Tränen waren gestern - Christl Friedl - E-Book

Tränen waren gestern E-Book

Christl Friedl

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Beschreibung

Der Kontakt zum Vater war bereits seit 17 Jahren abgebrochen, als er verstarb. Nach seinem Tod wurde es zwei Halbschwestern möglich, sich nach immerhin 57 Jahren endlich kennen zu lernen. Der Vater hatte es zeitlebens verstanden, den Kontakt erfolgreich zu unterbinden. Durch Einsicht alter Unterlagen, zu denen sie vorher nie Zugriff hatte, musste die Autorin erfahren, was für ein Mensch der Vater wirklich war. Einen genialen Lügner und Betrüger nannte ihn der Anwalt, der die Schwestern in der Nachlassangelegenheit vertrat. Aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse konnten sie dem leider nicht widersprechen. Gezwungen durch diese Ereignisse, blickt die Autorin auf ihr Leben zurück, lässt den Leser an ihren Erinnerungen teilhaben. An schmerzlichen, traurigen, aber zum großen Teil auch sehr lustigen. Wir dürfen sie durch ein Jahr begleiten, in dem die Schwestern zusammen den Kampf um späte Gerechtigkeit aufnehmen und gestärkt daraus hervorgehen werden. Ihr Lebensmotto: »Aufgeben gibt es nicht«

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Veröffentlichungsjahr: 2018

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Für Traudl

Danksagung

Von ganzem Herzen möchte ich mich bedanken bei

Johanna Ranft

Mein inneres Auge zeigt mir, dass du jetzt sicherlich deinen Kopf schüttelst, weil dir die Erwähnung deines Namens wieder einmal äußerst unangenehm ist. Aber ohne dich wäre dieses Buch nie geschrieben worden und das fände ich sehr schade.

Werner Friedl

Du bist (meistens) der beste aller Ehemänner. Darum bedanke ich mich bei dir für einfach ALLES. Du weißt ja: „Mein Therapeut hält dich für eine hervorragende Idee“, und ich sowieso.

Tante Traudl (†) und Onkel Willy

Ihr habt die ersten 62 Seiten meines Manuskripts Probe gelesen und mich gerettet, als ich Dummerle diese mit einer anderen Datei überschrieben hatte. Somit ist die „Rettung“ meines Buches ausschließlich euch zu verdanken. Vielen Dank auch dafür, dass ihr für Bella immer so tolle „Ersatzeltern“ seid. Für alles das einen ganz dicken Schmatz.

Gabriele Cziepluch und Dr. Reinhard Kohl

Dafür, dass sie mich immer wieder aus tiefen dunklen Tälern zurück ans Licht geführt haben, werde ich immer dankbar sein.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

12. M?rz 2013

Erinnerungen

Hier und Jetzt

3. Mai 2013

Der Brief

17. Mai 2013

18. Mai 2013

19. Mai 2013

24. Mai 2013

25. Mai 2013

27. Mai 2013

22. Juni 2013

2. Juli 2013

8. Juli 2013

Rammmmsteiiiiin

Scarpiland

21. Juli 2013

27. Juli 2013

6. August 2013

22. August 2013

29. August 2013

European Bike Week 2013

10. September 2013

12. September 2013

Oktoberfest 2013

27. September 2013

24. Oktober 2013

25. Oktober 2013

3. November 2013

7. November 2013

8. November 2013

Ein rabenschwarzer 19. November 2013

20. November 2013

21. November 2013

29. November 2013

3. Dezember 2013

11. Dezember 2013

13. Dezember 2013

24. Dezember 2013

1. Januar 2014

8. Januar 2014

8. Februar 2014

25. Februar 2014

3. M?rz 2014

12. M?rz 2014

20. M?rz 2014

23. M?rz 2014

29. M?rz 2014

30. M?rz 2014

5. April 2014

25. Mai 2014

Nachwort

Vorwort

Bis vor kurzem war ich noch der Meinung, dass wir eine ganz normale Durchschnittsfamilie sind. In der Zwischenzeit hat sich das allerdings fast schlagartig geändert. Leider.

Noch vor einigen Monaten hätte ich unter Garantie jeden für verrückt erklärt, der mir gesagt hätte, dass ich ein Buch über mein eigenes Leben schreiben würde. Obwohl, ich habe immer schon gerne geschrieben. Als junges Mädchen. Lustige Kurzgeschichten wie „Die rote Lola“. Meine Familie war begeistert von der Fantasie, dem Humor und meiner Art, diese Geschichten vorzutragen. Mein Gott, das Kind hat Talent.

Viel Fantasie brauche ich für diese, meine eigene Geschichte allerdings nicht. Wie schon so viele Geschichten vorher, wurde auch diese vom Leben geschrieben.

Egal, wie alt man wird, so ist man doch nie sicher davor, dass das eigene vergangene Leben und auch die positiven Erinnerungen daran nicht doch noch ins Wanken geraten können. Dass man tatsächlich beginnt, viele, wenn auch nicht alle Geschehnisse der Vergangenheit zu hinterfragen. Niemals ist man sicher vor der Enttäuschung, dass das offensichtlich Positive zum Teil eine Farce war, die man erst später, sehr viel später, entlarven wird.

Ich spiele gerne. Poker. Nicht besonders gut, aber regelmäßig und viel, viel zu viel. Die Sucht danach ist nicht zu verleugnen. Der Traum vom großen Gewinn, der sich natürlich niemals erfüllen wird. Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man. Wie wahr.

Es wird Zeit, diese Sucht nach dem Spiel zu ersetzen. Zu ersetzen durch die Sucht nach der Wahrheit. Nach einer Wahrheit, die nie mehr in vollem Umfang aufgeklärt werden kann, denn der Verursacher lebt nicht mehr. Er ist gestorben, im Februar 2013. Mein Vater. Rein zufällig habe ich davon erfahren.

Mein Vater, der Held meiner Kindheit, dessen Putz bereits vor langer Zeit zu bröckeln begann. Trotzdem ich nie für möglich gehalten hätte, dass nach 17 Jahren erfolgreicher Verdrängung dieses, um beim Spiel zu bleiben, Kartenhaus dann noch komplett einstürzen kann. Dass man Menschen, die man schon sein Leben lang kennt, erst jetzt, nach 57 Jahren, richtig einzuschätzen lernt und vieles, das man immer über diese Menschen dachte, nicht den Tatsachen entspricht. Und damit meine ich nicht nur meinen Vater. Auch Mama, die von ihm bereits seit 28 Jahren geschieden ist, ist damit gemeint. Alles ist möglich, nix ist fix.

Gerade komme ich wieder vom Rechtsanwalt. Es regnet in Strömen. Das passt perfekt zu meiner Stimmung. Auch wenn er nicht mehr am Leben ist, schafft er es immer noch, mir Verletzungen zuzufügen. Mir auch noch den letzten Rest schöner Erinnerungen, die es sicherlich gegeben hat, wegzunehmen. Ich hätte nicht gedacht, dass das in diesem Maße noch möglich ist. Enttäuschung und Hass, das sind meine Gefühle. Nicht Bedauern oder Trauer, die man eigentlich empfinden sollte, wenn der Vater stirbt. Schade.

Den Kontakt zu ihm habe ich bereits vor 17 Jahren abgebrochen. Nicht, weil ich das wirklich wollte. Nein, ich wollte mir einfach keine weiteren Verletzungen mehr zufügen lassen. Ich wollte sie einfach nicht noch einmal hören, diese Worte vom eigenen Vater: „Mein ‚altes‘ Leben interessiert mich nicht mehr.“

Aber nicht nur diese Worte, auch sein Verhalten, das ich immerhin über einige Jahre ertragen habe, waren immer wieder verletzend. Trotzdem nicht die Hoffnung aufgebend, dass der Vater noch nicht ganz verloren ist. Ganz das Papakind, das ich immer war. Warum eigentlich? Diese Frage muss ich mir heute stellen.

Um an dieser Situation nicht kaputtzugehen, musste irgendwann mein Selbstschutz aktiviert werden. Offensichtlich war es ein Irrtum, dass ich seit dieser Zeit dachte, die Vergangenheit ist abgeschlossen und kann mich nicht mehr belasten. In aller Deutlichkeit kann ich das nun fühlen. Und Zorn kommt in mir hoch. Denn ihm verzeihen, das kann ich nicht. Zumindest jetzt nicht.

Ein Meister im Verdrängen war ich. Bis heute. Die Vergangenheit bricht auf. Wie die Welle eines Tsunami überflutet sie mich. Mir kommt der Gedanke, dass man durch Aufschreiben aufarbeiten könnte. Genau das brauche ich jetzt.

Vielleicht kann mir das Papier die Last von der Seele nehmen, die mich im Moment zu erdrücken scheint.

Man wird sehen.

Am Morgen meines 57. Geburtstags habe ich noch nicht die geringste Ahnung, dass einer meiner Geburtstagsanrufe mich in ein völlig unerwartetes Gefühlschaos stürzen wird.

57 Jahre, ein Alter, das bei so mancher anderen Frau und neuerdings ja auch bei Männern panikartige Zustände hervorrufen würde. Nicht so bei mir. Mit dem Alter hatte ich noch nie Probleme. Seit meinem 30. Geburtstag warte ich erfolglos darauf, dass panikartige Gefühle in mir hochkommen.

Zum einen bin ich der Meinung, dass jedes Alter seine Schönheiten bereithält, zum anderen kann man das Alter sowieso nicht aufhalten. Menschen, die sich davon das Leben vermiesen lassen, bedauere ich aus vollstem Herzen. In meinem Fall kann ich sagen, dass ich mich noch nie vorher so rundherum zufrieden und glücklich gefühlt habe. Sowohl privat als auch beruflich läuft alles bestens.

Vor elf Jahren sind wir von der bayerischen Metropole München nach Markt Schwaben gezogen, wurden von allen Nachbarn sehr herzlich aufgenommen und haben uns vom ersten Tag an heimisch gefühlt.

Wir haben ein kleines Häuschen mit ebenso kleinem Garten gemietet, für das wir wesentlich weniger bezahlen als in München für unsere beiden Mietwohnungen zusammen. Natürlich ist auch genug Platz für das Wichtigste überhaupt vorhanden, eine „Werkstatt“ für meinen Mann.

Aufgrund der großen Beliebtheit ist das Leben in der bayerischen Metropole in den letzten Jahrzehnten immer teurer und für „Otto Normalverbraucher“ fast nicht mehr bezahlbar geworden. Wir können jetzt hier, zumindest in unseren Augen, eine wesentlich höhere Lebensqualität genießen.

Wir, das sind …

… die absolute Nummer 1

Mein Mann Werner, der mit 67 Jahren seinen wohlverdienten Ruhestand, bei bester Gesundheit, absolut genießt.

Der, wie seine geliebten Motorräder, topfit und gut in Schuss ist.

Der sich aufgrund seines fröhlichen und ausgeglichenen Wesens seine Jugendlichkeit erhalten hat und dem sein Rentenalter tatsächlich niemand abnimmt.

Der aufgrund seiner diversen Späßchen nicht nur bei Kindern und Hunden sehr hoch im Kurs steht.

Der mich nicht zuletzt, entgegen meinem ursprünglichen Vorhaben, niemals zu heiraten, dann im Laufe unserer gemeinsamen Jahre (wohl eher unfreiwillig) davon überzeugt hat, diesen Schritt doch noch zu tun.

Bereits seit einigen Jahrzehnten hieß es bei uns: tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert. Bis ich eines Tages in seiner Gegenwart ein gewisses Kribbeln, das ich jedoch erfolgreich zu unterdrücken wusste, nicht mehr verleugnen konnte. Liebe auf den tausendsten Blick?

Während der Feier zu meinem 40. Geburtstag am Unterschleißheimer See kamen wir uns dann schließlich unaufhaltsam näher. Der Genuss von etlichen Gläsern Jack Daniels mit Cola war daran nicht ganz unschuldig und ließ die Hemmschwelle gewaltig sinken. Der Gedanke, dass wir Jahre später heiraten würden, ist jedoch unter Garantie bei keinem von uns beiden aufgekommen. Unser Motto war wohl eher: „Ein bisschen Spaß muss sein.“ Aber oft kommt es im Leben anders, als man denkt, und das ist, aus heutiger Sicht, nun wahrlich nicht das Schlechteste. Hoch lebe Jacky Cola.

Nie werde ich den entsetzten Blick meiner Freundin und ihren Satz „Das kann ja wohl jetzt nicht dein Ernst sein“ vergessen, als ich ihr davon erzählte. In der Zwischenzeit hat sie ihre Meinung allerdings zu hundert Prozent revidiert. Stimmt doch, Isy, oder? Weder wir noch einer unserer gemeinsamen Freunde hätte uns damals mehr als zwei, höchstens drei Monate gegeben.

Ja, in der Tat bedienen wir wohl beide perfekt das Klischee: Gegensätze ziehen sich an. Ersetzt man jedoch das Wort „Gegensätze“ durch das Wort „Ergänzungen“, wird man schnell feststellen, dass gerade diese das Salz in der Suppe sein können.

Er, der langhaarige „harte“ Biker. Ich, die mehr oder weniger solide Perfektionistin mit den langen lackierten Fingernägeln.

Er, der eingefleischte Hardrock-Fan. Ich, mit meinem Faible für Howard Carpendale. Country Music allerdings lieben wir beide. Ich muss gestehen, dass sich mein Musikgeschmack seinem inzwischen stark angepasst hat. So freuen wir uns jetzt schon sehr auf die Konzerte von Rammstein im Juli und Boss Hoss im November dieses Jahres.

Er, der eingefleischte Frühaufsteher, frei nach dem Motto „Der frühe Vogel fängt den Wurm“. Ich, der Nachtmensch und absolute Morgenmuffel. Den Satz „Der frühe Vogel kann mich mal“ könnte ich da schon eher unterschreiben.

Er, der unverbesserliche Optimist. Ich mit meiner oft doch eher pessimistischen Einstellung.

Er, der absolute Chaot und unverbesserliche Schlamper, der, auch wenn er die Augen noch so weit aufmacht, keinen Dreck sehen kann. Ich, die ordnungsliebende „Sauberfrau“, der „gute“ Freunde des Öfteren heimlich die Dekoration in der Wohnung umgestellt haben, nur um zu testen, wie lange es dauert, bis ich es bemerken würde. Das erklärt auch, warum wir uns einige Jahre nicht dazu durchringen konnten, unsere beiden Wohnungen aufzugeben, um zusammenzuziehen. Innerlich hatte ich mich nach unserem Umzug auf eine extrem konfliktreiche Zeit eingestellt. Aber auch das kam, wie so vieles bei uns, anders, als ich dachte. Kompromisse heißt das Zauberwort, mit dem alles machbar ist.

Eines unserer diversen „Erlebnisse“ ist mir dabei besonders im Gedächtnis haften geblieben und hat, nicht nur in unserem Freundeskreis, für spontane Lachanfälle gesorgt. Samstags ist bei mir schon seit jeher Hausputz angesagt. An diesem speziellen Samstag hatte ich meinen Mann gebeten, in unserem Haus für Sauberkeit zu sorgen, da ich den ganzen Tag unterwegs sein würde. Wie ich ja bereits wusste, kann er Dreck nicht unbedingt als solchen erkennen. Daher hatte ich ihn vorsichtshalber darauf hingewiesen, nicht zu vergessen, das Sieb im Abfluss des Waschbeckens im Badezimmer zu säubern.

Als ich das Bad am Abend betrete, strahlt mir das Sieb in fast überirdischem Glanz entgegen. Ganz im Gegensatz zum Rest des Waschbeckens, das noch so schmutzig war wie am Morgen. Seine Erklärung „Du hast nur vom Sieb, nicht vom ganzen Waschbecken gesprochen“ muss man sich langsam auf der Zunge zergehen lassen. Leute, Leute, da versteht man die Welt nicht mehr. Spätestens seit diesem Zeitpunkt hatte ich gelernt, dass Männer in der Tat sehr genaue und detaillierte Anweisungen brauchen. Missverständnisse dieser Art gibt es bei uns im Hause seit diesem Tag nicht mehr.

Ja, er ist schon sehr speziell, mein Angetrauter. Als er während eines Besuchs auf dem Flohmarkt ein sehr schönes altes Keramikschild mit der Aufschrift „Bitte im Sitzen pinkeln und Klodeckel schließen“ findet, freut er sich wie ein Schneekönig. Umgehend bringt er es an der Wand hinter unserer Toilette an und ist dann ungelogen der absolut Einzige, der sich nicht an diese Aufforderung hält. Die Funktionalität der sich automatisch schließenden Toilettendeckel, auf die er ausdrücklich besteht, hat er anscheinend bis heute nicht richtig verstanden. Denn diese schließen in der Tat nur automatisch, wenn man ihnen wenigstens einen winzigen Stups mit dem Finger gibt. So manche Logik hinter seinen „Taten“ kann verstehen, wer will, ich auf jeden Fall nicht.

Natürlich darf ich nicht versäumen, hier meine absolut liebste „Ergänzung“ ganz besonders hervorzuheben. Im Gegensatz zu mir, die Kochen immer mehr oder weniger als notwendiges Übel betrachtet hat, ist er ein begnadeter Koch. Er liebt es, neue Sachen auszuprobieren, und ich darf seine leckeren Werke fast jeden Tag genießen. Ich koche nur noch, wenn ich wirklich Lust darauf verspüre. So ungefähr ein- bis zweimal im Jahr.

Somit gibt es in unserem Haus eine unausgesprochene Aufteilung der Zuständigkeiten. „Mann“ ist für das zuständig, das ihm auch Spaß macht. Einkaufen und kochen. „Frau“ ist für den Schmutz zuständig. Nein, Entschuldigung, falsch ausgedrückt. Also, was ich damit meine, ist, „Frau“ macht den Schmutz natürlich weg. Zuständig für das Vorhandensein sind natürlich (fast) ausschließlich „Mann“ und Hund.

Unter anderem liebt es mein Mann, mit einem seiner vier Bikes auf eines der, besonders im Sommer, zahlreich stattfindenden Motorradtreffen zu fahren. Mein Ding ist das noch nie wirklich gewesen. Da wir aber beide der Meinung sind, dass gewisse Freiräume einer Beziehung nur zuträglich sein können, hatten wir damit eigentlich nie ein Problem. Eigentlich.

Es war noch ziemlich zu Beginn unserer Beziehung, als ich ihn eines Samstags gegen Mittag vor der Fleischtheke eines Supermarktes fragte, was wir denn dieses Wochenende essen wollen. Nicht nur ich, auch der Metzger blickte ihn erwartungsvoll an. „Was du essen willst, das weiß ich nicht. Ich fahre in zwei Stunden ins Allgäu auf ein Motorradtreffen.“ Was soll ich sagen. Die absolut perfekte Antwort auf meine Frage. Noch nicht so abgeklärt wie heute, bin ich daraufhin vor der Theke ganz spontan ein wenig ausgeflippt.

Die erschrockenen Blicke des Metzgers wanderten zwischen uns hin und her. Wahrscheinlich auch für ihn ein nicht unbedingt alltägliches Erlebnis. Mit den Worten: „Dankeschön, jetzt bin ich bereits vollkommen bedient. Der Einkauf hat sich gerade im Moment erledigt“, ließ ich den armen Mann stehen und verließ den Supermarkt mit wehenden Fahnen. Schweigend, etwas verdattert und ohne meinen Gefühlsausbruch auch nur ansatzweise verstehen zu können, folgte mir mein Mann zum Ausgang.

Die Diskussion im Anschluss muss ich wohl nicht weiter ausführen. Mit etwas Fantasie kann sich das zumindest jede Frau sehr gut vorstellen. Müßig zu erwähnen ist es wahrscheinlich auch, dass das nicht die letzte Diskussion dieser Art geblieben ist. Aber steter Tropfen höhlt ja bekanntlich den Stein.

Heute erfahre ich von seinen geplanten Exkursionen mindestens ein bis zwei Wochen vorher. Er hat seinen Spaß und ich genieße das „freie“ Wochenende. Machbar ist das natürlich nur durch gegenseitiges Verständnis und Vertrauen. Das ist bei uns beiden, Gott sei Dank, auch heute noch in höchstem Maß vorhanden.

Natürlich haben wir in den darauf folgenden Jahren dann noch den einen oder anderen Machtkampf hinter uns gebracht. Mal mit mäßigem, mal mit größerem Erfolg. Schließlich haben wir dann 2008 in der Chapel of the Flowers in Las Vegas doch noch, ganz still und heimlich, ja zueinander gesagt.

Für Werner ist es die dritte Ehe (alle guten Dinge sind bekanntlich drei) und bei mir soll es definitiv auch beim ersten Versuch bleiben.

Meine beste Freundin hatte früher immer zu mir gesagt, dass ich der einzige Mensch wäre, bei dem sie sich absolut vorstellen könne, dass er vor dem Standesbeamten noch nein sagt und die Flucht ergreift. Da das in der Tat möglich gewesen wäre, habe ich vorsichtshalber im Vorfeld niemanden über unser Vorhaben informiert. Mit Ausnahme von Isy und Brigitte natürlich. Den Freundinnen Nummer 1 und Nummer 2, wie Werner sich immer auszudrücken pflegt. Meinen „Busenfreundinnen“ konnte ich das natürlich nicht verheimlichen.

Wer anderes als der legendäre Elvis hätte in Las Vegas einer unserer Trauzeugen sein können? Wir hatten ein wirklich tolles Exemplar erwischt und eine ganze Menge Spaß. Sowohl Elvis als auch unser Fotograf, der als Trauzeuge meines Mannes fungierte, sagten uns, dass sie noch nie eine so lustige kleine Hochzeit gefeiert hätten. Wir übrigens auch nicht.

Obwohl ich mir genau diese Art der Hochzeit gewünscht hatte, war es dann doch ein merkwürdiges Gefühl, nach der Zeremonie ganz ohne Gäste dazustehen. So, jetzt sind wir also verheiratet. Und nun? Zur Feier des Tages lud ich meinen frisch gebackenen Ehemann zur Fahrt mit der gigantischen Achterbahn am Casino New York-New York ein. Wohlwissend, wie das wahrscheinlich enden würde, beschloss ich, ihn zu begleiten. Zu zweit macht es ihm wahrscheinlich mehr Spaß, dachte ich. Es kam, wie es kommen musste, bereits nach den ersten Metern schloss ich meine Augen und brüllte ohne Unterlass wie am Spieß. Als ich das Höllengefährt nach einer gefühlten Unendlichkeit zittrig und käseweiß wieder verlassen durfte, drehte sich der Mann, der vor mir gesessen hatte, sofort um, um sich diese brüllende Irre genauer anzusehen. Und mein Mann drückte mit den Worten „Ach, wegen mir hättest du nicht mitzufahren brauchen, mir hätte das alleine genauso Spaß gemacht“ sein Bedauern aus. Tja, genau deswegen habe ich ihn geheiratet, ganz spontan findet er einfach immer wieder die richtigen Worte. Als mein Magen wieder fähig war, feste Nahrung aufzunehmen, besuchten wir erst einmal ein Steakhouse und anschließend das unvermeidliche Casino. An unserem Hochzeitstag muss uns das Glück doch auf jeden Fall hold sein. Ein Satz mit X, das war wohl nix. Pech im Spiel, Glück in der Liebe stimmt also doch.

Zurück im Hotel packten wir dann neugierig eine verschlossene Tüte aus, die uns die Wedding Planer beim Abschied in die Hand gedrückt hatten. Hervor kamen je eine weiße und rote Rose mit ganz lieben Glückwünschen von Isy und Brigitte mit ihren Familien. Na, diese Überraschung war den beiden mehr als gelungen. Ein kleines Tränchen der Freude lief über meine Wange. Schön, solche Freundinnen zu haben.

Unsere Familie konfrontierten wir dann erst zu Hause mit den „nackten“ Tatsachen. Ohne Vorwarnung legten wir unseren „Urlaubsfilm“ ein. Schade eigentlich, dass wir die Gesichter nicht filmen konnten. Bei Mama hat es natürlich wieder am längsten gedauert, bis ihr ein Licht aufging. Dass sie uns eine Hochzeit fern der Heimat nicht übel nehmen würde, wusste ich bereits vorher. Wenn es anders gewesen wäre, hätte ich das in dieser Form sicher auch nicht gemacht. Mit großem Hallo und Gelächter nahmen wir die herzlichen Glückwünsche entgegen.

Ja, wir lachen viel und haben (fast) jeden Tag unseren Spaß zusammen. Für mich, neben Vertrauen, gegenseitigem Respekt und Verständnis sowie viel Zeit für Zärtlichkeit, ein absolut unverzichtbarer Bestandteil einer jeden funktionierenden Beziehung. Wie schon Charlie Chaplin sagte, ist jeder Tag ohne Lächeln ein verlorener Tag.

… die Nummer 2

ist unsere mittelgroße, schwarz-weiße spanische Mischlingshündin Estrella (kurz Bella genannt), die exakt am gleichen Tag wie ich geboren wurde. Inzwischen acht Jahre alt, hat sie, in Hundejahren gemessen, bis auf ein Jahr Unterschied, heute die gleiche Lebensphase wie ich erreicht. Bella, mit der ich mir endlich einen lang gehegten Kindheitstraum erfüllen konnte. Man muss sich seine Träume eben irgendwann selbst erfüllen, wenn es sonst keiner tut.

Obwohl es mich auch einige Überzeugungskraft gekostet hatte, meinen Mann, der seine Unabhängigkeit nicht aufgeben wollte, von der absoluten Notwendigkeit der Anschaffung eines Hundes zu überzeugen. Zu einem Haus mit Garten gehört einfach ein „Wachhund“. Heute sind die beiden ein Herz und eine Seele und ich bin in diesem Dreiecksverhältnis langsam aber sicher auf die Position 3 abgerutscht. Hunde suchen sich ihren Führer eben selbst aus.

Dass unser Hund aus einem Tierheim kommen würde, war für uns beide von Anfang an klar. Mein Traum, ein Labradorweibchen, sollte sich in einem Tierheim der Franziskushilfe in Niederbayern erfüllen. So hatte man mir zumindest am Telefon gesagt. Als wir dort ankamen, hat uns eine schwanzwedelnde, bellende Horde fast überrannt. Mittendrin auch das angekündigte Labradorweibchen, das uns allerdings stark an eine kleine Weißwurst auf vier Pfoten erinnerte. Sie war trotzdem süß, aber der Funke ist irgendwie nicht übergesprungen.

Wir hatten unseren Spaß mit dem fröhlichen Rudel, konnten uns aber nicht wirklich für einen der Racker entscheiden. Bis unser Blick zufällig auf eine kleine Hündin fiel, die sich dem wilden Rudel nicht angeschlossen hatte und sich ganz verschämt hinter einer Bretterwand versteckte. Das war unser Hund. Liebe auf den ersten Blick. Damals wussten wir allerdings noch nicht, dass die Verschämtheit nur vorgeschoben war und absolut nicht ihrem wahren Charakter entsprach.

Bella wurde zu uns nach Hause gebracht, da man sich davon überzeugen wollte, dass die Hündin auch wirklich einen guten und artgerechten Platz bekommen würde. Von dem Moment an, als sie uns aus dem Auto entgegensprang, blieb sie an unserer Seite. Als ob sie genau wusste, dass wir von jetzt an ihr Rudel sein würden. Die äußerst zufriedene Tierheimleiterin wurde bei ihrer Abfahrt von unserem neuen, sieben Monate alten Familienmitglied keines Hundeblickes mehr gewürdigt.

Beim Abschluss des Vertrages stellte ich dann überrascht fest, dass wir beide am gleichen Tag geboren wurden. Das unterstützt einmal mehr meine Theorie, dass manches im Leben so und nicht anders passieren muss. Schicksal eben. Da war sie nun, unsere Bella, die nichts auf der Welt mehr liebt als futtern, futtern, futtern und ständig versucht, wesentlich größere Hunde lautstark in ihre Schranken zu weisen. Ja, sogar die Problemchen mit der Figur haben wir beide gemeinsam.

Ihre Vorliebe für die Zurechtweisung größerer Hunde musste ich allerdings erst ziemlich spektakulär herausfinden. Als wir uns beide noch nicht so gut kannten, war mir bei einem unserer Spaziergänge das Geld ausgegangen. Da ich Bella nicht in die Sparkasse mitnehmen durfte, band ich sie an dem circa ein Meter hohen Standaschenbecher vor der Filiale an. Dass dieser nicht fest verankert war, erschien mir zu diesem Zeitpunkt eher nebensächlich. In dem Moment, in dem der Automat das Geld ausspuckte, entdeckte meine Bella auf der anderen Straßenseite ein etwa dreimal so großes Exemplar wie sie selbst.

Voller Euphorie und laut bellend setzte sie sich umgehend, natürlich mit dem Aschenbecher im Schlepptau, in Bewegung. Ich weiß heute nicht mehr, was einen größeren Lärm verursachte. Das aufgeregte Gebell des Hundes, der auf und ab hüpfende Aschenbecher oder mein Geschrei bei dem Versuch, des Hundes mitsamt Aschenbecher wieder habhaft zu werden. Die Asche nebst Zigarettenkippen war weitläufig im Bereich vor der Sparkasse verteilt. Leute blieben aufgrund des Spektakels stehen und stürmten aus den umliegenden Geschäften. Auto- und Lastwagenfahrer legten quietschend Vollbremsungen ein, als Bella mit Aschenbecher ansetzte, die Straße zu überqueren.

Ich kann mich nicht mehr erinnern wie, aber irgendwann konnte ich die „beiden“ schließlich bremsen. Wie durch ein Wunder wurde keines der geparkten Autos beschädigt. Wäre ich eine Maus gewesen, hätte ich mich am liebsten vor lauter Scham in einem winzigen Loch verkrochen. Keiner kann sich das Tempo vorstellen, in dem ich mit meinem Hund im Schlepptau den Marktplatz verlassen habe.

Ja, unsere Bella, ein kommunikativer, charakterstarker Hund, wie sich unsere Hundetrainerin auszudrücken pflegte. Charakterstark, so ist sie eben, wie wir wohl alle drei. Gesucht und gefunden. Schicksal eben.

… die Nummer 3

ist schließlich meine Wenigkeit. In München geboren und auch aufgewachsen, hätte ich mir noch bis vor einigen Jahren niemals vorstellen können, diese heiß geliebte Stadt zu verlassen oder auch nur an den Stadtrand zu ziehen. Ein Stadtkind aufs Land, um Himmels willen. Das geht nun gar nicht.

Aber, Gott sei Dank, verschieben sich im Laufe der Jahre die Interessen und Prioritäten. Man lernt Dinge zu genießen, für die man früher nicht einmal ein müdes Lächeln übrig gehabt hätte. Ja, jedes Alter hat eben seine Zeit und das ist auch gut so. Heute genieße ich das früher verschmähte Kleinstadtleben, den täglichen kleinen Plausch mit den Nachbarn und freue mich, der Anonymität der Großstadt entflohen zu sein. Wir haben diese Entscheidung niemals auch nur eine einzige Sekunde lang bereut und würden für kein Geld der Welt wieder zurück in die Großstadt wollen.

Karrierefrau war ich noch nie. Nichtsdestoweniger war es mir sehr wohl wichtig, nicht aufs Geld schauen zu müssen und mir ein bisschen (mehr) leisten zu können. Es kam schon mal vor, dass ich mir eine Hose für 250 Euro gekauft habe, welche dann nach zweimaligem Tragen in der Flohmarktkiste gelandet ist. Viele Jahre habe ich bei amerikanischen Firmen für gutes Gehalt gearbeitet und dabei auch in Kauf genommen, dass ich vor neun Uhr abends nicht nach Haus gekommen bin. Klar, für ein gutes Gehalt wird eben auch mehr erwartet.

Eines Tages, die Nase voll vom Bürojob, startete ich den Versuch, mich selbstständig zu machen. Auch hier stand mein Mann immer voll hinter mir. Leider ist das Geschäft bereits im Aufbau, ohne eigenes Verschulden, den Bach hinuntergegangen. Den Entschluss, es zu versuchen, habe ich dennoch nie bereut. Es war eine interessante Erfahrung, ohne die ich wahrscheinlich immer das Gefühl gehabt hätte, etwas versäumt zu haben.

Im Alter von 50 Jahren war es jedoch nicht mehr so einfach, einen Job zu ergattern. Gute Ersparnisse haben es mir ermöglicht, meinen Lebensstandard ohne wesentliche Einschränkungen, zumindest eine gewisse Zeit, zu halten.

Als sich mein Polster bedenklich dem Ende zuneigte, kam mir dann wieder einmal ein glücklicher Zufall zu Hilfe. Eine ehemalige Kollegin, zu der ich in vielen Jahren niemals den Kontakt verloren hatte, hat in der Zwischenzeit zusammen mit einem Partner ihre eigene kleine Firma aufgebaut. Im Laufe eines unserer jährlichen Telefonate bot sie mir dann eine Stelle an. Glück ist einfach ein wesentlicher Faktor im Leben.

Heute arbeite ich bereits im sechsten Jahr für 24 Stunden die Woche (von Montag bis Donnerstag) in dem kleinen mittelständischen Unternehmen. Ich bin u. a. für das Personal zuständig, habe einen abwechslungsreichen Job, der mich erfüllt. Mit der Firmenleitung, den Kollegen und auch Kunden verstehe ich mich bestens. Im Gegensatz zu früher bin ich heute die Älteste im Büro. Aber ich genieße es, den jungen Kolleginnen und Kollegen, oft nicht nur geschäftlich, mit Rat und Tat zur Seite stehen zu können.

Natürlich muss ich mir heute genau überlegen, ob ich die eine oder andere Klamotte wirklich brauche. Aber in erster Linie freue ich mich darüber, dass ich einen Job habe, der mir Freude bereitet, in dem ich als Arbeitskraft geschätzt werde, dass ich sehr gerne zur Arbeit gehe und auch meinem Mann, Hund und diversen Hobbys viel Zeit widmen kann. Geld kann zwar beruhigen, aber glücklich macht es noch lange nicht.

Vor etwa zwei Jahren verlor ich leider zwei Menschen, eine liebe Freundin und eine nette Kollegin. In der Blüte ihrer Jahre, mit Mitte vierzig, raubte ihnen eine schreckliche Krebserkrankung das Leben viel zu früh.

Nicht zuletzt auch dadurch habe ich gelernt, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt als materielle Güter. Lebe im Heute und genieße jeden Tag, als ob es dein letzter wäre. Vertrödle deine kostbare Zeit nicht mit unnötigem Streit über Kleinigkeiten und vor allem, gehe niemals ohne Versöhnung auseinander.

12. M?rz 2013

Im Gegensatz zu fr?her fallen meine Geburtstagsfeiern seit einigen Jahren etwas ruhiger aus. Wie bestimmt jeder aus eigener Erfahrung wei?, setzen gro?e Feste auch umfangreiche Vorarbeiten voraus. Das Geburtstagskind ist in der Regel einen Tag mit Vorbereitungen, einen Tag mit G?ste verw?hnen und bewirten sowie dann noch mal einen Tag mit Aufr?umarbeiten besch?ftigt. Vor allem, wenn man nicht in der Liga spielt, die Feste organisieren zu lassen und selbst nur noch zu genie?en. Aber eigentlich soll das doch eben mein Freudentag sein. Geburtstagskinder sollten verw?hnt werden, oder nicht?

Also habe ich mir auch in diesem Jahr freigenommen und schlafe erst mal ausgiebig aus. F?r mich ein perfekter Start in den Geburtstag. Meine Spezialit?t, Tiramisu, habe ich bereits am Abend vorher vorbereitet. Im Gegensatzzum Kochen macht mir Backen gro?en Spa?. Ich freue mich auf den nachmitt?glichen Kaffeeklatsch mit Mama und meinen Freundinnen Isy und Doris. Am Abend lassen wir uns dann mal wieder das leckere Buffet beim Chinamann schmecken. Verw?hnen pur ist angesagt.

Doris ist eine ehemalige Kollegin, mit der sich eine inzwischen jahrelange Freundschaft entwickelt hat. Ihr haben wir es auch zu verdanken, dass wir unser H?uschen in Markt Schwaben gefunden haben. Sie wohnt mit ihrer Familie im Nachbarort und hat uns damals auf die Anzeige im Markt Schwabener Falken aufmerksam gemacht. Allein schon deswegen wird ihr unsere T?re immer offen stehen.

Meine beste Freundin Isolde begleitet mich inzwischen, bis auf wenige umzugsbedingte Unterbrechungen, nunmehr seit bereits 55 Jahren. Wir waren Nachbarskinder und stehen in guten als auch in schlechten Zeiten zueinander. Ich habe viele Bekannte, aber nur wenige sehr gute Freunde. Der Unterschied ist f?r mich, dass ich mit Bekannten zwar Spa? haben kann, gute Freunde aber tief in meinem Herzen verankert sind. Gute Freunde haben bereits mehrfach bewiesen, dass sie sich auch bei Problemen nicht aus dem Staub machen und mich niemals im Regen stehen lassen w?rden. In einer Zeit, die immer oberfl?chlicher wird, ist dies eine Seltenheit, die ich sehr zu sch?tzen wei?.

Gegens?tze scheinen mein Leben zu bestimmen. Obwohl Isy und ich in unserer Zeit als Teenager oft f?r Schwestern gehalten wurden, so stehen unsere Einstellungen und Vorlieben oft in krassem Gegensatz zueinander. Trotzdem wird eine von der anderen immer voll akzeptiert. Lediglich die gegens?tzliche Vorliebe f?r das ?Stadtleben? und das ?Landleben? ruft immer wieder mehr oder weniger hitzige Diskussionen hervor.

Unseren Umzug aufs Land konnte sie nie wirklich nachvollziehen. Meiner Meinung nach ihr Kindheitstrauma. Ihr Vater arbeitete in M?nchen als Kaminkehrermeister und hat, als sie f?nf Jahre alt war, einen Bezirk in Wartenberg bei Erding zugeteilt bekommen. Weder sie noch ihre Mutter waren von diesem Umzug begeistert, mussten sich aber gezwungenerma?en f?gen. Als sie dann auch noch von den Kindern als ?Prei?? bezeichnet wurde, hatte sie die Nase gestrichen voll. Na ja, ?M?nchnerisch? unterscheidet sich eben doch etwas vom l?ndlichen Dialekt. Einmal wieder nach M?nchen zur?ckgekommen, war dann die Aversion gegen das Landleben geboren und sollte auch nie wieder weichen. Sch?n, dass grunds?tzlich ja jeder leben kann, wo es ihm Spa? macht. Alles kann, nichts muss.

Wenn wir uns l?nger nicht mehr gesehen haben, kommt das unvermeidliche ?DU musstest ja so weit wegziehen?. Wobei sie nat?rlich sehr gerne vergisst, dass wir uns fr?her, obwohl nur ein paar Kilometer voneinander entfernt, auch nicht wesentlich ?fter gesehen haben.

Bei einem unserer ?M?delsstammtische? hatte ich einmal erw?hnt, dass ich mir gut vorstellen k?nne, durchaus noch weiter wegzuziehen. Ihre ?u?erung, dass sie mich dann aber wirklich nicht mehr besuchen w?rde, hat mich doch sehr verletzt. Um die gute Stimmung des Abends nicht zu zerst?ren, verzichtete ich auf eine Erwiderung. Schlie?lich lebe ich ja nicht auf dem Mond. Eine Entfernung von 20 km sollte einer guten Freundschaft nicht im Wege stehen. W?rde ich nicht glauben, dass diese Bemerkung nicht wirklich ernst zu nehmen war, h?tte ich ihr das wohl nicht so schnell verzeihen k?nnen.

Nat?rlich verzeihe ich ihr heute. Hat sie mir doch als Geburtstagsgeschenk meinen Lieblingskuchen, ihren leckeren Schokoladen-Mandarinen-Kuchen, versprochen. Darauf freue ich mich ganz besonders und wei? es sehr zu w?rdigen, dass sie bei ihrem beruflichen Stress die Zeit aufbringt, um diesen heute speziell f?r mich zu backen. Doch eine liebe Isy.

Nun, der Kaffeetisch ist gedeckt. Wie in jedem Jahr verbringe ich die Zeit bis zum Eintreffen meine G?ste vorwiegend mit Telefonieren. Ich freue mich immer besonders dar?ber, dass keiner meiner Freunde und Bekannten meinen Geburtstag vergisst.

Eine besondere ?berraschung ist es jedes Mal, wenn Leute, mit denen man keinen regelm??igen Kontakt pflegt, an mich denken. Zeigt es doch, dass auch Menschen, die man schon l?ngere Zeit nicht mehr gesehen hat, einen nicht vergessen haben. Aus den Augen, aus dem Sinn, das bewahrheitet sich eben doch nicht immer.