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Seit einigen Nächten träumt Lisa immer wieder von einer fremden Welt, in der sie dem Burgherrn Armand begegnet, der sie durch das alte Frankreich führt. Doch als Armand eines Tages in Lisas Welt auftaucht, ist sie sich nicht mehr sicher, dass es wirklich nur "normale" Träume sind. Als plötzlich dann auch noch Armands Leben bedroht ist, stellt der alte Dankward Lisa vor eine Entscheidung. Kann sie Armand und sein Volk retten?
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Seitenzahl: 247
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Dieses Buch lag lange eingestaubt und nicht komplett fertig gestellt in der digitalen Schublade. Mut und Zuspruch fehlten um daraus eine Geschichte für andere zu machen. Erst als ein Freund mich darin bestärkte, die Staubkörner wegzupusten und meine Phantasie beflügelte, setzte ich mich wieder daran und vollendete es.
Danke, Eli, für Deine Zuversicht, Deinen Zuspruch und die Geduld es gefühlt ein tausend Mal zu lesen!
Ein Dank geht auch an meine Kinder, die mir immer wieder mit ihrer eigenen Phantasie zeigen, wie wichtig es ist, seine Träume leben zu lassen und sie nicht aufzugeben.
Im Frühjahr 2021
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„Solange ich an Eurer Seite bin, werde ich stets voller Zuversicht sein.“ Er sah mir tief in die Augen und strich behutsam mit seinem Daumen meine Wange entlang. „Und ich werde alles darum geben, dass Ihr diese Zuversicht nicht verlieren werdet“, lächelte er. Doch nur einen Moment später wurde sein Blick wieder ernst. Wir standen auf dem Innenhof von Armands Burg. Die Dämmerung setzte ein und vom Palais strahlte das warme Licht der Fackeln nach draußen. Auch hier auf dem Hof tanzte das Feuer der Fackeln mit der leichten Brise, die von Nordost wehte.
„Ich muss jetzt gehen. Es wird spät und wir müssen am Fluss sein, bevor die Nacht hereingebrochen ist. Ich werde mich eilen um möglichst schnell wieder bei Euch zu sein.“ Armand seuftze.
Ich schluckte „Ich will nicht, dass Ihr fortgeht“, sagte ich und senkte den Blick.
„Und auch ich will es nicht, doch die Pflicht ruft. Wartet hier auf mich, versprecht Ihr es?“
Ich nickte. Sanft legte er seine Stirn an meine und seufzte erneut. Seine grau-blauen Augen hielten meine für einen Moment fest.
Dann riss er sich abrupt los.
„Auf bald!“, lächelte er mir aufmunternd zu.
„Auf bald“, erwiderte ich und griff noch einmal nach seiner Hand. Er drückte meine Hand kurz und fest und eilte hinaus. Ich lief zur Mauer und sah zu, wie er sich auf sein dunkelbraunes Pferd schwang und mit seinen Männern davonritt. Noch lange stand ich dort und blickte ihm nach, bis der Staub, den ihre Pferde aufgewirbelt hatten, sich schon lange wieder gelegt hatte...
Ich erwachte durch ein helles, gleichmäßiges Piepen. Langsam öffnete ich die Augen und versuchte mir darüber klar zu werden, wo ich eigentlich war. Ich lag in meinem weichen Bett und die Sonne schien durch die Spalten der Rollos an meinem Schlafzimmerfenster. Ich gähnte und stellte meinen Wecker aus. Ich hatte schon wieder einen dieser merkwürdigen Träume gehabt, die mir so real vorkamen. Seufzend streckte ich mich und stand langsam auf. Es nützte nichts. Es war erst Donnerstagmorgen und ich musste mich aus dem Bett kämpfen. Gott sei Dank war bald Wochenende und ich konnte den ganzen Tag meinen Träumen nachhängen.
Ich war gerade aus der Dusche heraus und stand in der kleinen gemütlichen Küche meiner schönen Maisonettenwohnung. Ich brühte meinen Kaffee immer frisch auf und nutzte dafür einen altmodischen Porzellanfilter. Im Radio kam gerade der Wetterbericht. Der Sommer war endlich da und alle freuten sich auf das heiße Wochenende. Ich überlegte, ob ich vielleicht meine Eltern besuchen sollte. Ich war schon seit ein paar Wochen nicht mehr dort gewesen und sicherlich würde mein Papa es sich am Wochenende nicht nehmen lassen, den Grill anzuwerfen und ein leckeres Steak zu grillen. Außerdem hatten meine Eltern sich den Luxus eines Pools im Garten gegönnt, nachdem mein Bruder Mike und ich ausgezogen waren. Ich nahm den ersten Schluck meines Kaffees, als das Telefon klingelte. Meine beste Freundin Sarah war am Telefon.
„Guten Morgen, meine Süße!“, gurrte sie in den Hörer.
„Ausgeschlafen, voller Tatendrang dem neuen Tag zu begegnen?“
Sarah lachte froh gelaunt.
„Guten Morgen“, entgegntete ich. „Was gibt es? Warum rufst du mich schon so früh an?“
„Oh oh, du hast aber gute Laune!“, meinte sie ironisch. „Hast du schon mal aus dem Fenster geschaut? Die Sonne scheint, die Vögel lachen, es ist ein wunderbarer Sommertag! Warum bist du denn nur so grummelig?“
„Ich bin nicht grummelig, Sarah. Ich bin müde und muss gleich zur Arbeit. Also, was ist los, dass du mich schon so früh anrufst?“, fragte ich und nippte noch mal an meinem Kaffee. Ah, das tat gut!
„Also gut, warum ich anrufe“, fuhr sie fort, „ich wollte dich nur daran erinnern, dass heute Abend Salsa-Abend im Havanna ist, und dass du dich heute nicht davor drücken kannst. Du gehst mit mir dorthin und basta!“
Mist, der Salsa-Abend. Den hatte ich total vergessen. Und ich hatte überhaupt keine Lust dorthin zu gehen.
„Ehm, also, weißt du, Sarah...“, fing ich deswegen an rumzudrucksen und mir fieberhaft eine Ausrede zu überlegen.
„Keine Chance“, lachte sie da, „du hast heute Abend nichts vor, das weiß ich genau. Ich hole dich um sieben ab. Zieh dir was Nettes an, und keine Widerworte“, entgegnete sie energisch, bevor ich zu neuen Protesten ansetzen konnte.
Das war der Nachteil einer besten Freundin seit Kindheitstagen.
Sie kannte mich einfach zu gut und wusste genau, wie ich reagieren würde. Ich gab also auf und stimmte zu, denn sie würde sowieso nicht locker lassen.
„Schon gut, schon gut“, brummelte ich. „Ich gehe heute Abend mit dir aus, wenn du dann aufhörst mich zu drängen auf irgendwelche Partys oder in Discos zu gehen“.
„Abgemacht“, antwortete meine beste Freundin zufrieden, „bis später.“
Der Tag im Büro zog sich so dahin. Ich arbeitete in einer Marketingagentur, die Spielzeug für Kinder vermarktete. Das klingt spannender, als es in Wahrheit ist, denn im Prinzip ist die Arbeit immer die gleiche. Nur die Produkte variieren. Und das noch nicht einmal sehr stark. Doch im Großen und Ganzen war mein Job in Ordnung. Ich hatte viele Freiheiten und konnte tun und lassen, was ich wollte. Und die Bezahlung stimmte auch. Also gab es eigentlich keinen Grund zur Klage. Als ich dann endlich gegen sechs nach hause kam, sprang ich noch schnell unter die Dusche. Es war den ganzen Tag so heiß gewesen, dass mich der kurze Weg vom Büro nach Hause mit dem Fahrrad in Schweiß getränkt hatte. Denn auch wenn ich keine Lust auf den Salsa-Abend hatte, wollte ich Sarah nicht enttäuschen. Ich überlegte fieberhaft, was ich heute Abend anziehen sollte. Salsa... ich konnte gar kein Salsa tanzen. Ging das auch in Sneakers? Ein Kleid wollte ich nicht anziehen, darauf hatte ich keine Lust. Also entschied ich mich für bequeme dunkle Jeans und ein hellblaues Top. Sarah war total verrückt nach diesen Salsa-Abenden. Sie ging jeden Donnerstag ins Havanna. Früher waren wir oft gemeinsam ausgegangen, dann aber hauptsächlich in meine damalige Lieblingsdisco „Granit“. Oft hatten wir die Nächte dort durchgetanzt und viel Spaß gehabt. Im „Granit“ hatte ich auch Stefan kennengelernt. Stefan. Die miese Ratte, dachte ich und schnaubte, als ich mir die Haare kämmte. Wer brauchte den schon? Vielleicht war Salsa eine nette Abwechslung. Sarah berichtete mir jeden Freitag Abend bei unserem traditionellen „Läute das Wochenende mit einem Glas Rotwein ein“ von ihren Abenden. Ich war mir nicht immer sicher, dass es ihr um Salsa ging und nicht einzig und allein um die süßen Spanier, die dort ebenfalls jeden Donnerstag aufliefen. Denn sie schwärmte hauptsächlich von den tollen Männern wie dem lieben Pedro, dem smarten José oder dem süßen Frederico. Sarah ließ nichts anbrennen und die Männer ließen sie nicht stehen. Ganz im Gegenteil, seit unserer Jugend rannten sie ihr scharenweise hinterher und sie konnte immer frei wählen, wer gerade in ihrer Gunst stehen sollte. Der arme Teufel tat dann alles für sie, trug sie auf Händen durch die Welt und erfüllte ihr jeden Wunsch. Leider konnte Sarah sich nicht lange festlegen und empfand schnell Langeweile, so dass sie alle drei, vier Monate einen neuen Verehrer an ihrer Seite hatte. Das Leben sei zu kurz um sich an nur einen Mann zu binden, fand sie, und sie wolle ihre Freiheit so lange es eben ging genießen. Ich war da ganz anders und hätte gern den Mann fürs Leben an meiner Seite gehabt. Zum Altwerden und Anlehnen. Für eigene Kinder. Und bis vor drei Jahren war ich mir auch sicher gewesen, den richtigen Mann gefunden zu haben. „STOPP!“, schrie ich mich jetzt selbst an. „Du fängst nicht wieder damit an, Lisa. Es ist vorbei, und es ist gut so. Denk lieber an den schönen Traummann“ Ich kicherte. Traum-Mann. Das traf es irgendwie ziemlich genau.
Meine Gedanken schweiften ab und ich dachte an meinen Traum von letzter Nacht. Ich dachte an ihn und was ich diese Nacht wohl wieder für Abenteuer mit ihm erleben würde. Es war absurd, ich wusste es. Seit fast vierzehn Tagen erschien mir Armand in meinen Träumen. Wir ritten durch seine Welt, eine mir fremde und doch zugleich vertraute Welt, über endlos weite Steppen, durch dunkle Wälder, über satte Wiesen. Armand zeigte mir seine Heimat und war nicht überrascht, dass ich so wenig von seiner Welt wusste. Es machte ihm Freude, mich jedes Mal wieder erstaunt wie ein kleines Kind zu finden. Die Träume fühlten sich so echt an, dass ich manchmal nicht sicher war, dass ich nicht doch in Armands Welt gelangte. Ein wohliger Schauer überkam mich, als ich an seine Berührung letzte Nacht dachte. An seine kurze Liebkosung, seine Stirn an meiner. Auch das hatte sich so echt angefühlt. Konnten Träume sich echt anfühlen? Ein wenig Furcht ergriff mein Herz, als ich an den Abend dachte, und ich hoffte, dass Armand gesund wieder zurück kam und nicht im Kampf verwundet wurde. Ich hielt inne und runzelte die Stirn. War das nicht ein wenig verrückt, solche Gedanken zu haben, wenn es nur um ein paar Träume ging?
„Meine Güte, Lisa, du tust ja so, als wäre das wirklich alles echt und nicht ein Gespinst deiner Fantasie.“ Ich schüttelte verwundert den Kopf über mich selbst und begann ein wenig Make-Up aufzulegen, bevor Sarah mich abholte.
Punkt sieben klingelte es an meiner Tür. Quirlig kam Sarah herein. Sie sah wie immer toll aus: ihre langen blonden Haare hatte sie hochgesteckt und dabei einige Strähnen wild raushängen lassen. Ihre Lippen waren dezent rosa geschminkt. Sie trug eine hellblaue Bluse, einen weißen Rock und hellblaue Ballerinas. An ihren Armen baumelten bunte Armbänder, die bei jedem ihrer Schritte lustig klimperten. Sie war perfekt gekleidet und sah wunderschön aus. Sie strahlte so viel sinnliche Weiblichkeit aus, dass ich mich neben ihr immer sehr burschikos und unweiblich fühlte.
„Wie siehst du denn aus?“, fragte sie auch gleich und hob entgeistert die Augenbrauen. „Mit Sneakern kann man doch kein Salsa tanzen! Hey, wir wollen doch heute Abend ein paar süße Spanier verführen!“
„Irrtum, meine Liebe, du willst das. Ich nicht. Ich gehe nur mit, damit du endlich aufhörst mich zu nerven.“
Sie lachte. „Nun sei kein Miesepeter. Es wird dir gefallen, ehrlich. Und es sind ja auch nicht nur Spanier da, keine Sorge.“ Sie zwinkerte mir zu.
„Lass uns doch mal in deinen Kleiderschrank schauen, was da so vor sich hinstaubt.“ Schnurstracks lief sie die schmale Holztreppe zu meinem Schlafzimmer hinauf. Ich blieb unten stehen und verdrehte die Augen. Nach etwa fünf Minuten rief Sarah herunter zu mir: „Kommst du jetzt mal endlich hoch? Ich habe dir was Tolles rausgesucht.“
Ich seufzte und ging widerwillig nach oben.
„Mensch, Sarah“, sagte ich, als ich ins Schlafzimmer kam. „Es ist doch nur ein Salsa-Abend, an einem Donnerstag. Mach doch nicht so einen Wirbel darum.“
„Wirbel?“, fragte mich meine Freundin entrüstet. „Wirbel? Es ist das erste Mal seit 11 Monaten, dass du wieder mit mir ausgehst. Da werde ich wohl ein wenig W-I-R-B-E-L daraus machen dürfen.“ Sie schnaubte und hielt mir einen kurzen schwarz-weiß karierten Rock hin.
„Du siehst bestimmt heiß aus in dem Teil.“
Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich will aber gar nicht heiß aussehen“, entgegnete ich.
Sarah verdrehte die Augen. „Mensch, Lisa, jetzt sei doch kein Spielverderber. Zieh den Rock doch mir zuliebe an. Früher hast du es geliebt dich chic anzuziehen und mit mir auszugehen. Ich vermisse das.“ Sie zog einen Flunsch. Ich verdrehte innerlich die Augen. Das war schon seit Kindergartentagen ihre Masche gewesen. Vor mir zu stehen und diesen Flunsch-Mund zu ziehen. Die Augen weit aufgerissen, so dass man denken konnte, dass sie gleich anfangen würde zu weinen. Und sie wusste, dass diese Masche immer bei mir zog und ich nachgab.
Ich seufzte. Sarah konnte oder wollte nicht verstehen, dass ich zurzeit weder Lust auf eine Affäre noch auf eine Beziehung hatte. Solche Gedanken ließ sie gar nicht gelten.
„Du musst endlich wieder unter Menschen gehen, Lisa. Spaß haben. Tanzen, flirten, was trinken.“ Sie klimperte jetzt wild mit den Augenlidern. Ich stöhnte.
„Oh Mann, Sarah, ich hasse es, wenn du diese Flunsch-Mund-Nummer abziehst. Gib schon her, du Nervensäge!“, maulte ich und nahm ihr den Rock ab. Sie lächelte zufrieden.
„Braves Mädchen“, sagte sie. „Ich such dann mal die passenden Schuhe dazu. Die Sneakers gehen ja gar nicht. Aber das Top kannst du anlassen.“
„Vielen Dank, Frau Lehrerin“, knurrte ich und verschwand mit dem Rock ins Bad.
Keine zehn Minuten später saßen wir im Taxi und fuhren zum Havanna. Sarah redete ununterbrochen von dem DJ, der heute die Musik auflegte, aber ich hörte nur mit halbem Ohr zu. Als wir endlich am Havanna ankamen, war es schon relativ voll, obwohl es gerade mal kurz vor acht war. Während Sarah schon einige Freunde begrüßte, ging ich an die Bar und bestellte uns zwei eiskalte Desparados. Hier im Havanna war es ganz schön warm und jetzt war ich froh, dass ich den Rock trug und nicht die warme Jeans. Als ich zu Sarah zurückkam, befand sie sich in einem angeregten Gespräch mit zwei gut aussehenden Spaniern.
„Sieh mal hier, Lisa“, rief sie und zog mich zu sich, „das sind Marco und Carlos.“ Artig stellten sich mir die beiden vor und widmeten sich dann wieder voller Inbrunst Sarah. Ich musste grinsen und nahm einen großen Schluck von meinem Desparados. Mmmh, schön kalt und lecker. Zu heißen Sommertagen passte ein kaltes Bier doch irgendwie besser als ein „warmer“ Rotwein. Ich schielte zur Bar hinüber und überlegte, ob ich mir nicht nachher einen Cocktail bestellen sollte. Früher war ich ganz verrückt danach gewesen. Sarah stupste mich an.
„Worüber denkst du jetzt schon wieder nach?“, fragte sie leicht gereizt.
Ich grinste. „Ob ich mir nach dem Bier einen Cocktail hole.“ Ich lachte, als ich ihr verdutztes Gesicht sah.
„Was ist?“, fragte ich und stupste sie zurück.
„Wann hast du das letzte Mal einen Cocktail getrunken?! Die Idee ist toll, komm!“ Und schon zog sie mich mit sich an die Bar.
„Freddi“, winkte sie dem Barkeeper zu.
„Hey Sarah“, grinste er zurück und musterte mich neugierig.
„Was kann ich dir und deiner hübschen Freundin bringen?“
Ich wurde rot. Hübsche Freundin. Das hatte schon lange niemand mehr zu mir gesagt.
„Mixt du uns zwei von deinen Spezial-Cocktails?“, fragte Sarah und zwinkerte Freddi zu.
„Kommen sofort“, lachte er. „Hoffentlich verträgt deine Freundin meine Mischung.“ Er grinste mich wieder ganz breit an.
Sarah kicherte. „Die trinkt dich glatt unter den Tisch, Freddi!“ Und dann flüsterte sie mir ins Ohr: „Freddi steht auf dich!“
„Was?“, quietschte ich. „Du spinnst ja!“ Aber ich musste trotzdem lachen und trank dann schnell mein Bier aus. Kurz danach drückte Freddi uns zwei Cocktails in die Hand. Sie bestanden aus einer roten und blauen Flüssigkeit, die sich aufeinander gelegt hatten, aber sich nicht vermischten. Im Glas klimperten lustig die Eiswürfel und ein buntes Schirmchen steckte in zwei knallroten Erdbeeren.
„Danke! Was bekommst du denn dafür?“, fragte ich und suchte nach meinem Portemonnaie.
„Geht aufs Haus“, grinste Freddi und beugte sich näher zu mir über die Theke. „Vielleicht tanzt du ja nachher mal mit mir“, fragte er. Ich grinste. Ein kleines Hochgefühl breitete sich in mir aus. Freddi flirtete wirklich mit mir. Wie schön! „Vielleicht. Danke!“ Ich zwinkerte ihm zu und Sarah und ich stellten uns wieder zu den Spaniern. Die wollten natürlich gleich tanzen und so stand ich schließlich allein an dem kleinen Tisch und nippte an meinem wirklich leckeren Cocktail. Das kleine Hochgefühl war leider genauso schnell verschwunden, wie es gekommen war. Ich sah mich um und suchte die Menge ab, ob ich außer Sarah noch jemanden kannte. Doch alles, was ich sah, war Sarah, die mit einem der beiden drahtigen Spanier auf der Tanzfläche herumwirbelte. Der andere unterhielt sich mit einer anderen Spanierin und lachte. Ich ließ den Blick weiter durch die Menge schweifen und nahm noch einen Schluck von meinem Cocktail. Freddi hatte nicht übertrieben, der Alkohol hatte es wirklich in sich. Mir wurde etwas schwindelig davon. Und so wie immer in den letzten Tagen schweiften meine Gedanken ab, wieder zu Armand, und ich fragte mich, wie es ihm ging, wie er den Einsatz an der Westbrücke überstanden hatte. Eine leichte, unerklärbare Nervosität überkam mich. Ich sah auf die Uhr. Es war noch nicht einmal halb zehn! Für einen Moment überlegte ich, mich einfach davon zu schleichen und nach Hause zu fahren. Sarah tanzte ausgelassen und war auch ohne mich zufrieden. Ich könnte mich in mein Bett kuscheln und mich wieder zu ihm träumen. Und wir würden gemeinsam lange Gespräche führen, tanzen, in die Sterne schauen und einfach zusammen sein. Ich bemerkte nicht, dass sich ein zufriedenes Lächeln auf meine Lippen gelegt hatte. Der Alkohol und die Musik lullten mich ein und ich träumte einfach weiter. Deswegen bemerkte ich auch nicht, dass Sarah sich langsam von der Seite zu mir herangeschlichen hatte und mich beobachte. Erst als ich plötzlich ihre Stimme in mein Ohr flüstern hörte: „Ertappt! Wie heißt er?“, kam ich zurück ins Havanna. Für den Bruchteil einer Sekunde, und mehr kann es nicht gewesen sein, überlegte ich, wo ich war. Doch genau dieser Bruchteil, dieses kleine Zweifeln überzeugte Sarah davon, dass ich verliebt sein musste und nur ein Mann diesen Ausdruck auf mein Gesicht zaubern konnte.
„Also, nun rück schon raus mit der Sprache! Wie heißt er und wo ist er? Kenne ich ihn? Und wenn nein, wieso nicht? Wann stellst du mich ihm vor? Habt ihr euch schon geküsst? Wie lange geht das schon? Und wieso WEISS ich nichts davon?“
Ihre Fragen feuerte sie wie eine MP auf mich ab. Ich sah sie völlig entgeistert an und fragte nur dumm: „Wie meinen bitte?“
„Ach, nun tu nicht so, Lisa!“, maulte sie mich an. „Ich sehe doch an dem Funkeln in deinen Augen, dass du völlig in Gedanken bei einem Mann bist.“
Ich versuchte zu lachen. „Ach was! Bei welchem Mann sollte ich denn schon sein? Du weißt doch genau, dass ich mit den Männern nichts mehr am Hut haben will.“
„Ja, natürlich, das sagst du ständig“, erwiderte sie spitz, „aber ich kenne doch deinen Blick. Du stehst hier, um dich herum sind mindestens zwanzig ganz akzeptabel aussehende Männer. Freddi flirtet mit dir und du schenkst ihm nur ein knappes Lächeln. Und jetzt stehst du hier allein und träumst herum. Also, woran mag das wohl liegen, wenn nicht daran, dass du längst jemanden kennen gelernt hast, aber es mir nicht erzählt hast?“ Sarah verschränkte die Arme vor der Brust und schaute ziemlich angefressen. „Ich dachte, ich bin deine beste Freundin!“
„Wow, Sarah, mach mal halblang, okay?“, maulte ich entnervt. „Spiel nicht immer gleich die Diva. Ich verheimliche dir nichts, denn es gibt nichts, was ich dir erzählen könnte. Wo sollte ich denn bitteschön einen Mann kennen gelernt haben? Du hast doch selbst festgestellt, dass ich kaum ausgehe.“ Sie zuckte mit den Schultern und wollte etwas erwidern, doch ich kam ihr zuvor.
„Und außerdem starren alle interessanten Männer dich an und ich hätte sowieso nicht die geringste Chance, mit einem von ihnen ins Gespräch zu kommen geschweige denn zu flirten.“ Ich versuchte zu lächeln und legte versöhnlich meine Hand auf ihren Arm. Ich war mir eigentlich sicher, dass Sarah dieses Kompliment dankend annehmen würde. Was sie dann auch tat. Sie lächelte mich an.
„Och, hmmm...“, sagte sie verlegen und drehte eine ihrer langen blonden Strähnen zwischen Daumen und Zeigefinger, „das glaube ich nicht. Die können doch gar nicht alle nur mich im Blick haben.“
„Wollen wir wetten?“, fragte ich, glücklich darüber, dass ich sie hatte ablenken können.
„Nein, nein, das heben wir uns fürs nächste Mal auf.“ Sie lachte laut. Aber gleich darauf wurde sie wieder ernst.
“Aber jetzt zurück zum Thema. Wie heißt er denn nun?“
Mist, dachte ich, mein Ablenkungsmanöver hatte doch nicht so richtig funktioniert.
„Es gibt keinen Er, Sarah“, sagte ich.
„Ich glaube dir kein Wort“, knurrte sie mich jetzt an. „Ich bin deine beste Freundin und du hast neuerdings Geheimnisse vor mir?“
Ich verdrehte die Augen.
„Sarah, ernsthaft, da ist niemand. Du wärst doch die erste, der ich es erzählen würde, wenn ich jemanden kennen gelernt hätte.“
Zumindest wenn er real wäre, dachte ich.
„Ich glaube dir immer noch nicht“, brummte sie beleidigt.
„Dann lass es“, antwortete ich genervt. „Sieh mal, ich finde es öde hier. Ich werde wieder heimfahren. Tut mir leid, Salsa ist nicht so meine Welt.“
„Du willst jetzt schon gehen? Wir sind gerade mal eine Stunde hier!“, maulte sie mich an. Ich zuckte nur resigniert die Schulter.
„Dann geh doch“, fauchte sie. „Versteck dich in deiner Bude und warte darauf, dass dein doofer Stefan endlich zu dir zurückkommt. Für so bescheuert hätte ich dich ja nie gehalten!“ Sie drehte sich um, bevor ich noch etwas erwidern konnte, und stürmte zurück auf die Tanzfläche zu ihrem smarten Spanier.
Stefan, dachte ich. Wenn die wüsste, dass ich seit Wochen nicht mehr an diesen Idioten dachte. An diesen Idioten, den ich fast geheiratet hätte. Bis mir mein Chef (ja, peinlicher geht es wirklich nicht) erzählte, dass er meinen holden Stefan auf der Party seiner Freundin mit einem jungen Ding Anfang Zwanzig in verliebter Zweisamkeit getroffen hätte. Als ich Stefan daraufhin zur Rede stellte, gestand er mir, dass er schon seit einem halben Jahr eine Affäre hätte und nur nicht gewusst hätte, wie oder wann er es mir hätte sagen sollen.
„Du warst so süß bei den Hochzeitsplanungen und dem ganzen Drumherum, ich hab’s einfach nicht übers Herz gebracht, dich zu verletzen.“
„Ach nein?!“, hatte ich zynisch gefragt. „Hast wohl gedacht, wenn du es mir direkt vor dem Altar sagst, fällt es einfacher, was?“
Als er nur dumm glotzte, begriff ich, dass er auch vor dem Altar nichts gesagt hätte, sondern einfach auf meine Naivität vertraut hätte.
Ich drehte mich um, ging ins Schlafzimmer und fing an, seine Sachen zu packen.
“Was machst du denn da, mein Liebling?“, gurrte er hinter mir.
„Ich packe – deinen Koffer.“
Und mit diesen Worten packte ich alle seine Siebensachen und warf sie mitsamt ihm aus der Wohnung. Ich kündigte die Wohnung und suchte mir eine kleine, niedliche Maisonettenwohnung. Ich sagte die Hochzeit ab, kaufte mir anstatt des sündhaft teuren Hochzeitskleides zwei sündhaft teure Abendkleider, neue Schuhe, die passenden Handtaschen und ein Abo für die Staatsoper. Natürlich mit Stefans Kreditkarte. Die hatte ich ihm nicht eingepackt, als ich ihn vor die Tür gesetzt hatte. Ich hatte es einfach vergessen und er hatte sich wohl nicht getraut danach zu fragen. Nachdem ich all meine Einkäufe damit erledigt hatte, zerschnitt ich sie und schickte sie ihm per Nachnahme in sein Büro. Von ihm kam kein Kommentar. Das schlechte Gewissen war wohl zu groß.
In der Oper lernte ich wahnsinnig viele nette Menschen kennen und baute mir einen ansehnlichen intellektuellen Bekanntenkreis auf, der jedoch vorwiegend aus Paaren oder gutaussehenden Homosexuellen bestand. Was für mich kein Problem war. Nach dem Reinfall mit Stefan war ich für die nächsten Jahre immun gegen irgendwelche Männer. Naja, fast immun... bis vor ein paar Wochen diese merkwürdigen Träume anfingen.
Ich seufzte, trank meinen Cocktail leer und wollte das Havanna verlassen. Jetzt noch einmal mit Sarah zu reden hatte keinen Sinn. Das machte ich lieber morgen, wenn sie sich wieder beruhigt hatte. Ich war schon fast an der Tür, als ich meinen Blick noch einmal durch das Havanna schweifen ließ und hängen blieb. Dort hinten in der Ecke neben dem DJ-Pult stand eine hochgewachsene Gestalt, die mir eigenartig vertraut vorkam. Ich stockte und spähte konzentriert hinüber, doch der Typ stand in einer so dunklen Ecke, dass ich nur seine Konturen schemenhaft erkennen konnte. Spielte mir der Alkohol einen Streich? Ich blinzelte. Diese lässige Art, sich anzulehnen, wie er mit der rechten Hand seinen linken Arm festhielt, sein kantiges Kinn, das alles ließ mein Herz höher schlagen. Und doch – es konnte gar nicht sein. ER konnte doch gar nicht hier sein. Wie hypnotisiert stand ich einfach nur da und starrte ihn an. Jetzt schien auch er mich gesehen zu haben, denn sein Blick ging in meine Richtung und wendete sich nicht ab. Langsam stieß er sich vom Pult , an dem er gelehnt hatte, ab und kam direkt auf mich zu. Er bewegte sich behutsam und geschmeidig. Ich konnte seine angespannten Muskeln unter dem eng anliegenden Hemd sehen. Mein Herz schlug wild in meiner Brust und ich musste unwillkürlich den Atem anhalten. Die Leute um ihn herum gingen instinktiv zur Seite und machten ihm Platz.
Fast ehrfürchtig sahen sie ihn an, einige mit viel Respekt und Scheu. Andere bewundernswert, als hätten sie noch niemals zuvor so einen Menschen wie ihn gesehen. Zielstrebig bahnte er sich seinen Weg durch die Menge. Direkt auf mich zu. Ich stand einfach nur stocksteif da und starrte ihn ungläubig an. Das konnte doch gar nicht sein. War in dem Cocktail eine Droge gewesen? Also eine weitere neben des Alkohols? Oder hatte der Alkoholgehalt mich einfach nur umgehauen? Wieder blinzelte ich angestrengt, doch er war immer noch da. Und dann stand er vor mir. Ich blickte fassungslos in seine grau-blauen Augen. Sie funkelten und blitzten mich an. Ein angedeutetes Lächeln zuckte um seine Mundwinkel. Sein Vollbart war wie immer perfekt gestutzt und seine schulterlangen dunklen Haare wellten sich sanft um sein Gesicht. Nur seine Kleidung war anders. Er trug eine Jeans und ein dunkles Hemd, dessen Ärmel er hochgekrempelt hatte. Passend zu unserer Zeit, durchzuckte mich ein Gedanke. So wie ich immer passend zu seiner Zeit gekleidet war. In meinen Träumen. Das konnte doch hier gar nicht passieren!
Und doch – er war hier. Die Menschen um uns herum sahen uns neugierig an. Ich konnte aus den Augenwinkeln Sarahs Gesicht sehen. Ihr Mund war weit aufgeklappt und sie starrte ebenfalls ungläubig zu uns herüber.
Armand sagte kein Wort. Stattdessen verbeugte er sich leicht vor mir, nahm meine Hand, legte seine andere um meine Taille und fing an mit mir zu tanzen. Der DJ schien aus seiner Starre erwacht zu sein und legte plötzlich ein langsames spanisches Lied auf, das sanft von einer weichen dunklen Frauenstimme getragen wurde. Immer noch völlig fassungslos, dass er wirklich da war, hier bei mir, legte ich meinen Arm auf seine Schulter und drückte sie etwas. Sie gab nicht nach. Auch seine Hand in meiner fühlte sich real an. Er lächelte jetzt offen und ganz breit. Seine weißen Zähne blitzten im Dunkeln. Erst konnte ich nichts sagen, dann hatte ich Angst, dass ein einziges Wort dazu führen könnte, dass er sich in Luft auflöste und ich einfach hinfiel und aufwachte. Ich versuchte ein Lächeln und er legte den Kopf nach hinten und lachte laut auf.
„Du schaust mich an, als wäre ich ein Gespenst. Fühle ich mich nicht lebendig an, wie ich dich halte und mit dir tanze?“, fragte er amüsiert. Dann sah er mir wieder tief in die Augen und schmunzelte verschmitzt. Er zog mich noch enger an sich und legte seinen Kopf an meinen. Er sagte kein Wort, sondern hielt mich einfach nur fest und tanzte mit mir. Wie lange, konnte ich hinterher nicht mehr sagen. Mir drehte sich alles vor Glück. Ich spürte seinen Atem in meinem Haar und schloss die Augen. Um mich herum hätte die Welt untergehen können, ich hätte es nicht bemerkt.
Nach einer Weile hob ich meinen Kopf und lächelte ihn an. Er lächelte zurück. Keiner von uns nahm den Blick vom anderen, ich schien in seinen Augen zu versinken. Diese wunderbaren graublauen Augen... Er zog mich wieder etwas näher an sich heran, und ich ließ meinen Kopf an seine Brust fallen. Ich fühlte mich so sicher und geborgen, wie ich es nur in seiner Nähe empfand und schon lange bei keinem anderen Menschen gefühlt hatte. Sein Kopf legte sich wieder sanft auf meinen und ich hörte ihn leise summen, in einer fremden Sprache. Für mich hätte dieser Augenblick ewig währen können. Er war perfekt. Ich war glücklich und zufrieden wie lange nicht mehr. Ehrlich gesagt, wusste ich nicht, ob ich jemals überhaupt so vollkommen glücklich gewesen war in meinem Leben. Doch dann löste er sich langsam von mir und seine Augen blickten mich traurig an. Ich schluckte und wollte etwas sagen, doch er legte den Finger auf meine Lippen und schüttelte stumm den Kopf. Dann lächelte er, strich wie immer behutsam mit dem Daumen meine Wange entlang, legte seine Stirn an meine und seufzte schwer. Ich wusste, er musste gehen. Er verbeugte sich wieder vor mir, warf mir noch einen letzten sehnsüchtigen Blick zu und verließ dann schnellen Schrittes das Havanna.
Ich stand noch eine Weile wie gelähmt da und starrte hinter ihm her. Mein Mund war ganz trocken und die Menschen um mich herum starrten mich alle verwundert an. Da griff eine Hand nach meiner und zog mich weg aus der Menge, zur Theke hin. Die Hände griffen nach meinen Schultern und drückten mich auf einen Barhocker. Ich war wie gelähmt und konnte nicht denken oder reden.
„Hier, trink was“, hörte ich da plötzlich Sarahs Stimme wie aus weiter Ferne. Sie drückte mir ein Desparodos in die Hand und ich nahm einen großen Schluck.
„Besser?“, fragte sie mich und zog einen Hocker zu mir heran, auf den sie sich fallen ließ.
