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In «Trauer über den Tod der Magie» erzählt Blanche McCrary Boyd von drei Kindheitsgefährten, die sich nach langer Zeit verwandelt wiederbegegnen: da ist die einst unscheinbare Mallory, die zu Hause blieb und nun erfolgreich als engagierte Rechtsanwältin wirkt; ihre ehemals brillante Schwester, die nach zerstörerischen Beziehungen und Selbstmordversuchen um ihr seelisches Gleichgewicht kämpft; und Shannon, ihr Adoptivbruder, der abtrünnige Intellektuelle, ermüdete Hippie, sanfte Heimwehkranke. Jeder auf seine Weise, stellen sie sich ihrer Bindung an die Familie, an die soziale und geschichtliche Landschaft, der sie – in den wilden sechziger Jahren – blind hatten entkommen wollen.
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Seitenzahl: 316
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Blanche McCrary Boyd
Trauer über den Tod der Magie
Aus dem Englischen von Manfred Ohl und Hans Sartorius
Ihr Verlagsname
In «Trauer über den Tod der Magie» erzählt Blanche McCrary Boyd von drei Kindheitsgefährten, die sich nach langer Zeit verwandelt wiederbegegnen: da ist die einst unscheinbare Mallory, die zu Hause blieb und nun erfolgreich als engagierte Rechtsanwältin wirkt; ihre ehemals brillante Schwester, die nach zerstörerischen Beziehungen und Selbstmordversuchen um ihr seelisches Gleichgewicht kämpft; und Shannon, ihr Adoptivbruder, der abtrünnige Intellektuelle, ermüdete Hippie, sanfte Heimwehkranke. Jeder auf seine Weise, stellen sie sich ihrer Bindung an die Familie, an die soziale und geschichtliche Landschaft, der sie – in den wilden sechziger Jahren – blind hatten entkommen wollen.
Blanche McCrary Boyd ist 1945 in Charleston, Süd-Carolina, geboren und hat in Kalifornien studiert. Am Goddard College in Vermont war sie Dozentin für Women’s Studies. Nach «Nerves» (1973) ist dies ihr zweiter Roman.
Für Joan Peters
Um den Atlantik zu gebären, vereinigen sich in Charleston, South Carolina, die Flüsse Ashley und Cooper.
Lord Ashley Cooper zugeschrieben
Der Körper ist ein monströses Gebilde,in dem man nicht leben kann.
Katherine Anne Porter,«Fahles Pferd und fahler Reiter»
Shannon Hart lernte Johanna Osborne durch eine Zeitungsannonce kennen. Unter der Rubrik ‹Bekanntschaften› stand dort:
Interessante Frau, 92, blind, erteilt für
das Vorlesen von Kierkegaard Griechisch-
oder Spanischunterricht. 964–5748.
Shannon hatte versucht, an seiner Collage zu arbeiten, die inzwischen beinahe eine ganze Wand im Hinterzimmer seines Lederladens bedeckte. Er hatte die Collage planlos aus kleinen Lederstückchen begonnen. Er klebte farbige Lederabfälle auf den gezackten Rand eines grobgenarbten Lederstücks, aus dem er ein Hemd genäht hatte. Spielerisch hatte er Streifen und Stückchen des dicken goldenen Leders daran geheftet, aus dem er Gürtel machte. Aus den dünnen Streifchen und feinen Schnipseln, die abfielen, wenn er die Gürtelkanten schnitt, hatte er fedrige Gebilde geschaffen. In der vergangenen Woche hatte er Messingnieten, winzige Seemuscheln, Glasschmuck von billigen Leuchtern hinzugefügt und sogar eine Pfauenfeder, die er in San Francisco gekauft hatte.
Heute warteten eine Menge Lederabfälle und drei billige glitzernde Halsketten, die er im Ramsch entdeckt hatte. Aber anstatt zu arbeiten, lag er seit einer Stunde auf seinem alten Schlafsack, rauchte zwei Joints, aß beinahe ein ganzes Pfund von dem geräucherten, scharf gewürzten Rindfleisch und las die Zeitung von gestern. Heute war Dienstag, und sein Laden blieb geschlossen.
Er wählte die in der Annonce angegebene Telefonnummer, und eine müde, gereizte Stimme meldete sich: «Sind Sie interessant?» fragte die Stimme. «Sonst möchte ich nicht mit Ihnen sprechen. Es haben viele angerufen, die glaubten, interessant zu sein. Vom vielen Telefonieren habe ich schon Arthritis. Übrigens, das mit Kierkegaard habe ich mir überlegt. Ich möchte lieber Tristram Shandy hören oder vielleicht Emerson. Haben Sie Emerson gelesen?»
«Nein», antwortete Shannon.
«Hm, wollen Sie Griechisch oder Spanisch lernen?»
«Spanisch, glaube ich.»
«Warum?»
«Weiß ich nicht.»
«Warum möchten Sie mich kennenlernen?»
«Ich weiß nicht, ob ich das will», antwortete Shannon.
«Gut», erwiderte sie, «kommen Sie.»
Ohne weitere Umstände gab sie ihm die Adresse. Er bemerkte, daß sie ihn nervös gemacht hatte. Er band seine langen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz, setzte die Sonnenbrille auf und warf sich den selbstgeschneiderten schwarzen Lederumhang mit dem gelben Seidenfutter um. Jetzt fühlte er sich wieder wohler und ging in den Eissalon gegenüber, um eine doppelte Portion Schokoladeneis zu kaufen. Wie alle, die viel allein sind und sich genau beobachten, wußte er, daß er bestimmte Gewohnheiten angenommen hatte, die ihm eine gewisse Sicherheit verliehen. Milchprodukte beruhigten seine Nerven.
Sie wohnte nur ein paar Straßen von seinem Laden entfernt. Diese Gegend kannte er so gut, daß er den Weg dorthin rasch zurücklegte, ohne auf die Umgebung zu achten. Liebliches Kalifornien, dachte er, der Instantpudding Amerikas. Obwohl er dieses Land mochte, blieb es ihm irgendwie unbegreiflich. Vielleicht lag es an dem großen Unterschied zwischen Kalifornien und Charleston, seiner Heimatstadt.
Johanna Osbornes Wohnungstür stand offen, und als er klopfte, rief sie ihn sofort herein. Er blickte sich kurz um und sah, daß die Wohnung offenbar aus einem einzigen, blaßgrün gestrichenen Zimmer von etwa zehn Quadratmetern bestand. Er sah eine schmale Tür, die zum Badezimmer führte, und als er sich in den Sessel setzte, den sie ihm anbot, auch die zwei Meter tiefe Kochnische. Im Zimmer standen eine Schlafcouch und die zwei Sessel, auf denen sie saßen, ein Radio, ein Plattenspieler und viele schwarze, quadratische Kassetten mit der Aufschrift «Blindenbücher», die, wie er bald begriff, Langspielplatten enthielten. Ein verblaßter Druck von Van Goghs Sämann hing an der Wand über der Couch.
Aber Johanna Osborne nahm seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Er vergaß seine leichte Nervosität, die Langeweile, und es beruhigte ihn, daß sie ihn nicht sehen konnte. Obwohl die absurde Brille mit dem straßbesetzten Schmetterlingsgestell, die sie trug, und die Art, in der sie vorgebeugt im Sessel saß und ihn durch die ungefärbten Gläser anzustarren schien, gewisse Zweifel in ihm entstehen ließen. Nachdem er sie eine halbe Minute lang beobachtet hatte, war er sicher, daß diese milchigen Augen nichts sehen konnten.
Sie war klein, wohl unter einem Meter sechzig, und dicklich. Ein graues Haarnetz hielt ihre dünnen grauen Haare zusammen. Sie trug eine Kaufhauskette auf einem verblichenen grünen Kleid und eine schöne weiße, kunstvoll gestrickte Jacke. Jemand mußte viel Zeit darauf verwendet haben, diese Jacke zu stricken, stellte Shannon mit geübtem Blick fest. Johannas Gesicht mit seinen unregelmäßigen Zügen und der langen Nase war sicherlich nie attraktiv gewesen, obwohl man dies wegen der erloschenen Augen nicht mit Sicherheit behaupten konnte. Sie hatte außergewöhnliche Hände. Sie waren klein, aber wenn sie sich öffneten und schlossen, ihre Knie oder die Armlehnen des Sessels umklammerten oder losließen, sprach eine erstaunliche Kraft aus ihnen. Sie hatte dicke, gelbliche Fingernägel, die Haut der Finger und der Handrücken wirkte wie dicker, faltiger Stoff und war von Altersflecken übersät. Shannon stellte sich vor, daß die Haut sich abziehen ließe, wenn er kräftig daran zog.
Unerwartet spürte er einen Kloß im Hals. Er wußte, seine Beklommenheit würde sie verletzen, und er wollte so normal wie möglich sprechen.
«Sind Sie interessant?» fragte sie. «Wieso glauben Sie, interessant zu sein?»
Unhöflich fragte er zurück: «Weshalb tragen Sie eine Brille?»
Sie richtete sich eine Sekunde lang auf und lächelte. Ihre verfärbten Zähne sahen sehr alt aus, aber wenigstens die Vorderzähne schienen noch alle vorhanden zu sein. «Ich glaube, wir werden gut miteinander auskommen», erwiderte sie.
«Sind Sie völlig blind?» fragte er.
«Die Menschen erschrecken vor meinen Augen. Schon immer, lange bevor ich blind wurde, schon als ich ein junges Mädchen war. Ich fühle mich mit der Brille wohler. Das spricht für Sie, junger Mann. Die meisten Menschen wagen nicht, mich danach zu fragen. Aber jetzt sagen Sie mir, warum Sie mich angerufen haben.»
«Ich weiß nicht.»
«Aha. Dann sagen Sie mir, weshalb Sie es nicht wissen.»
«Ich habe Sie angerufen, weil ich nichts Besseres zu tun hatte.»
«Wo ist Ihre Freundin?»
«Ich habe keine … sie ist für eine Woche nach Los Angeles gefahren …»
«Warum ist sie in Los Angeles?»
«Ich langweilte mich», sagte Shannon, «aber jetzt langweile ich mich nicht mehr.»
Und es stimmte, er langweilte sich wirklich nicht. Malaise, déja vu, Lustlosigkeit, alle Symptome, aber es war keine Krankheit. Im College vor fünf Jahren, hatte er Mononukleose gehabt und sich dabei so gefühlt wie im letzten Jahr. Aber er wußte, dieses Mal hatte seine Langeweile damit nichts zu tun.
Für Shannon, jetzt achtundzwanzig Jahre alt, begann das Leben mit achtzehn, als er zum erstenmal den Süden verließ. Er hatte South Carolina verlassen und das College besucht, Philosophie studiert, ein halbes Jahr in der Schweiz gelebt, geheiratet und sich scheiden lassen. Er hatte einen Polit-Trip und einen Drogen-Trip hinter sich; er hatte den Sinn des Lebens gesucht und beschäftigte sich jetzt abgeklärt und friedlich mit Lederarbeiten. Und selbst nach zehn Jahren vermißte er den Süden noch immer. Aber er ging nicht zurück; er schrieb auch nicht seiner Mutter oder Jack Rhett. Jack Rhett fühlte sich von ihm enttäuscht. Das konnte er trotz der dreitausend Meilen fühlen, die zwischen South Carolina und Kalifornien lagen. Er wird darüber wegkommen, sagte sich Shannon, oder: Das ist sein Problem.
«Ich bin gescheit», sagte Johanna Osborne, «aber ich bin alt. Nein, das wollte ich eigentlich nicht sagen, ich bin eher intelligent. Aber es ist, als ob sich Türen schlössen. Stellen Sie sich meinen Geist wie ein riesiges Haus vor, ein riesiges Haus mit vielen Zimmern. Ich kann hören, wie sich in meinem Kopf Türen schließen. Ich bin alt.»
Shannon zögerte mit einer Antwort. Er wußte nichts darauf zu sagen; und da er zögerte, entdeckte er etwas Wichtiges. Ließ er das Schweigen im Raum stehen, dann durchbrach Johanna es früher oder später selbst.
«Ich verliere mich», fuhr sie fort, «ich vergesse Dinge. Carl sagte immer, ich sei unfähig, mich auf eine Sache zu konzentrieren. Ich hielt ihm entgegen, es komme daher, daß ich zu vieles könne. Carl kannte dieses Problem nicht.»
«Wer war Carl?»
«Mein Mann.»
«Oh», sagte Shannon, enttäuscht, daß diese außergewöhnliche Frau etwas so Gewöhnliches wie einen Mann gehabt haben sollte. Er glaubte, sie damit trösten zu müssen, daß er ihr sagte, auch er sei verheiratet gewesen.
«Carl war Anarchist, bevor es in Mode kam, Anarchist zu sein.»
Shannon lachte.
«Ja, ja, Sie lachen. Ich weiß, wir werden gute Freunde sein. Ich hatte auch Liebhaber. Glauben Sie nur nicht, ich sei fad gewesen. Ich habe auch eine Tochter, die an der Ostküste lebt. Ja, ich glaube, wir können Freunde werden. Aber jetzt sagen Sie mir noch einmal, wie Sie heißen.»
«Shannon, Shannon Hart.»
«Sie kommen aus dem Süden, Shannon? Das ist doch ein Südstaatenakzent oder?»
«Ja», antwortete er, wie immer leicht verärgert über diese Frage.
«Virginia?»
«South Carolina.» Warum tippen sie nur immer alle auf Virginia, fragte er sich, oder Georgia. Liegt es daran, daß sie zu viele Filme gesehen haben?
«Die Frage gefällt Ihnen wohl nicht?»
«Nein.»
«Gut, Mr.Shannon Hart, hören Sie zu: «Ich bin Johanna Osborne, ich bin alt, fromm, verrückt, und ich bringe Ihnen Spanisch bei, wenn Sie mir Kierkegaard vorlesen. Nein, Moment, ich hatte doch meine Absicht geändert. Hatte ich meine Absicht nicht geändert? Ich wollte Emerson. Emerson ist ein stiller Mann. Verstehen Sie, ich bin wirklich fromm. Kommen Sie bitte her, ich möchte Sie besser kennenlernen.»
Shannon, der ganz automatisch in Gedanken den Bürgerkrieg noch einmal kämpfte, saß so dicht bei ihr, daß sie ihn hätte berühren können, wenn sie sich vorbeugte. Die Aufforderung verwirrte ihn. In seiner Vorstellung trat er neben sich und fotografierte die Szene. Er saß in diesem merkwürdigen Zimmer bei dieser merkwürdigen alten Frau. Es schien wirklich absurd zu sein.
«Beugen Sie sich bitte vor», sagte sie, «ich möchte Ihr Gesicht berühren. Ich kann Sie wirklich nicht sehen.»
Und dann erlebte Shannon etwas sehr Eindrucksvolles. Als er sich vorbeugte, näherten sich ihre Hände seinem Gesicht mit der Leichtigkeit, mit der Metall von Magneten angezogen wird. Sanft und zitternd spürte er ihre Hände auf seinem Gesicht, und doch vermittelten sie den Eindruck von großer Geschicklichkeit. Es waren die Hände einer Künstlerin, und er hatte das merkwürdige Gefühl, neu geschaffen zu werden, als sie die Augen, die Stirn, die Backenknochen berührte, durch die Haut die Form seiner Zähne betastete, seinen Mund und sein Kinn befühlte und über die Halsschlagader glitt. Obwohl er sich nicht fürchtete, übertrug sich gegen seinen Willen diese beinahe unmerkliche Vibration, das Zittern, das er in ihren Händen spürte.
«Stehen Sie bitte auf», bat sie, «ich möchte Ihren Körper berühren. Sie haben langes Haar. Gut. Welche Farbe? Wie groß sind Sie?»
«Blond, ein Meter achtzig», hörte er sich sagen. Seine Stimme schien von ihm losgelöst zu sein, schien aus einem anderen Zimmer zu dringen.
«Mir gefallen kleinere Männer», sagte sie, während sie sich mit großer Anstrengung vorbeugte und er die Anspannung an ihrer Stimme und ihrem Gesichtsausdruck ablesen konnte. Ihre Hände glitten unter den Pullover, über seinen Bauch, über die Rippen, unter die Rippen und berührten seinen Nabel. Diese Stelle betastete sie nicht so genau, und er war froh darüber. Zu wenig Bewegung und zu viel Essen. Er begann, sich unbehaglich zu fühlen.
«Sie sind in Ordnung», sagte sie, «ganz schön kräftig, und Sie haben ein gutes Gesicht. Sie sind ein bißchen schlaff, aber freundlich. Ich glaube, Sie sind freundlich, vielleicht freundlicher, als Sie sein möchten. Wahrscheinlich haben Sie ebenfalls Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren.»
Shannon empfand es erotisch und unerotisch zugleich, von ihr betastet zu werden. Er fühlte sich eigenartig und in gewisser Weise merkwürdig verändert. Ihn durchzuckten Gedanken an Tod und an Sex. Aber instinktiv wußte er, daß diese Berührung nichts damit zu tun hatte.
«Ich möchte Spanisch lernen», sagte er und kam sich zum erstenmal in ihrer Gegenwart lächerlich vor.
«Das habe ich mir gedacht», sagte sie, «mir gefällt Ihr Name. Aber jetzt bin ich müde. Nehmen Sie bitte den Telefonhörer ab, bevor Sie gehen. Ich möchte heute mit niemandem mehr reden. Sie sind in Ordnung. Wer hätte gedacht, daß sich so viele melden würden?»
Als sie sich in den Sessel zurücklehnte, bemerkte er, daß sie sehr erschöpft sein mußte. Sie stellte ihre Stöcke gegen die Beine, zog einen blauen Schal über den großen, schlaffen Brüsten zusammen, nahm etwas, das wie ein Zitronenbonbon aussah, von irgendwoher und steckte es in den Mund. Er hörte, wie das Bonbon gegen die Zähne stieß. «Ich bin erschöpft», sagte sie noch einmal, «welcher Tag ist heute?»
«Dienstag.»
«Ich bin Jungfrau», sagte sie.
«Ich bin Waage», antwortete Shannon.
Sie schwieg, und er wußte, daß er entlassen war.
«Kommen Sie Donnerstag wieder», rief sie ihm nach, als er die Tür öffnete, «nachmittags.»
Shannon ging in das Snack-Restaurant, bestellte Erdnußbutter-Meringe und blätterte noch einmal in der Zeitung. Da stand es: Interessante Frau, 92, blind, … Er hatte es also nicht geträumt. Er lächelte etwas unbehaglich, dann grinste er. Als die Serviererin in der weiß-roten Uniform des Hauses das Gebäck brachte, lachte er laut auf. Er schabte das Baiser herunter, aß die Füllung und kratzte mit der Gabel WER? in die Kruste. Als er wieder nach draußen ging, erschien ihm Palo Altos Hauptstraße, die University Avenue, so exotisch und so fremd, als habe er LSD genommen.
Er blieb stehen und betrachtete sein Gesicht im Spiegelglasschaufenster von Mary Moo’s Gift Shop. Shannon Hart, etikettierte er sich, Südstaatler im Exil, König des déjà vu. Er verachtete sich für sein Leben in Selbstvergessenheit. Aber als er das Gesicht im Spiegelglas betrachtete, fand er daran Gefallen. Er erinnerte sich an Johannas Berührung, ließ seine Finger über die Backenknochen gleiten, spürte die Höhlung unter den Knochen und die warme elastische Haut. Ein Gesicht – sein Gesicht. Haut und Knochen, Augen, Gehirn und Zähne. Er entblößte seine geraden, vom Kieferorthopäden gerichteten Zähne, eine Behandlung, die Jack Rhett bezahlt hatte, als Shannon vierzehn war. Nicht übel, Shannon. Du siehst zwar ein bißchen dick, ein bißchen abgeschlafft aus, sagte er zu sich selbst und fragte das spöttische Gesicht: Bist Du wirklich Shannon Hart? Steckt Shannon Hart in diesem Kopf? Blickt Shannon Hart aus diesen unschuldigen blauen Augen? Nein, antwortete Shannon entschlossen, ich bin irgendwo in der Magengrube, ungefähr zwischen dem Punkt, wo meine Angst sitzt, und meinem nicht unbedingt zuverlässigen Schwanz.
Er wendete sich vom Schaufenster ab, drehte etwas, das er für eine Pirouette hielt, wirbelte den schwarzen Umhang um sich herum und stolzierte die Straße entlang. Bela Lugosi, dachte er, La Goosie Bela.
Dummkopf dachte er, als er darauf wartete, daß die Fußgängerampel auf Grün sprang. A … c … h … t … u … n … g …
Im vergangenen Jahr hatte er ein Leben sorgfältig vermiedener Erfahrungen geführt; ein gleichförmiges Leben, von einem Tag zum anderen, mit Eiscreme und Lederarbeiten, Fotografieren und Sex mit Jeanne. Sein Kopf war so sauber und leer wie eine desinfizierte Toilette. Er fürchtete, die alte Scheiße käme wieder hoch, wenn er noch einmal über etwas nachdachte, Philosophie und Selbstanalyse, elegant verbrämter Narzißmus. Diese Phase seines Lebens hatte ihn beinahe völlig zerstört, ehe er verstand, was mit ihm geschah. Er hatte sich solange selbst analysiert, bis er überhaupt nichts mehr tun konnte und die Fragmente seines Ichs wie Zeitungsschnitzel verstreut umherlagen. Das hätte beinahe auch seine Frau zerstört, aber sie brachte den Mut auf, ihn zu verlassen. Galen war eine ruhige Frau, ebenso ruhig wie Jeanne. Aber unter Galens Sanftheit und Schweigen lag unterdrückte Wut, während dies bei Jeanne nicht so war (hoffte er jedenfalls).
Du liebst mich nicht Shannon, Du weißt noch nicht einmal, daß ich existiere. Er wußte, daß Galen in gewisser Weise recht hatte, und er bedauerte vieles, wenn seine Gedanken um sie kreisten. Er hatte sich in Politik gestürzt, um nicht den Schmerz des Bruchs mit Galen zu empfinden, um der Verlockung des Südens zu entgehen, der Verlockung, nach Charleston und zu Jack Rhett zurückzukehren und vielleicht Galley dort zu finden. Er engagierte sich in der Antikriegsbewegung, in absoluter Opposition zu seinem rechtsorientierten Elternhaus. Auf einer Kundgebung verbrannte er seinen Musterungsbescheid, aber heute wußte er, es war unehrlich gewesen, obwohl er glaubte (er fürchtete sich noch immer, seiner Aufrichtigkeit überhaupt zu trauen), wirklich Pazifist zu sein. Aber wegen eines Knieschadens stufte man ihn bei der Musterung als 4F ein, und Jack Rhett hatte seine Beziehungen spielen lassen, und so war er mit einer Geldbuße und einer Strafe auf Bewährung davongekommen. Er vermied auch, über einen anderen Aspekt nachzudenken: Über die Männer, die im Gefängnis saßen, weil sie ihren Musterungsbescheid verbrannt hatten. Männer, die keine Feiglinge waren. Hör damit auf, Mann, dich selbst zu zerfleischen. Ich weiß schon nicht mehr, was eine Idee überhaupt ist.
Er ging die Straße entlang. Fünf, sechs, sieben, acht, nie mehr Krieg, zerschlagt die Macht. In Berkeley hatte er Fensterscheiben zertrümmert und Autoreifen aufgeschlitzt, dann überfiel ihn wieder die alte Lähmung. Nicht daß er glaubte, Politik sei nutzlos – er mißtraute den Motiven für sein Engagement. Er glaubte noch immer, daß es Menschen gab, die wußten, was sie in der Bewegung suchten, aber er gehörte nicht zu ihnen. Vor einem Jahr hatte er seinen Lederladen in Palo Alto eröffnet. Palo Alto war eine verschlafene, sterile Stadt, bevölkert von den weißen Mittelklassestudenten von Stanford. Hier fühlte Shannon sich sicher. Kalifornien. Ein Land, das Menschen anlockte, die losgerissen von ihrer Vergangenheit chaotisch und suchend umherzogen. Immerhin auf der Suche. In Palo Alto konnte er als ein Mensch ohne Vergangenheit leben; nur sein Akzent verriet ihn, quälte ihn wie ein Hunger.
Und doch wußte er, als er die verschlafene Straße entlangeilte und ein leichter Regen niederging, daß er gewartet hatte. In diesem Jahr der Stille hatte er auf etwas gewartet, und jetzt konnte er sich vorstellen, daß es vielleicht Johanna Osborne war, auf die er gewartet hatte. Er fürchtete sich, obwohl er nicht verstand weshalb. Er wußte nur, was er gegen diese Angst unternehmen mußte.
Er zog den Umhang enger um sich und hoffte, das Regenwasser würde keine Spur auf dem Leder hinterlassen. Jetzt bejahte er die Liebe zu seinem Umhang, zu dem ein Schmetterling ihn inspiriert hatte, den er in den Sierras sah, ein Trauermantel mit schwarzbraunen Flügeln und leuchtenden blauen und gelben Flecken. In seiner politischen Vergangenheit hätte er sich wegen dieses Umhangs verachtet.
Es war halb sechs, als er im kalten Märzregen seinen Laden erreichte, und es dunkelte bereits. Er holte den Schlafsack aus dem Hinterzimmer, warf ihn in seinen Dodge-Bus und machte sich auf den Weg zum Autokino. Unterwegs hielt er an, um eine Flasche billigen Wein zu kaufen. Im Autokino konnte er immer so gut schlafen. Es hatte etwas mit dem Summen des Lautsprechers zu tun.
Im Autokino fuhr er rückwärts in einen Parkplatz, machte sich aus Schlafsack und Kissen ein Bett zurecht, drehte den Lautsprecher an und öffnete die Weinflasche. Der Film hatte bereits begonnen, und er versuchte, der Handlung zu folgen. Da die Rückklappe des Busses offenstand, wurde er etwas naß, aber die Klappe hatte keine Scheibe, durch die er hätte sehen können. Der Film handelte von Vampiren. Einer der Vampire sah sehr gut aus. Wie häufig, wenn er allein im Dunkeln lag, dachte er an Galen. Mit geübter Leichtigkeit grub er sie aus seiner Erinnerung aus. Auf Galan folgten Galley, Jack Rhett, seine Mutter, Galleys kleinere Schwester Mallory und die Häuser am See. Mit etwas größerer Mühe holte er auch sie alle in seine Erinnerung zurück.
Er trank einen großen Schluck Wein und wartete darauf, daß er einschlief. Es gab Augenblicke in dieser sorgsam konstruierten Langeweile, in denen er fürchtete, eine verkappte Version von Galleys Onkel Arlis zu werden, der seine Zeit damit verbrachte, Buttermilch zu trinken und sich mit dem Radio zu unterhalten.
Später, er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann er eingeschlafen war, hatte er einen Traum, der ihn mehrere Tage lang verfolgte. Er saß mit einer Frau, die er nicht kannte, in einer Badewanne. Er blinzelte, und sie wurde Galen und dann Galley. Dann beschrieben er und Jeanne sich gegenseitig am ganzen Körper mit den Seifenstiften, die sie in einem Kindergeschäft gekauft hatten. Sie schrieb 2468 Fuck You auf seinen Rücken. Er wußte, was sie schrieb, denn die Buchstaben brannten sich in die Haut ein. Sie drehte ihn um und malte eine mysteriöse orangefarbene Sieben auf seine Brust. Die Sieben leuchtete, und er freute sich darüber. Sie verbrannte seine Haut nicht. Er zeichnete eine große grüne Blume auf ihre Brust mit der Brustwarze als Mittelpunkt. Ihr gefiel die Blume mit den grünen Blumenblättern, aber als er begann, eine orangefarbene Blumenkrone um die Warze zu malen, wurde die Brust schlaff und begann unter seinen Händen zu zerfallen. Sie zerbröckelte wie nasser Puder. Die Brust war viel zu groß, sie hing an seinen Händen, und Stücke fielen in das Badewasser. Hektisch versuchte er, sich zu waschen, aber die zerfallenden Klumpen klebten hartnäckig an den Händen.
Er erwachte. Die Leinwand vor ihm lag im Dunkeln. Es hatte aufgehört zu regnen. Aus der Richtung der Leinwand näherte sich über die inzwischen verlassenen Parkplätze eine Gestalt. Die metallenen Lautsprecherhalterungen, die den Platz übersäten, wirkten wie die Stengel eines seltsamen technischen Getreides, das schon lange abgeerntet war.
Das Entsetzen der Kindheit, das Entsetzen der Träume überfiel Shannon. Er wußte, daß er in einem Autokino war, aber er wußte auch wieder nicht, daß er in einem Autokino war. Um sich in die Wirklichkeit zurückzubringen, schlug er gegen das Blech des Autos. Die Gestalt stieg so langsam über die Einfassung der Parkplätze. Sie schien eine Ewigkeit zwischen einer Stufe und der nächsten zu verharren. Sie kam nicht näher, aber vor seinen Augen wurde sie größer und größer. Shannons Puls schlug heftig, und Schweiß brach an seinem ganzen Körper aus. Die Gestalt war zu schmächtig, zu linkisch, um sein Vater sein zu können, und doch wußte er irgendwie, daß es sein Vater war. Sein Vater, der ihm den Tod brachte.
Die Gestalt entpuppte sich als kleiner, hagerer, verkniffen dreinblickender Mann, der Shannon zuzwinkerte, während er sprach, aber so humorlos, daß sein Zwinkern mehr an eine Puppe erinnerte, deren Augen auf- und zuklappten. «Bist du alleine, Kleiner? Ich weiß, du bist nicht alleine. Du mußt mit deiner Freundin nach Hause gehen. Das hier ist keine Hotel.»
Er geht durch eine Straße mit Bäumen. Es ist dunkel; die Straßenlaternen brennen bläulich weiß. Jemand geht hinter ihm: Dicht hinter ihm, rechts von ihm, geht jemand. Er dreht sich nicht um, aber er weiß, es ist sein Vater …
Shannon war dreizehn, als sein Vater tödlich verunglückte. Er war dreizehn, als sie begannen, in jeder freien Minute Poker zu spielen. Sie saßen um den Tisch mit der roten Wachstuchdecke auf der Veranda von Arlis Burfords Haus. Er war dreizehn, als er zum erstenmal onanierte.
Sein Vater starb in einem Autowrack, und damals durchlebte Shannon die Szene immer und immer wieder. Der Vater fährt mit Onkel R.T. im Auto, dem sadistischen Onkel, der so ganz anders ist als Galleys harmloser Onkel Arlis. Onkel R.T. sitzt am Steuer, und Shannons Vater sitzt rechts neben ihm. Es regnet. Sie fahren zur Arbeit in die Werft. Shannons Vater arbeitet dort als Maschinist und Onkel R.T. als Rohrleger. An einer Kreuzung halten sie an. Kommt etwas, fragt Onkel R.T. Shannons Vater blickt durch das beschlagene, vom Regen verschmutzte Fenster. Nein, sagt er. Wie oft in seinem Leben hat Shannon dieses Nein wiederholt und dabei durch das Wagenfenster des Vaters geblickt. Manchmal sieht er nichts. Aber manchmal sieht er das hellblaue Auto, den Wagen in der Farbe des Regens. Und noch immer sagt er: Nein. Manchmal nähert sich der hellblaue Wagen dem hinteren Rad in Zeitlupe, und manchmal sieht er die Tür neben sich offenstehen. Aber immer, immer, ob er den Wagen sieht oder nicht, fliegt er im Zeitlupentempo durch die Luft, überschlägt sich dabei einmal; und zum erstenmal in seinem Leben fühlt er sich frei, während er das Verkehrsschild auf sich zukommen sieht. Er segelt auf das Schild zu, als sei es ein Magnet, auf das Schild, das ihm mit seinen roten Buchstaben HALT den letzten Witz seines Lebens erzählt. Das Verkehrsschild zerschmettert seine Brust, und das Herz bleibt stehen.
Ein Druck liegt auf seiner Brust. In der High School nannte man es Asthma. Als er älter wurde und erkannte, daß es sein Vater war, verschwand das Asthma. Der Druck, das Gewicht verschwand nicht. Auch nicht die Angewohnheit, die Arme über der Brust zu kreuzen, um sie zu schützen.
In dem Jahr, als er dreizehn wurde, verunglückte sein Vater tödlich. Und es war das erste Jahr, in dem sie in dem Haus am See unablässig Poker spielten. Seine Eltern wohnten direkt am Strand, in derselben Straße wie die Rhetts und die Burfords, aber landeinwärts. Seit er denken konnte, war Galley seine beste Freundin. Gemeinsam stahlen sie Fische aus den Reusen, übten küssen und lernten im Pavillon tanzen. Galley brachte ihm das Onanieren bei.
Die Erwachsenen sitzen auf der Veranda von Onkel Arlis und Tante Lucy um den Tisch mit der Wachstuchdecke. Shannons Onkel R.T. ist da, Rose, die stets weinselige Lehrerin, die allein lebt, die Tyrells, die noch immer als Yankees gelten, obwohl sie seit neun Jahren im Süden leben, und ihr Sohn Pete, der mit seinen neunzehn Jahren alt genug ist, um zu spielen. Jack Rhett ist da. Er ist groß und wirkt selbst in Strandkleidung vornehm. Auch Elvira Rhett, Galleys Mutter, sitzt dabei, blaß und nervös unter ihrer Bräune. Mallory, Galleys Schwester, sitzt wie üblich neben ihrem Vater Jack. Shannons Eltern sind da. Seine Mutter, groß und kräftig mit einer Hakennase, schwarzen Haaren und flinken, beinahe schwarzen Augen. Zwischen den geschminkten Lippen steckt eine brennende Zigarette, und aus einem großen Glas trinkt sie Ginger Ale, wie Shannon weiß. Auch Shannons Vater sitzt am Tisch. Er trägt ein offenes, blaukariertes Hemd. Seine Haut ist von der Sonne dunkel gebräunt. Er hat blaue, etwas wäßrige Augen. Die braunen Haare sind ohne Scheitel zurückgekämmt. Auch er raucht eine Zigarette, aber aus seinem großen Glas, weiß Shannon, trinkt er Bourbon mit Soda.
Shannon steht draußen im Dunkeln und beobachtet sie durch den Fliegendraht. In diesem Sommer hat er oft dort gestanden. Er verbirgt sich in der Dunkelheit auf der anderen Seite des Fliegenfensters und spioniert. Galley langweilt dieses Spiel, obwohl sie es die ersten paar Male mochte. «Mein Gott, Shannon, nicht schon wieder. Laß uns zum Pavillon gehen. Laß uns ein paar Zigaretten besorgen, laß uns irgend etwas machen. Mein Gott, Shan.»
Er winkt ab. Etwas an seinem Vater beschäftigt ihn.
Sie spielen Indian Poker. Shannons Mutter gibt Karten und lehnt sich dabei weit über den Tisch. Er kann die dunklen Schweißflecke auf der Bluse unter ihren Armen erkennen. Die Spieler erhalten eine Karte, aber sie dürfen sie nicht ansehen. Jeder hält seine Karte vor die Stirn und kann zwar die Karten der anderen, aber nicht die eigene sehen. Shannons Vater hat eine Pik-Drei, er blickt von einem Spieler zum anderen und versucht zu entscheiden, ob er niedrig oder hoch bieten soll.
Niedrig, Pa, flüstert Shannon beinahe flehend, niedrig bieten. Etwas an seinem Vater beschäftigt ihn.
Seit Monaten spricht sein Vater kaum mit ihm, das ist es. Schweigen,dieses Wort entstammt einem Vokabular, das ihm fremd ist. Das Wort klingt wie ein Gedicht. Niedrig bieten, Pa.
Sein Vater bietet hoch und verliert.
Sein Vater hat in den letzten Monaten geschwiegen. Wenn er abends nach Hause kam, legte er sich sofort schlafen. Er wirkte in sich zurückgezogen, wie jemand, den nichts interessiert. Einmal kam Shannon in die Küche und sah, wie der Vater einen tiefen Zug aus der Bourbonflasche nahm. Mit humorlosem Lächeln sagte er: «Erzähl es nicht deiner Mutter.»
Und drei Monate später ist Shannons Vater tot, gestorben bei einem Autounfall mit Onkel R.T., der dabei noch nicht einmal verletzt wird. Kommt etwas? Nein. Und das Auto in der Farbe des Regens kommt.
In den Jahren nach diesem Unglücksfall durchforschte Shannon unermüdlich sein Gedächtnis nach Erinnerungen an den Vater. Er erinnerte sich an viele Szenen, viele Gespräche, aber das wesentliche Bild, das sich ihm eingeprägt hatte, das lebendigste Bild, war der Vater hinter dem Gitter des Fliegendrahts auf der Veranda, im Gitter seines blaukarierten Hemds. Sein hageres Gesicht schweißbedeckt und eine Pik-Drei vor der Stirn.
Eine Woche nach dem Tod des Vaters besuchte Jack Rhett Shannon. Er lud ihn zum Mittagessen in den Yacht Club ein. In den prächtigen Yacht Club, der Shannon einschüchterte, mit dem dunklen Holz, den dunkelhäutigen Kellnern und den weißen Tischtüchern. Und Jack Rhett mit den blauen Augen, die niemals lachten, mit dem durchdringenden Blick, dem winzigen Leberfleck auf der Stirn, den Shannon noch nie zuvor bemerkt hatte, erklärte Shannon, er wolle ihn nach der High School aufs College schicken, er würde ihn auf eine private High School schicken, wenn Shannon dies wünsche, damit er Charleston nicht verlassen müsse und seine Mutter nicht allein bleibe. Später könne er dann irgendwo auf der Welt studieren. Shannon müsse sich jetzt in der Schule Mühe geben, und er hoffe, Shannon würde einmal Anwalt werden wie er selbst. Shannon fürchtete sich vor diesem Mann, vor Galleys Vater, der kaum je mit ihm gesprochen hatte. In seiner Verwirrung fragte er, ob ihn dies irgendwie zu Galleys und Mallorys Bruder mache. Jack Rhett lachte und sagte nein.
Einen Monat später brachte Shannons Mutter ihn zu einem Kieferorthopäden, der Spangen auf seine schiefgewachsenen Zähne setzte und die Rechnungen an Jack Rhett schickte.
In diesem Sommer, als Shannon seinen Vater durch den Fliegendraht beim Indian Poker beobachtete, brachte Galley ihm das Onanieren bei. Nicht, daß sie es ihm wirklich zeigte. Sie hatten unten am Strand Küssen geübt. Shannon hatte einmal auf einer Party ein Mädchen geküßt, draußen in den Büschen, aber hinterher fühlte er sich in ihrer Gegenwart nervös. Er zog es vor, Galley am Strand zu küssen und sich vorzustellen, sie seien beide jemand anderes. Er küßte Galley, als sie plötzlich ihre Hand zwischen seine Beine schob.
Er machte sich los. «Mensch Galley, was machst du da? Laß mich in Ruhe!»
Galley wurde wütend: «Blöder Shannon, du weißt überhaupt nichts!»
«Doch!»
«Du Dummkopf. Du weißt noch nicht einmal, wozu das Ding da ist!»
«Doch!»
«Na, wofür ist es denn, du Dummkopf?»
«Hör auf, mich Dummkopf zu nennen!»
Plötzlich begann Galley zu weinen. Er hatte Galley nur einmal zuvor weinen sehen, damals, als sich ein dreizackiger Angelhaken in der weichen Innenseite ihres Arms verfing. Sie hatte zwei Wochen lang nicht mit ihm gesprochen, weil er gesehen hatte, daß sie weinte.
Sie warf eine Handvoll Sand nach ihm. «Du Dummkopf!» wiederholte sie, und dann lief sie auf das Haus zu, aber er wußte, sie würde nicht ins Haus gehen, sondern ins Bootshaus, wo sie sich häufig versteckte. Er wußte nicht, was er tun sollte. Wenn er ihr folgte, würde sie nicht mit ihm sprechen. Sie wußte noch nicht einmal, daß er ihr Versteck entdeckt hatte. Eines Nachmittags hatte er es ausspioniert, als er ihr nachgeschlichen war. Jedenfalls war er wütend auf sie. Aufgeregt lief er am Strand hin und her. «Dieser Dummkopf», murmelte er immer und immer wieder vor sich hin, «diese dumme Galley.» Allerdings wußte er nicht, ob er Galley oder sich selbst meinte. Die Beine schmerzten. Diese dumme Galley. Etwas überkam ihn, dem er sich beinahe nicht gewachsen fühlte. Er beschloß, schwimmen zu gehen. Er wollte sich abkühlen und dann Galley suchen. Nur war er so wütend, daß er gar nicht wußte, ob er Galley überhaupt finden wollte. Als er die Hose zum Schwimmen auszog, geschah etwas. Er wußte nicht, was es war. Wie Lichter. Er berührte seinen Penis, allerdings vorsichtiger, als Galley es getan hatte. Du Dummkopf, murmelte er und rieb mechanisch an der Spitze. Du Dummkopf. Er hatte sich noch nie so gut gefühlt. Er rieb immer weiter. Bilder tauchten vor ihm auf, Frauen mit schweren Brüsten, wie auf den Bildern in der Garage von Onkel R.T., Bilder von Galleys Mund. Als er kam, wußte er halbwegs, was geschehen war, aber er wußte es auch wiederum nicht. Es unterschied sich so sehr von den Andeutungen, die er gehört hatte. Er zog Hose und Hemd aus und lief schnell ins Wasser. Das Wasser war kalt, und er atmete heftig. Nach einer Weile gelang es ihm, sich daran zu erinnern, daß er noch immer wütend auf Galley war, so wütend auf Galley, daß er es beinahe nicht ertragen konnte.
Für den Rest des Sommers und des Herbstes sprach er nicht mehr mit Galley. Bis zur Beerdigung seines Vaters sprach er mit Galley nicht mehr.
Shannon hatte gerade den ersten Abschnitt von Emersons Circles gelesen, als Johanna Osborne ihn unterbrach. «Ich gehe gerne langsam vor. Ich denke gerne über die Dinge nach», sagte sie, «haben Sie Carl Jung gelesen? Mir fällt auf, er sagt dasselbe wie Emerson. Jungs Theorien über die Mandala als Symbol der Ganzheit sagen dasselbe.»
Shannon hatte gelesen:
Das Auge ist der erste Kreis; der Horizont, den es erfaßt, ist der zweite; und in der Natur wird diese Primärfigur endlos wiederholt. Das Auge ist das höchste Symbol der esoterischen Lehren. Der heilige Augustinus beschreibt das Wesen Gottes als einen Kreis, dessen Mittelpunkt überall und dessen Umkreis nirgends ist.
«Ich habe Jung nicht gelesen», antwortete Shannon, obwohl er ein Jahr damit zugebracht hatte, Jung intensiv zu lesen. Damals war er verheiratet. Er wollte ihr seine Vergangenheit noch nicht offenbaren. Er wußte noch immer nicht, ob er diese Freundschaft (wenn man es so nennen konnte) wirklich wollte oder was er sich davon versprach, wenn er sie wollte. Er verhielt sich so defensiv, als sei Johanna Osborne eine neue Freundin, die ihn zu erdrücken drohte.
«Das Auge ist der erste Kreis», sagte Johanna, «und ich habe eben keine Augen mehr. Oder, ich habe wohl Augen, ich bin nur blind. Sie haben keine Vorstellung, wie merkwürdig es ist, blind zu sein. Am meisten vermisse ich die Farben, besonders Violett. Ich liebte Violett.»
«Wie lange sind Sie schon blind?» fragte Shannon.
«Vor sechs Jahren begannen die Augen schwächer zu werden. Völlig blind bin ich seit drei Jahren. Ja, wie ich die Farben vermisse. Obwohl Farben nicht mein Metier waren. Merry war die Malerin. Ich liebte die Töne mehr. Die Violine. In New York spielte ich Violine. Habe ich Ihnen davon erzählt? Am meisten liebte ich Bartók, obwohl manche ihn nicht mochten. Menschen, die ich achtete, liebten Bartók nicht. Das habe ich nie verstanden. Töne, Farben und Formen sind große Mysterien. Wir sitzen in diesem Zimmer, und ich kann Sie nicht sehen, aber Sie können mich sehen. Ich kann mich nur daran erinnern, was Sehen bedeutet. Wie kann ich also wissen, was es überhaupt noch bedeutet? Sie bestehen für mich nur aus Tönen. Ich kann Sie nur hören, es sei denn, ich berühre Sie. Ja, ja, die Verläßlichkeit der Sinne. Man verliert einen, und sie werden alle rätselhaft.»
Shannon spielte mit den Fransen seiner Lederhose. «Sie sind auch rätselhaft», antwortete er.
Sie lächelte und zeigte dabei die gelben Zähne. Ihn überflutete eine Welle der Abneigung gegen diesen zerfallenden Körper. «Wer ist Merry?» fragte er schnell, da er fürchtete, sie könne seine Gefühle erraten.
«War», sagte sie, «war, Merry ist seit elf Jahren tot. Beinahe alle, die ich liebe, sind tot. Außer mir. Wissen Sie, Eigenliebe ist wichtig.»
«Vermutlich.»
«Natürlich bin ich selbst auch beinahe tot.» Sie lachte kichernd wie eine Hexe, und er mußte lächeln. Sie war keine Hexe, sondern einfach eine sterbende, wunderbare, alte Frau. Das Kichern machte sie für ihn realer und auf gewisse Art ergreifender als zuvor. Er erkannte, was er für sie bedeutete, einfach als ein Mensch, mit dem sie sich unterhalten konnte. Sie war so einsam. Er nahm sich vor, sie zu fragen, ob außer ihm noch jemand zu ihr kam. Jemand mußte die Wohnung in Ordnung halten, Besorgungen erledigen, vielleicht sie sogar baden. Er überlegte, ob sie sich selbst baden konnte.
«Merry», fuhr sie fort, «Merry war meine Geliebte. Sind Sie schockiert? Von allem, was ich getan habe, und ich kann Ihnen versichern, ich habe einiges getan, hat die Sache mit Merry die Leute am meisten schockiert. Ich weiß nicht warum. Es machte mich wütend. Es war alles sehr einfach, zuerst waren wir Freundinnen, und dann liebten wir uns. Nichts weiter. Ich verstand die ganze Aufregung nicht. Anarchismus erschien mir schockierender.»
