Transit Barby - Rolf Fricke - E-Book

Transit Barby E-Book

Rolf Fricke

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Beschreibung

Ende August 1961, zwei Wochen nach Schließung der Grenze zwischen der BRD und der DDR. Auf dem Grenzbahnhof Oebisfelde meldet sich der 19-jährige Westdeutsche Peter Köster bei den Grenzsoldaten und erklärt, in die DDR übersiedeln zu wollen, um dort mit seiner 17-jährigen Freundin Jutta, die er während eines Besuches in der DDR kennen- und lieben gelernt hatte, gemeinsam leben zu können. Er wird in das Aufnahmeheim Schloss Barby gebracht, wo Übersiedler und Rückkehrer aus der BRD einer scharfen Prüfung durch die Stasi unterzogen werden. hier freundet er sich mit dem Studenten Christian Schirmer an, der nach Verhaftung nach Barby gebracht worden war, wo er darauf wartet, wie über ihn entschieden wird. Beide wissen nicht, ob ihre Freundinnen, zu denen sie keinen Kontakt aufnehmen dürfen, noch zu ihnen halten werden. In dieser quälenden, von Langeweile und Hoffnung geprägten Situation versuchen sie, sich gegenseitig Mut zuzusprechen. Zu ihnen gesellt sich das Mädchen Anne Kessler, die sich alsbald heftig in den 17-jährigen westdeutschen Schüler Michael Gräfe verliebt, der als glühender Anhänger der kommunistischen Ideen mithelfen will, diese in der DDR zu realisieren. Nach Verhören durch die Stasi droht Peter Kösters Übersiedlungsplan schließlich jedoch zu scheitern, da man in seinem Gepäck eine Schreckschusspistole mit Munition gefunden hat. Die Geschehnisse im Schloss Barby spitzen sich zu, als Michael Gräfe eines Tages überraschenderweise in den Westen zurückgeschickt wird, worauf Anne Kessler versucht, sich das Leben zu nehmen. Zur gleichen Zeit wird unerwartet schnell über Peter Kösters Antrag entschieden.

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Seitenzahl: 643

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Ende August 1961, zwei Wochen nach Schließung der Grenze. Auf dem Grenzbahnhof Oebisfelde meldet sich der 19-jährige Westdeutsche Peter Köster bei den Grenzsoldaten und erklärt, in die DDR übersiedeln zu wollen, um dort mit seiner 17-jährigen Freundin Jutta, die er während eines Besuches in der DDR kennen und lieben gelernt hatte, gemeinsam leben zu können.

Im Schloss Barby, wo sich ein Aufnahmeheim der DDR befindet, freundet sich Peter Köster mit dem Studenten Christian an, der nach Verhaftung nach Barby verbracht wurde, wo er darauf wartet, wie über ihn entschieden wird. Beide wissen nicht, ob ihre Freundinnen, zu denen sie keinen Kontakt aufnehmen dürfen, noch zu ihnen halten werden und versuchen sich in dieser quälenden, von Langeweile und Hoffnung geprägten Situation gegenseitig Mut zuzusprechen. Zu ihnen gesellt sich das Mädchen Anne, dass sich alsbald heftig in den 17-jährigen westdeutschen Schüler Michael Gräfe verliebt.

Nach Verhören durch die Stasi droht Peters Übersiedlungsplan zu scheitern, da man in seinem Gepäck eine Schreckschusspistole mit Munition gefunden hat.

Die Geschehnisse im Schloss Barby spitzen sich zu, als Michael Gräfe überraschenderweise in den Westen zurückgeschickt wird, worauf Anne Kessler versucht, sich das Leben zu nehmen. Zu gleicher Zeit wird auch über Peter Kösters Übersiedlung unerwartet schnell entschieden.

*****

Rolf Fricke wurde in Lemgo geboren. Nach dem Abitur studierte er in Dresden und Berlin Physik und arbeitete in der Folgezeit als Wissenschaftler in einem Forschungsinstitut in Berlin, nach Promotion und Habilitation schließlich als Leiter einer Forschungsgruppe.

Sein erster Roman „Transit Barby“ wurde im Oktober 2016 im Rahmen eines Wettbewerbes in Zürich ausgezeichnet.

für Erika

Inhaltsverzeichnis

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

1. Er müsse warten, hatten die Soldaten ihm befohlen, und waren gegangen. So stand er also nackt und reglos, wie abgestellt, in diesem kahlen, trostlos wirkenden Raum und wartete, endlos lange schon, wie ihm schien. Die Luft war stickig und roch nach geöltem Fußboden und kaltem Zigarettenrauch. Außer einem brüchig wirkenden großen Tisch und zwei einfachen Holzstühlen gab es kein weiteres Mobiliar. Die Wände waren brusthoch mit dunkel lackiertem Holz verkleidet. Darüber, bis zur Decke, war die Wand mit Tapete beklebt, deren Farbe unter dem jahrelangen Ansturm von Tabakqualm vergilbt war. Ihr Muster war selbst im Licht der einzigen Neon-Lampe nicht mehr zu erkennen. Die Lampe leuchtete den großen Raum nur dürftig aus. An den Wänden hingen einige Bilder. Aus der Entfernung waren Landschaften zu erkennen. Der Raum musste einmal der Warteraum des Bahnhofs gewesen sein.

Es war schon nach Mitternacht. Der Interzonenzug war längst abgefahren. Der Bahnsteig war weiterhin voll erleuchtet. Durch die schweren Vorhänge der Fenster trat kaum ein Lichtschimmer in den Raum. Die absolute Stille wirkte gespenstisch, so dass er sich kaum zu bewegen wagte. Die beiden Grenzsoldaten hatten nur seine Ausweise mitgenommen. Sein Gepäck, ein Koffer und ein Rucksack, stand noch ungeöffnet neben dem Tisch.

Die Hitze des Tages steckte noch im Haus, aber seine Müdigkeit, die sich wie eine dünne Schicht auf die Haut gelegt hatte, ließ ihn dennoch frösteln. Seine Kleidung hing noch so über einem der Stühle, wie er sie hatte ausziehen müssen - die Jeans zuerst und zum Schluss die Unterhose. Die Schuhe standen neben dem Stuhl. Alle Teile waren während seines Entkleidens sorgfältig von den Soldaten untersucht worden. Was sie gesucht hatten, wusste er nicht. Wahrscheinlich war es nur Routine. Einzig die Socken hatte er nicht ausziehen müssen. Er wusste nicht, ob sie deren Überprüfung vergessen hatten. Vielleicht hatten sie ihm auch nicht zumuten wollen, mit nackten Füßen auf dem verschmutzten Fußboden ausharren zu müssen.

In diesen Socken steckte sein letztes Geld.

Die Zeit wurde ihm lang. Sie hatten ihm nicht erlaubt, seine Sachen wieder anzuziehen. Und so kam er sich, vollständig nackt, mit Socken an den Füßen und auf irgendetwas Unbestimmtes wartend, lächerlich vor. Auch dann, als er, nur um sich zu bewegen, zur Wand ging und nacheinander die Bilder betrachtete, veränderte sich dieses Gefühl nicht. Es waren Aquarelle, bunte Landschaften, die ihm nichts sagten, und ihn auch nicht von seiner misslichen Lage ablenkten. Aber eigentlich wollte er auch keine Ablenkung. Er wollte nur, dass ihm endlich jemand sagte, was weiter mit ihm geschehen würde.

Darüber hinaus verspürte er schon seit einiger Zeit einen beständigen Druck auf seiner Blase. Und je mehr er daran dachte, desto stärker wurde dieser.

Dann, das Warten schien ihm unerträglich lange gedauert zu haben, kamen die beiden Soldaten zurück. Erst jetzt bemerkte er, dass sie kaum älter waren, als er selbst. Es war wohl die Uniform gewesen, die sie hatte älter erscheinen lassen. Sie waren von stark unterschiedlicher Statur, groß und untersetzt der eine, während der andere, fast einen Kopf kleiner, eher wie ein Schüler wirkte. Ihre grau-grüne Uniform erinnerte ihn an die Uniformen der Wehrmacht, wie er sie in Kriegsfilmen gesehen hatte. In Dienstgraden kannte er sich nicht gut aus. Er wusste aber, dass man als Soldat erst dann etwas darstellte, wenn man Sterne auf den Schulterstücken hatte. Diese beiden hatten keine Sterne. Der Große musste sich mit einem Balken begnügen, beim Kleinen umrahmte zusätzlich ein breiter silberner Streifen die Schulterklappen.

Schließlich standen sie schweigend vor ihm. Der Kleine öffnete einen Ausweis und blätterte mit unbewegtem Gesicht die wenigen Seiten hin und her. Dann richtete er seinen Blick abwechselnd prüfend auf das Ausweisphoto und das Gesicht seines Gegenüber, als müsse er sich nochmals von der Identität dessen überzeugen, was er da sah.

„Sie heißen Peter Köster?“

„Ja.“

„Und sie wollen in die DDR übersiedeln?“

Der Kleine fragte in einem unbeteiligten, dienstlichen Ton. Sein Gesicht zeigte keine Regung, seine Augen verrieten jedoch volle Aufmerksamkeit. Peter Köster, um jeden Zweifel an seiner Absicht von vornherein auszuschließen, antwortete schnell und entschlossen:

„Ja, für immer.“

Die beiden schauten sich vielsagend an. Dann wies der Große auf den Koffer:

„Dann öffnen sie mal ihren Koffer.“

„Kann ich mich vorher vielleicht wieder anziehen? Mir ist nämlich kalt.“

Der Kleine nickte unbeteiligt, als habe er gar nicht bemerkt, dass Peter Köster noch immer nackt vor ihm stand. Dieser nahm seine Sachen vom Stuhl, zog sich an und genoss die wohlige Wärme, die sich sogleich auf seiner Haut ausbreitete.

Während er seinen Gürtel sorgfältig festzog, dachte er schon an die bevorstehende Kontrolle. Eigentlich hatte er keine Dinge im Gepäck, die Anstoß erregen sollten. Aber von früheren Besuchen in der DDR wusste er, dass es dafür eine undefinierte Grauzone gab. Es hing oft von den Kontrolleuren ab, ob Sachen beanstandet wurden oder nicht.

Er hob den Koffer auf und legte ihn auf den Tisch. Er war prall gepackt, und es kostete ihn einige Kraft, den Riemen zu lösen. Die beiden kleinen Kofferschlösser hatte er zusätzlich verschlossen, obwohl er wusste, dass diese leicht auch ohne Schlüssel zu öffnen waren.

Während er den Koffer aufschloss und den Deckel aufklappte, vermied er es, die Uniformierten anzusehen. Er wusste, dass sie ihn beobachteten, wollte aber vermeiden, dass sie seine Unsicherheit bemerkten, eine Unsicherheit, die sich bei ihm alleine aus der Unwissenheit über die Dinge speiste, die vor ihm lagen.

Mit unbeteiligter Miene begann der Kleine jetzt, nacheinander jedes Kleidungsstück aus dem Koffer zu nehmen. Nachdem er es kurz angeschaut hatte, reichte er es ohne Kommentar an seinen Kollegen weiter. Der schüttelte jedes Teil einzeln, als wolle er es entstauben. Danach knüllte er es sorgfältig mit beiden Fäusten zusammen, hier und da suchend nachfühlend, und legte es schließlich im Kofferdeckel ab, wo sich alsbald ein ungeordneten Haufen auftürmte. So wurde nach und nach Schicht für Schicht seiner Sachen ausgepackt, ohne dass dabei auch nur ein einziges Wort gesprochen wurde.

„Ach, sieh mal einer an!“

Die Stimme des Kleineren klang lebhaft überrascht, als er seinen Kameraden auf einen kleinen Stapel Schallplatten aufmerksam machte, die zwischen den Wäschestücken lagen. Es waren Peter Kösters aktuelle Lieblingsplatten, überwiegend kleine Single-Scheiben aus den letzten zwei Jahren: Fats Domino, Elvis Presley, Cliff Richards, Everly Brothers und einige andere.

Insbesondere die Hüllen, auf denen Photos der Sänger zu sehen waren, wurden ausführlich betrachtet. Es war offensichtlich, dass ihnen die Stars nicht unbekannt waren.

Ohne Beachtung blieb eine Langspielplatte mit dem 1. Klavierkonzert von Tschaikowky.

Es dauerte einige Zeit, bis sie alle Platten genau inspiziert und sorgsam neben dem Koffer abgelegt hatten.

„Die müssen wir noch genauer überprüfen“, erklärte der Kleine mit leichtem Grinsen, was Peter Köster befürchtete ließ, dass er sie nie wiedersehen würde.

Die beiden Soldaten hatten die Inspektion des Koffers fortgesetzt, fanden aber nichts, was ihre Aufmerksamkeit erregt hätte.

Der Koffer war jetzt leer. Der Versuch, irgendwo unter dem Futter noch ein Geheimfach zu entdecken, erwies sich als erfolglos. Peter Köster durfte nun seine Kleidungsstücke wieder zusammenlegen und im Koffer verstauen. Obwohl die Schallplatten fehlten, hatte er beim Zudrücken des Deckels einige Mühe.

Die beiden Soldaten schauten teilnahmslos zu, bis er fertig war.

Als endlich die Kofferschlösser wieder zuschnappten, befahl der Kleine, der offensichtlich das Kommando hatte:

„Jetzt der Rucksack.“

Der Rucksack war aus festem, aber bereits verschlissenem, khaki-grünem Tuch. Er hatte mehrere kleine Außentaschen, die mit Lederriemchen verschlossen waren. An diesen Taschen waren Städtewappen aus Stoff aufgenäht: Köln, Verdun, Paris, Kopenhagen, Malmö, Stockholm - Souvenirs seiner Tramper-Reisen.

Der Rucksack war wie der Koffer prall gefüllt, die Riemchen waren alle im letzten Loch befestigt. In der mittleren, großen Außentasche hatten sich auch Personalausweis und Reisepass befunden, die er schon bei seiner Ankunft hatte abgeben müssen. Weitere Dokumente und Papiere, wie Photos seiner Eltern und Geschwister, Briefe seiner Freundin, sowie verschiedene Zeugnisse und andere Papiere musste er jetzt auf den Tisch legen. Der Kleine legte alle diese Sachen in ein kleines Plastekörbchen und erklärte unmissverständlich, dass er diese Dinge erst zwecks einer ‚genaueren Prüfung‘ dem verantwortlichen Genossen vorlegen müsse. Peter Köster war überrascht und unangenehm berührt, denn die Vorstellung, dass dieser verantwortliche Genosse die Liebesbriefe seiner Freundin lesen würde, gefiel ihm nicht.

Die Überprüfung von Gepäck gehörte offensichtlich zur Routine der beiden Soldaten. Sie zeigten keine Ungeduld und erwarteten von ihm eine ähnliche Einstellung. Kleidungsstücke wurden in gleicher Weise wie zuvor ausgeschüttelt und, auf der Suche nach eingenähten Dingen, noch einmal mit beiden Händen abgetastet. Dinge, die zwischen den Wäschestücken lagen, wurden beiseite gelegt.

So verlief die Kontrolle des Rucksacks zunächst in geschäftiger Stille, bis der Kleine plötzlich eine überraschten Ruf ausstieß:

„Da schau her. Was haben wir denn hier?“

Triumphierend schaute er Peter Köster an und hielt ihm einen Chrom-glänzenden Gegenstand entgegen. Es war eine Pistole, die er zwischen Peter Kösters Unterhemden gefunden hatte.

Der Kleine schien keine Antwort von Peter Köster zu erwarten, zu offenkundig und klar war das, was er da gefunden hatte. Er betrachtete die Pistole kurz, und reichte sie dann mit frohlockendem Gesichtsausdruck seinem Kameraden.

Der Große behandelte sie mit großer Vorsicht und vermied es, den Lauf auf einen der Anwesenden zu richten. Nach einer kurzen Sichtung reichte er die Waffe wortlos an seinen Vorgesetzten zurück, der die Inspektion stumm, aber interessiert, wiederholte. Beide wirkten irritiert und unsicher. Ihren angespannten Gesichtern war anzusehen, dass sie krampfhaft überlegten, was sie als nächstes tun sollten. Dann, nach kurzem Überlegen, wandte sich der Kleine entschlossen an Peter Köster:

„Haben sie dafür auch Munition?“

„Ja, die muss auch hier im Rucksack sein“, antwortete dieser und begann, ohne eine Aufforderung abzuwarten, mit zitternden Händen in dem noch halb gefülltem Rucksack zu wühlen. Er wusste, wo er suchen musste.

„Hier ist sie.“

Mit diesen Worten legte er eine kleine Pappschachtel auf den Tisch.

Er merkte, dass sein Mund in den letzten Sekunden trocken geworden war. Plötzlich konnte er sich gar nicht mehr recht erklären, wie er auf die Idee gekommen war, die Pistole und die Munition mitzunehmen.

Die Schachtel war noch fast voll und enthielt etwa 20 Patronen. Im Gegensatz zu scharfen Patronen waren die kurzen Hülsen an ihrer Spitze vierseitig zusammengekniffen.

„Haben sie auch scharfe Munition?“

„Wieso scharfe Munition?“ fragte Peter Köster entgeistert zurück. „Das ist doch eine Schreckschusspistole.“

Auf den ersten Blick war das in der Tat nicht zu erkennen, denn es war eine täuschend echte Imitation aus Metall, die, wie eine echte Pistole, auch schwer in der Hand lag.

Die beiden Uniformierten stutzten, dann wich die Anspannung aus ihren Gesichtern. Fast wirkten sie erleichtert.

„Wie wird die geladen?“ fragte der Kleine und reichte Peter Köster unbefangen die Pistole.

Es war einfach. Das Magazin befand sich im Griff und ließ sich leicht mit bis zu sechs Patronen bestücken. Peter Köster drückte das volle Magazin wieder in den Griff, was einen metallisch-satten Laut verursachte. Er legte einen kleinen Sicherungshebel um und reichte die Pistole wieder an den Kleinen zurück:

„Jetzt können sie schießen. Also nur knallen“, verbesserte er sich schnell. „Vorne aus dem Lauf kommt dann zwar eine kleine Stichflamme, die ist aber harmlos,“ fügte er fast entschuldigend hinzu.

Die beiden Soldaten hatten Peter Köster zwar interessiert beim Laden der Pistole zugesehen, aber dem Kleinen schien inzwischen bewusst geworden zu sein, dass er an diesem Ort die sozialistische Staatsmacht repräsentierte. Demonstrativ legte er die Pistole vor sich auf den Tisch.

„Jetzt nicht“, entschied er amtlich kurz. „Erklären sie uns lieber mal, woher sie diese Waffe haben und zu welchem Zweck sie diese in die DDR einschmuggeln wollten.“

Peter Köster beschlich ein unbehagliches Gefühl. 'Waffe' und 'in die DDR einschmuggeln', was sollte das? Was wollten die von ihm? Das Ding da war doch nur ein besseres Spielzeug und keine Waffe. Und einschmuggeln wollte er es schon gar nicht.

Mit kurzen, etwas holprigen Worten versuchte er zu erklären, dass diese Waffe ja keine Waffe, sondern nur eine Schreckschusspistole sei und man sie deshalb in jedem Waffengeschäft ohne Waffenschein kaufen könne, vorausgesetzt, man war mindestens 16 Jahre alt.

„Es ist mehr so ein Spielzeug, und sie als Fachleute,“ versuchte er zu schmeicheln, „haben ja sicher sofort gesehen, dass diese Schreckschusspistole vorne zwar eine enge Öffnung, aber keinen gezogenen Lauf hat, durch den eine Kugel passen würde. Also, schießen kann man damit wirklich nicht. Das ist wirklich keine Waffe, glauben sie mir .“

Wortreich bemühte er sich, die Angelegenheit als im Grunde genommen ganz normal darzustellen. Er erklärte, dass eine Patrone nur 5 Pfennig koste, ein Silvester-Knaller aber 10 Pfennig, dass er mit der Schreckschusspistole folglich viel sparsamer und schneller und auch lauter knallen könne. Ja, und natürlich habe er sich damit auch irgendwie etwas sicherer gefühlt.

Während dieser Erklärungen hatte er besorgt die Gesichter der beiden Uniformierten beobachtet. War er überzeugend gewesen? Würden sie ihm das abnehmen? Bestimmt würden sie ein Protokoll schreiben müssen. Und ihm dämmerte, was es bedeuten könnte, wenn darin Sätze stehen würden, wie: 'Der Antragsteller Peter Köster reiste mit einer nicht angemeldeten Waffe in die DDR ein,' oder '...war bei seiner Überprüfung im Besitz einer Waffe'.

Er hätte sich die Haare raufen können angesichts von soviel Blödheit, seiner eigenen Blödheit. Sollte das hier schon die Endstation sein?

Er spürte, wie sich sein Magen verkrampfte. Wenn er Glück hatte, dann hielten ihn die Soldaten nur für ein bisschen einfältig. Sollten sie, im Moment war ihm alles egal. Einfältig, dumm oder naiv, damit würde er leben können. Nur die Annahme, dass er eine Waffe hätte einschmuggeln wollen, die durfte sich auf keinen Fall bei den beiden festsetzen.

Aber der Kleine hakte hartnäckig noch einmal nach:

„Was sie in Westdeutschland mit der Waffe gemacht haben, interessiert uns nicht. Wozu aber wollten sie die Waffe in der DDR einsetzen?“

Peter Köster zuckte erneut zusammen. Die Worte 'Waffe und 'einsetzen‘ hörten sich bedrohlich an. Er versuchte ruhig zu bleiben.

„Wissen sie, ich war doch Ende letzten Jahres zu Besuch in der DDR und Silvester hat es da um Mitternacht genau so eine Knallerei gegeben, wie bei uns im Westen auch. Und da hatte ich mir so vorgestellt, dass ich mit meiner Schreckschusspistole dieses Jahr auch etwas Krach machen könnte. Mehr nicht. Mehr geht ja auch nicht,“ setzte er etwas trotzig hinzu.

Hoffnungsvoll blickte er von einem zum anderen, konnte jedoch in ihren Gesichtern nur ungläubigen Spott erkennen. Noch während er redete, hatte der Kleine die Pistole wieder an sich genommen und sie ohne erkennbare Absicht abwägend von einer Hand in die andere bewegt. Dabei hatte er Peter Köster aufmerksam fixiert, ganz so, als könne er in dessen Gesicht Wahrheit und Lüge voneinander unterscheiden. Auch nachdem dieser verstummt war, fuhr er mit diesem Spiel noch eine Weile fort, ohne etwas zu sagen. Schließlich reichte er die Pistole wortlos seinem Kameraden und verkündete das Ergebnis seiner Überlegungen:

„Also, Herr Köster, das hört sich alles nicht sehr überzeugend an. Man wird sie sicher morgen noch genauer danach befragen. Pistole und Munition werden jedenfalls beschlagnahmt.“

Sein entschiedener Tonfall ließ erkennen, dass jede weitere Diskussion sinnlos war.

Peter Köster war niedergeschmettert. Dabei war ihm die Pistole egal, scheißegal. Aber dass er sich nun wegen diesem blöden Ding würde verteidigen müssen anstatt als ein ehrlicher, unbescholtener Antragsteller auftreten zu können, das machte ihm schwer zu schaffen. So hatte er sich seinen Einzug in die DDR nicht vorgestellt.

Die Fortsetzung der Kontrolle empfand er fast als eine dankbare Ablenkung. Für die Soldaten war ihr Fund Ansporn, seine Sachen noch genauer zu durchsuchen, zu schütteln und zu knüllen, aber ohne erkennbaren Erfolg. Zwei Romane von Böll und Hemingway hatte er als Reiselektüre im Rucksack gehabt, die er aber auf Grund seiner inneren Anspannung nicht einmal angefasst hatte. Der Große warf nur einen kurzen Blick auf die Titel, blätterte sie ohne erkennbares Interesse oberflächlich durch, schüttelte sie noch einmal intensiv, ohne dass jedoch irgendwelche, zwischen den Blättern verborgene Papiere herausfielen, und legte sie wieder zurück auf den Tisch. Falls es diese ominöse Liste von verbotenen Büchern, von der Peter Köster gehört hatte, Bücher, die man in der DDR nicht kaufen konnte oder nicht lesen sollte, wirklich gab, dann standen diese beiden wohl nicht darauf. Jedenfalls konnte er sie wenig später zusammen mit seiner Wäsche wieder in den Rucksack packen. Hatte er beim Koffer noch versucht, seine Wäsche einigermaßen geordnet einzupacken, so stopfte er die Sachen jetzt einfach dorthin, wo er gerade eine Lücke sah. Es war nicht die Zeit für Ordnung, denn vielleicht musste er ja in wenigen Stunden erneut alles wieder auspacken, vorzeigen und erklären.

Inzwischen war es zwei Uhr geworden, und Peter Köster war jetzt fast zwanzig Stunden auf den Beinen. Die letzten Stunden, die Ungewissheit, die Aufregungen hatten seine Müdigkeit überdeckt, jetzt aber überwältigte ihn das Bedürfnis nach Schlaf umso heftiger. Am liebsten hätte er jetzt alle seine Sachen einfach liegen gelassen und sich irgendwo zum Schlafen hingelegt. Schon letzte Nacht, noch zu Hause, hatte er sich in ermüdenden Wachträumen im Bett von einer Seite auf die andere gewälzt und kaum geschlafen. Seine Phantasie hatte immer wieder konturlose Vernehmungsräume und gesichtslose, ihn verhörende Menschen hervorgebracht. Unzählige Fragen waren in diesen Halbträumen auf ihn eingeprasselt, die er wahrheitsgemäß hatte beantworten sollen. Und wie vor einer Prüfung hatte er jedes Mal versucht, mögliche Nachfragen im Voraus zu erahnen, um dann auch dafür gleich die passenden Antworten parat zu haben. Immer wieder hatte er versucht, seine Aussagen glaubwürdiger, ja unwiderlegbar zu machen. Angst hatte er dabei nicht gehabt. Aber diesem inneren Zwang, absolut überzeugend auf seine Vernehmer zu wirken, hatte er nicht entkommen können. Es war ein quälender Prozess gewesen, der ihn völlig erschöpft und im Kopf ein Wirrwarr von Argumenten und Gegenargumenten hinterlassen hatte. Als es dann endlich Tag geworden war, hatte er sich gefühlt, wie nach einer langen Bergwanderung: müde und mit matten Gliedern. An die Pistole hatte er dabei nicht gedacht.

Inzwischen hatte er alle Sachen wieder im Rucksack verstaut. Mit viel Kraftanstrengung hatte er auch alle Riemchen wieder festzurren können. Nun stand er tatenlos da und wartete gemeinsam mit dem Großen schweigend auf dessen Kameraden. Dieser hatte vor einigen Minuten ohne etwas zu sagen den Raum verlassen. Als er nach wenigen Augenblicken zurückkehrte, wirkte er aufgeräumt und irgendwie erleichtert.

„Es ist zur Zeit kein verantwortlicher Genosse im Haus,“ begann er und blickte dabei prüfend auf seine Uhr. „Aber in einigen Stunden, so gegen neun Uhr, wird ein Genosse hierher kommen. Der wird dann mit ihnen die erforderlichen Formalitäten besprechen. Und dem können sie dann auch Fragen stellen“, fügte er hinzu. „Bis dahin können sie sich ausruhen. Nehmen sie ihr Gepäck; ich werde ihnen jetzt den Raum zeigen, in dem sie sich bis dahin aufhalten können.“

Er wartete bis Peter Köster Koffer und Rucksack aufgenommen hatte. Es waren nur wenige Schritte durch einen kurzen Korridor. Er öffnete eine Tür, machte Licht und bedeutete Peter Köster, in das Zimmer einzutreten.

„Brauchen sie noch irgend etwas oder müssen sie noch aufs Klo?“

Peter Köster nickte. Der Große wies ihm den Weg und wartete in der Nähe der Klotür bis Peter Köster fertig war. Als sie zurückkehrten, stand der Kleine stand wartend vor der Zimmertür .

„Wenn sie etwas benötigen, dann können sie hier klingeln.“

Er zeigte auf eine einfache Klingel neben dem inneren Türrahmen. Dann wandte er sich ab, die Tür schnappte ins Schloss, und Peter Köster hörte, wie sich die beiden Soldaten mit schweren Stiefelschritten auf dem Korridor entfernten.

Im gleichen Moment, den uniformierten Rücken des Soldaten noch vor Augen, registrierte Peter Köster blitzlichtartig, dass die Tür auf der Innenseite keine Klinke hatte. Die Stelle, wo sich normalerweise Klinke und Schloss einer Tür befinden, war durch eine glatte, aufgeschraubte Metallplatte vollständig überdeckt worden. Versuchsweise drückte er gegen die Tür, aber sie ließ sich nicht öffnen. Ein irritierendes, unangenehmes Gefühl kroch ihm den Rücken hoch.

Ahnungsvoll wandte er seinen Blick zum Fenster. Gegen das Dunkel der Nacht erkannte er im Lichte der Deckenleuchte die hell angeleuchteten Gitterstäbe.

War er jetzt eingesperrt, verhaftet? Oder was bedeutete das?

Unwillkürlich musste er an das große Plakat denken, das er auf dem Bahnsteig gesehen hatte:

„Willkommen in der Deutschen Demokratischen Republik“

Hier, auf dem Grenzbahnhof Oebisfelde, mussten alle Interzonenzüge anhalten. Und alle aus Richtung Westen einfahrenden Reisenden wurden mit diesen Worten begrüßt, auch er. Und er hatte sich angesprochen gefühlt, hatte das wörtlich genommen. Zwei Stunden war das erst her. Und jetzt saß er in diesem verschlossenen Raum mit vergitterten Fenstern, der das Flair einer Gefängniszelle ausstrahlte.

Enttäuscht ließ er sich auf einen den Stühle fallen und betrachtete sein Nachtquartier etwas genauer.

Die Einrichtung des Zimmer war dürftig und alles andere als gemütlich. Der Fußboden war mit buntem, jedoch arg zerkratztem Linoleum ausgelegt. Wie in einem Wartezimmer waren an den Wänden etwa zehn ungepolsterte Holzstühle aufgereiht. Auch hier hingen an den Wänden Bilder mit Landschaften. Die Mitte des Zimmers wurde durch einen großen, rechteckigen Tisch bestimmt. Darauf stand, wie er mit Freude feststellte, eine große Flasche Mineralwasser mit einem Glas.

Nachdem er sich ein Glas eingegossen und gierig in einem Zug geleert hatte, überflogen seine Augen resigniert das Zimmer nach einer Schlafgelegenheit. Füße und Beine fühlten sich geschwollen an, sein Körper sehnte sich danach, endlich die horizontale Lage einnehmen zu können, aber wo und wie? Der Verlockung, sich einfach auf den dreckigen Fußboden zu legen, wollte er jedoch nicht nachgeben. Entschlossen stellte er schnell einen Stuhl an den Tisch, setzte sich und legte beide Arme als Unterlage auf die Tischplatte. Dann neigte er seinen Oberkörper nach vorne und bettete seinen Kopf auf die Arme. Sofort verspürte er eine große körperliche Erleichterung. Ein wohltuendes, warmes Kribbeln durchströmte seine Glieder, und der Körper bekam eine Schwere, die ihn verwunderte. Er spürte, wie seine Gedanken schnell diffuser wurden, wie sie begannen, sich von seinem Körper zu trennen, um dorthin zu schweben, wo das Unbewusste erholsam seine Macht ausübt.

Für eine kurze Zeit fühlte sich Peter Köster völlig unbeschwert. Sinn oder Unsinn seines Handelns verloren ihre Bedeutung und lösten sich wie in Nebel auf. Schon vermeinte er in das große schwarze Loch des Schlafes zu fallen als er einen schnell stärker werdenden, stechenden Schmerz in der Hüfte, dann auch im Rücken und den Armen registrierte. Er brachte seinen Oberkörper wieder in die Senkrechte, reckte sich einige Male nach allen Seiten und überlegte.

Ihm war jetzt völlig klar, dass er in dieser Stellung nicht würde einschlafen können. Und wenn doch, dann würde er wahrscheinlich wieder irgendwann aufwachen und sich am ganzen Körper so geschunden fühlen, als habe er die ganze Nacht körperliche Schwerstarbeit geleistet. Und das wäre gar nicht gut, denn er wollte erholt und frisch sein, wenn der 'verantwortliche Genosse' am Morgen mit ihm sprechen wollte.

Kurzerhand stand er wieder auf. Er öffnete Rucksack und Koffer und entnahm alle dicken Kleidungsstücke, die er besaß. Diese legte er sorgfältig verteilt auf mehrere, nebeneinander an der Wand stehenden Stühle. Eine zweite Reihe Stühle stellte er spiegelverkehrt daneben. So, sein Bett war fertig. Er zog seine Schuhe aus, stieg auf die Stühle, legte sich lang auf den Rücken, deckte sich mit seinem Parka zu und schloss die Augen.

Es war kein Bett, aber nach all den Strapazen, die er bis zu diesem Augenblick hinter sich gebracht hatte, erschien ihm sein Lager fast schon bequem. Und so war er optimistisch, dass er nun endlich einschlafen würde.

Bei den meisten Menschen ist die körperliche Müdigkeit eine sichere Voraussetzung, um schnell einschlafen zu können, nicht aber bei Peter Köster. Verpasste er den richtigen Moment, seine Gedanken abzustellen, dann konnte es sein, dass er sich stundenlang völlig übermüdet im Bett herumwälzte in der quälenden Hoffnung, endlich den Absturz in den Schlaf zu erreichen. Ausgerechnet dann, wenn es um ihn herum ruhig war und er sich hätte entspannen können, gerade dann machten sich seine Gedanken häufig selbstständig. Und dann wurde der gesamte Tagesablauf noch einmal rekapituliert, alles Geschehene wurde neu geordnet, neu bewertet und daraufhin geprüft, ob sich für ihn daraus neue Anforderungen ergäben. Und das alles ohne einen Plan, ohne sein Zutun, ja gegen seinen Willen. Manchmal glaubte er, dass seine grauen Zellen ausgerechnet dann besonders aktiv wurden, wenn er schlafen wollte. Und bis jetzt hatte er auch noch kein Mittel dagegen gefunden. Schlaftabletten hatte er noch nicht ausprobiert.

So lag er auf seinem Behelfsbett, eigentlich zufrieden damit, erschöpft und todmüde, die Augenlider schwer und ihre Ränder empfindlich fühlend, und konnte nicht einschlafen. Und ohne Hoffnung auf ein schnelles Ende dieses Zustandes ließ er ergeben seinen Gedanken freien Lauf.

In den letzten Tagen hatte er immer nach vorne gedacht, immer überlegt, was er als Nächstes tun musste. Jutta, ja, immer war es der Gedanke an sie gewesen, der ihn angetrieben hatte, ihm die Kraft gegeben hatte, die nötigen Vorbereitungen zu treffen und diesen letzten, entscheidenden Schritt auf sich zu nehmen. Wann würde er sie wiedersehen? Wohin würde man ihn jetzt wohl bringen? Und wie lange würde das alles dauern? Wieder wanderten seine Gedanken zu Jutta, er meinte ihre Stimme zu hören und vor seinen inneren Augen sah er, wie sie ihm zulächelte.

Aber dann sah er auch seine Mutter, wie sie sich mit rot verweinten Augen wenige Stunden vor seiner Abreise, still und in sich gekehrt, mit seiner Wäsche befasst hatte. Sie hatte nicht mehr versucht, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Vor Tagen noch, als er ihr von dem ihr unbekannten Mädchen Jutta in Benzlau erzählt hatte, hatte sie noch versucht, ihn umzustimmen. ‚Du bist doch erst neunzehn, du findest doch auch hier ein Mädchen!‘. So hatte sie verzweifelt, ja beschwörend versucht, ihn zum Bleiben zu bekehren. Immer wieder hatte sie neue Argumente gesucht, um ihn vom Widersinn seiner Absicht zu überzeugen. Nach Stunden schwankender, immer wieder auflodernder Hoffnungen hatte sie schließlich resigniert. Hilflos, fast demütig, hatte sie sich gefügt und ihn lange umarmt: ‚Sag mir Bescheid, wenn es soweit ist, damit ich dir beim Packen helfen kann‘.

Vorgestern, gleich morgens nach dem Frühstück, war dieser Augenblick dann gekommen. Noch während er sich jetzt daran erinnerte, vermeinte er den Kloß zu verspüren, den er dabei im Hals gehabt hatte. Seine Mutter hatte schweigend einen Stuhl genommen und sich an den Küchentisch gesetzt. Dort hatte sie für eine Weile reglos gesessen, ihren Rücken leicht nach vorne gekrümmt, während ihr die Tränen über das Gesicht gelaufen und auf die Schürze getropft waren. Vielleicht hatte sie im Geheimen immer noch gehofft, dass irgend etwas passieren könnte, was ihn zur Einsicht bringen würde. Dann hatte sie sich müde erhoben. ‚Du musst mir deine Sachen geben,‘ hatte sie mit tonloser Stimme zu ihm gesagt und war aus dem Zimmer gegangen. Etwas später hatte sie bereits ihr Bügelbrett aufgestellt und begonnen, seine Garderobe zu bügeln. Ohne Unterschied, egal ob gerade erst frisch gewaschen oder schon einmal gebügelt, alles hatte sie sorgfältig geglättet und dann zusammengelegt. Es war, als habe sie sich an dieser Arbeit, an diesem für lange Zeit vielleicht letzten Liebesdienst für ihren jüngsten Sohn, festgehalten.

Seine Mutter, gütig und voller Vertrauen, so hatte sie ihn gehen lassen.

Sein Vater hatte seine Pläne ohne Zögern sofort missbilligt.

‚Letzten Sonntag erst ist die Zonengrenze dicht gemacht worden und ausgerechnet jetzt willst du dort hin? Wenn du mal volljährig bist, und bis dahin sind es ja fast noch zwei Jahre, kannst du machen, was du willst. So lange aber bestimme ich. Und meine Genehmigung für diese Schnapsidee kriegst du nicht.‘ Das waren seine Worte gewesen, wörtlich. Und das war als endgültig zu verstehen gewesen, denn Peter hatte aus Erfahrung gewusst, dass jeder Versuch, seinen Vater umzustimmen, sinnlos gewesen wäre. Er war ein kluger, aber autoritärer Dickkopf, der Argumenten, die nicht in seinem Kopf erdacht waren, nur selten zugänglich war.

Seine Mutter hatte dieses Machtwort ihres Mannes wohl vorausgeahnt. Aber sich gegen ihn aufzulehnen, dazu hätten ihr die Kraft und der Mut gefehlt. Wahrscheinlich hätte das den Konflikt auch nur noch verschlimmert. So war es immer gewesen, sein Vater hatte alleine bestimmt, was in der Familie getan wurde und was nicht.

Von diesem Augenblick an hatten er und seine Mutter gewusst, dass er sein Elternhaus heimlich verlassen würde.

Dennoch hatte er nicht ohne ein versöhnliches Wort an seinen Vater weggehen wollen. So hatte er sich hingesetzt und einen Abschiedsbrief geschrieben. Anderes als das, was er ihm mündlich schon alles gesagt hatte, war ihm auch beim Schreiben nicht eingefallen. Schließlich hatte er noch Worte des Bedauerns über seinen heimlichen Abschied, der ja eigentlich mehr eine Flucht war, hinzugefügt. Entschuldigt hatte er sich nicht. Große Sorgen hatte er gehabt, dass sich seine Eltern wegen seiner heimlich Abreise entzweien könnten.

Den Brief hatte er an einer Stelle deponiert, wo ihn sein Vater erst am nächsten Morgen finden würde.

Das letzte gemeinsame Abendessen mit seinem ahnungslosen Vaters war für ihn, seine Mutter und seine eingeweihte jüngere Schwester, eine Tortur gewesen. Zum Glück schien sein Vater gedanklich mit anderen Dingen beschäftigt gewesen zu sein und hatte deshalb die gedrückte Stimmung nicht wahrgenommen. Vielmehr war er gleich nach dem Essen in die gute Stube gegangen, um dort ungestört Unterlagen seines Sportvereins durchzusehen.

Wenn er jetzt, müde, aber unfähig, Schlaf zu finden, an den Abschied von seiner Mutter dachte, fühlte sich Peter Köster auf beklemmende Weise hilflos schuldig.

Wieder und wieder hatte sie ihn beim heimlichen Abschied inbrünstig umarmt, sein Gesicht in ihre Hände genommen und ihn immer wieder auf Stirn und Wangen geküsst. Zum Schluss hatte sie seinen Kopf mit beiden Händen umfasst und ihn auf Armlänge von sich weg gehalten. Ihre verweinten Augen hatten intensiv sein Gesicht betrachtet. Es war, als habe sie Augen, Nase, Mund, ja jedes winzige Detail seines Gesichts, in ihrem Gedächtnis abspeichern wollen. 'Bleib mir gesund, mein Junge. Und sieh zu, dass du gleich Arbeit kriegst. Und schreib gleich'. Dabei hatte sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten können.

Auch seine drei Jahre jüngere Schwester hatte etwas geschluchzt. Wahrscheinlich hatte sie aber seinen Entschluss eher in einem romantisch verklärten Licht gesehen.

Er hatte seinen Koffer und den schon arg ramponiert aussehenden Reiserucksack leise vor der Haustür abgestellt. Seine Mutter hatte ihn zum letzten Mal umarmt, und leise war ein 'Mach mir keinen Kummer' über ihre Lippen gekommen. Das war ihre Art, ihn zu ermahnen, ein anständiger Mensch zu bleiben. Dann war er zur Bushaltestelle geeilt. Er hatte große Angst gehabt, dass sein Vater zufällig, gerade in diesem Moment, aus dem Fenster geblickt hätte und ihn im Dämmerlicht noch hätte sehen können.

Im Interzonenzug hatte ihn die Angst, dass sein Vater zu früh von seiner Flucht erfahren und die Bahnpolizei benachrichtigt haben könnte, bis zum Erreichen der Grenze begleitet. Erst als die beiden Passkontrolleure nahe Wolfsburg seinen Ausweis überprüft, die Abteiltür hinter sich geschlossen hatten, war dieses Angstgefühl gewichen und hoffnungsvolle Erwartung hatte die Oberhand gewonnen.

Diese unerschütterliche Hoffnung, Jutta nun ein kleines Stückchen näher gekommen zu sein, führte dazu, dass ihn jetzt auch der Gedanke an die Pistole nicht mehr beunruhigte. Und auch gegenüber seinen Eltern empfand er keine Reue. Ja, sie taten ihm leid, und es war schlimm, was er ihnen antat, aber er wusste nicht, was er hätte anders machen sollen.

Mit diesem befriedigenden Gefühl kam er endlich zur Ruhe. Ein letztes Mal drehte er seinen Körper auf den unbequemen Stühlen noch etwas zur Seite, passte sich der Unterlage an, dann schlief er ein.

* * *

Wie lange er geschlafen hatte, wusste er nicht. Laute Musik, deren Quelle er nicht gleich ausmachen konnte, hatte ihn jäh aus dem Schlaf aufschrecken lassen. Langsam, seine schmerzhaft verspannten Muskeln nicht beachtend, brachte er seinen Oberkörper in senkrechte Lage. Es dauerte noch einen Moment, bis er einigermaßen klar denken konnte.

Was er da aus dem Bahnhofslautsprecher hörte, war seine Musik, war Paul Anka mit „I'm just a lonely boy“. Er kannte jede Note, und den Text hätte er von der ersten bis zur letzten Zeile mitsingen können. Er horchte, eher verdutzt als erfreut, bis der Song zu Ende war. Dann, nach einer kurzen Pause und dem typischen Kratzen beim Aufsetzen der Nadel auf die Platte, folgte Fats Domino mit „I'm Walking“. Ja, er war sich sicher: Es waren genau die Platten, die sie ihm vorgeblich 'zur Prüfung' weggenommen hatten.

Vergeblich versuchte er auf seiner Uhr die Zeit zu erkennen. Draußen war es noch dunkel, ein Zug war nicht zu hören. Sowieso war ja kaum denkbar, dass man zur nächtlichen Einfahrt eines Interzonenzuges auf dem Bahnhof in Oebisfelde Cliff Richard, Elvis Presley oder Fats Domino abspielen würde.

Vorsichtig, um im Dunkeln nicht über seine Gepäckstücke zu stolpern, bewegte er sich zur Tür. Seine Hände tasteten unsicher nach dem Lichtschalter. Das aufflammende Licht blendete ihn im ersten Moment. Dann konnte er sich im Zimmer orientieren. Er setzte sich auf den nächsten Stuhl und horchte auf die Musik.

Ja, es war wirklich seine Musik. Auch seine anderen Platten wurden aufgelegt, manche nur angespielt aber andere wurden bis zum letzten Ton ausgekostet. Die Soldaten hörte er nicht. Er stellte sich vor, dass sie jetzt irgendwo gemütlich in einem Büro saßen, und die Platten nacheinander auflegten. Manche wiederholten sie auch. Wenn das die angekündigte Kontrolle sein sollte, dann war es für sie vermutlich die amüsanteste Art, diese zu erledigen. Aber warum über den Bahnhofslautsprecher?

Ob die Bewohner von Oebisfelde von dieser Rock-Orgie etwas wahrnehmen konnten? Oder vielleicht hatte man die Bewohner wegen der Sperrung der nahen Grenze einfach evakuiert, und es gab hier nur noch Militär. Aber ob die wild darauf waren, mitten in der Nacht durch Musik, wenn auch Rock-Musik, geweckt zu werden? Und die Offiziere?

Er konnte seine Gedanken nicht weiterverfolgen, denn plötzlich, noch während die Musik die Bahnsteige beschallte, hörte Peter Köster Schüsse: zwei, drei, dann nochmals drei kurz hintereinander. Im ersten Moment durchfuhr ihn ein Schreck. Schüsse in der Nacht, nahe der Grenze konnten nichts Gutes bedeuten. Aber dann war ihm, als klinge ihm der kurze, scharfe Knall der Schüsse irgendwie vertraut. Ja, es musste seine Schreckschusspistole sein, die da abgefeuert wurde. Merkwürdig, dass die Soldaten damit einfach so herumballerten. Schließlich konnte ja niemand, der die Schüsse vielleicht auch hörte, wissen, dass das nur Kontrollschüsse waren, dass es kein Alarm war.

Er saß noch eine Weile mit offenen Augen da. Schüsse hörte er nicht mehr. Auch die Musik verstummte nach einiger Zeit. Als sei nichts gewesen, war nun wieder Stille eingekehrt. Schon am Morgen würden hier sicherlich wieder Interzonenzüge halten. Ob hier, so nah an der gesperrten Grenze, auch Inlandszüge verkehrten, wusste er nicht.

Eigentlich sollte ich jetzt noch ein bisschen weiterschlafen, dachte er. Aber sei es, dass der kurze Schlaf ihn schon erfrischt, oder die Musik ihn aufgeputscht hatte, er verspürte im Moment nicht das Verlangen, sich wieder hinzulegen.

Dafür hatte sich, während er der Musik gelauscht hatte, ein anderes Bedürfnis mit steigender Macht eingestellt. Wenn er hätte durchschlafen können, dann würde ihn der Inhalt der Wasserflasche vielleicht jetzt noch nicht so intensiv bedrängt haben, aber nun wurde es auch schnell dringend.

Wie ihm vom Kleinen geheißen worden war, drückte er auf den Klingelknopf neben der Tür. Es beunruhigte ihn zunächst nicht, dass er kein Klingeln vernahm, denn er wusste ja nicht, wo sich der Dienstraum der Soldaten befand. Er wartete eine Weile. Unruhig ging er mehrere Male im Zimmer auf und ab, bevor er ein zweites Mal, diesmal länger und mit mehrfacher Unterbrechung, auf den Knopf drückte. Nichts, kein Türenklappen, keine Schritte von herbeieilenden Soldaten - nur Stille. Verdammt, die müssen doch wach sein, dachte er erbost. Schließlich haben sie eben noch ein Bahnhofskonzert veranstaltet.

Der voreilige Gedanke an den Gang zum Klo hatte den Druck in seiner Blase bedrohlich anwachsen lassen. Um diese Entwicklung nicht noch zu fördern, vermied er es jetzt, weiter im Zimmer herumzulaufen. Mit jeder weiteren Sekunde verstärkte sich aber nun seine Unruhe. Er musste an sich halten, um nicht in Panik zu verfallen. Schon irrten seine Augen umher, ob sich im Zimmer irgendwo ein Gefäß oder eine verschwiegene Ecke finden ließe, in die er pinkeln könnte. Schließlich entschloss er sich zum Letzten und donnerte mit geballten Fäusten gegen die Tür.

Es dauerte nur wenige Sekunden, und die Tür öffnete sich.

„Ja was ist denn los?“, fragte unwirsch der Große.

„Ich muss pinkeln“, antwortete Peter Köster kurz, und ohne eine Genehmigung abzuwarten, drängelte er sich an dem Großen vorbei und eilte, ohne jedoch zu laufen, in Richtung Toilette. Er öffnete stürmisch die Tür und konnte gerade noch rechtzeitig den Reißverschluss seiner Hose öffnen. Dann ließ er es laufen und mit einem wohligen Gefühl der Erleichterung entleerte sich seine Blase plätschernd in das Becken. Das war bei weitem das Schönste, was ihm bisher heute widerfahren war. Ausgiebig genoss er dieses befreiende Gefühl solange sich auch nur noch ein Tropfen von ihm löste.

Während er sein Hemd sorgfältig in die Hose stopfte und den Reißverschluss wieder verschloss, kam erneut der Unmut über die Gleichgültigkeit des Soldaten in ihm hoch. Wenn die sich Zeit lassen können, dann kann ich das auch, dachte er. Entschlossen ging er in eine der Kabinen, ließ die Hose herunter und, setzte sich. Er mühte sich, verspürte dabei jedoch keine Eile.

Es dauerte kaum fünf Minuten, als die äußere Tür geöffnet wurde und die besorgte Stimme des Großen ertönte:

„Herr Köster, ist alles in Ordnung?“

„Ja, ich bin gleich fertig.“

Ohne zu einem Erfolg zu gekommen zu sein, brach er ab, zog die Hose hoch und öffnete die Tür. Der Große erwartete ihn im Vorraum, und begleitete ihn, einen Schritt hinter ihm bleibend, wieder zurück in seine Zelle.

„Sie hatten es ja wohl sehr eilig“, bemerkte er leicht grinsend.

„Ja“, antwortete Peter Köster kühl, „und wenn sie nicht gekommen wären, hätte ich in eine Zimmerecke gepinkelt. Wozu ist denn die Klingel da, wenn sie nicht funktioniert?“

Der Große zuckte mit den Achseln:

„Vielleicht hat sie einen Wackelkontakt oder so was ähnliches“, erwiderte er ohne jegliche Regung. „Wir können das morgen ja mal überprüfen. Vielleicht haben sie aber auch nicht richtig drauf gedrückt“, versuchte er noch die Ehre der Armee zu retten. Aber es klang eher matt. So unterließ auch Peter Köster jegliche Stichelei, ging zu seinen Stühlen, ordnete noch einmal die Unterlagen, zog seine Schuhe wieder aus und legte sich auf der Stuhlreihe zurecht. Er nahm seinen Parka, legte ihn so über seinen Körper, dass dieser möglichst vollständig bedeckt wurde und schloss die Augen. Der Grenzer hatte noch für einen Moment interessiert zugeguckt, und war dann, nicht ohne die Tür laut wieder ins Schloss zu ziehen, gegangen. Das alles berührte Peter Köster jetzt nicht mehr.

* * *

Sein Schlaf war traumlos und so tief, dass er am Morgen nicht gleich merkte, wie die Tür seines Zimmers aufging. Dann zog jedoch der Duft von Kaffee in seine Nase und sofort wurde er hellwach. Es war heller Tag und der kleine Soldat stellte ihm gerade ein Tablett mit Frühstück auf den Tisch.

„Morjen.“ Seine Stimme klang müde, und man sah ihm an, dass er letzte Nacht wohl kaum geschlafen haben konnte. „Hier ist ihr Frühstück. Waschen können sie sich draußen im Klo, sie kennen ja den Weg. Wenn sie dann fertig sind“, fügte er beim Hinausgehen hinzu, „dann machen sie sich bemerkbar. Guten Appetit.“

Die Tür ließ er offen.

Muskeln und Sehnen schmerzten, als Peter Köster sich erhob. Aber, angespornt durch die Aussicht auf das Frühstück, reckte er sich nur einmal kurz und schlüpfte dann schnell in seine Schuhe. Er nahm die kleine Tasche mit seinen Toilettenartikeln und ein dunkles Handtuch aus dem noch offen daliegenden Koffer und verließ eilig das Zimmer.

Im Vorraum der Toilette befand sich nur ein kleines Handwaschbecken. Er zog Hemd und Unterhemd aus und rieb sich mit dem Waschlappen und viel kaltem Wasser Gesicht und Oberkörper ab, Katzenwäsche, wie seine Mutter das genannt hätte. Aber vielleicht würde er ja im Laufe des Tages dort, wohin man ihn bringen würde, auch duschen können. Warmes Wasser gab es hier in der Toilette nicht, aber das machte ihm normalerweise nichts aus, solange er nicht seine Zähne damit putzen musste. Dennoch, sein Bedürfnis, den abgestandenen, fast schon gärenden Geschmack von Speiseresten in seinem Munde zu neutralisieren, war heute stärker.

Das Frühstück war reichlich. Die drei Brötchen dufteten herrlich frisch als seien sie gerade erst aus dem Ofen genommen worden. Dazu Marmelade, ein reichliches Stückchen Butter und, auf einem größeren Teller, zwei Scheiben Schnittkäse sowie einige Scheiben harter Dauerwurst von einer Sorte, die er nicht kannte. Ein typisches weißes Kneipenkännchen fasste gerade zwei Tassen Kaffee, was der üblichen Menge entsprach, die er auch zu Hause immer trank. Während er den ersten Schluck Kaffee schlürfte, hatte er die verkorkste Nacht fast schon vergessen. Jetzt fühlte er sich schon deutlich besser, und die etwas spröde Atmosphäre seiner augenblicklichen Beherbergung störte ihn nicht weiter.

Während er mit dem Appetit eines Bergwanderers in sein Marmeladenbrötchen biss und genüsslich den heißen Kaffee schlürfte, spürte er, wie sich Körper und Geist gleichermaßen aufrichteten. Und in dem Maße, wie sich die letzten Nebel der vergangenen Nacht endgültig in seinem Kopf auflösten, richteten sich seine Gedanken schon auf das, was ihn in den nächsten Stunden erwarten könnte.

Was würde der ‚verantwortliche Genosse‘ für ein Mensch sein, und was würde er von ihm wissen wollen? Sofort dachte er an die Schreckschusspistole, aber die Angelegenheit schien ihm, bei Tageslicht betrachtet, nicht mehr so dramatisch zu sein. Wahrscheinlich würde man sie ihm endgültig wegnehmen, ihn mit strenger Miene noch einmal ermahnen. Na ja, wenn schon. Das würde ihn alles nicht kratzen. Die entscheidende Frage war vielmehr, ob man ihm erlauben würde, in der DDR zu bleiben und zu Jutta nach Benzlau zu fahren, und mit ihr zu leben, für immer natürlich, alles andere wäre ja keine Lösung. Oder würden sie nicht doch aus der Geschichte mit der Pistole eine große Geschichte machen? Schon wurde er wieder unsicher.

Seit er diesen Plan gefasst hatte, hatte er immer wieder auch die ihn beunruhigende Vorstellung gehabt, dass man ihn aus irgendwelchen Gründen wieder in den Westen zurückschicken könnte. Sei es, dass er ihnen noch zu jung war, dass er keinen passenden Beruf hatte, oder dass er ihnen einfach politisch suspekt war, alles schien ihm möglich. Ob diese Befürchtungen überhaupt irgendeinen realistischen Kern hatten, konnte er gar nicht einschätzen. Aber sie waren da und machten ihm für Augenblicke immer wieder Angst.

Noch bis vor zwei Wochen war in den Zeitungen immer die Rede von den Tausenden Flüchtlingen gewesen, die täglich die Grenze in Richtung Westen überschritten hatten. Von Menschen, welche die umgekehrte Richtung gewählt hatten, wie er jetzt, hatte er niemals etwas gelesen. Vielleicht war er ja ein einzigartiger oder zumindest seltener Fall? Ja, vielleicht freuten sie sich ja auch, dass es trotz der nun geschlossenen Grenze noch Menschen gab, die in die DDR wollten. Andererseits, könnte gerade dies nicht auch ein Grund für die Staatssicherheit sein, besonders misstrauisch zu sein? Es war entsetzlich: Für jede Überlegung, die geeignet war, ihm Hoffnung zu machen, gab es auch ein 'aber...'.

Er nahm noch einen letzten Schluck Kaffee.

Gestern Nachmittag war er noch auf der Post gewesen und hatte Jutta ein Telegramm geschickt. Die kurze Mitteilung hatte „Fahre heute los“ gelautet. Das war ihre Verabredung gewesen. Eine Antwort war nicht vorgesehen gewesen, wohin hätte sie diese auch schicken sollen? Sie konnte ja nicht wissen, wo er jetzt war.

Was aber mochten ihre Eltern zu allem gesagt haben? Vielleicht auch so etwas, wie: 'Solange du siebzehn und nicht volljährig bist, ...?' Ja, was dann?

Und was würde der ‚verantwortliche Genosse‘ von dieser auf ihn womöglich kitschig wirkenden Geschichte denken? Ob er sie als Begründung für seine Übersiedlung akzeptieren würde? Und dann war das ja auch nur ein völlig privater Grund, den er für sein Begehren auf Übersiedlung vorbringen konnte, kein politisches Bekenntnis zur DDR, zum Sozialismus, oder wozu sonst noch.

Natürlich war er für Frieden, für Völkerverständigung, für soziale Gerechtigkeit, und was es sonst noch für Schlagworte gab. Aber wer war nicht gegen Krieg, egal wo, egal gegen welchen Krieg? Wer in seinem Alter war nicht dafür, dass alle Menschen ein ausreichendes Einkommen hatten und nicht nur wenige reich wurden? Ja, natürlich, das alles würde er voller Überzeugung sagen und unterschreiben können, wenn es ihm nur seinem Ziel, das Jutta hieß, näher brachte. Er würde sich da nicht verbiegen müssen. Aber wollte man überhaupt so etwas von ihm hören? Und was wäre, wenn alle seine Begründungen und Erklärungen sie nicht überzeugen würde, und sie ihn heute einfach zurückschicken würden? Was sollte dann aus ihm und Jutta werden?

Entschlossen schob er diese ihn immer wieder quälenden Gedanken beiseite. Er war gespannt, auch etwas unruhig, aber er würde von seinem Plan nicht ablassen. Er wollte einen natürlichen, lockeren und vertrauenswürdigen Eindruck machen, wenn er vor diesem Genossen Rede und Antwort stehen musste. Und keinesfalls wollte er, so seine Strategie, diesem nach dem Munde reden.

Die Tür ging auf. Der Kleine schaute herein. In den Händen hielt er einen Stapel Schallplatten und einige der in der Nacht einbehaltenen Schriftstücke. Beides legte er wortlos auf den Tisch. Mit einem Blick auf die noch auf den Stühlen ausgebreiteten Sachen sagte er:

„Wenn sie mit ihrem Frühstück fertig sind, packen sie bitte ihre Sachen zusammen. Sie werden gleich abgeholt.“

Dann verschwand er. Wenig später erschien der Große. Obwohl ebenfalls sichtlich müde, wartete er geduldig, bis Peter Köster fertig war. Dann führte er ihn durch den Korridor an der Toilettentür vorbei nach draußen ins Freie.

Die Morgensonne stand noch flach am Himmel und schien ihm direkt in die Augen. Für einen Moment war er geblendet. Zügig überquerte der Große eine schmale Straße ohne Menschen oder Verkehr. Kurz darauf erreichten sie ein großes Tor, durch das sie in einen langgestreckten Hof gelangten. Vor einer Rampe standen zwei grüne Militärlastwagen. Eine schwarze, zivile Limousine mit langgestrecktem Kühler parkte neben der Eingangstreppe eines zweistöckigen, langen Bürogebäudes. Eine etwa zwei Meter hohe Betonmauer begrenzte den Hof nach den anderen drei Seiten.

Sie stiegen die wenigen flachen Stufen hinauf und betraten das Gebäude. Der Große blieb vor einer Tür ohne Aufschrift stehen und klopfte. Respektvoll wartete er ab, bis aus dem Zimmer „Herein“ gerufen wurde, öffnete die Tür und schob Peter Köster vor sich her ins Zimmer. In militärischer Haltung meldete er:

„Genosse Oberleutnant, ich bringe hier den Herrn Köster.“

Der so Angesprochene war ein etwa 35 bis 40 Jahre alter, nicht sehr großer, sportlich wirkender Mann in Zivil. Sein blasses Gesicht wirkte etwas hager, zeigte aber keine Falten. Die randlose Brille verdeckte nicht seine blass-blauen Augen, die Peter Köster von der ersten Sekunde an aufmerksam musterten. Die dunklen Haare, die die Blässe seines Gesichtes noch betonten, waren kurz, aber unmilitärisch geschnitten. Sein einfarbiger, fast schwarzer Anzug, den er mit weißem Hemd und einer gestreiften Krawatte trug, wirkte an diesem Ort merkwürdig unpassend. In seinen kaum gebräunten Händen hielt er ein dünnes Aktenstück, das er bei Peter Kösters Eintreten vom Tisch aufgenommen hatte, jetzt aber wieder zurücklegte.

Auf seinem großen Schreibtisch, vor dem ein einfacher, ungepolsterter Besucherstuhl stand, befanden sich die üblichen Büroutensilien, wie Telefon, ein Stempelkarussell mit einigen Stempeln, Stempelkissen und eine schwarze Bakelit-Schale mit Kugelschreiber und Bleistiften. Abgesehen von einem kleinen Stapel bedruckter Formulare und einem Block unbedruckten Papiers, lagen keine weiteren Schriftstücke auf dem Tisch, mit Ausnahme der dünnen Akte, die der Oberleutnant eben noch in der Hand gehalten hatte. Diese Leere verstärkte den Eindruck von Größe des Schreibtisches und der Bedeutung seines Nutzers.

Peter Köster hatte nicht den Eindruck, dass dieses ein normaler Arbeitsplatz war. Dagegen sprach die spärliche Zimmerausstattung, die nur aus einem verschließbaren Büroschrank bestand, einem zweiten, aber einfachen Tisch mit zwei Stühlen in einer Zimmerecke und den bekannten Landschaftsbildern an den Wänden.

„Guten Morgen, Herr Köster“.

Während der Oberleutnant den Großen mit einem fast unmerklichen Nicken entließ, wies er Peter Köster mit einer kurzen Handbewegung an, sich auf den Stuhl unmittelbar vor seinem Schreibtisch zu setzen. Dann vertiefte er sich schweigend in die vor ihm liegende Akte. Peter Köster vermutete, dass er in einem Protokoll der beiden Soldaten las. Er erkannte in einer Innentasche der Akte nun auch seinen Ausweis und den Reisepass sowie einige andere Dokumente.

Der Oberleutnant beachtete ihn weiterhin nicht, sondern las immer noch in dem Protokoll. Dann blätterte er langsam die Ausweise durch, vorwärts und wieder zurück, wie Peter Köster das schon bei den Grenzsoldaten gesehen hatte. Dann sah er sich die Schulzeugnisse an. Bei alldem verlor er kein Wort. Im Zimmer war es still, so still, dass Peter Köster nicht einmal wagte, sich auf dem Stuhl etwas bequemer zurechtzusetzen., aus Angst, etwaige Geräusche könnten den Mann vor ihm beim Lesen stören. Es war eine bedrückende, ja lähmende Situation, und die Tatsache, dass man ihn nichts fragte, beunruhigte ihn.

Peter Köster war sich sicher, dass er bereits kurze Zeit, nachdem er sich bei den Soldaten gemeldet hatte, Gegenstand einer Bürokratie geworden war. Vermutlich würden schon bald irgendwo in irgendwelchen Ämtern völlig fremde, über Telefon oder Fernschreiber informierte Menschen über ihn sprechen und eine weitere Akte anlegen. Und ohne sein Zutun würden sie dann früher oder später auch entscheiden, ob er sein Leben mit oder ohne Jutta leben würde. Nach welchen Kriterien diese Entscheidung vorgenommen werden würde, durch welches Verhalten und welche Antworten er sie positiv beeinflussen konnte, lag für ihn völlig im Dunkeln. Er wusste nicht einmal, ob sein Schicksal nur von formalen Verordnungen oder auch vom guten Willen solcher Leute wie dem vor ihm sitzenden Oberleutnant abhing.

Als hätten sich seine Gedanken mit denen des Oberleutnants getroffen, hob dieser jetzt den Kopf, musterte ihn noch für einen Moment, und sagte förmlich und ohne Wärme:

„Ich gratuliere ihnen zu dem Entschluss, die Staatsbürgerschaft der Deutschen Demokratischen Republik zu beantragen.“

Bei dieser unerwartet unpersönlichen, förmlichen Begrüßung zuckte Peter Köster für einen kurzen Moment innerlich zusammen. Schnell jedoch fasste er sich wieder und blickte sein Gegenüber aufmerksam an, gerade so, als habe er diese Form der Gratulation als angemessen erwartet.

„Bevor wir uns aber über ihren Antrag genauer unterhalten können, müssen sie sich erst einmal mit diesen Fragebögen beschäftigen,“ fuhr der Oberleutnant jetzt leidenschaftslos fort.

Er reichte Peter Köster eine Anzahl von Formularen, dazu einen Kugelschreiber und zeigte dann auf den kleinen Tisch an der Wand:

„Sie können sich dorthin setzen, da haben sie genug Platz. Lassen sie keine Frage aus und beantworten sie alle wahrheitsgemäß. Und wenn sie mit dem Platz für ihre Antwort nicht auskommen, dann nehmen sie ein Extra-Blatt. Wenn sie fertig sind, oder zwischendurch noch weitere Fragen haben, dann melden sie sich.“

Wortlos nahm Peter Köster Papier und Kugelschreiber entgegen und setzte sich an den Tisch. Gespannt blätterte er die Formulare durch. Er war neugierig zu sehen, was man alles von ihm wissen wollte. Das war nicht wenig. 12 Seiten mit einer Vielzahl sehr detaillierter Fragen. Nach seinen Eltern und Geschwistern wurde gefragt, dazu noch Angaben zu seinen weiteren Verwandten, vollständig natürlich. Auch von sämtlichen Freunden und Bekannten sollte er Namen, Adressen und Arbeitsstellen vermerken, und auch Angaben über Mitgliedschaften in Vereinen und politischen Parteien sollten aufgeführt werden.

Ergeben nahm er sich die erste Seite vor. Name, Datum der Geburt, Ort der Geburt usw. - alles schnell hingeschrieben. Aber schon bald fühlte er Widerwillen in sich regen gegen das, was hier von ihm verlangt wurde. Verdammt, dass er heute hier saß, war doch ganz allein seine Angelegenheit. Wieso sollte er zum Beispiel hier über seine Freunde irgendwelche Angaben machen? Keiner von ihnen wusste doch überhaupt von seinem Plan oder hatte gar etwas damit zu tun. Entschlossen drehte er sich zu dem Oberleutnant um:

„Kann ich sie mal etwas fragen?“

Er vermied die direkte Anrede. Das Wort „Genosse“ wollte ihm nicht über die Lippen kommen, und den Namen des Oberleutnants wusste er nicht.

Der blickte ihn fragend an.

„Warum soll ich eigentlich auf dem Fragebogen so viele Angaben über Leute machen, die mit meiner Übersiedlung nicht das Geringste zu tun haben, ja, die nicht einmal eine Ahnung davon haben, dass ich jetzt hier bei ihnen sitze?“

Die Frage schien den Oberleutnant nicht überrascht zu haben, denn er reagierte routiniert mit einem leicht vorwurfsvollen Unterton in der Stimme:

„Aber, Herr Köster, ich verstehe ihre Frage nicht ganz. Wenn sie nichts zu verbergen haben, dann können sie doch ruhig alles aufschreiben. Sie werden doch wohl Vertrauen zu uns haben, oder etwa nicht?“

Fragend blickte er Peter Köster an. Dieser hatte sofort verstanden, dass ihm hier so ganz en-passant Regeln aufgezeigt worden waren, die er in Zukunft würde beachten müssen.

Dem Oberleutnant war es offensichtlich ein Bedürfnis, die Philosophie seiner Antwort noch weiter zu erläutern. In einem fast väterlichen, besänftigenden Ton fuhr er fort:

„Nun, ich verstehe ihre Frage ja, Herr Köster. Wir stellen häufig fest, dass die westdeutschen Bürger, mit denen wir sprechen, nur schlecht über die politische Lage informiert sind. Meistens wissen sie nur sehr wenig darüber, welchen Angriffen der verschiedensten Art die DDR ausgesetzt ist. Das reicht von wirtschaftlichen Repressionen über Versuche der ideologischen Unterwanderung bis hin zu aktiven Spionagetätigkeiten. Dagegen muss sich die DDR selbstverständlich schützen, und zwar mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln. Und dazu gehört dann natürlich auch, dass wir genau überprüfen müssen, wer zu uns in die DDR kommt und ob die angegebenen Motive auch der Wahrheit entsprechen. Verstehen sie jetzt, warum wir ihre Angaben brauchen?“

„Na ja“, erwiderte Peter Köster noch nicht ganz überzeugt. „Aber nehmen wir mal an, jemand sei mit der Absicht hier eingereist, die DDR später auf irgendeine Art zu schädigen. Dann würde dieser Jemand doch zuvor alles so regeln, dass man bei eventuellen Nachforschungen keine Hinweise auf seine Absichten finden würde, oder?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, schob er die Schlussfolgerung aus seiner Hypothese schnell nach:

„Ich meine, was hilft es ihnen unter diesen Umständen, wenn sie alle diese Adressen und Angaben sammeln? Die Leute, die nichts von der hypothetisch bösen Absicht dieses Menschen wissen, könnten darüber auch nichts sagen. Die aber, die davon wüssten, würden wohl kaum etwas ausplaudern.“

Nach kurzem Zögern lenkte er vorsorglich etwas ein: „Natürlich haben sie mehr Erfahrung, und meine Schlussfolgerung erscheinen ihnen vielleicht etwas naiv. Aber trotzdem, ganz unlogisch sind sie vielleicht doch nicht“, fügte er fast trotzig hinzu.

Der Oberleutnant hatte aufmerksam zugehört. Noch immer zeigte sein Gesicht aber keine Regungen. Seine Antwort klang nachsichtig, aber doch bereits etwas genervt, gerade so, als müsse er sich ständig mit solchen einfältigen Argumenten beschäftigen.

„Herr Köster, ich weiß, was sie sagen wollen. Aber ihre Frage und ihre Schlussfolgerung lassen doch vermuten, dass ihre Kenntnisse über die gegenwärtige politische Situation sehr lückenhaft sind - ich sage ausdrücklich lassen vermuten. Und deswegen ist ihre Schlussfolgerung, wie sie ja selbst schon vermutet hatten, natürlich wirklich etwas naiv.

Also noch einmal: In der Tat ist es so, und ich habe das eben ja schon erwähnt, dass die Angriffe der kapitalistischen Staaten auf die sozialistischen Länder sehr vielseitig sind. Sie beschränken sich leider nicht nur auf die einzelnen Vorkommnisse, die wir gelegentlich auch öffentlich machen, um unsere Bevölkerung zu warnen. Diese beschreiben ja nur einen Bruchteil dessen, womit wir es hier zu tun haben. Und wenn wir nicht alle Fälle offenlegen, dann nur, weil wir dem Feind nicht in die Hände arbeiten wollen. Ich kann ihnen aber versichern, dass wir alles Notwendige dagegen tun, wirklich alles, um die Errungenschaften der Arbeiter- und Bauernklasse zu verteidigen. Dieser Abwehrkampf, und damit komme ich auch auf ihre Frage, fordert von jedem Einzelnen hier an der Grenze zu verhindern, dass Saboteure und Agenten eine Chance erhalten, sich unbemerkt in die DDR einschleusen zu können.“

Dem Oberleutnant waren diese Worte zügig von den Lippen gekommen. Offenbar hatte er diesen Vortrag schon häufiger gehalten. Er schien mit sich zufrieden.

Allerdings schien er nun auch die Verstimmung bemerkt zu haben, die sich auf Peter Kösters Gesicht abzeichnete. So versuchte er nun etwas weitschweifig einzulenken:

„Herr Köster, ich unterstelle ihnen damit natürlich auf keinen Fall, dass sie mit unlauteren Absichten zu uns gekommen sind. Aber verstehen sie: Wir wollen uns doch ein Bild von ihnen machen können, wollen wissen, was ihre soziale Herkunft ist, was sie bisher gemacht haben, welchen Umgang sie hatten, usw., kurz und gut, was sie für ein Mensch sind. Nur dann können wir für sie auch die optimalen Bedingungen für ein Leben in der DDR finden. Also, mit anderen Worten: Wir benötigen die Angaben im Fragebogen auch zu ihrem eigenen Nutzen. Und außerdem: Wer die Wahrheit sagt, der hat in der DDR auch nichts zu befürchten. Wer aber hier bei seiner Einreise wichtige Dinge, die dem Schutz der Bevölkerung der DDR dienen können, verschweigt, der wird sich früher oder später vor unserer Arbeiter-und-Bauern-Macht verantworten müssen.“

Die letzten Worte hatte er mit großem Nachdruck und hochgezogenen Augenbrauen fast deklamiert. Peter Köster entschied sich, darauf nichts mehr zu erwidern, und auch der Erklärungsbedarf des Oberleutnants schien fürs Erste gedeckt zu sein.

Es dauerte eine gute Stunde, ehe Peter Köster die Fragen auf den Formularen beantwortet hatte, jedenfalls soweit er das konnte. Auch eine Anzahl ergänzender Anmerkungen hatte er noch hinzugefügt. Gelegentlich Bedenken, dass eine der von ihm genannten Personen durch seine Angaben später irgendwelche Unannehmlichkeiten haben könnte, hatte er entschlossen beiseite geschoben. Was anders sollte er denn tun?

Der Oberleutnant hatte die ganze Zeit still und nahezu untätig an seinem Schreibtisch gesessen. Weder hatte das Telefon geklingelt noch hatte er selbst jemanden angerufen. Als Peter Köster sich nun bei ihm mit Handzeichen bemerkbar machte, hatte er den Eindruck, als habe der die ganze Zeit nur darauf gewartet.

Er stand auf, ging zum Schreibtisch und legte dem Oberleutnant die ausgefüllten Formulare auf den Tisch. Der nahm sie auf und forderte Peter Köster durch eine Handbewegung stumm auf, sich auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch niederzulassen.

Geübt überflogen seine Augen die erste Seite und verglich sorgfältig die persönlichen Angaben mit den Daten im Personalausweis. Die übliche rhetorische Frage 'Sie heißen Peter Köster?', die Peter Köster eigentlich erwartet hatte, wollte der Oberleutnant aber nicht beantwortet haben. Überhaupt ließ er sich beim stillen Studium der Daten reichlich Zeit. Dann, er hatte die letzte Seite umgeschlagen, richtete er sich in seinem Stuhl auf, und musterte ihn mit nachdenklichem Gesicht. Was mag jetzt kommen? dachte Peter Köster.

„Sie haben sich ja wirklich viel Mühe gegeben“, begann der Oberleutnant und fuhr dann in jovialem Ton und einem angedeuteten Lächeln fort. „Sie können sich nicht vorstellen, was wir hier manchmal erleben. Manche Leute verstehen die Fragen noch nicht einmal. Zum Beispiel, wenn wir fragen, ob sie in Westdeutschland politisch aktiv waren. Die denken, es ginge dabei nur um die Mitgliedschaft in einer Partei und vergessen, dass auch Gewerkschaften, oder beispielsweise die Friedensbewegungen, politische Organisationen sind. Na ja, das haben wir dann im Gespräch doch immer wieder klären können. Manche waren dann sehr überrascht.“

Ein zufriedenes Lächeln huschte für einen Augenblick über sein Gesicht.

„Aber dazu kommen wir dann später noch.“

Sein Lächeln versiegte und sein Gesicht spiegelte jetzt ganz die Konzentration auf seine amtliche Aufgabe wider.

„Ihre persönlichen Daten sind ja in ihren Ausweisen dokumentiert. Aber kommen wir jetzt mal zu ihrer beruflichen Tätigkeit. Sie schreiben hier, dass sie als Angestellter beim Finanzamt in D. tätig waren. Sie meinen doch sicherlich Beamter, denn das Finanzamt ist doch eine typische staatliche Dienststelle?“