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Einer internationalen Gruppe von elf Wissenschaftlern wird 1984 in Brasilien von "Predigern" der Bruderschaft "Orbinat" ein Phänomen vorgestellt. In einem ehemaligen, sehr abgeschieden gelegenen Kloster leben Menschen, die aus allen Teilen der Welt stammen und eine besondere Begabung besitzen. Sie empfangen nachts Erlebnisse fremder Menschen und verarbeiten diese im eigenen Gehirn, geradeso, als ob sie selbst diese Personen wären. Es sind unglaublich glückliche Sinneswahrnehmungen und die Probanden sind süchtig nach diesen Erlebnissen. Schnell erstellen die Wissenschaftler die Theorie, dass vermutlich sämtliche Gehirnaktivitäten aller Menschen versendet und irgendwo gespeichert werden. Die nahe liegende Vermutung, dass die gespeicherten "Daten" auch von irgendjemand oder irgendetwas abgerufen werden könnten, macht den Wissenschaftlern große Angst. Auch etwas anderes bereitet ihnen Sorgen, denn leider gibt es daneben zahllose Fremderlebnisse, die einen bösen Charakter haben, etwa die eines Vergewaltigers. Jedoch werden auch diese im Moment des Empfangs von den Probanden als sehr glücklich empfunden. Den Predigern ist dieses Phänomen bereits seit Jahrzehnten bekannt. Noch behandeln sie dieses Wissen als streng gehütetes Geheimnis. Die Befürchtung, dass diese Erkenntnis eine Massenhysterie und unzählbare Suizide auf der ganzen Welt hervorrufen könnte, hält die Prediger davon ab, an die Öffentlichkeit zu gehen. Zwei der Wissenschaftler erschießen sich tatsächlich nach der Sicherung der Erkenntnisse in der Waffenkammer des Klosters. Die Prediger wissen es danach zu verhindern, dass über die weiteren eingeladenen Wissenschaftler etwas in die Öffentlichkeit gelangt. Kit und Alec lernen sich 25 Jahre später in Deutschland durch widrige Umstände kennen. Kit, die Hure, wird von Alec aus den Fängen eines Entführers befreit. Beide, Alec und Kit, teilen ebenfalls die Veranlagung, Fremderlebnisse empfangen zu können.
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Seitenzahl: 512
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Thomas Deuschle
Traumkreuze
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Tübingen 1984
Rom – Brasilien
Porto Velho
Hannover, 1984
25 Jahre später
Südtirol
Riedingers Buch
Irland
Schottland
Deutschland
Südtirol II
Südtirol III
ANHANG
HEDONISMUS
Impressum neobooks
Thomas Deuschle
Traumkreuze
Eine spektakuläre Erkenntnis
droht die Weltordnung auf den Kopf zu stellen.
Das Orbinat,
eine geheimnisvolle Organisation,
versucht die Veröffentlichung zu verhindern.
Köpfe rollen.
Hermann Berger, der 44-jährige Anatomie-Professor an der Tübinger Universität, schwang den Reisigbesen in großem Bogen, um den Gehweg vor seinem Haus vom spätherbstlichen Laub zu befreien. Wastl, sein Rauhaardackel, ging rückwärts vor dem Besen her und versuchte jedes Mal hineinzubeißen, wenn er vorbeistrich. Er kommentierte es stets mit grimmigem Knurren. Beide, Herr und Hund, hatten großen Spaß an der abendlichen Tätigkeit.
Ein ganz in Schwarz gekleideter junger Mann stand unvermittelt vor der Gartentür seines schönen Hauses in einem Tübinger Vorort. Wastl schaute kurz irritiert, um gleich darauf mit eingezogenem Schwanz und winselnd im Garten zu verschwinden.
„Komisch“, sagte Hermann zu dem Fremden, „sonst kläfft er Fremde an oder aber er freut sich. Dass er flüchtet, kenne ich nicht an ihm.“
Der Fremde hatte einen edlen mediterranen Gesichtsschnitt. Er schaute dem Hund nach, ohne besondere Mimik, ohne Kommentar. Er wusste, dass Hunde Angst vor ihm haben.
„Darf ich kurz um Ihre Aufmerksamkeit bitten?“, fragte er Hermann freundlich.
„Bitte schön! Gehen wir ins Haus“, antwortete Hermann. „Ich kann ohnehin nicht weiterfegen, denn dies können wir beide nur im Team.“
„Danke, dass Sie mir Ihre Zeit schenken. Wir werden aber nicht lange brauchen. Auch bin ich sehr in Eile. Es geht hier. Sie dürfen sogleich weiterfegen.“
Hierbei schmunzelte der Fremde. Dann kam er mit ernster Miene rasch zur Sache:
„Sie sind unserer Organisation bekannt als eine der Koryphäen in Sachen Anatomie“, hob er an. Hermann fühlte sich geschmeichelt, obwohl er von seinem guten Ruf wohl wusste.
„Um welche Organisation handelt es sich denn? Um eine akademische?“
„Nein, das Orbinat ist am besten als klerikale Organisation zu umschreiben. Daher haben wir unseren Sitz in Vatikanstadt.“
Er sprach, dies fiel Hermann nun auf, mit leicht italienischem Akzent.
„Das Orbinat arbeitet ausschließlich an der Erforschung eines Phänomens, und wir haben das Mandat dafür von verschiedenen Weltkirchen erhalten.“
„Und Sie meinen, ich könnte Ihnen dabei helfen? Ein Phänomen, sagten Sie? Hat es mit dem menschlichen Körper zu tun?“
„Es handelt sich um ein Phänomen, das wissenschaftlich noch nicht restlos erforscht ist. Es gibt Menschen, die eine ganz außergewöhnliche Begabung haben. Eine Begabung allerdings, die der Menschheit sehr gefährlich werden könnte. Wir wissen noch zu wenig.“
„Ist es psychischer Natur? Ich bin weder Psychologe noch Mediziner. Ich bin ein Biologe, der sich mit der menschlichen Anatomie beschäftigt und angehende Ärzte schult. Sind Sie sicher, dass Sie an der richtigen Tür angeklopft haben?“
„Ganz sicher“, sagte der Schwarze. „Wir bemühen uns derzeit aber nicht nur um Sie als Partner, sondern wir möchten auch eine Reihe anderer Wissenschaftler mit ins Boot setzen. Die Anatomie ist für uns jedoch ein sehr wichtiges Element. Wir brauchen mehr Informationen darüber, wie ein Mensch funktioniert. Bis ins kleinste Detail. Und, keine Sorge, wir möchten nicht, dass Sie mitforschen. Das Orbinat möchte Sie und die anderen nur mit den Menschen mit diesem Phänomen bekannt machen. Es ist bislang völlig unveröffentlicht.“ Mit diesen Worten fasste er sich in die Innentasche seines Anzugs und zückte einen Umschlag. „Natürlich möchten wir Ihre Dienste nicht umsonst in Anspruch nehmen. Unsere Organisation ist mit einem guten Budget ausgestattet.“ Er übergab den Umschlag Hermann. „Außerdem haben wir den Termin, eine Art Workshop, auf die Winterferien der Universitäten gelegt. Wir würden uns freuen, Sie nach Weihnachten im Vatikan begrüßen zu dürfen.“
„Ist es verbunden mit einer Audienz beim Heiligen Vater?“, fragte Hermann amüsiert. Er war noch nicht bereit, das Ganze ernst zu nehmen.
„Wie gesagt, das Orbinat ist keine Einrichtung der katholischen Kirche. Vatikanstadt ist jedoch durch seine Neutralität der ideale Ort für unsere Aktivitäten. Wir haben dort eine Art Bleiberecht.“ Hermann öffnete schmunzelnd den Umschlag. Und machte große Augen. Er enthielt ein Erste-Klasse-Flugticket nach Rom, zusammen mit einem weiteren Umschlag mit 7.000 Dollar in bar. Hermanns Schmunzeln erfror.
Der Schwarzgekleidete redete ruhig weiter:
„Es ist lediglich eine Anzahlung, weitere 21.000 Dollar werden nach Teilnahme an dem Projekt folgen. Einige Tage wird es schon dauern, denn es ist eine recht komplexe Geschichte. Sie werden erstaunt sein, wenn Sie alles erfahren haben. Ich möchte noch darauf hinweisen, dass Sie aufgrund ihrer Kompetenz moralisch fast verpflichtet sind, hierbei mitzuarbeiten. Ich versichere Ihnen, nach Veröffentlichung unserer Arbeit werden Sie in der ganzen Fachwelt noch bekannter sein und in der Bevölkerung berühmt. Wenn wir veröffentlichen – Sie entscheiden mit.“
„Sie werden mir vorab doch sicherlich mehr Informationen zukommen lassen? Ich kann doch nicht einfach so ins Blaue nach Rom fahren?“
„Nein, das ganze Projekt unterliegt der höchsten Geheimhaltungsstufe. Wie sonst ist es zu erklären, dass Sie und die Welt noch nie etwas davon gehört haben?“
„Darf ich wenigstens Ihren Namen erfahren? Und bekomme ich Ihre Kontaktdaten?“
„Auch hier muss Ihnen ‚Bruder Vinzenz‘ ausreichen. Ich selbst kenne nicht einmal den profanen Namen meines Chefs. Sie erkennen Mitglieder unserer Organisation im Übrigen an dieser Anstecknadel am Revers.“ Dabei deutete er auf eine kleine, violett emaillierte, quer liegende Acht. „Wir selbst nennen uns Prediger. Dies muss als Information zunächst ausreichen. In Rom erfahren Sie alles.“
„Das Zeichen für Unendlichkeit“, murmelte Hermann, und während er noch auf das Emblem starrte, nahm er des Predigers kräftigen Händedruck zum Abschied entgegen.
„Sie brauchen sich nicht vorzubereiten“, sagte dieser beim Weggehen. „Alles, was Sie dazu beitragen können, haben Sie im Kopf. Ich werde Sie dann am römischen Flughafen erwarten.“ Hermann wollte noch etwas sagen, öffnete seinen Mund, der Fremde zeigte sich jedoch nicht bereit, sich nochmals umzudrehen, und ging zügigen Schritts davon. Wohl eine Minute staunte Hermann ihm nach, schüttelte den Kopf. Wastl watschelte vorsichtig zur Gartentür und witterte dem Fremden nach. Danach ermahnte er Hermann bellend, die Arbeit auf dem Gehweg noch zu beenden. Hermann hielt immer noch den Besen in der Hand. In der anderen den Umschlag mit dem das Schicksal bestimmenden Inhalt. Hermann wusste, dass er diese Reise ins Ungewisse antreten würde. Seit jeher waren ihm die Breaks an Feiertagen lästig, er freute sich auf eine abenteuerliche Abwechslung. Seine Familie würde Verständnis zeigen und 28.000 Dollar waren ein beachtliches Nebeneinkommen.
Vinzenz stand wie angekündigt und empfing Hermann in der Ankunftshalle des Airports in Rom. Nach einer freundlichen Begrüßung führte er ihn in die VIP-Lounge der Alitalia. „Hier ist der Treffpunkt“, sagte Vinzenz, „von dem aus es dann gemeinsam weitergeht.“ Und tatsächlich fanden sich nach und nach elf Wissenschaftler aus aller Welt ein. Alle wurden von Vinzenz an der Ankunft abgeholt und in die Lounge geleitet. Es lernten sich in den nächsten Stunden die interessantesten Menschen kennen. Keiner suchte nach einem Grund für die unorthodoxe Vorgehensweise. Alle waren von der hochkarätigen Zusammensetzung hellauf begeistert. Teilweise hatten sie auch schon voneinander gehört. Einige kannten sich aus der Vergangenheit von internationalen Kongressen her.
„Willkommen in Rom, sehr geehrte Herren!“, begann Vinzenz in dem modernen Konferenzraum, der sich im VIP-Bereich befand. Er sprach in bestem Englisch, der Sprache, die wohl jeder Wissenschaftler der Welt zu verstehen in der Lage ist. „Vermutlich werden bereits diese Minuten in die Geschichte eingehen.“ Die Wissenschaftler horchten auf. Endlich gab es mehr Informationen, so hofften sie alle.
„Wir werden gemeinsam weiterfliegen“, sprach Vinzenz in bestimmendem Tonfall weiter. „Hier in Rom ist lediglich der Sammelpunkt. In etwa einer halben Stunde besteigen wir eine Sondermaschine nach Brasilien. Dort werden Sie erwartet und in ein Phänomen eingeführt, das in der Welt viel verändern wird. Weiteres darf ich Ihnen jetzt und hier leider nicht sagen.“
„Gibt es denn nicht wenigstens ein bisschen mehr Informationen?“ Hermanns Frage klang holprig und hilflos. In allen Gesichtern stand jedoch dieselbe Frage.
„Es tut mir aufrichtig leid, aber alles, was ich Ihnen mitteilen könnte, wäre der gewaltigen Dimension der Sache nicht würdig. Warum, glauben Sie, betreiben wir diesen enormen Aufwand?“
Vinzenz schaute in jedes Antlitz, bevor er weitersprach:
„Jeder von Ihnen kann sich sofort ausklinken, wenn ihm die ganze Sache als zu abenteuerlich erscheint. Es gibt diese Chance aber auch noch in Brasilien, nachdem Sie mehr Informationen erhalten haben. Nur noch so viel – der Nachweis, dass es exterrestrisches Leben gibt, könnte nicht spektakulärer sein.“ In einer Art stiller Zustimmung begannen viele der Wissenschaftler zu nicken. Jeder Einzelne hatte einen sehr geregelten Alltagsablauf, berufliche Highlights waren selten geworden und die Forscherseelen freuten sich auf die geheimnisvolle Herausforderung.
Vinzenz sagte lächelnd: „Sie alle hatten bereits eine anstrengende Anreise bis hierher. Um Ihnen die Weiterreise angenehmer zu gestalten, bieten wir Ihnen ein bewährtes Mittel an, das Ihnen dabei hilft. Sehr wirksam, dennoch unbedenklich. Machen Sie Gebrauch davon.“
Einer der Teilnehmer, ein Medizinprofessor aus Budapest, bestätigte wohlwollend den Sinn und die Wirkungsweise dieser „Happy Pills“ und so wurden sie tatsächlich kollektiv eingenommen. Die meisten der Wissenschaftler schliefen dann den Transatlantikflug durch. Selbst bei dem Tankstopp in Casablanca öffnete kaum einer die Augen. Auf dem Aeroporto Rio de Janeiro wechselten sie zu Fuß die Maschine. Im Gänsemarsch verließen sie mit weichen Schritten die 707 und stiegen in eine 737, die nur wenige Meter entfernt stand. Auch nach dem Weiterflug nach Porto Velho sahen sie kein Abfertigungsgebäude. Raus aus der 737, rein in die bereitstehende Bell UH 1B. Dieser Militärhubschrauber war zwar nur für neun Personen zugelassen, es passten dennoch alle elf Männer hinein. Der Fülligste unter ihnen, ein Theologieprofessor, nahm auf dem Sitz des zweiten Piloten Platz. Zwei Stunden später landete die Bell im Areal eines Klosters. Die Passagiere sahen während des Fluges nur Grün, soweit das Auge reichte.
Völlig verschwitzt verließen sie den Helikopter und hofften auf eine Dusche. Manche von ihnen, unter anderem Hermann, hatten mehr als zwei Tage in denselben Kleidern verbracht.
„Ich habe fast vergessen, wie die Spezies Mensch riechen kann“, meinte einer lakonisch. Erleichtertes Lachen um ihn herum. Die Männer waren über alle Maßen erschöpft, aber dennoch glücklich, endlich am Ziel zu sein.
„Ihr Gepäck wird in den nächsten Stunden hier eintreffen“, empfing sie ein schwarz gekleideter Prediger überaus freundlich. Auch er trug, hier im fernen Südamerika, das Emblem des Orbinats. „Jeder von Ihnen erhält eine Zelle, bitte verzeihen Sie diesen Terminus. Bitte haben Sie auch dafür Verständnis, dass die Türen nicht abzuschließen sind, es gibt in der gesamten Klosteranlage nur einen einzigen Schlüssel. Den für die Hauptpforte.− Wir haben Ihnen bequeme Trainingsanzüge bereitgelegt“, fuhr der Schwarzgekleidete fort. „Sie finden sie in allen Größen in den Umkleidekabinen neben den Duschräumen. Auch für die Körperpflege steht alles bereit. Wir werden uns heute Abend nach dem Nachtmahl in der Kapelle zusammenfinden, um den Ablauf des Projektes zu besprechen. In Ihren Zellen finden Sie derweil Obst, Gebäck und Getränke. Bitte stellen Sie alle Ihre Uhren auf Ortszeit: 02:37 p.m.“
Wie sich schon in der VIP-Lounge der Alitalia in Rom in ersten Gesprächen der Wissenschaftler untereinander herausgestellt hatte, waren auch einige Männer angesprochen worden, die sich mit Dingen beschäftigen, die irgendwie mit dem Tod zu tun haben oder mit der Phase nach dem Tod. So etwa Professor Dr. Ernesto Ferreira aus Lissabon. Er hat eine interessante Studie veröffentlicht: In der Sekunde ihres Todes verlieren Menschen unvermittelt bis zu sechs Gramm an Gewicht. Mittels einer höchst komplizierten Wiegemethode wies er dies eindeutig nach. Eine Erklärung für den spontanen Gewichtsverlust in der Sekunde des Todes liefern seine Ausarbeitungen allerdings nicht. Es gab daraufhin jedoch eine durchaus nachvollziehbare Reaktion aus allen Ecken der gläubigen Welt, und hier waren auch Moslems und Hindi dabei. Diese Tatsache sei der eindeutige Beweis für die Existenz der Seele. Alle Lager nahmen diese Erkenntnis äußerst dankbar entgegen. Ferreira selbst hielt sich jedoch tapfer mit Interpretationen zurück. Auch hier, im tiefen Brasilien, ließ er sich nicht auf Spekulationen ein.
Bruder Vinzenz hatte im Laufe der vergangenen Wochen sämtliche Teilnehmer für dieses Projekt akquiriert, wie sich in Gesprächen zeigte. Stets war er nach demselben Schema vorgegangen. Ganz so verschlossen wie bei Hermann hatte sich Vinzenz bei dem einen oder anderen der zukünftigen Forschergruppe jedoch nicht gezeigt. Einige wussten daher bereits etwas mehr über das Projekt. Vermutlich hätten diese konsequent die Teilnahme verweigert, wenn nicht mehr Informationen im Vorfeld geflossen wären. Jenen hatte Vinzenz dann wohl ansatzweise den fantastischen Grund erklärt. Es ginge um Erlebnisberichte verschiedener Menschen, welche glaubwürdig Nahtoderfahrung darstellen würden. Tatsächlich, dies musste sich Hermann eingestehen, hätte er sich gerade nicht bereit erklärt teilzunehmen, wenn dies als Thema genannt worden wäre. Zu Nahtoderlebnissen hatte er nicht den geringsten Bezug. Hermann war im Nachhinein verwundert, wie einfach Vinzenz es mit ihm gehabt hatte. Dieser Prediger konnte offenbar in Sekundenbruchteilen seine Mitmenschen einordnen. Sofort wusste er, wie viele Informationen gegeben werden müssen − oder wie viele eben nicht −, damit sein Ansprechpartner „Ja“ sagte. Nun fragte sich Hermann ernsthaft, warum er hier war, harrte aber gespannt der Dinge, die da folgen sollen. Wie alle anderen Teilnehmer ebenfalls. Keiner sorgte sich, denn es waren so bekannte Wissenschaftler dabei, dass bei keinem Argwohn aufkam. Nur pure Spannung.
Am Abend erfuhren sie mehr. Die Kapelle der Klosteranlage bot ausreichend Platz für alle Männer der Gruppe. In der vordersten Reihe saßen mehrere schwarz gekleidete Prediger, die sich dadurch alle irgendwie ähnlich waren. Wie Mönche sahen sie allerdings nicht aus, und später wurde auch über das Kloster, das so weit vom Schuss lag, aufgeklärt. Es war gar kein aktives Kloster mehr. Als Zisterzienserkloster gegründet, zog der Orden nach einem Raubüberfall alle Mönche ab. Es hatte zwar kein Gemetzel gegeben, alles ging schnell, aber keiner der Mönche wollte mehr dort verbleiben. So entschloss sich die katholische Kirche, hier offiziell eine Art Seminarkloster einzurichten. Sie nannten es Predigerseminar. Angehende Pastoren konnten sich in Rhetorik, Psychologie und Gesang üben. Offiziell! Tatsächlich ist es aber ein Ort, um Untersuchungen an einem Phänomen zu betreiben. In Abgeschiedenheit. Hermann fiel nun auf, dass es in der Kapelle keine einzige christliche Abbildung gab. Kein Kreuz, keinen Jesus, keine Mutter Maria – nicht einmal irgendeinen Heiligen – nichts. Er machte sich aber keine weiteren Gedanken darüber und auch nicht darüber, dass die Prediger absolut nichts Klerikales an sich hatten. Gekleidet in ihre schwarzen Anzüge, wirkten sie eher wie eine Bruderschaft, den Freimaurern nicht unähnlich. Auch die Rhetorik der Prediger war eher weltlich. Fast war er darüber erleichtert. Zum Glauben hatte er stets ein gespanntes Verhältnis gehabt.
Ein älterer, bereits weißhaariger Prediger löste sich sehr sportlich und geschmeidig aus seinem Stuhl. In feinstem Amerikanisch-Englisch begann er mit seiner Begrüßungsrede:
„Herzlich willkommen, meine sehr geehrten Herren, im brasilianischen Dschungel. Mein Name ist Bruder Paul, Familiennamen gibt es hier draußen nicht. Ich hoffe, Sie alle hatten eine angenehme Anreise und wir danken Ihnen, dass Sie vollzählig gekommen sind.“ Der Weißhaarige hatte eine sehr kräftige Stimme, die die Kapelle, dank ausgeklügelter Bauweise der Kreuzgewölbe, bis in den letzten Winkel ausfüllte.
„Sie werden sich wundern über die Geheimnistuerei. Haben Sie aber bitte Verständnis dafür, dass dieses gesamte Projekt äußerster Geheimhaltung unterliegt. Wir müssen deshalb auch darauf bestehen, dass niemand von Ihnen auch nur ein Sterbenswörtchen nach draußen verliert. Zumindest noch nicht. Sie werden daher Telefone oder Telex-Einrichtungen hier vergeblich suchen.“ Ein Raunen ging durch die Männerschar. Paul blickte einen nach dem anderen an, sprach dann sehr leise weiter, als ob die Wände Ohren hätten: „Wir arbeiten an der Erforschung eines Phänomens, dessen Bekanntmachung die Welt aus den Angeln zu heben in der Lage sein wird. Die Menschen müssen jedoch reif dafür sein.“ Wieder ruhte seine Stimme für Sekunden. Absolute Stille im Auditorium. „Dieses mit zu entscheiden und mit zu steuern, ist ab heute für die nächsten Tage Ihre Aufgabe. Nicht wir stellen diese Aufgabe, nein, es ist die gesamte Menschheit, sie weiß nur noch nichts davon. Wir möchten Sie bitten, an der Beurteilung dieses Phänomens mitzuwirken. So war Ihr Briefing ja von Anfang an. Sie sind alle freiwillig hier und haben natürlich auch die Möglichkeit, auszusteigen. Aber nur jetzt, in diesem Moment, bevor weitere Informationen fließen. Wer nicht mitarbeiten möchte, muss in einer Viertelstunde den Heli besteigen und wieder nach Hause zurückkehren. Die Anzahlung darf behalten werden, es folgt jedoch dann keine weitere Zahlung. Wer von Ihnen also aussteigen möchte, erhebe sich bitte und verlasse die Kapelle. Wer von Ihnen jedoch alles über das Phänomen erfahren will, der bleibe hier und entscheide mit.“ Keiner der Wissenschaftler stand auf. Der sichere Verlust der Restzahlung hielt wohl alle davon ab, das Spiel nicht weiterzuspielen. Sie saßen wie erstarrt in den Kirchenbänken und warteten, seltsam erregt, auf weitere Ausführungen von Bruder Paul. „Wenn der Helikopter das Kloster verlassen hat, gibt es die nächsten sieben Tage für keinen von Ihnen ein Zurück. Dies hat rein logistische Gründe, denn erst dann steht uns der Hubschrauber wieder zur Verfügung.“ Immer noch keine Regung, von niemandem. Paul sprach ruhig und leise weiter: „Ich stelle also erfreut und beruhigt fest, dass alle dabei sein werden. So kann ich gleich mit Ihnen zusammen tiefer eindringen in das Thema. Gestatten Sie mir zuvor, dass ich kurz den Piloten in Marsch setze.“
Einer der Prediger erhob sich und verließ die Kapelle. Bereits einige Minuten später vernahmen alle das typische Geschnatter der startenden Bell. Erst nachdem der Hubschrauber kaum noch zu hören war, fuhr Paul fort: „Sie alle werden in den nächsten Tagen dieses Phänomen kennenlernen. Bislang ist es nur dem Orbinat bekannt. Es geht um Sinneswahrnehmungen der ganz besonderen Art. Wir haben einige Probanden, männliche und weibliche, junge und alte, die über eine spezielle Begabung verfügen. Es sind Menschen, die in ihrer Schlafphase die Gehirnaktivitäten anderer Menschen wahrnehmen, und dies in einer Art, die als absolut realitätsgetreu zu bezeichnen ist.“
Nach einer rhetorischen Pause fuhr er fort: „Nun hätten wir natürlich diese neuen Erkenntnisse einfach der wissenschaftlichen Welt mitteilen können. Je tiefer wir jedoch alles recherchierten, desto unsicherer wurden wir, wie wohl die Menschheit diese Tatsache aufnehmen werde. Genauer: Wir befürchteten − und wir tun dies aktuell immer noch −, dass eine Suizidwelle über den gesamten Planeten schwappt, weil dieses Phänomen Todessehnsüchte zu wecken in der Lage ist. Man kann von Gottes Fügung sprechen, dass gerade katholische Kleriker die besonderen Fähigkeiten dieser Menschen entdeckt haben, denn der katholische Glaube akzeptiert keine Selbstmörder, wie Sie sicherlich wissen. Seit Generationen predigen sie, dass der Selbstmörder nach seinem Tod eine lange Zeit der kalten und grauen Orientierungslosigkeit ertragen muss, bevor er das ewige und selige Dasein erreicht.“
Wieder entstand eine längere Pause und Paul nahm einen kräftigen Schluck aus einem Becher. Die Männer verharrten derweil in atemloser Stille. Der Weißhaarige setzte seine Rede fort: „Es ist nicht so, dass unsere Probanden nur Erlebnisse bestimmter Menschen empfangen können, jene direkter Nachbarn zum Beispiel. Nein, mit der allgemeinen Vorstellung von Telepathie hat dieses Phänomen nichts zu tun, sie empfangen nämlich auch Erlebnisse, die manchmal Tausende von Kilometern entfernt stattgefunden haben. Alle Erlebnisse − wir sprechen bewusst nicht von Träumen − zeichnen sich ohne Ausnahme dadurch aus, dass sie in den Probanden stets ein heftiges Glücksgefühl auslösen. Die meisten sind geradezu süchtig nach diesen Fremderlebnissen geworden.“
Mit allen Sinnen nahmen die Wissenschaftler die Informationen auf. Wie gebannt saßen sie in der kleinen Kapelle, lauschten Bruder Pauls Ausführungen und vergaßen die Strapazen der Anreise völlig. Paul teilte ja auch ganz Außergewöhnliches mit. Dinge, die tatsächlich keiner der Wissenschaftler jemals zuvor gehört hatte. Paul fuhr fort:
„Und nicht nur, dass die Originalerlebnisse in großer Entfernung stattfinden, sie liegen auch häufig eine lange Zeit zurück. Mit anderen Worten: Unsere Probanden erleben in ihren Gehirnen während des Schlafes Erlebnisse in Körpern anderer Menschen, die weit weg und teilweise in der Vergangenheit stattfanden. Manchmal Jahre in der Vergangenheit. Und um es nochmals zu wiederholen: Sie träumen nicht – sie erleben real als andere Menschen. Als ob sie in deren Körper steckten. Wir haben in der Vergangenheit natürlich genauestens recherchiert und zweifelsfrei einige Fälle nachvollzogen, sodass wir nach dem aktuellen Stand der Kenntnis davon ausgehen können, dass viele, möglicherweise sogar alle Menschen auf der Erde, ihre Gehirnaktivitäten in gewisser Weise ausstrahlen. Zumindest die Glücksmomente, denn nur diese wurden wieder empfangen. Und weil sie zeitversetzt empfangen werden können, müssen diese natürlich auch irgendwo und irgendwie gespeichert werden.“
Bruder Paul machte eine lange Pause, damit sich die erste Informationsladung zunächst setzen konnte. Hermann spürte, wie ein Prickeln seinen ganzen Körper durchlief.
Hätte er von diesem Phänomen am Biertisch gehört, er hätte geschmunzelt über so viel Phantasie. Hier jedoch sprach alles dafür, dass es um etwas ganz Großes, Neues, Besonderes ging.
Paul winkte einen der Prediger zu sich. „Ich möchte Ihnen Bruder Benedikt vorstellen. Er sitzt in der klösterlichen Schreibstube und ist stets für Sie und Ihre Wünsche da. Bruder Benedikt spricht viele Sprachen fließend.“
Es löste sich ein junger Mann aus den Reihen der Prediger, positionierte sich neben Paul. In der Kapelle war es so still, dass jeder seinen eigenen Herzschlag zu hören glaubte.
Bruder Benedikt sprach mit heller Stimme: „Die Probanden empfangen jedoch nicht überall. Hier im Kloster tun sie es. Auch sind uns einige andere Stellen in der ganzen Welt bekannt, wo es funktioniert. Bezeichnenderweise sind es auch dort oft Klöster, Sakralbauten und Refugien von Mönchen. Vielleicht haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, warum Klosteranlagen bereits im frühen Mittelalter an Stellen entstanden sind, an denen das Leben fast unmöglich ist? Unwirtliche und abgelegene Orte sind dabei, karge Eilande oder, wie hier, mitten im gefährlichen Dschungel, wo man ständig in Gefahr ist, von einer giftigen Schlange gebissen zu werden.“ Benedikt zog einige Fotografien aus einer Mappe und hielt eine davon in die Höhe. „Sie sehen einen keltischen Steinkreis, der Ihnen bekannt sein dürfte: Stonehenge in England. Es ist der berühmteste seiner Art. Wenige wissen, dass es Hunderte von diesen Steinkreisen gab, verteilt in ganz Europa, von Irland bis Israel und von Schweden bis Spanien. Sie sind älter als die Pyramiden und geben der modernen Menschheit viel Raum für Rätsel und Spekulationen. Um es abzukürzen: Wir haben Probanden dort in die Nachtruhe gelegt und, daher erwähne ich es, herausgefunden, dass auch dort empfangen werden kann. Besser gesagt: Die Steinkreise sind vermutlich deshalb an diesen Stellen entstanden, weil dort empfangen werden konnte. Bereits in der Jungsteinzeit, vor vier- oder fünftausend Jahren also, waren Menschen in der Lage, Glücksmomente anderer in ihren eigenen Gehirnen zu verarbeiten. Mit unserer Erkenntnis wäre es also auch zu Ende mit dem Rätsel, warum diese Kolosse gebaut wurden.“
Benedikt hielt weitere Fotos in die Höhe.
„Empfangserfolge hatten wir zum Beispiel im irischen Kloster Glendalough und im schottischen Steinkreis Callanish. Uns sind Dutzende Stellen bekannt in aller Welt.“
Eine Aufnahme nach der anderen hob er empor und nannte den Namen des Ortes. Viele hörte Hermann zum ersten Mal, vor allem jene in Asien und Osteuropa.
„Wir müssten nun, um weitere Empfangsorte zu finden, gezielt unsere Probanden zum Schlafen in alle Welt schicken, hierfür scheinen sie uns jedoch nicht mehr geeignet. Bedingt durch die Schlafempfänge, die ja ebenso realistisch wie ihr eigenes Leben sind, befinden sich die meisten von ihnen in einem Zustand völliger Desorientierung. Manche kennen gar ihren eigenen Namen nicht mehr, sondern benennen sich allmorgendlich anders. Bezeichnend ist auch die Tatsache, dass viele von ihnen gerne dem anderen Geschlecht angehören wollen, weil sie ja nicht nur Empfänge des eigenen Geschlechts empfangen. Männer schlüpfen oft in Frauenkörper – und natürlich auch andersherum. Mehr darüber in den nächsten Tagen.“
Bruder Paul übernahm wieder die weiteren Ausführungen: „Es kann also davon ausgegangen werden, dass dieses Phänomen bereits seit Bestehen der Menschheit existiert. Ausschließlich das Orbinat forscht daran. Es waren einige Beichtväter der katholischen Kirche, die zuerst von dieser außergewöhnlichen Begabung erfuhren, denn in ihrer verständlichen Verwirrtheit bewerteten die Erlebnisempfänger das Empfangene oftmals als eine Sünde. So beichteten junge Mädchen ihrem Priester, dass sie in der Nacht als Mann eine Frau vergewaltigten und dabei in höchstes Glück versetzt wurden. Andere beichteten, dass sie in einem fernen Land einen Diebstahl begangen hatten, der sie im Anschluss daran in helle Freude über das Gestohlene versetzte. Priester tauschten sich in Foren aus und so stellte sich heraus, dass diese Art der Beichte die Pastoren insbesondere von Gläubigen erhielten, die in unmittelbarer Nähe solcher Klöster lebten. Aus nachvollziehbaren Gründen hatten die Erlebnisempfänger Skrupel, sich ihrem Umfeld anzuvertrauen. Einem Beichtvater durfte jedoch so ein Fremderlebnis en dètail erzählt werden – schließlich gab es ja das Beichtgeheimnis. Außerdem fühlten sich die Beichtenden befreit, wenn sie einige Ave-Maria und Vaterunser auferlegt bekamen. Nicht alle genossen die nächtlichen Empfänge. Vielen machten sie Angst. Die meisten hielten sich sogar für verrückt. Manche wurden es gar. Diese Menschen mit Empfangsbegabung sind nahezu alle, in allen Kulturen, sozial ausgeschlossen. So ist es zu erklären, dass die meisten von ihnen sich mit Erzählungen über Empfänge zurückhalten, um nicht irgendwann in einer geschlossenen Heilanstalt zu landen.“
Einer der Teilnehmer meldete sich zu Wort: „Darf ich fragen, warum nunmehr das Geheimnis Wissenschaftlern aus der ganzen Welt erzählt wird? Dies schließt doch eine Geheimhaltung in Zukunft aus?“
Bruder Paul antwortete besonnen: „Wir sind der Meinung, dass nunmehr der Zeitpunkt gekommen ist, in großer und kompetenter Runde darüber zu diskutieren, ob dieses Phänomen der Welt mitgeteilt werden muss, und wenn ja, auf welche Weise es erfolgen soll. Wir brauchen nicht darüber zu diskutieren, ob es tatsächlich existiert. Es tut es. Sie werden sich in den nächsten Tagen überzeugen können. Wie von Anfang an gesagt, erwarten wir von Ihnen aber keine Tiefenforschung. Wir werden darüber sprechen, was mit der Welt passiert, wenn es bekannt wird. Wenn wir mit dieser Erkenntnis nach draußen gehen, wird uns die Welt Glauben schenken müssen. Gerade weil Sie, als anerkannte Wissenschaftler, mit im Boot sind.“
„Noch etwas Wichtiges“, meldete sich Benedikt wieder zu Wort, „die Begabung, zu empfangen, ist vererblich. Sie muss daher etwas mit dem Erbgut zu tun haben. Mit der DNA. Vielleicht weiß Teilnehmer Hermann Berger hier etwas mehr darüber? Unserer Information nach beschäftigt er sich intensiv mit der Erforschung der DNA-Spirale. Welches Chromosom für die Empfänge verantwortlich sein könnte, wird aber auch für ihn ein Rätsel sein.“
Dabei schaute er Hermann an, als ob er eine Bestätigung erwartete. Hermann war zwar ein Kenner der Vererbungsgesetze, die Schriften von Darwin und Mendel kannte er fast auswendig, auch war er mit dabei, als vor etwa zehn Jahren die Doppelhelix der molekularen Genstränge zum ersten Male geteilt und analysiert wurde, wusste aber wohl, dass die Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes noch in ferner Zukunft lag. Er nickte daher nur unsicher.
Paul sagte: „Eines ist auch uns noch ein großes Rätsel: Wie die Speicherung erfolgt und wie sich diese Massen an Informationen irgendwo im Nirwana aufhalten können. Wir haben nicht einmal eine vage Idee. Vielleicht haben Sie eine?“
Er schaute mit stahlblauem Blick jedem Einzelnen in die Augen.
Nach diesem Abend fragten sich die Wissenschaftler nicht mehr, weshalb sie hier waren. Die Untersuchung der Fremderlebnisse der sieben Probanden sollte nach intensiver Vorarbeit durch die Prediger zu einer empirisch-wissenschaftlichen Untersuchung mit internationaler Besetzung werden. Und plötzlich freuten sich alle Beteiligten auf die Aufgabe und den zwangsläufig folgenden Ruhm. Es sollte jedoch ganz anders kommen.
Die Probanden lebten in bescheidenen Häuschen, die zur Klosteranlage gehörten. Insgesamt standen sieben Personen, jede unterschiedlich im Naturell, zur Verfügung. Auch sie waren auf ähnliche Weise zusammengerufen worden wie die Wissenschaftler. Sie wurden von den Predigern besucht und überredet, an einer Studie teilzunehmen. Die Familie erhielt einen Batzen Geld − und sie war von den „Träumern“ befreit, die nur die Familienharmonie belasteten. Sie alle hatten im Familienverband eine besondere, eine wertlose Stellung gehabt und waren meist zu kaum etwas zu gebrauchen gewesen. Man gab sie allesamt gerne den Predigern zu Forschungszwecken mit.
Die Probanden hatten keine andere Aufgabe im Kloster, als am Morgen, jeweils in ihrer Muttersprache, über ihre Empfänge zu berichten. Ausgewählte Beichtväter in Europa hatten die Probanden zugeführt. Bewusst hatte sich Paul für ungebildete Menschen entschieden, denn diese gingen völlig unbedarft mit ihrem sonderbaren Talent um. Auch hinterfragten sie die Forschungsarbeit nicht oder nur wenig. Sie waren glücklich, Arbeit und ein Dach über dem Kopf zu haben. Sie erhielten für völlig stressfreies Arbeiten bei freier Kost und Logis sogar ein geringes Salär. Und die Probanden waren unter sich, in einem Umfeld also, in dem sie keiner als Verrückte bezeichnete.
Bruder Paul hatte über Jahre hinweg die Berichte der Probanden mit einem Tonbandgerät dokumentiert. Unter Zuhilfenahme des weltumspannenden Netzwerkes an katholischen Geistlichen wurden die Erlebnisse genauestens recherchiert. In einigen Fällen konnte auf diese Weise zweifelsfrei nachgewiesen werden, dass ein nächtliches Fremderlebnis des einen oder anderen Probanden tatsächlich von einem Menschen bereits gelebt wurde. Die simple Schlussfolgerung daraus war die Erkenntnis, dass der Mensch seine Gehirnaktivitäten zwangsläufig versendet, zumindest die glücklichen, und dass sich diese Daten dann über einen gewissen Zeitraum im Nirgendwo befinden. Warum und wie dies passiert, blieb unklar. Die Prediger waren sich jedoch sicher, dass diese Vorgänge etwas mit Gott zu tun haben mussten. Sie mutmaßten, dass die Erlebnisse von jenem Gott, der ja bekanntlich alles weiß, aufgegriffen und irgendwie verwertet werden konnten.
Weshalb nun gerade jene Probanden die Fähigkeit hatten, diese Gedankenströme aufzunehmen und im eigenen Gehirn real wieder zu erleben – darüber zerbrachen sich alle noch den Kopf. Auch wurde gerätselt, warum es nur außergewöhnlich glückliche Erlebnisse waren, die im Schlaf durchlebt wurden. In keinem Fall empfingen sie Unangenehmes. Häufig waren es erotische Empfänge. Die Probanden erlebten leidenschaftlich-glückliches Liebesspiel. Es gab aber auch glücklich-brutale, glücklich-hämische und glücklich-schadenfreudige Empfänge.
Die meisten der Probanden zeigten häufig schizophrene Krankheitsbilder und werden in ihrem familiären Umfeld darauf behandelt. Wer bereits als Kind unbedarft von Out-of-Body-Erlebnissen berichtet, wird als psychisch krank und unnormal angesehen. Sie zeichnen sich alle als Menschen aus, die ein äußerst geringes Interesse an materiellen Werten zeigen. Alle wollen am liebsten bis an ihr seliges Ende in der Plantage leichte Arbeiten verrichten, vorausgesetzt natürlich, sie dürfen weiterhin in der Klosteranlage wohnen und des Nachts Fremderleben. Es schien verbunden mit ganz ordentlichem Suchtpotenzial. Die Regel war, dass sie enttäuscht in ihren eigenen Körpern erwachten und stets danach strebten, schnellstmöglich wieder schlafen zu dürfen. So hatte sich bei den meisten ein seltsamer Schlaf-Wach-Rhythmus entwickelt. Etwa zwei Stunden schliefen sie und vier Stunden waren sie wach, und zwar jeden Tag über 24 Stunden verteilt.
Paul beschrieb einige der Empfänge der Probanden. Sie erzählten von harmonischen Liebesabenteuern bis hin zu bombastischen Erfolgsmomenten bei Sportereignissen und Bühnenauftritten. Diese waren am einfachsten zu recherchieren, weil sie öffentlich waren. Es hätte zum Schluss keinen Zweifel mehr darüber gegeben, dass alle Empfänge der Probanden tatsächlich von anderen Menschen vorher erlebt wurden. Keiner der Probanden hatte je etwas Belangloses empfangen. Nur pralles Glück.
„Ab morgen werden Sie tiefen Einblick erhalten in diese Abnormität“, sagte Bruder Paul. „Seien Sie gespannt!“ Er schloss seinen Vortrag mit einem Lächeln.
Porto Velho, Aeroporto, 23:30 Uhr. Die Sommersonne war längst hinter dem Horizont verschwunden, doch immer noch lag brütende Hitze über dem Rollfeld. Die verbliebenen neun der ehemals elf Wissenschaftler saßen in der sehr betagten Caravelle und warteten. Alle werden in Rio de Janeiro Anschlussflüge buchen müssen, um wieder nach Hause zu gelangen.
Die Maschine war bis zum Überlauf vollgetankt, denn die etwa 2.600 Flugkilometer bis nach Rio lagen nur unwesentlich unterhalb der Reichweite. Das Flugzeug gehörte keiner Fluglinie an. Zumindest war außer einem blauen Streifen nichts am Rumpf der Maschine erkennbar, was auf eine Airline hätte schließen lassen. Unmittelbar nach dem Boarding hatte sich die riesige Lade, die am Hinterteil der silbrig glänzenden Maschine als Gangway diente, geschlossen.
„Ich bin noch nie über das Arschloch in einen Flieger eingestiegen“, hatte einer der Männer beim Zusteigen mit gepresstem Humor von sich gegeben, das Lachen der anderen war jedoch eher verhalten.
Nachdem die integrierte Gangway verriegelt war, konnten von außen kaum noch Geräusche wahrgenommen werden. Die Männer fanden sich hermetisch abgeschirmt.
Die neun waren die einzigen Fluggäste. Die Freude auf die Heimkehr paarte sich mit einem widerlichen Gefühl der Angst. Seltsame Dinge hatten sich in den letzten Tagen ereignet. Sie lagen als schwere Last auf den Gemütern der Wissenschaftler. Verdrängungsmechanismen funktionierten nicht, jeder war mit seinen Gedanken ausschließlich mit dem Ablauf des Projektes beschäftigt, das einen so ungewöhnlichen und bedrohlichen Ausgang genommen hatte.
Alle setzten sich erstaunlicherweise eng zusammen, ganz nach vorne, hinter das offene, noch unbesetzte Cockpit. Jeder Einzelne hätte zwei nebeneinander befindliche Sitze wählen dürfen, um komfortabel schlafen zu können. An Schlaf dachte noch niemand, obwohl alle recht erschöpft waren. Diese komische Angst versetzte sie in eine Unruhe, alle waren hellwach, keiner jedoch ließ sich etwas anmerken oder sprach es gar aus. Nur Hermann Berger entschied sich für einen Platz weit hinten im Flieger. Er hatte, wie alle anderen auch, den Koffer mit in die Kabine genommen. Platz gab es ja genug. Die beiden unattraktiven Stewardessen, beide in schlichtem Blau gekleidet, saßen teilnahmslos in der Mitte der Maschine, eine links und eine rechts vom Gang, und wechselten nur selten einige leise Sätze in Portugiesisch.
Kaum einer der Wissenschaftler sprach. Sie waren völlig ausgepowert, zu viel musste die Gruppe in der Zeit des Aufenthalts verarbeiten. Von den Wissenschaftlern fehlten zwei. Die beiden hatten sich kollektiv das Leben genommen. Mit einem Jagdgewehr. Sie hatten sich zu diesem Zweck in der Waffenkammer des Klosters getroffen. Das Kloster ohne Schlösser und Schlüssel – da sieht man mal. Die restlichen neun Männer hätten möglicherweise von diesem Vorfall nichts mitbekommen, hätte sich nicht einer der Selbstmörder zuvor beim Nachtmahl Hermann vage mitgeteilt. Und natürlich waren die Schüsse zu hören, in kurzem Abstand fielen zwei Stück. Das war letzte Woche Dienstag. Danach wollte jeder nur noch nach Hause. Sicherlich hätte der eine oder andere versucht, auf eigene Faust das Kloster zu verlassen, aber hinter der massiven, mit Stacheldraht bewehrten Mauer, welche die Klosteranlage fest umschloss, gab es nur Dschungel, Sümpfe und Kautschukbäume. Natürlich gäbe es auch wilde Tiere und giftige Ottern zuhauf, die einen Marsch in die nächste Urbanisation lebensgefährlich werden ließen, wie die Prediger mit drohendem Blick immer sagten. Keiner wollte mehr an diesem Projekt teilhaben. Bruder Paul gab daher den Auftrag, die Rückreise für alle Teilnehmer zu organisieren.
Die zwei Leichen waren vermutlich mit an Bord. Vermutlich – denn gesehen hat die Toten keiner. Der Anblick wäre auch unsäglich gewesen.
Vor den grün lackierten Waffenschränken hatten sie sich in den Mund geschossen. Mit einer Winchester 308, einer Jagdwaffe. Zuvor hatten sie noch den Lauf mit Wasser gefüllt. Die Hirne der Selbstmörder hatten sich in der grauen und fensterlosen Waffenkammer verteilt. Die zwei wollten definitiv gehen. Wer wohl den ersten Schuss abgab? War es der Priester aus Belgien oder war es der Arzt aus Budapest?
Ebendieser Arzt hatte sich Hermann mitgeteilt und seinen Suizid angekündigt. Hermann hatte nicht versucht, ihn davon abzuhalten. Vor einer Woche noch hätte er es wohl mit allen Überredungskünsten versucht, aber jetzt, als er alles wusste, kam es ihm nicht in den Sinn. Alle gaben sich in Gedanken irgendwie der Zeit nach dem Tod hin. Aus neuer Perspektive. Die Männer der Gruppe wussten genau, was die beiden in den Freitod getrieben hatte. Die Aussicht auf eine herrliche Zeit nach dem Leben. Beide hatten nichts auf der Welt zu verlieren gehabt: Der Priester litt unheilbar an Krebs, der Arzt hatte seine geliebte Frau durch einen Unfall verloren und wollte zu ihr. Die zwei zogen daher den schnellen Freitod vor. Und es war so einfach gewesen, da die Waffenkammer offen stand.
Die Teilnehmer hatten in den letzten Wochen Unfassbares verarbeiten müssen. Etwas, das die Weltordnung auf den Kopf stellen wird.
Es waren sich alle sicher: Die Welt wird schon in wenigen Tagen eine völlig andere sein. Wenn neun hoch anerkannte Wissenschaftler weltweit mit revolutionär neuen Erkenntnissen über ein Leben nach dem Tod an die Öffentlichkeit gehen, bleibt dies nicht ungehört. Die Welt wird die Ergebnisse erfahren − und alles wird sich verändern! Alles!
Über eines waren sich die Wissenschaftler jedoch ebenfalls einig: Nach Veröffentlichung der Erkenntnisse wird die Anzahl der Selbstmörder weltweit nach oben schnellen. Eine Todessehnsucht wird insbesondere jene treiben, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, oder eben jene, die denken, dass sie sich in dieser Situation befinden. Die zwei, die nicht mehr nach Hause wollten, sondern den Freitod wählten, waren das beste Beispiel dafür.
Fast wie in Trance richteten die Wartenden ihren Blick stur auf die Kopfstütze des Vordersitzes. Wenn es nur endlich losginge! Wo bleiben die Piloten? Wie würden bei dieser Hitze die Leichname im Gepäckraum durchhalten? Auf der nördlichen Halbkugel war tiefster Winter. Die Männer der Forschergruppe hatten allesamt den Jahreswechsel in diesem abgelegenen Kloster verbracht. Ohne jeden Kontakt zur Außenwelt.
Schlimmer noch war, dass keiner der Teilnehmer in den vergangenen Tagen irgendein Signal nach Hause senden konnte. Das Kloster hatte tatsächlich keinerlei Kommunikationseinrichtungen geboten, und wieder mussten sie auf dem Flughafen von Porto Velho vom Hubschrauber direkt in die Caravelle steigen. Dass keiner ihrer Angehörigen und Freunde etwas von diesem Aufenthaltsort hier wusste, empfanden alle als unerträglich. Keiner hatte irgendjemand mitteilen können, dass sie von Rom aus mit einer Maschine über den großen Teich nach Rio de Janeiro verbracht worden waren. Sie hatten zu Hause ja nur vom Ziel Vatikanstadt berichten können, also wurden sie auch nur dort gesucht. Als die eine oder andere besorgte Ehefrau nach Tagen versuchte, die Spuren ihres Mannes nachzuvollziehen, hörten diese im Airport Rom auf. Im Vatikan war keiner der Vermissten angekommen. Auf der Passagierliste des gebuchten Fluges stand noch der Name, danach fand sich kein Lebenszeichen mehr von ihnen. Die elf Männer, die vorher keinen Kontakt zueinander hatten, fehlten nach dem Abschied von der Familie und ihren Arbeitsstätten wie vom Erdboden verschluckt. Natürlich setzten einige Angehörige alles in Bewegung, um die Ursache zu erfahren. Von einem Orbinat hatte im Vatikan noch niemand etwas gehört. Vielmehr hielt man dort die wiederholten Anfragen für einen organisierten Ulk und beendete schnell die Gespräche. So hielten alle das Rätsel um ihren Vermissten für ein Einzelschicksal. Niemand auf der Welt brachte dieses Verschwinden der elf Personen in einen Zusammenhang. Hatte man nicht schon öfter gehört, dass sich Männer im besten Alter in einer Art Torschlussreaktion von der Familie absetzten, um mit einem Flittchen eine schöne Zeit zu erleben? Sie kämen nach einiger Zeit alle geläutert zurück, um einige Tausend Euro ärmer zwar, aber um eine Vielzahl an nachhaltig schönen Erlebnissen reicher. Für diese Version sprach auch die Tatsache, dass alle ihren Frauen eine große Summe Geld auf den Tisch gelegt hatten. So hofften seit Tagen in der ganzen Welt Ehefrauen und Kinder auf die Rückkehr ihrer Ehemänner beziehungsweise ihrer Väter oder wenigstens auf ein Lebenszeichen.
Zu der Information, die die Wissenschaftler am ersten Abend erhalten hatten, hatte sich im Laufe der Woche eine weitere Erkenntnis etabliert. Die Prediger stellten überzeugend dar, dass alle Verstorbenen in einem späteren Leben diese glücklichen Fremderlebnisse ebenfalls aufnehmen und selbst erleben könnten. Aber eben erst nach ihrem eigenen Ableben und nicht, wie die Probanden, schon zu Lebzeiten. Als Seele wird der Verstorbene nicht nur auf alle seine eigenen weltlichen Erlebnisse wieder zugreifen können, sondern ebenso auf alle anderen. Sicherlich so oft er will.
„Die Versendung und Speicherung der Gehirnaktivitäten haben also einen himmlischen Grund“, meinte Paul. Dabei wollte er etwas Humor in seine Worte fließen lassen, erntete jedoch nur erschrockene Blicke von den Wissenschaftlern. Große Verwirrung machte sich unter allen breit. Und Angst.
Allein durch die vage Vermutung, im Jenseits an jedes glückliche Erlebnis eines jeden Menschen zu gelangen, hatten zwei der Wissenschaftler spontan den Freitod einem vermeintlich hoffnungslosen Dasein auf der Welt vorgezogen.
Es war daraufhin zu Tumulten gekommen. Die Wissenschaftler sahen sich missbraucht und wollten schnellstens wieder nach Hause. Die Gruppe hatte heftig darüber diskutiert, ob die Forschungsergebnisse der Welt mitgeteilt werden sollten oder nicht. „Wir wollen nicht Schuld tragen an einer Selbstmordwelle“, war die Meinung der einen. „Wir möchten schnellstmöglich alles veröffentlichen, damit alle Religionen diese neue Erkenntnis in ihr Programm aufnehmen können“, sagten die anderen.
Am Tag vor der Rückreise rief Bruder Paul alle erneut in der Kapelle zusammen. Er hatte versichert, dass er mit vielem gerechnet hätte, aber nicht mit dieser Uneinigkeit in der Abstimmung. Anfangs hatten die meisten der Wissenschaftler für den Gang an die Öffentlichkeit plädiert, nur zwei hielten es für verantwortungslos. Nach den Selbstmorden jedoch wechselte die Stimmung. Tatsächlich waren fünf der verbliebenen Neun für eine Veröffentlichung, die anderen vier aber dagegen. Es wurde kein einheitlicher Konsens gefunden. Nach vielen Diskussionen endlich: Auf Pauls intensives Drängen hin bestätigten alle, nach ihrer Rückkehr keinesfalls an die Presse oder andere Medien zu gehen. Das Phänomen müsse unter allen Umständen geheim bleiben. „Wir wollen alle in Verbindung bleiben und uns gegebenenfalls erneut treffen“, sagte er. „Wir alle tragen ein ungeheures Geheimnis in uns und daher auch die Verantwortung.“
Hermann war sich jedoch sicher: „Einige werden diese ganze Geschichte so schnell wie möglich und so ertragreich wie möglich an die Öffentlichkeit bringen. Der Erste kommt vermutlich am größten heraus und erhält sicherlich auch das beste Honorar für die Story. Die vereinbarten 21.000 Dollar erhalten die noch Lebenden als Scheck, den Suizidanten wird es auf ein Konto überwiesen, nachdem man Kontakt mit den Familien aufgenommen hat.“ Paul teilte dann auch tatsächlich die Couverts aus. „In Rio wird Bruder Vinzenz warten und allen ihre Tickets direkt nach Hause bezahlen. Der Rückweg wird nicht über den Umweg Rom führen.“
Hermann schämte sich bei dem Gedanken, dass er insgeheim nicht mehr mit dem Geld gerechnet hatte. Der Scheck war ausgestellt in Rom, von einer Bank des Vatikans. Er fasste dankbar in die Innentasche seines Sakkos und befühlte zum wiederholten Male den graugrünen Umschlag. Dabei hatte er selbst nur sehr wenig Produktives mit eingebracht. Er hatte einen Vortrag gehalten, wie der menschliche Körper funktioniert. Alles, was er über das Gehirn wusste, wie es arbeitet und in welchem Gehirnbereich was angesiedelt ist. Er dozierte über Erbinformationen und die DNA-Spirale. Auch die anderen Wissenschaftler konnten zu dem Projekt nur wenig beitragen. Eigentlich bestritten im Wesentlichen die Prediger und allen voran Bruder Paul die Diskussionen und Abwägungen. Nach den zwei Selbstmorden betrachteten auch sie die wissenschaftliche Arbeit aus anderer Perspektive. So entstand in ihnen die Erkenntnis, dass keinesfalls etwas an die Öffentlichkeit gelangen dürfe. Paul hatte daraufhin die Teilnehmergruppe vergattert: Alles über die neuen Erkenntnisse sollte Geheimnis des Orbinats bleiben. Die ganze Gruppe stimmte diesem Wunsch zu. Ohne Diskussion, was Paul eher beunruhigte.
Hermann zuckte zusammen, als ihm eine Stewardess ein Getränk anbot, so sehr war er gedanklich in die jüngste Vergangenheit vertieft. Dankbar nahm er den Orangensaft entgegen. Wie lange es noch dauere? Die Flugbegleiterin zuckte mit den Schultern und blickte dabei nicht besonders freundlich drein. Die anderen Männer betrachteten immer noch phlegmatisch die Rückenlehne des Vordersitzes oder schauten teilnahmslos aus dem kleinen Kabinenfenster dem Treiben vor dem niedrigen Flughafengebäude zu.
Hermann trug ein großes Geheimnis mit sich herum. Er hätte sich nahtlos in die Reihe der sieben Probanden einfügen können, denn auch er hatte mehrfach Fremderlebnisse im Kloster empfangen. Einmal war ihm dies auch schon in Europa widerfahren. In Südtirol, vor etwa einem halben Jahr. Auch sein Sohn Alec empfing damals ein Fremderlebnis. Allerdings hatte Hermann für diese „lebhaften Träume“, wie er am nächsten Morgen sagte, eine völlig andere Erklärung. Er schob die hyperrealistische Träumerei auf die Jägerschnitzel, die sie zuvor in einem Gasthaus verzehrt hatten. Als Biologe wusste er von Halluzinogenen, die in Pilzen vorkamen. Er dachte, da wurde wohl ein falscher Pilz mit verarbeitet. Seine Frau aß Hühnchen und erlebte keine wilden Träume. Er und sein Sohn Alec waren nach dem Aufwachen immer noch voll des Glücks gewesen.
Alec war zehn Jahre alt und hatte sich nach dem nächtlichen Empfang, damals in Südtirol, völlig durcheinander gezeigt. Die Familie hatte auf dem Weg nach Rimini auf einem Friedhofsparkplatz übernachtet. Im Wohnwagen. Kein Zweifel, sein Sohn Alec und er gehörten in die Gruppe jener Menschen, die schon zu Lebzeiten in fremden Körpern erleben konnten.
Dass Hermann ebenfalls empfangen konnte, hatte er niemandem erzählt. Den Predigern nicht und auch keinem der Forscher. Er wollte zunächst, bevor er sich offenbarte, den Ausgang der ganzen Aktion abwarten. Mit Verwunderung stellte Hermann fest, dass sich auch bei ihm bereits Suchtansätze zeigten. Er täuschte die letzten Tage einen Infekt und ein daraus resultierendes Schlafbedürfnis vor. So wunderte sich niemand darüber, dass er mehrfach täglich seine Zelle aufsuchte. Nur Bruder Paul war irgendwie ahnungsvoll gewesen, denn er hatte Hermann komisch angesehen und Suggestivfragen gestellt.
Plötzlich wurde Hermann bewusst, dass er wohl sein bis dahin sauber getaktetes Leben nicht mehr weiterführen konnte. Mehr als nach seiner Familie und seinem Heim sehnte er sich nach dem Friedhofsparkplatz in Südtirol. Dies stellte er ebenfalls mit Erstaunen fest. Sein Leben würde ein anderes werden. Und Hermann war voller Bangen, dass die Wissenschaftler etwas nach außen tragen würden. Wäre er dann mit dieser Veranlagung nicht ziemlich schnell ein Hauptdarsteller und würde im Licht der Bühnen der ganzen Welt stehen? Ähnlich prophezeite es ja auch Vinzenz damals beim ersten Gespräch. Er, Hermann, würde berühmt werden, hatte er gesagt. Noch berühmter. Doch in Hermann hatte sich schleichend ein Wertewandel vollzogen. Von Wert waren nicht mehr Ruhm und Geld – wichtig für ihn würde in Zukunft nur noch der uneingeschränkte Zugang zu den Orten der Empfänge sein. Denn dies bedeutete pralles Glück, wann immer er es haben wollte.
Endlich – die Piloten stiegen zu. Eigens für diesen Vorgang wurde erneut die integrierte Gangway im Heck der Maschine abgesenkt.
„Entschuldigen Sie diese unangenehme Verzögerung, aber wir mussten noch die Abfertigung der Särge abwarten“, war das kurze Statement eines Piloten im Vorübergehen. Die Männer an Bord nahmen die Worte dankbar entgegen. „Es wird nur noch etwa zwanzig Minuten dauern, dann erhalten wir die Starterlaubnis.“ Sie setzten sich gemächlich an ihre Arbeitsplätze im Cockpit. Die Flugbegleiterinnen folgten nach vorne.
Im Bruchteil einer Sekunde revoltierte etwas in Hermann. Warum gab es keine weiteren Passagiere an Bord? Warum hatte es keine Personenkontrollen gegeben? Alles war plötzlich so unwirklich, so bedrohlich. Vom Hubschrauber gleich umsteigen in die Caravelle? In einen Flieger ohne die Kennzeichen einer Fluglinie? Noch war die Gangway unten. Ohne weiter zu überlegen, griff Hermann nach seinem Koffer und stieg wieder aus dem Flugzeug. Keiner der Insassen oder des Bordpersonals bemerkte es. Er ging eiligen Schrittes in Richtung des Abfertigungsgebäudes, drehte sich nochmals um und sah, wie die Gangway der Caravelle von Flughafenarbeitern nach oben gehievt und von innen verriegelt wurde.
Die Maschine setzte sich langsam in Bewegung. Endlich! Ein einhelliger Seufzer ging durch die ganze Gruppe der Wissenschaftler.
Die Caravelle startete sanft nach Westen. Schnell verschwanden auch die Lichter von Porto Velho. Alles war finster, die Nacht war mondlos, unter den Passagieren lag der unendliche brasilianische Dschungel. Eine große Last fiel allen von den Herzen. Warum die Angst? In dreieinhalb Stunden würden sie alle wieder in der Zivilisation sein. Im lebendigen Rio de Janeiro. Nach der Landung würden sich die Teilnehmer voneinander verabschieden und in alle Welt weiterreisen. Selbst wenn ein Anschlussflug dann ein oder zwei Tage dauern würde, sie wären wieder im Leben.
Paul und Benedikt standen vor dem Flughafengebäude und schauten der startenden Maschine nach, wie sie im nächtlichen Himmel entschwand. „Es ist getan, was getan werden musste“, murmelte Paul.
„Unser Geheimnis wird nicht an die Öffentlichkeit gelangen“, antwortete Benedikt. „Gott sei Dank − es bleibt im Orbinat.“
„Auch wenn ihr nicht wirklich Kleriker seid, ich muss euch etwas beichten“, sagte Hermann zu den beiden Predigern. Er hatte sich von hinten genähert, froh, dass sie sich noch im Bereich des überschaubaren Airports aufhielten. Er hatte es intensiv gewünscht und überall nach ihnen gesucht. Sie drehten sich zu ihm um. Sekundenlang schaute Paul Hermann in die Augen. Dann forderte er leise: „So sprich. Wir haben insgeheim auf dich gehofft … Bruder Hermann.“
Keinem der Wissenschaftler in der Caravelle fiel auf, dass die Maschine nach dem Start nicht nach Osten drehte. Rio lag im Osten. Es vermisste niemand die Stimme des Piloten, die ja sonst stets nach dem Start die Passagiere begrüßte. Auch Hermann wurde von keinem vermisst. Sein hektischer Ausstieg war nicht aufgefallen. Nach einiger Zeit befand sich die Maschine über dem Pazifik und alle Passagiere dösten vor sich hin.
Der Steuermann eines Öltankers, der auf der Brücke stand und auf dem Weg nach Süden im Pazifik einsame Nachtwache hielt, war der einzige Zeuge, als die Caravelle explodierte und als heller Feuerball in die Tiefe stürzte. Aber mit etwa zwei Promille Alkohol im Blut hielt er das Gesehene für eine Halluzination und beschloss, nicht mehr so viel zu trinken, wenn er Brückendienst hatte.
In den zwei Särgen waren jeweils zwölf Kilo Sprengstoff verteilt gewesen. Unter den Körpern der Leichen. Bruder Paul war sich sicher gewesen, dass vom Sicherheitspersonal niemand unter den toten Körpern herumwühlen würde.
Zum selben Zeitpunkt brachte die Hure Lieselotte Kuhn ihr Töchterchen Kit zur Welt. Der biologische Zenit deutete sich bei ihr, die bereits über Vierzig war, an, sie musste also ihrem Kinderwunsch zügig Tribut zollen. Lieselotte war jedoch verliebt in ihren Beruf, sodass sie es sich unmöglich vorstellen konnte, sich in eine feste Beziehung zu einem Mann zu begeben, eine Familie zu gründen und nur noch Hausfrau und Mutter zu sein. Lieselotte besaß außergewöhnliche Schönheit, war intelligent und gebildet. Sie entstammte, wie ansonsten sehr wenige Liebesdienerinnen, einer hoch angesehenen und vermögenden Hannoveraner Familie. Sie lebte an Wochenenden in einer hübschen Wohnung auf dem Gutshof der Eltern, der weit außerhalb der Stadt auf dem flachen Lande lag. Wochentags jedoch ging sie ihrer selbst erwählten Profession nach, der Prostitution. Ihren Eltern hatte sie nie etwas von ihrem Doppelleben erzählt, sie ließ beide vielmehr im Glauben, in Hamburg ihren Unterhalt als Modedesignerin zu verdienen. Lieselottes Eltern starben, ohne jemals die Wahrheit erfahren zu haben. Sie kamen beide bei einem Sportbootunfall in Dänemark ums Leben.
Liselottes jüngeren Bruder Alfons, welcher auf dem Familiensitz eine erfolgreiche Pferdezucht betrieb, weihte sie jedoch in ihr Geheimnis ein. Es war ihr ein Bedürfnis, im Bedarfsfalle einen starken, männlichen Beschützer zu haben, denn sie wollte sich niemals in die Krallen eines Zuhälters begeben.
Auch Alfons hatte ein Geheimnis, das er seinen Eltern verschwieg: Alfons war schwul. Und da er keinerlei tuntiges Verhalten hatte, sondern sogar sehr männlich wirkte, blieb diese Neigung den Eltern verborgen. Es erstaunte sie nur, dass er noch niemals eine Frau mit nach Hause gebracht hatte.
Lieselotte wählte einen Münchener Choreografen zum Vater ihres Kindes. Obwohl er schon über sechzig Jahre alt war, ging Lieselotte ohne Umschweife auf Gregor Gregorius zu, bat ihn, mit ihr zu schlafen. Die Körpertemperaturkurve stünde auf Empfang, und es müsse heute noch geschehen. Gregorius war in jungen Jahren eine Legende als erster Vortänzer im klassischen Ballett gewesen und hatte dann in den späten Fünfzigern die Aufgabe des künstlerischen Leiters an einem der größten Theater Deutschlands übernommen. Gregor Gregorius lebte in einer Villa in München. Liselotte lernte ihn bei einer Theater-Matinee in Hannover kennen. Das Ballett nach William Shakespeare hatte Lilo, so wurde sie liebevoll in ihrem vertrauten Umfeld genannt, am Vorabend genossen, und während der ergreifenden Musik von Sergej Prokofjew ließ sie hemmungslos die Tränen der Verzückung laufen. Als sich Gregor Gregorius am Ende der Aufführung vor begeistertem Publikum verneigte, es zollte ihm durch nicht enden wollenden, frenetischen und stehenden Beifall Hochachtung, wusste sie, dass dieser Mann der Vater ihres Kindes sein würde. Er oder keiner.
Am nächsten Tag war eine Matinee angesetzt. Lilo nutzte eine der seltenen Sekunden aus, in denen Gregor allein im Foyer an einem der hölzernen Stehtische stand. Er war ja auch nicht der einzige Protagonist der Mittagsveranstaltung. Alle Tänzer, Musiker und der Dirigent waren ebenfalls zugegen und von Horden bewundernder, wichtigtuerischer Hannoveranerinnen und Hannoveraner umringt.
„Ich möchte gerne ein Kind von Ihnen“, sagte sie ohne Umschweife, als sich die Gelegenheit für sie ohne andere Zuhörer bot. Gregor war durch dieses ungewöhnliche Anliegen keinesfalls irritiert, nahm es vielmehr mit ernstem Blick entgegen, lehnte jedoch zunächst freundlich ab. Sie bewog ihn nach seiner höflichen Ablehnung dennoch, mit ihr den Abend zu verbringen, und lud ihn unverhohlen zu sich auf den weitläufigen Landsitz nahe der Stadt ein. Der eigentlich scheue Mann zog diese Alternative dann tatsächlich der Einsamkeit in einem unpersönlichen Hotelzimmer vor und schrieb sich die Adresse auf eine Papierserviette. Lilo wusste sofort, dass sie gewonnen hatte. Zu viel Erfahrung hatte sie mit Gregors Geschlechtsgenossen gesammelt, als dass es daran Zweifel gäbe, er würde ihrem Anliegen nicht nachgeben.
Sie erwartete ihn gegen zwanzig Uhr. Er ließ sich pünktlich mit dem Taxi vorfahren. Beim Dinner erzählte er von sich, vom Tod seiner Frau und von seinem Sohn, welcher mit ihm in seinem Haus in München lebte, er hätte aber mit der Kunst nichts am Hut. Er wäre Professor für Philosophie. Lilo beteuerte hartnäckig, ihn, Gregor, als Vater ihres Kindes auserwählt zu haben, und erklärte sachlich, sie wolle weiter nichts von ihm als seinen Samen. Leider könne sie sich keinen anderen Weg vorstellen als den der geschlechtlichen Vereinigung. Insgeheim war sie glücklich, dass Gregor Gregorius Witwer war. Bekennend treue Ehemänner waren harte Nüsse, an denen sie sich oft die Zähne ausbiss. Dabei waren ihr jene am liebsten, denn sie spielten hinterher nicht den Liebeskasper, ein in der Branche gängiger Begriff für den Mann, der sich in seine Dirne verliebt. Nein, Gregor war nicht liiert und daher nach dem bittersüßen Schokoladenpudding, der aus der Küche serviert wurde, bereit, den Liebesakt zu vollziehen. Er war insbesondere auch deshalb schnell überredet, weil sie ihm gestand, Hure zu sein. Nach diesem Bekenntnis war er sich sicher, dass sie ihm nichts vorgaukelte und wahrlich nur lautere Absichten hatte. Gregor Gregorius und Lilo sahen sich danach nie wieder. Zehn Monate später hatte sie ihn telefonisch davon in Kenntnis gesetzt: „Du bist Vater einer hübschen Tochter geworden.“ Er hätte jene leidenschaftslose Beziehung möglicherweise sogar vergessen. „Denke dir doch einen Namen für deine Tochter aus“, bot sie ihm an.
„Nenne sie Katharina und rufe sie Kit. Als Würdigung an meine verstorbene Frau.“ Lilo tat ihm diesen Gefallen.
Lilo hatte sich acht Jahre später konsequent von ihrer Profession als Prostituierte gelöst. Sie hatte es sich zwar erst für ihren Fünfzigsten vorgenommen, in der letzten Zeit kam sie jedoch mit manchem ihrer Freier nicht mehr klar. Männer, die ältere Dirnen aufsuchten, hatten oftmals abnorme Wünsche. Jene war sie nicht mehr bereit zu erfüllen. Wirtschaftlich war sie unabhängig, denn sie genoss ein recht hohes Einkommen durch die Vermietung der Immobilien der Familie. Außerdem war es ihr in all den tätigen Jahren gelungen, einen stattlichen Betrag anzusparen. Je älter Kit wurde, desto mehr hatte Lilo bedauert, nur an den Wochenenden mit ihrer Tochter zusammen sein zu können. Auch hatte sie Angst davor, ihrer Tochter ihren Beruf zu erklären. Aber bei Kits Intelligenz und Neugier wäre es auch nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Kit herausgefunden hätte, wie ihre Mutter ihr Geld verdiente. Sie war jetzt acht Jahre alt. Nichts wünschte sich Kit sehnlicher als ein eigenes Pferd. Dieser Wunsch wurde ihr erfüllt. Grete war eine niedrige, fuchsfarbene Zwölfjährige mit einem Stockmaß von gerade einmal 150 cm. Kit kümmerte sich voller Hingabe um das Pferd und verbrachte viel Zeit mit ihm.
Eines Morgens war Grete krank und wollte nicht einmal mehr aufstehen. Verhaltenes Wiehern vermeldete Kit, dass sie sich wirklich nicht wohl fühlte. Der hinzugezogene Tierarzt vermutete eine Erkältung und gab ihr entsprechende Medizin.
„In einigen Tagen wird sie wieder wohlauf sein“, tröstete er Kit, die, den Tränen nahe, alles genauestens beobachtete.
„Ich werde heute Nacht bei ihr im Stall schlafen“, verkündete Kit selbstbewusst.
Gretes Box war die vorletzte im Stall, danach kam noch eine weitere Box, die jedoch als Decken- und Zaumzeug-Lager genutzt wurde. Dort rollte Kit ihren Schlafsack auf einigen Ballen Stroh aus. Eine Taschenlampe und ein Buch hatte sie sich mitgenommen. Lilo hatte ihr nicht erlaubt, ihr Lager direkt in Gretes Box aufzuschlagen.
„Deine Gegenwart spürt Grete, auch wenn euch eine Bretterwand trennt“, sagte sie. Kit fand es in Ordnung. Etwas aufgeregt war sie schon. Ganz allein im Stall und dies auch noch nachts. Gewiss, die Terrassentür würde die ganze Nacht über geöffnet bleiben, Kit könnte deshalb jederzeit in ihr Zimmer gelangen, ohne jemanden wecken zu müssen. Bei dem Gedanken, bei Dunkelheit über den Hof ins Gutshaus gehen zu müssen, wurde ihr jedoch schon etwas mulmig. Doch ging es ja darum, dass Grete wieder gesund würde. Und da mussten schon alle Register gezogen werden, auch das der nächtlichen Betreuung. Mit ihrem Jogginganzug bekleidet, schlüpfte sie in den Schlafsack. Zum Lesen war sie zu aufgeregt, zwar ließ sie den Blick über die Buchstaben gleiten, aber es blieb nichts in ihrem Kopf hängen. Schließlich löschte sie die Lampe, igelte sich ein und lauschte beruhigt den nächtlichen Geräuschen des Stalls. Hier ein leises Schnauben, da ein Klappern eines Hufes. Dann entschwand sie hinab ins Reich der Träume.
Kit hatte einen Empfang:
Acht Männer, Araber offensichtlich, sitzen entlang einer hohen Mauer. Völlig nackt, schmutzig und menschenunwürdig. Jeder dieser Männer ist in gleichmäßigen Abständen von etwa fünf Metern mit einer etwa zwei Meter langen Kette an die Wand fixiert. Die Elenden bekamen vermutlich seit Tagen nichts mehr zu essen oder zu trinken und wirken völlig ausgetrocknet. Sie jammern und stöhnen in der prallen Sonne. Es ist heiß. Sehr heiß. Die trockenen Zungen der Angeketteten sind kaum noch in der Lage, Worte zu formulieren. Dennoch versteht Kit „Wasser“ und „Durst“ und „Bitte“. Jedoch nicht in Deutsch, sondern in einem arabischen Dialekt. Kit versteht Arabisch, obwohl sie in ihrem Leben noch nie jemanden in arabischer Sprache sprechen hörte. Kit hat große Hände, schwere Stiefel und ein Gewehr, wie Männer sie haben.
In diesem nächtlichen Erlebnis ist Kit ein Soldat und steht in einer Gruppe von anderen Soldaten. Alle schauen auf einen Offizier in khakifarbener Uniform, der auf einen der Angeketteten zu schreitet. Kit kennt diesen Offizier und weiß seinen Dienstgrad und seine Aufgabe in dieser Gruppe. Er ist der Chef des Exekutionskommandos. Sie weiß auch, dass alle hier Angeketteten den Abend nicht erleben werden. Der Offizier legt seine Maschinenpistole an. Dann erschießt er den linken äußeren Gefangenen. Nicht mit einem einzelnen Schuss aus einem Präzisionsgewehr, wie bei einer „normalen“ Exekution, sondern er hält seine Maschinenpistole auf den Körper gerichtet und entleert sein Magazin bis zur letzten Patrone. Er gibt Schuss für Schuss als Einzelfeuer in den Körper des Gefangenen hinein. Dieser ist nicht sofort nach dem ersten Treffer tot. Der Schütze setzt die ersten Schüsse in die Extremitäten, dann in die Schulter, das Becken, den Bauch. Erst nach einigen Schüssen liegt der Mann regungslos im Staub. Überall ist Blut. Auf dem nackten Körper, im grauen Staub des Bodens und an der Wand. Der Gefangene ist auf grausamste Weise exekutiert worden. Der Offizier will noch länger Spaß haben und schießt genüsslich weiter in den toten Körper hinein. Die Geschosse zerfetzen den Leib, der unter der Wucht der 9-mm-Projektile zuckt, als sei noch Leben in ihm. Hart hallt das Echo der Schüsse von der roten Wand zurück.
Nun schreitet Kit selbst auf einen der Gefangenen zu. Endlich ist sie an der Reihe! Sie blickt ihm in die angstvoll geweiteten und von der Sonne entzündeten Augen, als sie sich ihm nähert. Nun stellt sie sich einige Meter breitbeinig vor ihrem Opfer auf, nimmt ihre Maschinenpistole in Anschlag und entleert ihre Salve in gleicher Weise in den Körper des Mannes. Sie bekam bereits beim Zuschauen der ersten Erschießung eine Erektion. Kit, das kleine, unschuldige Mädchen, ist im Traum beim Anblick dieser Exekutionsvorgänge in männliche sexuelle Erregung geraten. Sie hörte bislang nur hin und wieder von den körperlichen Veränderungen in den Lenden der Männer bei sexueller Erregung. Im Traum spürt sie ihren Penis, wie er wächst und hart wird. Sie spürt den rhythmischen Rückstoß der Waffe, hört ihre eigenen Schüsse, empfindet die heiße Sonne im Nacken, riecht frisches Blut, den Kot und den Angstschweiß der Nackten, denen die Erschießung noch bevorsteht. Und sie spürt höchstes Glück dabei.
Kit erwachte unmittelbar nach diesem Empfang und schwebte noch sekundenlang in einem eigenartigen Zustand des vollkommenen Glücks − um unmittelbar danach in grelle Panik zu verfallen. Sie sprang aus ihrem Schlafsack und verließ im Laufschritt den Stall. Durch die offene Terrassentür gelangte sie ins Haus und hastete die Treppen hinauf. Nicht ihre Zimmertür stieß sie auf, sondern die Tür zu Lilos Zimmer. Am ganzen Leibe zitternd, sprang sie zu ihrer Mutter ins Bett und verfiel in einen schrillen Schreikrampf.
