Träume - Wolfgang Dämmerung - E-Book

Träume E-Book

Wolfgang Dämmerung

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Beschreibung

Der Roman von Wolfgang Dämmerung besteht aus ineinander verwobenen Erzählungen. Dämmerung entwirft eine High Fantasy Welt, deren kulturelle und gesellschaftliche Gestaltung einer idealisierten Weltgeschichte der Jahre 1280 - 2070 gleicht. Im Zentrum des Geschehens stehen die Lebensläufe der Protagonisten, eingebettet in der menschenleeren Wüste, im rastlosen Getriebe der Städte, in der Weite des Meeres und im Zauber des Hochgebirges. Am Ende der Reise ist man wie berauscht. Man schließt die Datei, ist noch dabei.

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Seitenzahl: 302

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Wolfgang Dämmerung

Träume

Roman

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Das Buch

Der Autor

Wolfgang Dämmerung

Die vierte Seite

Widmung

Glaube

Die Geburt einer Lektorin

Kapitel 1 Wann treffen sich zwei Geraden ?

Kapitel 2 Brel und Kraft

Kapitel 3 Okeanos

Kapitel 4 Pattison`s Stern

Kapitel 5 Weißhaar auf Okeanos

Kapitel 6 Vater und Sohn

Kapitel 7 Gott und Gläubige

Kapitel 8 Claire`s Wunsch

Kapitel 9 Andersen beginnt zu schreiben

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13 Präkognition

Kapitel 14 Jennifer Brel

Kapitel 15 Traumzeit

Kapitel 16 Hans Peter Kraft

Kapitel 17 Aus Brels Briefen

Kapitel 18 Phoenix, Az., Chapter One

Kapitel 19 In Russland und in China

Kapitel 20 Phoenix, Az., Chapter Two

Kapitel 21 Gedanken

Kapitel 22 Khalid Abu

Kapitel 23 Auf Tour mit dem Grauen

Kapitel 24 Regenzeit

Kapitel 25 Renaissance

Kapitel 26 Laurence Poibrul

Kapitel 27 Holly Thornton

Kapitel 28 Andrax Paul Manzel

Kapitel 29 Der Proband

Kapitel 30 Homeboy

Kapitel 31 Châtelperron

Kapitel 32 Der See

Kapitel 33 Die Schule

Kapitel 34 April ! April !

Kapitel 35 Basketball

Kapitel 36 Jennifer begegnet Anna

Kapitel 37 Der Lehrer

Kapitel 38 Donnergöttin

Kapitel 39 Ne me quitte pas

Kapitel 40 Geld

Kapitel 41 Der Heiler

Kapitel 42 NOIR

Kapitel 43 Andreas

Cabret

Mondschauer

Impressum neobooks

Das Buch

Der Roman von Wolfgang Dämmerung besteht aus ineinander verwobenen Erzählungen. Dämmerung entwirft eine High Fantasy Welt, deren kulturelle und gesellschaftliche Gestaltung einer idealisierten Weltgeschichte der Jahre 1280 – 2070 gleicht. Im Zentrum des Geschehens stehen die Lebensläufe der Protagonisten, eingebettet in der menschenleeren Wüste, im rastlosen Getriebe der Städte, in der Weite des Meeres und im Zauber des Hochgebirges. Am Ende der Reise ist man wie berauscht. Man schließt die Datei, ist noch dabei.

Der Autor

Wolfgang Dämmerung, geboren 1959, hat erst spät, mit 52 Jahren, zum Schreiben gefunden. Der Autodidakt lebt in Frankfurt am Main.

Wolfgang Dämmerung

Träume

Roman

Wolfgang Dämmerung Selbstverlag

Die vierte Seite

Digitales Buch

Wolfgang Dämmerung Selbstverlag Frankfurt am Main

© Wolfgang Dämmerung 2023

Alle Rechte vorbehalten

Widmung

In Erinnerung an meinen Vater.

Glaube

An etwas muss man glauben –

Jeder kann glauben woran er will; nur schweigen muss man können.

Die Geburt einer Lektorin

Er sagte nichts. Ich wusste auch so, dass Schönheit für ihn einen Namen bekommen hatte. – Das Haus Rothschild ist einzigartig. Unweit der Finanzmetropole Frankfurt erwartet sie ein Ort der Ruhe. – Ich spazierte hin, am Abend, zum ersten Mal; durch das schmiedeeiserne Tor, in den verwilderten Park. Unterholz säumte die schmale Straße, und führte mich entlang eines Hügels hinauf; nach einer Wegbiegung tauchte es auf, kam näher und näher – eine Märchenwelt, im Schein einer Allee von Fackeln. Ich blieb stehen, nur um weiter zu gehen. Kein Stein wurde angerührt, kein Haar gekrümmt; das Haus erzählte die Geschichte: Es ist keine leichte Sache in die Augen eines Milliardärs zu spähen; das Portal war offen. Nach dem Kriege haben sich die handvoll Überlebender hier versammelt: Heuss, Schönfelder, Schäfer ... Würde, Freiheit, Entfaltung.

Auf der Terrasse, inmitten des Trubels einer Hochzeit, trank ich einen stillen Kaffee und dachte darüber nach. Vermutlich hat sogar der kluge Adenauer an diesen Tagen daran geglaubt; der erfahrene Mensch wird gewusst haben, dass der Krieg niemals endet – es war nur ein weiteres Kontrollsystem.

Ich habe jene Augen gesehen: Kraft und Wissen und Macht, und etwas fehlte. Mein Name ist ... Cabret. Ich habe das Glück eine Villa mit Nebengebäude in Königstein bei Frankfurt am Main zu besitzen, ein Geschenk, das mir ein bequemes Leben ermöglicht: Gute Lage, fünf Mietparteien. Im Laufe der Jahre sind mir die absonderlichsten Mieter begegnet. Einer davon war ein stiller Amerikaner, dem Vernehmen nach Frankokanadier – der schönste Mann der mir jemals die Hand gereicht hat. Er kam und ging stets ohne Begleitung, nie private Post, nur Rechnungen und Werbung; das alte nationalsozialistische Hausmeister-Ehepaar wusste alles. Umgehend wurde mir über eine seltsame Begebenheit berichtet, nichts gefährliches, eben absonderlich – er soll vor dem Haus gestanden haben, bei ihm eine Frau, und beide starrten hinauf zum Himmel, eine Ewigkeit: geschlagene fünfzehn Minuten. Sie sprachen nicht miteinander, standen da wie Salzsäulen. Eines Tages wurde ich gerufen, eine besorgte Nachbarin hatte versucht ihn zu erreichen und er hätte, gegen jede Gewohnheit auf ihr Klopfen nicht reagiert, seit Tagen, wie sie betonte. Kaum stand ich an der Tür, entfernte sie sich. Mit einem mulmigen Gefühl ging ich rein und rief ein lautes freundliches Hallo?! Der Mieter saß bewegungslos vor einem der Panoramafenster, vor einem riesigen Schreibtisch und starrte zum Himmel hinauf. Sein Arm war schon erschreckend steif – wie ein Stück Holz, und kalt, aber er war noch frisch; schlohweißes, schulterlanges Haar; schlohweißer Vollbart, nicht allzulang – sehr gepflegt. Die braune Brille war ihm auf die Nasenflügel gerutscht und die Gläser blickten auf ein Stück beschriftetes Papier: Wer immer mich findet, dem vermache ich mein Eigentum. Es hat das Leben ausgelöscht, das mich getötet hat. – Keine Unterschrift. Die Wohnung war makellos sauber, man hätte vom Parkettboden essen können; sie glich einer Bibliothek, überall Bücherregale, selbst über den Türen, in der Küche, sogar im Bad; in einer Ecke des Schlafzimmers hohe Stapel loser Blätter – Manuskripte!

Der Mieter ist gegangen. Ich habe mich um alles gekümmert und bin in die Wohnung eingezogen, ohne viel daran zu verändern. Viel Zeit ist vergangen, Jahre und Jahre. Nach und nach sind die Mieter ausgezogen, gestorben. Die Welt ist eine andere geworden, nur nicht für mich. Besuche sind unvermeidlich: behördliche Autoritäten. Sie sehen geschmackvoll eingerichtete Räume. Sie sind Fragen über Fragen. Sie hören Wahrheiten.

In der Nacht wandere ich ruhelos fiebrig in der Wohnung umher, erkunde die unzähligen Bücher und ordne die Manuskripte, dabei vergesse ich mich völlig. Nach der Lektüre gewisser Werke überkommt mich das manische Verlangen zu schreiben, Geschichten, aber ich kann nicht. Am Morgen denke ich Wörter, die die Welt aus den Angeln heben würden, aber ich vergesse sie. Alt bin ich geworden und mein altes Leben ausgelöscht, leer, wie das Haus. Ich sitze an seinem Schreibtisch, vor dem Panoramafenster, mit dem Gefühl, dass er schon alles für mich geschrieben hat, mir bleibt nichts zu tun. Mein Haar ist schlohweiß, makelloser Pagenschnitt, ein sehr gepflegter Hals. Ich schaue zum Himmel hinauf und er antwortet – du bist seine Lektorin ! Ich beginne zu weinen – das ist es ! Ich fühle mich so jung.

Posthum.

Der Tag war lang für Wyatt Pierre Armand Andersen. Sehr lang. Er hatte in der geräumigen Küche eine einfache Mahlzeit zubereitet, war damit in das Schlafzimmer geschlurft, hatte die Schüssel sorgfältig neben die Matratze plaziert, die Hose und das Hemd militärisch penibel eingeräumt und sich hingelegt. Der Lichtkegel einer Leuchte erhellte die andere Seite der Matratze; der leere Raum lag im Schatten. Es war die vertraute Atmosphäre, die geehrten Dinge, mit denen er sprach und schwieg; es gab sonst niemanden: Das Bücherregal, hinter der Schüssel, das als Raumteiler fungierte, die Wand, die Decke, der Kleiderschrank und ein Stuhl, im Hintergrund, mehr gedacht als gesehen, die Aussicht im Panoramafenster; Schornsteine, die roten Positionslichter hoher Baukräne darüber, das Dunkle des Nachthimmels: das gewohnte Bild. Stille. Andersens Augen wanderten über die Bücher, er hatte sie gezählt und von allem die erste Seite gelesen: Es waren genau eintausendsiebenundvierzig erste Seiten; ein Buch hatte er erwählt. Die Erlebnisse des Tages waren gegenwärtig. Eine Motte war erschienen, an der Lampe, und flatterte herum, lenkte ihn ab. Andersen versuchte sie zu töten, das gelang nicht. Das filigrane Geschöpf wanderte über seine Notizen, hin und her. Er legte sich auf die Seite und beobachtete sie, schlief dabei ein; ohne gegessen zu haben. Das Licht brannte, die Welt sagte ihm Gute Nacht – Träume mich. Daraufhin bewegten sich Wyatt Pierre Armand Andersens Augen, hin und her – vielleicht ist es so gewesen.

Auf jeden Fall geschah es, dass er begann seine Träume aufzuzeichnen. Träume sind flüchtig wie Parfum, indem er sie aufschrieb fertigte er ein Behältnis, gleichsam einem Flakon, das sie vor dem Vergessen bewahrt. Diesen Seiten, tausende, angefüllt mit Traumgestalten, denen er Namen gab, mit dem Licht wunderbarer Orte, mit Leidenschaften, mit dem Kampfgeschehen tiefster Armut, mit der Verzweiflung des Reichtums, widmete er offenbar sein Leben – Andersen schrieb alles auf. Es bereitete ihm wohl Freude und schenkte ihm möglicherweise Frieden, sie später auferstehen zu lassen; seine Träume, und auch seine Alpträume.

DIE MANUSKRIPTE

Es braucht sehr viel Zeit, aber es ist auch ein ganz besonderes Vergnügen, den Mann, der nie etwas zu sagen hatte, zu lesen; er schrieb mit allem was gerade zur Hand war, vielleicht Stimmungen folgend; der Bleistift überwiegt deutlich. Nach der Höhe der Stapel (bis Blatt fünftausend habe ich sie überarbeitet) sind es vierzigtausend Seiten, die meisten schon vergilbt. Viele mit Eselsohren, einzeln, oder mit Büroklammern gebündelt und mit Querverweisen versehen. Manche hat er ausradiert und mit neuem Text versehen, andere sind zu ausradierten Bleistift-Phantomen geworden. Ich fand durch Wasserschäden gewellte Blätter, mit blauer Tinte geschriebene Worte, verwischt, wie Schminke nach Tränen; ich fand Alltag: verklebte Essensreste, lose Brotkrümmel und zerquetschte Insekten während ihrer Henkersmahlzeit; obwohl der Mieter so wohlgeordnet lebte; so peinlich reinlich war der Mann, dass selbst sein PC sauber war – ein weißer Bildschirm, einem weißen Blatt Papier gleichend, gedankenlos und leer.

Er hat viele Manuskripte datiert, doch das will nichts heißen; die Datumsangaben könnten ebenso gut fiktiv sein. Ich fange mit dem Blatt an wo ich den Beginn der Aufzeichnungen vermute, und der darin enthaltenen Datierung.

Es ist eine wunderbare Geschichte, ein Geflecht von Einzelschicksalen, weit verzweigt, wie ein Stammbaum.

Was ich tue ist der Versuch das Puzzle seines Traumlebens zu einem stimmigen Bild zusammenzufügen.

Hier nun wie alles begann, das erste Blatt.

Kapitel 1 Wann treffen sich zwei Geraden ?

15. Mai 2011 (Manuskript-Datierung, ob es zur Geschichte gehört, oder real ist, weiß ich nicht). Stahlblauer Himmel. Ein Kerl in der Großstadt – blitzsaubere blauweißgelbe New York Yankees Baseballkappe, Jeansjacke, olivegrüner Steve McQueen T-Shirt, Bluejeans, staubige Schuhe – blickt hinab, aus dem obersten Stockwerk eines offenen Parkhauses, auf die Bäume und das Pflaster einer Fußgängerzone, auf die Sonnenschirme und Tische zweier Straßencafés, auf die Passanten. Sind das Menschen ? Mister Green war kein Mensch! Kein Mensch – Scheiße ! Er ist versucht zu springen, tut es aber nicht. Der Mann denkt einen Namen: Jennifer Brel –

Galaxien, im Dunkel der Zeit, in der Unendlichkeit treibend. Sterne. Eine gelbe Sonne, gekleidet in einer Perlenkette Welten. Der blaue Planet – eine Heimat ?, und das Wirken der immerwährenden Veränderung genannt Leben. Mister Green ist hier Zuhause, aber er wird nie ein Mensch sein. Wäre er einer, würde er sagen: Um mich herum war es Nacht, würde er denken: keine Heimat, aber das Wirken der immerwährenden Veränderung genannt Zeit, genannt Tod – eine Chance.

Eine Fläche auf der Weltkarte: Die Vereinigten Staaten von Amerika. Eine rote Linie verbindet zwei Punke: Phoenix, Arizona – Old Maid, Doña Ana County, New Mexico. Old Maid ist ein kleines Nest im Nirgendwo nördlich von Ciudad Juárez / El Paso. Niemand kennt es und die Einwohner tun alles dafür, dass es auch so bleibt. Es besteht aus einer Kathedrale (die überhaupt nicht ins Bild passt) und einer Ansammlung von schmucken Holzhäusern drumherum. Es gibt einen geheimnisvollen Priester, der alle Fäden in der Hand hält, einen ehrgeizigen jungen Sheriff mit Backstein-Gefängnis und Büro und einen dicken gemütlichen Arzt der Obduktionen nicht mag, weil die Toten furzen. Am Stadtrand findet der Durchreisende ein Schnellrestaurant, eine Tankstelle mit Autofriedhof, beliebt bei Ameisen, Klapperschlangen und Skorpionen, und das

Longhorn Ranch

M O T E L

dessen bernsteinfarbenes Neon für die wenigen Fremden leuchtet, die sich über die einsame Nebenstraße 213 hierher verirren; eine Handvoll im Jahr. Es ist Sommer, kein Regen seit zweiundsechzig Tagen, die Hitze lastet drückend auf dem Ort.

Am Abend; draußen vor dem Motel: Brüllende Bestien hämmern mit der Faust gegen eine Tür. Drinnen: Sie war zu laut ! Die Frau denkt einen Namen ... – er ist nicht mehr da. Die Kämpferin erscheint verzweifelt, weil betrunken: In diesen Zustand wird sie unterliegen.

Sie war aus Phoenix gekommen, aus der Hölle der Obdachlosigkeit, mit Wahnsinn in den Augen und völlig verdreckt. Hatte hier jemanden getroffen. Er war gut zu ihr – die Dusche war das Schönste. Sie hatte ihn nicht lange ertragen können. In der zweiten Nacht war sie verschwunden. Er war am nächsten Tag gegangen. Sie hatte hinter Gardinen beobachtet wie er wegfuhr, und etwas in ihr, eine Magie, hatte unmerklich begonnen zu keimen. Durch ihn war sie reich geworden. Seine Waffe lag auf dem Bett, und sein kleines Vermögen grüner Scheine. Sie war glücklich gewesen, das hieß: Tankstelle – Trinken – Träumen – Musik – Tanz. Sie hatte die Flasche im Zimmer geleert; losgelöst, und ungehemmt die Wut ihres Lebens herausgeschrien.

Schüsse. Das Bellen eines Hundes fliegt vorbei.

Sie hatte all ihren Mut zusammengenommen, aufgemacht und in Richtung der Männer gefeuert. Der Rückstoß hatte sie aufs Bett geworfen, und der Aufprall der Kugeln hatte die Männer auf die Dielen des Bürgersteigs vor dem Parkplatz zurückgetrieben. Dort hatte sie sie gefunden, in größer werdenden, lebenden Blutlachen liegend; Überraschung und Grauen in den erlöschenden Augen. Einer hatte noch etwas flüstern können, es klang wie

>> Nicht... <<

Die Kriegerin hatte den Tod gesehen, inmitten der blutroten Farbexplosion des Zwielichts, und war dann, wenig beeindruckt, zurück ins Zimmer gewankt, das Wesentliche zu holen: das Geld, das Geld. Es war nicht einmal ein Gedanke gewesen, eher eine Idee, ein Bild vor Augen: Schöne grüne Scheine, bemalt mit geheimnisvollen Symbolen und weisen Sprüchen unbekannter Sprachen; kleine Kunstwerke mit denen sie alles, aber auch wirklich alles, von ihren Mitmenschen bekommen konnte, sogar Liebe; nein wirklich, die Menschen liebten das Geld, die Zahl, die große Zahl.

Draußen bei den Toten war es Nacht geworden, und nun rächten sie sich an der Mörderin: die Augen der Frau schielten unkontrollierbar bei ihren Anblick. Sie sah zwei helle Monde, in der großen schwarzen Blutlache um die Männer herum, aus der etwas nicht wahrnehmbares aufstieg. Die Bilder vor ihren Augen überlagerten sich, bewegten sich; wo doch keine Bewegung war; fügten sich nahezu zusammen, trennten sich; sie sah zwei beinahe identische Welten, gleichzeitig, und konnte doch keine von beiden schauen; ihre Augen wurden nutzlos, fast nutzlos. Sie hefteten sich an der scheinbaren Oszillation eines einzigen Gegenstandes, des weißlackierten Holzpfahls der einsamen Laterne auf den Parkplatz, und wählten eines der beiden hin und her schwingenden Pfähle: Das Leben oder der Tod ? Er wurde zum Retter und führte sie fort. Dem Rausch ausgeliefert, begriff ihr Verstand nicht was vorging; dieses absonderliche Fremdgehen, und fügte sich ihrer Wahl. Ohne, dass er daran hätte etwas ändern können, krachte sein verwirrter weiblicher Körper gegen die hölzerne Wand des Motels, gegen Türen, gegen Pfosten, schwankend und gefangen in dieser apokryphen Zwischenwelt. Die Kämpferin tanzte mit dem Freund in ihr, Schritt für Schritt – eine Lambada mit dem Tode –, mit der Waffe in der Hand, um zu töten; Schritt für Schritt – eine Lambada mit dem Leben –, mit dem Geld in der Tasche, um zu leben; bis sie zwischen Dornbüschen, hinter dem Motel, auf allen Vieren, das Gift erbrach und erbrach und erbrach. Sie konnte nicht atmen, schloss die Augen in der Hoffnung, dass sich der Magen beruhigen würde, aber der Brechreiz wurde bei der geringsten Regung ihres Körpers übermächtig, sie bekam keine Luft, es drohte sie zu ersticken, sie würde qualvoll sterben. Sie legte sich ganz, ganz langsam auf den Bauch und atmete so flach wie möglich und wartete bewegungslos auf ihren Retter; es war ihre letzte Abwehr vor den Dämonen.

In der magischen Stunde, wenn die Nacht gegangen ist, aber die Dunkelheit noch nicht, schnuppert ein neugieriger Kojote an der Kriegerin, und flüchtet vor dem Duft der tapferen Frau: Sie ist stinkende Gosse; sie denkt einen Namen ... – er ist nicht mehr da, aber sie fühlt sich nicht länger alleine.

Zum Frühstück gibt es Gallegeschmack, den Duft des Erbrochenen, Sodbrennen und Kopfschmerzen. Nur sehr langsam wird ihr klar, welch unheimliches Glück an ihrer Seite gewesen war: Das Motel war offenbar leer. Dort gibt es keine Rezeption, nur eine Maschine die Schlüsselkarten ausspuckt – aber, die Schüsse ! Warum ist niemand gekommen ? Sie hat noch eine Chance, etwas Zeit zu entkommen, nicht viel – der Sheriff, er wird für die Leichen jemand haben wollen. Sie verwischt ihre Spuren im Sand, so gut es geht, und entfernt sich vorsichtig, auf jeden ihrer Schritte achtend weiter vom Motel, bis sie einen geeigneten Rastplatz findet, verborgen hinter Büschen. Nun ist es Zeit für eine schnelle Inventur im Schneidersitz. Seine Waffe ruht zwischen ihren Schenkeln und sie zählt hastig das dicke Bündel Cash, und stopft beides wieder in die Jeans. Der Stoff seines Hemdes ist an den Ellbogen zerrissen; ihre Haut zerkratzt, die kleinen Wunden jucken teuflisch. Sie streicht mit der Hand darüber, alles ist voller Sand. Sie ist in Socken und hat kein Wasser, das sind Probleme, die zum Nachdenken anregen: – ein Zehn-Liter-Kanister Wasser, Stiefel, Proviant für eine Woche, Munition, ein großer Rucksack und ein Versteck für die kommende Nacht, zum Ausschlafen. Sie wird ein paar Scheine aus dem "Tank" lassen. Sie schließt die Augen und senkt den Kopf. Der Morgenwind, ein Brise, summt und pfeift in ihren Ohren und die Erinnerung rauscht wie ein Radio ohne Sender, sonst ist nichts zu hören. Die Tankstelle bietet Hoffnung auf fast alles. Gut. Ihr Gemüt beruhigt sich. Sie späht Richtung Motel und steht vorsichtig auf; niemand zu sehen; kein Auto auf den Parkplatz; die Straße liegt verlassen da. Old Maid umgehend werden es wohl an die tausend Meter sein, eine kurze Strecke, aber in Socken über Sand, das bald glühen wird, über Stock und Stein, dem Revier von Schlangen und Skorpionen, zwischen heimtückischen Dorngestrüpp entlang ist es ein weiter gefahrvoller Weg.

Als sie die Straße an der Tankstelle erreicht, steht die Sonne schon hoch am Himmel. Sie legt sich in eine flache Bodenmulde, erschöpft von der ständigen Konzentration, die ihr die Vegetation und die Tiere der Wüste abverlangt haben; sie ist ihnen begegnet: Wachteln fraßen die kirschgroßen, glänzend dunkelblauen Beeren einer Belladonna, die mit ihren grünen Blättern überhaupt nicht in die Gegend passte; eine Spinne mit giftiggelben Körper und schwarzbehaarten Beinen grub ein Loch; eine graubraun gestreifte Klapperschlange lag wie zufällig auf einen Felsen und genoß die Wärme der Morgensonne; unter den grobkörnigen Sand verborgene Stachel stachen immer wieder durch die Socken, in die Fußsohlen und blieben in der Baumwolle stecken, sodass sie oft anhalten musste, um sie herauszuziehen.

Die Frau hat eine der Beeren gegessen, sie war saftig, schmeckte gut und vertrieb den schlechten Geschmack im Mund, und noch eine, sie konnte nicht widerstehen, nun gönnt sie sich eine Pause in der Mulde. In großer Höhe schiebt sich eine dichte Cumuluswolke über die Sonne. Das Weiß der Wolke und das Blau des Himmels sind so intensiv wie noch nie. Hihi. Über den Bergen, am westlichen Horizont, zeigt sich ein großer orangegoldener Mond und geht in schneller Zeitlupe unter. Es weckt ihre Aufmerksamkeit, sie meint die Bewegnung der Erde darin zu spüren und dreht sich auf den Bauch, in der Hoffnung mehr davon zu fühlen. Die Sonne kommt zurück. Auf der anderen Straßenseite rührt sich nichts, nur die Hitze, die Luft ist zum Greifen: Ein Blecheimer Wasser lockt; ein grauer Lappen sagt nein; ein Schrank voller bunter Öldosen verspricht etwas; Heißer Wind pfeift um alles herum, bewegt die purpur blühenden Büsche neben der Mulde, erreicht die Haare und den Nacken der Frau, ihr Mund ist trocken; zwei alte Zapfsäulen werfen schlanke Schatten, deren Länge acht Uhr bedeuten könnte; vier Reifen auf roten Felgen lehnen an der Wand neben den breiten Maul einer dunklen Werkstatt; die Fliegenschutztür am Eingang zum Verkaufsraum klappert; die Fenster daneben sind blind; dahinter könnte jemand die Straße beobachten, auf Kunden warten, oder einfach so; darüber gibt es einen ersten und zweiten Stock, mit sauberen weißen Vorhängen an geputzten Fenstern – sieht nach Familie aus; mitten auf der Straße tankt eine Eidechse mit hoch erhobenen Haupt regungslos Sonne; die Frau leidet Durst, sie muss bald hinüber; die letzten Tage tauchen auf: Furcht !, darum hat sie ihn verlassen. Sie will frei sein, das ist besser. Die Wüste, die Einsamkeit, das ist vertrautes, bewährtes Terrain. Und doch ...

Sie war On the Road gewesen; der Wasserkanister leer, die Stoffschuhe in Fetzen. Sie hatte ihn gesehen, ein paar Meilen vor Old Maid, und ihm den Glauben geschenkt, er hätte sie gefunden; er war verrückt, sie ließ ihn sein, er ließ sie sein. Ihre Augen waren sich begegnet und geblieben. Es geschah von selbst, von beiden Seiten ohne willentlichen Impuls. Sie hatten ihren Wahn getauscht. Und diese Transzendenz, jenes übersinnliche Erkennen des Zustandes des anderen, verband beide und wirkte im Zusammensein irgendwie heilend. Er wusch ihre zerschundenen, blutigen Füße und schenkte ihr Socken und Stiefel. Sie stieg ein. Im Radio lief genau die richtige Musik, vaginale Musik und das Wetter wurde verkündet:

>> Jaaa, liebe Freunde: Heute könnt ihr Spiegeleier auf der Motorhaube braten. <<

Der warme Wind hatte mit ihren Haaren gespielt. Die Hitze wurde erträglich. Die Luft flimmerte über der Straße. Sie wurde Er und Er wurde Sie. In der Ferne sahen sie die Fata Morgana, sie verband sich mit der Musik; ein Ortsschild sauste vorbei: OLD MAID – das war erst vor einigen Tagen...

Weit draußen, gut gerüstet und allein. Der Himmel in der Nacht der Wüste. Sterne. Schlaf. Böse Träume. Ein Skorpion hatte ihre Hand besucht, und sie verschont. Sie war nach Norden gegangen, Richtung Berge, und dort, an den Ausläufern angelangt, auf ein Bergplateau geklettert. Auf dieser Mesa hatte sie gesessen, gegessen, getrunken und das Land ringsherum, weit unter ihr, mit den Augen erkundet. Sie war wirklich alleine !

Sanfter Schlaf. Sie träumte die väterliche Stimme in ihren Kopf.

Zwei Parallele Linien können sich niemals begegnen, aber dennoch, ist es möglich sich vorzustellen, dass es irgendwo in der Ferne, irgendwo, in der Unendlichkeit, einen Punkt, gibt, von den wir, annehmen können, dass die beiden, Parallelen, doch zusammentreffen; wenn sie ... . Diesen Punkt nennen wir: den Punkt der ... . Sie wachte auf ohne es zu wissen, aber sehr glücklich, und irgendwie wusste sie es doch, über sich die wenigen, langsam vorüberziehenden Wolken eines klaren Nachthimmes voller funkelnder Sterne; das Rund ihrer Lippen formte Worte.

>> Wann treffen sich zwei Geraden ? Und wo ? <<

Sie dachte nach, zwei Tage und zwei Nächte lang. Am dritten Tag ging sie nach Osten.

Die Medien sagten er wäre in Lissabon zu finden, hätte sich dort niedergelassen, ein Anwesen gekauft. Die Hunde bellten Lügen, aber sie glaubte es. In New Orleans suchte sie ein Schiff, sie, eine Frau, wieder ohne Geld, ohne See-Erfahrung.

Unter der wehenden Fahne von Panama fand sich ein Seelenverkäufer. Die Schornsteine waren in Purpur gehalten, Purpur, es musste einstmals ein stolzes Schiff gewesen sein.

Der Kapitän wollte nach Portugal, wollte. Sie heuerte an, als Hilfsköchin. Aber es waren wohl eher ihre langen Beine, die engen, fetzigen Jeans, mit den Löchern, der Po, der Schwung ihrer wohlgeformten Hüften, von hinten, am Herd – und der Schatten zwischen den Schenkeln als ihre Kochkünste, die die Entscheidung des Kapitäns bewirkten, dem Schiffskoch Landgang zu geben.

Landgang, so wunderbar für einen Seemann. Und er ging in die Knie, den Boden zu küssen, und da verschlang sie ihn, die saftige, heilende Erde und führte ihn zu einem Haus. Dort gab es diese Schwarze, Epifanie Berio. Schwarz wie Kohle. Und sie war träumerisch und schön.

>> Matrose... <<

Und inmitten ihrer Worte offenbarte sich jenes fleischige Rot. Lebensrot. Und es nahm ihm im Würgegriff einer Endlosschleife, und er war. Gewesen. Wir haben gesät, und wir bitten, dass unsere Mühe belohnt werden möge. Und die Frucht ihres Leibes bevölkerte das trockene Land. Bis das Wasser kam und alles mit sich nahm.

An Bord.

Die braungebrannten Matrosen wollten schon im Hafen ihren Spaß und lernten dabei, dass Zwei-Meter-Hilfsköchinnen keinen Spaß verstehen. Der Kapitän war zufrieden. Der alte Kahn wurde Jennifer getauft, sie stachen in See.

Klare Sicht, der Hafen verschwindet hinter dem Horízont. Jenseits davon sieht sie das blasse Blau des grundlosen Himmels, tiefer als der Ozean. Die Männer arbeiten. Die See ist ruhig, schimmernd. Das Wasser glitzert im Sonnenlicht eines perfekten Tages. Die Luft riecht würzig-salzig – ganz anders als die herben Kräuter der Wüste. Sie nimmt das alles wahr. Es vermischt sich, diese Stimmung, mit Erinnerungen.

Sie lehnt an der Reling, hört auf das dumpfe Stampfen des Schiffes, schaut hinab, an der Bordwand entlang auf das vorbeifließende schäumende Wasser und dann, als sie des Rostes gewahr wird, der wohl schon seit Jahrzehnten an dem Frachter nagt, geht sie in den Bauch des Schiffes.

Treppe um Treppe hinunter, durch enge Gänge, wie auf ein letztes Mal zu ihrer Kabine. An der verriegelten dünnen Tür leuchtet in Orange ein ovaler Aufkleber.

Bete für Sex

Spartanisch: Ein gemachtes Bett, ein Stuhl ohne Kissen, ein aufgeräumter Tisch, ein sauberes Bullauge, ein wohlgefälliger Po in Uniform. Sie setzt sich und nimmt Papier und Bleistift zur Hand. Ein Blick hinaus auf die Wellen, die gegen das Bullauge schwappen genügt. Er, der Traum erscheint; Worte sind ... – es ist zu heiß um zu verweilen, und zu stickig hier.

Wieder draußen bringt die beständige Brise Kühlung, trocknet den Schweiß angenehm auf ihrer Haut, doch der Traum, das Gemütliche, das berauschende Er-Trinken ist verflogen. Die Blätter des Notizbuchs flattern laut und sie hört das Rascheln des Windes in ihnen. Sie schreibt: Was soll ich schreiben?

AUF DER JENNIFER

Das Schwierige ist einen Anfang zu finden –

Weil es keinen Anfang gibt.

Das Schwierige ist ein Ende zu finden –

Weil es kein Ende gibt.

Was ist das alles ?

Ich fühlte es – einst, alles.

Ich wusste es, ohne es zu wissen;

Die Gefühle waren damals deutlicher,

Das Unbekannte klarer.

Gefühle, so viele, ich wagte sie zu leben –

Ich war es.

Gestern. Heute. Gestern. Jetzt !

Gestern.

Ich sah es an jeder Ecke der Stadt,

An jeder Ecke des Hafens:

Meine vergebliche Sehnsucht, Paare.

Eine Prostituierte lehnte im Schutz eines hölzernen Hauseingangs an der Wand und beobachtete eine Matrosen-Schlägerei.

Schwanz im Wind – Fotze an der Luft. Ich gesellte mich zu ihr.

>> Bonsoir, Mademoiselle. <<

Sie sprach, ohne mich zu grüßen, ohne mich zu beachten.

>> Ich schaue den Männern gerne zu, wie sie sich schlagen. <<

War ich eine Kundin in ihren Augen? – aber nein; – ich war niemand, eine Genossin der allwissenden Einsamkeit.

Ich folgte ihren Blick. Ein gutes Stück die Straße hinauf, an einem Maschendrahtzaun, dahinter die See und die Lichter ankernder Schiffe, lagen zwei Männer leblos am Boden. Ein Dritter stand und wurde mit aller Kraft, mit beiden Händen, an den Handgelenken festgehalten und gegen den Zaun gedrückt. Sie streckten seine Arme aus, er trat nach ihnen, vergeblich. Eine wilde Horde nahte und schlug seinen Leib.

>> Der bekommt es kräftig, <<

meinte sie.

Ein Vierter rennt an uns vorbei; er konnte entkommen, aber sie verfolgen ihn. Er wirft ein Messer, und trifft das Holz neben meiner Schulter. Es bleibt stecken.

Sie holen ihn ein – er ist verloren.

Ich nehme das Messer und gehe weiter, kampfbereit, hinunter zum Quai, ein Schiff zu finden.

Heute.

Liebe ist nichts, ein Augenblick bloß, der immer währt. Glück.

Liebe ist alles, ein Augenblick Erinnerung, die immer währt.

Schmerz.

Und jenseits des Schmerzes ist es Hoffnung.

Ich weiß es, ich fühle es.

Es ist unendlich stark, unendlich schwach.

Erinnerst du dich ?

Ich bin keine Gefahr für dich.

Ich war durch dich.

Du bist keine Gefahr für mich.

Ich will mehr von dir.

Gestern.

Ich rannte die Wüste, die Stadt, die Straße zum Hafen,

Wo es mich entführte - dieses Gefühl - auf das Meer hinaus.

Dort draußen jetzt.

Die Männer – Phantome.

Es gibt nur mich und das Licht, das unendliche Blau

und Gedanken im Glitzern des Wassers,

Die mir widersprechen.

Das Schwierige ist nicht einen Anfang zu finden –

Weil der Anfang immer ist.

Das Schwierige ist nicht ein Ende zu finden –

Weil das Ende immer ist.

Das Schwierige ist zu verstehen –

Was vielleicht nicht verstanden werden kann, weil es da nichts zu verstehen gibt ?

Das Endliche, mit all der Schönheit,

Das Unendliche, mit all der Kraft.

Beides lebt, beides bewegt sich,

Durch den Raum der den Menschen ausmacht.

Das Endliche, wie eine Seifenblase,

Wie ein Luftballon, wie ein Spiel.

Das Unendliche –

Eine lautlose, innere, äußere, immerwährende Entfaltung.

Überall und zugleich.

Wie der Tod, den ich nie erfahren werde.

Wie das Leben, das ich nie erfahre.

Und doch ist beides da, so unmittelbar, zum Greifen nah.

Und ich nehme es an, ohne es verstehen zu wollen.

Und ich nehme es an, ohne mich geben zu wollen.

Jetzt !

Sie hört auf zu schreiben, liest es. Ja, das ist die ganze Geschichte. Sie blickt auf in die Ferne, zufrieden mit sich selbst; das war der Traum, die Worte. Sie ist alleine mit dem ruhigen Meer. Die spiegelglatte Wasserfläche erstreckt sich bis zum Rund des Horizonts und reflektiert die Sonne. Die Helligkeit ist überwältigende Magie. Wie schön, nichts als Licht und Wasser –Raum ist gut für die Seele, er schenkt Weite ... die Männer wollen essen ! Innerlich still macht sie sich davon. Die Kombüse ist ihr Ziel, und Lissabon. Das Licht der Sonne brannte unablässig auf ihrer Haut, sie merkte es nicht und wird dafür mit einem Sonnenbrand bezahlen. Der Wind, wie er sanft über ihre Haut strich, und die Brise der Erinnerungen, und der Traum der wiederkehrte, waren zu verführerisch gewesen um an so etwas zu denken. – Lissabon ist ein Jahr entfernt, die Frachträume zum Bersten voll. Es geht nach Süden – Maracaibo, Belém, Rio de Janeiro, Montevideo, Punta Arena – Matrosen werden gehen, neue Männer werden kommen und neue Fracht.

Sie ist die Königin der Jennifer und Hoffnung für die einsamen Seeleute. Sie folgen Magellan, hinein, in die Unendlichkeit des Pazifik – auf zu neuen Häfen, um, die, Welt !

Kapitel 2 Brel und Kraft

Europa. In Lissabon hörte sie den Fado, konnte den Mann nicht finden, verstand die traurige Musik. In Madrid und Barcelona war gar nichts, weder er noch Gefühle. Über die Berge, gen Osten, ging es nach Paris. Paris ! – ihre Stadt. Er war hier, eine bekannte Persönlichkeit, und unerreichbar.

Sie strandete in Paris, nicht zum ersten Mal. Sie kannte diese Straßen und Orte und den Menschenschlag, verflochten mit Erinnerungen; die Stadt, verknüpft mit Impressionen. Hier konnte sie überleben: Kellnern; in den unzähligen Cafés, Bistros, Bars. Brauchte sie Bares, investierte sie die Trinkgelder in Seidenstrümpfe, weiß oder schwarz, und in fliederblaue Kleider, die im Zwielicht Purpur wurden; setzte sich mit der hereinbrechenden Dunkelheit neben einsamen Touristen und ließ sich die Knie streicheln – was ist schon dabei.

Er verschwand aus den Nachrichten. Abends dachte sie an ihn. Der Fado wurde von ihrem Namensvetter Jacques Brel abgelöst. Ne me quitte pas. Sie heulte Rotz und Wasser, wunderbar.

Seine Spur verlor sich im Süden, irgendwo in der Provinz. Sie blieb in Paris. Die Jahre vergingen. Sie wurde vierzig, fünfzig und reif für einen alten, unbegreiflichen Freund.

Die Alpen. Ein weißer Januartag im Jahre 2042. Himmel und Erde bestehen aus Schnee. Es ist kalt, weit unter dem Gefrierpunkt. Ein Sturm wütet. Jennifer Brel hört nichts davon, sie spricht beim Gehen; mehr mit sich selbst als in das stecknadelkopfgroße Mikrofon; isoliert unter der wärmenden Maske des Helms.

>> Ist es hier immer so ? Hört das nie auf ? <<

In einiger Entfernung vor ihr stapft Hans Peter Kraft durch den Schnee. Er hört ihre Worte und schweigt: ihre Stimme ist schöner, als eine Antwort wäre. Er kennt diese Gegend auch anders. Er weiß wie eindrucksvoll majestätisch es hier sein kann, bei gutem Wetter. Die trockene, klirrende Kälte macht dann munter. Der blaue Himmel – ein Hochgenuß. Die dünne Luft – gefährlich berauschend. Er schaut hinauf, in das Weiße der Wirklichkeit und sieht es: Seine Erinnerung. Die Bergkette der Viertausender lockt mit einem unbeschreiblichen Zauber; kaum ist der Blick oben erkennt er dahinter noch höhere, ehrfurchtgebietendere Berge. Demütig senkt er den Blick zu Boden, in das Weiße und sieht es: Die Vergangenheit. Das Tal ! Der Gletscher dort ist nicht minder imposant.

Diese Welten machen winzig. Er steigt hinab, zu sich selbst und erkennt, dass er dennoch zählt. Hier herrscht eine Stille die Frieden schafft. Sie wird untermalt von der gegenwärtigen Erinnerung an seltsame, knackende Geräusche. Das war (ist) die immerwährende Bewegung der Eismasse des Gletschers, dieses geheimnisvollen, scheinbar erstarrten Titanen; gebrochen, übersät mit Spalten die in unbekannte Tiefen führen. Wer dort hineinstürzt den erwartet eine Eiswelt, die blaue Fee, eine Geschichte: Es war einmal Uranos, und Gaia. Sie hatten sechs Söhne und sechs Töchter.

Vergangenheit. Schon im Tal war der Himmel bedeckt, mit grauen schnellen Wolken. Auf dem Wege in die Berge wurde das ganze Firmament düster. Brel ließ sich davon nicht beirren. Sie glaubte, dass er dort oben wäre und am Leben, sie glaubte ganz fest daran. Die Erinnerungen an eine überharte Prüfung, die fast zu ihrem Tode geführte hätte, an die Flucht aus Phoenix, Arizona, an die nachfolgenden Tage in Old Maid, New Mexico; einer Zeit wahrer Zärtlichkeit und scheuer Intimität, mit ihm – zum Sterben schön – begleiteten und motivierten sie ihn zu suchen. Er war ihr Ziel, nicht von jeher, aber das Leben vor ihm war zwar voller Abenteuer, doch ohne Sinn und Richtung, und, vor allem, ohne Gemeinschaft gewesen.

Mitten auf einen tückischen Firnfeld, wo Kraft auf jeden seiner Schritte geachtet, und Brel sorgsam in seine Fußstapfen getreten war, fing es an zu schneien; der Gletscher lag fast hinter ihnen, ein Zurück gab es nicht mehr. Als sie oben angelangt waren, erstreckte sich vor ihnen eine Hochebene, übersät mit schwarzen Steinen, aller möglichen Größen, die aus der Schneedecke emporragten. Diese Ebene war fast so gefährlich wie der Gletscher; man lief ständig Gefahr umzuknicken und sich einen Knöchel zu verstauchen; der Berg hieß sie wirklich nicht willkommen. Wind kam auf. Aus dem friedlichen Schneefall entstand ein Sturm. Der Horizont verschwand. Kraft ging stur weiter. Sie folgte ihm. Das Gehen wurde durch die rasch wachsende Schneedecke leichter und sie kamen schneller voran. Ein Blick auf den Kompass, ab und zu, beruhigte sie. Die Nadel zeigte nach Süden.

Gegenwart. Dichtes Schneetreiben. Sicht gleich Null. Trotz Schneeschuhe sinken die Beine bis zu den Knien knirschend ein. Es geht nur langsam voran. Schritt für Schritt. Es kostet Mühe die Schuhe wieder aus dem Schnee zu ziehen. Das fordernde Heulen einer besonders starken Bö unterbricht die anstrengende Monotonie. Brel atmet schwer und laut hinter dem Visier des Helms. Dank der Schutzkleidung an die arktischen Wetterverhältnisse angepasst, fragt sich die von der endlosen Suche zermürbte Brel, dann doch, warum sie all diese Mühen auf sich nimmt. Die Erinnerungen, die Worte liebkosender Zärtlichkeit verschwimmen. Noch vertraut sie Kraft. Sie ist nur so weit gekommen, weil Kraft ihrer Hoffnung, ihn zu finden, immer wieder neue Nahrung gegeben hat. Warum er das tut ist ihr unbegreiflich. Er weiß, dass der andere stets ihr Ziel ist, schon als junge Frau war es so; auf der Suche nach Liebe und Bestimmung hatte das Leben vor ihm keinen rechten Sinn und Richtung gehabt. Eigentlich hatte sie schon in Paris, vor der Begegnung mit Kraft, kapituliert – Alle geben ihre Träume auf, es ist nur eine Frage der Zeit. Ohne Kraft getroffen zu haben, unverhofft, wie damals in Old Maid, wäre es mir auch so ergangen. Sie schwankt, aber sie will noch nicht rasten. Ihr durch Hans Peter Kraft funktionierender Wille treibt sie voran. Wo sollte sie auch inmitten dieser Schneewüste, oberhalb der Baumgrenze, in diesen Sturm, einen Schutz vor dem an ihr zerrenden Wind finden. Hier gibt es nur lockeren Schnee, der sie zu begraben droht, und aufkommende Verzweiflung kurz vor dem Ziel zu scheitern. Sie spürt die Verführung einfach stehenzubleiben und sich in den Schnee sinken zu lassen, in dieses weiche, weiße Bett, nur um kurz die Augen zu schließen, denkt sie, während es Schritt für Schritt mühsam weitergeht. In ihren Kopf argumentiert eine Stimme drängend. So bleib doch stehen; es ist sowieso zu spät. Wahrscheinlich findest du nur noch ein Grab. Ruh dich aus.Brel schüttelt energisch den Kopf. Die Hoffnung obsiegt. Es geht voran.