Träume vor Mitternacht - Laura McBride - E-Book

Träume vor Mitternacht E-Book

Laura McBride

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

»Vier Frauenschicksale verwoben zu einem Panorama, das zu Tränen rührt.« Deseret News

Vier Frauen, sechs Jahrzehnte und ein Ort, der Schicksale bestimmt ...
Mitternacht ist ein Ort: »Midnight Room« – so heißt der Nachtclub im El Capitan, einem Casino in Las Vegas. June Stein und ihr Mann haben das Casino in den 1950ern aufgebaut und in eine goldene Ära geführt. Doch die ist längst Vergangenheit, als Honorata, eine junge Philippina und »Katalogbraut«, Jahre später hier den Jackpot knackt und sich mit Junes Hilfe die Freiheit erkauft. Honoratas Leben ist verwoben mit dem der mexikanischen Einwanderin Engracia und dem von Carol, einer schwarzen Lehrerin, die schon lange nach ihrer leiblichen Mutter sucht – eine Suche, bei der ihr nur June helfen kann.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 535

Veröffentlichungsjahr: 2019

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Buch

Mitternacht ist ein Ort: »Midnight Room« – so heißt der Nachtclub im El Capitan, einem Casino in Las Vegas, wo sich täglich unzählige Lebenswege kreuzen. June Stein und ihr Mann haben das Casino in den 1950ern aufgebaut und in eine goldene Ära geführt. Sie erleben gemeinsam eine Glanzzeit der Stadt, müssen aber auch persönliche Krisen und tragische Verluste überwinden. Nach dem Tod ihres Mannes führt June das El Capitan bereits lange allein, als Honorata, eine junge Filipina und »Katalogbraut«, hier den Jackpot knackt. Durch diesen Gewinn und mit Junes Hilfe kann sich Honorata die Freiheit erkaufen, doch ihr Schicksal bleibt mit der Stadt verknüpft. Honoratas Leben ist außerdem verwoben mit dem der mexikanischen Einwanderin Engracia und dem von Carol, einer schwarzen Lehrerin, die schon lange nach ihrer leiblichen Mutter sucht – eine Suche, bei der ihr nur June helfen kann.

»Laura McBride erinnert uns daran, welch unsichtbare Fäden die Menschen verbinden. Sie verwebt die Schicksale von vier Frauen zu einer Geschichte über Liebe, Verlust und über die Kraft, nicht aufzugeben. Hinreißend, unvergesslich, von großer Weisheit. Was für eine Erzählerin.« Patry Francis

Autorin

Laura McBride lebt mit ihrer Familie in Las Vegas und unterrichtet am College of Southern Nevada. »Träume vor Mitternacht« ist ihr zweiter Roman und folgt auf ihr gefeiertes Debüt »We Are Called to Rise«.

Laura McBride

Träume vor Mitternacht

Roman

Aus dem Amerikanischen von Marie-Luise Bezzenberger

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »’Round Midnight« bei Touchstone An imprint of Simon & Schuster, Inc., New York Die Taschenbuchausgabe erschien unter dem Titel »In the Midnight Room« Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Deutsche Erstveröffentlichung Juli 2019 Copyright © der Originalausgabe 2017 by Laura McBride Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur GmbH, München, nach einer Gestaltung von Kristen Haff unter Verwendung der Bilder von © Elliott Erwitt / Magnum Photos /Agentur Focus und Mark Adams / Millennium Images, UK Redaktion: Regina Carstensen Ab · Herstellung: kw Gesamtherstellung: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN: 978-3-641-22881-1V002 www.goldmann-verlag.de Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Für meine Mom

JUNE

Die, die sich verliebte

11. März 1960

Im Midnight Room

Wenn man durch den Haupteingang ins Casino kam, lag der Midnight Room rechts. Eine spärlich bekleidete Unschuld, die einen goldenen Stern vor dem Oberkörper schwenkte – wobei zwei glitzernde Geldstücke kunstvoll die edelsten Teile verbargen –, zierte das Neonvordach über der Tür. Darunter begrüßte ein Mann in Abendgarderobe die Glücklichen, die eine Eintrittskarte hatten, und geleitete jene, die ihm genug Bares zusteckten, zu den besseren Plätzen.

Es war ein schnörkelloser Saal: eine dreißig Meter große Bühne mit einer schmalen Rampe, ungefähr anderthalb Meter hoch. Ungefähr zwanzig kleine runde Tische und Stühle mit rotem Samtbezug. An der hinteren Wand zog sich eine Reihe Nischen hin, sogar noch erhöhter als die Bühne, und der Samt war hier eher braun. Die Buntglaslampen warfen einen warmen Schein – der jedoch nichts erhellte – auf die Tische, wo die Drinks stehen würden. Die Tonanlage war hervorragend, die Beleuchtung entsprach dem gängigen Standard, und auf der Bühne war Platz für eine ziemlich große Band, falls jemand das wollte.

An diesem Abend spielte ein Mann Klavier, ein zweiter Saxofon und ein dritter Schlagzeug. Als der Vorhang hinter der Bühne sich teilte, schwenkte ein Scheinwerfer herum, sodass er das Gesicht des Sängers einfing. Dieser machte das schon eine ganze Weile – intuitiv wandte er sich dem Licht zu und ließ es die Fläche seines Wangenknochens betonen, die Höhlung seines Auges, den Schwung seiner Lippe.

Er dachte, dass er vielleicht nie wieder dort spielen würde.

Er wusste, was später kommen würde.

Und als er sie ganz hinten sitzen sah, in der Nische, in der sie immer saß – trotzdem schrak er zusammen; es war lange her, sie hatte nicht gesagt, dass sie kommen würde –, gab er der Band ein Zeichen aufzuhören. Vielleicht würde er etwas sagen, dachte er, es einfach sagen, es in die Welt setzen; doch in jenem Sekundenbruchteil, in dem er hätte entscheiden müssen, was er sagen sollte, in dem er den Mut hätte aufbringen müssen, es auszusprechen, erinnerte er sich plötzlich daran, wie er sie zum ersten Mal gesehen hatte.

Er hatte keine Ahnung gehabt, wer sie war. Er war neu in der Stadt, kannte überhaupt niemanden. Und natürlich war sie die einzige Weiße. Sie hatte aufgeblickt – verdammt, sah die gut aus –, und der Saxofonist hatte einen Ton gespielt, und er hatte mit der Hüfte gezuckt, nur ganz wenig, instinktiv, und sie hatte nach Luft geschnappt. Das hatte er tatsächlich gesehen; er hatte das nie vergessen, und genau in diesem Moment hatte er sich vielleicht verliebt.

Also gab er heute Abend, vier Jahre später, und wahrscheinlich das letzte Mal, dass er für sie singen würde, Jamie, der Saxofon spielte, mit einem Finger ein Zeichen. Und als der Ton erklang, schloss er die Augen und dachte an die miese kleine Bar, an das Gesicht der weißen Frau, das Zucken seiner Hüfte. Und er ließ seinen Körper das Kommando übernehmen, wiederholte diesen einen Augenblick jenes Schicksalsabends, und während er das tat, erinnerte er sich, dachte an ihr Gesicht, an ihr Atemholen. Er erinnerte sich, auch wenn sie sich natürlich nicht erinnern würde.

1

Um den Sieg in Europa zu feiern, sprang June Stein kopfüber von der Haverstraw Bridge.

Ein paar Monate zuvor hatte sie sich bei einem Tagesausflug in die Stadt eine fünfundvierzig Zentimeter lange silberne Zigarettenspitze gekauft – hatte sich heimlich in den Laden geschlichen, während ihre Mutter sich nebenan einen Hut aussuchte – und den Frühling damit verbracht, Asche auf die Laufbahn zu schnippen, während sie hinter den Stufen zur Jungenturnhalle rauchte. Im April trug sie in der Schule Nylonstrümpfe und beugte sich über den Trinkbrunnen, um die braunen Nähte zu betonen, die sich hinten an ihren Beinen hinaufzogen. Leon Kronenberg behauptete, er hätte ihre eine Brust berührt. Als Mr Sawyer mit einem Kinnbart aus den Sommerferien zurückkam, holte June Stein Luft, leckte sich die Lippen und erschauerte.

Sie war schlecht für das Viertel.

Wegen June Stein passierte anderen Mädchen alles Mögliche.

Als sie mit neunzehn Walter Kohn heiratete, nahmen die meisten Leute an, dass sie schwanger war. June Stein würde kriegen, was ihr zustand. Sie würde ihr ganzes Leben lang in Clinton Hill festsitzen; Walter Kohn würde in drei Jahren eine Glatze haben, genau wie sein Vater und sein Onkel Mort.

Doch mit zwanzig verschwand June Stein.

Sie war sechs Monate weg.

Als sie zurückkam, war Walter Kohn zu einem recht begehrten Fang geworden. Die Leute fanden es falsch, dass seine Frau ihn verlassen hatte. Sie sei nach Reno gefahren, sagten sie, habe sich scheiden lassen. Sie sei gar nicht schwanger gewesen, sie habe nur Sex haben wollen, und jetzt, wo sie welchen gehabt habe, wo sie Walter Kohn benutzt habe – der wirklich wunderschönes blondes Haar und sehr blaue Augen hatte –, hatte sie ihn sitzen lassen, und wer weiß, bei welchem Mann sie es vielleicht als Nächstes versuchen würde.

June Stein kehrte als Ausgestoßene zurück.

Das war eine Rolle, die sie früher sehr genossen hatte, mit einundzwanzig jedoch fand sie es weniger lustig.

Sie war nicht nach Reno gefahren.

Sie war nach Las Vegas gefahren, und die Lichter und die Shows und die Wüstenluft, der Staub und die Hitze und wie man dort das Gefühl hatte, ganz allein im Universum zu sein, all das war in der Erinnerung reizvoller, als es in dem Augenblick gewesen war, in dem sie es erlebt hatte. Es hatte nur eine Handvoll Juden in der Stadt gegeben und keinen, den sie interessant fand. Also hatte sie sich mit anderen Leuten abgegeben, während sie auf die Scheidung wartete: hauptsächlich Einheimische, in Nevada geboren und aufgewachsen, und ein paar, die wegen des Glücksspiel-Booms gekommen waren. Und die gewannen immer mehr an Format, als sie wieder ins Haus ihrer Eltern zog, als selbst ihre Freundinnen Mitleid mit Walter Kohn äußerten, der jeden Morgen die Zeitung auf die Toilette mitgenommen hatte. Und dann die Art, wie ihre Mutter sie abends ansah, wie ihr Vater immer wieder fragte, ob sie nicht einen Stenografiekurs machen wolle. Eines Tages packte June Stein einen Koffer – darin auch die fünfundvierzig Zentimeter lange Zigarettenspitze –, rief ein Taxi und flog die ganze Nacht durch von Newark bis nach Las Vegas.

Nicht einmal einen Abschiedsbrief ließ sie zurück.

Aber so war June Stein eben.

Das hübscheste Mädchen von Clinton Hill.

Und die Einzige, die je einen Kopfsprung von der Haverstraw Bridge gemacht hatte.

2

»June, du solltest da nicht auf der Leiter stehen. Sieht aus, als ob du gleich runterfällst.«

»Glaubst du nicht, dass ich dann hopsen würde wie ein Gummiball?«

Del lachte.

»Ich mein’s ernst. Was machst du überhaupt da oben?«

»In dem Kronleuchter hängt so ein komisches Atombomben-Dings. Von da drüben im Zimmer kann man’s sehen. Stört mich schon seit einer Woche.«

»Na, dann sag doch Mack, er soll es runterholen. Wieso kletterst du auf eine Leiter, wenn du im achten Monat bist?«

»Ich habe es Mack gesagt. Vor drei Tagen. Er hat wirklich keine Zeit. Und ich langweile mich zu Tode. Sogar das Baby langweilt sich. Der Kleine tritt wie ein Lastwagenfahrer.«

»Ein Lastwagenfahrer? Ich glaube nicht, dass unsere Tochter Lastwagenfahrer wird.«

»Na, dann wird unsere Tochter eben mit den Follies die Straße runtertanzen.«

June sprang von der zweiten Sprosse der Leiter aus rückwärts ab. Eigentlich hatte das eine grazile Note setzen sollen, doch ihr Gewicht war schwer zu bremsen; sie knickte mit dem Fuß um und fing sich unbeholfen wieder, bevor sie hinfallen konnte.

Del schoss vor, und June grinste.

»Alles in Ordnung. Vielleicht bekomme ich ja davon Wehen.«

»Okay, versuch einfach mal, diese Woche vernünftig zu sein, ja? Ich brauche Hilfe. Das Hotel ist während der Ferien komplett ausgebucht, und Ronni will ihren Dad besuchen, der ist krank. Uns fehlen überall Leute. Wenn du Lust hast, im Büro die Bewerbungen durchzugehen, dann können vielleicht diese Woche ein paar Leute anfangen.«

»Hm. Na schön. Wenn du sicher bist, dass ich Mack nicht beim Hämmern helfen kann. Baby und ich hämmern doch so gern.«

June reckte sich empor, um Del einen Kuss zu geben; ihr Bauch schmiegte sich gegen seinen, und er erwiderte den Kuss geistesabwesend. Ihren verdutzten Blick bemerkte er nicht und auch nicht, dass sie mit etwas schweren Schritten auf das Büro zuging.

Cora war bereits da. Sie saß an dem Tisch, an dem June normalerweise die Bücher führte, eine Zigarette zwischen den Lippen, während eine weitere im Aschenbecher vor sich hin glomm. Ihre langen Beine hatte sie vor sich ausgestreckt – eine alte Dame, die aussah, als wäre sie früher einmal ein Showgirl gewesen.

»Suchst du auch nach neuen Leuten?«, erkundigte sich June.

»Odell ist es sehr ernst damit. Wie fühlst du dich?«

»Fett. Gelangweilt. Wirst ja sehen, ob ich mir von deinem Enkel noch mal einen Braten in die Röhre schieben lasse.«

Cora lächelte June an. Ihre Ausdrucksweise, ihre sinnliche Art, all das störte sie nicht. Das waren die Eigenschaften, wegen derer June Odell gebraucht hatte. Und ohne June wäre Odells Leben anders, auf eine Art und Weise anders, die Cora nicht wollte. Cora hatte für ihren Enkel viel aufgegeben. Sie bereute es nicht. Als ihr Sohn und seine nichtsnutzige Geliebte Odell zum letzten Mal bei ihr abgegeben hatten – mit vor Vernachlässigung wundem Popo und Druckstellen von irgendjemandes Fingern an seinem dünnen Arm –, hatte Cora ihre Entscheidung getroffen, ohne Zeit zu vergeuden. Sie und Nathan hatten zusammengerafft, was sie hatten, hatten die Tür des kleinen Häuschens in Texas abgeschlossen, in dem die Familie Dibb neunzig Jahre lang gewohnt hatte, und sich auf den Weg nach Vegas gemacht. Dort gab es einen Eisenbahnjob für Nathan und eine neue Welt für Odell. Sie und Nathan hatten manches gut gemacht und manches schlecht, letzten Endes jedoch war das Einzige, was sich aus Texas mitzunehmen lohnte, ein zweijähriges Kind.

Schwanger war June sogar noch hübscher. Alles an dem Mädchen war hübsch. Ihre Hände, ihre Füße, ihre Haut, ihr Haar. Wenn sie sprach, trällerte ihre Stimme, als würde sie gleich loslachen. Man hörte ihr genauso zu, wie man nicht aufhören konnte, sie anzusehen. Wenn alles vor die Hunde ging, dachte Cora, dann könnte June vielleicht als Entertainerin des Clubs herhalten. Wenn sie auch nur einen Ton singen könnte, würde sie es schaffen.

Entertainment war der Grund, warum das El Capitan ein Erfolg war. Deswegen würden sie und June den Nachmittag damit verbringen, Briefe zu lesen – seitenweise Briefe, manche mit der Hand geschrieben, manche mit einer Underwood getippt (bei denen waren alle n und s zu etwas hellerem Grau verblasst), manche um Fotos herumgefaltet. All diese Menschen, jung und alt, die in Vegas ein neues Leben beginnen wollten. Jawohl, das El Capitan war ein Volltreffer. Und es war der Ort, der die Leute herbeilockte – oder genauer gesagt Eddie Knox. Eddie Knox und die Atombomben.

Den ganzen Sommer und Herbst lang hatte es alle fünf Tage eine Bombendetonation gegeben. Operation Plumbbob. June nannte es Operation Plumbrich. Aus dem ganzen Land kamen Touristen, aus Kanada, aus Mexiko. Leute, die sonst nicht nach Las Vegas gekommen wären. Aber jeder wollte so eine Explosion sehen. Seit das National Geographic Magazine geschildert hatte, wie ein leuchtend rosafarbener Wolkenpilz sich erst violett und dann orange verfärbte und Eiskristalle wie Ozeangischt in den Himmel sprühte, waren die Menschen gekommen. Sie fuhren die staubige Straße zum Charleston Peak hinauf und lehnten an ihren Autos, um zuzusehen, wie die weiße Morgendämmerung vor der Nacht emporbarst, oder sie drängten sich in den winzigen Ort Beatty und erkundigten sich bei den Einheimischen, ob die Luft auch nicht gefährlich sei.

Hinterher kehrten sie nach Vegas zurück, in die klimatisierten Hotels und zu den kristallklaren Swimmingpools. Und ganz benommen von der unglaublichen Kraft, deren Zeuge sie geworden waren, von der merkwürdigen Bedrohung durch unsichtbare Strahlen, setzten sie beim Glücksspiel mehr, als sie es sonst vielleicht getan hätten, bestellten noch eine Runde Drinks, gönnten sich noch eine Show.

Wenn die Showgirls auf die Bühne kamen, in Pilzwolken-Badeanzügen und mit einem Kopfputz, der wie eine Explosion aussah, johlten sie, und sie jubelten, wenn Eddie seinen Auftritt beendete – Totenstille, und dann ein Wort: Boom.

Das Ganze war Spaß und Wagnis und brandneu. Wenn auch Gefahren lauerten, die Russen, eine Nuklearbombe, Polio, ferne Nationen und fremde Religionen und dunkle Haut, so gab es doch auch den Nervenkitzel eines Wolkenpilzes, die Klänge des Doo Wop, Lucille Ball, das Klackern der Würfel auf einem Spieltisch, Federn und Pailletten und Spiegel, rote Lippen, Brüste, Mae West mit muskulösen Männern in Lendentüchern auf der Bühne; alles ist erlaubt, alles geschah. Eine Kleinstadt mitten im Nirgendwo, und schon jetzt kamen acht Millionen Menschen im Jahr, um zu sehen, was hier los war.

Cora selbst hatte wenig mit dem Erfolg des El Capitan zu tun. Das schafften Odell und June allein. Sie half ihnen, indem sie diese Woche ein paar Bewerbungen durchsah, meistens jedoch hielt sie sich aus ihrem Geschäft und ihrer Ehe heraus. Ihr gefiel ihr kleines Apartment in der Stadt, ihr gefielen ihre Gewohnheiten dort, und wenn sie von ihrem eigenen Sohn eins gelernt hatte, dann dass es besser war, June und Odell in Ruhe zu lassen. Sich auf Cora Dibb zu verlassen, wenn es schwerer wurde, würde keine Option sein.

Und es würde schwerer werden.

Das konnte Cora bereits sehen.

June schien es nicht zu sehen. Wie konnte jemand so Aufgewecktes nicht erkennen, was auf sie zukam?

Nun, das Leben war hart. Für so ziemlich jeden. June Stein hatte sich ihr Bett gemacht, lange bevor sie Odell Dibb geheiratet hatte. Und auf lange Sicht würde ihren Enkel zu heiraten die beste Entscheidung gewesen sein, die June jemals getroffen hatte. Allerdings könnte es noch eine Weile dauern, bis sie das begriff.

»Ich gehe Del suchen. Jemand muss mir den Rücken massieren.«

Cora hielt es für unwahrscheinlich, dass ihr Sohn alles stehen und liegen lassen würde, um June den Rücken zu massieren, aber möglich war es. Sie hoffte, dass er es tun würde.

June verließ das Büro und ging die Treppe hinauf zum Casino. Vielleicht war Del dort, doch eigentlich suchte sie gar nicht nach ihm. Sie verbrachte gern Zeit im Casino, sah den Spielern zu, hörte zu, wie die Croupiers nach Chips riefen, folgte den Spuren der Lichter, die über die harten Oberflächen wirbelten, während das Räderwerk der Maschine sich schwindelerregend drehte. Sie konnte stundenlang dort umherschlendern, während ihr Bauch vor ihr herwackelte – ein bisschen verblüffend für die Gäste, die nicht wussten, wer sie war –, und es war gut fürs Geschäft, ihr Umherschlendern. Ihr fiel auf, welche Croupiers am gefragtesten waren, oder wenn ein Gast sich in einem unpassenden Moment auf den Weg zur Toilette machte, und ob die Mädchen den richtigen Spielern Drinks servierten oder nicht.

Von Zeit zu Zeit, umgeben vom Wirbel und Trubel und Qualm dieses neuen Lebens, kam Junes altes Leben plötzlich zurück: wie die tief hängenden Wolken ausgesehen hatten, wenn sie den Block hinunter zur Schule gegangen war, wie ihre Mutter am Freitagabend das Tischgebet gesungen hatte, die Hände ihres Vaters über ihrem Kopf, wie ihr Körper später mit dem von Walter verschmolzen war, und wie sie eine Zeit lang wieder und wieder miteinander geschlafen hatten und sie sich gefragt hatte, ob das wohl jeder sehen konnte, und sei es nur an ihrem vorsichtigen Gang.

Als sie nach Las Vegas gezogen war, war sie ihre Ehe los gewesen, war gewisse Erwartungen los gewesen (nicht nur die anderer Leute, sondern auch ihre eigenen) – war eine Vergangenheit los gewesen, die sie nie zur Gänze geschultert hatte. Und es war Vegas in den Fünfzigern, als es ein kleines Kaff und eine große Stadt war, als höchstwahrscheinlich niemand, den sie jemals gekannt hatte, dort vorbeischauen würde, als eine junge Frau, die Spaß an Männern und Abenteuern hatte und gern beiläufig gegen Konventionen verstieß, eine Art Kostbarkeit der ganzen Gemeinde war. Eine Zeit lang war dieses Leben unterhaltsam gewesen – Unterhaltung stand auf Junes Werteliste ganz weit oben –, und als es allmählich nicht mehr so unterhaltsam war, als June allmählich den langen, langsamen Abstieg registrierte, den einige der älteren Frauen angetreten hatten, war Del da und wartete. Der hartnäckige, loyale, unwahrscheinliche Del, jemand, den man nicht bemerken würde, wenn man den Blick das erste Mal durch einen Raum wandern ließ, der einem aber später im Kopf herumging. Der in den unwahrscheinlichsten Momenten mit dem richtigen Drink, der richtigen Idee, der richtigen Ausrüstung für die anstehende Aufgabe auftauchte – langsam wuchs er ihr ans Herz.

Außerdem hatte Del einen Plan. Er war felsenfest entschlossen, sein eigenes Casino zu leiten, und er wusste, wie er das anstellen musste, und aus irgendeinem Grund war June ein Teil seiner Vision. Sie würden eins der alten Casinos aufmöbeln, mitten auf dem Strip. Dabei würden sie gar nicht erst versuchen, den neueren Läden Konkurrenz zu machen, aber bei ihren Spielen würde es zur Sache gehen; er hatte eine Möglichkeit, manche Tische ohne Beschränkung zu betreiben. Bestimmte Glücksspieler hielten Ausschau nach solchen Läden. Er sprach mit June darüber, ein bisschen rot im Gesicht, erregt, offen und schutzlos, wie sie ihn nie irgendjemand anderem gegenüber erlebte. Das machte sie aufmerksam.

Stück für Stück wurden Dels Träume zu den ihren. Vielleicht hatte er ja recht damit, dass sie einen von diesen Läden in Schwung bringen könnten, vielleicht wäre sie ja gut darin. Sie wusste, was den Leuten gefiel, sie wusste, was für eine Atmosphäre sie wollten, sie wusste, wovor sie zu fliehen versuchten und was Vegas für sie sein sollte. Diese Wüste, diese alte Stadt, vielleicht waren sie auch Junes Zukunft. Es war nicht das, was sie sich für sich selbst vorgestellt hatte, aber andererseits, was hatte sie sich denn vorgestellt? Sahen Menschenleben von außen vernünftig aus und erschreckend, wenn man selbst mittendrin war? Oder war es einfach so, dass manche Menschen eben in der Furche blieben, in die sie hineingeboren wurden, während andere ganz unterwartet in eine neue hineinhüpften und – rutschten? Sie, June, war eine von denen.

June und Del steckten alles, was sie hatten, in das El Capitan, und im zweiten Jahr wuchs es schneller als in ihren wildesten Anfangsträumen. Nicht jeder Tourist war versessen auf die neuen Teppichboden-Etablissements: das Dunes und das Flamingo und das Sands. Manchen gefiel das altmodische Flair des El Capitan, vor allem jetzt, wo Del und sie es wieder in Schuss brachten, jetzt, wo Eddie Knox als Nachtclub-Entertainment den Vogel abschoss. Ja, Eddie. Eddie hatte den Unterschied ausgemacht.

Ihr und Del war klar gewesen, was gutes Entertainment bedeuten würde – wie ein wirklich großer Künstler die Leute anziehen, für die richtige Begeisterung sorgen würde –, also waren sie in die Jackson Street gegangen, um zu sehen, wer in den Clubs sang. In der Town Tavern hatte ein ziemlich guter Sänger namens Earl Thurman seinen Freund Eddie, gerade frisch aus Alabama eingetroffen, zu sich auf die Bühne gebeten. Und Eddie war auf die Bühne gekommen, war auf leisen Sohlen über den Boden geschritten, und noch ehe er den Mund aufgemacht hatte, bevor auch nur ein einziger Ton herausgekommen war, hatte er die Hüfte geschwungen, eine ganz kleine Bewegung, in vollendetem erotischen Takt mit dem Saxofon hinter ihm, und Junes Geschlechtsteile hatten sich zusammengekrampft, und sie hatte es gewusst. Hatte gewusst, dass Eddie Knox sie alle reich machen würde. Sie hatte Dels Hand gepackt und sie gedrückt. Das hier war’s.

Und dann die Stimme.

Die Leute begannen zu johlen und zu rufen, eine Frau stand auf und hob die Arme über den Kopf; er hatte noch nicht einmal die erste Strophe beendet.

Nachdem sein Auftritt vorbei war, warteten June und Del, während er überall vorgestellt wurde. June sah, wie die Frauen Eddie beobachteten, sah, dass er den Arm um eine gelegt hatte und sie an seiner Seite hielt, noch bevor die Vorstellungsrunde vorbei war. Noch während Earl, der ziemlich gute Sänger, bereits ein neues Lied angestimmt hatte und niemand ihm zuhörte, weil sich alle Energie im Raum – alle Hoffnung und Erregung und Sex – bereits um Eddie Knox geballt hatte. So eine Wirkung hatte er.

Doch June und Del waren zuerst da. Die einzigen Weißen im Club. Die Ersten in der Stadt, die ihn hörten. Del sagte, er würde gern mit Eddie reden. Sie hätten einen Nachtclub im El Capitan, sie wären auf der Suche nach jemandem, der dort regelmäßig auftrat; ob er wohl am nächsten Tag vorbeischauen könnte? Und Eddie antwortete »Klar, das hört sich gut an«, doch June wusste, dass er vielleicht nicht kommen würde, weil er noch ganz neu in der Stadt war, er kannte sich hier nicht aus, und wie sollte jemand wie Eddie Knox nicht wissen, dass ihm jede Menge Angebote gemacht werden würden, so oder so?

Also nannte sie eine Zahl. Eine wöchentliche Summe. Plus einen Prozentsatz. Sie konnte spüren, dass Del im Begriff war, Einspruch zu erheben, also drückte sie seinen Ellenbogen fest an ihre Rippen, und sie waren gut genug befreundet, echte Partner, dass er ihr vertraute, obgleich ihre Zahlen ihn überrumpelt hatten.

Sie fügte hinzu: »Das Angebot steht vierundzwanzig Stunden. Kommen Sie morgen, wenn Sie’s wollen.«

June Stein. Kaum siebenundzwanzig Jahre alt. Zu hübsch und zu unbedarft, um so etwas fertiggebracht zu haben. In einem Raum voller Leute, auf der falschen Seite der Stadt, mit nichts als Chuzpe, die sie glauben ließ, sie könne das machen. Aber andererseits hatte sie ja auch einen Kopfsprung von der Haverstraw Bridge gemacht.

Und Eddie war am nächsten Tag da.

Sie holten Mack von der Küche weg, die dringend renoviert werden musste, und sie steckten fast das ganze Budget in den Nachtclub, in die Beleuchtung und die Beschallungsanlage und die Samtnischen rund um die Mahagonitische. June suchte die Mädchen, die die Drinks servierten, persönlich aus und servierte in den ersten Monaten auch selbst, in einem fünfundzwanzig Zentimeter langen silbernen Rock, einem mit Strass besetztem Stirnband und einer Art Büstenhalter, der aus tausend winzigen Spiegeln bestand.

Als Del sie zum ersten Mal in dieser Aufmachung sah, holte er tief Luft, und das Geräusch dieses Luftholens ging ihr noch monatelang im Kopf herum, sogar jahrelang, weil sie das Verlangen darin hören konnte und weil es ihr sagte, dass Del so für sie empfinden konnte. Dass er aus seiner Vernunft, seiner Zielstrebigkeit, seiner Freundlichkeit herauskatapultiert werden konnte. Wäre sie nicht gerade mitten im Casino gewesen, mit Angestellten überall, sie hätte ihn auf dem Boden vernaschen können, genau hier, wie sie wollte.

Und sie hatten alle Geld verdient.

Die Zahl, die sie Eddie genannt hatte, war binnen sechs Monaten verdoppelt worden. Außerdem bekam er einen Anteil. Was einfach war, sie konnten sich nämlich gegenseitig gut leiden. Manchmal schien es sogar, als wäre Eddie ebenfalls an dem Ganzen beteiligt, als sei er ebenso ein Teil des Casinos wie sie und Del. Sie verbrachten so viel Zeit zusammen, bis in die frühen Morgenstunden nach dem Ende seiner Show und beim Abendessen, das für Eddie eher so etwas wie Frühstück war, bevor der Auftritt von Neuem begann.

Eddie spielte gern, meistens an der Westside, manchmal jedoch auch im El Capitan, ganz hinten, wo an den Tischen nicht viel los war. Neger durften nicht auf dem Strip oder Downtown spielen; sie durften die Shows nicht besuchen, egal, wer spielte. Hin und wieder kam jemand und sagte, er sei ein Freund von Eddie, und dann wies Del Leo an, ihn einfach in Nische Nummer neun zu setzen, wo er und June saßen. Del kam mit so etwas durch. Es geschah in aller Stille, und er war hier aufgewachsen, also hatte er ein bisschen Spielraum.

Und natürlich flogen die Frauen auf Eddie. Manchmal flog er lange genug auf eine, um sie zum Abendessen mitzubringen oder zu einem Drink nach der Show. Sie saßen in einem privaten Raum ganz hinten in der Bar, June und Del und Eddie und wer immer die Freundin war: eine Jüdin, ein Weißer, ein farbiger Sänger und eine Negerin. Sie saßen dort, lachten und erzählten Geschichten und nippten an den Drinks der anderen, und vielleicht begriff June deshalb nicht, wie es in Vegas wirklich war, was es wirklich bedeutete, Eddie zu sein oder die Freundin oder irgendeiner der Menschen, die hinten im El Capitan arbeiteten.

June hörte den Portier sagen, Vegas sei das Mississippi des Westens, sie lauschte, als der Tourist aus Kalifornien seinem Freund erzählte, dass sogar Pearl Bailey und Sammy in einer Pension abseits vom Strip logierten, doch sie achtete nicht weiter darauf. Del war hier aufgewachsen, und sein bester Freund war ein Farbiger; er und Ray Jackson hatten in der North Third Street im selben Block gewohnt, waren auf dieselbe Grundschule gegangen, hatten mit ungefähr zwölf den gleichen Job gehabt: hinter einem Casino in der Innenstadt hölzerne Kisten schleppen. Als sie und Del heirateten, mitten in der Nacht auf dem Standesamt, lachend und aufgeregt, und mit ein bisschen Whiskey nachhalfen, hatte Del kurz telefoniert, ein einziges Mal. June dachte, er würde Cora anrufen, doch er hatte Ray angerufen, und Ray kreuzte rechtzeitig auf, als sie noch dabei waren, die Formulare auszufüllen, mit einem Ring seiner Frau; den könne June borgen, sagte er, so lange sie wolle. Was also der Tourist erzählte, was der Portier sagte, es war nicht die ganze Geschichte. Sie wusste selbst, dass Vegas nicht so simpel war.

Normalerweise wirkte der Rest des Landes verglichen mit Junes neuem Zuhause behäbig. Verstockt. Hier gab es Geld und Musik und Glücksspiel und Sex, und es wurde bis in die Nacht hinein getrunken. Und all das war das Zentrum der Stadt, war der Herrschaftsbereich der Vermögenden, war das, was die Stadt zelebrierte; es fand draußen in der Wüstensonne statt, nicht in den Hinterhöfen und den düsteren Bars von New York oder Chicago oder L.A. Für June fühlte sich diese Welt frei und schnell an, losgelöst von den Konventionen, die sie in New Jersey bedrängt hatten. Hollywoodstars kamen zum Spielen nach Las Vegas. Die reichsten und die neuesten und die schönsten, und sie waren jeden Abend da, strömten in Scharen in die großen Casinos, und ziemlich oft kamen sie auch ins El Capitan.

Las Vegas war die Zukunft. Das sah sie am Entertainment, daran, wie die Menschen lebten, wie die Stadt immer weiter wuchs; die Zukunft war in den Atombomben und in der Magnesiumfabrik und in dem Damm südlich der Stadt. Um diesen Damm zu sehen, fuhr man auf einer gewundenen Straße die Flanke eines steilen baumlosen Berges hinauf, und wenn June aus dem Fenster schaute, dreihundert Meter hinunter auf den zürnenden Colorado River, dann stellte sie sich die Menschen vor, die vor ihr in diese Wüste gekommen waren: jene, die den Black Canyon in Augenschein genommen hatten, schmal und tief und unwirtlich, sengend heiß, und die beschlossen hatten, dass sie diesen Fluss aufhalten könnten, dass sie seinen Lauf ändern, diese senkrechten Felswände bezwingen, drei Millionen Kubikmeter Zement in den Weg eines tobenden Flusses schütten könnten. Es war enorm, es war inspirierend – ganz gewiss konnten Menschen alles schaffen. Das war die Lektion, die June von ihrer neuen Heimat lernte.

Doch was war mit den Negern? Cora meinte, die schlimmen Zeiten für die Farbigen hätten begonnen, als ebenjener Damm gebaut wurde während der Depression. Arbeiter strömten herbei, von überall im Land, vor allem aber aus dem Süden: Kleinpächter und Landarbeiter, manche farbig und manche weiß und alle bettelarm. Die Weißen aus dem Süden brachten ihre Einstellungen Farbigen gegenüber mit. Ein Vierteljahrhundert später aß man an der Westside, wenn man ein Neger war, und kaufte dort ein. Die Kinder gingen in Schulen ohne Fenster oder Fußboden oder Schultafeln, und man arbeitete im hinteren Teil eines Casinos, als Fahrer oder Zimmermädchen oder Hausmeister. Oder man war in einer Band, die für Riesensummen in einem Casino spielte, doch man konnte das Geld nicht in Vegas ausgeben, weil es nichts gab, was man kaufen durfte, nichts, wo man hingehen konnte. Es war das Jahr 1957, und manche Leute dachten, im Land würde sich etwas ändern; in Vegas jedoch hatte es sich in die Gegenrichtung entwickelt.

Jeder konnte es in Vegas schaffen, jeder konnte ein Gewinner sein, einfach nur, indem er schlau war und das Spiel auf Vegas-Art spielte. Und meistens ließ die Vegas-Art überholte, alte Vorstellungen im Staub zurück, nicht jedoch, wenn es um Neger ging. Wenn es um Neger ging, war Vegas schlimmer als New Jersey, und June begriff nicht, wie das sein konnte.

Aber trotzdem machten sie und Del und Eddie in ihrem eigenen Casino mehr oder weniger, was sie wollten.

3

Drei Monate nachdem Marshall zur Welt gekommen war, flogen June und Del nach Kuba. Sie nahmen Cora mit, und die passte auf Marshall auf, während June von ein paar Tänzern, die sie im Tropicana kennengelernt hatte, den Mambo lernte und Del Geschäftsgespräche führte. Tagsüber saßen sie im Sans Souci am Pool oder auf gestreiften Liegen im weißen Sand am Strand. Die Luft war feucht und salzig, und das Baby war glücklich und zufrieden in seiner kleinen Höhle, die aus einem Sonnenschirm und einem Handtuch bestand. Die Leute bezeichneten Havanna als Latin Las Vegas, und Del dachte darüber nach, wie das El Capitan wuchs und gedieh. June erschien die ganze Welt offen und wunderschön und möglich.

Als sie heimkehrten, wurde Marshall krank, und June blieb bei ihm und ließ sich eine ganze Woche lang nicht im Casino blicken.

Am Donnerstag kam Del wütend nach Hause.

»Eddie hat das Haus nicht gekriegt.«

»Was? Ich dachte, das wäre schon erledigt.«

»Der Besitzer hat einen Rückzieher gemacht. Hat gesagt, seine Kinder wären mit denen der Nachbarn zur Schule gegangen, und er könnte das einfach nicht machen. Könnte ihm das Haus nicht verkaufen.«

»Darf er das denn?«

Del antwortete nicht. Eddie wollte ein eigenes Haus. Er war es leid, Miete für einen Schuppen aus Holz zu zahlen, das von der Nellis Air Force Base geklaut worden war; für dasselbe Geld könnte er sich fast überall in der Stadt ein neues Haus kaufen. Doch jedes Mal, wenn Eddie versuchte, in einem anderen Teil der Stadt ein Haus zu erwerben, wurde es vom Markt genommen. Für all sein Geld konnte Eddie sich kein Haus mit Warmwasser oder Innentoilette kaufen, in einer Straße, die sich im Augustregen nicht in einen schlammigen Bach verwandelte. »Neger wohnen eben gern zusammen«, so hatte June die Leute reden gehört. Del meinte: »Neger hätten gern warmes Wasser und eine anständige Schule.« Doch das war alles, was er sagte.

Es hatte so ausgesehen, als würde Eddie endlich doch ein Haus bekommen. Er hatte dem Besitzer gesagt, er sei kein Vatertyp, er würde keine Kinder haben, die auf die Schulen geschickt werden würden, und vielleicht hatte der Mann es ja deswegen lange genug in Erwägung gezogen, um Eddie zu sagen, er würde ihm das Haus verkaufen. Lange genug, dass Del und Eddie das Geld beschafft hatten. Bar auf die Hand. Gutes Geld. Aber es hatte trotzdem nicht geklappt.

In der Zwischenzeit hatte Eddie sich angewöhnt, in dem Apartment auf der Rückseite des El Capitan zu übernachten. Del hatte es ihm für die Abende angeboten, wenn er nicht mit dem Auto nach Hause fahren wollte, doch nach und nach war Eddie die meiste Zeit dort geblieben, zumindest in den Wochen, in denen er auftrat. Wenn er nicht spielte, war er selten in Vegas. Er flog nach New York, er fuhr mit dem Auto nach L. A., er tauchte gern in dem Club in Baltimore auf, wo Freunde aus Alabama eine Combo hatten.

Und er sprach von Kuba. Er wollte alles über Dels und Junes Besuch dort hören, was sie vom Sans Souci hielten, wer im Montmartre spielte, wie sich die Leute verhielten, auf der Straße, in den Cafés, am Strand. Eddie verkündete gern, dass Kuba sein kleines Stück vom Himmelreich sei.

June dachte, Eddie würde in dem Apartment wohnen, weil er zu viele Freundinnen hatte und die Westside eine kleine Gemeinschaft war. Sie hatte ein paar von den Blackjack-Croupiers im El Capitan murren hören, weil er im El Capitan war, ein Neger dürfe nicht in einem Hotel am Strip schlafen. Doch sie sagte Del nichts davon, und die Angestellten verstummten, wenn sie merkten, dass sie in der Nähe war, und bald hörte sie gar kein Gerede mehr. Es lohnte sich nicht, Del davon zu erzählen und Ärger zu machen.

Außerdem hatte June Eddie gern in ihrer Nähe, besonders jetzt, wo sie Marshall hatte. Sie nahm das Baby jeden Tag mit ins Casino. Del hatte gemeint, vielleicht wolle sie lieber zu Hause bleiben, einer Müttergruppe beitreten, ein paar von den Ladys aus den umliegenden Häusern kennenlernen. Und June hatte gelacht. Marshalls Geburt hatte sie nicht zu jemand anderem gemacht, hatte sie beide nicht zu einem anderen Paar gemacht; sie liebte das El Capitan. Also hatten sie und Del die Büros getauscht, und sie hatte ein Laufställchen und ein Körbchen und eine kleine Kommode in das große Büro gestellt, und Marshall wuchs dort bei ihnen auf. Mehrmals die Woche gingen sie am Nachmittag, wenn die Sonne direkt von Westen schien und Marshall zu quengeln begann, zu Eddies Apartment an der Rückseite des Gebäudes hinauf. Für gewöhnlich stand er dann gerade auf.

Eddie wollte vielleicht keine eigenen Kinder, doch im Umgang mit Babys war er ein Naturtalent.

»Eddie, du kannst so gut mit ihm umgehen.«

»Schätzchen, ich kann mit jedem gut umgehen. Mit Babys, mit Frauen und mit Kindern.« Er rieb die Nase an Marshalls Kinn, und das Baby lachte.

»Ist das was, was Schwarze eben können? Schwarze Männer können gut mit Babys?«

»Schwarze Männer? Wir können mit jedem gut.«

June lachte.

»Ehrlich gesagt, ich hab vier kleine Brüder. Und eine große Schwester. Das wusstest du nicht, wie?« Marshall reckte den Arm empor und zog an Eddies Lippe und an seinem Ohr. »Bertie hat Ma beim Kochen und beim Waschen geholfen, und ich hab mich um die Babys gekümmert. Wir haben ganze schöne Abenteuer erlebt, meine Brüder und ich, bei den ersten hatte ich nämlich keine Ahnung.«

»Du hast vier Brüder? Sind die alle in Alabama?«

»Die meisten. Wir haben Jacob verloren, kurz bevor ich hierhergekommen bin.«

June wartete und fragte sich, ob Eddie es ihr erzählen würde, wollte jedoch nicht nachfragen. War sich nicht sicher, ob sie nachfragen durfte.

Er hob Marshall hoch in die Luft.

»Wie geht’s dir, Kleiner? Wächst du in ’nem Casino auf, mit deiner hübschen Momma und deinem reichen Daddy? Schmeißt du hier irgendwann mal den Laden, Marshall Moses Dibb? Wirst du mal der reiche Daddy sein?«

Eddie sprach mit leiser, tiefer Stimme mit Marshall, die fast schon ein Raunen war, doch er sah June nicht an. Er sagte auch nichts mehr über seine Brüder, über Jacob.

Manchmal dachte June, dass Eddie wahrscheinlich genauso weit weg von daheim war sie sie. Del gehörte hierher. Er war hier aufgewachsen, hatte zugesehen, wie die Casinos emporgewachsen waren, hatte die Menschen von überall im ganzen Land in den Süden Nevadas kommen sehen. Also war er hier verwurzelt, war Teil der Landschaft, sie und Eddie jedoch, sie hatten andere Leben zurückgelassen – so anders, dass man sie sich von hier aus nur schwer vorstellen konnte.

»Vegas ist wirklich ganz anders, nicht wahr? Ich meine, es ist nicht wie zu Hause.«

»Ich weiß nicht. Manchmal hat Vegas verdammt große Ähnlichkeit mit Alabama. Verdammt anders und verdammt genauso. So sehe ich das.«

June schwieg. Vegas war nicht wie die Stadt, in der sie aufgewachsen war. Sie schüttelte den Gedanken ab und tanzte ein paar Schritte auf Eddie zu.

»Soll ich dir zeigen, wie man Mambo tanzt?«

»Du willst mir den Mambo zeigen?«

»Ja. In Havanna bin ich richtig gut geworden, zumindest haben die Leute das gesagt.«

Sie lächelte ihr vernichtendes June-Lächeln, und Eddie lachte. Er pfiff einen kleinen Mamborhythmus, und sie nahm ihm Marshall ab. Das Baby lachte und fuchtelte wild mit den Ärmchen, versuchte, in die Hände zu klatschen oder die Wange seiner reizenden Mom zu packen. Sie rieb die Nase an seinem Gesicht, und er machte den Mund auf und sabberte ihr aufs Kinn.

»Marshall, damit wirst du nicht sehr weit kommen.«

Sie hielt das Baby vor sich hin und schwenkte seine Beinchen von einer Seite zur anderen, während sie Tanzschritte vollführte und sich drehte. Eddie sang ein paar Zeilen. June war glücklich.

»Gehen wir nach Hause, Babymann. Gehen wir nach Hause und machen wir was zum Abendessen für Daddy.«

Eddie sah June unverwandt an, hielt ihren Blick einen Moment lang mit dem seinem fest, doch sie schob lediglich Marshalls Gewicht ein wenig zurecht, zwinkerte und ging.

Sie und Del arbeiteten noch spätabends, als der Anruf kam. An den Pokertischen gingen die Gewinne zurück, und Del machte sich Sorgen, dass da jemand ein Spiel aufzog, während er mit Besprechungen in Carson City beschäftigt war; es wäre schlimm, wenn einer ihrer eigenen Croupiers da mit drinsteckte. Wegen alldem war Del stiller und kühler als sonst. Er neigte nicht dazu, sich in etwas hineinzusteigern, doch June wusste, dass er besorgt war, dass es in seinem Kopf arbeitete. Sie war ins El Capitan zurückgekehrt, um ihm Gesellschaft zu leisten, und obgleich Marshall inzwischen bestimmt schon seit Stunden schlief, wollte sie unbedingt nach Hause. Als plötzlich das Telefon auf Dels Schreibtisch klingelte, war sie ein wenig irritiert, nicht erschrocken. Dann hörte sie, wie er der Vermittlung sagte, ja, June sei hier, sie sollten durchstellen.

Dels Stimme wurde leiser. Er stellte Fragen. Blickte kurz über den Flur hinweg zu ihr herüber, und ihr Herz sackte weg. Irgendetwas war nicht in Ordnung.

Es war ihr Vater. Tot im Bett neben ihrer Mutter. Vielleicht eine Herzattacke. Oder ein Schlaganfall. Nicht ein Laut. Ihre Mom hatte nur versucht, ihn wegzuschieben, weil er in die Mitte des Bettes gerollt war, und er war tot. Ihre Mom war am Telefon völlig durcheinander; sie hatte die Polizei angerufen, sie wollte gleich Junes Tante anrufen. Sie könne die Sirenen die Straße herunterkommen hören, sagte sie und legte auf, bevor June Del den Hörer abnehmen konnte.

Junes Körper wurde zu Stein. Tränen rannen ihr über die Wangen, während Del wiederholte, was ihre Mutter gesagt hatte. Sie konzentrierte sich auf die Möglichkeit, dass es nicht wahr war. Ihre Mutter geriet leicht in Panik – wie oft war sie wegen irgendetwas, das June getan hatte, in Panik geraten? –, also war ihr Vater vielleicht gar nicht tot. Wenn die Krankenwagenfahrer ihn untersuchten, vielleicht würde er ja dann wiederbelebt werden. Sie würden gemeinsam über den Schrecken lachen, den ihre Mom ihr eingejagt hatte.

Del wollte sie in die Arme nehmen, doch June stand stocksteif da. Sich an Del zu schmiegen hieße zu glauben, dass es wahr war, und sie glaubte das doch nicht. Ihre Mom hatte einen Schock, für sie war es mitten in der Nacht, sie hatte angerufen, noch ehe der Krankenwagen eingetroffen war. Del strich ihr über den Kopf. »June, es tut mir leid«, sagte er und dann: »June, es ist wahr«, weil er natürlich bereits wusste, was sie dachte.

Da trat sie zurück, und Del sagte, er brauche noch zehn Minuten, bevor sie nach Hause gehen könnten. Er müsse noch etwas in den Safe legen. Den Flug würde er von zu Hause aus buchen. June dachte bei sich, dass sie es nicht ertragen konnte, allein zu sein, nicht einmal einen Moment lang, doch sie nickte, ja, und dann ging sie die Treppe hinauf, zur Rückseite des Casinos, und klopfte an Eddies Tür.

Er machte sich gerade für seinen zweiten Auftritt fertig, und eine Frau war bei ihm. Als June es ihm erzählte, legte er beide Arme um sie und wiegte sie vor und zurück. June bebte in seinen Armen. Sie sah die Verblüffung in den Augen der Frau.

»Du fährst nach Hause, June. Du fährst nach Hause, aber du wirst bald wieder hier sein. Es wird alles gut.«

»Er hat Marshall nie gesehen.«

Sie bekam die Worte kaum heraus.

Eddie hielt sie fest. Und er summte dabei. Nur ein ganz leises Summen und ein Wiegen.

»Ich bin nicht mit ihm nach Hause gefahren, Eddie. Wir sind nach Kuba gefahren. Aber nach Hause habe ich ihn nicht gebracht.«

Eddie antwortete nicht. Bloß das Summen, das Wiegen. So standen sie lange Minuten da, June in Eddies Wiegen hineingesunken, und schließlich wandte die Frau den Blick von ihnen ab, und dann verließ sie das Zimmer. Als June von Eddie wegtrat, waren sie allein. Sie sah ihn an – die Tränen hatten ihre Augen fast zuschwellen lassen –, und Eddie sah sie an. Seine Augen waren feucht, und June dachte, dass sie vielleicht doch nicht in Vegas geblieben wäre, wenn Eddie nicht gewesen wäre. Vielleicht fand sie es ja doch nicht so toll, ein Casino zu leiten. Und was bedeutete es, dass Eddie Knox der Mensch war, der sie in den Armen hielt, während sie weinte, an dem Abend, an dem ihr Vater gestorben war?

4

June und Marshall waren zwei Monate lang in New Jersey. Marshall lernte dort Krabbeln, und June bemühte sich, Del daran teilhaben zu lassen.

»Wie geht’s unserem kleinen Mann?«

»Er will unbedingt krabbeln. Ich versuche, ihn davon abzuhalten. Aber wenn ich ihn auf den Boden lege, rollt er sich auf den Bauch, reckt das Hinterteil hoch und fängt an, mit Armen und Beinen zu fuchteln, um von der Stelle zu kommen. Und wenn ich ihn auf dem Arm habe, beugt er sich runter und streckt die Hände nach dem Boden aus. Er will das unbedingt.«

»Wieso lässt du ihn denn nicht?«

»Ich möchte, dass du es siehst. Ich will nicht, dass du das verpasst.«

»Das ist schon okay, June. Es ist doch schön für deine Mom, das zu sehen. Und hier ist gerade eine Menge los.«

Manchmal wusste June nicht recht, was genau Del meinte. Sie versuchte, das Unbehagen abzuschütteln, das die Stimme ihres Mannes am Telefon in ihr auslöste. Del liebte sie, er liebte Marshall, sie telefonierten jeden Abend. Aber da war irgendetwas in seiner Stimme, irgendeine Zerstreutheit, selbst wenn er sagte, dass er sie liebte. Was empfand Del?

Marshall krabbelte quer durch die Küche ihrer Mutter, fing an, sich an den Stühlen hochzuziehen, wuchs aus den Latzhosen heraus, die June mitgebracht hatte. Und immer noch blieben sie in New Jersey. Immer noch bestand Del nicht darauf, dass sie nach Hause kamen. Wenn sie nachts wach lag, ihren schlafenden Sohn neben sich, dachte June oft an ihren Vater. Sie erinnerte sich daran, wie es sich angefühlt hatte, seine trockene, knochige Hand zu halten, und wie sich seine Stirn in Falten gelegt hatte, wenn er fragte, was der Lehrer gesagt, wovon der Nachbar erzählt, was die Mutter ihrer besten Freundin vorgeschlagen hätte.

»June«, hatte er sie immer gefragt, »was denkst du dir denn?«

Und manchmal hatte June ein schlechtes Gewissen gehabt und wünschte, sie wüsste, was sie sich gedacht hatte, oder warum sie getan hatte, was sie getan hatte. Manchmal jedoch ließ sie ihr strahlendes Lächeln aufblitzen, lachte und sagte: »Poppa, es hat Spaß gemacht.«

Junes Vater war Amateurfotograf. Er hatte sich im Keller eine Dunkelkammer gebaut und die Abende dort verbracht. Als sie sehr klein gewesen war, hatte sie gar nicht gewusst, dass er zu Hause war. Sie hatte gedacht, er ging nach dem Abendessen zur Arbeit, so wie nach dem Mittagessen. Später, als sie gewusst hatte, dass er im Keller war, hatte sie Angst davor gehabt, ihm dort hinunter zu folgen. Ein unheimliches rotes Licht leuchtete, wenn er die Tür der Dunkelkammer öffnete, und oft roch es, als risse er Streichhölzer an, daher assoziierte June die Dunkelkammer mit Feuer. In der zweiten Klasse erzählte eine Neue June von der Hölle, und als sie die Feuer beschrieb, in denen die Sünder brennen und unaufhörlich heulen würden, ohne jemals zu verbrennen, dachte June an den Keller und stellte sich ihren Vater mit seinen wunden, roten Händen als den in Flammen stehenden Missetäter vor. Bei diesem Gedanken musste sie weinen. Hazel, die neue Schülerin, fasste das als Zeichen für ein schlechtes Gewissen auf, und während der nächsten vier Monate, bevor sie die Schule ebenso plötzlich verließ, wie sie gekommen war, nannte sie June immer halblaut »Sünderin«.

Hazel machte ihr Angst, denn mit acht hatte June bereits das Gefühl, dass sie nicht wirklich gut war. Warum konnte sie ein Kleid, das ihre Mutter sorgfältig genäht und gefältelt hatte, nicht tragen, ohne den Rock zu zerreißen oder Tinte auf den hellen Baumwollstoff zu klecksen? Wie schaffte sie es, auf dem Weg zur Schule ihr Buch zu verlieren, und wieso brachen Bleistifte ab, fielen Krümel zu Boden oder rissen Buchseiten ein, sobald sie in der Nähe war? June ließ sich leicht davon ablenken, wie sich Dinge anfühlten: das Scheuern eines säuberlich gestichelten Saums auf ihrem Schenkel, die runde, harte Glätte jenes Bleistifts, das Geräusch sich voneinander lösender Papierfasern, der betörende Duft einer rosafarbenen Blume, die aus einer Fuge im Gehsteig spross. Der Gedanke, dass ihre Eltern irgendwie das falsche kleine Mädchen abbekommen hatten – eins, das hektisch war und immer Pech hatte, während sie zielstrebig und präzise waren –, hatte in ihrem Kopf bereits vage Gestalt angenommen.

Das große Werk ihres Vaters war Junes eigene Kindheit: Hunderte fünf mal fünf Zentimeter große Schwarz-Weiß-Quadrate, die sorgsam dokumentierten, wie ein kleines Mädchen mit perfekt gekämmtem Haar an einem Klavier saß, wie ein Baby das dunkle Köpfchen hob, um die weiße Schnauze eines bärtigen Hundes anzustarren. Drei Kinder, als Indianer verkleidet mit Federn in den Stirnbändern, ein Kleinkind legte einen dicklichen Finger auf den Fuß einer flackernden Menora. Die Fotos ihres Vaters waren vollkommen. In siebzig Jahren würden sie noch immer detaillierte Repräsentationen einer Zeit darstellen, an die sich kaum noch jemand erinnerte. June jedoch sagten sie bereits als Kind vor allem, wie sie hätte sein sollen: sauber und still anstatt zerknittert und ungestüm und stets bereit, an jedem verirrten Faden zu ziehen.

Und doch war sie geliebt worden. Ihre stillen, sorgsamen Eltern, die nicht zu demonstrativem Verhalten neigten, hatten ihr dies irgendwie klargemacht. Sie wurde geliebt.

Wie konnte sie also so lange nicht zu Besuch gekommen sein? Wie hatte sie sie überhaupt verlassen können? Sie wusste es nicht. Wenn es eine Antwort gab, dann dass sie nichts von alldem getan hatte – so wie sie ihren Becher nicht umgestoßen, so wie sie ihren Pullover nicht verloren hatte –, sie hatte einfach nur gelebt, von einem Moment zum anderen, an diesem oder jenem Tag, und es hatte so viel gegeben, was ihre flüchtige Aufmerksamkeit erregt hatte. June dachte nicht ganz auf dieselbe Art und Weise vorwärts und rückwärts, wie ihre Eltern es taten, doch wenn sich das rächte, wenn ihr irgendein Fehler unterlaufen war, den sie freiwillig nie gemacht hätte, wenn sie es für möglich gehalten hätte, dass ihr Vater sterben könnte, ohne Marshall gesehen zu haben – dass ihr Vater überhaupt sterben könnte –, dann bereitete ihr ihr Mangel an Weitblick Kummer. Und wieder kam sie sich vor wie das kleine Mädchen, das die Bleistifte abbrach und den Lehrer anprustete und das Falsche antwortete, wenn der Rabbi fragte, was ein Kind tun solle.

»June, was denkst du dir denn?«

»Poppa, das ist überhaupt kein Denken.«

So stolperte sie durch diese Zeit, während Marshall jeden Tag etwas Neues tat und ihre Mutter sich über jeden Laut und jede Geste freute. Hin und wieder zog ihre Mutter ein Jackett hervor und fragte: »Möchtest du das für Del mitnehmen?« Oder: »Diese Schuhe wollte ich der Heilsarmee spenden, ist das in Ordnung?«

Ihre Tage füllten sich mit Besuchen. Fast jeder, den sie jemals gekannt hatte, war noch in Clinton Hill, doch sie erkundigten sich nicht nach ihrem Leben in Nevada. Vielleicht war Vegas ja ein Tabu, etwas, wonach zu fragen peinlich war, wie zum Beispiel, ob sie noch Jungfrau gewesen sei oder nicht, als sie und Walter geheiratet hatten (natürlich nicht), und ob Leon Kronenberg wirklich ihre Brust angefasst hätte (das hatte er, mehr als einmal).

Es wurmte sie, dass sich die Leute genierten, über Vegas zu sprechen. Sie stellte sich vor, dass sie sie ansahen und stattdessen an die Showgirls in Minsky’s Follies dachten. So etwas missbilligten sie, dabei waren Oben-ohne-Tänzerinnen doch gar nicht so etwas Besonderes. Allerdings war es schon toll, wenn sie alle in einer Reihe herauskamen, mit dem Rücken zum Publikum, und sich dann alle gleichzeitig umdrehten, mit wirbelnden Brustwarzen-Pasties. All diese wunderschönen jungen Frauen, mit langen Beinen und falschen Wimpern – der Effekt war dramatisch. Das verblüffte einen wirklich.

Natürlich würden die Leute hier die Art und Weise, wie sie und Del lebten, nicht gutheißen, die Dinge, die sie taten: Marshall in seinem Ställchen in einem Casino, bis spätnachts in einem Club zu sein, die Drinks und das Geld und die Energie des Ganzen. June wollte sich nicht darum scheren – niemand würde jemals erwarten, dass sie sich darum scherte –, aber es hielt sich hartnäckig in ihrem Kopf.

Endlich kaufte sie sich selbst eine Flugkarte für den Rückflug und sagte weder Del noch ihrer Mutter etwas davon, bis es bereits geschehen war. Nachdem sie ihre Entscheidung getroffen hatte, konnte sie traurig darüber sein, Clinton Hill zu verlassen. Irgendetwas in ihr wurde von diesem Ort angesprochen: von dem grauen Himmel, dem Kreischen der Möwen über der Bucht, von seinem Licht, seiner Luft, sogar von dem Geruch der Gerbereien im Sommer. All das rührte sie, es war alles so vertraut, und doch war es unmöglich. Vegas war jetzt ihr Zuhause.

Del holte sie vom Flughafen ab.

June war nervös, also zitterten ihre Hände. Mit Marshall auf dem Arm stieg sie die Treppe vom Flugzeug hinunter. Plötzlich sah er aus wie ein kleiner Junge, trug eine rote Hose und eine blaue Jacke. Er hatte blanke Lederschuhe an, mit Schnürsenkeln, die June ihm in New York gekauft hatte. Sie trug ein braun-weißes Kleid mit einem breiten Lackledergürtel und einen kleinen Hut, der seitlich am Kopf festgesteckt war. Sie hatte sich viele Gedanken über ihr Aussehen gemacht. Eigentlich war sie nur selten nervös, doch hier war sie jetzt, im Begriff, ihren Mann zu treffen, ihm seinen geliebten Sohn zu zeigen. Ihr war ein wenig schwindlig, und sie fragte sich, ob sie wohl erwünscht waren.

Del stand in der Sonne, ungefähr sechs Meter vom Fuß der Flugzeugtreppe entfernt, direkt hinter einer Frau und ihren beiden Kindern, die auf jemand anders warteten. Auch er sah beklommen aus. Er hielt seinen Hut in den Händen, und als er sie sah, hielt er ihn hoch, als wollte er sie herbeiwinken. June entspannte sich und hob die Hand, und Marshall grub das Gesicht in ihre Schulter und trat ihr mit seinen neuen Schuhen in den Bauch. Dann hielt Del sie beide in den Armen, und er küsste sie auf den Kopf und küsste Marshall, und Marshall wusste nicht recht, ob er lachen oder weinen sollte, und June wusste nicht mehr, warum sie Angst gehabt hatte, warum sie sich eingebildet hatte, dass Del sie nicht vermisst hätte.

»Also, mein erwachsener kleiner Mann. Was kannst du deinem Daddy für Tricks zeigen?«

Del hatte Marshall auf dem Arm, er grinste, und Marshall schien sich an ihn zu erinnern. Er kippte sein Gesicht vorwärts, auf Del zu, und ihre Köpfe knallten gegeneinander wie ein Schuss. Marshall begann zu weinen, und June stieß einen Laut aus, und Del rieb sich betreten den Schädel. Dann reckte June sich empor und küsste Del, und er küsste sie, und sie spürte die Wärme des Ganzen mitten in sich drin, und sie wusste, dass sie recht hatte. Dies war der Ort, wo sie hingehörte. Wo Marshall hingehörte. Sie war so froh, zu Hause zu sein.

5

An dem Tag, an dem Ray Jackson umgebracht wurde, war June mit Marshall zu Hause. Als die Tür aufging, rechnete sie damit, dass Del Eiscreme mitbrachte, doch stattdessen kam ihr Mann hereingestolpert und sah so aufgelöst und verschreckt aus, wie sie es noch nie erlebt hatte. Er schlang die Arme um sie und weinte. Als er endlich etwas sagte, waren seine Worte fast völlig unverständlich. Einen Augenblick lang fragte sich June, wie ihr Mann wohl reagieren würde, wenn ihr jemals etwas zustieß.

Erstickt presste er hervor, dass Ray erschossen worden war – von irgendeinem verlausten Säufer, einem Herumtreiber –, und June dachte bei sich, dass Ray bestimmt die Einnahmen des Abends dabeigehabt hatte. Wenn er in der Stadt war, brachte er immer das Geld für Del zur Bank. Es hätte Del sein können. Es hätte Del sein können, der erschossen worden war. Später stellte June diesen Gedanken infrage. Cora erwähnte, dass Ray auf dem Nachhauseweg von der Bank gewesen sei, als es passiert war, und Leo sagte den Angestellten, die die Spieltische beaufsichtigten, sie sollten ihre Kinder eine Zeit lang nicht mehr zum Schwimmen herbringen.

Das hörte sich nicht nach einem Herumtreiber an.

An jenem ersten Tag jedoch, als sie ihren Mann in seiner unermesslichen Trauer kaum wiedererkannte, verschwieg June die Erleichterung, die durch sie hindurchflutete; sie stellte sich vor, dass es ein habgieriger Herumtreiber gewesen war und dass es irgendwie, unfassbar, an jenem Morgen nicht Del gewesen war, der das Bargeld bei sich getragen hatte.

Dels Freundschaft mit Ray war Teil des Lebens, das er vor ihr geführt hatte. Sie wusste, wie viel er ihrem Mann bedeutete, doch sie kannte ihn eigentlich gar nicht. Er war bei ihnen angestellt. Sicherheitsdienst. Er pendelte zwischen L. A. und Las Vegas hin und her. Was immer Ray für Del tat, er war dabei nur selten im El Capitan, und wenn er dort war, war er June gegenüber sehr förmlich. Er nannte sie Ma’am, auf eine Art und Weise, bei der sie sich immer blöd vorkam. Sie wollte nicht, dass er sie so behandelte, und doch hatte sie nicht gewusst, wie sie ihn daran hindern sollte. Die wenigen Male, wo sie es versucht hatte, mit einem Lächeln oder einem Lachen oder einem privaten Scherz über Del, war er stumm geblieben, und ihr war es peinlich gewesen.

Ray besaß die Fähigkeit, still zu sein. Zweimal hatte June gar nicht gemerkt, dass er sich im selben Zimmer befand wie sie. Er war massig und sehr schwarz, und June hatte ihn tanzen sehen, geschmeidig und anmutig. Er sprach leise, selbst wenn alle um ihn herum aufgeregt waren, oder mitten in einem Casino, im Lärm der Rufe der Croupiers und des Klirrens von Münzen, die in Metallbehälter fielen. Nur ein einziges Mal war Ray June gegenüber vertraulich gewesen. Sie war mit Marshall schwanger, und er hatte ganz unvermittelt einen dicken Finger auf ihren Bauch gelegt und sich vorgebeugt, um ihr zuzuflüstern, wie sehr er sich freute, dass sie und Del ein Kind bekommen würden. Diese Geste hatte June gerührt; irgendwie lag ihm etwas an ihrem Baby.

Natürlich hatte Ray selbst Kinder – zwei oder drei, sie wusste es nicht genau. In all diesen Jahren hatten sie und Del ihn und seine Frau nie zum Abendessen eingeladen, die beiden hatten nie mit ihnen in ihrer Nische im Midnight Room gesessen. Jetzt kam ihr das merkwürdig vor, dass June jemanden nicht kannte, den Del so innig liebte. Dass sie Rays Frau nur ein einziges Mal begegnet war, dass sie nicht wusste, wie seine Kinder hießen oder wie alt sie genau waren. Als sie seiner Frau den Ring zurückgeben wollte, ein paar Monate nachdem sie geheiratet hatten, hatte June Del vorgeschlagen, sie sollten doch alle zusammen abends essen gehen, doch Del hatte sie sonderbar angesehen – wo hätten sie denn hingehen sollen? – und gesagt, er würde den Ring von einem der Casino-Angestellten hinbringen lassen. June sollte ein paar Blumen aussuchen und vielleicht einen Hut. Rays Frau mochte Hüte.

Also hatte June in New York einen aberwitzig teuren Hut bestellt, und sie hatte gedacht, Del würde vielleicht etwas über den Preis sagen, doch er hatte ihr nur gedankt, dass sie ihn ausgesucht hatte.

In den Wochen, die folgten, machte June sich Sorgen um Rays Frau und seine Kinder. Sie fragte Del, ob sie irgendetwas für sie tun könnten, und er erwiderte schroff, dass er sich natürlich bereits darum gekümmert habe.

»Wie geht es Augusta?«, erkundigte sich June; der Name fühlte sich ungewohnt an.

»Nicht sehr gut«, antwortete Del in einem knappen Tonfall, der June wehtat. Nach jenem ersten Tag, als Del an ihrer Schulter geschluchzt hatte, hatte er nicht mehr über seine Gefühle für Ray gesprochen. Es war, als wäre er böse auf sie, weil sie nicht genauso trauerte wie er, dabei hatte sie doch getan, was sie konnte: hatte Blumen geschickt, war bei der Beerdigung gewesen, hatte Marshall einen marineblauen Anzug angezogen, obwohl die Kirche klein und heiß war und er heftig gestrampelt hatte, um sich aus ihren Armen zu befreien.

Rays ältestes Kind, ein Mädchen, hatte sich nach der Beerdigung in Dels Arme geworfen. Das hatte June verblüfft, und Marshall war in Tränen ausgebrochen, also war June weggegangen, um ihn zu trösten, ohne zu erfahren, wie das kleine Mädchen hieß, ohne Gelegenheit zu haben, mit Rays Frau zu sprechen. Sie überlegte, ob Del wohl deswegen zornig war.

Wenn es kein Herumtreiber gewesen war, wer dann?

Wer würde Ray Jackson umbringen? Wer würde jemanden umbringen, der Verbindungen zu Hugh hatte?

Hugh hatte das Geld für das El Capitan vorgestreckt. Er wohnte in L. A. und kam nicht nach Vegas, weil es da früher mal ein Problem gegeben hatte; aus irgendeinem Grund konnte er nicht mehr nach Nevada zurück. Ray regelte alles mit Hugh.

June mochte Hugh nicht, und sie war froh, dass es Ray war, der sich darum kümmerte, was der Mann brauchte. Und sie überlegte, ob Del jetzt derjenige sein würde, der immer wieder zu ihm nach L. A. fuhr.

Sie wollte ihren Mann danach fragen – wollte Del fragen, was Hugh über Rays Tod wusste, was Hugh vielleicht als Antwort darauf unternehmen würde –, doch Del war dieser Tage verschlossen und wütend, und sie traute sich nicht. Er hatte sie gebeten, ein paar Wochen mit Marshall zu Hause zu bleiben, bis sich die Lage wieder beruhigt habe – was auch immer das heißen sollte –, und während sie zu Hause arbeitete, die Bücher führte, während Binnie, das neue Hausmädchen, Marshall Mittagessen machte oder ihn zum Mittagsschlaf ins Bett brachte, dachte June über Hugh nach.