Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Sommer 2010. Roman Engel schlägt die Zeit mit knüppelharter Musik und Killerspielen tot. Beim Hochschulsport begegnet ihm Julia. Sie ist aufregend anders und begeistert sich sogar für schwedischen Prog Metal! Roman schwebt auf rosa Wolken – bis er ihr Geheimnis erfährt: Julia hieß ursprünglich Julian, sie wurde als biologischer Junge geboren und wünscht sich eine geschlechtsangleichende Behandlung. Ein rätselhafter therapeutischer Rat schickt das ungleiche Paar auf eine Odyssee durch das nächtliche Ruhrgebiet. TRANSMISSION ist eine tragikomische Lovestory und ein rasanter Roadtrip, der in einem Fechtturnier auf der Autobahn gipfelt.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 351
Veröffentlichungsjahr: 2024
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
transmission
PIA LÜDDECKE
1. Auflage: 1. September 2024
© Edition Outbird, Gera www.edition-outbird.de
Cover-Artwork: Viola Hahn
ebook Gestaltung: Danilo Schreiter
Autorenporträt: Eberhard Kamm
Lektorat: René Porschen, Tristan Rosenkranz, Alexandra Wenzel
Alle Rechte vorbehalten.
Darf ich vorstellen: Roman Engel, Gefühlszombie. Ich sage das lieber gleich, um falschen Erwartungen vorzubeugen. Dies ist keine Lovestory. Es ist auch keine dieser ekelhaft kitschigen Geschichten über Freundschaft, bei denen sich am Ende alle in den Armen liegen. Falls sich nun jemand fragt, was es ist: Ich habe nicht die geringste Ahnung.
Wenn ich ganz zum Anfang zurückspule, kommt mir die Horrorkomödie Shaun of the Dead in den Sinn. Da gibt es diesen fertigen Typen, Shaun, der innerlich dermaßen abgestumpft ist, dass er gar nicht mitkriegt, wie seine Welt in Schutt und Asche versinkt. So war ich drauf, im Sommer 2010.
Das Ruhrgebiet ächzte unter einer Hitzewelle. Im Radio warnten sie vor hohen Ozonwerten. Der smogverpestete Himmel flimmerte über den Dächern der Stadt wie die Luft über einem Hochofen. Hätte man durch den Spalt der Jalousien gelinst, hätte man Menschen wie Untote umherschlurfen sehen.
Mich juckte das herzlich wenig. Ich hatte das Interesse an dem, das da draußen vor sich ging, schon vor langer Zeit aufgegeben. Und ich war nicht wirklich unzufrieden, halb nackt in meiner abgedunkelten Wohnung, die Kippe im Mundwinkel, eingehüllt von Zigarettenrauch, allein mit meinen Metal-Helden. Meine obsessive Beschäftigung mit Bands wie Animals as Leaders oder Dream Theater wurde allein von meiner Sucht nach Killerspielen übertroffen. Wer brauchte soziale Kontakte, wenn er die neue Playstation hatte? Um meine Aufmerksamkeit zu erregen, hätten die Zombies schon direkt an mein Fenster im zweiten Stock trommeln müssen. Wobei ich sie vermutlich nicht mal dann wahrgenommen hätte, da ich die Boxen meist bis zum Anschlag aufgedreht hatte. So vertrieb ich mir die endlosen Stunden mit Musik, Killerorgien und gelegentlichen rhythmischen Klimmzügen am Türbalken.
Irgendwann meldete mich mein alter Herr über meinen Kopf hinweg beim Hochschulsport an. Ich hatte als Teenager ein paar Jahre lang gefochten, wie es sich für den Spross einer bildungsbürgerlichen Familie gehört, und er meinte, es würde mir guttun, dieses Hobby wiederzubeleben. Britney nickte, als hätte sie da irgendwie mitzureden. In Wahrheit nervte sie der Lärm von oben. Vielleicht fürchteten sie auch, ich hätte irgendwo ein echtes Scharfschützengewehr versteckt und könnte mich aus meinen Polstern erheben, um dem Elend ein Ende zu bereiten. Das war natürlich absoluter Hirnriss. Meine Shooterphase hatte ich schon vor Tagen überwunden. Inzwischen spielte ich Hitman: Blood Money. Hier konnte man seine Feinde mit Torte vergiften oder sie von hinten erdrosseln, sie unter herabstürzende Lüster locken oder durch einen gezielten Schubs ins Alligatorenbecken ausschalten. Als Agent 47 hatte ich Dutzende ebenso raffinierte wie heimtückische Mordmethoden perfektioniert. Hätte ich den alten Mann und seine Mätresse ernsthaft umbringen wollen, hätten sich unauffälligere Mittel und Wege gefunden. Diese Argumentation führte ich vor meinem Vater aber nicht aus.
Ich war kein Student der Hochschule, und würde es nach Meinung meines ehemaligen Mathelehrers auch nie werden, doch wie sich herausstellte, galten für Bochumer Professorensöhne alle möglichen Privilegien. Zum Beispiel, dass man ohne Studentenausweis gegen Ende des Semesters in einen laufenden Unisportkurs einsteigen konnte. Ich war zu gleichgültig, um mit ihnen über den Sinn dieser Maßnahme zu diskutieren. Also entstaubte ich meine Rolltasche, die fünf Jahre in der Abstellkammer vor sich hin gemodert hatte, packte mein altes Equipment zusammen, zog meine Cappy zum Schutz gegen die Sonne tief in die Stirn und fuhr mit der U-Bahn zur Markstraße, wo ich mich bei irgendeinem Übungsleiter in Halle XY melden sollte.
So kam es, dass ich Julia Vai kennenlernte.
Wir hatten keinen besonders guten Start.
Um ehrlich zu sein, bemerkte ich sie zunächst nicht einmal. Bis ich die richtige Halle ausfindig gemacht hatte, waren die Leute bereits komplett vermummt, mit Masken und astronautenmäßigen Ganzkörperanzügen. Woher sollte ich denn wissen, wer darunter steckte? Es interessierte mich auch nicht. Auf Julia als Person wurde ich daher erst am Ende unseres Gefechts aufmerksam, als sie blutend vor mir stand und mich aus tränenden Augen anfunkelte. Tja, das war unschön. Ich hatte es irgendwie geschafft, die Glocke meiner Waffe unter ihren Latz zu hebeln und ihr einen fetten Kinnhaken zu verpassen. So etwas konnte vorkommen, wenn man seinen Abstand und seinen Ärger nicht unter Kontrolle hatte. Mann, ich war angepisst! Ich hatte vergessen, wie es sich anfühlte, zu verlieren. Dann noch gegen ein Mädchen! Julia – wobei ich zu diesem Zeitpunkt bloß ihren Nachnamen kannte, der in blauer Blockschrift auf der Rückseite ihrer E-Weste prangte, wie es bei Turnierfechterinnen üblich war – hatte einen ungewöhnlich athletischen Stil. Sie jagte über die Bahn wie ein Squashprofi, wechselte blitzschnell die Richtung. Und ich war leider ziemlich aus der Übung. Bei jedem ihrer Treffer ballte sie die hintere freie Hand zur Faust, als wäre das hier ein Scheiß-Punkteturnier. Es machte mich wahnsinnig. Ich wusste plötzlich wieder, warum ich diesen Sport aufgegeben hatte. Er weckte in mir einen Killerinstinkt, den kein Mann real ausleben sollte. Meine mühsam antrainierte Selbstbeherrschung war kurz davor zu kollabieren wie eine Lunge beim Pneumothorax. Meine Atmung ging stoßweise. Wer hatte mich noch mal dazu gedrängt, bei tropischer Hitze Hallensport zu betreiben? Unter meiner Montur drang mir der Schweiß aus allen Poren. Wie sollte man da einen kühlen Kopf bewahren? Es stand vier zu zwei gegen mich. Ich hatte die Schnauze voll, nahm Anlauf, holte aus, stutzte, weil mein Gegenüber nicht zurückwich, da prallten wir auch schon zusammen. Ihre Klinge bog sich wie eine gespannte Bogensehne, ich war ihr direkt in die Waffe gerannt, es glich einem Wunder, dass sie nicht zerbrach. Parallel zum durchdringenden Piepen des Melders dröhnte mir ein zorniger Schrei in den Ohren – mein eigener. Statt meine Niederlage anzuerkennen, wie es jeder normale Mensch tun würde, der nicht von akuten Aggressionen zerfressen war, setzte ich reflexartig nach, und ich legte meine gesamte Kraft in diesen letzten Hieb, als wäre der Kampf durch die grüne Lampe nicht längst entschieden, als könnte ich das Ruder noch herumreißen.
Meine Gegnerin stolperte zurück und zog sich in einer fast erstaunten Bewegung die Maske vom Kopf. Dabei blieb ihr verschwitztes, dunkles Haar kurz im Innenfutter hängen und fiel dann wie ein Vorhang über ihre Schultern. Ein Haargummi kullerte zu Boden. Ihr Gesicht war gerötet vor Anstrengung. An ihrem Kinn leuchtete eine Schramme, die gleich zu bluten begann. Dicke scharlachrote Tropfen landeten auf dem silbernen Kragen ihrer E-Weste.
Mir wurde schwummerig.
Sie wischte sich fahrig über das Kinn, starrte erst ihren blutbefleckten Handrücken, dann mich aus großen, dunklen, von Wimperntusche verschmierten Augen an.
»Scheiße!«, entfuhr es ihr mit rauer Stimme. »Geht’s noch?«
Ich grummelte eine halbherzige Entschuldigung. »Sorry, Mann.« Irgendetwas in der Richtung. Richtig leid tat es mir nicht, schließlich hatte ich es nicht absichtlich getan. In mir brodelte der Frust über die Niederlage.
Sie marschierte zur Holzbank am Rande der Fechtbahn und presste sich das darauf liegende Handtuch gegen das Kinn. Ich schaute krampfhaft woanders hin. Im nächsten Moment hörte ich das Kabel ihrer Rolle zurückflitschen. Sie hatte sich einhändig abgeschnallt und verschwand in der Umkleide.
Da fiel mir auf, dass die üblichen Trainingsgeräusche – das Klirren der Klingen, die schnellen Schritte, das Quietschen von Gummisohlen auf dem Hallenboden – verstummt waren. Meine neuen Teamkollegen hatten ihre Gefechte unterbrochen und glotzten. Schreie des Zornes oder Triumphes waren in einer Fechthalle nichts Ungewöhnliches, aber dass jemand eine blutige Schneise hinter sich herzog, kam eher selten vor. Die Theologiestudentin, die an der Nachbarbahn auf ihren Einsatz wartete, schüttelte empört den Kopf, als hätte mein Ausraster sie persönlich beleidigt. (Keine Ahnung, ob die Frau wirklich katholische Religion studierte, aber mit ihrer Kurzhaarfrisur und dem strengen Gouvernantengesicht erinnerte sie mich an meine ehemalige Reli-Lehrerin.) Der Übungsleiter durchbohrte mich mit einem eiskalten Blick, was fast noch schlimmer war – der Kerl hatte mir schon vorhin bei meiner Ankunft Respekt eingeflößt: ein siegfriedartiger blonder Hüne von zwei Metern, mit dem Kreuz eines Ruderweltmeisters und dem aufbrausenden Temperament eines Schalke-Profis. Er war auch mit den Typen nebenan im Kraftraum befreundet. Dort trainierten sie Gewichtheben mit Langhanteln und Schattenboxen vor großen Spiegeln.
»Alles in Ordnung!« Ich bleckte die Zähne zu einem gorillaartigen Lächeln und hob den Daumen.
Zum Glück verloren die anderen schnell das Interesse. Gefechte wurden weitergeführt, Pausengespräche fortgesetzt. Nur der alte ukrainische Trainer, der mit seinen Gummibärchen auf einem Kasten vor dem Geräteraum saß, fuchtelte, als wollte er mir etwas mitteilen. Ich blickte demonstrativ über ihn hinweg, schnallte mich ebenfalls ab und schüttete einen halben Liter Wasser in mich hinein. Anschließend sammelte ich meine verstreuten Sachen ein. Meine Körpertemperatur kühlte langsam, viel zu langsam, auf Normalniveau ab. Ich brauchte unbedingt eine Dusche. Dann würde alles wieder cool sein. Als ich mich mit meiner Fechttasche am Geräteraum vorbeischob, fuchtelte der Trainer immer noch.
»Juuunge!«, rief er mit einem breiten, slawischen Akzent. »Kooomm!« Trübe Augen rollten wild in den Höhlen, unter buschige Brauen, die grau wie Stahlwolle waren. In seinem nikotingelben Siebzigerjahre-Trainingsanzug wirkte er wie ein Troll, der sich als Mensch verkleidet hatte. Alterstechnisch verortete ich ihn irgendwo zwischen sechzig und neunzig.
Ich seufzte schwer, ließ das obere Ende meiner Rolltasche zu Boden sinken und verschränkte die Arme, um ihm zu signalisieren, dass seine Standpauke von mir abprallen würde. Was der Troll zu sagen hatte, ging mir am Arsch vorbei. Rausschmeißen konnte er mich ja schlecht. Die Privilegien …
Er hielt mir die Gummibärchen hin. »Niiimm!«
»Bitte?«
»Niiimm!« Die Augen rollten wild und bedrohlich.
Mir war nicht nach Süßigkeiten zumute, echt nicht. Aber ich traute mich nicht, das Angebot auszuschlagen. Also nahm ich zwei von den roten Weingummis, bei denen ich mir nie sicher war, ob sie nach Himbeere oder Erdbeere schmeckten.
Er klopfte neben sich auf den Kasten. »Willst reden?«
Was sollte das denn jetzt werden? Ich überkreuzte die Beine und schob die Gummibärchen mit der Zunge von der rechten in die linke Backentasche.
»Bist sich starker Junge. Musst sich achten Abstand. Kontrollieren Kraft. Kontrollieren Zorn.«
»Ich habe das nicht extra …«, begann ich.
»Njaaa«, sagte er, was auch immer das heißen sollte. »Njaaa.«
»Aber ich habe das echt nicht …«
»Nicht extra! Ist sich raue Sport. Wie geht es Mädchen, he?«
Ich zuckte mit den Schultern.
»Geh!« Er wedelte mit seiner Gummibärchentüte, als könnte er mich nicht schnell genug loswerden. »Geh Junge! Musst sich kümmern Mädchen! Geh!«
Ich brauchte ungeschlagene fünfeinhalb Minuten, um mich unter die kalte Dusche zu stellen, mir die Haare einzuseifen, das Shampoo auszuspülen, mich hastig abzutrocknen und mir Jeans und T-Shirt überzustreifen. Das Training endete in zehn Minuten. Ich war nicht scharf darauf, dem hünenhaften Siegfried und seinem eisigen Blick zu begegnen. Daher wollte ich weg sein, bevor die Leute aus der Halle strömten. Vor allem wollte ich dem Mädchen nicht begegnen.
Draußen wallte mir milde Sommerabendluft entgegen. Ich umrundete einen knallgelben Porsche älteren Baujahrs, einen 911 Turbo mit schwarzen Felgen und Heckspoiler, der mit prolliger Selbstverständlichkeit im Parkverbot direkt vor der Halle stand. Vom Asphalt stieg Wärme auf. Die leuchtend grünen Blätter der knorrigen Ahornbäume kräuselten sich in der Brise wie die Pompons von Cheerleaderinnen. Ich schlug den Weg zur U-Bahn ein. Die kleinen Rollen meiner Fechttasche schrappten knirschend über das Pflaster. Aus Richtung der Wohnheime kamen mir Studenten mit Bierdosen entgegen. Die waren wohl schon in Ferienstimmung. Theoretisch hätte ich das auch sein können, schließlich hatte ich sozusagen Dauerferien. Aber ich wollte nur schnell zurück nach Hause, eine Runde meucheln.
Am Fuße der Treppe zur U35, die im Stadtteil Querenburg über Tage verlief, schulterte ich meinen Fechtsack. Oben auf dem Bahnsteig hätte ich am liebsten gleich wieder kehrtgemacht, weil ich meine Gegnerin von eben auf einer der Metallbänke sitzen sah. Verdammt! Was tat die denn schon hier? Sie hatte offensichtlich nicht geduscht, was ziemlich befremdlich war. Sie trug eine lange, geknöpfte Sporthose und eine verwaschene schwarze Baumwoll-Trainingsjacke mit Reißverschluss, den sie trotz der Wärme bis zum Kinn zugezogen hatte. Ihre mittellangen dunkelbraunen Haare waren zu einem strammen Zopf zurückgebunden. Die Schramme, die ich ihr zugefügt hatte, blutete nicht mehr. Die Haut drumherum war veilchenblau verfärbt. Sie sah aus, als wäre sie in einen Boxkampf geraten. In ihren Ohren steckten zwei billige Minikopfhörer, deren Kabel zu dem MP3-Player in ihrer Jackentasche führten. Ein ausgebeulter schwarzer Armeerucksack, aus dem zwei krumme Florettklingen hervorlugten, stand auf dem Platz neben ihr. Ich überlegte, mich hinten an ihr vorbei zum anderen Ende des Bahnsteigs zu mogeln – doch es war zu spät. Sie hatte mich erkannt und zog sich den Kopfhörer aus dem linken Ohr. »Sag mal, verfolgst du mich?«
Ich ließ meine Tasche von der Schulter gleiten. Jeder normale Mensch hätte schlagfertig pariert: Sehe ich so aus? Wieso sollte ich? Dasselbe könnte ich dich fragen! Warum hast du nicht geduscht? Aber alles, was mir dazu einfiel, war: »Nee.«
»Dann bin ich ja beruhigt«, erwiderte sie mit ironischem Unterton.
Ihre Stimme war auffallend tief und rau wie Schmirgelpapier. Damit könnte sie Alissa White-Gluz Konkurrenz machen, dachte ich.
»Sorry noch mal wegen vorhin«, sagte ich laut, obwohl es mir immer noch nicht richtig leidtat.
Sie nickte und wollte sich wieder ihrer Musik zuwenden, wahrscheinlich der übliche Mainstream-Mist, den alle hörten, überlegte es sich dann aber anders. »Wie heißt du eigentlich?«
»Roman.«
»Ha!«
»Entschuldigung?«
»Das erklärt so einiges.«
»Hä? Wieso?«
Sie wiederholte meinen Namen, ließ ihn sich auf der Zunge zergehen. »Roman. Von Romanus. Der Römer.« Ihre unwahrscheinlich dunklen Augen blitzten spöttisch. Sie waren von einem tiefen Haselnussbraun, mit schimmerndem Goldrand. Ich hätte Julia damals nicht als hübsch bezeichnet, wirklich nicht. Ihre Figur war eine Spur zu jungenhaft, die Nase zu markant für ihr schmales Gesicht. Kein Vergleich zu den Mädchen aus meiner ehemaligen Stufe oder den Beachvolleyballerinnen, die hinter dem Hallenkomplex auf dem Sandfeld trainierten. Und dann noch das Ungeduschte. Aber ich hatte nun mal eine Schwäche für dunkle Augen in Verbindung mit rauen Schmirgelstimmen. Daher machte es mich nervös, auf diese Weise von ihr gemustert zu werden. Da schlummerte noch etwas anderes in ihrem Blick, ein Geheimnis, irgendwo unter der Oberfläche.
»Bist du deshalb so aggro?«, fragte sie herausfordernd. »Weil du immer gewinnen musst? Ist das die römische Eroberermentalität?«
»Aggro?«, erwiderte ich lahm. »Ich bin doch nicht aggro!«
Ihre Mundwinkel kräuselten sich zu einem Schmunzeln. »Sie nennen dich Aggro-Man.«
»Was? Wer?«
»Alle.«
Na super. Ganz großartig. Die hatten schon einen Scheiß-Spitznamen für mich.
»Obwohl ich finde, dass du eher was von einem Psychokiller hast«, plauderte sie munter weiter. »Scheinbar harmlos, doch ehe man sich versieht, bäm, auf die Fresse!«
Das wurde ja immer besser. Ich ärgerte mich tierisch – am meisten über mich selbst. Das mit dem Fechten war eine extrem dumme Idee gewesen. Zum ersten Mal dabei und schon verkackt. Am besten meldete ich mich gleich wieder ab. Ich war einfach nicht gut in freier Wildbahn. Wo lag der Sinn, sich mit echten Menschen herumzuschlagen, wenn man zu Hause ein wunderbares virtuelles Waffenarsenal gehortet hatte? Da konnte ich lässig Leute verkloppen, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen.
»Entspann dich, ich bin nicht so leicht kaputt zu kriegen«, sagte meine Kontrahentin, die meine Miene falsch interpretierte. »Du bist nicht der erste Typ, der mir blaue Flecken verpasst. Ich habe jahrelang Wettkämpfe gefochten. Da muss man einiges einstecken. Was meiner Meinung nach immer noch besser ist, als sich mit einem wehrlosen Gegner zu Tode zu langweilen. Hey, wie wäre es mit einer Revanche? Nächste Woche?«
Sie meinte es vollkommen ernst.
»Mal schauen.«
Es kam mir komisch vor, dass sie überhaupt nicht mehr sauer war. Wobei das jetzt wohl auch keine Rolle mehr spielte, da ich nicht vorhatte, dieses Training jemals zu wiederholen. Ich klopfte meine Hosentaschen nach den Zigaretten ab. Ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte, um die Restwartezeit von zwei Minuten zu überbrücken. Hundertzwanzig Sekunden konnten sich ewig hinziehen, wenn man mit der falschen Begleitung am Bahnsteig stand.
Sie zog die Nase kraus.
»Auch eine?« Ich bot ihr meine zerknautschten Kippen an.
»Igitt, nein! Kein Wunder, dass deine Kondition so kacke ist!«
»Meine Kondition ist kacke, weil ich fünf Jahre nicht gefochten habe«, entgegnete ich schnippisch.
»Dann solltest du erst recht nicht rauchen. Im Ernst! Ich habe dich nur besiegt, weil du dein Florett am Schluss nicht mehr unter Kontrolle hattest.«
Ich öffnete den Mund, um etwas einzuwenden. Prompt ertönte das charakteristische Knacken der Stromschienen. Die U35 brauste heran. Bremsen quietschten. Automatiktüren zischten auseinander.
Meine Kontrahentin sprang auf und schulterte schwungvoll ihren Rucksack, als hätte sie kein zweistündiges Workout hinter sich. »Was ist, Killer? Kommst du?«
Ich seufzte lautlos und steckte meine Zigarettenschachtel zurück. Die ganze Sache war mir nicht geheuer: dieser spöttische Unterton, die belehrende Art und das angedeutete, an Überheblichkeit grenzende Dauerschmunzeln, als wüsste sie etwas, das mir entgangen war. Am liebsten hätte ich mich allein nach ganz hinten in eine leere Sitzgruppe verzogen und mir aus reinem Protest eine Kippe angezündet. Sie schlängelte sich durch den Gang und ließ sich in einen freien Plastikschalensitz fallen. Den Rucksack stellte sie zwischen ihren Füßen ab. Ich trottete mit meiner sperrigen Tasche hinterher und hockte mich auf die Kante des Platzes schräg gegenüber. Es war klimaanlagenkühl.
»Ich bin übrigens Jo«, stellte sie sich vor.
»Aha«, sagte ich. »Von Johanna?«
»Nein«, sagte sie.
»Josefine?«
»Nein. Einfach nur Jo.«
»Das ist doch kein richtiger Name«, sagte ich.
»Ist es doch!«, behauptete sie.
»Sowas geht in Deutschland?«
»Eigentlich heiße ich Julia, aber seit meiner Kindheit nennen mich alle Jo.«
Also doch, dachte ich. Die Bahn rumpelte los. Außer uns befanden sich ein paar betrunkene Jugendliche und eine Hutzel-Oma mit einer Plastiktüte voller Leergut im Abteil.
»Du klingst wie Alissa White-Gluz«, sagte ich, was sicherlich ein bisschen gemein war, aber so war ich nun mal, wenn man mich in die Enge drängte. Außerdem musste ich es einfach loswerden.
Sie runzelte die Stirn. »Wie wer?«
»Die growlt bei The Agonist«, erklärte ich und fügte gönnerhaft hinzu:»Das ist eine kanadische Death-Metal-Band.«
Sie stieß ein helles, leicht gekünsteltes Lachen aus. »Ist das ein Kompliment oder eine Beleidigung?«
»Geschmacksache.« Ich nickte zum MP3-Player in ihrer Trainingsjackentasche. »Was hörst du?«
»Geschmacksache«, konterte sie.
»Ja was denn?«
Sie hielt mir den freien Minikopfhörer entgegen, der über ihrer linken Schulter baumelte. Ich lehnte mich skeptisch vor – und merkte, wie mir die Kinnlade herunterklappte, als mir der treibende Beat des Songs Scarsick vom gleichnamigen Album aus dem Stöpsel entgegenhämmerte. Okay, das war unerwartet! Ich hatte noch nie ein Mädchen getroffen, das sich für schwedischen Prog Metal begeisterte. Diese Jo konnte nicht nur fechten wie ein Junge, sie hatte auch einen krassen Musikgeschmack. Langsam wurde sie mir echt unheimlich.
Sie grinste. »Und?«
»Pain of Salvation.« Ich nickte und gab mir Mühe, meinen Enthusiasmus in Grenzen zu halten. »Ganz okay.«
»Ganz okay?«
»Die alten Alben sind deutlich progressiver.«
»Oh je, ein Experte!«, stöhnte sie und verdrehte gespielt die Augen. »Ich kenne die alten Alben nicht, Roman. Ich habe die Band erst kürzlich für mich entdeckt. Ich finde sie toll zum Joggen oder wenn man sich mal abreagieren muss.« Sie klopfte mit den Fingern ihrer linken Hand im Rhythmus auf ihr Knie. Es waren lange schlanke Finger, die sich bestimmt gut fürs Klavier eigneten. Oder um ein Saiteninstrument zu spielen.
»Die Jungs können was«, ruderte ich zurück. »Aber bei Scarsick fehlt mir der rote Faden. Ich erkenne da kein schlüssiges Konzept. Ich meine: Was soll der Rap-Gesang von Daniel Gildenlöw? Und Disco Queen fischt fast schon in Pop-Gewässern.«
»Na und? Hauptsache, es macht Spaß!«
»Im Prog Metal haben Pop-Einflüsse aber nichts zu suchen.«
»Ist es nicht der Inbegriff des Progressiven, auf diese Weise mit Erwartungen zu brechen? Gib mir meinen Kopfhörer zurück, du Schubladendenker!«
Ich lachte, weil ich keine Erwiderung parat hatte. »Allerdings ist selbst ein durchschnittlicher Song von Pain of Salvation immer noch tausendmal besser als alles, was Metallica je hervorgebracht haben«, räumte ich ein.
Jo grinste und hängte sich das Kabel mit dem Minikopfhörer wieder über die Schulter. Das war wohl das Zeichen, dass sie weiter mit mir reden wollte. Na, von mir aus. Da wir nun ein Thema hatten, hatte ich nichts dagegen einzuwenden.
»Ich habe gehört …«, setzte ich an und stockte, weil sich die Hutzel-Oma mit ihrem Leergut an uns vorbeischob. Sie trug ein Regencape, das ihr bis zu den Fußspitzen reichte. Mitten im Sommer! Jo lächelte ihr freundlich zu.
»Ich habe gehört, dass Pain of Salvation bald ein Secret-Album rausbringen«, sagte ich, um Jos Aufmerksamkeit zurückzugewinnen.
»Ein Secret-Album?« Damit hatte ich sie.
»Eine inoffizielle, limitierte Platte, die es nur in ausgewählten Läden und bei Konzerten gibt«, erklärte ich. »Man munkelt, dass sie damit eventuell in der Zeche auftreten.«
»Zeche?«, fragte sie. »Ist das ein Club?«
»Du kennst die Zeche nicht?«
»Sieht so aus.«
»Wie kann man die Zeche nicht kennen?«
Tatsächlich war die Zeche für mich auch nicht gerade der Place to be. Sami, mein alter Bassist, hatte mich zwei-, dreimal mitgeschleppt, zu irgendwelchen Rockbands, die mich so sehr langweilten, dass ich mir nicht mal ihre Namen gemerkt hatte. Musik mit drei Akkorden war für mich schwer auszuhalten. Außerdem konnte ich es nicht haben, wenn mir fremde Personen beim Headbanging ihren Schweiß entgegenschleuderten.
Jenseits der Fenster wurde es schlagartig dunkel, weil sich die Bahn am Waldring in den Tunnel schraubte. Jo sah zur Anzeige und hob ihren Rucksack auf den Schoß.
»Ich bin noch nicht lange in Bochum«, sagte sie. »Bis jetzt habe ich vor allem die Uni und die Turnhalle von innen gesehen.«
An diesem Punkt hätte ich beinahe versucht, mich mit ihr zu verabreden. Nicht zu einem Date, sondern um ihr die Stadt zu zeigen. Und über Musik zu quatschen. Wer konnte vorhersehen, was die Zukunft brachte? Vielleicht ging ich ja doch mal wieder mit jemandem auf ein Konzert. Aber ich wusste nicht, wie ich es formulieren sollte, ohne dass es falsch rüberkäme. Außerdem war sie mir ja immer noch nicht ganz geheuer. Daran konnten auch Pain of Salvation und Alissa White-Gluz nichts ändern. Drei Sekunden später war die Gelegenheit verstrichen. Nächster Halt: Oskar-Hoffmann-Straße. Die Bahn bremste ruckelnd.
Jo sprang auf und schulterte ihren Rucksack. »Hier muss ich raus.« Sie zwinkerte mir zu, als ob sie in diesem Augenblick, im schaukelnden Abteil der U35, schon ahnte, was sich zwischen uns anbahnte. Als ob sie keinen verdammten Gefühlszombie vor sich hätte. »Bis dann, Killer.«
Zu Hause wallte mir würziger Essensduft entgegen. Das war neu. Es machte mich misstrauisch. Ich wohnte mit meinem Vater in einer protzigen Stadtvilla, deren Flure gemeinhin von nichts als dem geisterhaften Echo der Vergangenheit durchweht wurden, vermischt mit dem Muff alter Fliesen und staubiger, in Leinen gebundener Bücher. Wir waren ein kulturell gebildeter Haushalt. Für Gäste, die nicht bis ins Klavierzimmer oder in die Bibliothek vordrangen, hatten wir zur Sicherheit ein paar Ölgemälde im Treppenhaus aufgehängt. Allerdings durfte man meinen Vater nie – niemals! – auf das Bildnis des Mannes mit der Grübelfalte ansprechen. Ich rollte meinen Fechtsack neben die Garderobe und steckte meinen Kopf ins Speisezimmer, wo sich die Ursache des Essensdufts in seiner ganzen Grausamkeit vor mir entfaltete.
Britney war da. Sie hatte gekocht.
»Wie war’s?«, fragte mein Vater, ohne den Blick vom Feuilleton und der fetten Schlagzeile zum Kulturhauptstadtjahr 2010 loszureißen. Neben der Zeitung stand ein zur Hälfte geleertes Rotweinglas. Im Hintergrund lief ein bekanntes Stück aus Die vier Jahreszeiten.
»Da ist er ja!« Britney kam mit aufreizenden Hüften und einer dampfenden Auflaufform in den behandschuhten Händen aus der Küche. »Essen ist fertig!«
»Keinen Hunger«, sagte ich, was dreist gelogen war. Mein Magen knurrte wie sonst was. Aber ich hätte mich eher lebendig begraben, als diesem Schmierentheater beizuwohnen. Zu dumm, dass ich nicht mehr von den Gummibärchen genommen hatte.
Mein Vater hob endlich den Blick. Er hatte die Haare mit Gel aus der Stirn gekämmt, was ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit Michael Douglas verlieh – der älteren Version des Schauspielers mit den ergrauten Schläfen und den Tränensäcken. Das Problem war, dass mein Erzeuger sich neuerdings eher aufführte wie der Protagonist in Basic Instinct.
»Es gibt Involtini«, verkündete Britney. »Die magst du doch so gerne, Roman.«
»Ich sagte, ich habe keinen Hunger!«
Britneys hellblaue Augen füllten sich mit Tränen. Die Unterlippe ihres süßen Schmollmundes zitterte. Großartig. Sie war heute schon die Zweite, die ich zum Heulen brachte. Ich machte mir wieder mal selbst Konkurrenz. Andererseits hatte ich sie ja nicht gebeten, mein Lieblingsessen zu kochen. Ich wäre auch mit einer Schale Cornflakes zufrieden gewesen.
»Ist es eigentlich so schwer, sich mal ein bisschen Mühe zu geben?«, sprudelte es aus ihr heraus. »Ist das vielleicht zu viel verlangt?«
Mein Vater schlug die Zeitung zusammen und betrachtete uns über den Rand seines silbernen Brillengestells hinweg. »Muss das immer in diesem Ton sein? Das ist ja wie im Kindergarten!«
Zu unserer Verteidigung könnte man anführen, dass Britney und ich altersmäßig nicht weit auseinander lagen. Unsere Auseinandersetzungen verliefen daher oft wie Zoff unter Geschwistern. Sie warf mir regelmäßig vor, emotional gestört zu sein. Ich bezeichnete sie wahlweise als geldgeile Schnepfe oder dumme Kuh. So war das eben.
»Wisst ihr was? Ihr könnt mich mal! Alle beide!« Sie knallte die Auflaufform auf den Tisch und rannte zurück in die Küche.
Mein Vater seufzte schwer, stand auf und schlurfte hinterher.
Ich häufte mir zwei Involtini und einen Berg Kartoffeln auf meinen Teller, ging nach oben und drehte Meshuggah auf.
Tja. Das war der Abend, an dem alles seinen Anfang nahm. Ich hatte ja bereits angedeutet, dass es kein besonders guter Anfang war.
Am Wochenende kratzten die Temperaturen an der Vierziggradmarke. Ich igelte mich bei halb heruntergelassenen Rollos mit Pfirsich-Eistee und Chips vor der Playstation ein. Mein ehemaliger Bandkollege Sami war in der Stadt und hatte fünfmal auf meinem Handy angerufen, aber keine zehn Pferde hätten mich dazu gebracht, meine sichere Bastion gegen einen überfüllten Biergarten einzutauschen. Oder gegen einen abgeranzten, nach Schnaps stinkenden Probenraum. Sami und Boris hatten jetzt Groupies, die bei jeder Gelegenheit kreischten wie kleine Mädchen in der Achterbahn. Das war ihnen zu Kopf gestiegen. Ich spielte mein Instrument hundertmal besser als die beiden zusammen, aber für mich kreischte niemand. Und ich war auch nicht scharf darauf. Echt nicht. Ich wollte mein Shaun-of-the-Dead-Image in der Abgeschiedenheit pflegen: Hitman weiterzocken, nebenher ein paar Livekonzerte laufen lassen und die UV-Belastung meines blassen Teints auf ein Minimum reduzieren.
Als Metal-Fan und Hobbygitarrist unterschied ich zwei Sorten von Musik: komplexe Musik und Gaming-Begleitmusik. Begleitbands zeichneten sich durch ihr aggressives Tempo, gepaart mit geringem künstlerischem Anspruch, aus. Sie konnten dich bei Videospielen zu Höchstleistungen anspornen oder schlicht als meditatives Hintergrundrauschen dienen. Dagegen duldete komplexe Musik keinerlei Ablenkung. Am besten hörte man sie sich in Ruhe auf Schallplatte an. Jemand hatte mir mal vorgeworfen, dass ich bei solchen Sessions gelangweilt wirkte, weil ich dabei ein unterkühltes Robotergesicht machte, was jedoch nur daran lag, dass ich konzentriert hinhören und jeden Ton, jeden Rhythmuswechsel analysieren musste. Meine Plattensammlung wies einen hohen Anteil an komplexer Musik auf. Aber auch die andere Sorte hatte ihre Berechtigung, wegen meiner Gaming-Sucht und weil ich mich bei steigenden Temperaturen schlecht konzentrieren konnte. Am liebsten waren mir dreizehn Grad und Nieselregen. Diese hochsommerliche Hitze machte mich völlig fertig.
Am Samstagnachmittag wurde es etwas besser. Ich stellte das Spiel auf Pause und wechselte nach nebenan in meine spartanisch eingerichtete kleine Junggesellenküche, um mir eine Tütensuppe aufzugießen, die ich am offenen Fenster im Stehen schlürfte. In den Kirschbäumen hinter dem Haus rauschte ein gespenstischer, schwüler Wind. Der Himmel schimmerte in einem schlammigen Karamellbraun. Dafür war die Staubwolke der Sahara verantwortlich. Ich fand es faszinierend, dass der Wüstensand durch die Höhenströmungen den ganzen weiten Weg aus Afrika bis zu uns ins Ruhrgebiet getragen wurde. Vor ein paar Tagen waren vielleicht noch Schlangen und Skorpione über ihn gekrochen. Heute fegte er über Bochum hinweg.
Gegen achtzehn Uhr beendete ich Hitman und zog mir noch zwei, drei kurze Dokus über den Klimawandel und tödliche Gefahren aus dem Weltraum rein. Das war spannend, deprimierte mich aber auch irgendwie. Um den Kopf frei zu kriegen, nahm ich meine E-Gitarre von der Wand und stellte mir vor, wie es wäre, John Petrucci zu sein. Damit konnte ich mich ganz gut beschäftigen, bis ich durch eine Schar fremder Leute in unserem Garten gestört wurde. Britneys Freundinnen von der Uni. Durch das Fenster drangen ihre Stimmen zu mir herauf. Jemand entzündete den gemauerten Holzkohlegrill. Sektflaschen ploppten auf. Ich zählte die Minuten, bis sie wieder verschwinden würden, doch sie dachten offenkundig nicht daran. Aus Minuten wurden Stunden. Irgendwann nach Einbruch der Dunkelheit hörte ich sie reingehen, und kurz darauf ging im Klavierzimmer schräg unter mir das Geklimper und Gejaule los. Immerhin waren sie beschäftigt. Ich schlich mich barfuß die gewundene Treppe hinab und weiter zur Küche. Neben der Spüle türmte sich schmutziges Geschirr. Es roch nach Knoblauch und Rosmarin. Im Kühlschrank entdeckte ich eine angebrochene Schale Nudelsalat und eine Platte mit gegrillten Steaks unter Klarsichtfolie. Ich wollte mich gerade bedienen, als es hinter mir raschelte. Vater stand in der Tür.
»Irischer Weideochse«, sagte er.
»Aha«, sagte ich. »Toll.«
»Möchtest du einen Schluck mit uns trinken?« Er wedelte mit der Weinflasche, die er aus dem Keller geholt hatte, um sie in der Küche zu dekantieren.
»Ist Britney noch da?«
»Nenn sie nicht immer Britney!«
»Sorry, wie hieß sie noch gleich?«
Er platzierte die Weinflasche auf der Anrichte. »Mensch, Roman! Du könntest dir wirklich etwas mehr Mühe geben.«
Großer Gott! Was sollte das denn werden? Eine besoffene Vater-Sohn-Aussprache? Erst der Trainer, dann Jo, jetzt mein alter Herr. Warum wollten sich neuerdings alle mit mir unterhalten? Ich erwiderte nichts. Er starrte mich stumm an. Seine kleinen Augen waren schon leicht glasig. Eine Gelsträhne fiel ihm widerspenstig in die Stirn. Es war mehr als lächerlich. Es war megapeinlich. Wenn ich nur daran dachte, wie er und Britney … so viele Weideochsen konnte ich gar nicht in mich hineinstopfen, wie ich kotzen wollte. Aber das ließ ich mir natürlich nicht anmerken.
»Gut«, murmelte er. »Gut.« Er nahm die verschlossene Weinflasche wieder in die Hand und wankte zur Küchentür hinaus.
Die nächste Woche brachte keinerlei Abkühlung. Im Gegenteil: Es wurde stetig schwüler. Manchmal ertönte in der Ferne ein leises Grummeln, doch der vorhergesagte Regen blieb aus. Am Dienstagabend glich die Turnhalle einer Dampfsauna. Schweißbäche rannen mir über den Rücken. Ich war immer noch nicht überzeugt, dass das mit dem Fechten eine gute Idee war. Aber weil ich Jo eine Revanche schuldete (und insgeheim hoffte, unser Gespräch über Musik fortzuführen), hatte ich mich schließlich doch noch durchgerungen.
Unsere Trainingsgruppe war deutlich zusammengeschrumpft, offenbar gönnten sich die meisten hitzefrei. Übrig blieb ein Häufchen Hartgesottener, denen es nichts ausmachte, bei postapokalyptischen Feinstaubwerten ein intensives Kraftausdauertraining mit Medizinbällen und Thera-Bändern zu absolvieren. Der Übungsleiter, Siegfried, kannte keine Gnade. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass er mir nach dem Vorfall am Freitag eine Lektion erteilen wollte. Meine Teerlunge ächzte wie ein defekter Blasebalg. Ich biss die Zähne zusammen und summte den Text von Hellrider im Geiste vor mich hin. Das machte es etwas leichter.
Vor den elektrischen Gefechten versuchte ich, Jos Blick einzufangen. Sie lächelte mir zu, aber Siegfried war schneller. So musste ich mich mit einem nervösen jungen Mann zusammentun, der optisch an eine Bohnenstange erinnerte und scheinbar zum ersten Mal in seinem Leben ein Florett in der Hand hielt. Sein unkoordiniertes Gefuchtel nervte mich fast noch mehr, als im Kampf gegen Jo den Kürzeren zu ziehen. Nun war ich es, der keine Gnade zeigte. Nach meinem Fünf-zu-null-Sieg war ich richtig in Fahrt und Bohnenstange kurz vor dem Kreislaufkollaps. Er keuchte und japste und zitterte am ganzen Leib. Der ukrainische Trainer befahl ihm, sich auf den Boden zu legen, und fütterte ihn mit Gummibärchen. Danach faselte er was von einem alten Familienrezept, bei dem man heißes Bier mit rohem Eigelb und Himbeersirup verrührte. Ich nahm meine Wasserflasche und entfernte mich unauffällig. Im Duell zwischen Jo und Siegfried stand es zwei zu drei. Offensichtlich hatten sie Spaß. Der blonde Hüne überragte Jo um einen ganzen Kopf, was sie durch blitzschnelle Reaktionen und superweite Ausfälle wettmachte. Verdammte Hacke! Das war kein Gefecht, das war ein akrobatischer Tanz! Gerade schoss sie wieder vor, erwischte ihn knapp am Latz. Siegfried schrie überrascht auf, hob aber fair die linke Hand, um ihren Punkt anzuerkennen. Drei zu drei. Sie klopfte ihm kumpelhaft auf die Schulter. Es ging weiter.
»Ist sich gutes Mädchen«, sagte der Ukrainer und hielt mir die Weingummitüte hin.
Ich lehnte dankend ab und drückte mit den Daumen Dellen in meine halb leere Plastikflasche. Beim Stand von vier zu vier nahm ich Maske, Handschuh und Florett und brachte mich vor der Fechtbahn in Position, um Jo nach dem letzten Treffer aufzufordern, doch es war wie verhext. Die beiden Studentinnen auf der Nachbarbahn hatten ihr Gefecht beendet, und eine von ihnen, eine pausbäckige Blondine mit pinkem Stirnband, winkte mich freudestrahlend heran. Da musste ich mich anschnallen, wenn ich nicht grob unhöflich wirken wollte. Als ich mir nach meinem knappen Sieg die Maske vom Schädel riss und die letzte warme Pfütze aus meiner Flasche in mich hineinsaugte, zeigte der kleine dicke Zeiger der Hallenuhr bereits auf die Acht. Jo war weg.
Vielleicht konnte ich sie wieder an der Haltestelle erwischen. Ich schälte mich hastig aus E-Weste, Jacke und Plastron, warf das Zeug in meine Tasche und spurtete zu den Umkleiden, wo ich mich schnell bis auf die Boxershorts entblätterte und mir das Handtuch über die Schulter warf. Wo war mein Shampoo abgeblieben?
Die Tür ging auf, Bohnenstange kam herein. Er war immer noch ein wenig blass um die Nase und zog sich schweigend aus. Hätte ich es nicht so eilig gehabt, hätte ich mich nach seinem Befinden erkundigt. Aber ich wollte Jo an der U-Bahn abfangen. Außerdem war es mir unangenehm, mit nackten Menschen zu konversieren. Aus dem Grund wäre ich auch nie in die Sauna gegangen. Während ich die Seitentasche meines Fechtsacks nach dem Shampoo durchwühlte, wurde die Tür abermals aufgerissen. Siegfried rauschte in die Umkleide. Anders als Bohnenstange dachte er nicht daran, die Tür hinter sich zu schließen. Spätestens in dem Moment schlug meine Ehrfurcht vor ihm in Antipathie um.
»Hört mal her, Mädels!« Er trug nur seine Fechthose, ein schweißdurchtränktes blaues Muskelshirt und Badelatschen, deren Sohlen beim Laufen auf den Boden klatschten. »Wir gehen schwimmen!«
»Bitte?«, fragte Bohnenstange, der sich erschrocken ein kleines Handtuch vor seine Scham presste. »Jetzt?«
Im Hintergrund flanierten vier sonnengebräunte Volleyballerinnen den Gang entlang. Sie sahen zu uns herein, kicherten.
»Quatsch!«, sagte Siegfried. »Nicht mehr heute. Morgen! Treffen um siebzehn Uhr im Lago!«
»Aber morgen wäre doch gar kein Training«, entgegnete Bohnenstange verwirrt.
»Genau!«, bestätigte Siegfried. »Wenn wir mittwochs schon keine Hallenzeit haben, können wir wenigstens ein paar Bahnen ziehen.«
Ich verstand die Argumentation nicht ganz. Ich musste nicht jeden Tag Sport machen. Bohnenstange schien das ähnlich zu sehen.
Siegfried grinste wölfisch. »Kommt schon, ihr Pussies! Wir müssen fit werden. Für das Turnier!«
Turnier? Davon wusste ich ja gar nichts.
»Okay«, sagte Bohnenstange und floh in den Waschraum. Die Dusche sprang an.
Siegfried tastete mich mit seinen eisblauen Augen ab. »Alles klar, Roman?«
»Was für ein Turnier?«, erkundigte ich mich vorsichtig.
»Am achtzehnten Juli«, erklärte Siegfried, und dann, weil ich wie ein Ochse aus der Wäsche schaute: »Die Mannschaftsmeisterschaften! Der Ruhrschnellweg-Cup! Wir fechten auf der Autobahn!«
»Hä?«
»Wir fechten auf der Autobahn!«, wiederholte er, als wäre ich taub. »Damit beteiligen wir uns am Massenpicknick auf demRuhrschnellweg. Im Rahmen von RUHR.2010. Wir sind Kulturhauptstadt. Kriegst du denn gar nichts mit, Alter?«
»Ach so«, erwiderte ich. Was ich in Wirklichkeit dachte, war: Fechten auf der Autobahn? Was hat das mit Kultur zu tun? Nicht bei vierzig Grad im Schatten. Nicht mit mir!
Als ich später aus dem Hallengebäude trat, war Jo nirgends zu sehen. Entweder duschte sie sehr lange, oder sie war wieder abgehauen, ohne sich frischzumachen. Am Bahnsteig herrschte gähnende Leere. Das war enttäuschend, einerseits. Andererseits war es aber auch erleichternd. Seit Siegfrieds Einladung zum Schwimmen hatte ich dieses Bild von ihr im Bikini in meinem Kopf. Ich kapierte nicht warum, denn eigentlich fand ich Jo ja nicht mal übermäßig attraktiv. Und selbst wenn sie total hübsch gewesen wäre: Ich machte mir nichts aus solchen Sachen. Trotzdem hatte sich die Vorstellung in mein Hirn eingebrannt. Unmöglich, ihr in der U-Bahn gegenüberzusitzen, ohne tomatenrot anzulaufen. So wichtig war das mit dem Austausch über Musik nun auch wieder nicht.
»Das ist ja prima!« Mein Vater wirkte aufrichtig erfreut, als er mich am Mittwoch mit meiner Schwimmtasche im Hausflur antraf. Erst hatte er es geschafft, mich zum Hochschulsport zu überreden – jetzt plante ich auch noch einen Freibadbesuch mit neuen Freunden! Es gab Hoffnung, dass meine Seele nicht unwiderruflich verloren war. »Du kannst den Wagen nehmen.«
»Lass mal! Ich fahre mit Bus und Bahn.«
»Ist das nicht zu umständlich?«
»Passt schon.« Ich wollte auf keinen Fall mit Papas Benz anrollen. Sowas war doch peinlich. Irgendwo waren Grenzen. Echt jetzt.
»Gut.« Vater nickte. »Dann viel Spaß! Wir stellen dein Essen in den Kühlschrank.«
»Viel Spaß, Roman!«, echote es aus der Küche. Britney. In letzter Zeit war sie zu einem regelrechten Parasiten mutiert. Wenn sie nicht gerade das Klavier in Beschlag nahm, stand sie am Herd und experimentierte sich durch unsere selbst gezüchteten Gartenkräuter.
»Jau«, murmelte ich, schulterte meine Sachen und ließ die Haustür hinter mir ins Schloss fallen.
Ich war spät dran und immer noch nicht ganz sicher, ob ich dem zweifelhaften Vergnügen wirklich beiwohnen wollte. In Freibädern tummelten sich für gewöhnlich viel zu viele knapp bekleidete Menschen auf engstem Raum. Es roch nach Pommes, Schweiß und Sonnencreme. Man bekam Chlorwasser in die Luftröhre und fremde Füße ins Gesicht. Ein gechillter Abend sah für mich anders aus. Und überhaupt: Das war mir alles irgendwie zu anstrengend. Siegfrieds Kommandoton. Die Begeisterung meines Vaters. Ich kam mir vor wie jemand, der seinen Zeh ins Meer steckte, um die Temperatur zu testen, und von einem monströsen Tentakel in die Tiefe gerissen wurde. Dann musste ich aber wieder an Jo denken. Ich würde mich mit meiner Decke in eine schattige Ecke hauen, abseits vom Trubel, und ihr beim Kraulen zusehen. Irgendwann würde sie aus dem Becken steigen und zu mir rüberkommen. Das Wasser würde ihr aus den dunklen Haaren perlen und ihren schlanken, muskulösen, leicht gebräunten Körper hinabrinnen, wie bei Ursula Andress in der berühmten James-Bond-Szene. Wir würden den Rest der Badezeit über Musik fachsimpeln. Unter Umständen konnte es doch noch ein chilliger Abend werden.
Zugegeben, solche Gedankengänge waren höchst eigenartig für jemanden, der sich nichts aus Mädchen machte und seine Stunden am liebsten in der muffigen Abgeschiedenheit seiner mit Schallplattenhüllen und Bandpostern tapezierten Bude verbrachte. Aber sie hatten bewirkt, dass ich nach einigem Zögern meine alten Badeshorts aus der Kommode hervorgekramt hatte und schließlich – nach weiteren Minuten des Zauderns und Abwägens – hineingeschlüpft war. Die Metal-Ikonen an meinen Wänden schienen mich ironisch zu mustern. Ich stellte mir manchmal vor, dass sie sich zu Wort meldeten wie die Porträts auf den Gemälden in den Harry-Potter-Filmen: Komm schon, Alter! Hab dich nicht so! Augen zu und durch!
Die hatten gut reden. Ich sah in Badebuxe echt minderwertig aus. Meine Beine waren spirrig, meine Schultern schmal. Aus irgendeinem Grund stand ich immer leicht gebeugt. Daran konnten auch meine täglichen Klimmzüge am Türbalken und das gelegentliche Fechttraining nichts ändern. Ich konnte einfach keine Muskeln aufbauen. Das war schon so gewesen, bevor ich mit dem Rauchen angefangen hatte. Deshalb hatten sie mich damals bei der Bundeswehr auch direkt ausgemustert. Wahrscheinlich fehlte mir ein bestimmtes Sportler-Gen. Wenn meine schwarz gefärbten Haare tropfnass am Schädel klebten, wirkte ich regelrecht ausgemergelt. Ich musste unbedingt darauf achten, dass ich trocken blieb. Am besten würde ich auch mein altes Priest-Fanshirt anlassen. Es hatte ein Brandloch, war aber frisch gewaschen. So würde niemand merken, dass mein Oberkörper den blässlichen Teint einer Ohrenqualle hatte. Diesen Anblick wollte ich Jo und den anderen um jeden Preis ersparen.
Gegen Viertel nach fünf hatte ich meine Decke auf der überfüllten Liegefläche im spärlichen Schatten einer jungen Birke ausgebreitet. Rechts von mir räkelte sich Pinkie, die pausbäckige Blondine vom Fechten, auf einem Badelaken. Sie hatte ihr Stirnband gegen eine überdimensionale Audrey-Hepburn-Sonnenbrille getauscht und trug einen rosa-weiß gestreiften Bikini, der ihr den Hüftspeck abschnürte. Rechts hockte Bohnenstange auf einem winzigen quadratischen Handtuch und wickelte die Arme um seine spitz angewinkelten Knie. Es roch nach Pommes, Schweiß und Sonnencreme. So weit alles normal.
»Auf geht’s, ihr Loser!« Siegfried zog sich in einer schwungvollen Bewegung sein Muskelshirt über den Kopf, worauf ein krasses Sixpack zum Vorschein kam. Es hätte mich nicht schockieren dürfen. Ich hatte ihn vor dem Fechten schon zweimal bei den Bodybuildern im Kraftraum erwischt. Trotzdem musste ich geblendet woanders hinschauen.
»Zehn Bahnen Minimum!« Er joggte in Richtung des Schwimmerbeckens.
Bohnenstange faltete sich brav auseinander und folgte ihm wie ein Haushund. Pinkie verstaute ihre Hepburn-Sonnenbrille in einer Hülle und steckte diese in eine geblümte Strandtasche mit Goldbesatz. »Dann wollen wir mal.« Sie erhob sich mit katzenhafter Geschmeidigkeit. »Was ist mit dir, Roman?«
»Ich komme gleich.« In Wahrheit hatte ich nicht vor, auch nur in die Nähe des Wassers zu kommen. Das Gekreische aus den Becken ging mir jetzt schon auf den Senkel. Außerdem hatte ich gerade meine Zeitschriften ausgepackt, eine wissenschaftliche und eine für Gitarristen. Ich wollte Remedy Lane hören, ein wenig schmökern und auf Jo warten. Ich setzte mir die Kopfhörer meines iPods auf und vertiefte mich in eine Abhandlung über Schwarze Löcher, doch das ging nicht lange gut. Erstens eigneten sich Songs von Pain of Salvation aufgrund ihrer Komplexität nicht als Lese-Begleitmusik. Dazu die Hitze, die dafür sorgte, dass die kleinen Buchstaben vor meinen Augen flirrten und aus den Zeilen tanzten. Ich legte die Zeitschrift zur Seite, rollte mich auf den Rücken und erlaubte mir, für einen Moment die Augen zu schließen. Als ich wieder aufwachte, war ich matschig wie zerlaufener Grießpudding und die Sonne hatte rote Flecken auf meine nackten, aus dem schützenden Birkenschatten herausragenden Zehen gebrannt.
