der ihn magisch anzog.

Da fiel Holle ein weiterer Wagen auf, der über den Parkplatz schlich wie ein Panther. Das Gefährt war vollkommen schwarz, mit abgedunkelten Scheiben. Auffällig unauffällige Karre, allerdings klobig wie ein Panzer. Ein überdimensionierter Geländewagen, wie ihn grüne Großstädter zum Biomarkt fuhren.

Völlig lautlos bewegte sich dieser Panzerpanther auf den Hoteleingang zu. Musste ein Elektromotor sein, stellte Adler Holle angewidert fest. Und noch etwas: Er fuhr auf Jimmi zu! Schneise beschlich ein eher ungutes Gefühl. Lauf, kleiner dicker Freund, lauf! Doch der Snacksuchende hörte ihn nicht.

Der Wagen hielt vor Jimmi, die dunkle Scheibe fuhr herunter. Holle sah Metall aufblitzen. War das ein Messer? Fand hier ein Attentat auf Berthas besten Spieler statt?

Es war … es war … ein Tortenheber! Zu einer Geburtstagstorte: schwarz-weiße Sahne, Schicht auf Schicht, mit Kerzen darauf. Jimmi grinste wie ein Kind, schnitt das Naschwerk an, schob ein großes Stück in seinen Mund und lächelte verschmiert.

Es war also doch ein Attentat: ein Attentat auf sein Sportlergewicht.

Da war doch die Story! Der Spielmacher mit Moppel-Ich ließ heimlich Süßkram liefern. Fit für die Saison – Pustekuchen! Holle sah die Titelseite vor sich: Ein Foto von Jimmi mit Sahne-Mund und überraschtem Gesicht, darunter in dicken Lettern: Verschlemmt Bertha-Star HIER den Klassenerhalt?

In diesem Moment ging die Autotür auf und Jimmi verschwand.

Alles war so schnell gegangen, dass Holle es von oben kaum erkennen konnte. War Jimmi eingestiegen oder in den Wagen gezogen worden? Der Bote-Adler kam herabgesegelt, bereit einzugreifen, er schrie: »Neeeeiiiiin! Meine Stooooryyyyy!!«

Der Reporter erwachte in einer Lache aus Sabber und Schweiß. Seltsamer Traum, alles wirkte so real. Ruckartig klappte Schneise den Fahrersitz hoch und schaute aus seinem Fenster. Da war wirklich ein Geländewagen! Er parkte am Hotelausgang. Kaum hatte Schneise das schwarze Ungetüm erblickt, ließ es den Motor aufheulen – wenn es denn kein Elektroauto gewesen wäre. So surrte der Wagen nur leise davon.

Das konnte Holle nicht zulassen. Er nahm die Verfolgung auf. Etwas stank gewaltig, nicht nur die Luft in Schneises Auto. Der Granada führte vor, wie sich ein echter Motor anzuhören hatte. Er stieß eine schwarze Wolke aus, die Räder drehten durch – und kamen nicht vom Fleck. Der Wagen saß auf dem Kiesbett fest.

Schneise sah dem SUV verzweifelt hinterher. Durch die dunkle Heckscheibe erkannte er noch einen Umriss, der eine sahnige Kuchenhand ausstreckte, als würde sie winken: Jimmi! Der Spieler, seine Story! Sie waren wirklich da drin, dachte Schneise. Er sah beides im Panzerwagen vom Parkplatz fahren.

Tag 1: abends

Verdammt! Schneise saß noch immer in seinem Wagen, wie ein verhinderter Stalker. Rund um das Hotel dämmerte es schon.

Hatte Holle nur geträumt? Wurde Jimmi entführt oder war er freiwillig geflohen? Und war Holle jemals ein Adler gewesen? Fragen über Fragen, sein Kopf schwindelte ihm etwas. Sein Gedächtnis auch? Warum hatten seine Räder blockiert?

Schneise riss die Tür auf, lief um seinen Granada herum und schaute darunter nach. Auch das noch! Der Schlepptop lag vor einem der Reifen. Holle hatte den Klotz dort liegen lassen.

Der Reporter sank zu Boden. Er lehnte sich ans Heck, zündete eine Ziese an, blies den Frust aus. Holle rauchte vor Wut. Warum passierte das nur ihm? Eine Story fiel vor seine Füße, aber er stellte sich selbst ein Bein, statt sie aufzuheben. Der Scoop wäre exklusiv gewesen, keiner hatte die Entführung gesehen – außer dem Boten. Er sah hinüber zum Hotel Palais.

Holle hätte den Verein über das Vergehen verständigen können. Doch bei dem Gedanken, der Bertha einen Gefallen zu tun, drehte sich ihm der Magen noch mehr um, als er es ohnehin schon tat. Er könnte die Polizei alarmieren oder, noch vernünftiger, die Redaktion. Aber wer würde schon einem Säufer glauben? Schneise traute sich ja selbst nicht ganz.

Hatte er sich die Szene nur eingebildet? Er fingerte seinen Knochen aus der Manteltasche. Selbst wenn er gewusst hätte, ob das Ding Fotos macht: Man hätte nichts erkannt. Ohne Beweise gab es keine Story. Was war wirklich passiert?

Machte Jimmi nur eine Spritztour, blieb er dauerhaft fort? Wenn Bertha wirklich der beste Spieler fehlte, würde das bald irgendwem auffallen. Nur wem und wann? Wenn es erst alle bemerkt hätten, wäre Holles Vorsprung in Luft verpufft.

Es wurde allmählich Abend in Irrding. Lila Wolken legten sich sanft aufs Tal wie steirische Bauern zu ihren Schafen. Der Horizont schluckte die sinkende Sonne, bis die Berggipfel orange und rot glommen. Der Grimmig stand wie in Flammen.

Wunderschön und bedrohlich zugleich. Dem Alpenglühen konnte Schneise trotz Vorglühen aber nicht viel abgewinnen. Er hing finsteren Gedanken nach. Nahmen die Berge die Sonne gefangen? Oder büxte sie jede Nacht aus, um aus den Alpen zu entkommen?

Zumindest der Sache mit Jimmi würde er auf den Grund gehen. Schneise schwor, unter jedem Stein in Irrding nachzuschauen, ob sich darunter nicht ein Brasilianer verbarg. Der Reporter würde keine Sekunde ruhen, bis er seine Knallerstory hatte.

Zufrieden mit seiner Zuversicht nickte er dem Grimmig zu, der darauf nicht reagierte. Holle wusste bereits, wo er die Suche beginnen würde. Geschickt fingerte er den Flachmann aus der Innentasche und schraubte den Deckel auf.

Irrding war überschaubar. Wer zu schnell fuhr, verpasste es. Also schaltete Holle am Ortseingang auf Tempo 70 herunter. Fast alle Häuser hatten die hölzernen Läden zugeklappt, es dämmerte ja bereits. Was hätte Holle nur für einen schönen Berliner Späti gegeben. Hatte denn gar nichts mehr offen? Wenn Jimmi wirklich nur Abwechslung suchte: Wo bitte hier?

Das ganze Tal schien in drückendem Abendblau zu versinken. Warum hatte Holle in einer so lauen Sommernacht, die man so herrlich hätte drinnen verbringen können, nichts Besseres zu tun, als herumzufahren und verschwundene Fußballer zu suchen? Warum hatte er generell nichts Besseres vor? Die letzten 20 Jahre hatte Schneise sein Leben und seine Leber diesem Beruf gewidmet, eine Ehe darüber zugrunde gehen sehen. Und wofür?

Wieder mal ein Trainingslager in Österreich. Diese Dörfer sahen ja alle gleich aus. Genau das war nun Holles Vorteil. Er wusste, wohin ausgebüxte Fußballer auf Entertainmentjagd sich gern verzogen. War auch nicht schwer, wenn es nur eine Kneipe im Ort gab. Jimmi bildete da sicher keine Ausnahme. Auch wenn Alkohol ihn wohl weniger lockte als etwas Essbares. Vorausgesetzt, der Star floh freiwillig. Und vorausgesetzt, Holle hatte sich den ganzen Vorgang nicht bloß eingebildet.

Leider hatte wie gesagt alles zu in Irrding. Halt, hier brannte noch Licht: Gasthof Hackl stand an einer Blockhüttenkonstruktion am Ortsausgang. Holle hielt mit einer Vollbremsung an. Und stellte sich quer, auf diese Art zwei Behindertenparkplätze vor der Hütte belegend.

Das Innere des Hacklhofes wäre mit »rustikal« zu soft umschrieben. An hölzernen Wänden hingen Geweihe und Tierköpfe, als wären sie Teil der Speisekarte. Holle sah viel grünen Filz, konische Hüte mit Vogelfedern und alte Männer mit gezwirbelten Schnurrbärten. Die Einheimischen ähnelten einander, als habe man lange im gleichen Genpool geplanscht.

Jimmi befand sich definitiv nicht darunter. Der Brasilianer wäre aufgefallen wie ein Meerschweinchen im Kartoffelsalat. Die Irrdinger saßen unter sich und tuschelten in Bierhumpen, wo ihre Gedanken zumindest besser aufgehoben schienen als im Internet.

Mitten in dem Inzestfest saßen Haberer, Jakobi und Lang. Was machten seine drei Reporterkollegen hier, fragte sich Holle. Dann erinnerte er sich: Sie waren im Gasthof untergebracht. Ihre Zeitungen hatten ein Budget – im Gegensatz zum Boten.

Die anderen Berliner Pressefuzzis fremdelten genauso wie er, sie hatten einen eigenen Tisch bezogen, verständlicherweise. Sie blickten sich verschwörerisch um, also: wie jeder hier. Worüber sprachen sie wohl? Wussten sie womöglich von Jimmi?

Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden – und an etwas Trinkbares zu kommen. Denn alle Plätze im Laden waren schon belegt. Schneise bekam nur vom Zusehen großen Durst. Also gesellte er sich zu den Kollegen, ohne eingeladen worden zu sein.

Er fiel in den freien Stuhl. »Was könnt ihr denn empfehlen?«, fragte er laut, um die plötzliche Stille zu brechen.

»Woanders zu essen«, antwortete Jakobi und klopfte Holle lachend auf den Rücken.

»Die Würste sind ganz gut«, sagte Haberer und sein Doppelkinn nickte.

»Frag nur nicht, was drin ist«, sagte Lang lächelnd.

Da kam schon der Wirt an den Tisch. Er trug eine bekleckerte Lederschürze, sein Gang war gebeugt, sein Gesicht blutleer. Er ähnelte eher einem Totengräber als einem Kellner, aber offenbar handelte es sich um den Eigentümer des Hacklhofs. Zumindest hing sein gräuliches Gesicht als Foto an der Wand.

»Woas doarf’s sein, da Herr?«, sagte der Wirt, der sich als Josef Hackl vorstellte, während sein Blick fragte, was ein Piefke hier wolle. Aber das bildete Schneise sich sicher ein.

»Ich habe Gutes über die Würste gehört«, sagte Holle und nickte Richtung Haberer.

Auf dem Gesicht von Hackl formte sich eine Art Lächeln, das Schneise schwer deuten konnte. »Goanz frisch«, sagte er und notierte die Bestellung.

»Und ein großes Bier … äh, Krügerl.«

Der Wirt nickte und schlich dahin wie ein schwindender Schatten.

»Sympathisches Kerlchen«, stellte Holle fest und steckte seine Kippe in den Mund.

»Nicht hier drin«, sagte Haberer und deutete auf ein Schild: Wenn Sie’s net rauchen würden, sehr verbunden.

Schneise steckte die Kippe hinters Ohr. »Schönes Scheißkaff«, sagte er, absichtlich etwas zu laut.

»Ach Holle, freu’ dich doch, hier zu sein«, sagte Jakobi großväterlich-gönnerhaft, lehnte sich zurück und holte tief Luft.

Alle ahnten, was jetzt kommen würde: eine Anekdote. Jeder am Tisch nahm jetzt schnell einen großen Schluck Bier.

»Ich weiß noch, wie ich in mein erstes Trainingslager fuhr. 1978 war das.« Mit dem Gestus eines großen Erzählers holte Jakobi aus, in eine Zeit, als eine Woche Sportschule Malente wie die weite Welt wirkte für den Sportreporter aus der DDR, der zur Feindbeobachtung über West-Fußball berichten durfte, um die Bevölkerung über die dortigen Zustände abzuschrecken.

Bei Jakobi hatte es nicht funktioniert. Er verband Bertha mit Freiheit. »Ist doch schön hier«, sagte er und nippte selig am Krügerl. Jakobi hatte etliche Spieler, Trainer und Vorstände erlebt. Das härtete ab. Bald war er Rentner und ihm alles egal. »Herr Ober, noch einen Obstler!«, rief er zum Hacklwirt und korrigierte, mit einem Grinsen: »Machen Sie vier draus, guter Mann.« Man musste Maximilian Jakobi einfach mögen.

Schneise entspannte sich. Offenbar wusste niemand von Jimmi.

Veteran Jakobi schnappte dem Wirt die Schnäpse vom Tablett. »Wer weiß, wie lange wir noch so zusammensitzen«, seufzte er. In den Augen lag eine Traurigkeit, die alle verstummen ließ. »Lasst uns anstoßen«, rief er laut, »auf die Zeit zusammen!«

Gläser klirrten, Rachen brannten, Zungen wurden lockerer.

Sie begannen, über früher zu sprechen. Jenes Früher, als sich Vereine und Spieler noch nicht in Hotelburgen abschotteten. Jakobi erinnerte daran, wie sie geholfen hatten, betrunkene Profis in Teppiche gewickelt aus Foyers und zurück zu schmuggeln.

»Und dann hat uns der Wolschke erwischt«, erinnerte sich Haberer, mit Tränen in den Augen.

Alle mussten lachen.

»Mach nochmal den Wolschke, Maxi!«, rief Lang aufgekratzt.

Sie hatten ihn alle noch erlebt: Manfred Wolschke, den alten Bertha-Patriarchen, 15 Jahre Manager und Macher des Vereins.

»Wos soll dos?«, sagte Jakobi plötzlich mit einer Stimme, die drei Oktaven tiefer klang als die eigene. »Wossen Sie, Herr Jokobi, ein goter Jornalost lässt auch mol ein poor Fokten weg und schroibt lieber mol wenoger ols er woiß.«

Es gab nun kein Halten mehr in der Runde. Holle hielt sich den Bauch vor Lachen. Die gute Stimmung schien ansteckend. Lang erinnerte sich, wie Wolschke oft wochenlang nicht mit kritischen Reportern sprach und sie dann zum Bier einlud.

»Wie er einem das Menü erklärt hat«, rief Haberer und klopfte sich auf die Schenkel.

Jakobi hielt eine imaginäre Speisekarte fest. »Es gobt hier oin Wold Country Chickon, dos ost oin woldes Londhohn.«

Holle lag fast unterm Tisch. Für einen kurzen Moment fühlte er sich wieder wie früher: Als die Reporter der anderen Zeitungen eher Kollegen waren als Konkurrenten. Als er tatsächlich noch ein bisschen Fan dieses Sports war. Als er den Fußball geliebt hatte.

Melancholisch schaute Schneise auf den Boden seines leeren Schnapsglases. Mit einem müden Winken bestellte er beim Wirt vier weitere. Und was immer die anderen trinken wollten.

Tag 2

morgens

Scheiße. Schon wieder. Kuhglocken, Kopfschmerzen, Kater. Holle Schneise bekam seine verkleisterten Augen kaum auf. Diesmal hatte er nicht einmal die Läden zugemacht, weswegen seine Augenlider versuchten, das Licht fernzuhalten. Vergeblich. Eine Mischung aus Reue und Restalkohol rumorte in ihm. Ein verhängnisvoller Cocktail. Vor allem auf nüchternen Magen.

Er drehte sich im Bett herum, bevor es sein Magen tun konnte. Warum nur wieder? Holle hatte doch große Pläne gehabt, wollte suchen, wühlen, graben. Nach Jimmi, dem angeblich entführten Fußballer. Hatte er ihn noch gefunden gestern?

Nein. Stattdessen war er abgestürzt. Hatte tief in Gläsern nach Hinweisen geschaut, sich abfüllen und unter den Tisch trinken lassen. Oder war es umgekehrt gewesen? Wer hatte hier wen ausgefragt? Was hatte er den Kollegen erzählt?

Er erinnerte sich. Keiner hatte etwas durchblicken lassen, außer einer beunruhigenden Trinkfestigkeit. Holle war wankend geflohen. War mit dem Wagen im Bergland herumgeirrt und wie durch ein Wunder noch zum Hof gelangt, wo er bis eben tief geschlafen hatte.

Nun war der Informationsvorsprung dahin. Wie sonst Bertha hatte er im Gefühl des sicheren Sieges den knappen Vorsprung verspielt. Wenn seine Kollegen von Jimmi wüssten, würde die Story der Entführung überall stehen. Überall außer im Boten.

Holle sah sich auf alle Ewigkeit im Newsroom angekettet. Als Klickvieh, um Content abgemolken wie Kühe hier im Stall. Es gab Aktivisten, die demonstrierten gegen Massentierhaltung. Aber was war denn mit Massenmenschhaltung in Großraumbüros?

Die Kuhglocken vor seinem Fenster klangen, als würden sie Schneises Schande anprangern. Doch das Geräusch piepste eher. Erst jetzt fiel ihm auf: Es handelte sich um einen Weckton. Immerhin hatte er noch daran gedacht, den Knochen zu stellen. Das Morgentraining der Mannschaft begann schon um 9:30 Uhr. Ein Pflichttermin. Womöglich waren dort weitere Hinweise zu ergattern, zumindest schuldete Schneise seinem Chef einen Bericht. Vielleicht könnte ihn etwas Content besänftigen.

Er schnappte sich das Handy und sah die Anzeige: 10 Uhr. Mist. Wo die Technik funktionierte, versagte der Mensch.

In solchen Momenten kam ihm eine Tugend zugute, die Holle mit dem Management von Bertha verband: Die Fähigkeit, sich auch die allergrößte Dummheit blitzschnell selbst zu verzeihen. Und in völliger Verblendung die Schuld woanders zu suchen.

Warum musste der Verein sein Training auch so früh ansetzen? So! Das fühlte sich doch gleich viel besser an. Zudem hatte die Redaktion bisher nicht angerufen. Das hieß, es war noch nichts herausgekommen. Zum Glück auch aus Holles Magen nicht.

Er nahm einen Schluck Obstler vom Nachttisch. Jeder, der behauptete, einen Kater mit Kontern zu bekämpfen, sei dumm, musste noch keinen Tag Trainingslager nüchtern durchstehen.

Mit der Geschmeidigkeit einer beschwipsten Gämse schwang sich Schneise aus dem Bett. Aalgleich schlüpfte er in Trenchcoat und Stiefel. Und suchte sich sodann einen neuen Hut aus. Die gestrige Schiebermütze hatte ausgedient. Stattdessen zog er ein echtes Schätzchen aus dem Köfferchen: einen hellen Strohhut, auf dessen Krempe Thai Whiskie stand. Ein Mitbringsel aus einem Urlaub, an den sich Holle nicht mehr erinnern konnte. Musste herrlich gewesen sein.

Beschwingt stolperte er die Treppe hinunter und erbrach sich fast ins Blumenbeet. Vor ihm stand die Bäuerin, eine alte Frau mit Kittel und Kopftuch.

»Grüaß Gott, Herr Holger«, sagte sie, in Verkennung der korrekten Abfolge von Vor- und Nachnamen.

Schneise versuchte, sich stehend tot zu stellen.

»Wenn ich’s Sie wegen da Rechnung oansprechen könnt …«, setzte seine Gastgeberin an.

»Geht an die Redaktion«, rief Holle, der sich aus seiner Schockstarre blitzschnell in Bewegung gesetzt hatte und geradewegs in den Granada glitt.

»Soso«, sagte die Landwirtin mäßig begeistert. Als ahnte sie, dass die Redaktion sie an Schneise zurückverweisen würde. »Und wenn Sie’s vielleicht net doas Auto immer quer in da Einfahrt …«

»Ja, ja, freilich«, versicherte Holle und rief: »Küss die Hand, schöne Frau, ihre Augen sind’s so blau.«