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Der Roman »Transit Lissabon« folgt einer Gruppe von Freunden auf der Flucht: Ava, schauspielernde Wienerin mit Berlinerfahrung. Billy, Berliner Autor, der nach einem Eklat wegen seines provokanten Theaterstücks die Stadt verlassen musste. Conrad, Möchtegern-Intellektueller und Frauenheld, Avas Freund in Wien, der sich in der Not als zupackender Helfer entpuppt. Beide Männer sind in Ava verliebt, mit geringem Erfolg. In Paris bewegen sie sich in Künstlerkreisen, verkehren mit Joseph Roth, Franz Werfel und Max Ophüls, schreiben in Cafés, diskutieren in Restaurants oder im Jardin du Luxembourg. Bis die Franzosen den Deutschen nicht mehr standhalten und die Freunde über gefährliche Wege nach Lissabon gelangen, um eine Passage nach Übersee zu ergattern. Das bange Warten beginnt ... »Zuletzt hat Herta Müller eindringlich ausgeführt, dass jene, die ins Exil gezwungen wurden von den Nazis, zu wenig Beachtung in der Erinnerungskultur finden: Sabine Scholls neuer Roman Transit Lissabon belegt dies auf ebenso eindringliche Weise.« Katja Gasser
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Seitenzahl: 334
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Sabine Scholl
Roman
SABINE SCHOLL
ROMAN
Dieser Roman ist inspiriert von historischen Vorbildern, Aufzeichnungen und Dokumenten, seine literarische Ausgestaltung ist fiktiv. Die Protagonisten dieses Romans, abgesehen von Personen des öffentlichen Lebens, sind auf der Grundlage von Archivmaterial collagiert und fiktionalisiert.
Alle Rechte vorbehalten
© Weissbooks Verlagsgesellschaft mbH, Berlin 2024
Umschlag, Gestaltung und Satz: Harald Hohberger Grafikdesign, Berlin Unter Verwendung einer Fotografie aus dem Archiv des © ESPAÇO MEMÓRIA DOS EXÍLIOS
ISBN 978-3-86337-226-2
www.weissbooks.de
insta: weissbooksverlag
»Was ist das für eine Welt, in der man verrückt sein muss, um das Richtige zu tun?«
Aristides de Sousa Mendes
»Kennzeichnend für uns ist nicht, daß unser Leben durch ein (unerinnerbares) Intermezzo eine Unterbrechung erfahren hat, sondern daß die Zerfällung unseres Lebens in mehrere Leben endgültig geworden ist.«
Günther Anders, Post festum
»Ex-silio bedeutet ex-salto, ›hochspringen‹, ›aus etwas herausragen‹, ›emporschnellen‹, ›jubeln‹, auch vor Freude.«
Barbara Cassin, Nostalgie
Wetterwarnung: Am Morgen positioniert sich eine riesige Niederdruckzone am Nordatlantik und zieht gegen Nachmittag in Richtung Paris.
ANGRIFF, 15. OKTOBER 1929
Programm Wiener Konzerthaus: Vladimir Horowitz, Großer Saal, 19 Uhr
Reinigt eure Büchereien! Pflegt deutsche Kultur und zerstört minderwertiges und zersetzendes Schrifttum undeutscher Schriftsteller! Die ausgesonderten Bücher werden von der Studentenschaft gesammelt und später feierlich verbrannt
Österreich - ein deutsches Land. Der Führer heute in Wien!
Ein Sturm, der gestern über Paris niederging, verursachte mehrere Unfälle. Auf den Champs-Elysées warf er eine Kastanie um. Sieben Personen konnten sich retten, bis auf einen, den sie erschlug. Derselbe Sturm brachte auf dem Canal la Manche einen Fischkutter zum Kentern. Alles Insassen ertranken. Das Boot strandete heute früh unbemannt an unserer Küste.
Eine Well ist zusammengestürzt, man muß ganz anders schreiben. Warum emigriert? – Habe ich Fehler gemacht?... Weil man es nicht für möglich gehalten hat, daß das kommt ...Die Trauer und das Herumlumpen...
Die französische Regierung veranläßt in Frankreich sowie in den französischen Besitzungen, Kolonien, Protektoratsgebieten und Mandaten sowie auf dem Meere die Einstellung des Kampfes gegen das Deutsche Reich.
NICHT HIER, NICHT DORT
WERFT EURE HERZEN ÜBER ALLE GRENZEN
CHANTALS MEMOIREN I
WAS WILLST Dü MEHR?
ADLER UND PALMEN
CHANTALS MEMOIREN II
DAS HELLSTE LICHT
GALOPP GALOPP
DIE VERSCHEUCHTEN
CHANTALS MEMOIREN III
DAS SCHIFF PORTUGAL
ATLANTISCH
SYNKOPEN
CHANTAIS MEMOIREN IV
DAS PLÖTZLICHE LAND
LANDKARTEN AM HIMMEL
APFELSTRUDEL
ENTRÜCKUNG
HAUT AN HAUT
BRIMBORIUM
FLAUSEN
BOCA DO INFERNO
DAS BLAUE
GEWÖHN DICH NICHT!
SONNE TANZT
PASTEL DE BELÉM
KINDERKOLONIE
CHANTALS MEMOIREN V
DAS VERSCHWINDEN
KEIN BLICK ZURÜCK
ES IST VORBEI
NACHWELT
NACHWORT
QUELLENVERZEICHNIS
DANK
LE FIGARO, 1. Juni 1938
»Für mich bitte blutig!« Conrad hatte sich die französische Art des Fleischessens angewöhnt. Obwohl der Wind bereits in heftigen Böen durch die Straßen sauste, speisten die Freunde auf der Terrasse des Polidor.
»Schmeckt besser in frischer Luft.« Conrad rieb grobe Flocken aus der Pfeffermühle auf sein halbrohes Fleisch, tauchte einen Bissen in würzigen Senf.
Billy hingegen rauchte während des Essens, vergaß zeitweise sein Entrecôte, gestikulierte, zündete sich neuerlich eine Zigarette an, hustete dann, säbelte einen Bissen ab, steckte ihn zwischen die Lippen, während der Stummel, zwischen seine Finger geklemmt, weiterglühte.
Ava war nervös. Der Wind zerrte an ihrem breitkrempigen Hut. Ihr durchgebratenes Filet hatte sie in kleine Stücke geschnitten, das Fleisch war schwer zu kauen. Sie schob die zähen Fasern im Mund hin und her, konnte sie kaum hinunterschlucken. Noch hielten die knatternden Markisen den kräftiger werdenden Windstößen stand. Ava spülte mit Rotwein nach. Sie hoffte, dass Edmund unter den geänderten Umständen zur Vernunft kam und zurück zu ihr. Dann hätte dieser Aufenthalt in Paris endlich Sinn. Alle strampelten sich hier ab, um sich aus dem Nichts neu zu erfinden. Die Büros und Redaktionen, in denen sie bislang wie zu Hause waren, hatten sie zurückgelassen, genauso die täglich begangenen Straßen und ihre vertrauten Cafés. Stattdessen blieben ihnen nur ihre Köpfe als Gepäck, die trotz aller Ängste weitgehend eigenständig dachten, obwohl durch die politischen Verhältnisse bedrängt. Die meisten ihrer Bekannten waren entweder in billigen Pensionen gestrandet oder in mondänen Hotels abgestiegen, alle jedoch ungläubig und zögerlich, denn vielleicht wäre der Irrsinn bald vorbei und sie könnten sich wieder einfinden im Café Herrenhof in Wien, im Weinhaus Huth in Berlin und selbst bestimmen, wo sie wohnten, wie sie arbeiteten, wen sie liebten. Während ihres Aufenthalts in Paris bemühten sie sich nun zu tun, als hätten sie selbst entschieden, aufzugeben, was sie vorher waren, an den gewohnten Orten, wo sich nun die Ungeheuer versammelten, zum Schlachten aller Vernunft.
»Messieurs dames, wird ein schweres Unwetter«, bemerkte der Garçon, als er Teller abräumte und Mokkatassen vor sie stellte. Er zog die rot-weiß karierten Decken von den geleerten Tischen. Kurbelte die Markisen hoch. Alle Aschenbecher sammelte er zuvor ein, bis auf den von Billy. Der bewahrte seinen mit der Rechten vorm Sturz aufs Trottoir. Kippe im Mundwinkel, fuchtelte er mit seiner Linken. Begleitmusik zum heftigen Gespräch. Auch Ava griff nach einer Zigarette. Conrads Feuerzeug klickte beflissen. Sie zog Rauch ein, um ihre Atemzüge mit Nikotin zu beruhigen.
Dann, mit einem Mal, trommelte der Regen, platschte auf Tische, flutete kurzerhand den Gehsteig. Die Wasserrinnen am Straßenrand schwollen an, konnten nicht so rasch wieder abfließen. So schnell wie möglich liefen die Freunde in Richtung Café Le Tournon, hüpften über Pfützen und nahezu reißende Bäche. Ava hatte ihren brandneuen, schwarz-weißen Hut abgenommen, hielt ihn fest in der Hand, damit er nicht vom Wind davongetragen wurde. Fluchte auf ihr vom Regen zerrupftes Haar. Sie wollte schön sein. Für Edmund.
Freunde und Bekannte drängten sich bereits im Gastraum des Cafés, als wären sie verabredet. Avas Kleid klebte an ihrem Körper. Billys Anzug roch in feuchtem Zustand noch mehr nach Tabak und abgestandener Luft. Conrad schälte sich aus dem durchnässten Jackett, krempelte seine Hemdsärmel auf, zog einen Kamm durchs Haar, reichte ihn Ava weiter.
»Brauchst du?«
Sie schüttelte den Kopf, eilte in Richtung Toilette. Edmund war nicht im Café, das hatte sie gleich bemerkt. Vorm Spiegel fuhr sie sich mit den Fingern durch die Locken, strich sie nach hinten. Sinnlos. Zurück im Gastraum verlangte Ava eine Gauloises von Billy. Normalerweise rauchte sie eine andere Marke. Sie saugte den Rauch ein, begann zu husten, Conrad musterte sie. Besorgt. Sein Blick schweifte durch den Raum. Er hob die Hand, um Bekannte zu grüßen, zwinkerte einer blonden Frau zu, die allein an einem Tisch saß. Ihr Haar war trocken. Sie war wohl bereits vor dem Regen untergekommen, schaute zur Seite, als sie Conrads neugierigen Blick bemerkte. Er sah derangiert aus. Dann fiel ihm Avas erstarrte Miene auf, und er wandte sich ihr zu. Immer noch krallte sich die Freundin an die Idee, eines Tages wieder mit Edmund zusammen zu sein. Stellte sich vor, als Paar wären sie von allem Unheil, das sie jetzt umgab, erlöst. Conrad wollte Ava ablenken von ihrem aussichtslosen Traum.
»Konzentrier dich auf deine Arbeit! Als Schauspielerin hättest du in Paris wieder Chancen beim Film. Alles ändert sich und formiert sich neu, aus Not. Schau dich um! Berliner Filmleute tummeln sich hier. Curt Siodmak hat die Absicht, Edmunds Theaterstück zu verfilmen, mit Erich Pommer als Produzent. Vielleicht wäre eine Rolle für dich drin? Manchmal kommt sogar Max Ophüls hier vorbei. Gib dir einen Ruck!«
Ava hätte nur ein paar Schritte bis zu den Tischen der Regisseure aus Babelsberg. Da wäre noch Platz frei. Doch sie war durcheinander wegen ihrer Frisur und weil Edmund nicht kam, wie versprochen. Also nickte sie den wichtigen Männern bloß zu, setzte sich lieber zum Roth, der sich freute, sie zu sehen.
»Ich habe halt eine Vorliebe für Dichter mit einsilbigen Namen«, beteuerte Ava, zahlte dem Dichter eine Flasche vom Roten, die er mit seinen Freunden teilte. Sie strengte sich an, über die Witze der Keun zu lachen, deren Romane sie bewunderte, und wünschte, sie hätte diese bewegte Zeit in Berlin miterlebt. Aber sie war erst später dazugestoßen und zu kurz in der Hauptstadt geblieben. Das Wienerische hatte sie sich nie abgewöhnt. Ava kam nicht an gegen die schlagfertige Keun.
Ein paar Zigaretten und viele Gläser Wein später und weil Edmund unbegreiflicherweise noch immer nicht aufgetaucht war, wechselte die Gruppe vom Tournon in die Laterne, ein deutschsprachiges Kabarett, wo neuerlich Bekannte aufeinandertrafen, um zu tun, als könnten sie in Paris doch irgendwie so leben wie früher in Berlin oder auch in Wien. Aber wo sollten sie, einmal vertrieben, sonst hin? Dabei war kaum einer von ihnen mit seinen Werken ins Französische übersetzt, und die Pariser besuchten ihre eigenen Etablissements. Manchmal, spätnachts, sang Ava sogar, wenn sie die Schwermut nicht mehr ertrug. Der Friedrich Holländer am Klavier forderte sie auf. Sie konnte nicht sitzen bleiben, wenn er das tat. Er mochte ihre dunkle Stimme. Alles in allem dilettierten sie herum, verdienten kaum etwas, lebten von Erspartem oder von der Hand in den Mund. Nur Avas Bruder schickte ihr Geld aus der Schweiz. Das Dinner im Polidor bezahlte meist sie für die Freunde. Sie unterhielten sich, lachten und rauchten.
Edmund kam und kam nicht.
Ava stürzte einen Rouge nach dem anderen hinunter.
Billy klammerte sich an seinen Pastis.
Conrad trank vorsorglich Wasser. Einer musste ja nüchtern bleiben in diesem Welttheater. Er fühlte sich verpflichtet, aufzupassen auf die beiden Freunde, die immer wieder zurückrutschten in die Vergangenheit, während er selbst sich bemühte, vorauszusehen und zu planen. So wie jetzt. Wie sollte er die beiden Betrunkenen zurück ins Hotel bugsieren, während der Sturm draußen tobte? Dann stimmte der Pianist ein Lied an, das alle kannten. Kurt Weill hatte es vertont. Ihrer aller Hymne.
Ich will’s dir gestehn
Es war eine Nacht
Da hab ich mich willig
Dir hingegeben
Du hast mich gehabt
Mich von Sinnen gebracht
Ich glaubte, ich könnte
Nicht ohne dich leben.
Wann kommt der Tag, ach der Tag, nach dem ich bange?
Wie lange noch?
Wie lange noch?
Wie lange?
Ava sang, traf die Töne nicht mehr ganz. Edmund würde nicht mehr erscheinen, wahrscheinlich erschöpft von den Theaterproben, das wurde Conrad nun klar. Das Orchester spielte laut und lauter, der Rauch von Zigaretten wurde dichter, und Avas Kummer nahm zu. Ihr Glaube an die Liebe war ungeheuer groß. Sie fühlte sich nicht lebendig, ohne gesehen zu werden, berührt und verehrt, brauchte eine Bühne, den Laufsteg, die Szene. Abgeschnitten davon drohte sie zu verkümmern. Dabei hatten sie doch die literarische Agentur gegründet. Billys Idee. Sie ließen sich nicht unterkriegen. Könnten von Paris aus weiteragieren! Alle hier Gestrandeten hofften zu veröffentlichen, um zu überleben, um weiterzudenken, den freien Geist zu erhalten, den die Zurückgebliebenen so dringend benötigten. Aber die meisten Verlage und Zeitungen trauten sich nicht mehr, Aufsätze von aus politischen Gründen Vertriebenen zu drucken und ihre Meinungen, weil sie den offiziell verordneten widersprachen, zu veröffentlichen. Sie befürchteten, endgültig eingestellt zu werden, von Klagen belangt, mit Strafen belegt. Sofort nach der Machtübernahme der Nazis wurden Verleger durch Parteitreue ersetzt, manche gar verhaftet, manchen gelang es rechtzeitig zu fliehen. Bücher waren verbrannt worden, Bücher waren Asche und die Namen ihrer Verfasser zerstört. Einmal aufgenommen in die Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums, waren die Existenzen von Journalisten und Autoren restlos getilgt. Allein der Besitz ihrer Werke war gefährlich. Dagegen half ein Lied spätabends in einer Bar in Paris nur schlecht. Aber Singen half, die Weile zu überbrücken, die es brauchte, bis alle betrunken genug waren, sich nicht mehr zu erinnern, wer sie gewesen waren, bevor sie aufbrachen.
Später, viel, viel später in dieser Nacht streifte Ava ihre hochhackigen Sandalen von den Fersen, das Leder noch dunkel vom Regen, und erhob sich, um allein in Strümpfen zu tanzen. Conrad sprang auf, packte sie, tat, ganz Kavalier, als hätte er sie zum Tanz aufgefordert. Die Freundin schwankte, er flüsterte ihr ins Ohr: »Du bist sicher müde. So, so müde.«
Da legte sie ihren Kopf auf seine Schulter, obwohl er kleiner war als sie, sogar ohne Absätze. Ihren Hut hatte sie irgendwo abgelegt. Vielleicht wusste Billy, wo sie den wiederfand. Aneinander gelehnt, schleiften sie über den dreckigen Boden, die Werfels schauten herüber, mitleidig oder schadenfroh. Alma wie immer viel zu elegant gekleidet. Als wäre sie auf dem Weg zu einer Premiere in einem Land, das es nicht mehr gab. Sie drückte die Handtasche aus Krokodilleder fest in ihren Schoß, nippte am Champagner. Ihre Blicke waren Conrad egal. Er musste Ava schützen. Das hatte sie verdient.
In dicken Lettern taumelte ihm das Wort entgegen. Billy schüttelte sich, wies das Blatt zurück. Warum soll ich die Zeitung der Braunen lesen? Warum liegt die hier überhaupt aus? Im Weinhaus Huth, in Berlin, dieser Zuflucht, wo sollte er denn sonst hin, mit der alten Mutter in der Wohnung, immer öfter ohne Kohlen. Hier wurde geheizt, getäfelte Wände, gepolsterte Sitze in Brokat, dicke Suppen, die Freunde sowie Damen vom Theater, die ihn selten genug bewunderten. Der Kellner nickte ihm aufmunternd zu. Brachte ihm das Blatt mit einer Tasse schwarzen Kaffee und den Schwenker gleich dazu, Cognac, mit Schwung, weil der Kellner Billy gut kannte.
»Bitte sehr, Herr Doktor Friedländer.«
Billy zitterten die Hände. Der Tumult gestern Abend vorm Theater war ihm die ganze Nacht nicht aus dem Sinn gegangen. Uniformen, glatt gewichste Schuhe, Kappen mit glänzendem Schirm. Hakenkreuzler Fahnen schwenkend. Grölten und übertönten den Lärm von Automobilen. Keiner von denen hatte doch die Generalprobe gesehen. Woher wussten die überhaupt, wovon sein Stück handelte? Wirtschaft und Korruption, eine Satire. Warum die sich angegriffen fühlten? Betraf sie selbst doch kaum, Beute der Gedanken von anderen. Sicher, Billy hatte das Stück geschrieben, um zu provozieren. Was denn sonst? Die Chance für Spielereien längst perdu. Nach dem Großen Krieg hatten sie gedacht, Worte zu verschieben, sei genug, Sprache zu zerlegen, reichte. Aber die Materie. Die Materie spielte allen einen Streich. Geld und Waren, das Öl wurden mittlerweile verschoben, und die schlimmsten Schweine wurden damit reich. Genug von Steckenpferden. In diesen Tagen brauchte es klare Kante. Nach der Premiere saßen sie noch in der Kantine des Theaters, das gesamte Ensemble, die Lenya, der Busch, die Neher, der Lorre und feierten groß. Bei Premiere ein Muss. Schampus, Schnittchen, Kurze. Doch das Gebrüll am Nollendorfplatz hörte nicht auf. Also verschwanden sie alle durch die Hintertür, weit nach Mitternacht, unbemerkt von den Krakeelern.
Am Morgen darauf schlug Billy die Zeitung auf. Hielt den Atem an. Der Name Goebbels stach ihm ins Auge. Er schrieb über die Aufführung und ihren Autor, den er verdamme und »An den Galgen«, so der Titel des Artikels, bringen wolle. Goebbels tobte. Er verbot, kündigte an, das Theater zu schließen, falls Billys Stück nicht verschwinde. Spielplan revidiert oder Ende Gelände: Deutsches Tier – Gewürm – Geziefer. Bange schluckte Billy seinen Cognac, verlangte nach einem zweiten. »Stoßt den Fremdling aus dem Pelz«, lautete die Parole.
Billy schaute sich um. Alle steckten ihre Köpfe tief in die Blätter, keiner blickte auf. Noch nicht. Oder war ihm kein Blick mehr gegönnt, war er unsichtbar ab nun? Billy schmiss Münzen auf den Tisch aus Marmor. Billy floh. Wohin aber? Das Kaffeehaus war Wohnung, Arbeitsplatz, Bildungsanstalt. Hier diskutierten, hier stritten sie und versöhnten sich wieder, von den schönsten Frauen wurde Billy adoptiert, sie wollten für ihn sorgen. Doch eine Mutter hatte er schon, wollte lieber, dass sie hingerissen wären, sich angezogen fühlten, von seinem Witz, seiner Eleganz, seiner Wut. Half alles nichts. Wahrscheinlich musste er fort. Ja. Fort.
Billy telefonierte, kaufte eine Fahrkarte. Die Ava in Wien würde ihn empfangen. Sicherlich. Er atmete durch. Adieu Mutter. Für immer wahrscheinlich. Die verlor trotzdem keinen Ton. Weil sie nichts ahnte. Billy auch nicht. Die Mutter verstand bloß Gefahr, die drohte, falls Billy bliebe. Nie wieder würden sie sich sehen. Bald raste der Zug durch die Nacht. Adieu Berlin, adieu Dada, ade Deutschland, wie es war, hätte sein sollen, können, adieu Freundinnen und Freunde, adieu geistverwandte Streiter!
Während seiner Fahrt durch das finstere Land dachte Billy an Ava und hoffte, dass kein Grenzbeamter seine Papiere ausgiebig kontrollierte.
Ava Blom: rotbraune Locken, Perlenstirnband, gekreuzte lange Beine, bei Probeaufnahmen im Filmstudio Babelsberg. Billy hatte sie begleitet. Die hochgewachsene, schlanke Wienerin in der deutschen Hauptstadt. Erwartungsvoll. Im Theater am Schiffbauerdamm hatte sie nicht wirklich den Erfolg, den sie sich erträumte. Dabei hatte der Reinhardt die Ava extra nach Berlin geholt. Ihr kleines Zimmer in der Pension am Kudamm, Ecke Fasanen. Auch beim Film klappte es nicht gleich das erste Mal. Ava wollte trotzdem unbedingt. Mit den winzigen Rollen beim Reinhardt war sie nicht zufrieden. Sie war noch so jung. Das Radio bot sich an, ihre schöne dunkle Stimme, theatererprobt. Reichte fast zur Sängerin. Leider nur fast. Billy kannte sich aus. Seine Mutter hatte an der Berliner Oper gastiert. So lernte sie seinen Vater kennen. Später sang sie nur mehr für ihren Gatten. Und den kleinen Sohn. Also unterhielten Billy und Ava sich anfangs über Opern, nachdem sie herausgefunden hatten, dass beider Kindheit voll davon gewesen war. Avas Großmutter war Sängerin in Wien, und Billy kannte ganze Partituren auswendig. Wort für Wort. Schade, eigentlich, dass seine Mutter nicht mehr auftrat, nachdem sie schwanger geworden war.
»Also schwanger, nein, ich nie«, beteuerte Ava. »Ich will alles: Liebe, Kunst, Freiheit. Dazu passen keine Kinder.«
»Wer ist heutzutage denn frei? Machen wir uns nichts vor!« Billy saugte an seiner Zigarette. Ava lachte nur.
NEUES WIENER JOURNAL, 17. Oktober 1929
Sie wusste sich zu vergnügen. Abends Konzerte in der Stadt, tagsüber frische Luft in den grünen Bezirken Wiens. Im Herbst zum Heurigen, im Sommer bevorzugt im Schwimmbad, wo sie Schauspielerkollegen traf. Auch einige Schriftsteller waren dabei. Die meisten von denen weigerten sich, ihre Körper zu zeigen, saßen im Anzug, elegant sommerlich, aber aus Leinen immerhin, auf Stühlen zwischen Sonnenliegen, während Ava im marineblauen Einteiler mit bedachten Schritten in Richtung Schwimmbecken defilierte. Weiße Stoffstreifen rahmten ihre leicht gebräunte Haut. Die hellen Köpfe mit ihren Strohhüten sprachen über Politik und schielten doch auf Avas lange Beine. Jeden ihrer Blicke spürte sie auf der Haut, worüber sie sich freute. Auf dem Heimweg promenierten Freundinnen und Freunde vorbei an den Villen der Berühmten. Werfels wohnten hier. Trotzdem ging das Paar nie schwimmen. Sie waren nicht sportlich. Illustre Gäste empfingen sie in ihrem Salon jeden Donnerstag, und an anderen Tagen ließen sie sich von anderen stadtbekannten Größen empfangen.
Doch ob Freibad, Heurigen, Kaffeehaus, allein wollte Ava nie sein, sie brauchte eine Begleitung. Oder mehrere. Wenn das Wetter zum Schwimmen passte, fand sich immer einer, der hinaus ins Grüne kam. Regnete es, nahm Ava die Tram hinein ins Zentrum. Dort trafen sich alle meist im Café Herrenhof, der Werfel, der Leo, der Alfred, der Kuh, der Kisch, die Kaus. Und natürlich der Kraus. Sie verbrachten die düsteren Stunden bei einem Mocca und vielen Gläsern Wasser aus der Leitung, bemerkten nicht, wie rasch die Zeit verging. Am besten gelang Ava das Vergessen, wenn sie im Schwimmbecken ihre Bahnen zog. Das Strandbad in den Weinbergen, in der Nähe ihres Elternhauses war mondän. Hohe Warte mit Blick über die Stadt. Ein Gebäude aus Beton und Glas mit Schiebedach, das sich zu einer Liegewiese hin öffnete. Seine Geschichte war ganz nach Avas Geschmack. Eigentlich als Hangar für Flugzeuge errichtet, kaufte eine Filmproduktionsfirma die Anlage. Taufte sie Dreamland. Große Projekte waren geplant: Wien als künftige Filmstadt. Kinder wurden als Statisten für Massenszenen engagiert. Als Mädchen wollte sie schon dabei sein, die Eltern unterstützten sie anfangs, obwohl Avas Mutter sie zu den Drehtagen nie begleitete. Ein Kindermädchen brachte sie dorthin. Manchmal rückten die Filmleute die kleine Ava sogar in den Vordergrund.
Wenn es im Spätsommer nicht mehr so heiß war, spazierten die erwachsene Ava und ihre Freunde an Nachmittagen zum Heurigen. Sie genoss die gemeinsamen Wanderungen in den Weinbergen: Hirschgraben, An den langen Lüssen, Mauer. Die grünen Berliner Bezirke, Schlachtensee und Grunewald waren bei weitem nicht so abwechslungsreich, fand sie. Eigentlich kein Vergleich mit Wien. Zu viele Bäume und Gebüsch, kaum sonnige Stellen, nur um sich dann in schlammig dunklem Wasser abzukühlen. Die arrogante Vicki Baum besaß dort eine Villa. Abbildungen hatte Ava in Berlin noch in der Dame gesehen. Die Redakteurin ließ sich mit Sohn und Boot ablichten, schick in Hosen, tailliertem Jackett und Männerhut, immer voll geschminkt. Denn eigentlich gab ihr kleines Mäusegesicht, außer den großen Augen, die sie mit Farbe betonte, nicht so viel her. Jedenfalls musste die Wienerin in Berlin - weiterhin kursierten hier so einige Geschichten über sie – als Redakteurin sehr gut verdienen. Ein dickes Auto fuhr sie auch. Chauffierte es selbst. Na, egal mit wem die Vielschreiberin – eine gute Geschäftsfrau ist sie zudem – je liiert war. Es hieß, sie hätte in ihren frühen Wiener Jahren gar komponiert und wäre eigentlich ausgebildete Musikerin. Na, wer’s glaubt!
Inzwischen hatte Ava ohnehin nichts mehr am Hut mit Berlin, zog Nußdorf, Kahlenberg oder Cobenzl vor. Zwischen den Reihen von Rebstöcken waren bei den Winzern, die frischen Wein ausschenkten, lange Holzbänke platziert. Die Freunde bestellten das hellgelbe Getränk in Karaffen, holten Brot, Schwarzwurzeln in Rahm, Schweinsbraten, Krautsalat vom Buffet, später Zwetschgenfleck und Apfelstrudel. Sie merkten nicht, wie viel Wein sie tranken, und taumelten in der Dämmerung zurück auf Wiesenwegen in Richtung Stadt, fielen ins Gras, rollten kichernd die Wiesen hinunter, rafften sich wieder auf. Flohen, bevor andere Betrunkene zu singen begannen, weinerliche Lieder, Worte in unerträgliche Längen gezogen, nicht mehr klar artikuliert. Dazu jaulte eine Melodie mit Zither oder Geige. Ava hasste diese verschwommenen Klänge, das Wiener Gejammer, wie sie es nannte. Liebte nur Opern, das Erhabene, die blinkende Pracht, den Glanz der Bühne und dass sie selbst sich aufputzte, herrichtete wie für einen Auftritt. Denn es war einer, jedes Mal, wenn sie im Foyer erschien oder in einer rotplüschig ausstaffierten Loge mit wechselnden Begleitern und Großmutters Schmuck. Die hatte Ava schon als Mädchen in die Oper eingeladen, weil sie dort sang, keine Hauptrollen, aber immerhin. Ihre Mutter blieb währenddessen daheim, froh, das Kind loszuhaben, saß bis tief in die Nacht an der Schreibmaschine. Ava hörte ihr Klappern noch, während sie im Bett lag, und hörte das Tippen, wenn sie aufwachte, durfte nur bei äußersten Notfällen ins Arbeitszimmer. Deshalb wollte Ava immer auf die Bühne. Nur nicht wie die Mutter sein. Nicht enden wie sie. Dem Vater fühlte sich Ava näher, am allernächsten in der Familie aber ihrem Bruder. Doch der Wolfi war längst fort. In die Schweiz. Ein Wunderkind. Und wenn Ava einen Schmerz wegen Mamas frühem Abgang hatte, dann war der an einen Ort verräumt, wo sie ihn nicht spürte. Weil sie ihn nicht wollte. Weil sie sich weigerte. Sie behauptete, dass das alles längst vergessen war.
Billy auf der Flucht. Hungrig und voll Zorn auf die Welt. Sein Zug ratterte durch die Nacht. Um sich abzulenken, memorierte er im Halbschlaf Partituren, die er in Berlin mit Ava durchgegangen war, versuchte sich an ihre eindrucksvolle Stimme zu erinnern. Nach dem Schauspielen, nach dem Singen hatte die Freundin dann plötzlich schreiben wollen, weit genug von ihrer Mutter entfernt. Und sie beobachtete gut. Also stellte Billy sie der einflussreichen Baum vor, Redakteurin der Zeitschrift Die Dame. Elegant war die Freundin ja, Döblinger Elternhaus, das war schon ein Anfang, und die Baum stammte aus ähnlichen Verhältnissen. Zuerst war sie freundlich, gleichzeitig ganz professionell. Doch die kleinen Texte, die Ava verfasste, nahm sie ihr nicht ab. Zu wenig Witz. Da fehlte Chuzpe. Ava war eben noch nicht lang genug in Berlin. Traf nicht den richtigen Ton. Dann klappte doch etwas. Ein einziges Mal durfte sie eine Kolumne schreiben für die schickste Zeitschrift Berlins. So hat die Ava ihre Geschichte dann eine Weile im Kaffeehaus allen erzählt, leicht übertrieben. Den meisten war das ohnehin egal. Ava führte sich auf, als schriebe sie bereits Bücher, machte auf wichtig, mit ihrem weichen österreichischen Akzent, schwärmte, wie viel besser der Kaffee in Wien doch sei. Berlin mochte sie trotzdem. »Begegnungen in der Tram«, lautete der Titel der Kolumne. Und schließlich kriegte sie sogar eine kleine Rolle in Babelsberg. Dazu musste sie ihr Haar blond färben, was ihr gar nicht gefiel.
»Das bin ich nicht, sag, Billychen! Das bin doch nicht ich. Blond, lächerlich.« Dann war der Film ein Flop, kam nicht einmal in die Kinos. Kurz danach kehrte die Freundin zurück nach Wien.
»Endstation, Endstation!« Der Schaffner hetzte durch die Waggons.
»Na, hoffentlich ist’s nicht das Ende! Für mich!« Billy grinste, strich mit flachen Händen über seinen zerknitterten Anzug, zog den Kamm durchs Haar. Geschafft! Griff nach Mantel, Koffer und der schweinsledernen Aktentasche. Sein ganzer Besitz ab nun. An die zurückgelassene Bibliothek wollte er noch gar nicht denken. Dann kam der Zug mit Rädergekreisch zum Stehen, Leute drängten am Bahnsteig zum Ausgang, Gepäckträger schrien, Taxifahrer strichen auf der Suche nach Kundschaft zwischen den Gleisen herum. Billy schlenderte in Richtung des Gebäudes, eilte die Treppen hoch, suchte nach dem vertrauten Gesicht, der schlanken Gestalt. Kaiserin-Elisabeth-Bahnhof, hatte die Ava gesagt, eine Marmorhalle fast so groß wie der Bahnhof in Berlin. »Reste unseres Kaiserreichs«, spottete sie, »die Hauptstadt wurde herrschaftlich angelegt«, und beim Klang ihrer Stimme aus dem Telefon war es Billy fast angenehm gewesen, sie wiederzusehen, auch wenn der Grund seiner Reise ein unfreiwilliger war. Er griff nach der Zigarettenpackung, blickte um sich, und bevor er sich noch eine Kippe anzünden konnte, bemerkte er die Freundin. Gekleidet in herbstfarbenem Tweed mit schickem Hut, Krempe über die Stirn gezogen, ihre dünnen, wie aufgepinselten Brauen kaum sichtbar. Sie reichte ihm das Stückchen nackter Haut über ihrem Lederhandschuh zum Kuss. Billy gehorchte.
»Willkommen in Wien!« Sie hakte sich ein. Zog ihn die Freitreppe hinunter, an Marmorstatuen vorbei. Sie überquerten die breite Straße im Laufschritt, und dann hielt Ava abrupt vor einem gelb gestrichenen großen Haus.
»Was ist?«
Sie deutete auf die Fassade: »Wir sind schon da. Schau, das Mosaik, Flucht nach Ägypten, am Erker. Passt doch, oder?«
»Wenn du meinst …«
»Das ist dein Hotel. Fürstenhof. Und hier.« Sie führte ihn an die Straßenecke. »Dein Kaffeehaus. Westend.«
»Westend, wie in Berlin?«
»Komm, Conrad wartet. Will dich kennenlernen.«
»Wer?«
Sie bugsierte Billy durch die Drehtür, schlug den bordeauxroten Samtvorhang zurück, zwinkerte dem Kellner zu, ging schnurstracks nach hinten, betrachtete sich im Spiegel gegenüber dem Buffet. Billy musterte die mit Kuchen und Torten gefüllte Vitrine, sein Magen grollte Bestätigung, doch er folgte Ava. Sie war schneller, weil ausgeschlafener, streifte ihre Handschuhe ab, ließ sich in die roten Polster fallen. Da saß bereits ein Gast, ein schmaler Mann mit freundlichen Augen, das Haar rotblond, mit Sommersprossen, der aufsprang, sich leicht verbeugte.
»Habe die Ehre, Conrad …«
Er murmelte einen Nachnamen, den Billy nicht verstand, nicht verstehen wollte, nicht im Geringsten disponiert, neue Bekanntschaften zu machen auf der Flucht, seine Nerven in Aufruhr. Wem konnte man schon trauen, gab genug Nazi-Anhänger auch in Wien, und überhaupt, kriegte denn Ava nie genug? Er verzog seine Miene, grummelte eine Art Gruß, sank auf die gepolsterte Bank, zumindest saß er hier weicher als im Zugabteil zweiter Klasse.
»Ich brauche dringend Kaffee.«
»Kaffeee«, wiederholte Ava mit Betonung auf dem e. In Berlin hatte sie sich das straffere Kafffe, mit Betonung erster Silbe angewöhnt. Sie imitierte gut, was immer ihr vorgesagt wurde, aber zurück in ihrer Stadt wienerte sie wieder unverschämt, so wie der Kerl da, dieser Conrad. Die beiden fragten Billy nicht nach Woher und Wie und seinem überstürzten Aufbruch, dem vorangegangenen Malheur, den Skandal seines Theaterstücks, die Gefahr, die Goebbels darstellte, für sie alle eigentlich, und was er nun vorhabe in Wien. War vielleicht besser so, denn er hatte ohnehin keine Ahnung. Vor allem war er müde.
»Warte mal, ruh dich aus! Billy!«
Avas Hand sorgsam auf seinem Arm.
»Schlafen, essen, weniger rauchen! Wenn du dann wieder am Damm bist, stelle ich dich einigen Leuten vor.«
Sie fuhr fort, sich mit Conrad zu unterhalten, Blicke nach links, nach rechts zu werfen, dem Ober zuzulächeln, als der den Kaffee vorbeibrachte.
»Merk dir das, Billychen. Großer Schwarzer. So heißt, was du in Hinkunft bestellst.«
Er wollte nicht, dass sie mit ihm wie mit einem Kind sprach, nicht vor einem anderen Mann. Wo sie den wieder herhatte! Billy wollte der Einzige für Ava sein und war gleichzeitig zu kaputt und zu verknautscht von der schlaflosen Nacht.
»Schau, dieses Kaffeehaus wird ab nun dein Revier. Dein Wohnzimmer. Hier kannst du schreiben und später in die Innenstadt flanieren.«
»Die Leute gehen langsamer hier, schleichen fast. Das ist mir gleich aufgefallen.«
»Je kleiner die Stadt, desto geringer das Tempo! Daran wirst du dich gewöhnen.«
Conrad lachte. Spöttisch? Was die Ava wohl mit dem wollte? Oder bereits hatte?
Billy schlürfte seinen Schwarzen, verlangte einen nächsten. Dann bestellte ihm die Freundin Semmel, Butter, Ei im Glas. Er mampfte, während Ava plauderte, tratschte, rauchte, sich mit Conrad über Menschen unterhielt, die Billy nicht kannte. Und die ganze Zeit über steckte der kleine Wiener sich keine Zigarette an, sondern sprang nahezu aus seinem Jackett, das ihm über die knochigen Schultern hing, sobald Ava eine Kippe aus ihrer Packung schüttelte. Klickte mit dem Feuerzeug, hielt die Hände fürsorglich über ihre Finger, als gebe es im Kaffeehaus Wind, der die Flamme zu löschen drohte. Der kleine Mann suchte Avas Nähe, wo er konnte. Ihr schien das selbstverständlich. Dann wurde Billy es müde, die beiden zu beobachten, als wäre er in einem Theater, und er schlurfte, endlich satt, um die Ecke ins Hotel, seinen neuen Unterschlupf. Heim, mochte er das Zimmer nicht nennen. Und fürstlich sah anders aus. Die Bettdecke ausgefranst, der Staub auf dem Schirm der Nachttischlampe nicht gewischt. Billy hing seine Dreisachen auf Bügel, wusch sich Hände und Gesicht, warf sich aufs Bett und schlief angezogen ein.
Flugblatt, April 1933
Die Flugblätter waren über die ganze Stadt verteilt. Doch niemand wollte sich ergeben. Trotz aller Anfeindungen. Ava behauptete ihren Platz auf der Bühne. Billys Freund, der Theaterautor Edmund, war ihm aus Berlin nach Wien gefolgt. Gezwungenermaßen. Keiner der Freunde von früher befand sich noch in der deutschen Hauptstadt. Jede Äußerung dort bedeutete Gefahr für Leib und Leben. Bücher und Artikel konnten sie nicht mehr publizieren, Theaterstücke blieben ungespielt. Diejenigen, die nicht sofort das Weite suchten, hofften auf Wien als Zwischenstation, als Warteraum, und dass ihre Arbeit in dieser noch nicht völlig von Nazis verseuchten Stadt weitergehen würde. Edmunds Schauspiele gelangten hier auf die Bühne. Sogar mit Erfolg. Ava trat in seinen Stücken auf und verstand jeden Satz so, als hätte sie ihn selbst geschrieben.
»Wir sind Geschwister im Geiste. Ich verkörpere deine Worte.«
Edmund. Seine dunkelbraunen Augen. Sein geschmeidiger Gang. Seine fein geformten Finger. Als Ava ihm vorgestellt wurde, hatte sie ihn sofort erkannt. Dabei sah sie ihn zum ersten Mal. Sein Blick war ihr vertraut. Und Edmund sagte nicht nein. Aber er schrieb Ava auch keine größere Rolle und blieb stumm, wenn sie fragte, wie es mit ihnen beiden weitergehen sollte. Im Grunde existierte für ihn nichts anderes als das Theater. Nach den Proben bemühte sich Ava, lang zu bleiben. Im Dunkeln hinter der Bühne tastete er dann nach ihrem Körper, wollte sie an sich ziehen. Wenn keiner sie zusammen sah. Sie gab sich hin. Im Kaffeehaus danach behandelte Edmund Ava wie alle anderen. Machte keinen Unterschied. Küsschen und Umarmungen für jedermann. Muße zum Herumsitzen und Trinken und Reden hatte er ohnehin kaum.
»Unsichere Zeiten. Wer kann sich da binden. Wir leben von Moment zu Moment«, lautete seine Erklärung, sobald sie ungeduldig wurde. Und je öfter Edmund sie abwies, desto größer wurde Avas Verlangen. Edmund verbrachte die Abende im Theater bei Proben, saß bis Mitternacht mit dem Bühnenbildner oder dem Requisiteur zusammen, überarbeitete danach die Dialoge oder reiste für ein paar Tage an den Wolfgangsee, allein, wie er sagte, wo er schrieb, wie er sagte. Ava schickte täglich Postkarten und Briefe, bot an, zu kommen, um gemeinsam zu schwimmen, zumindest die Abende mit ihm zu verbringen. Edmund sagte nicht nein. Doch er sagte auch nicht ja. »Das Werk geht vor. Wir dürfen jetzt nicht aufgeben. Die politische Situation verlangt’s.«
Fast begann Ava an sich zu zweifeln. Lenkte sich mit Billy ab, der sie verehrte, und mit Erinnerungen an Berlin, die sie ausbreitete vor ihm. Aber Billy wollte nicht über die verseuchte deutsche Hauptstadt reden, weil Berlin nicht mehr existierte, wie er sagte. »Ditt is nich Balin!« Seine Stadt sei nunmehr unsichtbar. Berlin gehöre den Nazis, todbringenden Schreiern. Also hörte Ava auf, davon zu reden, weil jeder Gedanke daran Billy verstimmte. Ihr Bruder Wolfi schrieb aus der Schweiz, sie sollte zu ihm. Sich retten. Wolfi, Wunderkind und Witzbold. Mit dreißig Professor an einer Züricher Universität. Aber statt Wolfi hatte Ava jetzt Billy für den Humor. Billy spielte mit Worten, plusterte sie auf mit viel Luft, leichtes Gebäck, manchmal zu hitzig, aber immer unterhaltsam.
»Komm!«, schrieb der Bruder. Wieder und wieder. Doch Ava war nicht bereit, wollte nicht fort aus Wien und lieber warten, dass Edmund sich endlich entschloss. Zu ihr. Conrad hingegen wartete auf Ava. Falls sie ihn brauchte, war er zur Stelle. Als Tröster. Als Helfer und Bewunderer. Und irgendwann vielleicht auch mehr. Billy hatte sich entschlossen, nicht länger etwas von Ava zu erwarten, und wurde bitter. Besuche beim Heurigen bereiteten den Freunden nicht länger Spaß. Die Gespenster abgereister oder verschwundener oder gefangengenommener Menschen saßen mit auf den Holzbänken, und die Zurückgebliebenen wussten nicht, was ihnen noch blühte.
Einige Wochen ging das so, dann spazierte Edmund eines Nachmittags ins Herrenhof, am Arm frische Beute, eine junge hellblonde Frau mit kurzem Haar und dunkler Stimme, grüßte fröhlich in die Runde. Warum Edmund sich immer Schauspielerinnen suchte, deren Stimmen so wie meine klingen, überlegte Ava. Eigentlich ein gutes Zeichen. Dann verbeugte der Freund sich kurz und stellte das Mädchen vor, nannte ihren Namen, etwas wie Mara oder Lina. Ava hörte nicht hin, bis Edmund hinzufügte: »Meine Verlobte.« Die Kleine grinste verliebt, das frische Paar suchte einen Platz weit weg von Ava, die mit Billy und Conrad den Nachmittag in plüschgepolsterten Sitzecken verbrachte. Die beiden Männer hatten sich längst angefreundet, müde davon, Konkurrenten im Werben um Ava zu sein. Sie witzelten über Edmund, dem die Frauen zuströmten, ohne dass er dazu was tat. Ava versuchte mitzulachen, was ihr nicht gelang. Nahm einen Schluck Kaffee, brachte ihn nicht runter, lief zur Toilette, trank Wasser aus dem Hahn, hustete, spuckte. Ihr Lippenstift verschmiert. Was tun? Sie entschuldigte sich bei den Freunden, verließ das Kaffeehaus, irrte draußen herum, wollte erst zu Fuß in Richtung Döbling laufen, dann war es ihr zu weit, sie stieg in die Tram, zuckelt hinaus in die Vorstadt, schloss die Tür des Elternhauses auf. Wenn der Vater nicht da war, lungerte der Geist ihrer verstorbenen Mutter hier herum. Eine Frau stets in Sorge um andere als ihre eigenen Kinder. Ava und Wolfi hatten ihre Launen ertragen, mussten still sein, durften sich nicht nähern, wenn sie mit Migräne im Bett geblieben war: Leise spielen, nicht lachen, auf gar keinen Fall lachen, und wenn Mama sich dann erholt hatte, verließ sie das Haus. Zu Vorträgen. Der Vater unterstützte seine Frau, setzte ihrem Weiterkommen nichts entgegen. Trotzdem flüchtete sie sich heimlich in die Tabletten. Warum wusste keiner.
Ava kramte in der Lade des Nachtkästchen neben dem Bett der Eltern. Vater war zu Besuch beim Bruder in der Schweiz, dem erfolgreichen, dem lustigen, dem gut situierten Wolfi, ein glänzendes Vorbild. Während Ava tausend Sachen ausprobierte, dann nichts zu Ende brachte, in Kaffeehäusern Tage totschlug, mal was schrieb, mal zum Film wollte, mal heiraten, mal die Hauptrolle in Edmunds Theaterstück anstrebte, mal die wichtigste Rolle in seinem Leben, mal mit Billy flirtete, mal mit Alma gut gestellt war und mal Werfels Ehefrau in Grund und Boden verdammte. Sie, die alles anfing und nichts weiterführte, mittlerweile dreißig, unentschieden, weder verheiratet noch hatte sie einen festen Beruf, keine Bestimmung, außer der Kunst, und alberte vor allem herum. Wer war sie denn geworden? Nur die, die sie auf der Bühne darstellte? Und danach? Die Julia hatte sie lang schon hinter sich gebracht, Ophelia war ihr zu eingeschränkt, so wie die Frauen in Opern, die zum Schluss immer sterben müssen, so sicher wie das Amen im Gebet. Sie hatte es satt. Für eine Tragödin lachte sie zu viel, und die Rolle der Femme fatale führte zu gar nichts. Hätte sie ihr Haar abschneiden und heller färben sollen? Für Edmunds Geschmack? Eine Stimme, die wie die ihrer Mutter klang, schimpfte in ihr, weil Ava sich nie für etwas wirklich entschied, sondern nur reagierte, sich bloß um Strümpfe, Schmuck, Gesang und Gaudi sorgte. Die Echos von Mutters Gezeter ließen nicht los. Sie schrie herum, weil die Tochter erlebte, was sie selbst nicht hatte erfahren können, und da saß nun Ava in dem verfluchten leeren Elternhaus, dem sie nicht entkam, mit dunklen Möbeln und Vorhängen mit Mustern, die sie hasste. Sie hatte das nie gewollt, diese gottverdammte Bürgerlichkeit, Mamas Kreischerei im Kopf. Ruhe! Ava warf das Veronal, eine Tablette nach der anderen, ein, spülte nach, legte sich aufs Bett, entzündete eine Zigarette, stand wieder auf, holte Cognac, trank, um den Schmerz zu betäuben, den Verrat von Edmund. Wie konnte er nur! Einfach so, keiner hatte sie vorgewarnt, und da tauchte der Hundling mit einer falschen Blonden auf, in ihrem Stammcafé, und endlich wurde Ava müder. Wollte nichts mehr denken, nichts sehen, nichts fühlen. Vor allem das.
WELTBLATT, 15. März 1938
Gerade noch rechtzeitig waren sie aufgebrochen. Edmund hatte den Anfang gemacht. Zuerst floh er aus seiner frischen Ehe und reiste dann zur Aufführung der französischen Version seines Theaterstücks nach Paris, um die Proben zu begleiten. Einige seiner Bücher und Dramen waren bereits übersetzt. Zum Glück!
Die anderen kamen nach. Wo sonst konnte einer sich aufhalten außer in Paris, wenn ein Mensch Hirn besaß und Augen im Kopf und sehen konnte, was die Nazis in Deutschland und nun auch in Österreich trieben. Inzwischen wüteten sie in Wien. Leerten die Häuser jüdischer Besitzer, bedienten sich an Hausrat und Möbeln. Rissen den Menschen auf der Straße den Schmuck vom Körper. Schleppten Wertsachen aus Schubladen und Schränken der Verstoßenen. Die, die nicht rechtzeitig geschafft hatten zu fliehen, waren deportiert oder bereits tot.
Seitdem mochte Ava auf gar keinen Fall darüber reden, dass sie für immer hatte abtreten wollen in Wien. Nun galten andere Gesetze. Den Anschluss verstanden die Bereitwilligen als Befehl und machten sich daran, ihre letzten Reste von Menschlichkeit aufzugeben. Das Tier brach los.
Ava genierte sich. »Ein Ausrutscher«, so redete sie inzwischen über den Vorfall, »romantischer Irrtum, nicht der Rede wert.« Doch hätte Conrad damals nicht eine Unruhe befallen und wäre der Freundin nicht in die Villa nachgefahren, wäre Ava für immer entschlafen und ihrer Mutter in den Tod gefolgt.
Um kein Aufsehen zu erregen, verließen die Freunde Wien getrennt. Zuerst nahm Conrad am frühen Morgen den Express, begleitet bloß von seinem Koffer, um nicht aufzufallen. Verabschieden musste er sich nicht groß. Seine Eltern waren bei einem Unfall vor ein paar Jahren gestorben, seitdem lebte er ohne Bindungen und von einem geringfügigen Erbe. Familienhaus gab es keines. Ein paar Tage später folgte Billy mit kleinem Gepäck und traf sicher am Gare de l’Est ein. Ava machte eine Woche Station in Zürich, wo jetzt der Vater beim Bruder lebte. In Sicherheit und gut versorgt. Regelmäßig schickten die beiden Ava Geld. Billy war bei weitem schlechter dran, ohne Nachrichten von seiner Mutter. Außer einer Postkarte vom Bahnhof Grunewald, auf der sie schrieb, sie ginge nun auf große Fahrt. Dabei hatte die Mutter ihre Stadt noch nie verlassen. Sie hasste Reisen. Die Ungewissheit über ihren Verbleib nagte an ihm. Billy aß kaum mehr, rauchte stattdessen Gauloises in rauen Mengen. Andererseits fand er sich in Paris gut zurecht. In den Zwanzigerjahren war er Korrespondent gewesen, eine aufregende Zeit, bezahlter Aufenthalt, das Hotel nicht allzu schlecht, der Tabak stark. Mehr brauchte Billy nicht. Nun wollte er nutzen, was er kannte, und etwas unternehmen. Nur nicht untätig sein und zu viele Gedanken an Verlorenes aufkommen lassen! Wo doch so viele Schriftsteller in die französische Hauptstadt geflüchtet waren.
»Und Schriftstellerinnen!«, warf Ava ein.
»Genau. Wir machen eine Agentur. Du bist besser auf der Schreibmaschine als ich.«
»Leider. Meine Mutter hat mich gezwungen, Tippen zu lernen. Ich habe mich so gelangweilt. Eine Quälerei. Genauso wie die sinnlosen Stunden am Klavier.«
»Das Klimpern brauchst du hier nicht. Aber Tippen ist Bombe.«
Die Freunde kamen im selben Hotel unter: Hotel l’Univers. Rue Monsieur le Prince.
