Tränen der Freiheit - Lisa Schneider - E-Book

Tränen der Freiheit E-Book

Lisa Schneider

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Beschreibung

Amerika 1861: Ein blutiger Krieg um Freiheit und Gleichheit und die Abschaffung der Sklaverei bricht aus. Mittendrin ein junges Mädchen auf der Flucht, zerrissen zwischen der Liebe zu einem feindlichen Soldaten und ihrem Freiheitswillen. Als der amerikanische Bürgerkrieg ausbricht, wird die 14-jährige Catherine von ihrer Mutter allein in einen Zug gesetzt, der sie in den sicheren Norden Amerikas bringen soll. Doch der Zug wird überfallen und Catherine in ein Gefangenenlager verschleppt. Ein junger feindlicher Soldat aber hilft Catherine zu fliehen. Auf ihrer abenteuerlichen Flucht begegnet sie dem fünfjährigen, verwaisten Sklavenjungen Bahati, der sie schon bald vor eine lebensgefährliche Wahl stellt … Die Geschichte ist packend und einfühlsam geschrieben – eindrucksvoll untermauert die junge Autorin mit „Tränen der Freiheit“ ihr enormes Erzähltalent.

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Seitenzahl: 523

Veröffentlichungsjahr: 2016

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1. Auflage 2016

Alle Rechte vorbehalten

© copyright byRiverfield Verlag, Baselwww.riverfield-verlag.ch

LektoratSusanne Dieminger, Friedberg (D)

Korrektorat & Satzihleo verlagsbüro – Dr. Oliver Ihle, Husum (D)

UmschlaggestaltungHauptmann & Kompanie, Zürich (CH)

E-Book Programmierung Dr. Bernd Floßmann (D)

Made in Germany

ISBN 978-3-9524523-9-4 (E-Book)

ISBN 978-3-9524523-8-7 (Print)

Tränen der Freiheit

Prolog

Vicksburg, Mississippi, Herbst 1933

Langsam und mit Bedacht, die Hände hinter dem Rücken zusammengefaltet, setze ich einen Fuß vor den anderen. Ich betrachte wie früher die herbstliche Welt. Die Bäume, die die gepflasterte Straße links und rechts säumen, tragen ihr buntes Kleid nun in allen Farben. Einige Blätter erscheinen in einem zarten Gelb, sodass man denkt, bei ihrem Anblick in die Sonne zu schauen; andere tragen eine rubinrote Farbe, als wären sie das Feuer selbst. Wieder andere sind schon zu Boden gefallen und setzen dort braune Akzente.

Als ich die Landschaft wieder vor mir sehe, die Landschaft meiner Jugend, jagt mir ein kalter Schauer über den Rücken.

Ich muss plötzlich an die Stimme denken, die ich vor wenigen Tagen im Radio gehört hatte: »… Macht brauchen wir, um unseren Lebensraum zu erweitern …« Ein Rauschen hatte die Stimme unterbrochen, es knisterte und dann sprach die Stimme weiter: »… Andersrassige wie Neger und Juden sind …«, erneut übertönte ein Rauschen die Stimme, bevor Tausende begeistert »… Sieg Heil … Sieg Heil …« aus dem Radio schrien. Die Bedeutung der Worte hatte ich nicht völlig verstanden, doch die Botschaft, die dieser Mann mit seiner krächzenden Stimme in die Welt hinausschrie, war mir mehr als klar: Hass! Lernen die Menschen denn nie aus den Fehlern der Vergangenheit?

Ein kühler Windhauch wirbelt die Blätter durcheinander und erinnert mich daran, weshalb ich den weiten Weg hierher auf mich genommen habe. Langsam gehe ich ihn weiter. Dicht hinter mir folgen die anderen, die Köpfe nachdenklich zu Boden geneigt.

Nach wenigen Minuten mache ich halt, stütze mich an einen Baum zu meiner Rechten und lasse meinen Blick nach vorn über eine weite, grüne Wiese schweifen.

Dann gehe ich noch ein paar wackelige Schritte und bleibe vor einem der unzähligen Grabsteine stehen. Die Inschrift auf dem grauen Stein ist alt und verwittert, meine Erinnerung daran jedoch so frisch, als sei alles erst gestern geschehen.

»Ich bin zurückgekommen«, flüstere ich lächelnd und mit Tränen in den Augen. »Ich bin wie versprochen zurückgekehrt!«

Nach einer Weile drehe ich mich langsam um. Die anderen, die mich mittlerweile eingeholt haben, sehen mich erwartungsvoll an. Ich beginne zu erzählen, aber meine Stimme bebt.

»Nach all den Jahren bin ich … nun wieder hier. Trotz meines Versprechens … hätte ich nie geglaubt, dass ich die Kraft dazu finden würde. Doch vor meinem Tod möchte ich, dass ihr alles erfahrt!« Ich stocke, schließe die Augen, bevor ich wieder Kraft finde und sie erneut öffne. »Der Krieg ist wie Feuer … Man weiß, dass man nicht damit spielen darf, dennoch tut man es. Ich frage mich, weshalb man es tut. Liegt es an der Neugierde des Menschen, an unserem Hochmut? Oder liegt es daran, dass wir immer alles beherrschen wollen, was uns nicht gehört? – Ich weiß es nicht. Ich wusste es nie. Doch ich weiß, dass wir mit dem Feuer spielen, bevor wir einen Brand verursachen, und ich weiß, dass dieser Brand Narben hinterlässt. So zumindest war es bei mir.«

Mein Blick verliert sich immer mehr in der Weite und ich spüre, wie ich in die Vergangenheit zurückgleite, während ich zu erzählen beginne.

 

 

Teil 1

Das Spiel mit dem Feuer

Kapitel 1

Lawrence, Kansas, 1858

Eine milde Brise umspielte die Festbesucher, blies ihre Haare durcheinander, hob die mondbeschienenen Blätter vom Boden in die Höhe. Die aufwirbelnden Blätter zwischen den freudigen Menschen und deren hastigen Tritten schienen zu tanzen, gehorchten dann immer wieder der Schwerkraft und sanken zu Boden. Dies aber schien nur mir aufzufallen – derjenigen, die immer alles »begreifen« wollte, wie Mrs. Darwinson nicht müde wurde zu sagen. Ich solle nicht immer alles hinterfragen und wissen wollen, herrschte sie mich oft an, und dies stimmte mich manchmal wütend und auch traurig. Doch auch wenn sie wohl recht damit hatte – und sie hatte recht, denn ich wollte immer alles wissen! –, munterte mich Mutter jedes Mal wieder auf.

An das dachte ich, während mich Mutter an der einen und meinen Bruder Matthew an der anderen Hand durch das Getümmel zog. Meine braun gelockten Haare wehten im Wind, der zwischen den Menschen hindurchblies und meine weiße, mit Sommersprossen übersähte Haut erzittern ließ. Meine kleinen Finger hielten die meiner Mutter fest umschlossen, meine Blicke schweiften wild umher. Die freudigen Gesichter der Menschen ließen Matthew und mich erstrahlen, und die Lichter, zusammen mit der fröhlichen Musik und den blond flatternden Haaren unserer Mutter vor mir, erfüllten mich mit einem tief empfundenen Glücksgefühl.

Während uns immer mehr Menschen entgegenkamen und gelegentlich mit uns zusammenstießen, beschleunigte Mutter ihren Gang und führte uns zu einem ruhigeren Platz. Dort griff sie in ihre alte, lederne Tasche und reichte uns je ein Stück warmes Brot, an dessen köstlichen Duft ich mich bis heute erinnern kann. Sie lächelte sanft, als sie unsere strahlenden Gesichter sah.

Und während ich ihren Blick erwiderte, wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie schön sie war: Sie hatte bernsteinfarbene Augen, bei deren Anblick einem ganz warm wurde, eine gerade Nase und wunderschöne Haare, die sich wie geschmolzenes Gold über ihre Schultern ergossen. Als Mutter mich in diesem Moment anlächelte, setzte sich der sehnsüchtige Wunsch in meinem Herzen fest, dass diese dunkle und doch so strahlende Nacht nie wieder enden sollte!

Matthew und ich waren noch jung damals, er 13 und ich gerade mal 11 Jahre alt, und doch würden wir nie wieder den wundervollen Duft von geröstetem Brot und das Gefühl von Freiheit unter einem nächtlichen Sternenhimmel vergessen.

Wir schrieben damals den 1. September 1858. An diesem Tag kam in Vicksburg, Mississippi, in einer morschen Hütte ein Sklavenjunge zur Welt – ein Sklavenjunge, der mein Leben von Grund auf verändern sollte.

 

Kapitel 2

Zwei Jahre später, Oktober 1860

»Die Schwarzen sind schlecht!«, rief Mrs. Darwinson durch das hell erleuchtete Klassenzimmer.

»Schwarze sind schlecht und wertlos!«

Ihre Worte drangen immer und immer wieder aus ihrem zu einer feinen Linie zusammengepressten Mund. Wie eine Schlange erreichten sie zuerst Fenster, dann Tische und Stühle, bevor sie als eiskalter Hauch in meine Ohren drangen und mich jedes einzelne Mal erzittern ließen. Ich fühlte mich so wehrlos, so zurückgelassen und allein, als sie mit energischen Schritten unsere Stühle abklapperte, mit dem geraden Holzstock in den Händen im Takt klopfte und allen Kindern die Worte zwanghaft aus ihren Mündern presste.

Alle hassten sie. Sie erschien uns wie ein Monster, eine Kreatur des Bösen, und doch wagte es niemand, das Wort gegen sie zu erheben, niemand war mutig genug, aufzustehen und zu gehen. Niemand.

Noch heute kann ich mich an die Worte meines Vaters erinnern, als er mich ein letztes Mal in seinen schützenden Armen hielt, bevor er in den Krieg zog. Da muss ich etwa vier Jahre alt gewesen sein. Mutter und Vater hatten sich wenige Tage davor in der Küche gestritten, während Matthew und ich gelauscht hatten. Matthew hatte mir befohlen, ganz leise zu sein, und ich tat es, nicht weil ich Angst hatte, sondern einfach weil ich den Worten Vaters horchte, der Mutter erklärte, dass es seinem guten Freund in Südamerika sehr schlecht ginge und die Leute dort auf militärische Hilfe angewiesen waren. Es herrschte Krieg zwischen Brasilien und der Argentinischen Konföderation. Vater war ein überzeugender Redner, dennoch gelang es ihm nicht, Mutter zu beruhigen. Sie weinte, machte eine Pause und fragte immer wieder das Gleiche: Wieso um Gottes Willen Vater in einen Krieg eines anderen Volkes ziehen musste? Vater hatte nur gelächelt, ihr eine Träne aus dem Gesicht gewischt und leise die Worte geflüstert: »Weil ich helfen kann.«

Und so hatte er entschieden zu gehen. Vor seiner Abreise frühmorgens hatte er mich zuerst zärtlich umarmt, bevor er mir, seinen Mund ganz nah an meinem Ohr, einige Worte zuwisperte. Er sprach so leise, dass ich seine Worte mehr erahnen als verstehen konnte.

»Du darfst dich nie ergeben! Kein Mensch auf der Welt hat das Recht, dir vorzuschreiben, was du zu tun und zu lassen hast, Catherine!«

Ich war so überrascht gewesen, dass ich nur wie angewurzelt dastand und nickte. Meine Augen füllten sich mit glitzernden Tränen. Doch als er mit seiner Ausrüstung zur Tür schritt und mich ansah, konnte ich an seinen Lippen ablesen, wie er vor sich hin murmelte: »Bleib stark!« Er hatte es mehr zu sich selbst gesagt, doch seit diesem Tag wusste ich, dass Vater das Beste gewesen war, was Mutter hatte passieren können. Und nun war er verschwunden und Mutter allein.

Ich hasste mich dafür, Mrs. Darwinson nie meine Meinung zu sagen, genau wie die anderen Schüler, die jeden Tag mit gequälten Blicken ihren Aufforderungen gehorchten. Doch ich, als dreizehnjähriges Mädchen, was sollte ich schon gegen sie ausrichten können? Es war mir nicht erlaubt, mein Wort gegen sie zu erheben, und deshalb schwieg ich, tagein, tagaus. Schon viele Male hatte ich versucht, den Mund aufzumachen und ihr zu widersprechen, doch jedes Mal, wenn ich in meinem Kopf verschiedene Silben gebildet und zusammengesetzt hatte, verschluckte ich sie in der darauffolgenden Sekunde wieder. Und um ehrlich zu sein, war die Situation doch zu abwegig: ein Mädchen, das eine Lehrerin belehren wollte!?

Das immer näher kommende Klappern ihrer Schuhe und ein unmittelbar folgender lauter Knall rissen mich blitzartig aus meinen Gedanken. Ich blickte auf und sah Mrs. Darwinsons Kopf direkt über mir. Sie war schon älter, ich schätzte sie auf etwa Ende fünfzig. Ihre grauen Haare, die keine einzige Welle zu haben schienen, waren stets streng nach hinten gebunden, sodass keine einzige Strähne ihr Gesicht stören konnte. Sie hatte blaue, eiskalte Augen, die ihr Gegenüber zu durchdringen schienen und dazu zwangen, ihr zu gehorchen. Es mag ein wenig merkwürdig klingen, doch es war unvermeidlich, dass einem bei ihrem Anblick immer ein kalter Schauer erfasste – es fühlte sich an, als würde eine giftige Schlange sich am Rücken hinunterschlängeln und dann, unten angekommen, mit spitzen Zähnen ihr Gift ins Fleisch stoßen. Ein Gift, welches das Gehirn ihrer Opfer verdunkelte und sie auf ihre Seite zwang. Genau so empfand ich diese Frau: als eine gefährliche Schlange mit einem noch gefährlicheren Gift. Jetzt wurde mein Blick von ihren eiskalten, magischen Augen gebannt, bevor mich ihre zischenden Worte erreichten.

»Mrs. Lanchaster, ich höre Sie nicht den bekannten Satz sagen. Wollen Sie etwas anderes vortragen?«

Ich erschrak ob der hinter ihren Worten liegenden unausgesprochenen Drohung und antwortete schnell: »Nein, natürlich nicht, Mrs. Darwinson!«

»Gut, dann sehen Sie zu, dass Sie nach vorn kommen und den Satz der Klasse in aller Deutlichkeit vortragen!«

Ich holte tief Luft, bevor ich mich erhob und mit wackeligen Schritten meinen Platz verließ. Als ich kurz darauf vor meinen Mitschülern stand und in ihre ängstlichen Gesichter starrte, stieg ein Gefühl in mir hoch, das in seiner Intensität alle bisherigen Empfindungen überstieg. Langsam, wie ein Zittern, drang es von meinen Händen zu meinem Herzen, bevor die Gedanken in meinem Kopf zu Millionen Splittern zersprangen.

Mit steifen Lippen und in ohnmächtigem Zorn presste ich diesen Satz aus mir heraus: »Schwarze sind schlecht. Schwarze sind wertlos!«

Mein Bruder Matthew wartete an der Mauer des Schulhauses angelehnt, bis ich nach draußen kam. Das hatte er in der letzten Zeit nicht mehr getan. Viele Monate lang war er in der obligatorischen Militärausbildung gewesen und hatte dort gelernt, wie man eine Waffe in den Händen hält und Menschen umbringt. Auch wenn er mir nie etwas über seine Zeit im Camp in Missouri erzählen wollte und sofort das Thema wechselte, wenn ich fragte, so wusste ich doch, dass ihn die Erfahrungen, die er dort gesammelt hatte, belasteten. Mir wurde angst und bange, wenn ich daran dachte und mir den empfindsamen Matthew in einem einsamen Camp vorstellte, mit einer Waffe in den Händen den schlammigen Boden entlangrobbend! Das hatte er nicht verdient, niemand hätte das verdient: für den Tod zu arbeiten, statt für die Familie da zu sein! Doch Matthew war, wie unser Vater einst, zu stolz, um sich zu beklagen – zumal in einer Zeit, in der es schon genug Probleme gab. Aber seit er vor wenigen Wochen zurückgekommen war, bestand er darauf, mich zur Schule zu begleiten, »wann immer es ihm Gott erlaubte«, wie er zu sagen pflegte. Das Camp hatte ihn verändert, und viele mögen glauben, dass ein Mann mit solchen Erfahrungen über Leben und Tod härter wird, doch dem ist nicht so. Männer werden damit im Kern weicher, dessen war ich mir gewiss!

Matthew sah mich mit einem schiefen Grinsen an.

»Sag nichts«, zischte ich mit einem spöttischen Unterton.

»Das muss ich gar nicht, ich kenne sie!«, erwiderte er, nun ein wenig düsterer.

So liefen wir schweigend den langen Kieselpfad entlang, der seitlich von wundervoll grünen Weiden gesäumt war. Die Blumen, die der Sonne entgegenwuchsen, strahlten in allen Farben, einige schienen das Licht der Sonne selbst zu sein in ihrem Grellgelb, andere wiederum erinnerten an einen kalten Abend am Kamin, wenn sich die roten Feuerspitzen hin und her bewegten.

Ein flatterndes Geräusch riss mich aus meinen Tagträumen. Ich sah neugierig nach vorn über das Feld und konnte ganz dicht vor mir einen saphirblauen Vogel erkennen, dessen Schönheit mich sofort fesselte. Sein schwarz gefiedertes Haupt zierte ein feiner, aufgestellter Schopf, während der Rest seines Körpers bläulich glänzte und die prächtigen Flügel in der Sonne beinahe türkisfarben schimmerten. Ich überlegte einen Moment lang, doch dann wusste ich es wieder: Das war ein Diademhäher, ein Singvogel, der uns oft mit seinem wundervollen Gezwitscher beglückte. Ich liebte Vögel, doch vor allem liebte ich den Gedanken, dass sie einfach nur ihre Flügel auszubreiten hatten, um sich schwerelos in die Lüfte zu erheben. Das ließ mein Herz ganz warm werden. Mit einem Lächeln sah ich dem Vogel hinterher, der nun mit einer Leichtigkeit zwischen den Blumen hindurchflatterte, bei deren Anblick ich schon fast neidisch wurde. Er war so wunderschön und frei, wie ohne Sorgen! Langsam flog er immer weiter fort, bis nur noch seine schwarzen Umrisse in der gelben Sonne zu sehen waren. Ich streckte meine Hand nach ihm aus, doch er war schon längst weit, weit weg.

Die tiefe Sehnsucht nach Freiheit und Leichtigkeit lag noch in meinem Blick, als ich Matthew nun mit meinen großen braunen Augen ansah, während ein feiner Windhauch meine lockigen Haare hin und her bewegte und schließlich auch Matthews Haar durchkämmte. Matthew legte seine Hand auf meine Schulter und gab einen leichten Seufzer von sich.

»Lass ihn gehen, Cathie, lass ihn gehen!«

Diese Worte sollten mich für immer an Matthew erinnern. Sie waren fortan in meinen Kopf gebrannt und sollten noch große Gefühle in mir auslösen. Obwohl ich das damals noch nicht erahnen konnte …

Mutter kam wie immer spät nach Hause, so spät, dass selbst Matthew ihr Kommen nicht bemerkt hatte, als er zu Bett ging. Matthew und ich schliefen in einem Zimmer, die Betten dicht aneinander, sodass wir uns an den Händen halten konnten und wussten, wir waren nicht allein. So hatte ich keine Angst, wenn Mutter spät nach Hause kam – diese Angst, sie würde nie wieder zurückkehren. Das war so, seit Vater im Krieg gefallen war. Ich hatte das damals nicht begriffen, und, um ehrlich zu sein, ich begreife es auch heute noch nicht. Wie konnte ein so guter Mann wie Vater einfach verschwinden? Wer hatte sich das Recht herausgenommen, uns unseren Vater zu rauben? Wer hätte je das Recht, so etwas zu tun? Obwohl die Tatsachen eine andere Sprache sprachen, gab es auf diese Fragen nur eine Antwort: niemand!

Diese Gedanken blieben allerdings in meinem Kopf. Ich wagte es nicht, als Frau, noch dazu als minderjährige, so zu sprechen.

Matthew hatte diese Ängste schon ein wenig länger als ich, doch er dachte das Gleiche, und ich wusste, es war dieser eine Grund, der uns so stark miteinander verband, und dieser eine Grund, der mir zeigte, dass Matthew mich verstand.

Ich konnte mir nicht erklären, weshalb ich so fühlte, doch tief in mir verfolgte mich die Angst, dass dieses vertraute Leben, das wir führten, schon bald enden würde.

Ich sollte recht behalten. Sonst hatte ich mich immer gefreut, wenn ich recht hatte, es war jedes Mal ein Gefühl der Genugtuung und des Stolzes – ich, das Mädchen, die junge Frau hatte recht! –, doch ich frage mich bis zum heutigen Tage, weshalb ich in dieser Sache nur recht haben musste.

Als Mutter endlich von der Arbeit kam, entkräftet und erschöpft, konnte ich durch das kleine Fenster an der Wand schon das zarte Rot der aufgehenden Sonne am Horizont erkennen. Und während ich nun aus dem Fenster sah und die in der rötlichen Sonne schimmernden Felder betrachtete, auf denen bereits einige Bauern arbeiteten, als ich den mir so bekannten Duft von frischen Blumen in meiner Nase roch, da spürte ich tief in mir ein leichtes Kribbeln, angefangen in den Fingerspitzen bis hin­unter zu den Zehen: Der unwiderstehliche Drang, mich aus dem Haus zu schleichen und fortzurennen, diesem Horizont entgegen, wurde immer stärker. Ich wollte fort, einfach fort. Ich schloss die Augen und konnte das weiche, vom Nebel feuchte Gras unter meinen Füßen spüren, und ich fühlte den kühlen Morgenwind, der sich wie eine Decke um meinen Körper legte. Meine Lungen weiteten sich und sogen tief die frische Morgenluft ein, bevor mich meine Füße, so schnell sie es vermochten, in Richtung Sonnenaufgang trugen.

Als ich die Augen wieder öffnete, war alles weg: kein Gras unter meinen Füßen, keine kühle Luft in meinen Lungen. Nur die Beschämung, dass ein dreizehnjähriges Mädchen es sich anmaßte, überhaupt nur daran zu denken zu fliehen.

Einige Stunden später wurde ich durch ein Geräusch geweckt und blinzelte verschlafen in den frühen Tag. Direkt über mir konnte ich Matthews Gesicht erkennen; er sah frisch und munter aus, glücklich. Um ehrlich zu sein, sah er heute richtig gut aus. Seine kurz geschnittenen, braunen Haare waren nach hinten gekämmt, sodass keine einzige Strähne es wagte, das Zusammenspiel seiner feinen, roten Lippen und der leicht gekrümmten Nase zu stören. Seine Wangen, die genau wie meine mit zarten Sommersprossen bedeckt waren, hatten in der Morgensonne einen goldenen Braunton angenommen, und als er mich nun anlächelte, erfüllte sich mein Herz mit Glück und gab sich für einen Moment der Leichtigkeit hin. Alles war in ein helles, warmes Licht getaucht, die Welt war in diesem Moment eine friedfertige, und in dieser Stimmung grinste ich auch unter der Decke hervor.

»Komm, Cathie, Mutter ist schon gegangen, du musst auch arbeiten!«

Mein Gesicht verdunkelte sich blitzartig und das fröhliche Lächeln verschwand. Ich nickte, bevor ich aufstand, mich wusch und zu arbeiten begann.

Als Frau war es mir bestimmt, an den schulfreien Tagen aus den Stoffen, die Mutter mir vom Markt mitbrachte, Kleidung herzustellen, die wir später auf dem alljährlich stattfindenden Fest verkaufen würden.

Mutter arbeitete von frühmorgens bis spätabends in einer Bandweberei nicht weit von hier und Matthew verdingte sich auf dem Feld. Er arbeitete hart, so wie jeder andere hier, das heißt, er stand mit den ersten Sonnenstrahlen des Tages auf und kam manchmal erst nach Hause, wenn die Dämmerung einsetzte. Tag für Tag, Woche für Woche, und manchmal musste er sogar sonntags arbeiten. Trotz der vielen Arbeit beklagte er sich nie über irgendetwas, auch wenn er oft einen Grund dafür gehabt hätte. Das war nur eine seiner guten Eigenschaften. Wann immer möglich und er mit der Arbeit schon fertig war, holte er mich von der Schule ab, um mich sicher nach Hause zu geleiten. Ja, Matthew war immer für mich da. Ich liebte meinen Bruder mehr als alles andere auf der Welt. Er verstand mich, und manchmal glaubte ich, er wäre der Einzige, der mich wirklich kannte. Ihn zu verlieren, konnte ich mir nicht vorstellen.

Ich schüttelte schnell den Kopf, um diesen grausamen Gedanken zu verdrängen, bevor mich Matthew zum Abschied auf die Wange küsste und mit einer Hacke in den Händen zu Tür hinausschritt.

Das Pfeifen des Windes war das Letzte, was ich vernahm, bevor ich gedankenverloren begann, die Stofffetzen zu Kleidern zusammenzunähen.

Als Matthew und ich heute, am Sonntag, die Straßen entlangliefen, beobachtete ich die Menschen, die uns entgegenkamen. Manche von ihnen hatten es eilig, andere schlenderten mit leeren Blicken an uns vorbei. Meistens aber waren die Leute, überwiegend Frauen, beschäftigt: Sie kauften Gemüse ein oder saßen am Straßenrand und in den Hauseingängen, um Kleidung zu nähen; dabei schienen sie konzentriert und zugleich müde, ihre Gesichter waren ohne jegliche Gefühlsregung und ihre Handbewegungen nur noch ein kaum hörbares Klopfen, wenn sie mit ihren Nähnadeln wie im Takt die Stoffteile zusammenfügten. Die meisten Männer arbeiteten auf dem Feld, als Handwerker oder als Händler außerhalb der Siedlung.

Mein Blick schweifte auf die großen Äcker hinter der Siedlung. Sie leuchteten im Sonnenlicht in einem bernsteinfarbenen Ton, Männer und Zugtiere waren nur als schwarze Umrisse zu erkennen. Ich wandte meinen Blick wieder nach vorn, und als ich die Häuser der Landleute musterte, fiel mir deren Schönheit auf. Sie waren zwar alt und einige von ihnen nicht mehr als vier Wände, manche drohten sogar, in sich zusammenzustürzen, doch es waren die Häuser, die mir so vertraut waren. Sie gehörten zu Lawrence, oder besser gesagt zu dessen Rand, an dem auch wir wohnten.

Matthew und ich erreichten den Dorfbrunnen. Obwohl er nicht mehr als eine kleine, runde Mauer aus Backsteinen war, mit unzähligen Rissen und einem tiefen Loch in der Mitte, bildete er das Zentrum des Dorfes, um das herum alle Veranstaltungen, Märkte und Feste stattfanden. Jeden Tag holten die Frauen ihr Wasser aus diesem Brunnen, da unser Dorf zu arm war, um sich Wasserleitungen leisten zu können. Außerdem gab es Law­rence erst seit einigen Jahren, sodass viele Dinge erst noch gebaut werden mussten. Wenn ich mich recht erinnere, galt Lawrence als ein Ort für Bewohner, die gegen die Sklaverei waren, da deren Erbauer zu der Anti-Sklavereibewegung gehörten. Wie Mrs. Darwinson, eine klare Sklavereibefürworterin, jedoch hier wohnen konnte, ist mir bis heute nicht verständlich.

Ich sah den Brunnen kurz an, bevor mein Blick zu den Häusern dahinter schweifte, die einen Halbkreis um den Brunnen bildeten. Hier wohnten die etwas wohlhabenderen Menschen des Dorfes. Auch sie arbeiteten hart für ihren täglichen Lebensunterhalt. Das war für die meisten Menschen hier selbstverständlich. Sie lebten, umgeben von Familie und Freunden, und waren glücklich; einige wenige sparten Geld, um sich eines Tages in die weite Welt zu wagen.

»Komm, Cathie, wir dürfen nicht mit leeren Händen nach Hause kommen!«, sagte Matthew und riss mich mit seinen Worten aus meinen Tagträumen. Dann zog er mich zum Gemüsehändler und kaufte mit dem wenigen Geld, das uns Mutter zugesteckt hatte, frisches Gemüse, bevor wir über den schmalen Pfad zwischen den Feldern wieder nach Hause schritten. Matthew lief vor mir mit großen Schritten, während ich mit den Gedanken bei den blauen Vögeln auf dem Feld war und hinter ihm her stolperte.

Es mochten wohl Dutzende gewesen sein, die sich auf dem Feld niedergelassen hatten, um zu ruhen, und zusammen mit den glühend roten Sonnenstrahlen im Westen verwandelte sich ihr Federkleid in eine rot-blaue Tracht, die ihnen ein äußerst majestätisches und elegantes Aussehen verlieh. Jedes Mal, wenn sie ihre Flügel bewegten, erfüllte mich ihre Schönheit mit Glück. Ein tiefer Drang breitete sich in meinem Körper aus, über das grüne Feld zu rennen und mit den Vögeln davonzufliegen. Das Gefühl wurde immer stärker und erfüllte mich mit solcher Sehnsucht, dass ich die Taschen fallen ließ und losrannte. Aufgeschreckt breiteten die blauen Vögel ihre Flügel aus und zischten schnell in die Luft, der Weite des roten Abendhimmels entgegen. Matthew sah mich mit großen Augen an, bevor auch er die Taschen fallen ließ und auf dem Feld zu tanzen begann, während die Vögel scheu und dennoch amüsiert, wie es mir schien, hoch über uns kreisten, als würden sie mit uns die Schönheit dieses Abends feiern. Es war ein wundervoller Anblick, der mein Herz bis ins Innerste berührte. Wir lachten tanzend Hand in Hand, bis wir müde auf den Boden glitten und den Himmel betrachteten. Langsam verschwanden die Vögel und der Himmel wurde immer dunkler, bis nur noch das Licht der Sterne die Äcker erhellte.

»Catherine, du verrückter Vogel!« Matthew machte eine lange Pause. »Danke!« Und das erste Mal seit Langem lachte er wieder laut und herzlich. Er lachte sein einzigartiges Matthew-Lachen, das ich schon viel zu lange nicht mehr hatte hören dürfen und dessen Wärme mich innerlich erglühen ließ.

So lagen wir glücklich Hand in Hand auf dem dunklen Feld unter den Sternen, bevor eine milde Brise ankündigte, dass das Wetter sich änderte, und wir uns auf den Heimweg machten.

Nachdem Vater gestorben war, war Mutter auf sich alleine gestellt. Matthew und ich waren noch sehr klein gewesen, zu klein, um arbeiten zu können. So schuftete Mutter Tag für Tag hart, um uns ernähren zu können.

Ich weiß noch, wie eines Tages ein Steuerverwalter zu uns kam und Mutter nach einem langen Gespräch eindringlich in die Augen sah und ihr vorschlug, unsere Schulausbildung abzubrechen, um Geld zu sparen. Doch Mutter hatte dazu nur den Kopf geschüttelt. Für sie kam dieser Vorschlag nie infrage, sie liebte uns zu sehr, um nicht das Bestmögliche für unsere Zukunft zu tun. Seitdem war das Geld tatsächlich knapp gewesen, es reichte gerade noch, um mich jeden zweiten Tag in die Schule zu schicken, wo ich Mrs. Darwinsons zischende Stimme ertragen musste, die mich immer an eine Schlange erinnerte. Unablässig, wenn ich still an meinem Platz saß und an die Freiheit dachte, bohrten sich ihre Worte in mein Bewusstsein: »Die Schwarzen müssen vertrieben werden.«

Keiner von uns teilte ihre Meinung, uns war es egal, welche Hautfarbe jemand hatte, die Hautfarbe war schließlich nicht entscheidend bezüglich des Charakters eines Menschen. Wieso sollten die Schwarzen weniger wert sein als wir? Wieso waren wir nicht weniger wert als sie? Oder einfach alle Menschen gleich viel wert? Doch je länger sie auf uns einredete, je länger sie uns schlug, desto schwächer wurden meine Mitschüler. Ich wusste, ich würde mich nicht ergeben, niemals. Ich würde mich an die Worte meines Vaters halten. Aber meine große Angst, die sich täglich verschärfte, war, dass sich die anderen Schüler umstimmen ließen! Ich kannte zwar ihre Eltern und wusste, dass diese, wie jeder hier in Lawrence, gegen die Sklaverei waren. Mrs. Darwinson allerdings, eine stolze Texanerin, befürwortete diese. Würde sie es schaffen, die Menschen umzustimmen?

***

Das Jahr neigte sich langsam dem Ende zu und die Landschaft verwandelte sich farbenfroh, Abertausende bunte Blätter fegte der Wind durch die Lüfte. Es war im Jahr 1860, als Amerika sich langsam zu spalten begann. Es gab Diskussionen, Aufstände und Streitigkeiten, die sowohl die Wahlkämpfe als auch die Menschen in den einzelnen Staaten beeinflussten. Ich hatte anderes im Sinn: Mir erschien die Natur so perfekt und wunderschön.

Erfolgreiche Männer wie der Jurist Stephen Douglas hatten sich aufstellen lassen, aber auch Männer wie John Breckinridge, ein eindeutiger Sklaverei-Befürworter und grausamer Mensch, wollten Amerika durch die nächsten Jahre führen. Auf der anderen Seite kandidierte John Bell, ein Demokrat, der weder für noch gegen die Sklaverei war. Doch nur einem gelang es, die Menschen mit weisen Worten und ohne jeglichen Hass zu überzeugen, sich ihm anzuschließen. Ein Mann, der tausend Worte sprach, den jedoch auch tausend Worte nicht beschreiben konnten. Der Mann, den ich fortan bewundern und dennoch hassen würde: Abraham Lincoln. Mit Parolen wie »Der Stimmzettel ist stärker als die Kugel!« gewann er im November 1860 die Wahlen und wir alle waren für einen Moment von Glück und Hoffnung erfüllt. Es dauerte allerdings nicht lange, bis wir wieder den Tatsachen ins Auge sahen und auf dem Boden der Realität ankamen.

Der Winter war hart und wir froren jede Nacht, sodass Mutter sich bereits sorgte, wir könnten ernsthaft krank werden. Ich wusste, ich musste stark bleiben und durfte mir nichts anmerken lassen, nicht einmal dann, wenn ich bis auf die Knochen zitternd im Bett lag und den weißen Atem vor meinen Augen sehen konnte. Auch Matthew schwieg, um Mutter keine Sorgen zu machen. Doch als wir dachten, es könnte nicht mehr schlimmer werden, erhielten wir eines Tages eine unvorhergesehene Nachricht, die das ganze Dorf in Schrecken versetzte. Und von einem Tag auf den anderen wusste ich, dass die Gerüchte wahr werden würden: ein Krieg.

Dezember 1860

Es war einer der Tage, an denen ich ohne Begleitung zur Schule laufen musste, da Matthew schon frühmorgens aus dem Haus gegangen war, um die Feldarbeit zu erledigen. Mutter war ebenfalls bereits bei der Arbeit, sodass ich an diesem schönen Dezembermorgen allein zu Hause war. Die Sonnenstrahlen auf meiner Haut ließen mich aus meinem Traum gleiten, und nachdem ich mich angezogen hatte, lief ich wie gewohnt den schmalen Kieselpfad neben den Feldern entlang. Eine dicke Schneeschicht hatte sich wie eine weiße Decke über das ganze Dorf gelegt, sodass meine Füße jedes Mal verschwanden, wenn ich einen Schritt vor den anderen setzte. An diesem Morgen hatte alles etwas Verzaubertes an sich: Meine Blicke folgten den langen Eiszapfen an den Bäumen und Häusern und in der Sonne glitzerten Eiskristalle auf dem Schnee. Ein Windstoß umwehte meinen Körper, blies einzelne Schneeflocken zuerst hoch in den Himmel, bevor er sie elegant wieder auf den Boden gleiten ließ. Und plötzlich vergaß ich die Kälte in meinen Armen und Beinen, das Zittern meiner Hände legte sich und ich atmete mit einem Lächeln die frische Luft des Tages ein, bevor ich das Klassenzimmer von Mrs. Darwinson erreichte.

Wie immer wartete sie vor der Zimmertür und musterte mich – wie jeden ihrer Schüler – eingehend, bevor ich mich vor ihr verbeugte und ins Zimmer huschte. Heute erzählte sie uns mit freudiger Miene etwas über die Staaten Amerikas und wir alle sahen verblüfft zu, wie sich ihr zusammengepresster Mund langsam entspannte und auch ihre Stirn sich glättete. Nun sah sie mehr wie eine reizende ältere Dame aus und man konnte ihren Gesichtsausdruck fast schon als nett bezeichnen. Verwundert über diese Veränderung beobachtete ich sie, während sie uns auf der Landkarte die verschiedenen Staaten zeigte und uns anlächelte.

Doch anstatt mich über die glückliche Wandlung von Mrs. Darwinson zu freuen, wie es die anderen Schüler machten, wurde mir plötzlich ganz flau im Magen und es fühlte sich an, als wollte er sich gleich umdrehen. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Und diese Gewissheit nahm immer mehr Gestalt an, als ich ihr die nächsten Stunden stillschweigend zuhörte, während sie immer wieder lächelnd auf den Osten der Amerikakarte zeigte. Sie sah uns eindringlich an, ihre Augen begannen zu funkeln. Bevor sie jedoch weiter ausholen konnte, erlöste uns ein lauter Gongschlag und erlaubte uns, unsere Sachen zusammenzupacken und zu gehen.

Als ich in der Reihe der Schüler aus dem Zimmer lief, fiel mir eine Zeitung auf Mrs. Darwinsons Schreibtisch auf. Gedankenverloren blieb mein Blick auf der Titelseite der Zeitung hängen. Als ich die einzelnen Wörter entzifferte und leise vor mich hin flüsterte, wurde ich kreidebleich. Plötzlich war mir übel und ganz schwindlig, alles drehte sich, als hätte mich jemand eine Klippe heruntergeworfen – ich befand mich im freien Fall. Ein heftiges Zittern überfiel meinen ganzen Körper.

Panisch rannte ich aus dem Gebäude über die offenen Felder, doch der tiefe Schnee hinderte meine Beine bald daran, schnell davonzulaufen. Ich blieb stehen, schloss die Augen und versuchte, meine Tränen zurückzuhalten. Plötzlich wusste ich, dass ich nie wieder so leben, so frei sein würde wie in diesem Moment. Ein tiefes Schluchzen brach aus mir heraus und ich sackte kraftlos in den kalten Schnee. Ich fühlte mich so einsam und orientierungslos, als hätte mir jemand den Boden unter den Füßen weggerissen. Die kalten Schneeflocken, die nun auf die Erde herabwirbelten, breiteten sich wie eine kalte Decke über mir aus.

Immer wieder musste ich an die Schlagzeilen der Zeitung denken, bevor ich die Augen schloss. Doch vor meinem inneren Auge sah ich sie wieder: Amerika im Krieg? South Carolina tritt aus der Union aus!

Es war dunkel. Nur das schwach flackernde Licht einer Öllampe erhellte die Gesichter von Mutter und Matthew. Sie sahen besorgt aus. Mutter hatte ihre Stirn zusammengezogen, ihre Augen hatten das Funkeln, das ich immer so geliebt hatte, verloren. Es schien, als wäre alles Licht aus ihnen erloschen. Ihre warme Hand umschloss besorgt die meine, die sich eiskalt anfühlte. Matthew neben ihr hatte den gleichen Ausdruck, doch als ein schwaches Lächeln über mein Gesicht huschte, erkannte ich ein schiefes Grinsen, welches sein Gesicht erhellte. Und für einen Moment vergaß ich all meine Sorgen, für eine Sekunde fühlte ich mich wieder leicht und glücklich. Doch sogleich kam die Erinnerung zurück: Krieg!

»Was hast du dir dabei gedacht, meine Liebe?«, flüsterte Matthew mit einem spöttischen Unterton.

Jetzt beugte sich Mutter vor und ich konnte im Licht der Öllampe ihre feuchten Wangen erkennen. Sie rieb sich die Augen.

»Weshalb hast du das getan? Matthew wollte dich nach der Arbeit abholen, doch er hat dich nicht gefunden, er hat dich stundenlang überall gesucht, Cathie!«

Sie schluckte tief, während sie beschämt wegsah.

»Nach einer Ewigkeit fand er dich zitternd im Schnee. Wir dachten schon, wir hätten dich verloren, als er mit dir in seinen Armen nach Hause stürmte und dich auf den Küchentisch legte.«

Sie unterdrückte ein Schluchzen, ihre Stimme war ungewohnt aufgeregt und glich beinahe dem Krächzen eines aufgescheuchten Raben. Jetzt bedeckte sie ihr Gesicht mit den Händen und weinte verzweifelt.

Matthew nahm sie in die Arme und versuchte sie zu beruhigen, während ich nur wie erstarrt zusah und nichts tun konnte. Es war nicht meine Absicht gewesen, Mutter zu verletzen, es tat mir weh, sie so zu sehen. Plötzlich fühlte ich mich wieder ganz schwer und zurückgelassen, als wäre ich ein Vogel, den man vom Himmel geholt hatte. Ich drehte meinen Kopf weg, um meine Tränen zu verbergen, doch es war zu spät. Ich schluchzte wie ein kleines Kind.

Als Mutter mein Schluchzen hörte, verstummte sie blitzartig. Sie sah mich verdutzt an, dann griff sie nach meiner Hand und beugte sich tief über mein Gesicht.

»Ist schon gut, mein Schatz!«, beruhigte mich Mutter mit ihrer zarten Stimme, während ihre Hände mich streichelten.

Es schien, als hätte mein Weinen ihre anfängliche Trauer verscheucht. Sie sah mich einen Moment lang mit besorgten Augen an, dann ging sie aus dem Zimmer, um mir einen heißen Tee zuzubereiten.

Nun waren Matthew und ich allein, und als er mich fragend ansah, flüsterte ich mit schwerer Stimme: »South Carolina ist aus der Union ausgetreten?«

Matthew sah mich verblüfft an, bevor er wissend nickte: »Weißt du, Catherine, die Staaten sind nicht alle gleich geschaffen. Wir im Norden leben von der Indus­trie und benötigen daher auch ausgebildete Fachleute, um die Maschinen bedienen zu können, wie Mutter es zum Beispiel in der Weberei macht. Auch hier ist das Leben hart, du siehst ja, wie Mutter Tag für Tag in den Ort laufen muss, um dort zu schuften. Und selbst diese Schufterei reicht nicht aus, um uns zu ernähren, deshalb muss auch ich zusätzlich auf dem Feld arbeiten und du musst nähen. Wir könnten uns keine Sklaven leisten, so wie die Bauern im Süden.« Jetzt wurde sein Tonfall bitterer. »Denn weißt du, der Süden besitzt große Plantagen, die die Weißen nicht alleine bestellen können, oder besser gesagt, sie sind zu faul, um sie zu bestellen, daher kaufen sie Sklaven, die Tag für Tag und Nacht für Nacht ihre Plantagen bestellen und sehr hart arbeiten!« Er schluckte. »Abraham Lincoln hat es sich zum Ziel gemacht, die Sklaverei abzuschaffen und Gerechtigkeit herzustellen. Die Menschen im Süden empfinden dies aber als Bedrohung, da sie ihre Existenz verlieren, wenn Lincoln sich durchsetzt. Deshalb hat South Carolina sich entschlossen auszutreten.«

Während er sprach, sah ich ihn mit großen Augen an, ich saugte jedes seiner Worte auf. Und bald schon begriff ich, auf was er hinauswollte.

»Aber wieso streiten sie sich? Die Südstaaten könnten die Sklaven doch einfach als freie Bürger einstellen und sie gut behandeln?«

Matthew lachte auf, dann strich er mir über die Schulter und sagte: »Das ist nicht so einfach, Cathie. Die Schwarzen wurden schon immer als minderwertig angesehen und die Weißen sind zu stolz, um sie gleichwertig behandeln zu können. So etwas kommt für sie gar nicht infrage! Und da ist noch mehr: Der Süden streitet sich mit der Regierung, weil er es ungerecht findet, wie diese mit ihrer Macht umgeht. Verstehst du, das ist kein einfacher Konflikt, und er wird sicherlich auch nicht einfach zu lösen sein, meine kleine Catherine.«

Als er schwieg, überkam mich ein leises Frösteln. Unzählige Bilder schossen mir durch den Kopf, bis ein furchtbarer Gedanke Gestalt annahm.

»Und was, wenn du geholt wirst?!« Jetzt spürte ich einen dicken Kloß im Hals.

Matthew legte seine Hände um mein Gesicht.

»Das werde ich nicht, Cathie. Niemals! Ich werde auf euch aufpassen, so wie es Vater mir aufgetragen hat!«

Ich lächelte ihn an. »Versprochen?«

»Versprochen!«

***

Man kann das ganze Volk eine Zeit lang täuschen und man kann einen Teil des Volkes die ganze Zeit täuschen, aber man kann nicht das ganze Volk die ganze Zeit täuschen.

Dieses Zitat von Abraham Lincoln kommt mir immer wieder in den Sinn, wenn ich mich an die Worte meines Bruders erinnere. Damals wusste ich kaum, wer dieser Lincoln war. Ich wusste nicht, woher er kam und wieso er sich in unser Leben einmischen würde. Doch wenn ich nun zurückdenke und den Namen Lincoln höre, bin ich nach vielen Jahren bereit, mir einzugestehen, dass er der Mann war, den Amerika gebraucht hatte.

***

Wenige Wochen nach Lincolns Wahl traten insgesamt sechs Staaten aus der Union aus. Wir hatten uns gerade vom Schock des Dezembers erholt, in dem South Carolina uns verlassen hatte, doch die Wunde riss wieder auf, als Mississippi, Florida, Alabama, Georgia und Louisiana diesem Beispiel folgten. Jeder Staat, der aus der Union austrat, brachte eine Welle der Angst, und uns wurde allmählich bewusst, dass wir diesen Keil, der sich zwischen die verschiedenen Staaten Amerikas gebohrt hatte, nicht mehr entfernen konnten. Der noch amtierende Präsident James Buchanan unternahm nichts gegen diese Austrittswelle, und so war es Amerika nur bestimmt zu warten und allenfalls zu beten.

Wir lebten und arbeiteten, wie wir es gewohnt waren. Doch mit jedem Monat, der verstrich, schien der Alltag immer härter zu werden, die Tage anstrengender, die Stimmung unter den Menschen angespannter und die ganze Situation ausichtsloser.

Am vierten März 1861 war es so weit. Die Wahl war entschieden: Lincoln wurde Präsident. Die Menschen waren unruhig, einige freuten sich, andere erfüllte dieser Tag nur mit unbeschreiblichem Hass.

»Wir sind keine Feinde, sondern Freunde. Wir dürfen keine Feinde sein. Leidenschaft mag die Bande unserer Zuneigung anspannen, aber zerreißen darf sie sie nicht. Die mystischen Klänge der Erinnerung werden ertönen, wenn – und das ist sicher – die besseren Engel unserer Natur sie wieder berühren.«

Diese Melodie, ein wahres Poem, erfüllte die Luft Wa­shingtons, als Abraham Lincoln seine Rede hielt und damit Tausende Menschen berührte.

Doch genauso erzürnte er auch Tausende.

Ich mochte diesen Lincoln auf eine komische Art und Weise. Er war gerecht, dessen war ich mir bewusst, er war intelligent, und merkwürdigerweise beantwortete er bei jeder seiner Reden all meine Fragen, ohne dass ich sie ihm je gestellt hatte. Und trotzdem fürchtete ich mich auch vor ihm. Ich fürchtete mich vor seiner Macht, seinen Handlungen, und vor allem fürchtete ich mich vor seinen zukünftigen Entscheidungen. Es mag ein wenig merkwürdig klingen, doch tief in mir spürte ich, dass sich schon bald etwas Großes auf uns zubewegen würde. Etwas Unaufhaltsames, so gewaltig, wie wir es nie erlebt hatten. Doch immer, wenn ich daran dachte, kam ich mir so lächerlich vor, dass ich diesen Gedanken beschämt wieder verwarf.

***

Ich saß auf dem Kiesweg neben unserem Häuschen und lehnte meinen Rücken gegen die rissige Wand, als ich die ersten Vögel beobachtete, die ihren Weg zu uns gefunden hatten. Einen Steinwurf von hier entfernt thronte ein einzelner Baum auf einem großen, unberührten Feld, auf dem es bereits zu grünen begann. Der letzte Schnee zierte noch vereinzelte Teile des Feldes, was dessen frisches Grün nur noch greller und lebendiger erscheinen ließ. Der Baum sah so prächtig aus, dass man den Eindruck hatte, er würde ganz Lawrence verschönern. Mit den Gedanken weit weg, horchte ich der Melodie des pfeifenden Windes, während ich anfing, leise mitzusummen, bis das Summen zu einem freudigen Gesang wurde.

»Unbeschreiblich schön!«, hörte ich plötzlich eine tiefe Stimme dicht hinter mir. Matthew setzte sich neben mich, atmete tief die frische Luft ein und genoss diesen Moment in vollen Zügen. Sichtlich entspannt blickte er sich um und fuhr fort: »Wenn man so auf das unberührte Feld starrt, tut es einem fast leid, wenn man sich vorstellt, dass die Äcker, die wir bestellen, früher auch so wunderschön gewesen waren!«

Ich nickte, den Blick immer noch versonnen nach vorn gerichtet. So nahm ich die Worte meines Bruders gar nicht richtig wahr.

Matthew bewunderte noch immer das Idyll der Natur. Dann fragte er: »Alles in Ordnung, Catherine?«

Nun drangen seine Worte zu mir durch und ich wandte meinen Blick zu ihm, während ich bedrückt das Gesicht verzog.

»Mrs. Darwinson …«

Ich wusste nicht, wie ich meinem Bruder erzählen sollte, dass ich die Schwarzen akzeptierte und vorhatte, meiner Lehrerin gehörig die Meinung zu sagen. Ich hatte es mir in den letzten Tagen immer wieder vorgestellt, sogar geübt, wie ich es ihm gestehen sollte. Doch als ich nun in seine Augen schaute, die tief in mein Innerstes sahen, brachte ich die Worte nur mit größter Mühe hervor. Ich schluckte.

»Sie ist ein … ein böses Geschöpf. Sie will uns beibringen, die Schwarzen zu hassen, sie zu vertreiben …« Wieder schluckte ich tief, diesmal wurden meine Augen feucht.

»Sie will, dass wir sie zur Sklaverei zwingen! Das ist nicht richtig, Matthew.« Mit flehenden Augen sah ich ihn an: »Sag mir, dass das nicht richtig ist!«

Er wusste nicht, was er sagen sollte; sein Gesichtsausdruck wurde weicher und seine Augen schienen immer matter zu werden.

»Natürlich ist es das nicht! Aber du hast nicht das Recht, dich gegen deine Lehrerin zu stellen, Catherine!«, erwiderte er schließlich mit einer gewissen Härte in seinem Tonfall. Dann warf er mir einen fragenden Blick zu und zog mich energisch am Arm zu sich, bis wir ganz nah beieinanderstanden und ich seinen warmen Atem an meiner Oberlippe spüren konnte.

»Cathie, du darfst das nicht tun! Hast du mich verstanden?!«, beschwor er mich eindringlich.

Mir war, als stünde ein Fremder vor mir. Ein Fremder, der mir befahl, den Mund zu halten! Ich erkannte meinen geliebten Bruder nicht mehr und mein Herz wurde vor Trauer und Enttäuschung ganz schwer. Tränen rollten mir über die Wangen und ich schmeckte das Salz auf meinen Lippen, als ich den Mund aufmachte, um dem Fremden vor mir etwas zu sagen. Doch ich war zu aufgelöst, zu verwirrt, und ich fühlte mich, als wäre ich allein auf dieser weiten Welt.

Als wollte er ein Kind trösten, wurde Matthews Miene wieder weicher und er schlang seine Arme noch enger um mich.

Wütend stieß ich ihn weg, bevor ich aufstand, ihm einen vorwurfsvollen und zugleich verletzten Blick zuwarf und in das Haus rannte.

Mit verschwommenem Blick stolperte ich die Treppen nach oben, öffnete die Tür und rannte in mein Zimmer, wo ich mich auf mein Bett stürzte und verzweifelt in mein Kissen weinte.

Washington, D. C., März 1861

»Mr. Präsident, wir müssen in Gottes Namen etwas unternehmen! Die Union ist dabei zu zerfallen!«, erklang die tiefe Stimme eines älteren Mannes, der sich neben Lincoln an einen wuchtigen Schreibtisch aus Mahagoni lehnte.

Lincoln sah auf die vor ihm liegende ausgebreitete Karte mit den Staaten Amerikas, während er sich konzentriert an den Bart fasste und eine ernste Miene zog. Die Staaten, die aus der Union ausgetreten waren, hatte er mit rotem Stift markiert, den er nun neben der Karte und dem gegenüberliegenden Kompass hin und her rollte. Obwohl er die Worte Sewards wahrgenommen hatte, hüllte er sich in Schweigen und zog statt einer Antwort nachdenklich die Stirn in Falten.

Der Außenminister, dessen weißes Haar zur Seite gekämmt war, sah ihn intensiv an. Seine dicken Augenbrauen zogen sich zusammen und sein Mund versteifte sich vor Anspannung. Er bemühte sich, dem Gemurmel des Präsidenten zu folgen, der jedoch eher für sich selbst sprach als für jemand anderen. Jetzt begannen die Hände Sewards leicht zu zittern.

»Mr. Präsident, ist Ihnen bewusst, in welcher Lage wir uns befinden?«, fragte er leise, als bereue er seinen Satz bereits wieder.

Lincoln erhob sich und stand nun direkt vor Seward, in Gedanken immer noch bei der Karte.

»Unsere Lage ist mir durchaus bewusst, treuer Seward. Doch ich kann niemandem verbieten, mein Land zu verlassen, und mir ist es auch nicht bestimmt, die Bevölkerung weiter zu belügen, indem ich die Wahrheit verschweige.«

Er öffnete die Schublade seines prächtigen Schreibtisches und nahm ein Blatt Papier heraus.

»In euren Händen, meine unzufriedenen Landsleute, nicht in meinen, liegt die folgenschwere Entscheidung über einen Bürgerkrieg. Die Regierung wird euch nicht angreifen. Es wird keinen Konflikt geben, solange ihr nicht selbst die Angreifer seid!« Lincoln sah vom Blatt auf und schluckte: »Auch ich missbillige einen Bürgerkrieg, mein geschätzter Freund, doch stellt sich mir die Frage, was ich den Konföderierten noch erzählen soll. Und tief in mir spüre ich den Hass, und die Gewissheit darüber rückt Tag für Tag näher.«

Seward sah aus dem Fenster, betrachtete Mary Lincoln, die sich mit seiner Frau im Vorgarten unterhielt. Eine kurze Zeit lang war nichts zu hören, nur gespanntes Schweigen hing in der Luft.

»Welche Gewissheit?«, fragte Seward dann. Obwohl er die Antwort tief im Innern schon erahnen konnte, trafen die Worte des Präsidenten ihn wie ein Schlag.

»Die Gewissheit, dass keine Rede dieser Welt in der Lage ist, einen Krieg zu verhindern.«

Seward erstarrte, als hätte ihn ein dunkler Zauber getroffen. Blitzartig warf er seinen Kopf zurück und starrte Lincoln mit weit aufgerissenen Augen an. Nur mühsam konnte er das Zittern in seiner Stimme unterdrücken, als er nun zu sprechen begann.

»Sie wollen uns doch nicht in einen Krieg führen, Mr. Präsident? Das wäre, bei allem Respekt, ein unverzeihlicher Fehler!«

Lincoln nickte nur, ohne den ängstlichen Worten Sewards Beachtung zu schenken. Ganz im Gegenteil, es schien, als hätten sie ihm Kraft gegeben, und so fuhr er mit gelassener Stimme fort.

»Nein, mir ist natürlich bewusst, in welch angespannter Lage wir uns mit dem Süden befinden. Seit Jahren sind die Menschen unzufrieden und meinen, dass wir unsere Macht ausnützen würden, auf welche Weise auch immer. In den letzten Monaten hat sich eine dicke Ölspur zwischen uns und den Süden gelegt, und nun reicht ein winziger Funke, um sie brennen zu lassen.«

Während er sprach, begann sich Sewards Stirn zu krausen. Er konnte seinem geschätzten Präsidenten nicht folgen und wartete schon sehnsüchtig darauf, diese eine Frage stellen zu können, die ihn einerseits vor Neugier innerlich fast platzen ließ, ihm jedoch andererseits auch unbeschreibliche Angst einflößte.

»Auf was wollen Sie hinaus, Mr. Präsident? Glauben Sie etwa, dass die Südstaaten angreifen werden?«, fragte er schließlich, als er sich überwunden hatte, trotz seiner Furcht zu sprechen.

Lincoln sah ihn nicht an, seine Blicke waren nun auf den weißen Marmorboden gerichtet, der so weiß glänzte, dass man meinte, vor der Himmelspforte zu stehen. Als Lincoln antwortete, war seine Stimme ganz leise, kaum mehr als ein Flüstern, und dennoch wühlten die Worte Seward so auf, dass er sich am Fenstersims festhalten musste, um nicht in sich zusammenzusacken.

»Nein, das wollte ich damit nicht sagen. Der Süden ist deutlich in der Unterzahl und lange nicht so gut ausgerüstet wie wir, ein Krieg wäre für ihn sinnlos. Nein, das kümmert mich nicht. Ich sage nur, dass dieses Spiel mit Feuer sehr gefährlich ist!«

Zur gleichen Zeit in Lawrence, Kansas

Die Tage flogen schnell dahin, und Matthew und ich hatten uns wieder versöhnt. Trotz meiner Wut und Bekümmertheit, die ich immer noch empfand, konnte ich ihm nicht lange böse sein. Ich mochte ihn zu sehr und fühlte mich ohne ihn so allein, dass es unerträglich gewesen wäre, ihn zu verlieren. Obwohl ich seine Haltung nicht im Geringsten nachvollziehen konnte, ließ ich das Geschehene ruhen.

»Die Zukunft wird uns nur zu schnell noch einholen«, pflegte Großmutter früher bei ihren Besuchen immer zu sagen. Ich hatte diese Worte nie verstanden, ich begriff sie immer noch nicht so richtig, aber sie brachten mich jedes Mal aufs Neue zum Lachen und erinnerten mich an die wundervollen Zeiten mit ihr.

Ich glitt aus meinen Gedanken, während ich allein unser Häuschen verließ und dem Kieselweg folgte, um rechtzeitig den Unterricht von Mrs. Darwinson zu erreichen. Der Schnee war mittlerweile ganz verschwunden, sodass fruchtbare braune Erde den Pfad säumte. Ich starrte auf den Boden, während ich vor mich hin summte und die Worte Matthews durch meinen Kopf schossen.

›Du darfst das nicht tun, Cathie!‹

Wieder und wieder kreisten diese Worte in meinen Gedanken, bis ich die Umrisse des Schulgebäudes nur noch einen Steinwurf entfernt erkennen konnte. Die braune Erde glänzte durch den feinen Regen der letzten Tage. Ich grinste, während ich meine Schuhe in den feuchten Dreck bohrte, dessen Kälte mich freudig erschaudern ließ. Als ich die Füße wieder herauszog, klebte der Dreck an den Schuhen. Dann kam mir ein neuer Gedanke. Einen Moment lang zögerte ich, während ich an Matthew dachte.

›Du darfst dies nicht tun, Cathie!‹

Mutter sagte immer, dass Matthew sie zunehmend mehr an Vater erinnerte, wenn sie in seine braunen Augen sah. Meine Erinnerung an Vater verblasste, doch wenn ich ihn mir manchmal versuchte vorzustellen, dann sah ich einfach Matthew an und malte mir aus, Vater stünde neben ihm und sie würden sich in den Armen liegen.

Die Worte meines Vaters kamen mir wieder in den Sinn: »Du darfst dich nie ergeben! Niemand hat das Recht, dir vorzuschreiben, was du zu tun und zu lassen hast, Cathie, niemand!«

Die Worte hatten sich in meinen Verstand gebrannt. Vater hatte mich damit aufgefordert, mich für das Gute einzusetzen. Für mich bedeutete das, die Schwarzen nicht zu verurteilen, wie es so viele andere taten. Doch wie konnte ich nur der Welt zeigen, dass wir im Grunde genommen gleich waren, wir und die Schwarzen?

Ich sah wieder auf den dreckigen Boden und fragte mich, ob meine Idee wohl die Antwort auf meine Frage war. Im selben Moment musste ich grinsen und die anfängliche Angst verschwand auf einen Schlag, als wäre sie nie da gewesen.

»Danke, Vater«, flüsterte ich, während ich begann, mir mit dem dunklen Schlamm des Bodens das Gesicht und die Arme zu beschmieren.

Mrs. Darwinson war gerade dabei, verschiedene Punkte auf einer großen Weltkarte einzuzeichnen. Sie stand mit dem Rücken zur Klasse und gab konzentriert ein paar Worte von sich, die sie eher zu sich selbst als zu ihren Schülern sagte. Ruhig saß die ganze Klasse auf ihren Plätzen und hörte zu, so ruhig, dass man nur Mrs. Darwinsons brabbelnde Worte und den Wind draußen hören konnte. Es schien, als hätte niemand bemerkt, dass ich eingetreten war, bis Mary, meine beste Freundin, den Kopf hob und einen leisen, doch hörbaren Schrei von sich gab. Es war, als durchstieße ein zischender Pfeil die Stille des Raumes, und plötzlich sahen mich alle Schüler entsetzt an. Ich grinste, als ich die Gesichter der anderen musterte. Ich war den meisten von ihnen bis jetzt nie besonders aufgefallen, nun konnte keiner seinen Blick von mir wenden. Das Gefühl, endlich gesehen zu werden, erfüllte mich innerlich mit Stolz. All die Jahre, vor allem all die letzten Monate, hatte ich mich wie ein stummer Vogel gefühlt, der nur zu gerne zwitschern und davonfliegen wollte. Nun konnte ich zwar nicht meine Flügel ausbreiten und wegfliegen, doch ich konnte meine Mundfesseln lösen und der Welt ein Zeichen setzen.

Wenige Sekunden vergingen, bis sich Mrs. Darwinson mit eisigem Blick umdrehte, um für Ruhe zu sorgen. Ohne mich zu beachten, musterte sie zuerst die Klasse, dann drehte sie den Kopf zu mir und riss fassungslos ihre blauen Augen auf, als könne sie nicht glauben, was sie da vor sich sah.

Von einer Sekunde auf die nächste verengten sich ihre Augen wieder, als wäre ich ein Wort, welches sie nicht lesen könnte, und sie presste ihre Lippen angestrengt aufeinander, bis nur noch eine schmale Linie davon sichtbar war. Einen Moment lang herrschte gespenstische Stille, bis sie voller Entsetzten schrie:

»Was …? In Gottes Namen, was zum Teufel bist du für eine törichte Göre?!«

Sie atmete immer wieder tief ein, sodass sich ihr Brustkorb wie im Takt zu bewegen schien. Doch nach einem weiteren Moment der Stille hatte sie sich wieder so weit gefasst, dass sie auf diese ungeheure Provokation von mir reagieren konnte.

»Na warte, dir werde ich schon Gehorsam einbläuen!«

Das waren exakt ihre Worte, bevor sie mich am Ohr nahm und mit aller Kraft zu sich hochzog. Ich schrie, denn der stechende Schmerz breitete sich in meinem ganzen Körper aus. Ihr Gesicht war so nah an meinem, dass ich deutlich die kleinen Falten auf ihrer Oberlippe erkennen konnte.

»Du wirst schon noch erfahren, was Respekt heißt!«, flüsterte sie, bevor sie ohne jegliche Vorwarnung ihre Hand hob und mir ins Gesicht schlug.

Stöhnend fiel ich auf die Knie und hielt krampfhaft meine Hand an die sofort rot glühende Wange. Meine braunen Locken fielen mir vors Gesicht und verdeckten die glühende Stelle an meiner Wange.

Mrs. Darwinson sah mich ernst von oben herab an, trocknete ihre beschmutzte Hand an einem Tuch auf dem Tisch, dann zerrte sie mich wieder hoch und schlug erneut zu. Diesmal ließ sie mich jedoch nicht los.

Doch während die Schläge ihrer Hände auf meine Wangen klatschten, musste ich an Vater denken.

›Wäre er stolz auf mich, wenn er mich sehen würde?‹

Der Gedanke ließ mich erzittern, denn ich konnte mir die Frage nicht beantworten. Und der Gedanke, dass er sich für mich schämen würde, bereitete mir mehr Schmerzen als die Schläge von Mrs. Darwinson. Doch ich bereute meine Tat nicht, keineswegs. Ich kämpfte für das Richtige und das konnte mir keine Menschenseele wegnehmen, oder?

Die Schläge hatten aufgehört, und bevor ich es realisieren konnte, bugsierte mich Mrs. Darwinson in die linke Ecke des Zimmers.

»Du willst eine Schwarze sein? Tu dir keinen Zwang an!«, schrie sie und zupfte ihren gestrickten Rock gerade. »Doch dann findest du schon bald deinen Schandplatz, so wie es sich für die Schwarzen gehört!«

Sie wendete sich der Klasse zu und fuhr mit ihrem Unterricht fort, als wäre nichts geschehen. Keiner meiner Mitschüler traute sich, mich auch nur anzusehen. Ich stand auf schwachen Beinen da, das rote Gesicht zur Wand gerichtet. Nur noch wenige Spuren Dreck waren auf meiner Haut zu erkennen, der Rest war mir aus dem Gesicht geschlagen worden. Meine Wangen brannten, und es fühlte sich an, als würde der Schmutz sich mit den Schlägen von Mrs. Darwinson vereinen und meinen ganzen Körper in Beschlag nehmen.

Lange Zeit stand ich dort und konzentrierte mich krampfhaft darauf, nicht zusammenzusacken. Immer mehr breitete sich in mir der Wunsch aus, diesem Drang nachzugeben – umzufallen und einfach nur zu schlafen. Vorsichtig legte ich meine kalten Finger auf meine Wangen und kratzte den letzten Dreck aus meinem Gesicht. Dann betrachtete ich den braunen Schmutz auf meinen Fingerspitzen und schrieb grinsend die ersten Worte, die mir durch den Kopf schwirrten, an die Wand. Während des Schreibens legte ich meinen Kopf neben die Schrift, bevor ich die Augen schloss und vor mich hin döste, die Füße immer noch krampfhaft gegen den Boden gestemmt. Das Letzte, was ich wahrnahm, war der Schul­gong, während vor mir die Worte We are all the same an der rissigen Wand standen.

Weit entfernt hörte ich ein dumpfes Stimmengemurmel. Ich wusste nicht, wen ich hörte und was diese Personen sprachen, doch die Stimmen waren real. Langsam öffnete ich meine Augen, allerdings nur, um sie kurz darauf wieder blitzartig zu schließen, denn die Umgebung war unerträglich hell, fremd und kalt. Wo war ich nur? Ich versuchte mich zu orientieren.

Allmählich konnte ich die markante Stimme von Matthew erkennen. Er stritt sich, wie ich nun verschwommen wahrnahm, mit einer alten Frau, die ihre Arme immer wieder heftig hob und senkte.

Mein Kopf war schwer und dröhnte heftig. Ich zitterte vor innerer Kälte, obwohl mich die gelben Sonnenstrahlen, die es durch das Fenster geschafft hatten, angenehm wärmten. Es fühlte sich an, als würde die Sonne allein die Schmerzen lindern, die ich momentan empfand. Nun schalteten sich auch meine Sinne wieder ein und mein Kopf identifizierte die Stimme der Frau, mit der Matthew sich stritt. Mrs. Darwinson! Ich riss die Augen auf, und es verstrichen nur noch Sekunden, bis mir wieder einfiel, was passiert war. Mühsam hob ich meinen Kopf und fand mich auf einem der Schultische wieder, auf dem ein zusammengefaltetes Tuch lag, das mir wohl Matthew sorgfältig unter den Kopf geschoben hatte. Ich musste ohnmächtig gewesen sein.

Jetzt wandte Matthew seinen Blick zu mir um und lief mir mit erhobenen Armen entgegen; man konnte deutlich die Erleichterung in seinem Gesicht wahrnehmen, und auch ich war in diesem Moment überglücklich, ihn zu sehen. Er umarmte mich zärtlich, bevor er mich auf die Beine stellte und mich aus dem Raum geleitete.

Ich hatte die Türschwelle schon hinter mir gelassen, als Matthew einen letzten Blick mit Mrs. Darwinson tauschte und mit drohender Stimme zischte: »Sie sollten sich schämen, in Gottes Namen!«

Wir hatten das Schulhaus schon lange verlassen und waren gerade dabei, einen Pfad zwischen zwei Äckern zu passieren, als Matthew die Stille zwischen uns durchbrach.

»Was hast du dir nur dabei gedacht, Catherine! Dir das Gesicht zu färben, als wärst du schwarz, bist du noch bei Sinnen?«

Die Worte meines Bruders trafen mich mitten ins Herz. Wie konnte er mir Vorwürfe machen? Ich wollte den Mund gerade aufmachen, als mir seine Sätze noch mal durch den Kopf gingen und sich meine Trauer in Wut verwandelte. Ich schnaufte tief.

»Was ich mir dabei gedacht habe? Ich frage mich, ob du noch bei Sinnen bist, Matthew! Ich beginne, die Welt nicht mehr zu verstehen. Wieso sollten wir die Schwarzen hassen? Nenne mir nur einen Grund, Matthew, einen einzigen!«

Seine Gesichtszüge verschärften sich und er sah mich stirnrunzelnd an.

»Niemand hat das Recht, die Schwarzen zu verurteilen, niemand! Und ich verzweifle innerlich, wenn die Menschen mir verbieten zu sprechen – wenn vor allem du mir verbietest zu sprechen!«, rief ich.

Tränen liefen mir über die Wangen, doch es war auch ein befreiendes Gefühl, das auszusprechen.

»Ich weiß, Cathie, ich weiß!«, flüsterte Matthew. Er drückte mich an sich, während mich das gleichmäßige Schlagen seines Herzens an meiner Wange beruhigte.

Als Mutter abends nach Hause kam und mein gerötetes Gesicht sah, riss sie beunruhigt die Augen auf.

»Was ist passiert, Catherine, mein Gott?«

Ich wollte ihr gerade alles erzählen, als Matthew mir ins Wort fiel.

»Sie ist hingefallen. Ich wollte mit ihr noch ins Dorf, hab’ sie aber zu schnell mit mir mitgezogen, und so ist sie auf dem nassen Boden ausgerutscht und hat sich das Gesicht aufgeschürft!« Seine Stimme bebte förmlich und er lief rot an, während er hektisch mit seinen Fingern spielte.

Mutter bedachte zuerst ihn, dann mich mit fragenden Blicken.

»Ja … genau so war es!«, sagte ich und nickte.

Ich verstand zwar nicht, weshalb Matthew Mutter angelogen hatte, doch ich verstand sehr wohl, dass er sie schützen wollte.

Mein Bruder sah mich dankbar an, während Mutter vorsichtig mein Gesicht reinigte. Spürbar machte sich bei uns allen Erleichterung breit – Erleichterung, dass in diesen schwierigen Zeiten nichts Schlimmeres passiert war.

Ich lag in meinem Bett und betrachtete sorgenvoll die graue Decke über mir. Obwohl es bereits dunkel war, erkannte ich die dunklen Risse im Putz. Könnte es sein, dass die Decke eines Tages einfach einstürzte und uns alle in den Tod riss? Doch sofort fiel mir ein, dass das ein ­schöner Tod wäre, im Vergleich zu dem, der uns immer mehr bedrohte. Ich wusste, der Krieg würde kommen, auch wenn Mutter noch so angestrengt versuchte, mich zu beschwichtigen und die Welt schönzureden. Nacht für Nacht brachte mich diese Angst um den Schlaf und ich fragte mich oft, ob es nicht besser wäre, wenn vorher die Decke über uns einbrechen würde. Wir würden einfach schlafen und den nächsten Morgen nicht mehr erleben, vielleicht wäre es besser so …

Auch in jener Nacht ergriff diese Angst von mir Besitz und ich spürte, wie mir die Schweißperlen langsam übers Gesicht liefen. Ich griff nach Matthews Hand, der sie sanft und wortlos in die seine nahm.