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Im antiken Griechenland: Der junge Thymios verliebt sich unsterblich in Mia. Doch Mias Dorf wird überfallen und sie wird die Braut eines Tyrannen. Thymios flieht vor der Sklaverei zu einem spartanischen Krieger, der ihn das Kämpfen lehrt. Denn Thymios will sich seine Mia zurückholen.
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Seitenzahl: 271
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Lisa Schneider
THYMIOS
Das Herz des Kriegers
1. Auflage 2015
Alle Rechte vorbehalten
© Copyright by
Riverfield Verlag, Basel
www.riverfield-verlag.ch
Umschlaggestaltung
Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich
Illustrationen
Jan Reiser, München
Lektorat
Erik Kinting, Hamburg
Korrektorat
Susanne Dieminger, Friedberg/Bayern
Druck und Bindung
CPi Ebner & Spiegel, Ulm
Printed in Germany
ISBN 978-3-9524463-1-7 (print)
Für meinen Vater, der mich mit seinem warmen
Lächeln verzaubert, meine Mutter, die mir den Glauben
an etwas schenkte, meine Geschwister Jessica und Fabio,
die immer für mich da sind, und für meine beste
Freundin Giulia, die mich Tag für Tag zum Lachen bringt.
Lasst mich euch eine Geschichte erzählen.
Es begann alles in einem Land der Antike, in Griechenland. Man schrieb das Jahr 553 vor Christus und es begann, wie auch jede andere Legende beginnt: mit einem Versprechen; einem Versprechen der Brüderschaft, der Gerechtigkeit – einem Versprechen der Freiheit.
Dieses Versprechen gaben sich zwei junge Brüder: Helikios und Fridos. Ihre Mutter starb schon bei der Geburt, ihr Vater trat kurz vor ihrer Mannwerdung die Reise ins Jenseits an, sodass die Brüder mit ihren nun 18 Jahren allein waren.
Das Leben, welches sie in Athen als reiche Bauern führten, gefiel ihnen nicht mehr, da der Verstand des Herrschers, wie auch bei so vielen anderen, vergiftet war. – Vergiftet durch Gier und Ruhm, durch immer mehr … mehr Geld, mehr Macht und mehr Herrschaft, nach denen es ihn gelüstete.
Die Brüder, welche dem Herrscher sehr nahestanden, versuchten, ihn mit guten Worten zur Vernunft zu bringen, doch der Herrscher ließ sich nicht umstimmen. Er wollte Sklaven – viele Sklaven, und noch mehr Ländereien. So wandten sich Helikios und Fridos, die unzertrennlich waren, traurig vom Herrscher ab, dessen Gier auf seinen Sohn abzufärben drohte.
Sie verließen Athen und zogen in die weite Landschaft Arkadiens. Dort errichteten sie, nicht weit von Argos, ein eigenes Dorf.
Viele hörten von diesem Dorf, welches die BrüderHeldosnannten, eine Mischung aus Helikios und Fridos, und nahmen den gefährlichen Weg auf sich, um lieber dort zu leben. So wurde Heldos bald zu einem Hort für Flüchtlinge aus Athen und wuchs zu einer Stadt heran. Es wurden zur Finanzierung der öffentlichen Aufgaben zwar Abgaben erhoben, wie andernorts auch, aber in sehr bescheidenem Maße, denn die Brüder wirtschafteten gut.
Helikios und Fridos schienen sich nie im Leben trennen zu wollen, verbundenere Menschen waren kaum vorstellbar, doch auch diese Zeit ging vorbei, denn, wie es oft geschieht, begann sich Helikios’ Seele zu vergiften und nach und nach zu verdunkeln. Dieses Gift der Gier breitete sich langsam, aber sicher in seinem ganzen Körper aus und auch sein Verstand kannte nur noch einen Gedanken: Er wollte mehr … mehr … von allen Dingen immer mehr.
So brütete er Nacht für Nacht wie besessen einen Plan aus, der ihn und Fridos zu den mächtigsten Herrschern ganz Griechenlands machen sollte. Helikios wollte in seiner Gier die Abgaben der Bevölkerung erhöhen, mit dem Hintergedanken, einige von ihnen – oder alle – zu versklaven, wenn sie mit den Abgaben in Verzug gerieten. Sie sollten ihm gehorchen. Er und auch sein Bruder Fridos, den er wie sich selbst liebte, sollten zu Gottkönigen werden!
Nur einige wenige getreue und loyale Gefolgsleute, die diesen Plan voll unterstützten, sollten mit ihm und Fridos über das zur Stadt herangewachsene Heldos herrschen.
Eines Tages ging er also mit stolz erhobenem Haupt zu Fridos und erzählte ihm von seinem Plan. Doch anstatt der erwarteten Begeisterung zeigte Fridos kein Verständnis und schüttelte nur den Kopf, denn sein Herz war voller Güte und Gerechtigkeit, nicht voller Hass und Gier, wie das seines Bruders. Erschrocken über Helikios’ Vorhaben, verweigerte Fridos seine Unterstützung.
Helikios’ Herz verdunkelte sich. Sein Blut, das auch in seines Bruders Adern floss, geriet in Wallung, und er wurde so zornig, dass sein Gesicht dunkelrot anlief. Mit erhobenem Finger trat er vor seinen Bruder und drohte ihm, Fridos würde schon noch erfahren, was es bedeutete, dem Herrscher nicht zu gehorchen!
Mit finsterer Miene wandte sich Helikios von seinem Bruder ab und schwor sich Rache zu nehmen für dessen Verrat.
Helikios ließ seine treuesten Mitstreiter nach Sparta reisen, um die dortige Bevölkerung als Anhänger zu gewinnen. Schon nach fünf Tagen kamen seine zwei Unterhändler erfolgreich zurück. Aber das konnte Helikios nicht freudig stimmen, denn der Zorn auf seinen Bruder war so groß, dass nichts anderes mehr sein Herz erreichte. So stand er schließlich des Nachts vor dem Bett seines Bruders und das Einzige, was er noch wahrnahm, war das vor Wut rauschende Blut in seinen Ohren. Er nahm den Dolch, den er einst von ihrem gemeinsamen Vater als Geschenk erhalten hatte, und stieß ihn seinem Bruder bis zum Heft in die Brust.
Als er den Dolch aus dem schweigenden Herzen seines Bruders herauszog, glänzte dieser dunkelrot. Dieses Blut aus Fridos’ gütigem Herzen klebte nun für alle Zeiten an dem Dolch und die Legende besagt, dass nur das reine Blut eines gütigen Menschen in der Lage sei, das Böse zu töten.
Helikios glaubte diesen Legenden nicht, aber mit dem Mord an seinem Bruder hatte er einen großen Fehler begangen, denn als die Athener von Fridos’ Tod erfuhren, griffen sie zu ihren Schwertern und stellten sich gegen die mit Helikos verbündeten Spartaner. So wurden die Athener zu Verbündeten der Fridianer und die Spartaner zu den Verbündeten der Helikier und beide Seiten zogen gegeneinander in die Schlacht.
Nach der Schlacht der beiden Heere, die über tausend Männern das Leben kostete und keinen Sieger hervorbrachte, weil beide Seiten gleich stark waren, vereinbarten die Heerführer, den Kampf zu beenden und eine andere Lösung zu finden.
So kam es, dass man die Stadt Heldos durch eine hohe Mauer in zwei Hälften teilte: Die eine wurde fortan Helikios und die andere Fridos genannt.
Viele Jahrzehnte später wurde ein Bauernjunge geboren.
Dies ist die Geschichte dieses sanftmütigen Jungen, dessen Augen so strahlend blau waren, dass man meinte, direkt in den Himmel zu schauen.
Es ist die Geschichte eines Bauernjungen, der seine Eltern über alles liebte, der folgsam und zugleich wissbegierig war.
Es ist die Geschichte eines Jungen, der so sanft und voller Güte war, dass seinen Eltern das Herz vor Stolz und Freude überquoll.
Aber es ist auch die Geschichte eines Mädchens …
Der Junge und das Mädchen kannten sich, seit sie noch ganz jung waren, und sahen sich tagein, tagaus. Sie wurden langsam größer und älter. Je älter die beiden wurden, desto mehr begannen sie, mehr als nur Freundschaft füreinander zu empfinden.
Ich will euch nicht erzählen, was ihr alle schon wisst, denn die Geschichte des Bauernjungen mit dem gütigen Herzen und dem wunderschönen Bauernmädchen, jene beiden, die sich von Kindesbeinen an liebten, kennt ein jedes Kind in Griechenland. Doch lasst mich euch etwas sagen: Diese Geschichte, die ihr kennt … ist falsch!
Ja, ihr habt richtig gehört!
Lasst mich euch also die einzig wahre Geschichte von diesem Bauernjungen erzählen, dessen Liebe zu einem Bauernmädchen ihn zwang, etwas anderes als bloß Güte in sein Herz zu lassen. Es ist die Geschichte vom Thymios, dessen Herz das eines Kriegers wurde!
Thymios war, wie jeder in seiner Familie, ein Bauer. – Ein armer Bauer und doch so reich: reich an Gefühlen, Neugier, Mut und Hoffnung.
Sein Großvater, der den Namen Daidalos trug, war in Athen geboren und als Bauer großgezogen worden; auch er war voller Neugier und Erfindungsgeist, Klugheit und Anstand. Ein typischer Politiker, nannte man ihn immer in Athen, und doch war er nur ein armer Bauer, der es nie zu einem großen Denker und Dichter, nicht einmal zum Politiker bringen würde. Aber das war ihm egal und er arbeitete schon in jungen Jahren jeden Tag so hart auf dem Feld, dass er sich eine Schule leisten konnte. Dort hörte er nach der Arbeit den Vorlesungen großer Denker und Dichter zu und manchmal gelang es ihm sogar, einen Politiker zu sprechen, doch dies war eher selten.
Doch als der Krieg über Heldos kam und der athenische Herrscher Aristodemus ihn zu versklaven drohte, fällte Daidalos eine Entscheidung: Mit seinen erst 15 Jahren nahm er ein Schwert in die Hand und flüchtete nach Heldos. Viele Tage kämpfte er an der Seite der Fridianer und überlebte, den Göttern sei Dank. Die kleine Stadt teilte sich und Daidalos baute sich mit den Fridianern ein neues Zuhause auf. Bald lernte er auch eine Frau kennen, die nach einigen Jahren ein Kind von Daidalos erwartete. Er beschloss jedoch, vor der Geburt des Kindes noch mit seiner Frau nach Messene zu gehen, aus Sorge, der Krieg würde zurückkehren. Sein Kind sollte nie erfahren, was Krieg bedeutet, es sollte nie das Geräusch einer Klinge hören und nie das Gefühl des Tötens erfahren müssen, so wie es Daidalos geschehen war. Nein, sein Kind sollte ein Politiker werden, genau wie er es einst sein wollte.
Und nach wenigen Monaten gebar seine Frau in Messene einen Sohn, das Ebenbild des Vaters, dem er den Namen Anatolios gab. Er war klug und anständig, tüchtig und neugierig, und, so wie sein Vater, ein Politiker. Auch er besuchte eine Schule und lernte ordentlich. Nie musste er sich etwas erkämpfen, nie musste er eine Klinge zischen hören und nie spürte er das Verlangen, eine Klinge in den Händen zu halten.
Anatolios wurde in Messene groß und fand dort eine athenische Frau, die ebenfalls vor vielen Jahren geflüchtet war.
Und mit 26 Jahren hielt dann auch er einen Sohn in den Händen, den er in Messene aufzog – Thymios. Auch Thymios war klug, respektvoll und anständig, aber ebenso sehr wild und neugierig, mutig und frei. Dies ließ Anatolios den Beschluss fassen, mit Frau und Kind nach Fridos zurückzuziehen, wo sich der Krieg endgültig gelegt hatte, denn auch ihn hatte die Neugier gepackt. Er wollte wissen, wie Fridos aussah, wo sein Ursprung lag.
Als Thymios neun Jahre alt war, zogen sie nach Fridos und bauten sich dort ein neues Leben auf, knapp 60 Jahre nach dem Krieg.
18 Jahre zuvor war der Enkel des verstorbenen Aristodemus an die Macht gekommen und zum Herrscher über Athen geworden. Wegen ihm wird diese Geschichte bald eine Wendung nehmen …
»Sohn, so komm doch, der Tisch für das Morgenmahl ist schon gedeckt!«
Ich saß in meinem wundervollen Zimmer, meinem eigenen kleinen Reich. Hinter mir befand sich mein aus Holz gefertigtes Bett, auf das ich meinen Fuß stützte, während ich mir die Sandalen band. Auf dem Fenstersims standen die elf Holzfiguren, die Vater so liebevoll für mich geschnitzt hatte. Er habe die Gabe des Handwerks von Hephaistos erhalten, sagte er immer stolz, wenn eine Arbeit gelungen war, und ich glaubte ihm jedes Wort. – Hephaistos war der Gott des Feuers und der Schmiedekunst, der Erbauer des Olymps selbst, er konnte genau wie Vater gut Dinge erschaffen. Die Holzfiguren Vaters waren so vielfältig und schön, dass man bei ihrem Anblick neidisch werden konnte. Doch Vater hatte mir verboten, neidisch zu sein: »Das ist Hydras Werk!«, sagte er immer.
Ich wollte natürlich auf gar keinen Fall so sein wie Hydra, die Gestalt des Bösen, Verbündete des Hades selbst, mit ihren Schlangenköpfen, die so giftig wie kein anderes Wesen waren. Um genau zu sein, war Hydra die Schwester des Zerberus, dem dreiköpfigen Wachhund des Hades. Sie hatte acht sterbliche Köpfe, die einen Unsterblichen umringten, und falls man einen davon tötete, wuchsen an dieser Stelle zwei nach. Es war unmöglich, dieses Monster zu töten, und doch war es Herkules gelungen. Dazu hatte er die sterblichen Köpfe abgebrannt, damit sie nicht wieder nachwachsen konnten, und den unsterblichen mit dem Gift der Hydra selbst zur Strecke gebracht – was mich immer wieder verwunderte, denn alle anderen Schlangen, die ich kenne, sind gegen ihr eigenes Gift immun … Die Legende der zwölf Aufgaben von Herkules hatte mir Vater früher immer erzählt, bevor er mich ins Bett brachte.
Mein Vater war ein weiser Mann, obwohl er noch gar nicht so viele Jahre zählte. Man erkannte es an seiner Wortwahl, aber auch sein ausgesprochener Sinn für Humor, seine leuchtenden Augen und sein strahlender Blick zeugten von seiner Klugheit. Er hatte rabenschwarze Haare, dunkelbraune Augen, eine leichte Hakennase und war von schlaksiger Statur. Er war toll und man konnte ihm einfach nicht böse sein.
Er hatte Prometheus, den Erschaffer der Menschen, mit diesen unglaublich ausdrucksstarken Augen und dem wundervollen Lächeln geschnitzt. Der Legende nach lag die Erde schon in ihrer vollen Pracht da – mit ihren Flüssen, Seen und Meeren, die in der Mittagssonne saphirblau leuchteten, mit den Wäldern, die im Frühling in vollem Grün erstrahlten und mit dem kühlen Wind, der uns die Luft zum Atmen brachte –, als Prometheus, der Sohn des Titanen Japetos, auf die Erde kam. Prometheus wusste von dem göttlichen Samen in der Erde und formte aus Ton uns Menschen – Ebenbilder der Götter. Er steckte gute sowie schlechte Eigenschaften in unsere Herzen. Eines Tages kam aber die Göttin Pallas Athene, seine Freundin, die so begeistert von Prometheus’ Werk war, dass sie uns mit ihrem göttlichen Atem zum Leben erweckte. Und so entstanden wir Menschen. Doch wir wussten noch nichts von der weiten Welt, nichts von den Gaben der Götter, von den verschiedenen Seelen der Erde, und auch nichts von dem frischen Wasser, welches wir brauchten. Also wurde Prometheus zum Lehrmeister der Menschen, zeigte uns, wie man Felder bestellt und die Tiere nutzt. Er erklärte uns die Bedeutung der Jahreszeiten und schenkte uns die vier Elemente Wasser Feuer, Erde und Luft. Und so bildete er uns viele Jahre lang, bis wir zu klugen Geschöpfen wurden. Prometheus war Vater wirklich sehr gut gelungen.
Seine Tage verbrachte Vater auf dem Feld, denn wir waren einfache Bauern. Trotz der harten Arbeit, die er zu verrichten hatte, beklagte er sich nie und strahlte stets. Er war meine Motivation, das Licht des Tages, der Sonnenaufgang! Und so lautete auch sein Name: Anatolios. – Es klingt vielleicht ein wenig merkwürdig, doch auf meinem Vater lag eine gewisse Magie, die jeden um ihn herum erstrahlen ließ, denn auch wenn ein Tag nicht von Glück geprägt war, konnte er jedem ein Lächeln ins Gesicht zaubern und Mut zusprechen.
So war er ziemlich angesehen. Jeder kannte ihn als Das Licht des Tages und so sollten sie ihn auch im Herzen behalten.
Nun streckte Mutter ihr Haupt in den Türrahmen und sagte mit ruhiger Stimme: »Thymios, das Mahl wird noch kalt, so komm doch!«
Ich sah auf und musterte sie eingehend, während ich dachte, wie schön sie eigentlich aussah: Sie hatte schulterlanges blondes Haar, das sie meistens zusammengebunden trug, da ihre Haare, so sagte sie immer, bei der Arbeit so lästig waren. Doch mit offenen Haaren gefiel sie mir irgendwie besser, wenn es wie flüssige Sonnenstrahlen über ihre Schulter fiel.
Ihr Gesicht war geprägt von tiefbraunen Augen, die so durchdringend und warm waren, dass man, wenn man sie ansah, stocken musste, denn es war, als blicke sie einem direkt ins Herz. Außerdem konnte man sie einfach nicht belügen, ich wusste nicht wieso, und die anderen noch weniger, doch man konnte einfach nicht in dieses Gesicht mit der kleinen Stupsnase, dem vollen Mund und den tiefen Augen schauen und lügen. Es war, als würde ein Zauber auf ihren Augen liegen, der einen zwang, die Wahrheit zu sagen.
Ich sprang auf und lief aus dem Zimmer in den erhellten Flur. Von hier aus konnte man geradewegs auf unsere Haustür blicken, welche sich in der Küche befand. Von dort schien jetzt die Sonne unmittelbar auf unsere Hütte und erhellte sowohl Flur wie auch Küche. Die Zeichnungen auf den Flurwänden ignorierte ich. Vater hatte sie mir mal alle genauestens erklärt, doch an jenem Tage hatte mich etwas ganz anderes interessiert, nämlich Mia. So hatte ich nicht viel von Vaters Vortrag mitbekommen, nur ab und an die Worte Fridos und Helikios.
Mia – eigentlich Erasmia, doch alle nannten sie nur Mia – war das Nachbarsmädchen. Sie lebte mit ihren Eltern in einer Hütte gleich gegenüber. Doch während wir schon fünf Jahre hier lebten, kamen sie erst vor ungefähr drei Jahren her. Mia war einzigartig und es war Liebe auf den ersten Blick. Ich weiß, dass es absurd klingt, doch schon vom ersten Moment an, als ich sie kennengelernt hatte, konnte ich mir mit ihr eine Zukunft vorstellen, obwohl ich da erst elf Jahre alt war und sie gerade mal neun. Wir lernten uns auf dem Feld kennen, welches sich direkt hinter meiner Hütte befand …
An jenem Tag, als ich Mia kennenlernte, geschah so viel, von dem ich nicht die geringste Ahnung hatte, als ich mit Mutter und Vater beim Morgenmahl saß. Wie es in Griechenland Brauch war, sprach Vater zuerst das Götterlob, während Mutter einen Teil des Mahls abriss und den Göttern als Opfer in die Mitte des Tisches legte. Wir erhofften uns dadurch das Glück und die Anerkennung der Götter, denn taten wir dies nicht, wurden die Götter zornig und schickten Plagen und schlechte Einflüsse auf die Erde hinab. Die reiche Bevölkerung Griechenlands opferte den Göttern meistens ein ganzes Tier, wie zum Beispiel ein Lamm oder ein Rind, welches sie schlachteten; wir in Fridos jedoch hatten nicht so viel Geld, um jeden Tag ein Tier zu schlachten, deshalb opferten wir, was wir eben hatten: ein Stück Brot oder Früchte. Es war nicht gerade viel, was wir den Göttern anbieten konnten, doch bis jetzt war es nicht oft vorgekommen, dass Zeus oder Hera wütend auf uns waren.
Vater murmelte also das Gebet und nach den Worten Zeus, der Mächtige konnten wir beginnen. Während des Mahls durften wir nicht sprechen. »Das ist die Ehrung Zeus’ und der Götter, da haben wir zu schweigen«, hatte Vater erklärt. »Du musst lernen, Zeus beim Mahl voll und ganz zu ehren. Wenn du sprichst, dann kannst du das ja nicht.« Folglich verliefen alle drei Mahlzeiten des Tages sehr ruhig. »Beten ist so wichtig wie essen«, pflegte Mutter oft zu sagen. Deswegen beteten wir dreimal pro Tag.
Nach dem Essen erhob sich Mutter und begann die Tonteller mit flinken Bewegungen abzuräumen, dann trug sie das Tischgedeck zu unserem kleinen, schon fast kaputten Holzschrank, in dem sich eine tiefe Mulde befand, nahm den großen Tonkrug neben dem Schrank und begann die Teller mit dem Wasser des Kruges zu waschen, den wir immer am Brunnen füllten. Währenddessen sah sie aus dem Fenster. Ihr fielen die Saatkrähen auf, die eine Bedrohung unserer Ernte waren.
»Mios«, Mutter nannte mich immer zärtlich Mios, »geh doch bitte auf das Feld und verscheuche die Krähen.«
Ich sprang vergnügt aus dem Haus, schnappte mir den Besen und lief aufs Feld – da sah ich sie zum ersten Mal; sie hatte eine blaue Bauerntracht an und die braun gelockten Haare waren zu Zöpfen zusammengebunden. Sie schritt barfuß über den schmutzigen Acker, die Sandalen hübsch ordentlich am Feldrand abgelegt, und genoss sichtlich die warmen Strahlen der Sonne. Dabei hörte ich ein leises Summen, das bald zu freudigem Gesang wurde. Heute ist ein schöner Tag, dachte ich, während ich überwältigt von diesem Bild der Natur war – mit Mia als Höhepunkt darin.
Ich hätte sie von unserem Feld scheuchen sollen, wie die Krähen … aber wie sie da die nackten Füße in den Acker steckte … ihre Haare, mit denen der Wind spielte, und dieses blaue Kleid – sie war einfach wunderschön.
Nach einigen Sekunden ging ich dann doch zu ihr und stupste sie leicht von der Seite an. Sofort verstummte der schöne Gesang und sie drehte sich blitzartig um. Dabei musterte ich sie eingehend und sah auch in ihre tiefbraunen Augen, die in der Sonne schon fast grün leuchteten. Ihr Gesicht war eine hinreißende Komposition aus einer feinen Nase und herrlich roten Lippen. Ihr gelocktes Haar fiel ihr wild ins Gesicht und verdeckte einen Teil der Augen.
Als ich sie so ansah, brachte ich keinen Ton heraus, es war, als könnte ich nicht sprechen. Ich setzte in meinem Kopf immer wieder verschiedenste Silben zusammen, doch über die Lippen brachte ich diese nicht. Ich starrte sie eine Ewigkeit lang einfach nur an, dabei musste sie grinsen.
Anscheinend gefiel ich ihr auch ein bisschen, denn als sie den Mund aufmachte, kamen die Worte auch nicht flüssig heraus: »Wer bist du denn?«
Ich sah sie mit großen Augen an. »Ich bin Thymios, ich lebe in der Hütte hier, und du?«
»Ich bin Erasmia, wir sind gerade erst hergezogen. Was machst du mit dem Besen auf dem Feld?« Sie sah belustigt aus.
»Ach, eigentlich sollte ich nur die Krähen verscheuchen und … äh … fand dich!«
»Oh, ich verstehe, ich bin im Weg …«
»Nein«, rief ich und fasste sie am Arm, »nein, das bist du nicht. Willst du mir vielleicht helfen, die Krähen zu verscheuchen?«
Sie strahlte mich an und nickte schelmisch.
Schon rannte sie los, mit ausgebreiteten Armen und wehenden Haaren, ich hinterher, den Besen wie eine Standarte erhoben. Wir flitzten nun beide wie wild auf dem kleinen Feld herum, die Arme ausgestreckt, den Besen schwingend und schreiend, während die Krähen schockiert das Weite suchten. Immer wieder fiel einer von uns in den Dreck, darüber mussten wir jeweils lauthals lachen. Ihre Augen funkelten, wenn sie lachte, und genau das ließ sie so großartig wirken. Und obwohl unsere Kleidung nach diesem Tag völlig ruiniert war, hatten wir großen Spaß.
Ja, es waren schöne Tage damals und jeder Tag brachte seine kleinen Wunder. Mia und ich trafen uns jeden Morgen, wenn die ersten Sonnenstrahlen die Bergspitzen streiften.
So vergingen Tage, Wochen, Monate und Jahre, in denen Mia und ich immer mehr zusammenfanden und uns hinter dem Haus – unserem Platz – austauschten, während wir den Sonnenaufgang bewunderten.
Wir stellten uns vor, wie wir wohl in ein paar Jahren aussehen würden, ob wir glücklich wären und ob wir einander noch kennen würden. Wir konnten ja noch nicht wissen, dass unsere Zukunft schon geschrieben war …
Jetzt standen Mutter und ich geduldig neben dem kleinen Tisch, während Vater Platz nahm. Dann machte er eine kurze Handbewegung, die uns unsere Plätze zuwies. Mutter teilte wie immer das Brot in drei kleine und ein großes Stück, wobei sie das größte in die Mitte legte. Vater sprach das Götterlob und wir aßen stillschweigend unser Mahl.
Nachdem ich Mutter mit dem Abwasch geholfen hatte, ging ich noch einmal kurz in mein Zimmer.
»Thymios«, hallten schon ihre Worte durch den Flur, »die Arbeit ruft!«
Ich eilte zurück und trat ins Freie. Ich war etwas nervös.
»Nun«, sagte Vater hinter mir mit seiner tiefen Stimme, »bist du bereit für deinen ersten richtigen Arbeitstag?«
Schweigend nickte ich, während mich dieses Gefühl – mein erster richtiger Arbeitstag wie ein Mann – mit Stolz erfüllte. Von den Tätigkeiten eines Kindes zu denen eines Mannes überzugehen, war nur ein geringer Unterschied, denn natürlich hatte ich in den letzten Jahren meinen wachsenden Anteil an der Arbeit erfüllt, aber nun war es offiziell: Ich war ein vollwertiger Arbeiter und das war schon was.
Vater klopfte mir auf die Schultern und gemeinsam traten wir beide auf den Steinweg vor unserer Hütte. An diesem bedeutungsvollen Morgen würde ich Mia ausnahmsweise einmal nicht sehen, denn ich ging mit Vater zum Geräteschuppen und holte dort mein Werkzeug selbst, statt es von ihm mitgebracht zu bekommen. Ich würde mit ihm zusammen aufs Feld gehen, statt nach dem morgendlichen Treffen mit Mia nachzukommen und mir sagen zu lassen, wie ich helfen konnte. Ab jetzt würde ich wissen, was ich zu tun hatte.
So waren nun mal die Regeln des griechischen Oikos und diese besagten auch, dass Vater das Oberhaupt der Familie war, Mutter folgte nach ihm und ich als Sohn nach ihr. Wäre ich volljährig, dann wäre ich als Mann das zweite Oberhaupt der Familie und Mutter in der Hierarchie unter mir, doch weil ich noch ein Kind war, mussten Mutter und ich Vater gehorchen. Aber das war mir nie schwergefallen, wieso auch?
Ich sah über unser Feld, welches von einigen Sonnenstrahlen erhellt wurde, die es im Westen über die Berggipfel geschafft hatten und es in eine rubinrote Landschaft verwandelten. Ja, heute war ein schöner Herbstmorgen. Der erste Tag des Weizenanbaus. Die Sonnenstrahlen leuchteten auf meiner Haut und wärmten sie angenehm.
Nun standen wir vor der kleinen Holztür des Schuppens und Vater nahm sich seine Arbeitsgeräte, unter anderem eine alte Hacke. Ich nahm die Schaufel. Da wir keinen Ochsen hatten, an dem wir einen Pflug befestigen konnten, mussten wir das selber machen. Genau genommen hatten wir keinen Ochsen mehr, denn vor ein paar Jahren mussten Vater und Mutter ihn verkaufen. Da ich mit dem Ochsen groß geworden war, tat mir der Verlust sehr weh. Er hatte den Namen Adelphos, was übersetzt Bruder hieß.
Der Tag, an dem wir den Ochsen verloren hatten, war mir ins Gedächtnis gebrannt:
»Neuigkeiten, Neuigkeiten!«, rief ein fridianischer Laufbursche immer und immer wieder, als er an unsere Hütte hämmerte.
Mutter teilte das Haferbrot des Abendmahls in vier Stücke und legte wie gewohnt das größte in die Mitte des Tisches.
Vater hatte schon die Augen geschlossen, um das Gebet zu sprechen, doch als wir von dem lauten Gehämmer gestört wurden, blinzelte er. Mutter marschierte zur Haustür und öffnete diese mit einer flinken Handbewegung, während ich sie neugierig beobachtete.
Man hörte, wie der Regen gegen die Fenster peitschte und das Donnern des Himmels lauter wurde. Der Laufbursche sprach hysterisch ein paar Worte, während sich Mutters Augen vor Schreck weiteten.
Nun ging auch Vater hin und ich sprang ebenfalls auf und eilte zur Tür.
Dann sah ich Martius, den Botenjungen; er war durchnässt, fror und zitterte vor Kälte. Angst hatte er aber auch, das sah man deutlich; seine Augen waren weit aufgerissen, als stehe der Weltuntergang bevor.
Es war schon dunkel, die Sterne und der Mond waren nicht zu sehen – spurlos verschwunden, als hätte sie etwas Großes verschlungen.
Der Junge, dessen Haare kreuz und quer abstanden, sagte nur noch: »Die Götter sind wütend, sie haben die Sterne verschwinden lassen und Zeus schickt Blitze auf uns herab.« Er schnaufte tief, kehrte um und rannte schnurstracks über den Steinweg, während ein greller Blitz den Himmel erhellte.
Wir waren alle drei leichenblass. Niemand mochte ein Wort sprechen, aus Angst, die Götter noch weiter zu verärgern.
Schließlich besann sich Vater und sagte zu Mutter: »Schnell, reiß ein größeres Stück des Brotes ab und leg es in die Mitte des Tisches. Wir brauchen mehr Abgaben für die Götter und das Gebet muss tiefgründiger sein.«
Sofort legte Mutter das Brot von ihrem Teller in die Mitte und Vater begann: »Oh ihr Allmächtigen, ihr Götter. Ihr auserwählten Herrscher über Griechenland. Kein Leid soll euch je geschehen und gelobt sollt ihr stets werden. Also bitten wir euch mit aller Achtung und Ehrerbietung um euer Erbarmen. Keine Macht kann euch besiegen und keinem ist es gewährt, euch infrage zu stellen, doch in aller Großzügigkeit, welche von euch ausgeht und euch ausmacht, habt Erbarmen mit uns, euren Geschöpfen.«
Vater verstummte und ein rüttelndes Dröhnen rollte wie eine Welle über die kleine Stadt.
Als es vorbei war, lag das Feld, welches eigentlich an eine wunderschöne Landschaft erinnert hatte, wie ein Schlachtfeld da … Äste, Steine – was der Sturm zu fassen bekommen hatte, lag dort herum. Teile des Ackers waren fortgespült und der steinige Untergrund war hervorgetreten. Der Schuppen war aufgerissen worden, unsere Werkzeuge im Dreck verstreut. Doch am Schlimmsten war, dass die Ernte durch den Zorn der Götter vollkommen zerstört worden war. Eine ganze Ernte, Arbeit eines ganzen Jahres, in nur einer Nacht zerstört. Nun hatten wir keine Nahrung mehr, kein Opfer für die Götter und auch kein Geld.
Wenige Tage danach erfuhr der Herrscher Athens, Aiolos, von unserer Finanznot und schickte Diener, die uns unseren Ochsen, der das Unwetter glücklicherweise überlebt hatte, günstig abkaufen sollten, denn da unsere Ernte verloren war, konnten wir unsere Abgabe nicht leisten. Wir bekamen für den Ochsen gerade mal so viel, dass wir neu anfangen konnten.
Der Herrscher war seit vielen Jahren nicht mehr derselbe: »Er ist krank«, pflegte Vater immer zu sagen, »krank vor Ruhm und Macht.« Ich verstand diese Worte nicht, nickte aber immer still vor mich hin, wenn er diese Worte sprach. Denn trotzdem wusste ich, dass der Herrscher böse war, sehr böse und erbarmungslos. Aber diese Eigenschaft hatte er nur von seinem Vater geerbt, der sie wiederum von seinem Vater hatte; Aiolos’ Großvater hatte während des Krieges zwischen Helikios und Fridos die armen Bürger Athens versklavt. Aiolos’ Bruder Demokrit gelang es jedoch, der Versuchung der Macht, jenem Familienfluch des Herrschergeschlechts, zu widerstehen und sich für die arme Bevölkerung einzusetzen. Doch diese Gefühle hielt er geheim, denn auch er musste seinem Bruder, dem Herrscher, gehorchen, und erst wenn dieser sterben würde, könnte Demokrit die Regentschaft übernehmen. Und noch herrschte Aiolos mit furchtbarer Gewalt über Athen.
Als die Männer den Ochsen mitnahmen, fühlte ich mich so leer, als hätte mir jemand das Herz aus dem Leib gerissen. Wut und Trauer erfüllten mich an diesem Tag. Ich saß still auf meinem Bett und wollte einfach nicht mehr reden, wollte einfach nur die Augen schließen und alles vergessen. Doch es musste ja weitergehen und so fingen wir ganz von vorne an – nun jedoch ohne Ochsen.
Was ich damals noch nicht wusste, war, dass meine Eltern sich über den Verkauf des Ochsens hinaus tief verschulden mussten. Der Herrscher war in wahrlich jeder Hinsicht ein grausamer Tyrann.
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Lisa P. Schneider, geboren 2000, ist Schülerin.
Schon als Kind liebte sie es, Aufsätze und Kurzgeschichten zu schreiben.
Biochemie und Geschichte sind ihre Lieblingsfächer.
Ihr Traum ist es, Medizin zu studieren und Ärztin zu werden.
»Thymios – Das Herz des Kriegers«, ist ihr Romandebüt.
Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Basel.
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Jan Reiser, geboren 1978, arbeitet als freischaffender Illustrator.
Seine zahlreichen Beiträge für die »Süddeutsche Zeitung«
erfreuen sich großer Beliebtheit.
Zudem unterrichtete er als Privatdozent
an der IFOG-Akademie in München.
Jan Reiser lebt mit seiner Familie in München.
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