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Als Soldat im Jahre 2069 ist es schwer, einen Krieg im Weltraum zu gewinnen. Auch Adam gelingt das nicht. Er gerät nach Jahrtausenden in einen zweiten, in dem er sich in den wirren Verschlingungen seiner selbst, versponnen mit den Fäden der Zukunft, auf der Erde wiederfindet. Dabei schenkt er dem Leser eine Projektionsfläche des eigenen permanenten Stolperns, ohne wirklich zu fallen. Es herrscht ein Krieg der Welten, den Adam jedoch nicht imstande ist zu verstehen, weil er nicht einmal sich selbst versteht. . Kann er diesen Krieg gewinnen?
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Seitenzahl: 742
Veröffentlichungsjahr: 2019
© 2019 Frank Kallies
Umschlaggestaltung Marvin Marquis
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7497-2122-1
Hardcover:
978-3-7497-2123-8
e-Book:
978-3-7497-2124-5
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Trans Gaia
Pilgerjahre eines Raumfahrers
Frank Kallies
Prolog 2069
Uranussteinzeit
Der Blinde sieht, der Stumme schreit, die Taube fliegt.
Ich hatte immer noch einen Plan; mal mehr, mal weniger, ein Ziel vor Augen, bis sich die Linsen von diffus wieder auf scharf stellten und ich die fransigen Stoppeln meines Drei-Tage-Bartes, den ich mit einem geschliffenen Stück Blech annehmbar kurz hielt, in der stumpfen Edelstahlverkleidung eines Wandschranks mir gegenüber sah. Fleckig ließen sie noch Flächen der Haut durchscheinen, die großporig, vertrocknet, rissig, leicht gerötet, aber klinisch sauber darauf warteten, endlich einmal wieder echte Luft zu atmen und nicht diesen sozialistischen Sauerstoff, bei dem jedes Molekül gleich ist und schmeckt wie tausendmal geatmet. Da sah ich mich und der Plan war wieder weg, ausgelöscht von der Realität.
Ich dachte, um mich abzulenken, an alte Geschichten von meinem Lieblingsautor ≈ regt Illusion ab ≈ in Iglus lötbar ≈ Linie sog brutal ≈ Ion liebt Glasur ≈ Er saugt Billion ≈ Turbo-senil-liga. Wegen Pirx war ich hier, ein Weltraumpilot wollte ich werden und hatte es geschafft. Er hatte unzählige Schlachten geschlagen, die meisten gegen sich selbst, war auf Erkundungsflügen durch Quadranten, in denen schon mehrere Piloten spurlos verschollen waren. Er begegnete kleinen Lichtobjekten und verfolgte sie parsekweise, kam ihnen jedoch keinen Deut näher. Irgendwann sah er sich Monstern gegenüber. Fast wurde er im Kampf von einem überwältigt und fiel währenddessen ungehemmt weiter in die Tiefe des Raumes, bis er merkte, dass er es selber war und sein Verstand in der Weite, der endlosen Weite nichts mehr verstand und mit seinem Bewusstsein Purzelbäume schlug. Die Lichtobjekte entpuppten sich nach Monaten der Untersuchungen als Reflexionen in dem fehlerhaft hergestellten Glas der Kanzel. Die Unendlichkeit des Raumes und das verkümmerte kleine Selbst im Ich waren Fremde, die sich jedes Mal, wenn sie sich trafen, gegenseitig umbrachten. Speziell diese Geschichte war es, weswegen ich überhaupt hier war. Aber jetzt war es eh zu spät, die Geschichte der Menschheit, Lieblingsautoren oder mich selbst zu verdammen. Alles verdammte sich von selbst, wenn die Zeit dafür gekommen war. Hier war ich jetzt mit meinen Monstern und wurde sie nicht mehr los.
Miral öffnete seine Augen, gähnte und dehnte sich.
„Schau Adam, der Uranus zeigt uns seine bessere Seite.“
Es dauerte eine Weile, bis die Stimme von meinem Vorgesetzten und Freund, mit dem ich seit fünf Jahren durch das All streifte, die Geschichte von Pirx, wie einen rostigen Kahn auf den Meeresgrund zurücksinken ließ, um ihm behäbig meine Aufmerksamkeit zu schenken. Ich drehte mich um und ließ mich spontan wecken von der atemberaubenden Schönheit einer planetaren Sichel, die weit über die Ränder unserer gut verarbeiteten Frontscheibe hinausragte.
„Guck dir diese Welt an, Adam, Farben, Formen, Viren, Zellen, der Weltraum, die Menschheit, wir haben das Staunen verlernt und die Dankbarkeit vergessen, oder?“
„Das stimmt…nicht,…ich staune immer wieder über jeden Tag und bin äußerst dankbar, wenn er vorbei ist.“
Mirals kantige, eingerissene Mundwinkel, aufgeschreckt von dem Hauch der Ironie, umspülte ein Schmunzeln, wie ich es lange nicht mehr gesehen hatte. Mit grimmigem Lächeln auf grauer, pergamentartiger Haut setzte er den Dialog fort:
„Was haben wir hier bloß verloren? Nie werden wir diesen Raum begreifen, wenn wir ihn nicht in uns begreifen.“
Ich dachte wieder an das schleimige Monster in mir. Ich hatte nicht erwartet, den rostigen Kahn so schnell wieder zu bergen. Ich sehnte mich nach Hause.
„Wir haben unsere Zähne verloren…", sagte ich und sah, um mich selbst davon zu überzeugen, zu dem kleinen, auf ein mit dem Regal verschmolzenes Glas hinüber, indem wir sie sammelten. "Glaubst du, wir werden die Erde jemals wieder zu Gesicht bekommen?“, fuhr ich fort
„Wieso, dahinten ist sie doch!“
Ich täuschte ein gekünsteltes Lachen vor, zum Zeichen guten Willens. Dann wollte ich die Frage präzisieren, doch schon beim Luftholen, erhob Miral seine flache Hand und signalisierte mir, dass ich sie nicht ein weiteres Mal zu stellen brauchte.
Miral ließ sich Zeit und ordnete erst einmal seine Gedanken, bevor er weiter ausholte:
„Weißt du, keiner aus dem Planungsstab konnte so einen Verlauf vorhersagen. Das Leben hört niemals auf, den Menschen Streiche zu spielen; hin und wieder halten wir am Gedanken fest, wir hätten alles im Griff. Aber wir haben nichts im Griff, am wenigsten uns selbst, wenn wir gezwungen sind, über unsere Grenzen hinaus zu gehen. Die denken doch nur, dass sie in Frieden leben können; auf der Erde. Sowie sie in die Enge getrieben werden oder nichts mehr zu beißen kriegen, werden sie schon sehen, wie es ihnen ergehen kann, wie es jedem verdammten Menschen ergehen kann, wenn er seinen Nachbarn essen muss. Mit ein wenig Geduld kannst Du sehen, wie der Mensch die Zivilisation verwelken lässt, wenn die Sonne mal kurz unter geht. Noch hat der Mensch das Tier in sich nicht bezwungen.“
Miral machte Anspielungen auf unseren Auftrag und dem, was daraus geworden ist: Von Technolabs Co., Meldeposten in der Nähe vom Saturn zu sein und alle Schiffe zu enttarnen und zu melden, die wir aufstöbern konnten. Klingt leicht, in Friedenszeiten, wird schwer, wenn der Frieden Geschichte ist. Zuerst ging es um territoriale Streitigkeiten, um Rohstoffe und Macht. Nachdem die Sache entglitten war, ging es nur noch ums Überleben. Die Kriegswirren haben uns schnell zu Gejagten gemacht und unsere einzige Chance war, noch weiter ins All abzutauchen. Wir waren nicht ausgerüstet für solche Spielereien und mussten improvisieren. Wir sind selbst zu Piraten geworden, weil es als einzige Möglichkeit übrig blieb, wenn man bestrebt war, so egoistisch zu sein, das eigene kleine Lebenslämpchen nicht verglimmen lassen zu wollen. Hier draußen herrschte die totale Anarchie, kaum einer hatte noch die Ressourcen und die Kraft, die Ziele seiner Auftraggeber zu verfolgen. Und mal ehrlich: Wer glaubte, von offizieller Stelle, die erschöpfende Wahrheit über geheimdienstliche Tätigkeiten zu erhalten, der musste sich schon berechtigte Zweifel an seinem Realitätssinn vorhalten lassen.
Miral holte die zu trockene Luft zu tief in seinen Brustraum und fuhr hustend fort: „Futurepromises haben doch nur noch die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als Asiania mit Space-X in den Konflikt eingegriffen hat und einen Krieg daraus entfachte. Einen Krieg, den vielleicht niemand auf der Erde wollte, aber Zeit, mein Junge, ist der größte Feind der Gegenwart, solange es den Raum gibt. Und durch die Desinformationen und Fehlinstruktionen wusste niemand mehr, was gespielt wurde und arbeitete im Endeffekt mehr für den Gegner als für sich selbst. Die hätten alles lieber persönlich mit der Brieftaube vorbei bringen sollen, dann hätte es besser geklappt. Nur, dass sie hier nicht so gut fliegt. Und natürlich waren Midi-Satelliten, die ihre Fadengitter zwischen den Planeten durchs Sonnensystem spannten, die ersten, die aufs Korn genommen wurden, um den Gegner informationslos ´drauf gehen zu lassen.“
Mirals Stimmbänder fingen leicht an, mit den Säbeln zu rasseln.
Ich konnte die Organe in seinem Inneren, über seinen Odem, durch die abgestandene Luft riechen, hier in unserem zwanzig Quadratmeter messenden, mehr langen, als breiten Hauptraum, unserer Schaltzentrale, in der wir beide die Körpergerüche des Anderen so gut kannten wie unsere eigenen. Er sprach mehr mit sich, als mit mir, um seine Erklärungsnotstände ein ums andere Mal wie eine Katze zu überspringen und beim Blick über die Schulter festzustellen, dass es wieder nichts gebracht hat. Ich spürte den Druck und die furchtbarste Wut, die Wut der Wut, in seiner Stimme:
„Das ist doch ein Versteckspiel hier. Der Weltraum ist einfach nicht für uns Menschen geschaffen, er ist viel zu ungastlich, zu kalt, zu groß…zu lange, zu tödlich und wir so schwach, so weich und verletzlich wie Seifenblasen, eingesperrt in einer Kiste mit Steinen.“
Er ließ seine Stimme hier jäh abbrechen, vielleicht dachte er, das wäre ein passendes Schlusswort gewesen. Er drehte seinen Kopf wieder zur Frontscheibe und ließ sich überwältigen. Jetzt wurde seine graue Haut, die schon so viele Sonnen gesehen hatte und immer noch blasser wurde, mehr und mehr in unwirkliches, moosiges Licht getaucht. Mir war das nicht genug:
„Die Entfernungen machen der Technik einen Strich durch die Rechnung, aber was ist mit uns, hast du überhaupt noch Hoffnungen nach Hause zu kommen oder wollen wir unsere Kinder hier bekommen?“ Schon oft hatte ich, zu seinem Leidwesen, versucht, diesen real-pessimistischen Griesgram, aus der Reserve zu locken.
Er blieb stumm. Er betrachtete die Rissstrukturen, die sich in dunklen, grünen Verästlungen über die Oberfläche des Planeten zogen. Sie changierten leicht durch die zehn hauchzarten Ringe, die sich weit ab von der planetaren Oberfläche um den Uranus spannten; gekonnt, scharf wie Rasierklingen und zusammengenommen nicht mehr, als ein paar Kilo Sternenstaub ≈ Status brenne ≈ Nass brünett ≈ Essbar Nutten ≈ Erbst Staunen ≈ Natur bestens ≈ Tastern Busen ≈ Urbanen Tests.
Von einer Sekunde auf die andere überkam mich eine Euphorie, die Sehnsucht, diesen, unseren Raum mit Lebensenergie, über Lichtjahre hinweg mit Hoffnung zu erfüllen: „Wasser,…Wasser, glaubst du, es gibt hier Wasser? Diese Verästlungen auf der Oberfläche, das sind Gräben, oder? Vielleicht hat es dort einmal Wasser gegeben und vielleicht finden wir dort jetzt noch etwas!“
Ich rutschte ein paar Zentimeter näher an ihn heran, um besser sehen zu können, wir hatten eigentlich feste Plätze. Er spürte es, drehte sich nicht um und wälzte mit seiner sonoren Stimme eintönig weiter die Luft in unserem Schiff um:
„Nun mal ruhig, das sind keine Wassergräben, die du dort zu sehen glaubst. Das ist ein Gasplanet. Der hat Wasser, gebunden in Wasserstoff, gepaart in Methan, Helium und Ammoniak. Stinkt wahrscheinlich ganz schön, dein Wasser. Ich glaube, der hat nicht mal im Kern eine feste Struktur, da alle festen Bestandteile wahrscheinlich in metallischem Wasserstoff gelöst sind. Die Strukturen, die du siehst, müssen im Eis hängen. Es könnten Risse von monströsen Kollisionen von Planeten mit Migrationshintergrund sein. Der ganze Uranus ist in seiner langen Geschichte in Hunderte Stücke gerissen und von der eigenen Schwerkraft doch wieder zusammengesetzt worden. Er hatte wie die Erde einst, eine urige Begegnung. Unser Sonnensystem hatte ursprünglich noch mehrere Exoplaneten und möglicherweise war es auch ein Planemo, ein Objekt planetarer Masse, einer dieser vagabundierenden Planeten ohne Briefkasten und Meldeadresse. Dieser ist nach der Begegnung mit dem Uranus zu so etwas wie dem Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter verpulvert. Der Zusammenstoß muss gewaltig gewesen sein, als ob man Kanonenkugeln aufeinander schießt. Ein Wunder, dass der Uranus überlebt hat, fast hätte es ihn auch aus der Bahn geworfen. Sieh ihn dir an, er ist der einzige Planet, der nicht mit den anderen in einer Fläche um die Sonne kreist, er zieht diagonal seine ausschweifenden, elliptischen Bahnen durch den jetzt von ihm gesäuberten Raum, ein Vermächtnis des großen, langen Showdowns alter Zeiten. Während alle anderen Planeten im Sonnensystem zumindest ungefähr in einer gemeinsamen Bahnebene rotieren, tanzt dieser Wüstling aus der Reihe. Er ist der vorletzte und kleinste der Gasplaneten und liegt quasi auf der Seite wie ein gestrandeter Wal. Seine Rotationsachse ist um 97 Grad geneigt, so dass er auf seiner Bahn entlang rollt.
Auch seine Ringe und seine Monde folgen dieser Ausrichtung. Wahrscheinlich hat der Uranus auch daher seine vielen kleinen Monde. Unsere letzte Chance, wenn du denn schon solche gewagten Aussagen benutzen willst, sind die siebenundzwanzig Monde, mein Freund, Trümmerteile dieser alten Begegnungen. Wenn man sich irgendwo verstecken möchte, dann hier. Wahrscheinlich wissen das aber auch alle Anderen, wir müssen auf der Hut sein. Wir hätten auch niemals mehr die Energie, um uns von seiner Oberfläche zu erheben, was bei Gasplaneten 'eh zweifelhaft ist.“
Ich war verzaubert und resignierte umgehend, aber nicht aus tiefstem Herzen, das hätte ich psychisch nicht mehr gestemmt bekommen. Einfach ein Stich war zu spüren und ich gewahrte die Hoffnung, die immer am Ende steht; immer am Ende steht, bis das Ende da ist. Unsere Wasser-, Sauerstoff- und Treibstofftanks waren prall gefüllt mit dem Prinzip Hoffnung. Es musste etwas passieren und es gab versprengte Raumschiffe in diesem Sektor, das sagte die Logik, aber warteten sie auf uns, um uns die Reste abzunehmen, oder konnten wir sie überraschen? Friss oder stirb, iss´ oder kotz.
Ich ließ meinen Blick über die quellenden Farbformationen dieses Gasriesen streifen, um irgendetwas auszumachen, ein Glitzern, die Reflexion eines Fensters einer glatten Metallfläche in der Sonne, die hier draußen nur noch wenig Kraft hatte, aber jeden Erdling funkelnd verriet. Immer waren Monde zu sehen, die trabantenhaft ihre Kreise zogen. Siebenundzwanzig Monde, keiner so groß wie der Heimatmond und doch alle mit ihrer eigenen Geschichte. Die Richtanalysatoren arbeiteten unermüdlich, wühlten in Zahlen und Parametern herum, um Abnormitäten anzuzeigen, suchten nach Wasser und schlugen Alarm bei Kontakt zur eigenen Spezies, doch so verrückt es klingen mag, wir ließen uns treiben, um zu sparen, flogen nach Sicht, meiner Intuition und der Erfahrung von Miral ≈ Ralim ≈ Larim, …der nie einen Zweifel hätte aufkommen lassen, dass er der Kapitän war. Wir schwebten wie ein Teil eines großen Mobiles, aufgehängt in einer Manege der Ungewissheit, bereit ein taktisches Versteckspiel auf Leben und Tod zu spielen. Der Hydromelder zeigte seine Befunde mit einem hoffnungsvollen Piepen an,…Wasser auf dem Mond, der sich nun in unser Sichtfenster schob, Miranda, einer der kleinsten Monde, die sich allesamt nicht wie üblich um den äquatorialen Bauchnabel drehten, sondern, wahrscheinlich auch durch den Zusammenprall, weit oberhalb oder unterhalb auf Höhe der Polkappen tummelten. Ich stürmte an den Bildschirm, doch nach ein paar Minuten wurde ich gewahr, dass diese zwanzig Kilometer hohen Eisnadeln, mit denen sich der Mond wie ein Igel bewaffnet hatte, eine Landung nicht zuließen. Wir hätten so Einiges gewagt, aber auch die genauere chemische Analyse zeigte, dass der Aufwand an Energie, um dieses Material in eine trink- und atembare Substanz zu überführen, für uns nicht leistbar war. Die Stunden vergingen und wir gaben uns so wachsam, wie es eben ging.
Ich war schon immer jemand, der anfing zu träumen, wenn er zu tief in die Sterne sah. Alles mit "zu" ist von Übel. In meiner Jugend sah ich sie auch nicht häufig und wenn, dann im Dunklen und doppelt. Doch nachdem ich meine Mobilität mit dem Führerschein entwickelte, fuhr ich oft mit meinem Cryder los und suchte die Natur. Ich schlief in Wäldern und auf Lichtungen. Ich lugte durch die Wipfel und sah in die Unendlichkeit, ich sah in die Vergangenheit, nie gewiss, ob das Licht, welches gerade meine Netzhaut badete, noch wirklich als Stern oder Galaxie in meinem Universum existierte oder schon vor zehntausend Jahren zu einem weißen Riesen, einem roten Zwerg oder bei Exemplaren von über 3,6 Sonnenmassen zu einem schwarzen Loch implodiert ist oder gerade jetzt, ohne dass mein Bewusstsein fähig wäre die Wahrheit zu erkennen, einer Supernova zum Opfer fällt.
Irgendwann schießt ihr noch ´mal die Sonne ab!
Dieser Kosmos, der so fern allen irdischen Treibens ist, wie hält er diese Kälte nur aus zwischen all den Sonnen? Warum ist der Nachthimmel bei Milliarden Sonnen nicht hell erleuchtet? Warum tut er so geheimnisvoll? Ich musste einfach alle Flugscheine machen und arbeitete neben meinem Studium noch beim Raumkreuzer Wartungsdienst.
Miral saß aufrecht, als ob in seiner verwaschenen Unterwäschen-Kombi ein Lineal seine Wirbel, einen auf dem anderen, hält. Er hatte eben dieses würdevolle Auftreten eines ergrauten Mannes im besten Alter. Ich konnte ihm nicht viel vormachen. Aber ich gab mir Mühe und eines nahm er an, nicht dass er es zugegeben hätte, aber er machte meine Leichtigkeit gelegentlich zu seiner. Und vielleicht gab es uns daher noch.
Mit seinen kurzen stoppeligen Haaren und seiner ovalen Tonsur erinnerte er mich an einen Mönch. Mönche machen nur wenig Worte, daher stehen wir ihnen so skeptisch gegenüber, wir können sie einfach nicht in Ruhe den Mund halten lassen. Vielleicht drücken sie darüber ja ihre Verachtung aus. Wir könnten vom Golde des Schweigens lernen, und bei ihnen sehen, wie es praktiziert wird. Meistens schaffe ich es nicht, leider nur der Holzweg zum Silber. Erst nach langer Zeit habe ich bei Miral die Verbitterung zwischen den Zeilen lesen können, die ich als eigentlichen Grund seiner Schweigsamkeit interpretierte. Nicht die Weisheit, obwohl er diese auch sein eigen nennen konnte. Er hatte schon ein langes Leben gelebt, ein längeres als das meine, bevor sich unsere Lebensfäden verknotet hatten wie die Fäden eines verfilzten Strickpullis. Und er hatte nie viele Worte über sein vorheriges Leben verloren. Ich war diese verschlossene Kargheit der älteren Generation gewöhnt, mein Vater war genauso. Meine Eltern hatten nie gelernt, über ihre Gefühle zu reden. Ich war mir manchmal nicht sicher, ob sie welche hatten, aber ich machte mir keine Sorgen, weil es sich einfach nicht gehörte. Keine Worte, kein Problem, nun gut, damit musste ich mich abfinden.
Ich blickte wieder aus einem der kleinen, runden Bullaugen, Erlösung durch Weite, ohne die wir in unserer dualen Psychogruppe schon aus dem Fenster gesprungen wären.
Geraume Zeit suchte ich, ließ meinen Blick schweifen. Oft dachte ich nichts. Mein Kopf war nur noch zum Gucken da und da ragten sie heraus, zwei Periskope aus der Tiefe meines Körpers, nutzlos wie Briketts auf einer Käseplatte; angerichtet, aber nicht abgerichtet. Dann durchzuckte es mich wieder und ich wollte von mir wissen, was ich hier machte. Schlimmer war es noch, wenn ich wissen wollte, was wir machen würden, wenn wir fänden, wonach wir suchten und ob wir unser Leben nicht nur in überflüssiger und nutzloser Weise geschmacklos verlängerten.
Es ist ungesund, immer nur ans Töten zu denken, vor allem, wenn man nicht damit klarkommt, es gelegentlich, um des eigenen Lebens Willen zu müssen.
Wir ließen unser Schiff immer die direktesten Wege von Mondschatten zu Mondschatten fliegen, immer gewahr in einen Hinterhalt zu geraten oder selbst als Täter den Überraschungseffekt mit vollen Händen auszuschütten.
Der immer wieder den Horizont überspannende, gigantisch grüne Kreisel tauchte das Innenleben unserer Schiffshülle in märchenhafte Waldfarben. Ich fing an zu träumen, immer wieder. Es war schwer, sich über so viele Stunden zu konzentrieren. Die „Taube“ hatte mit ihren fünfzehn Metern eine mittlere Größe und war sehr windschnittig gebaut, was hier draußen ohne Wind allerdings nicht viele Vorteile bot. Unser Schiff hatte kaum Stehhöhe und war mit fünf Metern Breite zumindest geräumig, es war nur mit leichten Bordwaffen ausgestattet. Die letzte Munition hatten wir vor drei Jahren verschossen. Die Taube hatte drei abgetrennte Räume, wobei wir uns fast ausschließlich in der vorderen Kanzel aufhielten, die die Hälfte des Schiffes einnahm. In der Mitte war die Labor- und Küchennische, die wir mieden, da sie in erster Linie leer war und schon beim Durchkreuzen in den hinteren Lager- und Hygienetrakt Hunger auslöste. Auf die Toilette mussten wir sehr selten, da wir kaum noch etwas zu uns nahmen. Wir tranken jede Stunde einen Esslöffel mit aufbereitetem Wasser, welches wir in sehr niedriger Dosis mit Vitaminkonzentrat versetzt hatten. Toilettengänge waren eine krampfige und schmerzhafte Angelegenheit. Konzipiert war dieses Schiff ursprünglich für schnelle Versorgungsfahrten oder Aufklärung und gab auf ihren 30 Quadratmetern acht Personen Sitzgelegenheiten.
Vor zwei Jahren fiel unser Frontantrieb aus, ein Singularitätenantrieb der neuesten Generation. Das Schiff fiel in Richtung des künstlich generierten schwarzen Minilochs, wir erreichten es aber nie, da es kurz davor wieder von selbst in sich zusammen fiel. Das war sehr Energie zehrend, brachte uns aber schnell auf sehr hohe Geschwindigkeiten. Übrig blieben seitliche Steuerdüsen und ein sehr effizientes Ionenstrahltriebwerk im Heck. Das war zwar langsam, aber auf langen Strecken wirksam, da es nur sehr wenig Energieressourcen verbrauchte und konstant die Geschwindigkeit erhöhte.
Wir waren zu viert, als wir aufbrachen, Konstantin hat es vor drei Jahren im Gefecht erwischt, als ein Geschoss sein Visier getroffen hatte und ihm dann schnell die Luft ausging. Letztes Jahr fiel der Schwerkraftgenerator aus. Das war psychologisch für den Rest der Crew ein dicker Drops zu lutschen. Man hätte sich schwebend erhöht fühlen können, wurde aber immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück geworfen. Kurze Zeit später hatte sich Karlo das Leben genommen, indem er im hinteren Teil des Schiffes ohne Raumanzug die Schleuse entriegelte. Er trieb ohne Ankündigung steif gefroren an unseren seitlichen Fenstern vorbei und hatte sich, als wolle er uns ärgern, mit der Sicherheitsleine am Schiff befestigt. Wir mussten dann nochmal raus und ihn reinholen. Unser Schiff war schön, ein changierender Silberton, der leicht ins Grün abfärbt. Die Taube war schnell, aber mittlerweile technisch KO und Geschwindigkeit verhält sich in Anbetracht der Größenordnungen im Sonnensystem, als ob man versucht, einen Korken mit der Hand durch ein Brett zu bohren. Die Sekunden tropften einzeln auf ein Löschblatt und tranken sich selbst, bevor sie zu Minuten und Stunden gerannen, die wir wie am Tropf hängend, trinken mussten. Es war schwer, den Fluss der Zeit zu sehen, schon eher versuchte ich ihr mit intellektueller Gewalt etwas Relativität abzuringen. Zwischen den Planeten gab es nichts, nur noch Miral und mich. Je näher wir diesem Planeten kamen, umso mehr waren wir das Nichts. Geringe Größe wurde zu einem Maßstab des Selbst, den man nicht mehr loszuwerden vermochte. Assoziationen eines atomaren Spielballs, der in Zeitlupe abgeschossen wurde, kamen und gingen im Wechsel mit einem Gefühl des zu öffentlich Seins, für alle sichtbar in der Mitte des kalten, überflüssigen Raums. Leider war unsere Taube silber und nicht schwarz wie ich. Die Kräfte des Raums sind nicht vergleichbar mit den eigenen. Der Versuch macht es mir schwindelig, doch wenn man alle Kräfte im Universum aufrechnet, kommt sowieso Null dabei heraus,…welch ein entspannender Gedanke, da grinst jeder Physiker in sich hinein, selbst Miral, dieser Stiesel. Und bei Eins statt Null, wäre damit noch lange kein Gottesbeweis erbracht, lieber Herr Gödel.
Ich sah Miral an und er saß starr auf seiner Seite, die wir noch nie gewechselt hatten, in fünf Jahren nicht. Es war nur leerer geworden um uns herum. Es wird der Moment kommen und der wird alles verändern. Ich starrte auf die Instrumente, wie immer mal wieder, fast ewig, immer mal wieder. Aus dem Augenwinkel sah ich seine Kiefermuskeln auf dem Knochen hin und her rutschen, woran ich seine immer währende Anspannung erkennen konnte. Wir hatten bestimmt seit sechs Stunden nur noch innere Dialoge…
„Admiral…“, ich machte eine bedeutungsschwangere Pause, ohne dass ich wusste, wie ich den Satz weiterführen, geschweige denn beenden sollte.
Er rührte sich nicht.
Dann redete ich einfach weiter:
„Jeder sucht nach seiner eigenen…äh…Idee,…für den Blick des Anderen“. Ich glaube, er war es wirklich leid, mit so einem Laberkopf eingesperrt zu sein, der es auch noch gut fand, sich selbst reden zu hören. Seine Überlebensstrategie im Umgang mit mir war, mich zu tolerieren, die Alternative wäre meine Beseitigung gewesen.
Es dauerte eine Weile, bis er sich langsam zu mir umdrehte, immerhin hatte ich etwas zu ihm gesagt, sonst war ja niemand da. Er sah mich an und gleichzeitig durch mich hindurch, als ob er nicht anwesend war und nicht ich, das machte mir Hoffnung und ich wollte gerade weiter reden, da wendete er sich langsam wieder ab. Dann schnell wieder mir zu. Jetzt hatte er weit aufgerissene Augen, in die blinkendes Entsetzen geschrieben stand. Ich konnte diese Reaktion unmöglich provoziert haben, Miral war kein Freund meiner naiven Denkansätze, von denen ich sagen kann, dass sie mich des Öfteren in wahre Begeisterung versetzten.
Er schrie ein gezieltes Wort zwischen uns: „Kontaaaaakt!“
Er sprang auf, stieß mich zur Seite und hockte sich vor das kleine Sichtfenster neben mir und machte Fettflecke mit seiner Nase auf das gehärtete Glas. Seine Augen waren angestrengt, kleine geplatzte Äderchen, sichtbar wie ein Stadtkartennetz. Ich versuchte etwas zu erkennen, hatte aber noch keinen Anhaltspunkt, wo Miral etwas gesehen haben könnte. Außerdem versperrte er mir die Sicht. Ganz schön wenig Haare auf dem Hinterkopf, mein Lieber. Die Instrumente blieben still, ließen nichts erahnen. Miral richtete mit einem Handstreich die Backbord Suchantenne auf den größten Uranusmond ≈ Namur Sound ≈ Mars und Uno ≈ USA Mord nun…
Der Mond Titania, an dem wir gerade vorbeizogen, war nur halb so groß wie der Erdmond, wirkte aber aus dem Raum wie ein eigener Planet, vor allem, weil er seine Kontur nur noch gegen den schwarzen Raum abzusetzen hatte. Ich hechtete zum nächsten Fenster und versuchte durch die von Sternenstaub arg zerkratzte Oberfläche des stumpf gewordenen Glases, das zu erkennen, was er zu sehen glaubte. Wir harrten atemlos aus und versuchten, unsere Blicke noch mehr zu schärfen. Miral nutzte nun seinen alten Feldstecher, um seine Auflösungsquote zu erhöhen, ohne bestätigenden Erfolg. Wer immer nur durch Ferngläser sieht, sieht seinen eigenen Scheißhaufen nicht mehr. Mit unserer Flugroute zu dem rettenden Schatten von Umbriel, einem grauen unscheinbaren Klumpen, ließen wir Titania langsam seitlich an uns vorbeiziehen, viel zu langsam. Es dauerte Stunden. Wir fühlten uns sichtbar und sahen nichts.
Plötzlich funkelte es, wir konnten es diesmal beide deutlich sehen. Der Mond wirkte wieder klein durch die Größe des Lichtschimmers. Ganz deutlich sahen wir es sich regen auf der Oberfläche von Titania. Die Instrumente zeigten weiterhin nichts an.
Nach ein paar Sekunden war es vorbei. Das Funkeln erlosch in der tosenden Schlichtheit eines Mondes, der sich durch nichts auszeichnete, sondern einfach nur da war und dem es egal war, wer auf ihm herumlief und vor allem warum. Dieser weiße Reflex musste menschlichen Ursprungs sein. Ein Schiff, ein Bauteil, ein Stück Schrott. Natürliche, spiegelnde Flächen wie ein See oder kristalline Strukturen wären ungewöhnlich und würden sich anders in Größe, Farbe und Form darstellen. Wir hatten etwas entdeckt, dessen war ich mir sicher.
Ich war aufgeregt, so aufgeregt, wie ich es seit Verlassen der Umlaufbahn des Saturns nicht mehr war:
„Wir behalten unsere Route doch bei, oder?“
Von Miral war nur ein knurriger Laut zu vernehmen, den ich durch viel Erfahrung im Umgang mit ihm als ein deutliches „Ja“ zu interpretieren in der Lage war. Was sollten wir auch sonst tun. Jedes Flugmanöver erregte Aufsehen und verbrauchte Energie, die wir nicht hatten. Wir brauchten noch mehrere Stunden bis zum rettenden Umbriel ≈ Rumblei ≈ Bier Ulm ≈ Beilrum…
Wir zogen in stiller Übereinkunft unsere Raumanzüge an, die uns lange nicht mehr passten. Wir hätten auch zu zweit in einen gepasst. Meine Rippen drückten sich zählbar durch das lang getragene Rippstrickhemd, in meiner Bauchgegend war ein Loch. Wir luden und kontrollierten Handwaffen, machten uns ausgehfertig, bereit für Spaziergänge außerhalb unserer Taube. Ich hangelte mich durch das ganze Schiff ins Lager, der Rekord lag in Schwerelosigkeit bei 8,4 Sekunden aber ich hatte jetzt Zeit. Ich packte zwei Rucksäcke mit Taschenlampen, Seilen und Karabinern, Batterien, Schmerzmitteln und anderen kleinen Ampullen mit Flüssigkeit und Flüssignahrung, die im Notfall von außen, am Hals an den Raumanzug geflanscht werden konnten und mit einem Halm bis zum Mund reichten.
Als ich zurück kam, hatte sich nichts an meiner Anspannung geändert.
„Sie werden uns auch gesehen haben oder tun es immer noch.“ Ich schaute in die Dunkelheit. Ich kannte den alten Knochen lange genug, um zu wissen, dass er die Mondbahnen um den Planeten in Korrelation unserer Flugbahn im Kopf durchspielte.
„Natürlich haben sie uns gesehen, genauso wie wir sie gesehen haben, aber vielleicht haben sie uns auch nicht gesehen, das ist unwichtig, wir werden ihnen auf jeden Fall einen Besuch abstatten, oder?“
Der Admiral antwortete nicht.
Ich setzte mich ans Technolabterminal und ließ die Monde und unseren Zentralplaneten digital generiert auf ihren Bahnen wandern, bis ein toter Winkel auf der, dem Lichtreflex abgekehrten Seite von Titania, zu unserer Kreisbahn entstand und stoppte das Bild. Ich achtete darauf, dass die Periapsis dicht am Zentralkörper Titania lag. Unsere Flugbahn beschrieb so eine sehr starke Ellipse, was unsere Flugkilometer verkürzte. Dafür hatten wir sehr hohe Gezeitenkräfte, kamen aber einer Landestelle in unmittelbarer Nähe unseres Ziels sehr schnell und unbemerkt nahe. In der Apoapsis waren wir auf dem weitesten Punkt der Umlaufbahn noch einige Stunden sichtbar, das mussten wir in Kauf nehmen. „Wir müssen unser Delta v in Metern pro Sekunde auf 8000-9000 abbremsen, um in der dann niedrigen Umlaufbahn landen zu können. Das wird viel Energie verbrauchen, die Steuerdüsen müssen dem Ionentriebwerk helfen, sonst würden wir es nicht schaffen, aber es wird die beste Lösung sein. Bei 27 Monden gibt es immer einen Weg.“
„Einen Tag wird es dauern, bis wir uns ungesehen aufmachen können.“
„Wie lange sind wir dann unterwegs?“, wollte Miral wissen.
„Wir müssen eine stark elliptische Bahn fliegen, um unter dem möglichen Blickwinkel des Gefunkels durchzutauchen. Wenn wir mit Anlauf, im Schatten von Umbriel, den Gravitationsschwung mitnähmen, könnten wir in drei Tagen den Schatten von Titania erreichen.“
„So machen wir es!“
„Wir haben keine andere Wahl und wir würden es uns nie verzeihen, wenn wir uns nicht den Braten schmecken lassen, der durch den Raum riecht.“
Vier Tage bis zur Landung, nie, nie, nie war die Zukunft so veraltet.
Und keiner kann aus seiner Haut, jeder ist in sich gefangen und macht sich seine Gedanken, wie er überhaupt hierher gekommen ist.
Von State Dorm, einer Stadt, die um den Mond kreist, waren wir mit fünf Schiffen gestartet, Aufklärung in friedlicher Mission. Nach zwei Wochen kamen die ersten Meldungen von abgeschossenen Schiffen. Ein Krieg war ausgebrochen.
Dieser Krieg war so ganz anders, als sich die klugen Schreibtischstrategen das ausgemalt hatten. Nach einem Jahr waren die Hälfte der Streitkräfte und auch aller anderen sich im Raum befindlichen Schiffe und Stationen in den Weiten des Alls verschollen.
Die größten Kämpfe spielten sich aber in den Köpfen mit dem Gegner Wahnsinn ab. Der Raum, der in ungewöhnlich großem Stil aus Zwischenräumen besteht, führt den Menschen sehr schnell an seine Grenzen, wo jeder schnell hinkommt, aber kaum jemand wieder zurück.
„Gehst du mit mir das Meer anmalen?“
Das Anliegen war moderner Kolonialismus, bei dem die Ureinwohner erst noch gefunden werden müssen. Ob es das noch war, weiß ich nicht zu bestätigen, weil ich jeglichen Kontakt zu meiner Rasse verloren hatte. Wer hätte gedacht, dass das so schnell gehen könne, in ein paar Jahren. Nach so einer Zeit sind die meisten der rekrutierten Abenteurer mit ihren jahrelangen Ausbildungen und dem Milliarden-Equipment zu Piraten verkommen; vom Leben gezwungen.
Ich klemmte in den Klauen des Lebens, ich war ein vom Leben Drangsalierter. Ich habe das Rumheulen gelernt, nur Miral hat mir unter Androhung von Schlägen das öffentliche Austragen dieser Sportart untersagt.
Die Freiheit, die dem Zwang diametral gegenüber steht, ist die geistige Nahrung und ich war, so schien es, räumlich im freien Fall befindlich, doch die Freiheit, mein Leben so zu gestalten, wie ich…
Ich brachte soviel Verachtung für die eigene Zivilisation auf, wie ein getretener Hund. Der größte Wurm jedoch, der meine Eingeweide als Nahrungsquelle erspäht hatte und mich von innen auszuhöhlen schien, war meine eigene Scham. Die Scham für mich und für das, was ich und Meinesgleichen allen Ernstes als unsere Kultur bezeichnet hatten. Unsere Kultur…oder ist es unsere Natur, die zu so viel Chaos in der Lage war?
Jeden weiteren Tag warten, eine weitere Geißel für was?
Vielleicht hatte jemand ein Blech verloren oder eine feuchte Salz- oder Methanlache versetzte uns in Angst und Schrecken. Die Oberfläche bestand zu 50% aus Wassereis, zu 30% aus silikatischem Gestein und ein paar Kohlestoffverbindungen. Ein Bombardement geladener Teilchen aus der Magnetosphäre des Mutterplaneten führte zu Kathodenzerstäubung von Wassereis und damit der Zersetzung von eingeschlossenem Methan und zur Verdunkelung von organischem Material.
Wir konnten nicht wissen, was auf dieser jungen Oberfläche diese Reflexion hervorgerufen hatte. Und so begründeten wir unser Handeln auf einen Verdachtsmoment und dieser ließ zwei Menschen auf das Überleben warten, so ist Leben. Die nicht enden wollende Durststrecke des Darbens.
Wozu? Wozu sind wir hier?
Was habe ich für Ansprüche? Habe ich noch Hoffnung?
Ich bin noch jung, aber was macht Miral hier?
Der Tiger liegt im Gras, beobachtet die Windrichtung, den Sonnenstand und sucht den Moment der größtmöglichen Aufmerksamkeit…um zu fressen.
Alleine sein kann auch - in schlechter Gesellschaft sein – bedeuten. Zum Glück ist dieser verfluchte Miral hier.
Ich wollte schon immer tief ins Leben einsteigen, so tief es geht, ich wollte nicht weit weg sein vom Leben. Jetzt war ich zu nah dran.
Der Eisberg war schon lange gefroren, als der Schnee auf seine Spitze fiel. Wir müssen tiefer eindringen. Ich war gerade dabei, unter dem Schnee, unter dem Eis, an Granit meine Zähne auszubeißen.
Gelobt seien die Sonnen.
Ach, manchmal war das Problem größer als der Schmerz und die Praxis schlauer als die Liebe. Die Zeit verging trotz allen Wartens.
Ich suchte…Zerstreuung ≈ Nest Erz Guru ≈ Rügt Zensur ≈ Erregt uns zu… und fand sie in Anagrammen, an denen ich bastelte und die ich mir permanent selbst soufflierte, um nicht völlig durchzudrehen.
Miral hatte solche Spielereien nicht nötig, er war nicht alleine. In seinem Kopf wohnte nicht nur er. Miral hatte Zugriff auf einen zweiten, untergeordneten Charakter, den er sich mehr im Format einer Jugendsünde, als kleinen versenkbaren Chip in sein Gehirn hatte einschießen lassen. Die Qualität war zu der Zeit noch nicht besonders ausgereift und sein Doublesquid meldete sich nie selbst zu Wort, so dass ich nie genau wusste, ob das Gesagte von Miral erdacht war oder von dem kleinen Freund in seinem Hirn stammte. Ich konnte keinen Unterschied in Grammatik oder Tonfall erkennen, nur manchmal waren seine Worte etwas zu lyrisch und gestelzt, um von dem eher schlichtrational und politisch denkenden Miral zu stammen. Es stolperte gelegentlich etwas über Mirals Lippen, dass ich ihm rhetorisch einfach nicht zutraute. Miral sprach auch sonst nicht viel darüber, weil er wusste, dass ich nicht viel von Bioimplantaten oder Neurochips hielt.
Sünde ist das, was nicht Not tut und wenn es so ist, ist die ganze Zivilisation ein Ungetüm, ein Virus, dem wir selbst erliegen werden. Also, was soll ich ihn dafür kritisieren?
Die Menschen sollten sich vor sich selbst in Acht nehmen und sonst vor Niemandem. Man kann es sich noch so oft soufflieren, Krieg ist gratis aber umsonst.
Bestätigt wurde solches Gedankengut noch vom Technolabterminal, der seit Jahren Überlebenschancen für uns einräumte, die sich im Nullbereich mit den Kommastellen herumschlugen. Lange Zeit benutzte ich diese digitale Fratze nur noch als Schachgegner und verlor leider auch dort. Die Angst vor der Wahrheit inhaftierte meinen Verstand und verbannte meinen Geist ins Exil. Ich bat meinen Körper um Asyl, doch der wollte von mir nichts mehr wissen, sondern eher wie sich eine Frau anfühlt; eine Hand an einer Brust, die nicht so flach sein sollte, wie die meine, die andere im Schritt und da sollte weniger sein und das in Schwerelosigkeit. Ob ich meinem Körper das je wieder bieten könnte?
Noch eine Information traf uns unter der Gürtellinie: Wir waren schon lange nicht mehr in der Lage, aus eigener Kraft nach Hause zu kommen. Unser neues Zuhause, war der Weltraum, jeder Blick ein Foto wert und groß genug, um hineinzufallen und nicht mehr hinauszufinden. Jeder von uns versuchte, um die Frage nach den Überlebenschancen herum zu schiffen wie um einen Haufen Scheiße. Der Haufen wurde nicht kleiner und er klebte und stank nach uns selbst.
„Adam“, hörte ich den Alten sagen. „Besorg´ doch bitte die Mondkarten von Tante Titania“.
Ich rümpfte meine Nase und ließ postpubertär einige Sekunden bockig verstreichen, bevor ich mich an den Technolabterminal begab.
Es gab sechs Jahre alte Karten von Alpha Wong VII, einem Aufklärer von Asiana, noch aus Friedenszeiten. Ich suchte einen tauglichen Landeplatz inmitten eines 400 Meter durchmessenden Flachkraters und erteilte der Taube die Ausführungsgenehmigung für den vorbereiteten Flugplan. Wir steuerten den größten Mond an und doch war er kleiner als der unsrige. Es gab auf Titania extreme jahreszeitliche Effekte, da die Pole entweder nur von der Sonne beschienen wurden oder in kompletter Dunkelheit lagen. Die Rotationszeit war gleich der Umlaufzeit, daher ergab sich eine synchrone Rotation. Ein guter Mond, der den Uranus stabilisierte. Die Rotationsachse stand fast genau senkrecht auf der Bahnebene. Acht Tage und sechzehn Stunden für eine Umrundung um den Planeten, der wiederum so langsam ist, dass sein Jahr 84-mal so lang dauert, wie ein irdisches.
Unsere silberne Rakete setzte ihren Chromarsch in Bewegung.
Wie an einem unsichtbaren Band gezogen, folgte sie langsam einer imaginären Kurve um dann, nachdem sie sich ausgerichtet hatte, langsam Geschwindigkeit aufzunehmen und in der vorausberechneten Zeit unseren Zielmond von hinten anzusteuern.
Die Sichel des Mondes wuchs schnell auf eine akzeptable Größe. Es war wie immer unsere schönste Abwechslung im tristen Alltag des Sternenlebens: Die Flüge und das atemberaubende Weltraumballett der Schwerkräfte, die mit den Sonnen, den Monden und Sternen spielten wie mit Federn und sie nur so, in schwarze Löcher pusteten.
Miral
Ich sah Adam an, wie er breitbeinig hockend, seine All-Zeit-Bereitschaft signalisierte. Es würde noch ein paar Jahre dauern, bis er in sein Gesicht hineingewachsen war. Seine Jugend mit mir ließ so einige Fragen und Erfahrungen im Leben offen.
Er konnte gar nicht so viele Kaugummis gebunkert haben, wahrscheinlich kaute er die letzten drei Jahre schon auf Silikondichtungen herum; aber Hauptsache cool sein. Bräuchte ich nicht seine Gesellschaft, hätte ich ihn schon lange gegessen. Bestimmt schmeckte er sehr gut, zumindest besser als ich. Wahrscheinlich ein Unterschied wie Huhn und Hammel. Nur auf diesem engen Raum selbst ein Huhn zu schlachten wäre schon nicht einfach, und bei Adam…Zum Glück konnte er mir nicht in den Kopf gucken, er würde es mit einer Angst zu tun bekommen, mit der er nicht fertig würde, diese zarte, junge Seele. Ich wusste, dass er sich dem Reichtum seiner Jugendlichkeit überhaupt nicht bewusst war, aber ich war mir im Klaren, dass ich es in seinem Alter auch nicht war. Er tat immer so gelangweilt, als ob ihn nichts aus der Ruhe bringen könnte, dabei wartete er, innerlich gespannt wie ein Compound, nur auf die Möglichkeit, seine Kraft zu entladen. Er schaute auf seine Armbanduhr, Adams Zugeständnis an menschliche Gewohnheiten, jedoch völlig unbrauchbar ohne die zeitlichen Rahmenbedingungen einer sich drehenden Erde. Er schaute noch einmal darauf, als ob er der Zeit nicht glauben konnte, die er von dem Eisen abgelesen hatte. Dann zog er sie mit ernster Miene auf. Ratsch, ratsch, ratsch…ich sah darin seine überzeugende Haltung, nicht erwachsen werden zu wollen und wollte ihm und dieser unbändigen Oberflächlichkeit keinen Raum geben:
„Adam, wer weiß schon, ob die Zeit vergeht oder wir in der Zeit vergehen?“
Tja, wer sich als Vater aufspielte, der musste sich nicht wundern, wenn er wie einer behandelt wurde. Adam verzog die Mundwinkel, guckte gelangweilt und beschäftigte sich weiter damit, seinen Hemdkragen zu richten, der sich im engen Halsring seines Raumanzuges verhakt hatte.
Wir flogen langsam, mit möglichst wenig Steuerdüseneinsatz, um uns nicht selbst zu verraten. Immer wenn wir uns anpirschten, redeten wir untereinander nur noch im Flüsterton der Indianer, mit Blicken, die ganze Dialoge erzählten, als ob unsere Opfer uns über Tausende Kilometer durch den luftleeren Raum hören könnten. Wahrscheinlich hörten sie uns.
Die Taube hatte nach 24 Stunden eine 180 Grad Drehung vollzogen und den Bremsflug eingeleitet und kam der dunkel schimmernden Oberfläche des Mondes merklich näher, als ein eher teilnahmsloses Piepen Unmengen von Adrenalin freisetzte, welches aufgrund des Überschusses eher den Effekt hatte, als würden wir jeweils von einem Curarepfeil in eine lähmende Starre versetzt.
Jedes Piepen bedeutete ein Flugobjekt und der kleine Lautsprecher über unseren Köpfen hörte gar nicht mehr auf. Tagelang hatten uns unsere Instrumente in Ruhe gelassen und nun das.
Schon mein Großvater hatte mir beigebracht: Wenn du ein Problem hast, dann schaffe dir ein zweites und das erste erledigt sich von ganz alleine. Ich hatte meines in automatisierter Form eingepflanzt, mein Doublesquid war Dichter, sowie Professor in englischer Literatur und verstand nur peripher etwas von Raumfahrt und Mathematik, obwohl er mir als ein solcher Fachmann verkauft wurde.
Er ließ sich nicht lumpen mit der dritten Strophe von „Autumn comes“, die ich mindestens zum zwanzigsten Male über mich ergehen ließ:
„Stars will shine clea - rer, skies seem nea - rer.
Hearts will be ligh - ter, nights be brigh - ter.
Un - der the harv - est Moon ---. Stars will.
Un- -der the harv - est moon ---. Hearts will….“
Wir saßen uns vor allem gelähmt gegenüber, als wir die Anzahl der Flugobjekte auf dem Bildschirm erblickten, die sich, nach Ansicht des Terminals, um uns herumtummelten wie die Fliegen um unsere silberne Taube.
Ich blickte auf den erstarrten Adam und griff mir zuerst das Herz.
„Adam entkoppeln, schnell!“
In Anbetracht einer Situation, in der wir mit hoher Wahrscheinlichkeit die einzigen waren, die nicht wussten, was hier gerade vor sich ging, dachte ich Kapitän gemäß, wir hätten nur manuell eine Chance. Ich riss die Taube vom rückwärtigen Bremsflug in einen steilen Angriffsflug und wendete.
Schon wieder nur diese eine Chance. Das kannte ich nur von Adam. Doch nun hatte er mich angesteckt, denn wie sich später herausstellte, gab es einige davon und wie sich noch später herausstellen sollte, war mein Handeln ein Fehler, dann wieder nicht, aber im Endeffekt doch ein sehr großer.
Alle neun Objekte befanden sich in einem fast symmetrischen Halbkreis, in solidem Abstand um uns herum. Es roch nach einer Falle. Sie hatten uns aufgelauert und eingekreist. Jetzt brauchten sie uns nur noch zu pflücken. Es war wahrscheinlich, dass sie den Lichtreflex bewusst eingesetzt hatten, um uns damit zu ködern. Und wir waren in unserem Hunger nach menschlichen Ressourcen naiv genug, um darauf hereinzufallen.
Unsere Richtanalysatoren spuckten keine weiteren Angaben über die Fallensteller aus. Es mussten Schiffe neuerer oder geheimer Bauart sein. Mehr als die Anzahl der Punkte auf dem Block-Radar war nicht herauszuholen. Ich versuchte die Einzelobjekte durch die kleinen Sichtscheiben in unserer Außenhaut zu erkennen.
„Adam `duck dich, weg da, setz dich verdammt noch mal wieder hin!“
Dieser Scheißkerl hampelte die ganze Zeit aufgeregt wie ein junges Hündchen mit seinem Hintern vor meiner Nase herum.
„Und schnall´ dich gefälligst wieder an!“
Ich konnte nur eines erkennen, es sah nach einem kleineren Satelliten aus, dessen Funktion ich leider nicht erkennen konnte. Als ich ihn direkt anvisiert hatte, sprühte er ohne Vorwarnung ein rötliches, zuckendes Licht. Es sah so aus, als habe das Licht eine hohe Streuung, nicht wie ein gebündelter Laser, zudem ging der Schuss nur ungefähr in unsere Flugrichtung, nicht aber auf Kollisionskurs, Glück gehabt.
Mein Doublesquid meldete sich ohrenbetäubend laut:
„to flee, flet, flowen, something has to be donut!“
Ich drehte durch, obwohl ich sonst eher ein ruhiger Typ war. Vielleicht war es auch mein Doublesquid, auf dessen Stimme ich intuitiv reagiert hatte, weil ich ihn fälschlicherweise, wie zu oft, für meine eigenen Gedanken gehalten hatte. Ich musste der Meute irgendwie entkommen und meine Frustrationstoleranz in den Griff bekommen.
Ich riss an dem Steuerknüppel und führte die Taube helixförmig gen Titania. Wären wir auf der Erde gewesen, die Luft um uns herum hätte sich vor Kreischen kaum die Ohren zuhalten können. Es blieb mir keine Zeit mehr Adam noch einmal zu warnen oder nach der Reaktion der Flugobjekte zu schauen. Ersterer purzelte mit schmerzhaften Bewegungen pausenlos gegen unser Interieur, nicht festgezurrte Gegenstände flogen durch unsere Kanzel. Schwerelosigkeit ist bei Fallgeschwindigkeit ein Trugschluss. Einige schlugen Funken und knallten wie Gischt auf dem tobenden Meer durch die Kanzel. Autsch, das tat weh. Durch die fehlende Atmosphäre lief die Taube immer Gefahr, zu schnell zu sein. Ich schlug auf die Knöpfe für den Deorbit Burn, die unsere Geschwindigkeit drosseln sollten. Die Schubdüsen zündeten. Ich war zu spät. Wir trudelten. Ich riss die Nase der Taube hoch und versuchte alles. Links und rechts schossen zuckende, rote Blitze aus Feuer von unseren Verfolgern an uns vorbei.
Die Sekunden der Flucht verzerrten sich zu Grimassen der Zeit, die mich anknurrten und versuchten, mich zu überzeugen, in ihrem Reich weiterzuleben oder zu sterben. Ich gab mir weiterhin Mühe, unsere Flugbahn unvorhersehbar zu machen. Wild riss ich an der Steuerkonsole, ich wollte im Zickzack fliegen, möglichst keine berechenbaren Bewegungen ausführen. Jeder Blick aus dem Fenster zeigte mir, dass die Verfolger zahlreich an unserem Heck klebten. Wir hatten in ein Wespennest gestochen und trudelten weiter dem Mond entgegen. Ich sah durch das Fenster wieder zwei Satelliten konkret Licht schießen, wieder flimmerten die Strahlen bunt und knapp an unseren Seitenfenstern vorbei. Killersatelliten, die nur auf Idioten wie uns gewartet hatten. Nase hoch, Nase runter, Flucht oder Landung, wer war unser größter Feind? Titania oder die Schwerkraft des Mondes, einer würde uns zerlegen. Ich hörte auf, an uns zu glauben.
Adam hatte seine Stimme wiedergefunden und schrie viel zu laut: „Ich verkünde hiermit den offiziellen Untergang der okzidentalen Kultur!“
Ich, auch zu laut und unter Anstrengung, da ich durch die auf uns wirkenden Schubkräfte mittlerweile mächtig in Schweiß geraten war: “Du hältst dich immer noch für eine Zierde deiner Rasse, du bist ein Narr.“
Dann dachte ich, dass er es wahrscheinlich ironisch gemeint hatte, aber mir war es auch wichtig, ihn so kurz vor unserem gemeinsamen Ableben nochmal Narr zu nennen. Ich legte dabei mehr Wegstrecke lebendig zurück, als ich gedacht hatte. Vielleicht flog ich in meinem Wahn um den halben Mond. Zumindest hatte ich für eine Weile das Gefühl, ihnen entkommen zu können, nicht aber der Schwerkraft, die ich aufgrund der Verfolger sträflich unterschätzt hatte.
Der Irrflug nahm seinen Lauf, wir kamen immer tiefer. Jeder Blick nach draußen zeigte mir ein ähnliches Bild. Wir konnten die Angreifer nicht abschütteln. Einmal kam einer so nahe, dass ich uns schon wieder tot wähnte, drei Mal, sechs Mal, wie viele Leben hat eine Katze? Aber wie durch ein Wunder verfehlte uns alle Attacken. In waghalsigen Manövern, flüchtend, wie ein Singvogel vor dem Adler versuchte ich die Taube zu retten und freute mich über jede Sekunde, in der ich noch die Möglichkeit dazu hatte. In meinem Wahn sah ich auf dem Geoorter, dass wir unserem ursprünglich ausgemachten Landeplatz sehr nahe waren und steuerte, vom Rückenmark beeinflusst, auf diesen Punkt zu. Der Flug beruhigte sich. Wir hatten uns gefangen. Die Steuerdüsen mussten glühen. Ein Glanzstück war mir und unserem Vogel gelungen. Die Bremskräfte hatten uns drangsaliert und mit Jähzorn in die Gurte gepresst, Adam an die Decke des Schiffes und mit einem Mal war es vorbei.
Ich hielt noch ein bisschen die Luft an, bis ich wieder normal atmete. Wir flogen parallel zur Mondoberfläche in ruhigem Gleitflug in die richtige Richtung. Adam gab sich einen Schubs und saß gekonnt wieder in seinem Sitz. Was war geschehen? Ich wunderte mich kurz. Wir hatten den Absturz überlebt. Die Taube ist ein kluges Tier, naja, und ihr Pilot.
Aber die Verfolger, ich suchte den Himmel ab. Ich sah einige der 27 Monde weit weg mit niedrigem Albedo vor sich hin leuchten, sah den Uranus in seiner ungebrochenen Anstrahlkraft. Aber ich konnte nichts erspähen, was mich beunruhigt hätte. Das konnte nur bedeuten, dass die beiden tödlichen Gefahren sich selbst eliminiert hatten. Die Satelliten hatten den Sturzflug nicht abbremsen können und den Mond gesprengt. Ich sah nach unten. Nein, er war noch da. Nicht wirklich verwunderlich. Ich konnte ihn natürlich nicht sehen, da wir auf der dunklen Seite waren, aber ich sah auch keine Sterne, also war da was, Titania, 200 Meter über Grund, stabil.
Waren wir ihnen wirklich entkommen? Ich beobachtete weiter den offenen Raum. Es war dunkel hier um den Uranus herum. Ich schöpfte wirklich Hoffnung, erlaubte mir diesen Schimmer. Durchatmen und nochmal. Adam kauerte mit hohlem Gesichtsausdruck, angestrahlt von der dunklen Kampfleuchte, in seiner Ecke und suchte Blickkontakt mit mir. Ich zwinkerte ihm zu. Auch wenn sie uns eine Falle gestellt haben, wo sollten wir jetzt sonst hinfliegen, als zu unserem ausgemachten Ziel, ihrem Köder? Wir hatten eh keine Chance mehr auf irgendetwas Greifbares, Essbares, Trinkbares, gar Brennbares. Keine Reserven mehr in den Energiezellen, um Titania wieder zu verlassen. Wir brauchten jetzt sehr viele Strohhalme. Titania war unsere Endstation, diese Form der Resignation machte sich langsam wieder breit in unserem Plural von Bewusstsein. Wir waren gefühlt tot. Ruhige Flugbahn, Trost spendend, alles dunkel draußen, auch noch OK. 500 Kilometer zum Zielpunkt. Ich steuerte darauf zu. Die Minuten verronnen, wir waren immer noch sehr schnell. 200 Kilometer…
Ich vergewisserte mich: „Wir fliegen hin, oder?“
Adam antwortete nicht. Er hatte seinen Schlusssatz ja schon gesagt. Jetzt nochmal ganz neu anfangen, mit dem Leben, in dieser Situation, das ist schwer, das konnte ich verstehen. Die einzige Regung war ein sehr, sehr langsames Nicken, hätte ich keine Frage gestellt, wäre das keine Kommunikation, nicht mal nach Watzlawick.
100 Kilometer, mein Herz beruhigte sich, ich ging tiefer. 100 Meter über Grund.
Ich schaltete die Motoren ab. Wir hörten nichts mehr, draußen war es weiterhin dunkel, aber bei meiner Erfahrung wusste ich, dass bei Nacht mit Dunkelheit zu rechnen war. Ich schaltete die aufs Minimum gedämpfte Innenbeleuchtung ab. Schwarz. Ich hörte Adam atmen, stockend, angestrengt. Knapp über der Oberfläche sind wir auf ihrem Radar vielleicht nicht sichtbar. Ich ging tiefer. Versuchte Konturen auszumachen, aber es war nicht möglich, jedes Lux kam wie ein Blitz aus meinem eigenen Bewusstsein. Es ist aufregend mit dieser Geschwindigkeit durch Nichts zu fliegen. Aber der Mond war hier flach. Die Bordelektronik hätte uns gewarnt. 20 Kilometer, ich warf einen letzten Blick auf Adam und sah nichts, er war nicht mehr da und atmete anscheinend auch nicht mehr. Ich war auf mich alleine gestellt. Hier war unser Landepunkt, der flache Krater, wir flogen darüber hinweg. Mein Gefühl war meine Antwort, ich war selbstsicher. Die tiefgrünen Schlieren vom Block-Radar zeigten keine feindliche Aktivität mehr an und blieben genauso schwarz wie alles um uns herum. Einen Kilometer. Ich schaltete ungeachtet anderer Gefahren die Suchscheinwerfer ein und bremste. Blassgrünes Licht durch die großen Bullaugen spiegelten meine Manöver. Erst sah ich gar nichts mehr. Dann, wie im Traum, einen fliegenden Mond unter mir, schnell und schroff. Düster sah er aus, als sich mein Augenlicht langsam an die Verhältnisse gewöhnt hatte. Gar nicht schön, für unser neues Zuhause, aber die Richtung stimmte. Voraus auf 11 Uhr begann etwas zu glitzern. Mehr Gegenschub. Ich verlangsamte die Taube. Versuchte mir ein Bild zu machen. Es sah wie ein Trümmerfeld aus. Lose, im Licht meiner Strahlung, glitzernde Teile, die klar den Trichter einer Absturzstelle markierten. Wir flogen langsam darüber hinweg und Titania war wirklich hässlich, aber diese Formen im Absturzdelta, das sah sehr interessant aus. Ein größerer Brocken war dabei, mittlere weiter außen, und viele kleine am Ende des versprengten Dreiecks.
„Siehst du das?“, versuchte ich zu fragen, aber es kam nur Gekrächze aus meinem ausgetrockneten Rachen.
„Was ist das?“, gab Adam wieder erwacht von sich.
„Keine Ahnung…!“, sagten wir beide gleichzeitig. So viel Ahnungslosigkeit sprengte auf so engem Raum schnell mal den Rahmen und man kommt sich ganz schön dumm vor. Immerhin hatte man darüber gesprochen, was dem beengten menschlichen Geist gerne das Gefühl gibt, das Verständnislose zu überblicken.
Natürlich war es grundsätzlich nur die Einsicht, dass wir beide so etwas noch nie gesehen hatten. Es bestand eigentlich nur aus Silber und wirkte fest und flüssig gleichzeitig, wirkte erstarrt. Eingefrorenes Quecksilber war mein erster Eindruck.
Mich beschlich ein tückischer Gedanke, hatten auch dieses Schiff die Satelliten abgeschossen? Liegen wir in einer Minute daneben? Ich sah wieder nach oben und zum Block, aber es sah alles ruhig aus und man kann hier verdammt weit gucken. Oder sie haben sich auch auf schwarz geschaltet.
„Ich hoffe, das gehört nicht zum Hinterhalsplan und wir liegen gleich nicht daneben!“, sagte Adam. Gut, diesmal war ich schneller.
„Das sieht nicht aus, als ob eine menschliche Hand etwas damit zu tun hatte.“
Phasenweise sahen wir unser eigenes Schiff als Schemen im gebrochenen und verzerrten Spiegel, fragmentiert durch die Bruchstücke gespiegelt darüber hinweg segeln.
„Das denke ich auch.“
Das Trümmerfeld wurde lichter. Klein war das Ding, was auch immer es einmal gewesen war, nicht.
Wir flogen mittlerweile in etwa 10 Metern Höhe darüber hinweg. Der Absturz hatte eine tiefe Schneise geschlagen. Die Oberfläche von Titania mogelte ihre graue Kargheit in unseren Lichtkegel. Dann waren wir vorbei. Ich wendete ehrfürchtig in einer langen Linkskurve, um keinen Krach zu machen und niemanden zu wecken. Der Mensch ist manchmal komisch. Diese ganzen Urinstinkte gehören über Bord. Ich will auch nicht stinken und Samen in ein Weibchen drücken, eigentlich möchte ich eine Maschine sein. Das Trümmerfeld kam nach langer Kurve wieder in Sichtweite und wir fast zum Stillstand. Diesmal flogen wir das Trümmerfeld seitlich an. Ich suchte gewohnheitsgemäß nach einem etwas freieren Platz. „Landeprozedur eingeleitet!“, quäkte die vertraute Stimme der Taube nach Knopfdruck. Die Kufen fuhren aus. Wir gingen runter. Wir schlossen unsere Anzüge und hangelten uns die 15 Meter in den hinteren Trakt. Das dauerte, jetzt hatten wir trügerische Zeit in unserer Porzellankiste, um die Vorsicht walten zu lassen. Dort suchten wir mehr Werkzeuge und Gerätschaften zusammen und stellten uns gemeinsam in die Druckschleuse, mit der sich unser Kumpel Karlo umgebracht hatte. Die Luft wurde tiefer ins Schiff gepumpt. Adam drehte an dem großen Rad und schwang die Tür auf. Wie immer, atemlos. Der Blick führte ins Leere. An Dunkelheit hatte man sich im Weltraum gewöhnt. Ein paar Schritte für uns und wahrscheinlich keinen mehr für die Menschheit. Ich schaltete meine Helmbeleuchtung an und suchte nur kurz nach den Trümmerteilen. Ich fand sie schnell, da sie blendeten. Unbekanntes Material, ich ging näher heran an die versprengten Brocken und es war unglaublich arrogant, wie beeindruckend sie dalagen. Wir stolzierten darin herum und ließen uns berauschen.
Was war das für ein Zeug? Welches Schiff bestand aus so einem Material? Oder war es nur ein Asteroid? Ich beugte mich herunter und stieß einen Brocken an. Er bewegte sich tonlos wie ein Stein, allerdings nur wenige Zentimeter, was ich aufgrund der sehr geringen Schwerkraft, der Hälfte unseres Mondes, anders vermutet hätte. Ich hörte nur meinen eigenen Atem und den von Adam über das Com. Wir stiegen über größere Steine, spiegelten uns darin und gingen darauf durch ein Quecksilberbad. Es gab keine Anzeichen eines anderen Materials. Kein Leben. Ich spielte alle Routinen unserer Geräte durch, keine Strahlung, keine giftigen Prozesse, keine Warnung, alles gut. Ich nahm einen sehr kleinen Brocken in die Hand und war überrascht, wie schwer er war. Ich rollte ihn zwischen Zeigefinger und Daumen, was mit meinen klobigen Raumanzuggriffeln schon nicht leicht war. Dann warf ich ihn ein paar Meter weit. Er purzelte herum und verhielt sich ansonsten normal, den örtlichen physikalischen Bedingungen angepasst, niedrige Schwerkraft, schweres Selbst und sonst nichts. Wir wanderten zum Hauptkörper. Wir sahen uns selbst in den Spiegelflächen, im Zerrspiegel der Wirklichkeit, zwei wackelige Überlebenskandidaten, unförmige Gestalten; die Anzüge gaben uns keinen geschmeidigen Touch. Sonst veränderte sich nichts. Was konnten wir mit diesem Zeug anfangen? Der Torso hatte gestalterisch wohlige Formen, irgendwie rund und doch mit Zacken, an allen Möglichkeiten, wo Zacken hervorzubringen waren. Nach 15 Minuten verlor der Gegenstand an Wirkung und wir wussten nicht mehr weiter. Selbst wenn es Gold wäre, hätten wir es nicht essen können. Was nun? Wir sahen uns über die verengte Helmsicht an…, zurück zum Schiff gaben wir das vereinbarte Zeichen, zu sagen hatten wir uns nichts. Adam nahm sich einen kleinen Brocken, ich war etwas gieriger. Aus viel kann man viel machen. Ich bekam ihn kaum hoch. Einem schwereren Material war ich noch nie begegnet. Wir verstauten unsere Mitbringsel in unseren Hipbags, die wir um unsere Gürtellinie geschnallt hatten. Die Taube sah schön aus, wie sie so dastand, vor der gewohnten Dunkelheit. Schön, nach Hause zu kommen, auch wenn wir mit fast leeren Händen dastanden. Kleine Leiter, Luftschleuse und wir waren wieder da. Unsere Erwartungen geschwächt.
Bevor ich meinen Anzug öffnete, legte ich das Quecksilberfragment in der Küchennische in den Quarantänebereich und ließ ihn eine gründliche Routine durchlaufen. Ich bekam unzufrieden stellende Antworten. Eigentlich keine. Die Instrumente gerieten anscheinend zum Spielball des Materials und wiesen im Sekundentakt neue Werte aus. Wir warteten einige Minuten und sahen uns die Überforderung an. Dann war sich Technolab doch sicher, es handelte sich um ein weißes Loch. Ich sah Adam fragend in die Augen. Erstmal sagte er lange nichts, dann sprach er so leise, dass es wirkte, als ob das vorige Schweigen gar nicht gebrochen wurde: „…“
„Was?“
„Man soll mindestens einmal im Leben alles anzweifeln, warum nicht kurz vor dem eigenen Tod“, wiederholte er abwesend.
Wir besahen uns unter großer Auflösung die Mikrostruktur, immerhin hatte es eine und wir sahen uns nicht nur im Spiegel. Es enthielt neben den augenfälligen spiegelnden Komponenten milchiges Weiß, worin sich grünliche Fäden zeigten, die einem Geäst gleich, aus der Tiefe kamen.
Ich machte ein Bild.
Adam öffnete seinen Anzug und nahm seine Handschuhe ab.
„Technolab, was ist ein weißes Loch?“
„Bei einem weißen Loch kommt nichts hinein. Wir können entsprechend auch keine Messungen vornehmen, da die Raumzeit sich an der Oberfläche so krümmt, dass die Instrumente, die wir darauf richten, sich selbst messen.“
„Also das Gegenteil von einem schwarzen Loch?“
„Ein Gegenteil nur in der Nomenklatur von schwarz und weiß, sowie dem Gleichnis Loch, aber es ist etwas völlig anderes. Wenn es jedoch in der Vereinfachung als Bild hilft, dann kann man es als so etwas bezeichnen.“
„Unser Bordcomputer glaubt, dass die Erklärung deine Fähigkeiten des Verständnisses überschreitet“, half ich Adam weiter.
Ich machte noch ein Bild.
Technolab schaltete sich wieder ein.
„Die Struktur im Inneren bewegt sich.“
„Wie, sie bewegt sich?“, wollte ich wissen.
„Sie mäandriert, für das menschliche Auge nicht sichtbar, verändert sie ihre Gestalt.“
„Das heißt, da es da drinnen wohl kaum vom Wind bewegt wird, lebt es?“
„Darüber kann keine Aussage getroffen werden, da es für uns nur oberflächlich sichtbar ist, aber eigentlich einen Übergang in eine andere Dimension repräsentiert und in unserer Dimension nur bedingt existiert.“
„Verblüffend, da ich es ja eben noch angefasst habe.“
„Ja.“
„Ist es gefährlich, strahlt es, beißt es, hat es vielleicht Hunger, ist es stubenrein?“
„Darüber kann keine Aussage gemacht werden. Es brummt.“
„Aha, findest du das natürlich? Erklärung?“
„Darüber kann keine Aussage getroffen werden.“
„Und wenn du in derselben Frequenz zurück brummst, verändert sich die Frequenz des Materials?“
„Schon probiert, es zeigt keine Reaktionen auf Reize.“
Nach weiteren Minuten der Unkenntnis, darauf Klopfen und Streicheln, blieben wir ratlos zurück. Schön war es und sonst nichts. Die Kunst im Leben ist, die eigene Kleinheit auszuhalten. Leider auch in solchen Situationen.
Wir hangelten uns nach vorne in die Kanzel und auch ich öffnete meinen Anzug und tat einen tiefen Atemzug muffiges Wohnzimmer, wie bei alten Leuten, lange nicht mehr gelüftet.
„Na toll, jetzt sitzen wir hier und sterben und haben etwas gefunden, was die Menschheit noch nicht gesehen hat, wahrscheinlich den Stein der Weisen. Wenn ich jemals gefragt haben sollte, was Ironie ist, dann wäre das jetzt meine Antwort.“
Adam nickte mir zu und auf seinem Gesicht bildete sich eine leichte Verfärbung in Richtung rosa. Ich drehte meinen Kopf und sah aus dem Fenster.
„Oh nein… das mit dem Sterben könnte doch sogar noch etwas schneller gehen, als gedacht.“
Ein böser, roter Lichtstrahl nach dem anderen zog schmerzhaft in meine Augenwinkel und drückte meinen Adrenalinspiegel auf das noch vorrätige Höchstmaß. Ein Laserschuss traf neben unserem Schiff auf das Wrack, konnte ihm allerdings nichts anhaben und reflektierte lautlos mit einem hohen Streuungswinkel zu harmlosem Licht. Wer hatte nochmal gedacht, dass wir die Verfolger abgeschüttelt hatten? Da waren sie wieder meine Probleme und meine Probleme waren groß. Ich riss die Taube aus dem
