Tränen im Blut - Paul Ross - E-Book

Tränen im Blut E-Book

Paul Ross

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Beschreibung

Die in Paraguay gelegene Estancia weckt Begehrlichkeiten in der Umgebung. Viele wollen von ihrem Reichtum profitieren, sich Geld leihen, Rinder abzweigen oder sich andere Leistungen erschleichen. Für das Familienoberhaupt Fritz ist es nicht leicht, Schulden oder Zinsen einzutreiben, und überraschende Todesfälle signalisieren, dass es um mehr gehen könnte. Die Tochter Sabine muss all ihre Kraft einsetzen, um den Betrieb zusammenzuhalten und die geheimen Machenschaften aufzudecken.

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Seitenzahl: 824

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Impressum

Der Beginn

1. Fritz

2. Vater Fritz am Einkassieren

3. Neuer Tag

4. Charlotte und Sabine allein auf der Estanzia

5. Die Whiskyflasche

6. Viehtransport

7. Die Küchenberatung

8. Charlotte auf der Bank

9. Charlotte im Spital

10. Drei Frauen

11. Schlangenbiss

12. Die drei Frauen

13. Die Suche nach der entführten Person

14. Die Geburt

15. Die drei Jungs

16. Mutter kommt nach Hause

17. Der Schweinedieb

18. Der Schweineschinken

19. Charlotte macht Kur

20. Die Patronin in Kur

21. Charlotte ist wieder im Haus

22. Das Ende von Charlotte

23. Vor Gericht

24. 324066

25. Hexen 1

26. Hexen 2

27. Campesinos

27. Die Maske

28. Die zwei Nickel

29. Frauengespräche

30. Der Staatsanwalt

31. Treiben

32. Die Geburt

33. Der Schrei

34. Die drei Neuen

35. Der Spion

36. Der Informant

37. Zum Staatsanwalt

38. Die Entführung

39. Rosa verschwindet

40. Der Gaucho

41. Staatsanwalt

42. Die Geschwister

43. Busfahrt

44. Die Eltern von Sepp sind umgezogen

45. Paul in der Schule angegriffen

46. Hertha gefunden

47. Der Schinken

48. Auf dem Polizeiposten

49. Rosaria

50. Der Landkäufer

51. Freundschaft

52. Zwangsräumung

53. Zurück auf der Estanzia

54. Der Grundbuchtitel

55. Das Essen

56. Die Aufklärung

57. Der Viehtransport

58. Grete ist beim Kochen

59. Sabine beim Staatsanwalt

60. Grete beim Staatsanwalt

61. Im Hotel

62. Die Überraschung

63. Gerichtverhandlung erster Teil

63. Gerichtsverhandlung zweiter Teil

64. Hochzeit

65. Sabine in der Klinik

66. Im Spital

67. Sabines Vermächtnis

68. Die Beerdigung

68. Das Gericht

70. Der Richter

71. Beratung der Rechsdiener

72. Auf der Kanzlei

73. Auf der Estanzia

74. Ein halbes Jahr später in der in der Kanzlei

75. Hotel

76. Die Festnahme

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2026 novum publishing gmbh

Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt

[email protected]

ISBN Printausgabe: 978-3-99130-872-0

ISBN e-book: 978-3-99130-873-7

Lektorat: Falk-M. Elbers

Umschlagfotos: Candice Estep, Scott Book | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Der Beginn

Ein Alter Mann steht vor dem Großen Tor, betrachtet die Einfahrt die zum Anwesen führt. Zur rechten steht das Würdevolle Gehöft. Die zweiflüglige Haustür steht offen, wie sie sagen will komm rein. Im oberen Stock das Fenster das dem Betrachter einen prüfenden Willkommens Gruß spendet. Dem Fremden das Eintreten keine Ablehnung gibt. Der Mangobaum der zu linken das würdevolle Gut steht dem Fremden zur Seite um ihm eine Kühle zu spenden.

Dem Betrachter das Innen leben nicht entgeht. Mit Pferde Stallungen, Dienst Häuser und der Schmucke Gemüse Garten eine Harmonische Einheit gibt.

Die Verträumte Estanzia eine Geschichte hat die von Menschen mit Opferbereitschaft, Liebe und Edelmut leben. Die gegen nutzlose, hinterlistige und missgünstige Kreaturen ankämpfen muss. Ihre Arbeit ist mehr ein Müßiggang der Faulheit ist.

Der Alte die Geschichte erzählt von Menschen die es getragen haben und doch den Kampf verloren haben.

1. Fritz

Ein alter Ford Camioneta steht vor dem Haus. Die Farbe ist schon halb abgeplatzt, dass er einmal ein Rosa hatte, ist nur noch zu einem kleinen Teil zu sehen, der Rost ist ein Firmenzeichen dieses Vehikels. Die Sitze sind durchgesessen und die Armaturen verstaubt, sodass sie die Plackerei noch erfüllen, sie werden jedoch nicht beachtet. Fritz hat sich hinter das Steuerrad gequält, mit seinem alten Strohhut, der schon einiges abbekommen hat, ruft er der Tochter Sabine zu: „Komm, ich fahre. Wenn man nur auf die Frauenzimmer warten muss.“ Er startet den Motor, der mehr hustet als läuft. Fritz hebelt und zieht, endlich fängt er an, einen ruhigen Laut von sich zu geben. Er dreht sich um, um zu sehen, ob die werte Tochter kommt.

Sabine steigt ein. „Du siehst, bin da. Bis der läuft, braucht es Zeit, das wäre alles Zeitverschwendung.“ Fritz hält das Steuerrad mit beiden Händen, wie ein Kapitän. Langsam holpern sie die Naturstraße raus. Die Löcher werfen das Gefährt von einer Seite auf die andere.

Sabine: „Wann machst du endlich die Straße in Ordnung? Das ist ja furchtbar, so eine Straße.“

Fritz runzelt mit der Stirn, sei es, dass er zeigen möchte: das kostet oder das ist eine Absicht. Er zieht die Luft ein, als er eine Begründung gibt. „Es ist einfach so: Wenn es eine schöne Straße ist, gibt es eine Verlockung für jeden Spitzbuben und Bettelsack, auf die Estanzia zu kommen. Von diesen habe ich genug. So ist das für sie ein Bittgang, dass Geld doch nicht auf der Straße liegt.“

Sabine: „Aber du hast ja die neue Camioneta. Die ist bessere zu fahren als dieses alte Vehikel, das auf allen Rädern ein Gejammer macht, als würde es zu einer Beerdigung gehen. Hängst du so an diesem alten Plunder?“

Fritz schmunzelt über die Aufregung der Tochter, und die Augen leuchten, dass sie schon recht hat, aber dass es manchmal doch besser ist, man nimmt das Alte zu Ehren, um mehr Eindruck zu bekommen, dass die Zinsen keine Almosen sind. „Du hast recht, würde ich auch, aber sonst denken sie, wir leben im Luxus und können doch auf das verzichten. Sie müssen so viel darben, dass es doch nur rechtens ist, die Schulden zu erlassen. Darum macht meine alte Kusche ihren vollen Dienst. Verstehst du das?“

Sabine: „Ja, ich kann mir das denken. Du bist einfach mit den Faulenzern zu gut gewesen, kannst nicht nein sagen, du hast das Herz einfach auf dem richtigen Fleck.“

Vor der Ruta biegt Fritz rechts ab, in den Erdweg in einen Pinienwald, überquert eine Asphaltstraße in eine offene Weidelandschaft. Fritz: „Schau da, da leben die Faulenzer, nichtsnutzige Leute. Mag sie nicht leiden. Arbeiten ist nicht ihre Stärke!“

Sabine: „Aber warum fährst du hin, wenn du sie doch nicht leiden magst?“

Fritz: „Ich war naiv, hätte ihnen nie Darlehen geben sollen. Das ist das letzte Mal, immer wieder kommen sie auf den Knien bettelnd, dass sie noch was haben könnten. Schau, das schöne Land: 85 Hektar und alles durchgerattert.“

Sabine: „Was willst du sagen?“

Fritz: „Alles mit Frauen und Karten verspielt. Es ist mir mulmig, ich traue ihnen einfach nicht, die sind mit allen Wassern gewaschen. Darum habe ich die Estanzia auf dich überschrieben, nur als Vorsichtsmaßnahme, wenn mir etwas passiert. So bleibt die Estanzia in der Familie.“

Sabine fragt: „Wie weit geht das noch? Ich sehe kein Haus.“

Fritz: „Wir sind gerade da, du siehst da hinten, das heruntergekommene Haus! Am Verfallen ist es.“ Fritz biegt ab in die Einfahrt. Das Gras ist so hoch, dass man die Straße nicht sieht. Langsam fährt er durch das meterhohe Gras. Das Haus ist von Sträuchern ganz eingewachsen.

Sabine: „Da soll jemand wohnen?“

Fritz: „Du wirst es gerade sehen!“ Vor dem Gehöft hält er die Camioneta an. Tatsächlich wohnt da jemand. Eine junge Frau kommt raus, gibt Bericht, dass der Vater abwesend ist, er solle ein andermal kommen. Sie werden Bescheid geben, soll den Titel mitnehmen, sagt der Vater.

Fritz: „Das sind auch Leute, der Bruder von ihm war Staatsanwalt, dem konnte man vertrauen, aber der da ist ein Schwein. Alles ist ihm recht.“

Fritz fährt zurück. Bei der Asphaltstraße hält er kurz an. „Gehen wir zu ihm da hinten, schauen, was der macht.“

Sabine: „Ist der auch in den Schulden?“

Fritz: „Der ist so heftig, dass er sich nicht mehr zu wehren weiß. Alles ist ihm recht. Auch so ein Arbeitsscheuer und dazu noch gefährlich. Mit seiner Tochter ist er, die macht ihm den Haushalt. Die Alte ist ihm ausgerissen, die hat es mit dem nicht mehr ausgehalten.“ Hinter dem Haus stellt er die Camioneta ab. „Warte hier, ich gehe schauen, was der macht.“ Lange muss Sabine warten. Sie traut sich nicht, nach vorn zu gehen. Es ist besser, dass man horcht, was der Vater sagt. Das Warten ist langweilig, so läuft Sabine um das Gefährt und betrachtet, was auch er schon durchgemacht hat. Hinten neben dem Nummernschild ist was Schwarzes, was Sabine auffällt, komisches Zeichen aufgemalt. Was soll das? Hat das eine Bedeutung oder Nützlichkeit? Sabine läuft weiter um das Gefährt, aber sie findet nichts Außergewöhnliches. Kommt Fritz gelaufen, die Haare zerzaust, den alten Hut in der Hand, steigt ein und ruft Sabine. „Steig ein, ich fahre nach Hause, der da hat mir seine Tochter als Köchin angeboten. Er hat noch einen Sohn, den könnte ich auch haben. Aber den will ich nicht, der ist mehr bequem und intrigant, auf den kann man sich nicht verlassen.“

Sabine: „Kann die Tochter kochen?“

Fritz: „Ich glaube schon, Charlotte kann sie anlernen. Ich wollte sie dir vorstellen, aber sie wollte nicht nach hinten kommen. Morgen wirst du sie sehen.“

Sabine: „Ich hoffe, der hat dich jetzt bezahlt.“

Fritz kratzt sich am Kopf. Sabine schaut ihn an. Kann sein, dass da etwas Ungereimtes ist. „Kann ja sein“, denkt sich Sabine, „eine Heimlichtuerei, wird schon irgendwann, geklärt. Ich muss nur Geduld haben, es wird meistens früher preisgegeben, als man denkt.“ Bei der Hinfahrt ist Sabine fast verzweifelt, aber der Rückweg geht so schnell, dass sie nicht gedacht hätte, schon wieder zu Hause zu sein. Charlotte hat die Küche geschmissen und Rosa hat den Hof gesäubert. Sie ist froh, dass sie eine Köchin bekommt. Sie hat es satt, jeden Tag in der Küche zu stehen.

Am Morgen sind alle gespannt, wer da kommen wird. Rosa ist schon lange in Spähstellung, das wolle sie sich nicht entgehen lassen, die neue in Empfang zu nehmen. Tatsächlich meldet sich am Vormittag eine junge Frau am Tor. Eine junge, große Frau mit langen schwarzen Haaren, in Hosen und einer weißen Bluse, in der Hand hat sie ein kleines Bündel.

Sie heiße Grete und sie sei die neue Köchin.

Rosa: „Kommen Sie, ich bin die Rosa, ich zeige Ihnen die Patronin.“ Sie läuft voraus und die Neue, Grete, hinterher. Sie laufen in die Küche, wo Charlotte am Hantieren ist. Charlotte grüßt freundlich und zeigt ihr die Küche und was sie zu tun hat. Schnell ist die Arbeit besprochen und Grete hilft tatkräftig mit. Auch Sabine kommt, grüßt und stellt sich als Tochter vor. Grete ist die Arbeit gewohnt und Charlotte kann sich endlich zurückziehen. Die Tage vergehen wie im Nu. Grete ist immer da, hat ihre Arbeit gemacht, dass Charlotte zufrieden ist.

2. Vater Fritz am Einkassieren

Schon ein paar Monate arbeitet Grete. Immer war sie da und hat sich herzlichst bedankt, wenn sie den Lohn bekommen hat. Geht da etwas nicht mit rechten Dingen zu? Sie war immer sauber, aber nie hatte sie neue Kleider. Spart sie oder ist da ein Verbraucher? Sabine und Charlotte staunen immer, dass Grete zu Fuß die lange Strecke läuft, ohne dass sie je jammert oder sich neue Schuhe kauft.

Fritz hat die alte Camioneta zurechtgemacht, möchte einkassieren. Sie haben telefoniert, dass sie die Schulden bezahlen wollen. Sabine sollte mit, aber ihr ist gar nicht danach, einen Tag zu verplempern. Da kann sie rotzig sein. Mit dem alten Gefährt, das keine Klimaanlage hat, noch Komfort. Fritz wird gehässig, wenn sie halt nicht will, also geht Fritz allein. Am Vormittag kutschiert er davon, mit dem Bescheid, dass er vor Eindunkeln wieder zurück ist. Sabine schaut ihm nach, ist überglücklich, dass sie nicht mitgehen muss. Bei den Geschäften ist es so langweilig, da bekommt man keinen Bock darauf, von diesen blöden Geschäften zu gehen.

Der Tag vergeht und bald wird’s dunkel. Grete und Rosa, die sind schon weg, aber Fritz ist bislang nicht zurück. Sabine und Charlotte entstehen mulmige Gedanken. Sabine verriegelt das große Tor und schaut noch einmal, ob der Vater doch kommt. Nichts ist zu hören und zu sehen. Die Hunde sind losgelassen und platziert. Das Hoflicht scheint düster, als wollte es sagen, dass sie auf eine schlechte Nachricht gefasst sein sollen. Charlotte versucht, auf dem Celular anzurufen, aber da gibt niemand Antwort. Sie ruft die Polizeistation an, ob sie von Fritz wissen, denn es geht schon gegen Mitternacht. Dort muss sie lange warten, bis sie Auskunft bekommt. Sie geben an, dass sie doch in der Kreisstadt anrufen sollen. Aber auch da ist nichts von Fritz bekannt. Sie fragen, wo er sein könnte und was er für Geschäfte in der Stadt gemacht hat. Als Charlotte alles bekannt gibt, wird es auf der anderen Seite still. Schlagfertig fragt Charlotte: „Sind Sie noch am Apparat?“ „Ja“ ist die Antwort. Sie würden ihn wie versprochen suchen.

Sabine und Charlotte sitzen immer noch am Küchentisch, beratschlagen, was sie unternehmen könnten. „Der Polizei ist doch nicht zu trauen“, referiert Charlotte. Sie gehe ihn suchen. Sie nimmt den Autoschlüssel, läuft hinaus.

Sabine läuft hinterher und versucht, die Mutter zu überzeugen, dass sie das nicht machen soll.

Sabine: „Komm, wir warten bis morgen, da wird er bestimmt wiederkommen. Vielleicht hat er einen Unfall und liegt irgendwo in einem Spital.“ Sabine schlägt vor, die wichtigsten Spitäler anzurufen. Aber nirgends will man von einem Unfall wissen.

Sabine gibt nicht auf. „Du kannst die Feuerwehr anrufen, die machen die Transporte.“ Charlotte zittert vor Angst, es könnte Fritz ein Unglück passiert sein. Aber bei denen ist auch nichts auszumachen. Immer wieder wollen sie wissen, wie das Fahrzeug aussieht und ob sie schon dort und dort angerufen haben. Charlottes Stimme ist trocken, und sie kann beinahe nicht mehr sprechen, so trocken ist ihr Hals. Sabine schaut auf die Uhr, die zeigt schon eineinhalb Stunden nach Mitternacht. Ihr fallen die Augen zu, und Charlotte schlottert, dass sie nicht mehr richtig sprechen kann.

Sabine: „Gehen wir schlafen, das bringt nichts. Vielleicht wird er dennoch wiederkommen.“

Charlotte schleicht sich ins Schlafzimmer. Sie ist nicht gewohnt, allein in das Zimmer zu gehen, es kommt ihr komisch vor, so allein zu sein. All die Jahre haben sie es doch gut gehabt, auch wenn sie doch manchmal nicht der gleichen Meinung waren. Sie sei ihm immer treu gewesen. Ob er es auch war? Ja, da schluckt sie, der Herrgott weiß es. So schnell ist man allein und kann nur noch von der Vergangenheit reden. Mit den Gedanken legt sie sich auf das Bett, ohne die Kleider auszuziehen. Bei jedem Geräusch zuckt sie zusammen.

Sabine hat noch einmal einen Rundgang im Hof gemacht und die Hunde kontrolliert. Sie ist zum Tor hinunter und hat hinausgeschaut, ob doch noch irgendwie ein Fahrzeug kommt. Nichts ist auszukundschaften. Niedergeschlagen geht sie ins Haus, schließt die Türe ab, geht zur Treppe, bleibt stehen. Hat sie jetzt ein Geräusch gehört? Sie geht wieder zur Tür, schaut zum Fenster hinaus, nichts bewegt sich. Langsam läuft sie die Treppe hinauf, oben schaut sie noch einmal in den Hof hinunter. Nichts ist zu sehen, wenn man es doch so sehnlichst erwartet. Vater ist doch immer zur rechten Zeit zurück oder hat sich ausnahmslos immer gemeldet, wenn was los ist. Wahrscheinlich hat er etwas geahnt, dass er die Estanzia umgeschrieben hat. Sollte ich deswegen mit ihm gehen, als er sagte, dass man denen nicht trauen kann? Immer die Geschäfte, Gutmütigkeit ausnützen, dann versuchen, sich aus der Verantwortung zu ziehen, jeden Dreh anwenden, ob es doch eine Möglichkeit gibt, sich der Schuldigkeit zu entziehen. Sie schlägt die Decke nach hinten und lässt sich auf die Matratze fallen.

Die Sonne schien stark durchs Fenster, als Charlotte erwachte. Sie schaut rüber, ob Fritz da ist, aber das Bett ist leer. Langsam kommen die Gedanken, dass er nicht nach Hause gekommen ist. Mit krummem Buckel steht sie auf und läuft gebückt in den Salon zum Arbeitszimmer. Das ist verschlossen. Fritz ist nicht gekommen. Warum nicht? Ist er an einem anderen Ort? Übernachtet bei einer anderen Frau? Bin ich ihm nicht mehr recht? Will er mich nicht mehr? Dem werde ich die Rechnung machen, aber nicht mit mir! Eine Schönere mit viel Geld oder einem schöneren Hintern? Macht er jetzt das, was die meisten machen: fremde Röcke zu geifern? Habe ich da einen Fehler gemacht, als ich ihm die Tabletten gekauft habe? Ist das der Grund, dass er nicht zugegen ist? Sie läuft in die Küche, gießt Wasser in ein Glas und setzt sich auf einen Stuhl, reibt sich die Augen. Die erste Nacht allein, das hat sie sich nie so vorgestellt. Allein, wie geht das mit der Estanzia weiter? Ein Krach! Charlotte schreckt auf. Kommt er? Nein, es ist Sabine, die aufgestanden ist und gerade die Tür geöffnet hat. Sie kommt auch in die Küche, macht sich Mate und fragt die Mutter, ob sie auch möchte. Die verneint, in so einer Nacht ist ihr alles vergangen. Lange schauen die zwei einander an.

Sabine: „Wo ist Vater?“

Charlotte: „Ja, wenn ich das wüsste.“ Ein Motorenlärm ist zu hören. Sabine springt zur Tür hinaus, es ist die Rosa, die gerade gekommen ist. Grete kommt auch dahergelaufen. So konnte sie die beiden gerade zusammen hineinlassen. Schnell sind die Neuigkeiten bekannt gegeben. Sabine fragt Grete, ob sie etwas gesehen hat, da sie doch den weiten Weg gelaufen ist. Aber auch Grete hat nichts Auffälliges gesehen.

Charlotte will sich gerade wieder ins Schlafzimmer begeben, da kommt ein Anruf. Die Polizei ist dran, Charlotte zittert. Was ist es? Eine gute Nachricht? Oder doch etwas Schweres? Sie ist gefasst, hat aber die Hoffnung, dass er noch lebt. Sie würden kommen, ist die Nachricht. Das ist, wie wenn einer ihr einen Faustschlag in die Magengrube gegeben hätte.

Sabine: „Was haben sie gesagt, kommt er?“

Charlotte: „Nein, sie werden kommen, haben sie gesagt.“

Die zwei Frauen schauen einander an. Was soll das bedeuten? Sie kommen? Lebt er noch und wo ist er? „Kann doch nicht sein. Sie sagten einfach, sie kommen?“ Charlotte läuft den Gang auf und ab, schaut durch das Küchenfenster hinunter. Kommt er jetzt? Haben sie ihn verhaftet? Bringen sie ihn in Handschellen? Haben sie ihn verhaftet? Sie verwirft die Hände und wiederholt immer wieder: „Sie werden kommen.“

Grete ruft: „Die Polizei kommt!“

Schnell läuft Charlotte hinaus und Sabine hinterher. Am Tor hält das Polizeiauto, und zwei Männer in Uniform steigen aus. Der Ältere nimmt den Hut ab, kommt zu Charlotte, gibt ihr und Sabine die Hand. Kommissar: „Ich habe die Pflicht, Ihnen die traurige Nachricht zu überbringen, dass sie Fritz gefunden haben.“

Bevor der Kommissar weiterreden kann, schreit Charlotte: „Lebt er noch?“

Kommissar: „Leider haben sie ihn an der Ruta 2 am Straßenrand tot aufgefunden. Der Gerichtsmediziner untersucht ihn noch, und dann wird bekannt gegeben, wann die Beerdigung stattfinden kann, wahrscheinlich morgen, denn für heute ist es zu spät. Sie werden ihn sicher morgen freigeben, dass übermorgen die Beerdigung stattfinden kann. Sie wollen sicher noch eine Aufbahrung im Haus.“

Charlotte möchte zusammenfallen und umklammert Sabine, die sie aufhält. „Ich habe es geahnt“, nuschelt sie.

Die Polizisten verabschieden sich, und die zwei laufen ins Haus, in die Küche, wo Grete das Radio angestellt hat. Der Polizeirapport wird gerade vorgelesen. Es sei ein großes Verbrechen gewesen. Ein Mann sei umgekommen. Der Name des Mannes ist Fritz, von der Estanzia. Wahrscheinlich erschossen oder er hat sich selbst umgebracht. Die Ermittlungen sind noch im Gang. An der Ruta bei der Einmündung des Motels hat man ihn gefunden. Die Camioneta stand unten in der Kreisstadt.

Die Frauen schauen das kleine Radio mit Glotzaugen an, als wollten sie es aufspießen.

Sabine: „Das kann doch nicht wahr sein! Ich weiß, Vater hat immer eine Pistole bei sich, aber dass er sich selbst erschießt, kann nicht wahr sein! Das macht Vater nicht. Übermorgen ist die Beerdigung im Südfriedhof. Ich will das Polizeifoto sehen und eine genauere Abklärung, das kann man nicht so hinnehmen.“

Den Mittag hat sie verschlafen, es ist schon später Nachmittag, als Sabine aus dem Zimmer kommt. Sie geht hinunter in die Küche zu Grete, die gerade dabei ist, Feierabend zu machen. Sie will noch bei Tageslicht nach Hause. Rosa ist schon weg, und Grete verabschiedet sich. Charlotte kommt aus dem Schlafzimmer, als Grete die Haustür schließt. Charlotte erschrickt und fragt Sabine: „Ist jetzt Fritz hinausgegangen?“

Sabine: „Nein, es war Grete, die Köchin, sie geht nach Hause.“

Charlotte: „Ist es schon so spät? Habe ich so lang geschlafen? Aber wo ist Fritz, kommt er noch?“

Sabine: „Nein, Mutter, der ist tot. Sie mussten ihn noch untersuchen, die Gerichtsmediziner ließen sich Zeit. Ich mache noch etwas zu essen, dann gehe ich wieder schlafen. Das wird morgen ein langer Tag. Du möchtest auch etwas essen? Die Köchin hat was auf die Seite gestellt.“

Charlotte: „Ja, mach was, ich habe auch Hunger.“

Sabine hat das Essen schnell aufgewärmt und aufgetischt. Wie in einer stummen Versammlung sitzen sie am Küchentisch, keine mag etwas sagen oder die Stille unterbrechen. Ist es Gottesfurcht, dass man den Toten nicht stören soll? Die Stille wird nur von der tickenden Uhr unterbrochen, in der Wahrnehmung, dass der Zeiger jede Minute weiterspringt, denn Tote vertragen keinen Laut. Ein leichter Luftstoß im oberen Stock schlägt das Fenster zu. Charlotte fährt zusammen und flüstert: „Ist ein Geist im Haus?“ Sie lässt den Löffel fallen. Das Scheppern wird unheimlich, die Angst, es könnte Fritz in der Totenruhe stören.

Schlotternd steht Charlotte auf und hüstelt leise. „Ich gehe wieder schlafen, ist wahrscheinlich besser, sonst kommen noch die armen Seelen.“ Langsam schlurft sie ins Schlafzimmer. Sabine kontrolliert noch die Tore, es kommt ihr so gespenstisch vor, jetzt, wo Vater nicht mehr da ist. Sie verschließt die Tür und geht hinauf ins Zimmer. Kontrolliert das Fenster, ob es verschlossen ist, geht ins Bad, lässt das Wasser in der Dusche laufen, macht einen Schritt unter die Dusche. Ein Knacken – ist da jemand? Sie geht wieder zurück. Ist irgendwer da, oder ist das nur eine Einbildung? Ach was, denkt sie sich. Schnell hat sie sich geduscht, kommt an das Fenster, das eine Rundsicht in den Hof gibt. Der Schäfer liegt beim Mangobaum neben dem alten Stuhl. Lange beobachtet sie ihn. Wenn er nicht angibt, ist nichts Gefährliches in der Luft. Abgehetzt begibt sie sich ins Bett.

3. Neuer Tag

Grete klopft an die Tür und ruft leise: „Komm, Sabine, es möchte jemand dich sprechen.“ Lange muss Grete warten, bis die Tür aufgeht und Sabine mit einem verschlafenen Kopf herausschaut. Grete: „Kannst du kommen? Es ist einer da wegen der Beerdigung.“

Sabine: „Sag ihm, ich komme.“ Sie schaut in den Spiegel. Furchtbar, wie sie aussieht. Sie macht sich ein wenig zurecht und geht hinunter. Draußen steht ein schwarz gekleideter Mann. Sabine geht zu ihm hinaus und stellt sich als Tochter von Fritz vor.

Er kondoliert und gibt den Grund an, warum er da ist. Die Leiche sei gerade freigegeben worden, und er solle sie unten in der Kreisstadt holen. Es sei doch üblich, dass man dem Fritz seine Sonntagskleider anzieht.

Sabine: „Ja, und der Hut und ein Gehstock. Warten Sie.“ Sabine läuft rein, öffnet das Schlafzimmer der Eltern leise. Mutter ist immer noch fest am Schlafen. Sabine spricht sie leise an. „Mutter, ich brauche die Kleider vom Vater. Kannst du mir helfen?“

Charlotte, verschlafen, dreht sich und fragt verstört: „Was willst du?“

Sabine: „Kleider vom Vater!“

Charlotte: „Ach ja, hab geträumt. Da im Schrank: Hosen, Jacke und unten in der Schublade ein weißes Hemd, Krawatte und dort seine Schuhe.“

Mit den Kleidern läuft Sabine hinaus und übergibt sie dem Bestatter. „Wollen Sie mitkommen?“, fragt er.

Sabine stockt. „Eigentlich …“ Sie schaut den Mann an. „Ich komme, ich will ihn noch einmal sehen.“

Der Bestatter: „Dann steigen Sie ein.“

Sabine schaut sich an: „Einfach so?“

Bestatter: „Ja, wir müssen uns beeilen, denn am Abend ist die Nachtwache hier. Da müssen wir wieder zurück sein. Wir haben nicht viel Zeit.“

Sabine steigt ein, und der Bestatter fährt schnell die Erdstraße hinunter. Die vielen Löcher werfen das Auto hin und her. Beide sind stumm, als gäbe es nichts zu reden. Auf der Ruta fährt er in die Kolonie rein.

Sabine fragt: „Wo wollen Sie hin?“

Bestatter: „Ich muss noch den Sarg holen. Wahrscheinlich wollen Sie nicht den billigsten.“ Vor einem Haus hält er und fährt in den hinteren Hof.

Bestatter: „Kommen Sie, ich habe da drei verschiedene Ausführungen.“ Er macht die Tür auf und zeigt auf einen Sarg. „Der da ist für die Armen, und der für die, die nicht viel ausgeben möchten, und der ist für die, die noch Wert darauf legen, dass sie gut beerdigt werden.“

Sabine: „Ist gut. Und der Preis?“

Bestatter: „Der ist nicht minderwertig, aber man kann ihn bezahlen. Ich mache Ihnen einen guten Preis.“

Sabine: „Und jetzt den Preis?“

Der Bestatter sagt ihr den Preis.

Sabine: „Da müssen wir einen schönen Ochsen verkaufen, aber er hat es verdient.“ Der Bestatter nickt.

„Und einen zweiten dazu für die Unkosten“, fährt Sabine fort.

Schnell ist alles verladen, und schon fahren sie hinunter in die Stadt.

Vor einem verkommenen Haus hält er an, fährt zwischen zwei Häusern in einen Hinterhof.

Bestatter: „Da hinten ist die Aufbahrung, da können wir ihn holen. Ich nehme an, dass Sie mir beim Anziehen der Kleider helfen.“

Sabine: „Ä, ö … ja. Aber ich habe das noch nie gemacht.“

Bestatter: „Das ist keine Sache, ich sage Ihnen schon, was Sie machen müssen.“

Sabine holt Luft. Es ist eine Erfahrung wert. Der Bestatter hat den Sarg aus einem mitgebrachten Wagen herausgezogen. Sabine hält sich fest am Sarg, macht sich Gedanken, was da kommen wird. Der Bestatter zieht fest am Sargwagen. Die Gehilfin Sabine könnte auch mithelfen, aber wahrscheinlich muss er sie auch noch mitziehen. Bei einer Tür bleibt er stehen, betätigt eine Glocke und wartet. Langsam geht die Tür auf, und ein kleiner, hagerer Mann in einer weißen Schürze steht in der Tür. Er fordert sie auf, dass sie hereinkommen sollen. Ein komischer Leichengeschmack kommt ihnen entgegen. Er macht eine zweite Tür auf, und vor ihnen steht ein großer metallener Tisch. Der Bestatter zieht am Sargwagen und sieht, dass Sabine in eine bleiche Färbung gewechselt hat. Auf dem Tisch liegt der verstorbene Fritz, mit einem Tuch zugedeckt.

Sabine schluckt und fragt: „Was muss ich jetzt?“

Der Bestatter sieht sie an. Sie ist wahrscheinlich nicht imstande. Er sieht kommen, dass sie gleich zusammenklappt. „Warten Sie, der Mann hilft schon. Wenn Sie wollen, können Sie zusehen oder hinausgehen.“

Sabine ist fast starr, aber doch gegenwärtig, hält ihr Handy in der Hand und fragt den Mann: „Wie ist er zu Tode gekommen?“

Der Mann nimmt das Tuch weg. „Ich kann Ihnen das zeigen. Anhand der Schussverletzungen sieht man das hervorragend. Schauen Sie, hier ist der Schuss raus.“ Er zeigt auf die rechte Brust. „Und dann schauen Sie …“ Er nimmt den linken Arm, dreht den Toten auf die rechte Seite. „Sehen Sie da, am Rücken beim linken Schulterblatt, da hat er angesetzt. Da sieht man noch die Schmauchspuren. So ist es auch protokolliert.“

Sabine geht näher. „Warten Sie, ich mache ein Foto.“ Dann macht sie schnell noch von der Vorderseite eine Aufnahme, eine nah und eine ein wenig weiter, sodass man den Oberkörper sieht, aber ohne den ganzen Kopf. Schnell geht sie weg. Der Bestatter ist schon nervös, möchte ihm die Kleider anziehen. Schnell sind die Hosen angezogen, dann das weiße Hemd, das er hinten bis zum Kragen hoch aufgeschnitten hat.

Sabine: „Wenn die Mutter das sehen würde, so ein teures Hemd.“

Bestatter: „Du hast schon recht, aber es ist auch das letzte Mal.“ Das Sakko hat er ebenso aufgeschnitten. Dann wird der Leichnam in den Sarg gelegt, die Schuhe angezogen und die Hände gefaltet, der Deckel darauf und verschraubt. Dem Helfer übergibt er eine Note, der sich sehr freut. Das hat er auch erwartet. Die Wäsche, die er hatte, wollte er mitgeben, aber Sabine winkt ab. Das soll er behalten und entsorgen. Wertgegenstände waren in einem kleinen Beutel, den Sabine mitnahm.

Schnell fährt der Bestatter über die Ruta Richtung Estanzia. Kein Wort wird geredet, immer mit den Gedanken, noch vor dem Eindunkeln zu Hause zu sein. Als sie ankommen, warten schon viele Leute vor dem Tor, um Fritz die letzte Ehre zu geben. Rumstehende helfen dem Bestatter, den Sarg ins Haus zu tragen. Im Salon wird der Tisch zur Seite getragen und der Sarg in die Mitte gestellt, der Sargdeckel auf die Seite gelegt und dem Leichnam die Kopfbinde weggenommen. Etliche Frauen stehen herum, heulen, dass den Hunden im Zwinger artig wurde. Rosa und Grete verziehen sich in die Küche, und Charlotte kommt mit dem Gehstock und einer weißen Pochette. Der Bestatter fragt noch nach Blumen. Rosa hat einen kleinen Blumenstrauß vom Garten hergerichtet, der auf dem Tisch bereitliegt.

Charlotte steht vor dem Sarg, murmelt: „So habe ich mir den Abschied nicht vorgestellt, du hast mir immer die Stange gehalten, jetzt kannst du nicht mehr.“ Sie kniet sich herunter, drückt seine Hände, streicht ihm über die Schulter und steht auf. Sie wischt sich die Tränen ab und geht in ihr Schlafzimmer. Es kommen Leute rein, stehen kurz beim Sarg und gehen wieder, einige beten, andere schauen umher, als ob sie einmal das Haus von innen sehen wollten. Die Nasen füttern war ihnen wichtiger als die Teilnahme am Leid. Auch die Arbeiter kommen, jeder kniet kurz nieder und dann gehen sie wieder raus. Sabine geht zu ihnen und befiehlt einem, dass er doch Wache halten soll, einem anderen, dass er schauen soll, dass die Leute mit dem Auto zurechtkommen. Andere Arbeiter schickt sie wieder raus, dass sie die Herde bewachen sollen. In der Not stiehlt man am bequemsten. Das weiß Sabine, so ist sie umsichtig, dass keiner noch in einer falschen Türe sich verirrt. Zwischendurch geht Sabine sich ausruhen, befiehlt Grete, dass sie doppelt aufmerksam sein soll. Bei der Morgendämmerung stehen immer noch Leute beim Sarg, die Wache halten. Sabine steht auf, um zu sehen, wie es Grete und Rosa geht, die tapfer da waren und ihre Pflicht erfüllten. Der Pastor ist auch eingetroffen, obwohl es bislang nicht Zeit ist, seine Predigt herunterzuleiern. War es doch ein Vermögender, ist es eine Ehre, rechtzeitig im Haus der Trauernden zu sein. Es könnte doch was mehr abspringen in die eigene Tasche. Der Pastor läuft als Hochwürde ins Haus, der Brustkasten zur Schau gestellt, der Pansen zur Ehre getragen wird. Er stellt sich vor den Sarg hin, verneigt sich, lässt das Neigen als Zeichen, dass es doch ehrenvoll sein soll. Er macht einen Schritt neben den Sarg, kniet sich herunter und hält beide Hände auf die Hände von Fritz. Lang sind die vereint, heilt der Glaube, er könnte Fritz auferwecken! In dieser Stille erwartet man, dass sich was regt, aber es liegt alles in der Stille, ohne eine Hoffnung, dass Atmen in Fritz käme. Die Herumstehenden in Verzweiflung, dass es eine Hoffnung geben wird. Nein, alles bleibt bei dem, wie es ist, der Fritz ist tot und bleibt ein toter Körper. Langsam steht der Pastor auf, fast selbst zur Starre geworden. Ob ihn die Gicht oder das Kreuz quält, ist nicht wahrzunehmen. Er geht einen Schritt zurück, schaut mit scharfem Blick die Sitzenden an, dass sie in Verwirrung kommen, was sie sollen. Mit einer Handbewegung deutet er an, dass sie aufstehen sollen. Das wäre doch so schön gewesen, noch bisschen zu sitzen, denn sie seien ja müde von diesem langen Warten, dass sie endlich rein konnten, um Fritz die letzte Ehre zu geben. Aber wenn doch ein Ehrenmann Anweisung gibt, muss man sich quälen und aufstehen, aber sich Zeit lassen, das Hinterteil zu erheben. Der Pastor macht einen prüfenden Blick darauf, dass die Anweisungen befolgt werden, senkt das Haupt und faltet demonstrierend die Hände. Mit einem halben Murmeln fängt er an. Die Worte sind nicht zu erhaschen, ein paarmal verstand man Fritz und Gott, aber anderes ist nicht zu hören. In diesem murmle zustand Charlottes Schlafzimmertür auf, ein Schrei von Charlotte ist zu hören: „Lebt er wieder?“ Eine Stille im Raum, die seine Göttlichkeit gestört hat, so bricht der Pastor mit einem lauten „Amen“ ab, macht rechtsumkehrt und hetzt aus dem Haus. Charlotte schaut ihm nach, winkt dem Bestatter, dass es Zeit ist, den Sarg zu verschließen. Vier Männer tragen ihn ehrenvoll aus dem Haus zum Leichenauto. Alle machen sich fertig zu den Fahrzeugen, aber das Warten auf Charlotte braucht Beherrschung, das Verlängern auf die Tochter ist eine Prüfung wert. Sie kommen! Die Fahrzeugkolonne kommt in Bewegung, weit unten, als sich die letzten Fahrzeuge in die Kolonne eingliedern. Grete und Rosa schließen das Haus ab, Rosa geht nach Hause, sie ist müde und Grete geht in das Arbeiterhäuschen. Sie hat die Pflicht, da zu sein. Als alle draußen sind, verriegelt sie das Tor, um nicht noch ungebeten besucht zu werden.

Die Fahrzeugkolonne macht eine Ehrenrunde in die Kolonie um die Kirche, die anfängt, die Glocke zu bimmeln. Dann geht es auf den Südfriedhof. Der Sarg wird in die Friedhofskapelle getragen. Noch einmal wird der Sarg geöffnet und die Seiten werden mit Blumenkränzen umstellt. Das Aussehen ist wie ein Meer aus rot-gelben Plastikblumen. Die Sonne brennt, die Temperatur steigt, der Pastor wischt sich den Schweiß von der Stirn ab. Es ist doch ein mühevoller Tag, welcher den Schweiß bei leichter Bewegung bemerkbar macht. Wie ein Habicht, der über die Weite blickt, dass noch ein Verlorener daherkommt, fängt der Pastor an mit seiner Rede an. Der leiert den Lebenslauf runter, dass Fritz doch der anständigste Mann gewesen sei und in Ehren gehalten werden müsse. Er kommt nicht zur Ruhe mit salbungsvollen Worten, schaut auf Charlotte, dass sie doch nicht lumpig sein soll mit ihrer Spende. Mit einem Handzeichen gibt er den Auftrag, dass der Sarg verschlossen und anschließend zum Grab getragen wird. Dort stellt er sich noch einmal auf, liest ein Dankgebet ab und dann den Sarg ins Grab gelassen. Arbeiter stehen bereit, mit Schaufeln, als der Sarg unten ist, wird geschaufelt, dass die Erde auf den Sarg donnert. Mit Anhäufung sind sie fertig, dass die Blumenkränze ringsum aufgestellt werden können. Erneut spricht der Pastor ein paar Worte, geht zu Charlotte, drückt ihr die Hand, geht weiter zur Sabine, bei der er die Hand länger drückt und noch etwas sagt. Dann macht er eine kurze Runde mit Handschütteln und verschwindet. Die Anwesenden verziehen sich langsam, bis Sabine und Charlotte allein verlassen am Grab stehen. Langsam laufen sie zur Camioneta. Charlotte wischt sich die Tränen ab, die Verzweiflung, niemanden zu haben, der ihr beisteht, außer ihrer Tochter Sabine. Voller Wut und Empörung, dass Fritz nicht mehr da ist, die Ungewissheit, nicht zu wissen, was zum Tod von Fritz geführt hat. Die Hyänen stehen da, als ob auch ihnen etwas zusteht. Noch einmal schaut sie zurück zum Grab.

4. Charlotte und Sabine allein auf der Estanzia

Langsam steuert Charlotte die Camioneta aus dem Friedhof auf die Landstraße. Die Straße ist staubig, obwohl sie asphaltiert ist. Bedachtsam fährt Charlotte, man hört nur den Motor brummen, wie ein Kater, der sich an der Wärme begnügt. Tochter Sabine langweilt sich auf dem Beifahrersitz, öffnet ihren Jeansrock, der mit durchgehender Knopfleiste versehen ist, begnügt sich damit, ihn bis auf den Bund zu öffnen. Darunter trägt sie Shorts. Die Beine auf die Armatur gelegt träumt sie in die Umgebung, die nichts als Langweile hergibt, ein großer Termitenhügel (wie sie sagen „Erdflöhe“) die einzige Abwechslung. Die Langweile, dass Vater nicht mehr ist und ein neuer Zeitabschnitt ohne Vater vor ihnen liegt. Sie braucht eine Ablenkung, um das Nachdenken darüber, was noch kommen kann. Aus Unlust wühlt sie in ihrer Handtasche herum und nimmt eine Flasche Duftwasser in die Hand. Dieser Duft, der neben der Langeweile auch den Geist anregen soll. Sie öffnet die Flasche und fängt an, sich mit diesem Duftwasser einzuschmieren.

Mutter Charlotte rümpft die Nase: „Was machst du da? Das stinkt bestialisch!“

Sabine schaut Mutter Charlotte mit Glotzaugen an. „Nein, auf der Flasche steht …“ Sabine liest die Aufschrift: „Der Kult-Duft verströmt einen geheimen Lebenstrank, sein unvergleichliches Zusammenspiel von orientalischen, floralen und würzigen Noten erobert die Sinne.“

„Ja, aber ich ersticke von diesem Gestank“, gibt Charlotte zurück.

„Aber ich mag dies“, entgegnet Sabine, nimmt die Beine vom Armaturenbrett und schmiert noch mehr von diesem Wasser auf die Beine.

„Jetzt hör auf, sonst kannst du aussteigen“, gibt Mutter bissig zurück.

Ein Schatten huscht am Auto vorbei – oder ist es ein Individuum? Man kann es kaum ausmachen.

Sabine schreit: „Halt – halt!“

Mutter steht auf den Bremsen, eine weiße Staubwolke und die Camioneta steht. Sabine springt raus, die Straßenböschung runter, wo ein braunes Bündel liegt. Charlotte lässt die Camioneta an den Straßenrand rollen, steigt aus und bemerkt, dass der Gummi immer noch aus den Rädern qualmt. „Was ist los?“, schreit sie Sabine nach.

Sabine ruft zurück: „Komm, schau, was du angestellt hast.“

„Was habe ich?“, fragt Charlotte.

„Komm schau, du hast eine Frau überfahren“, schreit Sabine.

Charlotte: „Ich habe niemanden überfahren, habe nichts gesehen.“

Sabine: „Doch, du hast mich angeschaut und hast die Frau übersehen. Ich habe schon gesehen, du hast sie noch leicht erwischt, vorne rechts.“

Charlotte: „Lebt sie noch? Komm, wir verschwinden, das ist nicht unsere Schuld, das ist ohnehin nur eine Schwarze.“

Sabine fragt: „Mutter, kannst du das?“

Charlotte: „Die kommt schon durch, sonst haben wir nur Probleme!“

Läuft um das Fahrzeug, um nachzusehen, ob es einen Kratzer hat. „Da ist nichts zu sehen, also ist es auch nicht von mir. Komm, ich fahre!“

Sabine: „Nein Mutter, das kannst du nicht, du hast dann Probleme!“

Charlotte steht an der Straßenböschung, die Arme auf die Hüfte stützend, platzend vor Wut. Die Sonne hat kein Erbarmen, beleuchtet ihren Hirnschmalz, der fast zu platzen droht. „Also, so bring sie rauf!“, tönt sie in einem Marschbefehl.

Sabine motzt zurück: „Ja, du kommst besser helfen.“ Sie nimmt die Frau auf die Arme und trägt sie hinauf.

Mutter, immer noch in Kampfstellung, wartet am Straßenrand. „Leg sie auf die Ladefläche, sonst macht sie die Sitze schweinisch.“

Sabine schreit Mutter an: „Nein, Mutter, das hier ist auch ein Mensch.“

Charlotte öffnet die hintere Tür. „Also leg sie hierhin und gurte sie an.“ Sabine steigt auf der anderen Seite ein.

Sabine macht es, sagt „Ist gut, du kannst losfahren“ und knöpft sich ihren Rock zu.

Charlotte fragt: „Hast du sie gefragt, wie sie heißt?“

Sabine: „Nein, sie hat das Gesicht ganz in ein Tuch gewickelt. Ich habe sie nach ihrem Namen gefragt und ob ihr was wehtut, aber sie sagt nichts.“

Mutter Charlotte schreit zurück: „Aber sie stinkt jämmerlich. Was machen wir jetzt mit ihr?“

Sabine: „Die hat sicher keine Versicherung. Nehmen wir sie am besten zu uns.“

Charlotte schreit weiter: „Nein, nein, die will ich nicht im Haus haben, und schon gar nicht eine Schwarze.“

Sabine: „Mutter, das kannst du nicht. Fahr jetzt, es wird schon eine Lösung geben.“

Charlotte schnippisch: „Du hast immer eine Lösung. Jetzt, wo Vater tot ist, hast du das Kommando. Habe ich nichts mehr zu sagen?“

Sabine: „Nein, Mutter, das ist nicht so, aber im Moment ist es mir nicht nach Diskutieren. Das hier ist ein Mensch, auch wenn sie kein Geld und dunkle Haut hat.“

Charlotte: „Das weiß ich schon, aber da könnten wir noch viele aufbacken, und es hat immer noch von diesen Schmarotzern. Und übrigens, die stinkt ekelhaft.“

Sabine: „Was? Gerade hast du über mein Parfüm gemotzt, und jetzt – ist einfach nicht recht. Hast einfach einen schlechten Tag.“

Charlotte: „Kann man haben, wenn man vom Friedhof kommt.“

Sabine: „Fast könnten wir wieder dorthin zurückfahren, wenn du sie überfahren hättest.“

Charlotte: „Habe sie gar nicht gesehen. Kann doch jeder über die Straße laufen.“

Sabine: „Das kann sein, dass du sie nicht gesehen hast. Du schautest mich an, hast mein Parfüm auch nicht gern.“

Charlotte hustet. „Nein, aber du hast zu viel angeschmiert. Ach, mach noch ein wenig darauf, ich halt es einfach nicht aus, es dreht mir den Magen schon herum.“

Überall macht Sabine vom Parfüm ran, macht ihre Bluse auf und tupft es auch in den Ausschnitt. Auch das noch: Die Polizei winkt Charlotte raus. Charlotte macht das Seitenfenster runter, der Polizist fragt nach den Papieren, kontrolliert sie, geht nach hinten, um das Schild zu kontrollieren.

Der Polizist kommt zurück und fragt: „Ist das Ihre Tochter?“

„Ja“, gibt Charlotte zurück.

„Haben Sie Probleme?“ Schaut der Tochter in den Ausschnitt, der weit geöffnet ist, gibt die Papiere zurück, wünscht gute Fahrt.

Charlotte bedankt sich und macht das Fenster zu.

Sabine lacht: „Der Depp! Wenn Männer mit den Augen transpirieren.“

Charlotte fragt: „Wie meinst du das?“

Sabine: „Ich habe ihm einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Fahr einfach!“

Charlotte: „Ich fahre ja, aber ich habe dich was gefragt.“

Sabine: „Muss ich?“

Charlotte: „Ist es so, dass wir einen Generationenwechsel haben in dem Magnetismus?“

Sabine lacht. „Ich glaube schon.“

Charlotte poltert: „Das weiß ich, wenn die jungen Leute pubertieren, vergessen sie, dass ihre Windeln noch nass sind.“

Sabine: „So ist es, aber kannst du mir meine Wasserflasche nach hinten geben? Will der Frau ein wenig zu trinken geben.“

Charlotte gibt die Flasche nach hinten. Sabine trinkt zuerst, dann versucht sie, aus dem dreckigen Bündel eine Hand freizubekommen und ihr die Flasche in die Hand zu geben. Sie wehrt ab, deckt ihren Kopf noch mehr zu. Sabine spricht sie laut an. „Sie müssen trinken.“ Dabei sieht sie, dass sie mager ist, mehr nur Haut und Knochen. Doch plötzlich nimmt die Frau mit der rechten Hand die Flasche, aber mit der linken bedeckt sie immer noch ihr Gesicht. „Können Sie uns den Namen sagen?“, fragt Sabine nach. Irgendwie kann sie aus der Flasche trinken, ohne ihr Gesicht freizugeben. Sabine geht nah und sieht durch das hauchdünne Tuch, dass sie ein ganz seltsames Gesicht hat. Es ist hässlich und entstellt. Sie mustert den Körper, stellt fest, dass er normal ist, nur abgemagert. Der Hinterkopf ist normal, aber das Gesicht ist entstellt. Ob es ein Unfall war oder von Geburt an, ist momentan nicht feststellbar, oder wer weiß? Vielleicht war es sogar ein Vergehen.

„Was ist?“, fragt die Mutter neugierig.

„Die ist ganz abgemagert“, gibt Sabine zum Befund. Weiter sagt sie nichts. Leise hört sie die Frau atmen. Will sie etwas sagen? Sabine hält das Ohr an ihren Schädel. Lange hört Sabine nichts, außer dass sie atmet. Doch plötzlich ein leises Flüstern. Sabine versteht sie nicht, obschon sie so nah ist. Ein kleiner Seufzer: „Habe Hunger.“

Sabine meldet der Mutter, dass sie Hunger hat. „Wir werden dir bald etwas zu essen geben, wir sind schon bald zu Hause“, flüstert sie ihr ins Ohr. Der Kopf bewegt sich leicht, sodass sie es verstanden hat.

Das Mautgebäude ist schon von Weitem zu sehen. Charlotte reduziert die Geschwindigkeit, eine Markierung von einer Lomada wird angezeigt. Der Mann im Häuschen streckt Charlotte die Quittung entgegen und hat schon auf Grün gestellt.

Der Kassierer: „Sie müssen nicht bezahlen, ein anderer hat für Sie bezahlt.“

Charlotte: „Was?“

Der Kassierer: „Das Auto vor Ihnen hat für Sie bezahlt.“

Charlotte: „Ach was, ich bezahle und nehme nichts von Fremden an, die ich nicht kenne.“

Der Kassierer: „Lassen Sie, das machte der Mann vor Ihnen.“

„Nein, hier ist das Geld, und geben Sie mir eine neue Quittung!“ Sie streckt ihm eine Note hin und fährt langsam an, mit einem Kopf, der röter ist als eine ausgereifte Tomate.

Sabine, die auch das Fenster heruntergemacht hat, schaut den Mann, der ganz versteinert dreinschaut, mit einem Lächeln an und sagt zu ihm: „Danke.“ Seine Augen springen zu Pflugscharen auf. Eine Rachegöttin mit so einer hübschen Prinzessin, die noch „Danke“ sagt? Er schüttelt den Kopf, ob er wieder zurückkehrt aus diesem Schrecken. Es ist möglich, die Einbildungen an der Stirn zu erkennen.

Charlotte: „Der Idiot, was meint er? Ich lasse mich doch nicht in eine Falle locken. Kommt einer und bezahlt meine Faktur. Ist doch nicht normal, das gibt’s doch nicht und besonders nicht in diesem Land, dass ein Wildfremder bezahlt für mich. Oder könnte es sein, dass einer auf mich eine Anspielung hat?“

Sabine: „Wenigstens hättest du Danke sagen können. Mit diesem Kopf machst wirklich keine Propaganda.“

Charlotte: „Du Unverschämte, ich mache dir noch vieles vor.“ Sie schaut sich im Rückspiegel an, ob ihre Jugendfrische abgewandert ist und sie nicht mehr begehrlich ist. Sie schnaubt, dass man ihr die Jahre ansieht und sie beim Flanieren Jüngeren das Feld überlassen muss. Dabei entdeckt sie Sabine im rechten Spiegelteil. Die Gedanken fahren ihr durch den Kopf, dass die Tochter schon recht hat, die Jahre sieht man ihr an. Sie konnte durch ein lautes Hupen einem Lkw noch rechtzeitig ausweichen, beinahe hätte es einen Schaden gegeben.

Sabine: „Mutter, pass auf, schau auf die Straße, wir wollen noch ganz nach Hause kommen!“ Charlotte biegt von der Hauptstraße ab in eine Seitenstraße, mehr Löcher als Straße. Der Wagen holpert über die Löcher, die Frau und Sabine schüttelt es heftig durch. Der Gestank der Frau hat sich mit dem Parfüm vermischt, was einen eigenartigen Geruch gibt. Nach kurzer Wegstrecke biegt Charlotte in die Einfahrtstraße ein, die direkt auf ihre Estanzia zuführt.

5. Die Whiskyflasche

Ein Angestellter öffnet das große Tor, und Charlotte kann hineinfahren. Vor dem Haupthaus parkiert Charlotte die Camioneta, steigt aus. „Was du mit der Frau machst, ist deine Sache, aber bringe sie mir nicht ins Haus!“

Sabine: „Ist schon gut, ich werde sie versorgen, im Arbeiterhaus hat es noch einen Platz.“ Sabine öffnet die Camioneta-Tür und hilft der Frau, auf die Beine zu kommen. „Kannst du laufen, oder muss ich dich tragen?“ Sie schüttelt den Kopf, was heißt, sie kann. Die Frau schwankt. Sabine: „Komm, ich helfe dir.“ Sie nimmt den Arm über ihre Schulter, und sie laufen langsam zum Arbeiterhäuschen. Vor dem Häuschen setzt sie sie auf eine Kiste. „Warten Sie, ich hole den Schlüssel.“ Sabine eilt in das Haupthaus, um den Schlüssel zu holen. Charlotte ist im Salon und fragt: „Was willst du?“

Sabine: „Den Schlüssel und was zu essen für die Frau.“

Charlotte: „Hab gesagt, eine, wo man durchfüttern kann, und wenn sie wieder auf den Beinen ist, reißt sie aus.“

Sabine: „Mutter, wenn du sie totgefahren hättest, so wäre das für dich eine Katastrophe!“

Charlotte gibt streitig zurück: „Hör auf, mir dies vorzuwerfen.“

Sabine: „Ist gut.“ Sie läuft in die Küche, holt Reste von gestern, nimmt den Schlüssel und geht zum Arbeiterhäuschen zurück. Wo ist die Frau? Sabine ruft: „Hallo, wo bist du?“ Nichts bewegt sich. Kann doch nicht vom Erdboden verschwunden sein. Nichts ist zu sehen. „Hallo, wo bist du?“ Sie läuft um das Häuschen, das kann nicht weit sein in so einer kurzen Zeit, stellt die Esswaren auf die Kiste, läuft um den großen Mangobaum, der im Hof steht. „Hier bist du!“ Zusammengekauert, fast wäre Sabine darüber gefallen. „Komm, wir gehen ins Haus, dort kannst du in Ruhe essen.“ Das Geschirr klappert. Sabine schaut auf die Nasenbären – sie sind wieder im Land und haben das Essen gerochen –, springt gegen das Häuschen, um die Viecher fortzujagen. Die verschwinden, leider machten sie ein Chaos, viel Essen haben sie versaut, doch ist etwas zurückgeblieben, das sollte für das erste Mal reichen. „Komm ins Zimmer, dort kannst du dann in Ruhe essen“, ruft Sabine der Frau zu, die an der Sonne stehen geblieben ist, holt sie und führt sie in das Häuschen, setzt sie an den Tisch und öffnet das Fenster. Eigentlich sollte sie sich zuerst duschen, der Hunger ist aber momentan zu groß. Sabine: „Sie können essen, oder ist es nicht gut? Ich gehe noch Wasser holen, komme dann wieder.“ Sabine geht nach draußen und sieht, dass sie sich langsam bewegt und ihr Gesicht abdeckt. Das Fenster spiegelt die Frau wider, sie sieht, dass die Frau keinen oder einen verstümmelten Unterkiefer hat. Ein Auge steht ungewöhnlich im Kopf, und die Nase ist nicht zu sehen, nur ein großes Loch. Sabine geht es kalt den Rücken runter, als sie das sieht. Arme Frau, die muss doch zu einem Arzt, die hat bestimmt Parasiten, die wird sonst sterben. Langsam läuft Sabine hinüber zum Haupthaus. Wie in einem Trauma geht sie zur Tür hinein, in den Salon, der Schock war zu heftig, so was zu sehen.

„Was ist?“, schreit jemand aus der Ecke. Sabine sieht die Mutter in der Ecke sitzen, in der Hand eine halb leere Whiskyflasche.

Sabine fragt: „Was machst du, Mutter?“

„Ichh habbe Duurst!“, ruft Mutter.

Sabine: „Du betrinkst dich, kannst ja nicht mehr stehen!“

Charlotte: „Ich sitze, muss nicht stehen. Morgen gehe ich zum Notar und verschreibe die ganze Estanzia meinem Freund, ein junger, gutaussehender Mann. Ich war letzte Woche auf der Bank, der ist mir fast zu Füßen gefallen, da wirst du noch staunen. Du hast mich heute genug beschämt, dir mache ich noch etwas vor.“ Setzt die Flasche wieder an und gurgelt zwei Schlucke runter und stellt sie mit Wucht auf den Tisch, dass es knallt, als ob der Tisch auseinanderfällt. Sabine läuft ihr davon, sie mag nicht zuschauen, wie bedauerlich sie sich benimmt. Das hat sie noch nie gemacht, war immer ihrer Pflicht nachgekommen. Seit Vater gestorben ist, ist sie eine andere Person geworden. Sie steigt die Treppe hinauf, um der Frau, die ihren Namen nicht sagt, das Gästezimmer zurechtzumachen, schaut ins Bad, legt frische Wäsche zurecht, läuft zum Arbeiterhäuschen, um die Frau zu holen, dass sie sich waschen kann. Immer noch sitzt sie am Tisch, den Kopf im Tuch eingewickelt. „Komm, wir gehen rüber, du kannst dich waschen.“ Sie winkt ab, aber Sabine nimmt sie am Arm und zwingt sie mitzugehen. Im Salon laufen sie neben der Mutter durch, die im Stuhl eingeschlafen ist, die Beine ausgestreckt wie ein frisch getöteter Gockel. Sabine stellt die Fremde ins Badezimmer und zeigt ihr die frische Wäsche. Vorsichtshalber nimmt sie den Schlüssel ab, dass sie sich nicht einschließen kann.

Sie steigt die Treppe herunter, um nach der Mutter zu schauen, legt sie in die Seitenlage, damit sie nicht noch Probleme hat, und schiebt ihr ein Kissen unter den Kopf. Zurück, um nach der Fremden zu schauen. Im Bad hört man das Wasser laufen, Sabine klopft leise an die Tür, macht sie auf und fragt, ob sie Hilfe braucht. Hinter dem Duschvorhang winkt eine Hand ab. „Ich habe dir noch ein neues Kopftuch hingelegt. Gib mir deine Kleider, dass wir sie waschen können.“

Sie läuft bei der Mutter vorbei, die dahindöst, in die Küche. Die Hausangestellte ist an der Arbeit, es ist eine Ausnahme, dass sie so früh an der Arbeit ist. Sabine geht zu ihr hin, um festzustellen, was sie bewogen hat, so früh zu arbeiten. An der Spüle steht eine schlanke, schwarzhaarige Frau, die Haare zusammengenommen aufgesteckt, die weiße Schürze umgebunden. Sabine fragt: „Wie geht es dir? Ich danke dir für die letzte Nacht, dass du so gut geschaut hast. Du warst fleißig bis heute Mittag und jetzt bist du schon wieder da und arbeitest. Wenn du willst, kannst du heute früher gehen.“

Grete hat ihre Rückseite Sabine zugewendet, sagt leise „Gut“, aber es kam aus einer Freudlosigkeit heraus.

Sabine geht zu ihr an die Spüle. „Sag mir, drückt dich was?“ Sie schaut ihr über die Schürze. „Bist du schwanger?“

Sie senkt den Kopf, und ein leises „Ja“ kommt aus ihr raus.

Sabine: „Weißt du, brauchst nicht Angst zu haben, wir schauen zu dir.“ Sie nimmt sie in die Arme. „Wir schauen zu dir, dass du das Kind lieben kannst.“

Grete seufzt. „Du kannst schon sagen, aber wenn es so weit ist, habe ich niemanden, der mir hilft. Mein Vater hat mich gestern hinausgeworfen, habe nichts als das kleine Bündel, wo dort ist.“

Sabine: „Gestern hat er dich aus dem Haus geworfen, ich verstehe dich. Aber wer ist denn der Vater des Kindes?“

Grete: „Kann ich dir nicht sagen, sonst jagst du mich auch noch weg. Weiß nicht, wo ich hingehen soll.“

Sabine: „Aber du weißt, wer es ist, aber du möchtest mir nicht sagen. Warum denn, ist er so schlimm?“

Ein leises „Ja“.

Sabine: „Also, du kannst in das Arbeiterhäuschen, musst noch ein wenig putzen. Ich werde es der Mutter sagen, dass du dort für kurze Zeit wohnst. Kein Männerbesuch, und wenn der Kindsvater kommt, musst du halt mit ihm gehen.“

Grete stottert: „Der kommt bestimmt nicht.“

Sabine hakt nach: „Aber es gibt ihn.“

Grete: „Nein, es gibt ihn nicht mehr.“

Sabine: „Jetzt sagst du mir, wer es ist, sonst kann ich dir nicht helfen. Ist er gestorben, wenn du sagst, es gibt ihn nicht mehr?“ Sie nickt nur. „Wann ist er denn gestorben?“ Sabine denkt nach, wer es sein könnte, der in der letzten Zeit verstorben ist. Zwei tödliche Autounfälle und einen haben sie in der Kolonie erschossen. „Ist es einer von den Autounfällen oder dieser Unmensch, den sie erschossen haben?“

Grete: „Nein.“ Sie schüttelt den Kopf.

Sabine: „Wer ist es denn?“ Mit Tränen in den Augen schaut sie Sabine an: „Ach, ist es mein Vater, der dir ein Kind angehängt hat?“

Grete sagt „Ja“ und nickt.

Sabine flüstert leise: „Mein Vater ist es. Ich verstehe. Du musst nicht Angst haben, ich werde schauen. In das Arbeiterhäuschen kannst du einziehen.“ Nimmt Grete erneut in die Arme und flüstert ihr ins Ohr: „Ich bekomme ein Geschwister.“ Sie streicht ihr langsam über den Bauch und sagt leise: „Das ist auch ein wenig meines.“ Dabei kullern ihr zwei Perlen über die Wangen. Drückt Grete noch einmal sanft und geht weg, um ihre Tränen abzuwischen. Im Saal schläft die Mutter, schnarcht, als wolle sie den halben Urwald abholzen.

Sabine läuft wieder zur Köchin, fragt, wo denn die Reinigungskraft geblieben ist, denn sie war immer beizeiten da, aber jetzt, wo Sabine sie haben möchte, ist sie nicht zugegen. Sie geht hinauf zur Frau, ob sie sich gewaschen hat. Klopft an, niemand gibt Antwort, öffnet die Tür, schaut rein, sauber aufgeräumt, aber sie ist nicht zugegen. Sabine klopft an die Gästezimmertür, ein leichtes Knistern und die Tür geht auf. Vor ihr steht eine saubere weiße Frau in einem weißen Kurzarmkleid, das bis zum Boden ragt, den Kopf in das rote seidene Kopftuch gebunden. Eine schöne Frauengestalt, abgemagert,