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Traumhaft? So nenne ich die verzauberte Wirklichkeit. Traumhafte Geschichten? Es sind Ereignisse, aus meiner Fantasie geboren, die aber auf die eine oder andere Weise passiert sein können. Wenn dann noch ein Hauch Magie in eine Erzählung einfliesst, wirkt jede Geschichte wie ein kurzer Traum. Für dich, als Leser oder Leserin, ist es nicht wichtig, wie jung oder wie alt du bist. Es ist deine Seele, die dich träumen lässt, und die ist alterslos. Und alles, was du dabei empfindest, ist dein Geheimnis. Du musst es mit niemandem teilen.
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Seitenzahl: 208
Veröffentlichungsjahr: 2023
Liselotte Brand-Cerny
TRAUMhafte GESCHICHTEN
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Inhaltsverzeichnis
Titel
VORWORT
SIMONS PARADIES
DER TRAUM DER KLEINEN WOLKE
DIE TRAUMWAAGE
BENJAMIN
ROSMARIE UND IHRE KALENDER
DIE UNGLÜCKLICHE BIRKE
WIEDER OPA SEIN
DER TRÄUMENDE COMPUTER
DER TRAUMGARTEN
DER TRICK DER BEIDEN BUCHEN
WENN KINDERTRÄUME WAHR WERDEN
FAST DER TRAUMBERUF
WENN DINGE SPRECHEN KÖNNEN
EINE NEUE AUFGABE
DAS TRAUMBUCH
DER SONDERBARE MIETVERTRAG
NACHWORT
Impressum neobooks
Träume werden zu Geschichten
Geschichten werden zu Träumen
Doch Träumer bleiben Träumer für immer
Nicht nur Kinder lieben Geschichten, die sich
ein wenig wie Märchen anhören.
Auch Erwachsenen tut es gut, sich ab und zu in
eine Traumwelt hinein zu versetzen um dem
grauen Alltag zu entrinnen.
Denn zu viel ist es, das uns belastet.
Tagträume sind ein wichtiger Teil unseres Lebens,
denn sie tragen uns für kurze Zeit in eine Welt
des Losgelöstseins, des Gleitens durch die
Unendlichkeit, des Wahrnehmens von Dingen,
die vielleicht ein Mysterium sind.
Und gerade deswegen brauchen wir unsere Träume.
Josef und Anna Moosbacher, Gutsbesitzer
Simon und Philipp, Zwillingsbrüder
das Gesinde des Gutshofs
Laura, Malerin
DA gab es in einem fruchtbaren Land mit Bergen, Wäldern, Wildwassern, Flüssen und Seen den wohlhabenden Gutsbesitzer Josef Moosbacher mit seiner Frau Anna.
Die Moosbachers, wie sie allgemein genannt wurden, waren weit herum bekannt – nicht nur ihrer ertragreichen Felder, saftigen Weiden und des grossen, gesunden Viehbestandes wegen. Nein, sie waren auch bekannt für ihre Rechtschaffenheit, ihre Güte und ihre Fähigkeit, ihr Gesinde so zu behandeln, dass keiner freiwillig das Gut verliess.
Streng war er, der Moosbacher, aber gerecht. Er wurde 'Meister' genannt, seine Frau Anna war die 'Meisterfrau'.
Alle Knechte, Mägde oder Taglöhner bekamen einen rechten Lohn, genügend Freizeit, und etwas, das zu dieser Zeit absolut unüblich war: jeder hatte eine - wenn auch nur kleine - eigene Kammer. Bei Fehlern war er nachsichtig, wenn sie nicht allzu oft geschahen. War aber jemand bei der Arbeit schlampig und unzuverlässig, dauerte es nicht sehr lange, bis er vom Hof gewiesen wurde.
Beide halfen oft und gerne bei Problemen auf Nachbarshöfen – manchmal mit Geld, manchmal genügte auch nur ein Zuhören.
Das Wohnhaus, die Ställe, das Land, alles war sauber und gepflegt. In der Nähe des Wohnhauses gab es noch ein kleines hübsches Blockhaus für zufällige Gäste, wie es sich auf dem Land so ergeben kann. Vor dem Haus standen wunderschöne Kastanienbäume, unter denen im Sommer an einem langen Tisch die Mahlzeiten eingenommen wurden.
Das kleine, etwas abseits liegende Häuschen und das angrenzende Blumengärtchen sahen aus wie in einem Märchen. Und eben um dieses Märchenhafte rankt sich eine Legende. Nur wenige wussten, dass es die reine Wahrheit war. Und von denen lebt heute niemand mehr. Doch einer von ihnen hat die Geschichte niedergeschrieben.
JOSEF und Anna Moosbacher waren bereits seit 12 Jahren verheiratet und hatten sich schon damit abgefunden, kinderlos zu bleiben. Doch eines Tages, es war wie ein kleines Wunder, erfuhr Anna von ihrer Schwangerschaft. Alle waren ganz aus dem Häuschen, selbst das Gesinde.
Als dann die Wehen einsetzten und der Arzt und die Hebamme eintrafen, versammelten sich alle, sofern sie eine Arbeit liegen lassen konnten, in der Küche und warteten. Bei jedem noch so leisen Stöhnen der Meisterfrau zuckten sie zusammen.
Damals gab es noch keine Ultraschalluntersuchungen und erst während der Geburt wurde bemerkt, dass nicht nur ein Kleines nach draussen drängte, sondern anschliessend an dessen Geburt noch ein zweites erschien. Auch wenn sie im allerersten Moment ein wenig erschraken, waren Josef und Anna doch überglücklich.
Die in der Küche Versammelten atmeten erleichtert auf, als sie den ersten Schrei des Neugeborenen hörten. Als sie dann aber gar deren zwei schreien hörten, waren sie ausser Rand und Band und klatschten in die Hände und stampften mit den Füssen auf den Boden bis der Meister aus der Schlafkammer kam, und mit einem Lächeln um Ruhe bat.
Sie schwiegen darauf hin, blieben aber dort stehen und warteten weiter. Sie wollten die Kleinen sehen. Nach einiger Zeit durften immer zwei und zwei die Kammer betreten, um die Kleinen zu bestaunen. Auf Zehenspitzen schlichen sie hinein und betrachteten sie. So schöne Kinder hatten sie noch nie gesehen.
SIMON, der Erstgeborene, der einmal den Hof übernehmen sollte und Philipp, sein Zwillingbruder, nur zwei Minuten später geboren, entwickelten sich prächtig. Sie ähnelten einander, wie es eben nur bei Zwillingen möglich ist. Beide hatten sie kastanienbraune, gelockte Haare. Nur durch ihre Augenfarbe konnten sie voneinander unterschieden werden. Simon hatte türkisfarbene Augen wie der nahe gelegene See. Philipp dagegen dunkelgrüne Augen wie der Wald am Seeufer.
Alle hatten das Gefühl, als sei Simon der Ruhigere von beiden, im Gegensatz zu seinem Bruder, der ein richtiger Wildfang war. Nach einiger Zeit aber war es für alle erkennbar, dass Simon ein ganz spezielles Verhalten an den Tag legte. Er quengelte nie, plapperte nie, er lachte nie und immer schien er über etwas nachzudenken. Doch er lernte ebenso schnell sprechen wie Philipp. Er sagte bitte, danke, guten Morgen oder gute Nacht und grüsste, wenn Besuch kam. Sonst aber sprach er nie. Mit niemandem.
Hin und wieder aber konnte Simon über etwas das er sah, ganz leicht lächeln und seine Augen konnten leuchten, so wie die Seeoberfläche leuchtet, wenn sie von der Sonne beschienen wird. Und dann sah er so glücklich aus. Vielleicht war da irgendetwas, das niemand ausser ihm sehen konnte. Besonders Blumen hatten es ihm angetan. Jedes kleinste Blümchen, das er finden konnte, grub er aus und setzte es in die entfernteste Ecke von Mutters Garten, wo ihm ganz sicher nichts passieren konnte.
Kaum dreijährig, verbrachte er viel Zeit zwischen all diesen Blumen, jätete, entfernte welke Blüten und Blätter und seine Mutter behauptete stets, er spräche mit den Blumen. Und alle glaubten zu sehen, wie sich Blüten und Knospen Simon zuwandten, wenn er in der Nähe war.
SEINE Eltern liebten ihn abgöttisch. Für sie war er ein Geschenk besonderer Art. Auch das Gesinde war ganz vernarrt in den kleinen Simon und oft gruben sie für ihn kleine Blümchen aus, nur um das Leuchten seiner Augen zu sehen. Hin und wieder musste sie der Meister ermahnen, ihre Arbeit deswegen nicht zu vernachlässigen. Aber er lächelte dabei.
Philipp war manchmal ein wenig eifersüchtig, schien sich doch immer alles um seinen Bruder zu drehen. Und trotzdem, auch er liebte ihn, ging auf die Suche nach ihm, wenn er nirgends zu sehen war. Er konnte überall sein. Bei den Kaninchen, bei den Hunden, manchmal auch im Stall bei den Kühen, bei denen sogar Philipp noch ein wenig ängstlich war.
Hatte er ihn dann gefunden, nahm Simon seine Hand und führte ihn meist zuerst zu Mutters Blumengarten, um ihm ein frisch gesprossenes Pflänzchen zu zeigen. Philipp ging gerne mit, denn auch er hatte Freude an den Blumen im Garten. Erst danach kam Simon mit ins Haus.
EINES Nachts, die beiden waren nun ungefähr vier Jahre alt, träumte Philipp von Simon. Es war ein Traum, den er nie mehr vergessen sollte. Es war einer von vielen, die nachher noch folgten. In diesem Traum sassen alle im Hof beim Mittagessen und Simon sprach und lachte und erzählte von den Blumen und den Schmetterlingen und den vielen Insekten, die dort herumflogen. Und dann verblasste der Traum. Philipp wusste nicht, dass auch seine Eltern und das Gesinde den gleichen Traum hatten, denn sie sprachen nicht darüber.
Der Traum war so schön, aber auch sehr traurig. Warum durfte Simon im wahren Leben nicht auch so sein? Erst als Philipp ein wenig älter war, erzählten sie einander von ihren Traumerlebnissen. Denn immer wenn Simon besonders glücklich oder traurig war, hatten alle den gleichen Traum. Und immer konnte er sprechen und lachen und seiner Freude oder seiner Trauer Ausdruck verleihen. So, als ihm ein Hündchen zulief, als sich eine grosse Igelfamilie in Mutters Garten einquartierte, als er Vögel sich in einer Regenpfütze baden sah…
NICHT lange nach dem ersten Traum nahm Vater Josef den kleinen Simon bei der Hand und ging mit ihm zu einem etwas entfernt liegenden Stück Wiese und sagte: "Hier wird dein eigener Garten entstehen." Er begann umzugraben und Simon stand dabei, sah zu und strahlte.
Dann brachte der Vater Blumensamen nach Hause und zeigte ihm, was er damit machen muss. Anschliessend kam noch ein kleines Gartenhäuschen und ein noch kleineres Gewächshäuschen dazu. Zu allerletzt wurde alles mit einem weissen Zaun eingegrenzt und so war Simons eigener kleiner Garten fertig. Die Igelfamilie zog ohne sein Zutun in seinen Garten um. Und das Hündchen war ohnehin immer dabei.
Stundenlang konnte sich Simon dort aufhalten und kam nur ins Haus, wenn er Hunger hatte oder Schlafenszeit war. Manchmal, wenn er tagsüber müde war, schlief er einfach in seinem Häuschen. Schon vor längerer Zeit hatte er sich dazu einen Strohsack erbettelt.
Zu dem Zeitpunkt war bereits klar, dass er niemals die Schule wird besuchen können und viele – vor allem die Ärzte – meinten, er sei geistig behindert. Doch das war er nicht und weder die Eltern, noch das Gesinde und schon gar nicht Philipp glaubten es. Im Gegenteil.
PHILIPP ging nun zur Schule und es machte ihm Spass. Er bedauerte es nur, dass Simon nicht auch dabei sein konnte. Jeden Tag setzte er sich zu Simon und erklärte ihm, was er gelernt hatte und welche Aufgaben er machen musste. Und Simon lernte von ihm. Er lernte ebenso schnell lesen und rechnen wie Philipp und konnte ebenso schön schreiben.
Nur, er sprach einfach nicht. Philipp 'vergass' manchmal sein Lesebuch bei ihm und dann versuchte Simon, laut daraus zu lesen. Das klang dann beinahe ebenso fliessend wie bei anderen Kindern seines Alters.
Unterdessen war Simon fest in sein Häuschen gezogen. Da er nun dort auch einen Ziehbrunnen hatte und ein Toilettenhäuschen, war er fast unabhängig.
JAHR um Jahr ging so vorbei und Philipp hatte nicht mehr so viel Zeit, sein Wissen an Simon weiterzugeben. Denn er musste neben der Schule auch noch auf dem Hof helfen. Auch wenn da genug Leute waren, wollte sein Vater, dass er alles wusste und konnte, um den Hof einmal richtig weiterführen zu können. So bekam Simon immer alle Schulbücher und Hefte vom Vorjahr. Und er arbeitete sich alleine durch den Lehrstoff und es war sehr selten, dass er etwas nicht verstand.
Auch er half nebenbei noch auf dem Hof und machte seine Arbeit so gut wie Philipp, nur etwas langsamer, etwas verträumter. Denn mit den Gedanken war er immer ein wenig wo anders. War doch das Wichtigste für ihn sein Garten. Immer wieder kamen die Träume zu ihnen allen, in denen Simon sprach, in denen er ihnen erzählte was er fühlte und dachte und was ihm besondere Freude machte.
Die Träume blieben aus, als Philipp für zwei Jahre als Knecht zu einem befreundeten Gutsbesitzer ging. So weh es ihm tat, Simon zu verlassen, wollte er sich doch gründlich auf die Gutsübernahme vorbereiten. Er würde für eine Zeitlang in die Rolle eines Knechts schlüpfen, um auch später richtig mit seinen Dienstleuten umgehen zu können.
Simon war zwar traurig und doch, er verstand seinen Bruder. Er wusste, dass zwei Jahre sehr schnell vergehen können und er würde ja auch zwischendurch nach Hause kommen. Auf das wollte er sich freuen. Das Gesinde versuchte, ihn zu trösten, indem die Leute einzeln oder zu zweit zu seinem Garten kamen, um seine Arbeit zu bewundern.
Die Gartentüre stand immer offen, sie waren also willkommen. Ein sanftes Lächeln huschte über sein Gesicht, wenn er sie eintreten sah. Dann standen sie da, freuten sich an den Blumen, Schmetterlingen und den Insekten. Manchmal sahen sie auch die Igelfamilie – eine richtige Grossfamilie. Der Hund war auch immer noch da und immer in der Nähe von Simon.
NUN war Philipp wieder zu Hause. Unterdessen waren die beiden Brüder bald zwanzig Jahre alt. Es gab bereits ein paar junge Frauen, die sich für Philipp interessierten. Schon seines Aussehens wegen und ausserdem war er eine überaus gute Partie. Doch er wollte sich noch etwas Zeit lassen. Da ihm die Eltern jetzt den Hof übergeben wollten, hatte er ohnehin viel anderes im Kopf.
Dann entstand doch eine ziemlich ernsthafte Beziehung und alle freuten sich mit ihm. Doch als er der jungen Frau einen Antrag machte, stellte sie ihm die Bedingung, dass Simon aus dem Haus müsse. Sie habe keine Lust, einen geistig Behinderten immer um sich herum zu haben. Er mache ihr Angst. Philipp war wie vor den Kopf geschlagen.
Er entschied sich gegen sie und für Simon. Daraufhin wollte er lange nichts mehr von einer Frau wissen. Vor allem, da ihm zugetragen wurde, dass auch andere aus der Umgebung so dachten.
EINES Morgens wollte Philipp mit einem Gespann ins nächste Dorf um einige Besorgungen zu machen. Simon, der sonst gar nicht darauf achtete, wenn Philipp wegfuhr, zappelte ganz aufgeregt herum und niemand wusste, warum.
Auf dem Nachhauseweg sah Philipp weiter vorne eine Frau, die mit einem Rucksack und einem Handwägelchen, auf dem allerlei komisches Gerät aufgebunden war, dahin marschierte. Sie trug ein Kopftuch und feste, hohe Schuhe.
Philipp hielt sein Gespann an und begann mit den Worten: "Hallo Mütterchen, wohin …" als sich die Frau umdrehte und den Kopf hob. Da sah er, dass er kein 'Mütterchen', sondern eine junge Frau in etwa seinem Alter vor sich hatte. Ohne Verlegenheit meinte er, "also, noch einmal. Guten Tag junge Frau, wohin des Weges?"
Sie streifte ihr Kopftuch ab und eine wahre Flut dunkelblonder Locken kam zum Vorschein. Und noch etwas konnte Philipp sehen. Sie hatte die genau gleiche Augenfarbe wie Simon. Sie gefiel ihm.
"Ich bin unterwegs zum Gutshof Moosbacher. Da hinten im Dorf sagte man mir, er sei ziemlich in der Nähe und dort hätte man sicher eine Unterkunft für mich. Der Gutsbesitzer sei zwar ein wenig stolz, sonst aber kein übler Bursche."
"So, so. Was wollen Sie denn da?"
"Ich habe Urlaub und möchte in der freien Natur ein paar Bilder malen. Das da", sie zeigte auf ihr Wägelchen, "sind meine Malutensilien. Und im Rucksack ist alles, was ich sonst noch so brauche. Ich könnte sogar im Freien übernachten."
"Nun gut", meinte Philipp, "doch so in der Nähe ist der Hof allerdings nicht. Auch mit dem Gespann geht es noch fast eine Stunde. Also, steigen Sie auf, ich nehme Sie mit. Ihr Zeug laden wir hinten auf. Und bis wir ankommen, könnten Sie mir noch etwas von sich erzählen. Und ich erzähle dann noch etwas von uns. So ist es kurzweiliger und ich bin ziemlich neugierig."
Auch Laura war neugierig, vor allem wollte sie wissen, was das 'uns' zu bedeuten hat.
EINEN Moment lang schwiegen sie beide, dann begann sie zu erzählen. "Nun, ich heisse Laura. Der Nachname tut nichts zur Sache. Auch der Name der Stadt, aus der ich komme, ist nicht weiter wichtig. In diesem Sommer werde ich 25. Ich bin gelernte Schriftenmalerin, selbstständig erwerbend, und als Hobby und zur Entspannung male ich Bilder. Beides mit einigem Erfolg. Und jetzt bin ich da."
Sie lächelte. Bei diesem Lächeln wurde es Philipp ganz warm ums Herz und er fragte: "Ehemann oder Freund?"
"Keines von beidem", antwortete sie. "Die meisten Männer finden meinen Beruf absonderlich, mein Hobby absonderlich und mich als Person wahrscheinlich auch. So, und nun sind Sie an der Reihe."
"Gut, ich heisse Philipp", und nach einer gewollten Pause, "Moosbacher".
"Oh", sagte sie nun überrascht und leicht erschrocken. Philipp lachte. Dann erzählte er ihr seine Geschichte und liess dabei auch Simon nicht aus, auch nicht die geheimnisvollen Träume. Sie lauschte gespannt und fasziniert. Es muss eine wunderbare Familie sein. Dann wurde Philipp wieder sachlich.
"Was Sie zuerst vielleicht am meisten interessiert, ist die Unterkunft. Nun, wir haben ein kleines Blockhäuschen mit nur einem einzigen Raum. Es ist eine Art Massenlager für höchstens vier Personen. Wir stellen es zur Verfügung für Wanderer, die sich verlaufen oder verspätet haben. Oder auch solchen, die aus einem Wandertag deren zwei machen wollen, weil sie schon einmal bei uns übernachtet haben. Auch sie sind willkommen. Es hat keinerlei Komfort, die Gesichtswäsche findet am Brunnen statt und die Toilette steht hinter dem Häuschen. Und dann, die Unterkunft ist nicht ganz umsonst."
"Ach, was das anbelangt", warf Laura ein, "gibt es sicher kein Problem. Ich habe genug Geld dabei."
"Hören Sie zuerst weiter. Jeder, der bei uns übernachten will, bekommt erst einmal zwei frisch gereinigte Säcke. Einen als Unterlage, einen zum Zudecken. Denn auch in einem heissen Sommer sind bei uns die Nächte kühl. Diese Säcke kann er sich dann selbst mit frischem Stroh füllen. So dick oder so flach wie er will."
Er dachte ein wenig nach, dann erzählte er weiter. "Bei den Mahlzeiten, die er bekommt, sitzt er am gleichen Tisch wie wir alle und es gibt keine 'Extrawurst' – es sei denn, er habe Diät. Die Mahlzeiten muss er bezahlen. Nicht mit Geld, sondern mit einer Geschichte pro Mahlzeit. Unsere Leute lieben Geschichten und das gibt ihnen viel Gesprächsstoff, wenn die Fremden wieder gegangen sind."
"Was aber ist, wenn die Fremden das nicht wollen?",
"Dann", sagte Philipp, "wird ihnen angeboten, sie mit der Kutsche gegen Bezahlung ins Dorf zu bringen. Das kommt aber sehr selten vor. Denn meistens ist es für sie wie ein Abenteuer, von dem sie dann zu Hause erzählen können. Was meinen Sie nun, könnten Sie Ihren Urlaub auf diese Weise verbringen? Im Augenblick wären Sie der einzige Gast, doch es könnte natürlich noch jemand dazu kommen."
ZUERST sagte Laura nichts und Philipp meinte schon, er müsse wieder umkehren und zurück ins Dorf fahren. Doch dann sprach sie, mit einer ganz anderen Stimme als vorher. Sie klang fast schüchtern.
"Oh ja! Etwas Schöneres kann ich mir gar nicht vorstellen. Vielen, vielen Dank. Werde ich auch Simon kennenlernen?"
"Das werden Sie. Er ist bei jeder Mahlzeit dabei und auch dann, wenn Geschichten erzählt werden."
"Ja, das dachte ich mir schon. Aber ich möchte ihn vorher kennenlernen, so von Angesicht zu Angesicht." "Nun, wenn Sie meinen…."
Philipp war nicht so ganz überzeugt davon, dass es eine gute Idee ist. Unterdessen waren sie auf dem Hof angekommen. Als er dann Laura absteigen liess und ihr Gepäck ablud, bemerkte er, wie sich das Gesinde in verschiedenen Ecken verbarg und diesem unerwarteten Ereignis zusah. Auch die Eltern spähten von der Veranda herab. Sie machten es nicht ganz so offensichtlich, aber Philipp sah es aus den Augenwinkeln heraus trotzdem.
Dann rief er: "Ich weiss, dass ihr alle da und neugierig seid und wissen möchtet, wen ich da mitgebracht habe. Also kommt hervor und zeigt Euch Laura. So heisst sie nämlich. Sie wurde im Dorf an unseren Hof verwiesen und ich habe sie unterwegs aufgeladen. Sie ist Malerin und möchte etwa zwei Wochen bei uns verbringen – und sie kennt unsere Bedingungen." Da kamen alle die Leute hervor, um Laura näher zu betrachten und auch sie bemerkten, dass sie die gleichen Augen wie Simon hat.
Nun ergriff Laura das Wort. "Ich freue mich darauf, eine Zeitlang hier verbringen zu dürfen. Philipp hat mir auf den Weg hierher viel von euch erzählt. Nennt mich einfach Laura. Auch wenn ich aus der Stadt komme, bin ich nicht besonders kompliziert und anspruchsvoll. Und ich kenne viele, viele Geschichten – Abenteuergeschichten, Märchen und Legenden."
Sie drehte sich zu Philipp um. "Darf ich nun Simon kennenlernen?" Man sah den Eltern Moosbacher und allen Bediensteten an, dass sie sich freuten. So einen Besuch hatte es auf dem Hof noch nie gegeben.
Philipp bat nun darum, die Pferde zu versorgen und Lauras Gepäck zum Blockhaus zu bringen. Dann berührte er sie ganz leicht am Arm und steuerte sie in die Richtung zu Simons kleinem Paradies. Simon hatte den Aufruhr auch bemerkt und stand beim Eingang zu seinem Garten. Aber schon vorher hatte er auf etwas gewartet, obschon er nicht wusste, worauf.
ALS Simon Philipp und Laura kommen sah, ging er ihnen entgegen, ein für Simon eigentlich untypisches Verhalten. Philipp wollte etwas sagen, doch Laura bedeutete ihm, sie sprechen zu lassen.
Sie streckte ihm nicht die Hand hin sondern sagte nur: "Guten Tag Simon, ich freue mich, Sie kennenzulernen. Ich bin Laura und darf einige Zeit im Blockhaus wohnen und werde hier in der Umgebung Bilder malen. Ich hoffe, dass ich auch Ihr Paradies einmal malen darf. Es ist wunderschön."
Simon betrachte sie lange Zeit, so dass sie schon dachte, sie hätte etwas Falsches gesagt. Dabei war er nur von ihrer Augenfarbe fasziniert, die die gleiche war wie seine eigene.
Dann kam er mit ausgestreckter Hand auf sie zu, ergriff ihre Hand, die sie ihm nun zaghaft hinhielt und sagte: "Schön, dass Sie da sind." Nur wenige Worte, aber er sagte sie mit fester, sicherer Stimme.
Die Eltern und das Gesinde, die so langsam herangeschlichen kamen, konnten nicht glauben, was sie da hörten und sahen. So etwas hat Simon noch niemals getan. Einige hatten vor Ergriffenheit sogar Tränen in den Augen. "Das freut mich", sagte Laura ganz schlicht und alle sahen, wie Simons Augen leuchteten, ja wie sein ganzes Gesicht strahlte.
LAURA zog in das Blockhaus, füllte ihre Strohsäcke und erzählte bereits nach dem Abendessen ihre erste Geschichte. Sie erzählte sie so spannend, dass ihr alle wie gebannt zuhörten. Es war eine sehr lange Geschichte, aber niemand schien müde zu sein. Simon blieb bis zum Ende der Erzählung dabei. Auch etwas, das er vorher noch niemals gemacht hatte.
So vergingen die Tage mit Arbeit, Essen und dem Erzählen von wunderschönen Geschichten. An jedem Abend begleiteten Philipp und Laura Simon zurück zu seinem Häuschen, nahmen dort noch für kurze Zeit auf einer Bank Platz und konnten sich dem Duft der vielen Blumen hingeben. Und immer, wenn sie dann aufstanden, sagte Simon: "Danke." Nur ein einziges Wort, aber es bedeutete allen sehr viel. Und nun träumte auch Laura von Simon.
Philipp machte, auf Lauras Wunsch hin, für Simon ein wie ein Halbkreis geformtes Holzschild auf zwei Pfosten. Laura bemalte es mit den Worten 'Das ist Simons Paradies'. Als Simon es sah, kam wieder das Leuchten und Strahlen über ihn und sie fühlten und sahen, dass er sehr glücklich war. Ganz leicht berührte er zuerst Lauras, dann Philipps Hand, blieb dann lange, lange Zeit vor dem Schild stehen und betrachtete es.
DA gerade Erntezeit war, half auch Laura auf dem Feld und stellte sich dabei nicht sehr geschickt an. Aber was ihr an Geschick fehlte, machte sie mit Eifer wett. Doch sie merkte schnell, dass sie den andern nur im Wege stand, auch wenn sie so höflich waren, nichts zu sagen.
Dann, beim Abendessen meinte sie: "Ich bin nicht an diese Arbeit gewöhnt und stehe euch nur im Weg herum, ich habe es selbst bemerkt. Aber – ich könnte ja kochen. Das kann ich wirklich und ich koche gut." Niemand hatte etwas dagegen einzuwenden.
Als sie am nächsten Tag das Mittagessen kochte und auf den Tisch brachte, war sie sehr gespannt auf die Reaktion. Doch alle sahen auf ihre Teller hinunter und niemand sagte etwas. Laura war enttäuscht. Hat sie sich doch so Mühe gegeben und etwas ganz Spezielles aus dem Rezeptschatz ihrer Grossmutter gekocht.
Da räusperte sich Vater Josef ein wenig verlegen und meinte: "Anna, ich möchte dir nicht zu nahe treten, aber dieses Essen ist wirklich ausgezeichnet.*
"Da gebe ich dir recht", lachte Anna, "glaubt Ihr, ich habe nicht bemerkt, mit welcher Andacht Ihr esst? Ich war nie eine gute Köchin, aber Ihr konntet ja schliesslich nicht wählen. Also, einen grossen Applaus für unsere Köchin."
Und Mutter Anna klopfte mit den Fingerknöcheln auf den Tisch und alle machten es ihr nach, sogar Simon. Dann fragte sie: "Laura, würden Sie, solange Sie da sind, noch öfters für uns kochen?" So kochte Laura jeden Tag einfache, aber schmackhafte Mahlzeiten. Anna schrieb alles auf, in der Hoffnung, sie könnte das nachkochen. Aber sie wusste selbst, dass ihr dazu die Begabung, der Eifer und vor allem die Freude am Kochen fehlte.
LAURA malte sehr viel. Sass sie an der Staffelei, war meistens irgendwo Simon in der Nähe und sah ihr von weitem zu. Oft bedeutete sie ihm näher zu kommen, doch es dauerte ein paar Tage, bis er wirklich neben ihr und der Staffelei stand. Dann sah er ihr ganz gebannt zu, wie sie Farben mischte und sie auf die Leinwand auftrug.
Einmal gab sie ihm Farben, Pinsel und eine Leinwand und sagte, er solle es doch selbst einmal probieren. Simon holte einen Korb, packte alles Material ein und nahm es mit zu seinem Häuschen. Dann sah man bis am Abend nichts mehr von ihm.
Da er auch zum Abendessen nicht auftauchte, ging Laura los, um ihn zu suchen. Da kam er ihr entgegen, mit der Leinwand in der Hand, die bemalte Seite zu sich gekehrt. Als er dann das Bild zaghaft umdrehte, war Laura überrascht von dem, was sie da sah.
Es war kein realistisches Bild, aber von einer ungeheuer gewaltigen Farbkombination. So muss sein Blumengarten von oben aussehen, dachte sie. Konnte er es sich irgendwie vorstellen? Hatte er Gaben, von denen er nicht wusste, dass sie etwas Besonderes sind? Sie sagte zu ihm: "Simon, ich bin überwältigt." Und Simon strahlte.
