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Der IT-Spezialist Jonas Matthies lebt und arbeitet in München. Jede Nacht plagen ihn Albträume, die er mit Hilfe von neuen Freunden versucht zu verstehen. Er gerät in das spannendste Abenteuer seines Lebens.
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Seitenzahl: 387
Veröffentlichungsjahr: 2020
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In einer kalten Sommernacht am 29. August im Münchener Stadtteil Schwabing.
Es ist 03:10 Uhr, als der fünfunddreißigjährige IT-Spezialist Jonas Matthies mal wieder schweißgebadet in seinem Bett aufwacht. Jonas wohnt im dritten Stock in der Grusonstrasse 7. Das Schlafzimmerfenster steht weit offen und die Gardine bewegt sich im Nachtwind. Die Feuerwehr fährt mit Sirenen durch die Straße, doch davon ist er nicht aufgewacht. Jonas hat geträumt.
Seit Monaten plagt ihn ein Traum, Nacht für Nacht träumt er denselben Traum.
Er sieht, dass die Menschheit durch einen ansteckenden Virus vom Aussterben bedroht ist. Jonas sieht, dass es passiert, wie es passiert und er sieht, dass jemand bei ihm ist, mit dem er es verhindern könnte. Leider sieht er nicht wo und wann es passiert, diese Stellen sind in seinem Traum wie abgeschnitten oder gelöscht und das bringt ihn zur Verzweiflung. Er hat immer einen Namen im Kopf…Annemarie…er kann diesen nur nicht einordnen. Er kennt keine Annemarie.
Ob jetzt etwas Wahres an dem Traum ist, das bezweifelt er eh, aber da er diesen Traum jede Nacht hat, macht ihm das ein wenig zu schaffen.
Er quält sich aus seinem modernen, aber schlichten Futonbett und schlendert mit nackten Füßen in seine Küche. Der hellgeflieste, kalte Küchenboden stört ihn dabei weniger. Ein Griff zum Schrank, denn jetzt braucht er erst einmal einen Schluck Wasser. Er hält das Glas mit der linken Hand unter den Wasserhahn und öffnet diesen, aber es kommt nichts heraus. Jonas hatte vergessen, dass der Haupthahn heute Nacht abgestellt wurde, da Wartungsarbeiten an der Kanalisation durchgeführt werden sollen. Das Wasser wird erst wieder gegen 06:00 Uhr laufen. Er geht zum Kühlschrank und nimmt sich seine letzte Tüte Milch, stellt sein Glas wieder in den Schrank und leert den Liter in mehreren Zügen aus. Während er mit der leeren Verpackung spielt, sieht er an die Decke und grübelt über seinen Traum nach, der ihn einfach nicht schlafen lässt. „Da muss es doch irgendetwas geben, das ihm helfen kann“, denkt er sich und plötzlich fällt ihm ein, dass es doch Traumdeutungsbücher gibt. Jonas beschließt, sich ein Buch aus der Bücherei zu leihen.
Er lehnt sich, nur mit einer schwarzen Boxershorts bekleidet, gegen die weiße Fensterbank des Küchenfensters. Jonas hat drei Jahre lang an Ringen geturnt und seine Figur lässt so einige Frauenherzen dahin schmelzen. Im Sommer hilft er manchmal an den Wochenenden im Schwimmbad als Bademeister aus, da er zu Bundeswehrzeiten bei den Kampfschwimmern war und somit die besten Voraussetzungen dafür hat.
Er starrt regungslos auf seine Küchenuhr. „Es ist 03:15 Uhr, mitten in der Nacht und ich stehe in meiner Küche“, denkt Jonas sich. „Alte Menschen müssen um diese Uhrzeit auf die Toilette und ich werde wach, weil ich geträumt habe“, grummelt er mit tiefer Stimme in seinen Drei-Tage-Bart. Jonas schaut in seine leere Milchpackung und wirft sie dann in hohem Bogen in seinen blauen Mülleimer und murmelt dabei:“ Der Müllsack müsste auch mal endlich nach draußen gebracht werden.“
Jonas ist seit fünf Jahren Single, aber ob er ein glücklicher Single ist, hat er noch nicht für sich herausgefunden. Seine damalige Freundin Mareike hat ihn wegen eines anderen Mannes verlassen. Mareike wollte gerne Kinder, nur Jonas war für diesen Schritt einfach noch nicht bereit. Er wollte Karriere machen, Geld verdienen und finanziell gut dastehen, um seiner Familie etwas bieten zu können. Sie war da etwas schneller und entspannter und wollte immer alles gleich und sofort, dann ist sie einfach gegangen. Ob es am Alter lag? Mareike war damals fünfundzwanzig.
Im Wohnzimmer, direkt neben dem Fernseher, steht noch ein altes Urlaubsfoto von den beiden. Aufgenommen am Strand von Kuba zwischen zwei Palmen, eben das typische Urlaubsbild.
Eigentlich schade, denn sie waren ein hübsches Pärchen, passten gut zusammen. Beide waren groß gewachsen, Jonas misst 1.85m und Mareike war mit ihren 1.80m eine sehr hübsche Flugbegleiterin. Er, der dunkle Typ mit einem sehr durchtrainierten Körper und Mareike mit ihren langen, blonden Haaren und der schlanken Figur, für jeden ein Hingucker. Er weiß auch gar nicht, wohin Mareike gezogen ist, sie wollte immer ins Ausland und dort leben, das war ihr Traum, ihr Ziel.
Jetzt ist Jonas finanziell dort wo er sein wollte. Er verdient gutes Geld, die Drei-Zimmer-Wohnung, eine wirklich schöne Altbauwohnung mit kleinem Balkon nahe des Englischen Gartens, ist sein Eigentum, ebenso das Auto, ein schöner Roadster, der eigentlich nur in der Garage steht. Jetzt möchte er sich noch einen großen Traum erfüllen, ein Motorrad. Mit dem Führerschein hat er schon angefangen und auch bereits die ersten Fahrstunden absolviert. Er ist sich ziemlich sicher, dass er es schaffen wird, denn wenn Jonas sich etwas in den Kopf setzt, schafft er es auch.
Jetzt ist Mareike weg und ob sie noch mit ihrem Freund zusammen ist, vielleicht sogar verheiratet und womöglich schon Kinder hat, er weiß es nicht. Über eine neue Beziehung denkt Jonas zurzeit nicht nach, es ist so wie es ist und das mit Mareike sollte wohl nicht sein. Es geht ihm gut und so wie es ist, ist er mit sich und seinem Leben sehr zufrieden.
Völlig unausgeschlafen wankt er durch seinen schmalen Flur zurück ins Schlafzimmer und versucht bis zum Wecker klingeln zu schlafen.
Am nächsten Morgen, es ist kurz nach sieben Uhr. Nach einer kalten Dusche und einem schnellen Frühstück verlässt Jonas, wie jeden Tag, seine Wohnung und fährt zur Arbeit. Jonas arbeitet bei Fujitsu Technology Solutions GmbH in der Mies-van-der-Rohe-Straße 8.
Er nimmt den Bus, denn mit dem Auto einen Parkplatz zu bekommen, ist in München eine Katastrophe. Acht Jahre ist er schon bei der Firma, acht Jahre nimmt er jeden Tag den gleichen Bus. Jonas kennt schon die Hälfte der Fahrgäste mit Namen, denn die meisten fahren jeden Morgen mit ihm diese Strecke. Vorne rechts, Frau Schmidt, Rentnerin, wohnt im gleichen Haus wie Jonas und jeden Tag, außer Mittwochs, fährt sie so früh in die Stadt. Mittwochs spielt Frau Schmidt immer Bridge mit ihren Freundinnen. Hinter ihr sitzt Lisa. Lisa ist ein kleines, extravagantes Mädchen, das immer schrille, bunte Klamotten trägt. Sie arbeitet beim Bäcker neben der Firma, in der Jonas arbeitet. John, ein Afrikaner, kam mit seiner Frau vor zwölf Jahren nach München. Jonas hat ihn mal gefragt, warum er ins kalte Deutschland gekommen ist? Das ist er gar nicht. Vor diesen zwölf Jahren hat er in Hamburg gelebt und wurde dort auch geboren. Seine Eltern sind damals aus Genua nach Deutschland gekommen, witzig irgendwie. Der Busfahrer, ein grummeliger alter Geselle, ist immer muffelig und schlecht drauf. Das Bauchgefühl von Jonas sagt ihm, dass er bald in Rente gehen wird. Andreas, von anderen Andi genannt, kommt immer zu spät und der Busfahrer muss stets kurz vorm Losfahren stoppen, weil Andi winkend mit seiner Zeitung angelaufen kommt.
Während Jonas versucht durch die dreckigen Scheiben zu blicken, sieht er in der Ferne, wie eine Gruppe Kinder wortlos auf den Boden sackt. Er schüttelt sich kurz und sieht nochmal hin... ja, die Gruppe spaziert ganz normal über den Rasen, langsam verknüpft er den Traum mit der Realität.
Immer wieder geht ihm der Traum durch den Kopf und dass es noch eine andere Person gibt, die bei ihm ist. Er sieht sie nicht, er hört sie nicht sprechen, er weiß nur, dass es sie gibt. Männlich oder weiblich, Jonas hat keine Ahnung.
An der Kreuzung Frankfurter Ring ist die Straße gesperrt, überall Polizei und Feuerwehr. Jonas versucht etwas zu sehen, doch die gesamten Fahrgäste im Bus sind aufgesprungen und kleben wie die Fliegen an den Scheiben. Von vorne kommt ein Krankenwagen mit Blaulicht und Sirene. Der Busfahrer gibt durch sein Mikro durch, dass es sich um einen schlimmen Verkehrsunfall handelt. Wir sollen doch bitte alle aussteigen, da die Straße gesperrt ist und er nicht weiter fahren kann und darf. Die Busgesellschafft stellt einen weiteren Bus auf der anderen Seite des Frankfurter Rings zur Verfügung und von dort aus können wir dann weiterfahren.
Als Jonas an der Unfallstelle vorbeigeht, sieht er, dass sich ein polnischer Lastwagen in die Front eines anderen Lasters gebohrt hat. Überall liegen Scherben und es riecht extrem nach Mist. Der polnische Laster hatte Fensterscheiben geladen, die sich jetzt über die ganze Fahrbahn verteilt haben, während der Unfallgegner ein Viehtransporter aus Norddeutschland ist. Das Nummernschild konnte er noch erkennen…. HH für Hansestadt Hamburg. Mehrere Polizisten und Feuerwehrmänner bemühen sich die wenigen Ziegen einzufangen, die auf der Straße verwirrt umher laufen. Was für ein Chaos am frühen Morgen.
Am Straßenrand sitzt ein Mann auf dem Boden und wird von der Polizei versorgt, ein anderer liegt mit einer Beinverletzung auf der Trage der Feuerwehr. Man kann sehen, dass das Blut langsam auf den Boden tropft. Auf einem der Feuerwehrwagen sitzen vier Krähen in einer Reihe und es sieht so aus, als ob sie sich das Geschehen ansehen wollen. Als Jonas sich zum anderen LKW dreht, sieht er noch jemanden auf dem Boden liegen, aber der Körper ist mit einem Tuch bedeckt. Er hat es wohl nicht überlebt und genau bei diesem Gedanken biegt auch schon ein Leichenwagen um die Ecke. So etwas hat Jonas noch nicht gesehen, nicht in diesem Ausmaß. War es jetzt der LKW-Fahrer aus Polen oder der aus Deutschland? Ein Passant? Hm, Jonas kann es nicht sehen und er will sich auch nicht zu den anderen Gaffern stellen. Unmöglich findet er es immer, wenn die Schaulustigen stehen und gaffen, aber ja nicht helfen wollen. Außerdem muss er ja zur Arbeit und der Bus wird nicht ewig warten.
Etwas später auf der Arbeit angekommen, holt Jonas sich, wie eigentlich jeden Tag, einen schwarzen Kaffee zum Wach werden. Er begrüßt seine Kollegen mit der Unfallgeschichte und erklärt seinem Chef, weshalb er zu spät gekommen ist. Dieter Klein, sein Vorgesetzter, hat schon von dem Unfall gehört, seine Sekretärin hat es ihm erzählt.
Im gleichen Atemzug erwähnt Dieter, dass eine Praktikantin im Haus ist und heute ab Mittag bei ihm sein wird. Als Jonas fragen möchte, wie denn die junge Dame heißt, fällt ihm Dieter schon mit dem Namen „Marie“ ins Wort. Jonas guckt ihn an und fragt:“ Marie oder Annemarie?“ „Marie, Marie Schneider, so hat sie sich vorgestellt“, antwortet Dieter. Jonas schüttelt seinen Kopf, um seinen Traum aus der Realität zu lassen. Es ist ja nur ein Traum.
Nach seiner Mittagspause klopft es bei Jonas an der Tür. Er dreht sich um und im Türrahmen steht eine junge Frau. Blond, Brille, schlank, Jeans und Turnschuhe. Marie.
Marie ist zweiundzwanzig Jahre jung und kommt aus Köln. Ihre Eltern sind Franzosen, die 1975 nach Deutschland gezogen sind, deswegen spricht sie auch fließend Deutsch, nein, sogar Kölsch…und Jonas mag alles und jeden, nur keine Kölner.
Er mustert Marie von oben bis unten und erkundigt sich, ob sie Marie oder Annemarie heiße, doch das junge Mädel schüttelt den Kopf und antwortet mit:“ Marie, Marie Schneider“.
Jonas steht auf und holt den Stuhl, der hinter der Tür steht. “ Möchtest du meinen haben oder reicht dir dieser Stuhl?“ „Nein!“, antwortet Marie mit leiser Stimme. „Behalten Sie mal ihren eigenen, ich nehme den, es ist alles ok!“ Er dreht sich zu Marie, guckt ihr scharf ins Gesicht und sagt: “Jonas, ich heiße Jonas, und nicht „Sie“. Wenn du hier bis 17 Uhr mit mir arbeiten möchtest, dann sagst du Jonas zu mir“, erklärt er mit einem grinsenden Blick. Sie antwortet lächelnd: “Das bekomme ich wohl hin.“ „Sehr schön, dann haben wir das ja schon mal geklärt.“ Marie möchte gerne wissen, was er denn bei der Firma für eine Aufgabe hat. Jonas gibt sich alle Mühe, ihr das in kurzen Sätzen zu erklären.
„Ich bin für den Onlineshop, mit allem was dazu gehört, verantwortlich. Ich verbringe viel Zeit mit Category Management – also in Meetings mit Kollegen, die für die einzelnen Sparten unseres Angebots verantwortlich sind – und mit Marketing und Controlling. Dazu kommen auch Verhandlungen mit Investoren.“ Marie rollt mit ihrem Stuhl etwas dichter an Jonas und den Schreibtisch heran. Dieser erklärt und zeigt ihr den Aufbau des Onlineshops. Nach mehreren Tassen Kaffee und Gummibärchen ist die Zeit wie im Fluge vergangen und der Feierabend rückt in greifbare Nähe. Marie hat sich dabei mehr Notizen gemacht, als es Zettel im Kopierraum gibt. „Marie, was studierst du eigentlich?“ „Medizin und Wissenschaft, aber ich interessiere mich mehr für die Medizin.“ „Und dann machst du bei uns ein Praktikum? Warum?“ „ Ich möchte mich eigentlich Richtung Medizin orientieren, hauptsächlich in die Forschung, den Menschen kennenlernen, den Menschen herausfinden, den Menschen begreifen, wie zum Beispiel die Kapazitäten des menschlichen Gehirns. Wir benutzen gerademal zehn Prozent unseres Gehirns. Diese Richtung wollte ich einschlagen.“ „ Äh, FUJITSU entwickelt und fertigt in Deutschland Notebooks, Personal Computer, Thin Clients, Server, Speichersysteme sowie Mainboards und betreibt mehrere hochsichere Rechenzentren“, erklärt er Marie und lacht sie an. „Wir haben sicherlich auch Gehirnmasse und diese benutzen wir auch, aber zum Denken, wir erforschen sie hier nicht.“ „Das weiß ich und habe das auch an dir festgestellt. Aber wäre es nicht genial, wenn du viel mehr aus deinem Gehirn herausholen könntest? Oder mehr aufnehmen könntest? Wie ein Speicher, der immer wieder größer mit mehr Kapazität hergestellt wird. Wenn du schneller denken könntest, so wie die Notebooks, die immer schneller werden oder du weiter und sogar tiefer auf deine Gedanken zugreifen könntest? Vielleicht auf solche Dinge, die du im Unterbewusstsein getan oder mal geträumt hast“, versucht Marie ihm zu erklären. Jonas guckt sie völlig konsterniert an, zögert ein bisschen und fragt nochmal: “Und warum hast du jetzt bei uns ein Praktikum gemacht?“ „ Nun ja, die Richtung ist zwar etwas anders, aber im Großen und Ganzen hat es ja schon damit zu tun und ich wollte doch mal herausfinden, ob man vielleicht auf diese Art und Weise weiter kommt“, erläutert Marie. „Hast du etwas herausgefunden?“ „Das kann ich dir so noch nicht sagen, aber ich werde mich zuhause hinsetzen und mir das alles genau ansehen und vergleichen. Es ist jetzt schwierig, dir das zu erklären, aber wenn du möchtest und wir uns irgendwann mal wieder sehen, verrate ich es dir.“
Jonas sieht auf die Uhr, guckt nach rechts zu Marie und sagt: “Es ist ja schon halb fünf, eine halbe Stunde noch und der Tag ist schon wieder fast vorbei.“
17 Uhr, es ist Feierabend. Jonas fährt seinen Computer herunter, knipst die Schreibtischlampe aus und macht die Jalousien wieder hoch. Er ist immer abgelenkt, wenn diese oben sind, deswegen lässt er sie morgens runter und abends fährt er sie wieder hoch.
Er verabschiedet sich, begeistert von ihrer Aufnahmefähigkeit, mit einem Handschlag von Marie und wünscht ihr alles Gute für die Zukunft. Als sie gerade durch die Tür gehen will, dreht sich Jonas zu ihr um und fragt: “Du kommst doch aus Köln, warum machst du hier bei uns in München ein Praktikum? Das sind doch knapp 600 Kilometer mit dem Auto? Oder wohnst du hier in München? Entschuldige bitte die neugierige Frage, aber das fällt mir jetzt gerade erst auf und wundert mich schon ein bisschen.“ Marie lacht und antwortet: “Ja, ich wohne in Köln, aber ich wollte einfach mal raus aus der Stadt und habe mir halt gedacht, dass ich ja überall ein Praktikum machen kann. Jetzt wohne ich in einer kleinen, niedlichen Pension am Kaiserplatz.“ „Oh, das ist ja nicht wirklich weit weg von hier, das hast du gut ausgesucht.“ „Ich möchte ja nicht aufdringlich sein, aber hast du denn jetzt etwas vor oder wollen wir noch etwas trinken gehen, ein Feierabendbier zum Beispiel?“, fragt Jonas etwas zögerlich. „Ich habe nichts vor. Das können wir sehr gerne machen, ich kenne hier ja niemanden und würde mich freuen, wenn ich mal etwas anderes sehe als immer nur die Pension.“ „Na dann, auf geht’s!“, lächelt er und hält Marie, ganz Gentleman, die Tür auf. Sie geht durch die Tür, Jonas schließt sie hinter sich und gemeinsam schreiten sie zum Fahrstuhl. Dort angekommen, stehen schon wartende Kollegen und grinsen Jonas mit großen Augen an. Marie deutet sofort die Blicke der anderen und lacht sie alle schelmisch an. Jonas wiederum bemerkt das Grinsen der Praktikantin und kann einfach nicht widerstehen. Er nimmt ihre rechte Hand und beugt sich zu ihr, berührt mit seinem Mund fast ihr Ohr. Er flüstert ihr zu: “Jetzt haben sie alle Gesprächsstoff für das Wochenende.“ Er grinst sie dabei an. Daraufhin dreht sie ihren Kopf, gibt Jonas einen Kuss auf die Wange und flüstert zurück: “Jetzt noch viel mehr.“ Beide steigen lachend in den Fahrstuhl, während die Kollegen mit großen Augen und offenen Mündern stehen bleiben.
Als Jonas und Marie das gläserne Gebäude verlassen, will Jonas gerade die Hand heben, um ein Taxi anzuhalten. „Nein!“, ruft Marie. „Lass uns doch rüber in die Eisdiele gehen. Wir können doch, statt ein Bier zu trinken, auch ein erfrischendes Eis essen.“ „Gute Idee! Das hatte ich lange nicht.“ Am Eiscafé angekommen, bekommen sie auch gleich ein schönes Plätzchen in der Sonne. Jonas bestellt sich einen großen Erdbeerbecher und Marie nimmt sich einen Schokoladenbecher. „Gegen Schokolade bin ich leider allergisch“, erklärt Jonas wehmütig. „Oh wie schrecklich! Das mag ich mir gar nicht vorstellen, dass ich keine Schokolade essen dürfte. Wie reagiert dein Körper, wenn du Schokolade ist?“ „Ist nicht dramatisch, ich bekomme einfach nur Pusteln im Gesicht und das sieht nicht wirklich schön aus. Ich habe mich aber daran gewöhnt. Es gibt schlimmeres als keine Schokolade zu naschen.“ Einige Minuten später kommt die Bedienung, bringt den beiden das Eis und Marie fragt: „Kann ich das gleich schon bezahlen?“ „Kein Problem junge Frau.“ „Gut, dann bezahle ich beide zusammen.“ „Quatsch“, ruft Jonas sofort. “Das sollte ich machen.“ „Nein, nein, es ist schon ok. Wir haben uns so gut verstanden, du hast mir alles so gut erklärt und gezeigt, dafür lade ich dich zum Eis ein.“ „ Dann sag ich mal ganz nett Danke schön.“ Sie grinst ihn an.
“Gerne doch.“ Nach dem Eis und ein bisschen Smalltalk tauschen die beiden ihre Nummern aus und dann verabschiedet sich Jonas mit den Worten: “Man weiß ja nie, vielleicht sehen wir uns ja irgendwann mal wieder.“ “Das wäre nett“, entgegnet Marie. Sie steht auf, nimmt Jonas in den Arm und drückt ihn einmal. „Ich hoffe, du nimmst mir den Kuss vorhin nicht übel.“ „Aber nein, ich freue mich schon auf die Fragen und verwirrten Gesichter der Kollegen. Wann fährst du denn wieder nach Köln?“ „Um 20 Uhr geht meine Bahn.“ „Ach heute schon?“, fragt Jonas verwundert. „Ja, ich war jetzt eine Woche hier.“ Er wünscht ihr eine gute Heimreise und danach verabschieden sie sich nochmal mit einer freundschaftlichen Umarmung.
Jonas sieht auf die Uhr und geht langsam Richtung Innenstadt, denn er möchte ja noch in die Bücherei.
Nach kurzer Zeit trifft er dort ein und sucht nach einem bestimmten Buch, dem Traumdeutungsbuch. Bei so vielen Büchern findet er sich einfach nicht zurecht. Er geht an die Information und beabsichtigt, dort nach Hilfe zu fragen. Die Mitarbeiterin erkundigt sich freundlich nach seinem Anliegen. Als Jonas gerade antworten will, sieht er das Namensschild auf ihrer Brust. Anne, die Dame heißt Anne. Jonas ist neugierig und fragt sie vorsichtig, ob das ihr Name ist oder die Abkürzung eines eigentlich längeren Namens. Darauf antwortet die Frau mit einem schelmischen Lächeln: „Ich habe noch einen Nachnamen, aber das geht mir jetzt doch ein wenig zu schnell.“ Er wollte doch nur wissen, ob sie Anne oder Annemarie heißt, aber mit einem Händewinken weist er die Frage zurück und entschuldigt sich für das plumpe Verhalten. Etwas zögerlich und leicht peinlich berührt erklärt er nun, dass er ein Traumdeutungsbuch sucht. „Da gibt es eine ganze Menge zur Auswahl und ich muss wissen, worum es in etwa geht, damit ich das richtige Exemplar suchen kann.“ Jonas beginnt langsam zu erzählen, doch nach einer gewissen Zeit kommt er völlig aus sich heraus und berichtet von seinem Traum, als ob er es einem guten Freund erzählt. Anne hört aufmerksam zu und fragt ihn schließlich: „Träumen sie jede Nacht genau dieselbe Geschichte?“ Letztendlich schlägt sie vor, dass Jonas vielleicht anderweitig Hilfe suchen sollte. Er guckt sie etwas verwundert an. Jetzt wird ihr auch bewusst, warum er sie nach dem Namen gefragt hat. Sie offenbart ihm, dass sie wirklich nur Anne heißt und rät ihm, einmal bei einem Psychologen vorstellig zu werden. Das sei ja nichts Schlimmes heutzutage, nur um mal zu fragen, was er oder sie davon hält. Sie selbst findet es schon seltsam, wenn man immer nur einen Traum träumt.
Jonas nimmt den Rat von Anne an und geht schnurstracks zum nächsten Kiosk, um sich dort die Tageszeitung zu kaufen. Am Kiosk an der nächsten Ecke fragt er den Verkäufer nach einer Zeitung, in der er Ärzte finden kann, doch der Verkäufer muss ihm leider mitteilen, dass er heute Pech hat. „Die Zeitung kam heute nicht, erscheint erst Montag wieder.“ Jonas dankt dem Verkäufer und macht sich auf den Heimweg. Bei dem schönen Wetter geht er zu Fuß und schlendert träumend durch die Straßen.
Am Englischen Garten angekommen, setzt er sich auf die Terrasse eines Cafés und bestellt einen Cappuccino. Dabei sieht er den Kindern beim Spielen zu. Ein Kind fällt beim Klettern von einem Baum und blutet am Knie. „Das ist nicht so schlimm“, tröstet die Mutter ihren Sohn und pustet dabei liebevoll die Wunde. „Wenn du groß bist, ist alles wieder gut.“ Jonas denkt spontan an seinen Traum und hofft dabei insgeheim, dass es wirklich nur ein Traum ist, denn sonst wird der Junge nicht mehr so groß werden. Er beobachtet die Menschen wie sie nichtsahnend durch die Gegend laufen, sieht Gruppen beim Smalltalk, Pärchen Hand in Hand gehen, zwei ältere Frauen, die sich mit ihrem Gehwagen den Fußweg teilen und eine Gruppe älterer Herren, die sich beim Boccia in die Haare kriegen. Sollten diese Menschen alle aussterben? Die Vorstellung ist für ihn einfach schrecklich.
Das ist doch nur ein Traum und keine Vision, nur ein Traum.
Jonas nimmt seinen Becher Cappuccino und will gerade einen Schluck trinken, da fallen plötzlich zwei Krähen auf seinen Tisch. Er kippt erschrocken seinen Becher über den Tisch und im gleichen Moment hört er wieder ein Kind laut schreien. Es ist kein Brüllen oder Plärren, es ist mehr ein panisches, ängstliches Schreien. Jonas springt von seinem Platz auf und starrt erschrocken auf die toten Vögel. Er sieht das Kind und bemerkt dabei, dass ein Fußgänger mit seinem Hund sehr dicht an dem Kind vorbei geht und es deshalb panische Angst hat. „Die Menschheit wird schon nicht ausgerottet, es ist nur ein Kind, das Angst vor einem Hund hat“, murmelt Jonas vor sich her. Aber die beiden Vögel, die findet er schon etwas merkwürdig.
Zuhause angekommen springt er erst einmal unter die Dusche. Mittlerweile ist es schon nach zwanzig Uhr und nach diesem merkwürdigen Tag setzt sich Jonas vor seinen Computer und stöbert im Internet nach Psychologen in und um München. „Soll er ernsthaft so einen Arzt aufsuchen?“, fragt er sich ein ums andere Mal. Nach weiteren zwei Tassen Kaffee und einer bestellten Salami Pizza, geht Jonas kurz nach zwölf Uhr ins Bett. Er möchte eigentlich gar nicht schlafen, da er keine Lust auf diesen Traum hat.
30. August
Am nächsten Morgen wacht Jonas um 6 Uhr, vor dem Wecker klingeln, auf. Er reibt sich durch sein Gesicht und fährt mit seinen Händen durch die braunen Haare. Er kann sich nicht erinnern etwas geträumt zu haben. Ist er verschwunden? Ist der Traum weg? Kaffee! Jonas braucht erst mal einen Kaffee. Er schlendert in seine Küche und schaltet seine Kaffeemaschine an, guckt aus dem Fenster und findet es verdammt leer auf den Straßen. Kaum Autos, so gut wie keine Menschen auf der Straße. Erschrocken schaltet er sein Radio an, daraus ertönen gerade die Nachrichten. „Es ist halb sieben und unsere Wetterexperten sagen einen schönen, bis zu 24 Grad warmen, Samstag voraus“, hallt es aus dem Radio.
„Samstag, heute ist ja Samstag, kein Wunder, dass auf den Straßen nix los ist“. Erleichtert sackt Jonas in seinen schwarzen Designer Küchenstuhl und trinkt einen Kaffee. „Samstag, halb sieben und ich sitze in der Küche, jeder normale Mensch würde noch schlafen“, denkt er sich. Jonas nimmt sich seinen Kaffee und geht an den Computer. Er setzt sich auf sein rechtes Bein, während er den linken Fuß auf den Stuhlrädern bequem ablegt. Rauchen oder nicht rauchen? Vierzehn Tage hat er es schon durchgehalten, aber immer wieder lockt die Versuchung, denn es ist verdammt schwer mit dem Rauchen aufzuhören. Aber er hat einen starken Willen und wenn Jonas etwas will, schafft er es auch. Wenn er ein Ziel hat, erreicht er es auch, da ist er sehr hartnäckig.
Er sucht nach Traumdeutungen, Ärzten, toten Vögeln und Krankheiten. Viren, er träumt immer von einem Virus oder einer Seuche.
Dieser Name Annemarie, diese zweite Person, die macht ihm am meisten zu schaffen. Da findet er plötzlich im Internet eine Seite mit Traumdeutungen und der Kategorie Traumpartner. Konzentriert liest er sich den Artikel durch und muss feststellen, dass es eine Handvoll Menschen gibt, die ihre Träume zu zweit träumen. „Zu zweit träumen?“ , fragt sich Jonas. Er liest weiter und nimmt erschrocken zur Kenntnis, dass es irgendwo auf diesem Planeten jemanden gibt, der seine Traumlücken träumt. Dieser Person fehlen allerding die Stellen im Traum, die Jonas träumt. Wie um Himmelswillen, soll er diese Person finden? Annemarie? Ist das der Name seines Traumpartners?
Jetzt starrt Jonas auf seinen Bildschirm und weiß nicht was er machen soll, denn das ist wie die Nadel im Heuhaufen suchen, eine Person finden, die er nicht kennt, irgendwo auf dieser Welt, schier unmöglich. „Ob es ein Register gibt? Ein Forum? Wenn es nur wenige Menschen dieser Art gibt, müssen die doch irgendwo verzeichnet sein. Woher weiß man, dass es einen Traumpartner gibt, wenn diese nicht irgendwo verzeichnet sind?“, fragt er sich. Er sieht sich die Seite an und bemerkt, dass der Herausgeber eine unbekannte Quelle ist. „Super“, denkt er sich, „wie sollte es auch anders sein.“ Samstag, sein Traum macht ihn immer verrückter, er hat einen kleinen Hinweis und es ist Samstag. Kein Mensch, der ihm helfen könnte, arbeitet heute.
Jonas gibt alle möglichen Stichworte in seinen PC ein, die ihm dazu einfallen, doch irgendwie hat er das Gefühl, dass es absolut keinen Sinn macht. Eine Person, die seine Traumlücken ausfüllt, irgendwo auf der Welt, auf diesem Planeten, eine einzige Person, die ihm helfen kann, sein Traumpartner. „Warum ich?“, grummelt Jonas, „warum ausgerechnet ich? Das schaffe ich nicht. Wen in Gottes Namen kann ich um Hilfe fragen? Gottes Namen? Die Kirche? Hat es etwas mit der Bibel zutun?“ Jonas hat die Bibel gelesen und besitzt auch eine. In dem Moment, als er von seinem Stuhl aufstehen will, um diese aus dem Bücherschrank zu holen, da knallt es an seinem Balkonfenster. Jonas dreht sich blitzartig um, schaut zum Fenster und sieht….Nichts. Er steht auf, greift zu seinem mintgrünen, fast leeren Kaffeebecher, nimmt einen Schluck und guckt mit verzerrtem Gesicht in seinen Becher. “Kalt, der ist ja schon kalt.“ Er sieht sich den Becher an, dreht ihn, und sagt leise zu sich: „Den hat mir Mareike geschenkt, aber wenn ich mir den jetzt genauer betrachte, ist er eigentlich total hässlich. Hm, völlig unwichtig jetzt.“ Jonas geht in die Küche und so langsam wird es etwas lauter auf den Straßen. Die ersten Menschen fahren zur Arbeit, einige Kinder spielen auf dem Spielplatz hinter dem Haus und die Straßenbahn fährt auch schon. Jonas nimmt seine Kaffeekanne, hält sie über den Becher, sieht ihn an und kippt grinsend das hässliche Ding voll. Beim Füllen des Bechers ertönt ein ohrenbetäubender Knall durchs Treppenhaus, so dass Jonas vor lauter Schreck den Kaffee über seine Hand kippt und den mintgrünen Becher fallen lässt. Dieser zerschellt auf seinen Fliesen in tausend Teile und der Kaffee verteilt sich rasend schnell über den Küchenboden. Die grauen Fugen füllen sich langsam aber sicher mit Flüssigkeit und breiten sich zu schwarzen Pfützen aus. Er stellt die Kanne auf die Arbeitsplatte und rennt zu seiner Tür. Jonas reißt die Tür auf und vor ihm liegt Frau Schmidt. „Herr Matthies!“, sagt sie mit leiser Stimme, „ich bin an der letzten Stufe abgerutscht, konnte mich aber gerade noch an der Strebe vom Geländer festhalten.“ Jonas beugt sich zu Frau Schmidt herunter und hilft ihr erst einmal hoch. „Haben sie sich verletzt?“, fragt er sie. „Tut ihnen was weh?“ Schließlich ist sie schon stolze achtundachtzig Jahre und da sind die Knochen sehr anfällig. „Nein! Quatsch, ich lebe noch“, erwidert Frau Schmidt. „Warum liegen sie auf dem Boden, wenn sie sich noch an der Strebe halten konnten?“, fragt Jonas etwas verwundert. Die alte Dame hebt ihre rechte Hand, in der sie die Strebe hält. „Weil dieses uralte Geländer marode ist und ich diesem Nichtsnutz von Hausmeister schon so oft gesagt habe, dass er sich darum kümmern möchte und er zudem bei der Hausverwaltung Bescheid sagen soll, dass dieses Haus so langsam aber sicher auseinander fällt.“ Jonas muss sich das Grinsen verkneifen und verspricht, dass er sich mal darum kümmern wird. „Ja ja“, sagt Frau Schmidt, „es muss immer erst etwas passieren, bevor dann etwas unternommen wird.“ „Ich kümmere mich darum, Frau Schmidt, versprochen.“ Die alte Dame guckt zu Jonas hoch und sagt:“ Sie sind ein guter Junge, wenn ich da an meinen Enkel Max denke…wissen sie Herr Matthies, damals, als mein Sohn….“ Er unterbricht sie schnell mit den Worten:“ Frau Schmidt, sie haben sich ja doch verletzt, an ihrer Jacke ist Blut.“ Frau Schmidt nimmt ihren rechten Arm nach oben und sagt:“ Nein, nein, das ist nicht von mir, unten am Eingang lag ein toter Vogel, den habe ich in die Hecke geworfen und mich dabei eingesaut.“ „Ein Vogel?“, fragt Jonas. ,,Ja, eine Krähe, die ist wohl gegen die Scheibe geflogen.‘‘ Jonas zieht seine rechte Augenbraue hoch und erklärt ihr, dass er doch wieder rein muss, weil er Essen auf dem Herd stehen hat.
„Würden sie mir noch meine Tasche geben“, fragt die Nachbarin mit leiser Stimme, „die habe ich vor Schreck eine Etage tiefer geworfen“ und blickt mit gesenktem Kopf nach unten. ,,Aber natürlich hole ich ihnen die Tasche‘‘, erwidert Jonas. Er geht mit seinen nackten Füßen die sieben Stufen nach unten und holt die Tasche. Auf Zehenspitzen hüpft er wieder nach oben und drückt ihr die graue Tasche in die Hand. „Danke, das ist sehr nett. Nun aber schnell rein mit Ihnen, sie haben ja nichts an den Füßen und Ihr Essen wartet ja auch auf Sie‘‘, sagt sie mit erhobener Stimme.
Jonas wünscht Frau Schmidt noch ein schönes, ruhiges Wochenende und geht zurück in seine Wohnung. Er schließt leise die Tür hinter sich und guckt nochmal durch den Spion, ob seine Nachbarin auch die letzten Stufen nach oben schafft. Beim Gucken raunt er leise zu sich: ,,Tote Krähen, merkwürdig.‘‘ Er geht wieder in seine Küche und befreit den Boden erst einmal von den Scherben und wischt den Kaffee von seinen Fliesen. Jonas sieht zu seiner Kanne und bemerkt, dass er sie gar nicht auf die Maschine gestellt hat und der Rest nun auch kalt geworden ist. „Ok“, murmelt er, „dann koche ich jetzt einen neuen und trinke ihn aus einer neuen Tasse.“
Mit seinem frischen Kaffee geht er zurück an seinen Rechner, stellt den Becher ab und dreht sich zu seinem Balkon. „Da war ja noch was“, denkt er sich. Langsam geht er auf den Balkon zu und sieht durch die geschlossene Tür. Er traut fast seinen Augen nicht, da liegen vier tote Krähen vor seinem Fenster, vier Stück! Vorsichtig öffnet er die Balkontür und schiebt somit drei der Tiere zur Seite. Einer der Vögel zerfällt regelrecht. Jonas geht raus und kniet sich vor die toten Tiere. „Komisch“, denkt er sich, „warum Krähen? Warum keine anderen Vögel, warum nur Krähen?“ Er geht in die Küche, holt eine Tüte und zieht sich gelbe Einweghandschuhe an. „Jetzt muss ich diese Viecher auch noch nach unten tragen“, murmelt er vor sich hin. Jonas tütet die toten Vögel ein und lässt die Tüte erst einmal auf dem Balkon stehen, denn sonst stinkt womöglich der ganze Flur nach den toten Biestern.
Er geht zurück an seinen PC und erkundigt sich im Internet über Krähen. Nach kurzer Zeit liest er, dass die Krähe ein Aasfresser ist und da kommt ihm der Gedanke, dass das eventuell etwas mit seinem Traum zu tun haben könnte. Kann es sein, dass eine oder mehrere Krähen eine Leiche gefunden und an dieser geknabbert haben? War die Leiche mit einem Virus infiziert? Jonas schüttelt seinen Kopf und nimmt einen großen Schluck Kaffee aus seinem frischen blauen Becher. Er fragt sich, wie weit diese Tiere fliegen und war die Leiche hier in München? Hat sich ein Vogel an einem anderen angesteckt, der womöglich ganz woanders herkam? Wie lange geht das wohl schon? Wer achtet schon auf tote Vögel?
Mittlerweile ist es schon 13 Uhr und Jonas hat das Gefühl, nicht weiter zu kommen. Er sitzt nachdenklich vor seinem Monitor und überlegt, wem er wohl von seinem Traum und den Vögeln erzählen könnte. Bei seinen Eltern braucht er damit nicht ankommen und seine Schwester würde ihn auch für verrückt erklären. Sein bester Freund, Andreas, ist gerade mit seiner Freundin am Strand von Kalifornien, den kann er auch nicht fragen. Jonas‘ Eltern wohnen in Nürnberg, während seine ältere Schwester vor einigen Jahren mit ihrem Mann Phillip nach Italien gegangen ist. Steffi ist sechsundvierzig Jahre alt und somit könnte man Jonas als einen Nachzügler bezeichnen. Die beiden haben sich ein kleines Häuschen in Messina, Süditalien, gekauft. Phillip hat dort ein Restaurant eröffnet, denn das war immer sein Traum, in Italien ein Deutsches Restaurant zu eröffnen. Das hat er auch gemacht, vor elf Jahren mit Steffi. Jonas‘ Eltern genießen das Rentnerleben und wohnen am Stadtrand von Nürnberg in einer kleinen Wohnung. Die beiden reisen sehr viel und sind ständig unterwegs, da wäre ein Haus viel zu groß für die beiden.
Eine Woche Arbeit hat Jonas noch vor sich, dann hat er drei Wochen Urlaub. „Wird auch Zeit“, denkt er sich. Er geht in seine Küche, öffnet den Kühlschrank, begutachtet ihn von oben bis unten, schlägt die Tür wieder zu, geht ins Bad, und leitet die morgendliche Waschprozedur ein. Nach einer dreiviertel Stunde kommt Jonas aus dem Bad, geht auf den Balkon und holt die Tüte mit den toten Krähen. Er schnappt sich sein Handy und den Haustürschlüssel und verlässt das Haus. Links neben dem Eingang stehen zwei Müllcontainer und eine braune Tonne. Jonas überlegt, ob er die Tiere in den Müll oder in die braune Tonne schmeißen soll, aber da er die Tüte so gut verzurrt hat, schmeißt er sie in den Mülleimer. Locker und lässig in Jeans und T-Shirt geht er auf die andere Straßenseite und steuert direkt auf „Mayers Imbiss“ zu. Dann gibt es eben heute mal fettiges Fastfood, Currywurst und Pommes. Er bestellt bei der hübschen Ines sein Menü. Des Öfteren isst Jonas hier, weil es direkt auf dem Weg liegt und jedes Mal fragt er sich, warum Ines hier arbeitet. Sie ist zwischen 25 und 30 Jahre alt, hat lange dunkle Haare, eine klasse Figur und ein wirklich hübsches Gesicht. Er wollte sie schon so oft fragen, aber ihm fehlen immer die Worte und er weiß dann nicht, wie er anfangen soll. „So Jonas, deine Currywurst ist fertig“, sagt Ines lächelnd. „Danke Ines, ist das nicht ein schöner Tag heute?“, fragt er sie mit lässiger Stimme. „Ja, und ich freue mich schon auf den Feierabend. Um 18 Uhr habe ich Feierabend und Wochenende“, erzählt Ines. „Oh, und wer steht hier morgen?“, fragt Jonas verdutzt. „Meine Eltern machen ab morgen weiter, ich brauche auch mal frei. Dann nur noch nächste Woche und danach mache ich drei Wochen Urlaub“, sagt Ines mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „Schön“, entgegnet Jonas, „ich auch, nächste Woche noch und dann habe ich auch drei Wochen zum Entspannen.“ „Fährst du weg?“, fragt sie ihn. „Ich weiß es jetzt noch nicht, aber wenn, dann ganz spontan. Ich glaube aber eher nicht.“ „Machst du dich auf die Reise?“ „Nein und wenn, dann auch spontan, aber geplant habe ich nichts.“ „Na, dann wird sich dein Freund ja freuen, wenn er dich mal drei Wochen für sich alleine hat.“ Etwas verschämt fährt er mit der Hand durch seine Haare. „Wie kommst du darauf, dass ich einen Freund habe? Oder war das eine Fangfrage?“ Er hält die Hand vor den Mund, schluckt hektisch sein letztes Stück Wurst und erwidert:“ Dachte ich, so eine hübsche, junge Frau hat doch bestimmt einen Freund. Und nein, es war keine Fangfrage.“
„Und wie sieht es bei dir aus? Hast du, also bist du…sorry, das war wohl jetzt sehr direkt“, gibt Ines zu. „Wir sind beide Single und haben beide in acht Tagen drei Wochen Urlaub“, betont Jonas, während er den Plastikteller und das Besteck in den blauen Müllbeutel vor dem Imbiss wirft. Er wischt sich mit der Serviette den Mund ab und schwärmt:“ Das hast du gut gekocht Ines, es war wie immer lecker.“ „Das freut mich sehr, das sagt hier kaum einer. Sie kommen alle hier an, schlingen das Essen runter und verschwinden wieder“, erwidert sie und kommt mit einem gelben Lappen aus dem Imbiss. Sie geht direkt auf den Tisch von Jonas zu, um diesen abzuwischen. Das erste Mal, dass Jonas Ines in ganzer Größe sieht. Er kennt sie ja nur hinter dem Tresen stehend. Lange, schlanke Beine in einer engen Jeanshose kommen auf ihn zu. „Ines, du hast ja Beine! So kenne ich dich ja gar nicht“, sagt er und lächelt sie an. Nachdem Ines den Tisch abgewischt hat, wirft sie den Lappen Richtung Tresen und lehnt sich mit beiden Ellenbogen auf den Tisch. Ihre Hände reibt sie durch ihr Gesicht, legt sie unter ihrem Kinn ab und lächelt Jonas an. Jetzt hat Jonas ein Problem, denn er weiß gerade nicht, wie er sich verhalten soll. Er beginnt den Satz mit:“ Sag mal Ines…“ „Ja, ja Jonas, was denn?“, unterbricht sie ihn aufgeregt. „Was hältst… hättest du Lust… also würdest du heute Abend mit mir was essen gehen? Ich kenne da einen klasse Imbiss… nein“, grinst er. „Kein Imbiss. Darf ich dich zum Essen einladen?“, fragt er ganz vorsichtig. „Oh ja, sehr gerne würde ich mit dir essen gehen“, freut sich Ines und streicht mit der rechten Hand über ihren rechten Oberschenkel. „Wann denn? Wo denn?“ Jonas lacht. “ Um 19:30 wäre doch eine schöne Zeit zum Essen, oder?“, schlägt er vor. Ines bejaht die Zeit mit einem Nicken und grinst über beide Ohren. „Holst du mich ab oder treffen wir uns? Ich wohne im Straßfeldweg 1“, erklärt sie ganz aufgeregt. „Das ist ja nicht wirklich weit weg von hier. Aber sicher hole ich dich ab, also um 19:30 Uhr bei dir. Ich freue mich und finde es schön, dass du meine Einladung angenommen hast“, sagt er leise. „Duuu? Jonas?“, fragt Ines etwas verlegen. „Ja“, antwortet er schnell. „Darf ich mal etwas fragen?“ „Natürlich darfst du fragen, aber ich glaube, ich weiß schon was du fragen möchtest…keine Angst, ich beiße nicht“, und legt seine Hände auf den Tisch. Ines grinst und antwortet:“ Nein, das glaube ich dir, ich wollte eigentlich fragen, wie alt du bist?“ “Ich bin fünfunddreißig und wenn du es ganz genau wissen möchtest…Ich bin am 15.05.1985 hier in München geboren.“ „Am 15.05. hast du Geburtstag?“, fragt sie mit großen Augen. „Ja, ist das jetzt ein Problem für dich? Bin ich dir jetzt zu alt?“ „Nein nein… Ich bin neunundzwanzig Jahre alt.“ „Schönes Alter. Aber was war jetzt so schlimm?“ Ines erklärt ihm kurz, dass ihr Geburtsjahr 1991 ist. “Das ist richtig, wenn du neunundzwanzig Jahre bist.“ „Lustig, ich wurde auch am 15.05. geboren!“ „Das ist ja ein Zufall, am gleichen Tag Geburtstag, das gibt es auch selten.“ „So Ines, ich werde jetzt mal verschwinden und in meine Wohnung gehen. Ich muss noch einiges erledigen. Wir sehen uns dann um halb acht bei dir.“
Während Jonas sich auf den Weg macht, ruft Ines winkend hinterher:“ Ich freu mich auf heute Abend, bis später.“ Lächelnd dreht sich Ines um und geht in den Imbisswagen zurück. Man sieht ihr die Freude richtig an. Jonas geht auch mit einem Lächeln nach Hause. Beim Aufschließen der Haustür sieht er ein Portemonnaie im Gebüsch liegen. Er nimmt es hoch, öffnet es und nimmt einen Ausweis heraus. „Frau Schmidt, er gehört Frau Schmidt“, murmelt er. Die alte Dame ist wirklich schon etwas schusselig. Jonas nimmt das Portemonnaie und geht nach oben zu Frau Schmidt. Er klopf dreimal an die Tür und ruft:“ Frau Schmidt, sind sie da?“ Jonas hört, wie die Frau schweren Fußes über ihren Holzfußboden schleicht. ,,Wer ist da?‘‘, hört er sie fragen. ,,Ich bin es, Jonas.“ ,,Wer?‘‘ ,,Ich, Frau Schmidt, Herr Matthies, ich wohne eine Etage unter Ihnen.‘‘ Langsam öffnet sich die Tür. Die alte Dame guckt vorsichtig durch den Türspalt, sie hat die Kette noch an der Tür. „Ach, sie sind es! Wie kann ich ihnen helfen?“ Jonas guckt sie entsetzt mit großen Augen an. ,,Frau Schmidt, geht es ihnen gut? Sie sehen so blass aus.“ ,,Mir ist etwas schwindelig, das kommt wohl vom Sturz vorhin, ich hatte mich ein wenig hingelegt‘‘, sagt sie etwas kränklich. ,, Soll ich sie zu einem Arzt fahren, ins Krankenhaus?“ „Nein, nein‘‘, erwidert die Dame. “Ich lege mich gleich wieder hin. Was wollen sie denn nun von mir, Herr Matthies?“, fragt sie jetzt etwas vorwurfsvoll. ,,Ach ja, ich habe ihr Portemonnaie vor dem Haus gefunden.‘‘ ,,Oh, das ist aber nett von Ihnen, manchmal bin ich aber auch etwas leichtsinnig.“ Sie reißt ihm das Ding aus der Hand, sagt kurz und knapp Danke und knallt die Tür wieder zu. Jonas steht etwas verdutzt vor der geschlossenen Tür und murmelt ganz leise ,,gern geschehen.“ Die Treppen wieder runter ist er an seiner Wohnung angekommen. So ein bisschen hat er seinen Traum in den letzten Stunden verdrängt. Er schließt seine Wohnungstür auf, geht hinein und beim Schließen der Tür zieht er seine Schuhe mit einer eleganten Drehung aus. Er schiebt die Tür zu und sagt zu sich:,, Ich hoffe, der Schmidt geht es gut, hätte ich sie vielleicht doch zum Arzt fahren sollen?‘‘ Er geht in sein Bad und macht sich erst mal eine Runde frisch, schließlich möchte er ja später bei Ines einen guten Eindruck hinterlassen. In einer Stunde hat Ines Feierabend, also hat Jonas noch etwas Zeit und schlendert gemütlich auf sein Sofa. Es dauert nicht lange und er schläft ein. Vorsichtshalber hat er sich seinen Wecker auf halb sieben gestellt.
Der Wecker brummt um halb sieben und Jonas schießt, wie von der Tarantel gestochen, nach oben. Er sitzt kerzengerade auf dem Sofa und reibt sich seine Hände durchs Gesicht. Er hat geträumt, dass er mit Ines in einem schönen Restaurant, bei Kerzenschein und Rotwein sitzt und der Kellner das Essen serviert. Ines öffnet den Deckel von ihrem Essen zeitgleich mit Jonas zusammen und jeder hat zwei verweste Krähen auf dem Teller. Da ist Jonas vor Schreck aufgewacht.
Er blickt wiederholt auf die Uhr, es ist kurz nach halb sieben. Er geht nochmal ins Bad, zieht sich um und macht sich langsam fertig. Da Ines ja um die Ecke wohnt, reicht es, wenn er um viertel nach sieben losfährt. Um kurz nach sieben verlässt Jonas seine Wohnung und hört, eine Etage über ihm, bei Frau Schmidt laute Geräusche. Er geht ans Geländer und schaut nach oben, geht dann aber doch hoch, um nachzusehen, ob es der alten Dame gut geht. Oben angekommen, sieht er eine ihm unbekannte Frau. Es könnte vielleicht die Tochter sein. Zudem tauchen zwei Ärzte auf. ,,Um Himmels willen, was ist denn passiert?‘‘, fragt Jonas ganz aufgeregt. Die Frau dreht sich um und wischt sich mit zittrigen Händen ihre Tränen aus den Augen. ,, Meiner Mutter ging es nicht gut, ich bin ihre Tochter, Karen Schuster. Sie hat mich angerufen und wollte, dass ich vorbei komme und als ich die Tür aufgeschlossen habe, lag sie auf ihrem Sofa. Ich dachte, dass sie eingeschlafen ist‘‘, erzählt sie. Plötzlich hört sie auf zu reden, nimmt sich ein Taschentuch und fängt an zu weinen. ,,Ich habe sie schlafend auf dem Sofa gefunden und sie wird auch nicht mehr aufwachen, sie ist für immer eingeschlafen.“ Wieder nehmen die Tränen Überhand. Frau Schuster weint bitterlich und sackt langsam zu Boden. Ein anwesender Arzt greift der Frau unter die Arme, bringt sie in die Küche und gibt ihr ein Glas Wasser. Er signalisiert mir per Handzeichen, dass er alles im Griff hat und ich doch bitte gehen möchte. Nicht gerade mit guter Laune gehe ich die Treppe runter und komme an dem Stück Geländer vorbei, an dem die Sprosse fehlt. „Jetzt brauche ich ja auch nicht mehr anrufen“, denkt sich Jonas.
Unten angekommen sieht er schon, wie ein Leichenwagen vor der Tür hält. „Wie schrecklich, ich habe mich doch gerade noch mit Frau Schmidt unterhalten und jetzt ist sie nicht mehr da, so schnell, einfach so. Möge sie in Frieden ruhen.“
Auf dem Weg zu seinem Auto überlegt Jonas, ob er Ines mit seinem Traum belästigen oder es lieber für sich behalten soll. „Ich weiß gar nicht, wie sie reagieren würde, ob sie mich für einen Spinner oder gar einen Trottel halten könnte?“, sinniert er vor sich hin. Aber es besteht auch eine reelle Chance, dass er von ihr ernst genommen werden könnte.
Jonas steigt in sein Auto und fährt los. Als er in den Straßfeldweg einbiegt, sieht er schon Ines am Straßenrand stehen. Ihre Haare hat sie offen, sie trägt ein weißes bauchfreies Oberteil und eine schwarze Jeanshose. Dazu hat sie schwarze High Heels an. Ihre kleine Tasche hängt über der linken Schulter. Jonas steigt aus, sagt ein nettes ,,Schönen guten Abend junge Frau‘‘ und macht dabei die Beifahrertür auf. ,,Guten Abend junger Mann. Sie sehen ja sehr gut aus in ihrer Jeans und dem weißen Hemd.‘‘ Sie steigt ein und die beiden fahren in die Situlistraße, da kennt Jonas ein schönes griechisches Restaurant, das Ilios. Er fährt auf den Parkplatz und stellt sich mit seinem Auto so dicht wie möglich an die Eingangstür. Ines fragt mit einem Grinsen: „Aber wir gehen doch rein und essen gemütlich, oder? Wolltest du etwa ganz rein fahren?“ Jonas lacht sie an. ,, Es ist doch ein schöner Parkplatz, je dichter desto besser.‘‘ Als die beiden das
